Taylor Swift – Red (Taylor’s Version) – Do-CD-Review

Manchmal könnte man glatt meinen, ich hätte richtig Ahnung von New Country-Musik. Als einer der Review-Pioniere dieses Genres hatte ich schon damals dem bis dato noch ziemlich unbekannten Keith Urban bei seinem Debüt bereits eine große Zukunft vorausgesagt, gleiches gilt auch für Taylor Swift, wie ich es jetzt nach langer Zeit beim Nachlesen, ebenfalls zu ihrem Erstwerk, feststellen konnte.

Ok, dass sie in einer derartigen Weise, bis sogar hin in den Pop-Olymp, zu einem der größten Stars der heutigen Zeit, durchschießen würde, hätte ich natürlich nicht vermutet. Anders als bei Urban, habe ich, aus Mangel an Gelegenheiten, ihren Weg nur noch in den Medien verfolgt. Jetzt hat es durch die bei Universal für sie zuständige Person Simone Geldmacher (was für ein passender Name in Zusammenhang mit Swift… lol) dankenswerter Weise wieder mal geklappt und ihr neu veröffentlichtes Re-Release  von „Red“ liegt mir zur Besprechung vor.

Ob die ursprünglich aus Reading, Pennsylvania stammende Swift schon damals im Rahmen der Streitigkeiten über die Verfügungsrechte mit ihrem früheren Label Big Machine Records (die haben unter der Regie des neuen Besitzers Scooter Brown die Rechte an den Mastertapes immer noch inne) rot gesehen hat, ist nicht überliefert (danach wechselte sie jedenfalls zur Universal Republic-Sparte). Fakt ist jedenfalls, dass sie jetzt ihre Alben in eigener Version (wie schon geschehen mit „Fearless“ und jetzt mit „Red“) nochmals, neu eingespielt und, ergänzt um Stücke, die es nicht auf das Werk geschafft haben, veröffentlicht.

So gibt es jetzt satte 30 Tracks, verteilt auf zwei CDs, von der CD1 sehr ’nah‘ an das Ursprungswerk gelehnt ist und nur mit marginalen Veränderungen versehen worden ist. Noch deutlicher kommt hier auf „Red“, was meine Person betrifft, die erheblich größere Ausrichtung in Richtung massentauglichem Pop zum Vorschein, als es noch bei ihrem Debüt der Fall war.

Mir gefallen die Sachen am besten, wo die Akustikgitarre etwas dominanter zum Vorschein kommt und diese dementsprechend zurückgenommener wirken. Mein Favorit ist hier das finale melancholische „Begin Again“ mit eingeflochtener Mandoline und Steel Guitar. Für zusätzlichen Stardom sorgen Ed Sheeran bei „Everything Has Changed“ und Snow Patrol-Sänger Gary Lightbody bei „The Last Time“. 

Den eigentlichen Mehrwert gibt es aber mit dem zweiten Silberling, der die Outtakes enthält und mit „All Too Well“ eine zehn-minütige ‚Drittversion‘ bereithält. Sehr schön ist bei den nicht verwendeten Gastpräsenzen das Duett beim Indie-mäßigen „Nothing New“ mit Phoebe Bridgers. Chris Stapleton kann sich mit den untergeordneten Harmoniegesängen bei „I Bet You Think About Me“ nicht so richtig entfalten und auch das zweite mit Ed Sheeran performte Stück „Run“ wurde aus meiner Sicht richtiger Weise, zugunsten des markanteren „Everything Has Changed“ unter den Tisch fallen gelassen.

„Red“ von Taylor Swift offeriert eindrucksvoll die Entwicklung einer talentierten jungen Musikerin, die ihre Lehre im Country gemacht hat und sich mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks in Richtung angesagtem massenkompatiblen Mainstream-Pop entwickelt hat, der allerdings sehr geschmackvoll eingespielt ist und auf Effekthaschereien überwiegend verzichtet.  Zu Gute halte muss man ihr in jedem Fall auch die Kreativität, sie schreibt alle Tracks selbst und ist nicht auf fremdes Material angewiesen. Hier reiht sie sich mittlerweile mühelos in die Megastarriege von Interpretinnen wie Beyoncé, Lady Gaga, Rihanna & Co. ein, ohne deren Konkurrenz wirklich fürchten zu brauchen.

Republic / Universal (2021)
Stil: New Country Pop

Tracks:
CD1
01. State Of Grace (Taylor’s Version)
02. Red (Taylor’s Version)
03. Treacherous (Taylor’s Version)
04. I Knew You Were Trouble (Taylor’s Version)
05. All Too Well (Taylor’s Version)
06. 22 (Taylor’s Version)
07. I Almost Do (Taylor’s Version)
08. We Are Never Ever Getting Back Together (Taylor’s Version)
09. Stay Stay Stay (Taylor’s Version)
10. The Last Time (Taylor’s Version) [feat. Gary Lightbody]
11. Holy Ground (Taylor’s Version)
12. Sad Beautiful Tragic (Taylor’s Version)
13. The Lucky One (Taylor’s Version)
14. Everything Has Changed (Taylor’s Version) [feat. Ed Sheeran]
15. Starlight (Taylor’s Version)
16. Begin Again (Taylor’s Version)

CD2
17. The Moment I Knew (Taylor’s Version)
18. Come Back..Be Here (Taylor’s Version)
19. Girl At Home (Taylor’s Version)
20. State Of Grace (Acoustic Version) (Taylor’s Version)
21. Ronan (Taylor’s Version)
22. Better Man (Taylor’s Version) (From The Vault)
23. Nothing New (feat. Phoebe Bridgers) (Taylor’s Version) (From The Vault)
24. Babe (Taylor’s Version) (From The Vault)
25. Message In A Bottle (Taylor’s Version) (From The Vault)
26. I Bet You Think About Me (feat. Chris Stapleton) (Taylor’s Version) (From The Vault)
27. Forever Winter (Taylor’s Version) (From The Vault)
28. Run (feat. Ed Sheeran) (Taylor’s Version) (From The Vault)
29. The Very First Night (Taylor’s Version) (From The Vault)
30. All Too Well – Extended Version (Taylor’s Version) (From The Vault)

Taylor Swift
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Universal Music

Red Beard – It Ain’t Been Easy – CD-Review

Wenn ich darüber nachdenke, welche Bands aus Europa mir eigentlich am besten gefallen, komme ich um die von den Kanaren stammende Band Red Beard aus der Teenage Head Music-Familie nicht herum. Jetzt erst recht nicht, nachdem ich ihr sensationell starkes neues Album „It Ain’t Been Easy“ zum x-ten Male durch den Player habe rauschen lassen.

Der Grund, warum ich mit den meisten Acts von unserem Kontinent und speziell auch aus Deutschland, oft so meine Probleme habe, ist der einfach nicht amerikanisch klingende Gesang, der für mich eine entscheidende Rolle spielt, da er ja fast immer durchgehend zu hören ist.  Und oft merkt man es einfach meilenweit gegen den Wind und auch an den meist im schulenglisch geschriebenen Texten.

Nicht so bei Red Beard, die haben mit ihrem Mastermind Jaime Jiménez Fleitas ein echtes Gesangsjuwel als Fronter und Allroundtalent (der zeichnet sich auch noch für die Gitarren sowie (HT-) Piano und klirrende Orgel, die es es natürlich ebenfalls zu Genüge gibt, zudem als Songwriter und Produzent verantwortlich), der mich immer unterschwellig an keinen Geringeren als Donnie Van Zant erinnert.

Dazu kommen noch mit Zaira Padrón und Carla Vega zwei grandiose omnipräsente Backgroundsängerinnen, die keinen Vergleich mit solchen Edel-Röhren wie u. a. Dale Krantz-Rossington, Bekka Bramlett, Joanna Cotten, etc. zu scheuen brauchen und den Songs so eine southern-typische, sexy-dreckige Tiefe beimischen. Drums und Bass werden von Jeremías Lobos und David Alvarado im Sinne des großen Ganzen vorbildlich und gekonnt bedient.

Und auch ihre Musik, wie man schon beim Vorgänger „Dakota“ hören konnte, wirkt wie aus der guten alten Southern Rock-Schule, allerdings mit dem heutigen jungen Elan von amerikanischen Zunft-Kollegen wie The Georgia Thunderbolts, The Vegabonds, Them Dirty Roses, The Steel Woods & Co.

Nach gemütlichem Beginn mit dem melodischen Southern Roots-Schwofer „Fine & Proud“ nimmt das Werk mit dem leicht Stones-angehauchten „Bye, Bye Babe“ Fahrt auf. Viele Tracks erinnern mich in ihrer Art an die Anfänge von 38 Special zu Zeiten ihrer ersten beiden Alben. Typische Songs wie deren damalige „Long Time Gone“, „I’ve Been A Mover“ oder „Who’s Been Messin'“ kommen durch den Van Zantschen Unterton und die damalige Art der E-Gitarrenarbeit als unweigerliche Assoziationen auf.

Aber auch das druckvolle Voranpreschen der Black Crowes zu ihren Debützeiten ist neben einigen Skynyrd– und ABB-typischen E-Soli (klasse hier Gidkly Rodriguez), teilweise auch mit klasse Slide und schönen Twin-Einlagen (zusammen mit Fleitas), ein durchlaufendes Stilelement.

Es geht eigentlich ansonsten durchgehend recht rockig, aber immer sehr melodisch ab, auch die in den Strophen eher im Midtempobereich angesiedelten Tracks wie „Give It My Best“, „Three Little Birds“ oder „Set Me Free“ bekommen spätestens mit dem Refrain ordentlich Power.

Den krönenden Abschluss gibt es dann auch tatsächlich mit dem für mich immer besonders wichtigen Finalstück (weil es oft aus meiner Sicht den bleibendsten Eindruck hinterlässt), in diesem Fall „Might Be Heaven Or Might Be Hell“, das wie eine southern-rockige Abwandlung des durch Joe Cocker berühmt gewordenen „With A Little Help From My Friends“ rüberkommt. Ein toller hymnischer Refrain und dazu ein klasse Schrei (vielleicht nicht ganz so intensiv wie der trinkfreudige Brite damals) von Fleitas im Bridge, heulende E-Gitarren und Orgel, einfach herrlich.

Angesichts des Titels „It Ain’t Been Easy“ werden viele, inklusiv meiner Person, in diesen schlimmen Pandemie-Zeiten, ein leidvolles Lied davon singen können, wie schwer vieles zu ertragen war und immer noch ist. Red Beard zelebrieren allerdings mit diesem fantastischen Album hier eher im Gegenteil die Leichtigkeit des Southern Rock-Daseins.

Man kann nur hoffen, dass aufgrund der hier im Lande immer noch vorherrschen Unvernunft vieler (impfunwilliger) Menschen, nicht wieder der Corona-Virus im Kulturbereich, staatlich verordnet, dazwischen grätscht und man diese tollen Lieder zum Beispiel am  27.11.21 im Dortmunder Blue Notez und am 11.12.21 in der Krefelder Kulturrampe, im Rahmen der Red Beard-Europa-Tournee (gerne mit der G2-Regel) genießen kann. Da ist Hingehen absolute Pflicht.

Eigenproduktion (2021)
Stil: Southern Rock

Tracks:
01. Fine & Proud
02. Bye, Bye Babe
03. Southern Eyes
04. It Ain’t Been Easy
05. Fly High
06. Give It My Best
07. Three Little Birds
08. Set Me Free
09. Might Be Heaven Or Might Be Hell

Red Beard
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Teenage Head Music

Go Music – 13.11.2021, Jazzkeller, Krefeld – Konzertbericht

Mittlerweile feiert die Konzertreihe Go Music von Martin Engelien ihr 25-jähriges Jubiläum. Diesmal sammelte Engelien drei Musiker um sich, welche in den mit am längsten aktiven deutschen Rockbands mitwirken. Neben dem Drummer Manni von Bohr, der schon seit Jahren immer wieder bei Go Music mitmischt, waren diesmal erstmals Martin Ettrich und Stella Tonon mit auf der Bühne des Jazzkellers, in dem es seit mittlerweile 63 Jahren Livemusik gibt.

Etwa 60 – 70 Besucher fanden den Weg in die Katakomben der Location, womit die selbst auferlegte Grenze von 90 Besuchern zwar nicht erreicht wurde, aber der kleine Club doch ansehnlich gefüllt war. Traditionell für einen Samstag begann das Konzert pünktlich um 22:00 Uhr und Engelien, Ettrich und von Bohr klimperten im Dämmerlicht kurz vor sich hin, um dann, als die Bühne ausgeleuchtet wurde, als Intro das Instrumental „Be Kind“ zu spielen. In den etwa 10 Minuten zeigten die drei Musiker schon ihr Können. Während sie sich durch den Song jammten, wartete Stella Tonon am Rand der Bühne und entledige sich ihrer Schuhe und Socken, um wie gewohnt zum Ende des Songs, barfuß die Bühne zu betreten.

Mit einer harten Version des Robert Palmer-Hits „Addicted To Love“ wurde das Publikum direkt auf Betriebstemperatur gebracht. Engelien und von Bohr sorgten für eine krachende Rhythmusgrundlage, Ettrich jagte zuweilen wie ein Derwisch über die Saiten seiner Gitarre und Tonon schrie sich fast die Seele bei dem mittlerweile etwa 35 Jahre alten Oldie aus dem Hals. Dies sollte aber einer der aktuellsten Titel des Konzertes gewesen sein.

Das Quartett hatte ganz tief in die Schatztruhe alter Songs gegriffen und sorgte so für manche Überraschung und melancholische Momente bei den Besuchern. Dabei wurden die Stücke aber nicht in der bekannten Form runtergespielt, sondern alle Musiker drückten ihnen einen eigenen Stempel auf, welche zuweilen einer zeitgemäßen Rundumerneuerung gleichkam.

Im ersten Set ging es über „Somebody To Love“, „I Put A Spell On You“ und dem sich über Minuten hinziehenden jammenden „Roadhouse Blues“ zu den für mich herausragenden beiden abschließenden Songs. Aus einem zunächst psychedelischen Intro entwickelte sich schließlich der durch Jimmy Hendrix richtig bekannt gewordene Klassiker „Hey Joe“. Manch einer mag dabei denken, ob das unbedingt sein muss, dass dieser Song zum x-ten Mal gecovert werden muss. In dem Fall behaupte ich einfach, dass diese Version etwas Besonderes hatte. Tonons Stimme gab dem Stück eine besondere Dramaturgie, was aber Ettrich an seiner Gitarre und der Talkbox ablieferte, war Extraklasse. Das Solo, mit der Talkbox zu verknüpfen, gab diesem ein besonderes Flair und etwas Einzigartiges unter den gefühlt 1000 Coverversionen.

Vor dem letzten Song gedachte Engelien dem wenige Tage zuvor verstorbenen Drummer der Moody Blues und mit „Nights In White Satin“ wurden die Besucher zunächst ins Reich der Träume geschickt. Dabei zeigte Tonon, dass sie ihre Stimme auch weich und sanft einsetzten kann und von Bohr die Drums nicht nur als Batterie versteht. Nach den ersten Strophen war es dann aber mit der Ruhe vorbei und Ettrich holte die Träumenden mit einem furiosen Gitarrensolo wieder in die Realität zurück. Danach verabschiedete sich die Band in eine etwa 30-minütige Pause.

Das zweite Set begann dann mit zwei Tracks von Brösel Control oder Birth Maschine, wie Englien die beiden Bandnamen seiner drei Mitstreiter verknüpfte. Dabei erfuhren manche, dass Engelien selbst zu Anfangszeiten bei der Bröselmaschine die dicken Saiten zupfte und dass von Bohr im Moment bei beiden Bands aktiv ist. Ettrich spielt schon seit Jahren bei Birth Control die erste Gitarre spielt und Tonon singt für Burschs Bröselmaschine.

Bei „Into The Sky“ versetzte insbesondere Tonon gesanglich, aber auch durch ihre Gestik, die Fans in andere psychedelische Welten, während beim folgenden „Gamma Ray“ die Rhythmusmaschinen Engelien und von Bohr Schwerstarbeit leisteten. Von Bohr offeriert dabei eindrucksvoll, dass er jedes Teil seines Schlagzeugs benötigt und jagte über die Drums, dass man den Sticks kaum mit den Augen folgen konnte und legte zuweilen mit seinen zwei Bassdrums eine Geschwindigkeit vor, die manchen ins Staunen versetzte. In dem Solo unterstütze Ettrich ihn zudem mit der Cowclock. Auch Englien legte ein krachendes Basssolo, wie auch in einigen anderen Songs hin und Ettrich gab dem Gitarrensolo mit der Talkbox ein besonderes Flair. Dass Tonons Stimme und ihre Präsenz zur Dramaturgie des Songs perfekt passte, sein nur am Rande erwähnt.

Herausragend war „Four Horseman“ von Aphrodites Child, bei dem man denken konnte, die Band wolle mit der hardrockenden psychedelischen Interpretation des Songs die apokalyptischen Reiter wecken. Über „White Rabbit“ und eine jammende Version von „Jumping Jack Flash“ ging es dann zur frenetisch geforderten und dann auch gefeierten Zugabe.

Im Ton Steine Scherben-Song „Mein Name ist Mensch“ gelang es der Band, hier vorrangig Tonon, die Thematik, die einen zum Nachdenken stimmen sollte, hervorragend zu vermitteln. Fast melodramatisch beendete Tonon den Song auf dem Boden liegend und über zwei Stunden Musik waren gegen 0:45 Uhr wie im Flug vergangen.

Ein besonderer Dank geht an den Jazzkeller für den unproblematischen Ablauf und das Berücksichtigen der bestehenden Regeln zur Sicherheit der Besucher, was bei öffentlichen Veranstaltungen, auch in der Gastronomie, nicht immer der Fall zu sein scheint. Es bleibt zu hoffen, dass dieses umsichtige Verhalten und das modernisierte Be- und Entlüftungssystem dazu beitragen, dass es nicht wieder ganz still wird. Einen Beitrag dazu kann auch jeder Einzelne leisten, in dem Impfangebote angenommen werden.

Line-up:
Stella Tonon – vocals
Martin „Ludi“ Ettrich – guitar, talkbox
Martin Engelien – bass
Manni von Bohr – drums

Text und Bilder: Gernot Mangold

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Jazzkeller, Krefeld

Big Daddy Wilson – 12.11.2021, Musiktheater Piano, Dortmund – Konzertbericht

Big Daddy Wilson gehört zu den Ausnahmen, der in den ungewissen Coronazeiten den Weg über den großen Teich in die so genannte alte Welt gemacht haben. Dabei machte er auch Halt im Dortmunder Musiktheater Piano, wo er schon vor der Pandemie einen recht gut besuchten Auftritt hatte. Bedingt durch die verständlichen Maßnahmen, eine Ungewissheit und auch Angst bei manchen Musikfans, war der Besuch dieses Mal leider eher zurückhaltend.
Die Bluesfans, die sich auf den Weg zu dem Konzert gemacht haben, sollten aber in den Genuss eines tollen Konzertabends kommen.

Um 20:30 Uhr betrat die italienische Begleitband zunächst ohne Big Daddy Wilson die Bühne und legte erst einmal ein instrumentales Intro hin, während der Bandleader von den meisten unbemerkt am seitliche Bühnenaufgang mit einem Lächeln im Gesicht auf den Moment wartete, bis er unter dem Applaus der Fans die Bühne betrat. Er bedankte sich schon zu Beginn für das Kommen  und wie schön es für ihn und die Band ist, wieder auf einer Bühne vor Publikum stehen zu können. Er erwähnte auch kurz das aktuelle Album „Hard Time Blues“, das mit sieben Songs auf der Setlist gewissermaßen im Mittelpunkt stehen sollte.

Mit “I Know” und „Ain´t Got No Money” vom 2019 erschienenem Album „Deep In My Soul” wählte Big Daddy Wilson zunächst zwei altbewährte Songs zum Einstieg, um dann kompakt in einem Block das im September erschienene Album zu präsentieren.

Zuweilen bekam man den Eindruck, dass Wilson seine Fans in den Ansagen und den Songs auf eine Reise in seine eigene Kindheit, aber auch in die Geschichte seiner Vorfahren entführen würde. Bei „Poor Black Children“ konnte man sich regelrecht die Situation derer vorstellen und bei „Yazoo City“ wurde einem textlich, aber auch vom fast klagenden Gesang, die Misere der damals und zum Teil auch noch heute unterdrückten Bevölkerungsgruppe vor Augen geführt.

Nach „I Can´t Help But Love You” verließ Big Daddy Wilson die Bühne und überließ diese seiner Begleitband, welche verdientermaßen bei „Down In Mexico“ allein im Mittelpunkt stand. Hier bewies Caesare Nolli, dass er nicht nur ein richtig guter Gitarrist ist (bei manchen Soli fühlte ich mich ein klein wenig an den Carlos Santana in den Frühzeiten erinnert), sondern auch ein exzellenter Sänger ist.

Um beim Gesang zu bleiben – dass es sich bei Big Daddy Wilson um einen begnadeten charismatischen Bluessänger mit der entsprechenden Tonbandbreite handelt, ist bekannt. Ein I-Tüpfelchen war aber der harmonische Backgroundgesang aller Begleitmusiker, insbesondere bei den Refrains.

Nach dieser gelungenen Einlage seiner Band stieß Big Daddy Wilson wieder hinzu und ließ noch sieben ältere Songs folgen, wo insbesondere „Crazy World“, in dem er den Zustand der Welt beschreibt, und das folgende positive „Love Is The Key“ herausragten.

Die Grundlage eines tollen Abends war natürlich die italienische Begleitband um Caesare Nolli, der zuweilen mit einer stoischen Leichtigkeit die Saiten seiner Fender mit einigen feinen Soli gespickt bearbeitete, Enzo Messina, der neben der Untermalung der Songs auch mit mehreren Soli am Keyboard begeistern konnte und die Rhythmussektion mit Nik Taccori an den Drums und Paolo Legramandi am Bass, der neben der dynamischen Rhythmusbegleitung auch mit einer feinen Soloeinlage glänzen konnten.

Der Band um Big Daddy Wilson war es an diesem Abend gelungen, einen Hauch von Blues und Soul in das Piano zu bringen und fast von Beginn an dafür zu sorgen, dass die Fans im Takt der Songs mitgingen. Besonders hervorzuheben war dabei die sympathische Ausstrahlung, die von Wilson ausging, die er mit dem Satz untermauerte, dass Sie hier wären, um dafür zu sorgen, dass die Besucher, von der Musik erfüllt, positiv in die Zukunft blicken mögen. Bei seinen Gesten hatte man den Eindruck, er würde am liebsten das gesamte Publikum umarmen.

Zudem zeigte er Verständnis für den eher übersichtlichen Besuch und wünschte sich von den Anwesenden, dass diese im Freundeskreis dafür sorgen, dass beim nächsten Mal das Piano wieder gut gefüllt ist. In dem Sinne, ein Konzerttipp für das nächste Jahr, seht euch Big Daddy Wilson an und lasst euch in seine Blueswelt mitnehmen.

Line-up:
Big Daddy Wilson – lead vocals
Caesare Nolli – guitar
Paolo Legramandi – bass
Nik Taccori – drums
Enzo Messina – keyboards

Bericht und Bilder: Gernot Mangold

Big Daddy Wilson
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Musiktheater Piano
3Dog Entertainment

Lucinda Williams – Have Yourself A Rockin’ Little Christmas with Lucinda Williams – CD-Review

Review: Michael Segets

Aus der letztjährigen Konzertreihe, die Lucinda Williams als Alternative zu den Liveauftritten vor Publikum per Video streamte, steht jetzt passend zur nahenden Weihnachtszeit „Have Yourself A Rockin’ Little Christmas with Lucinda Williams” als fünfte Ausgabe von Lu’s Jukebox in den Regalen. Williams pickt sich dabei Weihnachtsstücke heraus, die nicht zum klassischen Repertoire gehören, welches an den Festtagen rauf und runter gespielt wird. Entgegen dem Titel bedient sie dabei eher den Blues als den Rock.

„Merry Christmas (I Don’t Want To Fight Tonight)“ – im Original von den Ramones – geht natürlich ab. „Santa Claus Want’s Some Lovin‘“ von Albert King ist ebenfalls rockig ausgelegt und mit einer funkigen Gitarre versehen. Bei „Run Run Rudolph“ legt Williams Soul in die Performance. Der von Chuck Berry geschriebene Titel erinnert an den James-Bond-Theme. Buck Owens verfasste „Blue Christmas Lights“ und wird von Williams als Bluesrock interpretiert. Damit sind die temporeicheren Tracks auf dem Longplayer aufgezählt.

Den überwiegenden Teil des Albums bestreitet Williams mit langsameren Blues, versehen mit R&B-Elementen. „Christmas Tears“, „Merry Christmas Baby“, „Please Come Home For Christmas“ sowie „Little Red Rooster”, das von Willie Dixon stammt und von Howlin’ Wolf aufgenommen wurde, gehören in diese Kategorie. Komponiert wurden sie in den 1940ern beziehungsweise den 1960er Jahren. Ebenfalls ruhig, aber mit einem leicht poppigen Americana-Sound versehen, ist „If We Make it Through December“.

Drei Titel gehen in Richtung Swing – allen voran Louis Armstrongs „Christmas In New Orleans“. „I’ve Got My Love To Keep Me Warm“ sowie „Have Yourself A Merry Little Christmas“ gleiten dabei tendenziell in den Jazz über. Bei den beiden Songs überzeugt der Gesang von Williams nicht vollständig, obwohl ich sonst ein Fan ihrer stimmlichen Fähigkeiten bin.

Auf ihrem Weihnachtsalbum „Have Yourself A Rockin’ Little Christmas” unternimmt Lucinda Williams einen Streifzug durch die Geschichte der populären Musik und greift vorwiegend in Vergessenheit geratene Songs heraus. Anders als der Titel vermuten lässt, steht dabei der Blues im Fokus ihrer Interpretationen. Daneben finden sich rockige Versionen auf der Scheibe und auch dem Swing wird Raum gegeben. Wem die bereits vorgestellte CD von Brian Fallon zu den Festtagen zu reduziert ist, bekommt mit der von Lucinda Williams eine Alternative angeboten, um die stille Zeit bis Neujahr zu überbrücken.

Highway 20 – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Christmas Songs

Tracks:
01. Blue Christmas Lights
02. Run Run Rudoph
03. Christmas Tears
04. If We Make It Through December
05. Merry Christmas Baby
06. I’ve Got My Love To Keep Me Warm
07. Santa Claus Want’s Some Lovin’
08. Christmas In New Orleans
09. Please Come Home For Christmas
10. Little Red Rooster
11. Merry Christmas (I Don’t Want To Fight)
12. Have Yourself A Merry Little Christmas

Lucinda Williams
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Dion – Stomping Ground – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Der inzwischen 82-jährige Dion Dimucci, der in den 60’er Jahren so großartige Hits wie „The Wanderer“, „Runaround Sue“ oder „Ruby Baby“ geschrieben hat und neben John Mayall (88 Jahre) sicherlich zu den Urgesteinen des ‚weißen‘ Blues gezählt werden kann, legt nun am 19. November sein neuestes Album „Stomping Ground“ vor. Sein neues Werk schließt nahtlos an sein 2020’er Album „Blues With Friends“ an, auf dem er bereits zahlreiche Größen der Bluesszene versammelt hatte, um gemeinsam ein dem Blues gewidmetes Album einzuspielen.

Und so finden sich auch auf seiner neuesten Scheibe Gastmusiker wie Joe Bonamassa, Eric Clapton, Boz Scaggs, Mark Knopfler, Patti Scialfa, Bruce Springsteen, Keb‘ Mo‘, Billy F. Gibbons, Rickie Lee Jones, Marcia Ball, Peter Frampton und G.E. Smith, mit denen Dion Dimucci gegenseitige Bewunderung und Respekt verbindet. Es enthält zudem ein Vorwort von Pete Townshend und eine Einführung von Dion selbst. Produziert wurde das Album von Wayne Hood mit Dimuccis Unterstützung und auf Bonamassas Label KTBA Records wurde es veröffentlicht (als CD und Doppel-LP).

Bis auf „Red House“, ein langsam rollender Song mit Keb Mo’ und Slide-Klängen, im Original von Jimi Hendrix, stammen alle Songs von Dion und seinem Songwriting-Partner Mike Aquilina. Dennoch hauchen die Gastmusiker den Songs ihren jeweils eigenen Stil ein, seien es z. B. Mark Knopflers warmes Gitarrenspiel in „Dancing Girl“, Sonny Landreths Slide Gitarre in „Crying Shame“ oder Billy F. Gibbons’ relaxtes Gitarrenspiel in dem leicht souligen „My Stomping Ground“.

Gleich der erste Track mit Joe Bonamassa „Take It Back“ geht kraftvoll stampfend im typischen Bluesrhythmus mächtig in die Beine, dem „Hey Diddle Diddle“ und „If You Wanna Rock“ mit G. E. Smith bzw. Eric Clapton in nichts nachstehen. „There Was A Time“ ist ein schmachtender Slowblues mit Peter Frampton und „The Night is Young“ ist eine melodiöses Musikstück mit Joe Menza und Wayne Hood. Richtig schön old school mit Piano und Bläsern kommt „That’s What The Doctor Said“ mit Steve Conn daher.

Bruce Springsteen und seine Frau Patti Scialfa prägen das relaxte „Angel In The Alleyways“ mit ruhigem Gitarrenspiel und Scialfas harmonischem Gesang, während das flotte „I’ve Got To Get To You“ mit Box Scaggs wieder zum Tanzen einlädt. Als flotter Boogie mit Pianounterstützung (Marcia Ball) und Bigband-Charakter (Jimmy Vivino) präsentiert sich dann „I Got My Eyes On You Baby“. Das verträumte „I’ve Been Watching“ mit Ricky Lee Jones (Gesang) und Wanne Hood (Gitarre) bildet schließlich den Abschluss eines gelungenen Albums.

Mit „Stomping Ground“ präsentiert Dion also eine abwechslungsreiche Scheibe, der förmlich anzuhören ist, dass alle beteiligten Musiker mit viel Spaß dabei waren, um ein sattes Album zu produzieren. Es sollte in keiner gut sortierten Blues-Sammlung fehlen.

Label: KTBA Records
Stil: Blues

Tracks:
01. Take It Back (feat. Joe Bonamassa)
02. Hey Diddle Diddle (feat. G. E. Smith)
03. Dancing Girl (feat. Mark Knopfler)
04. If You Wanna Rock ’n’ Roll (feat. Eric Clapton)
05. There Was A Time (feat. Peter Frampton)
06. Cryin’ Shame (feat. Sonny Landreth)
07. The Night is Young (feat. Joe Menza & Wayne Hood)
08. That’s What The Doctor Said (feat. Steve Conn)
09. My Stomping Ground (feat. Billy F. Gibbons)
10. Angel In The Alleyways (feat. Patti Scialfa & Bruce Springsteen)
11. I’ve Got To Get To You (feat. Box Scaggs, Joe Menza & Mike Menza)
12. Red House (feat. Keb Mo’)
13. I Got My Eyes On You Baby (feat. Marcia Ball & Jimmy Vivino)
14. I’ve Been Watching (feat. Ricky Lee Jones & Wayne Hood)

Dion
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Another Dimension

Erja Lyytinen Band – Support: Ivy Gold 07.11.2021, Harmonie, Bonn – Konzertbericht

Schon um 19:00 Uhr begann der Konzertabend in der Harmonie Bonn. Den Auftakt machten die Newcomer von Ivy Gold, die Anfang des Jahres ihr Debütalbum herausgebracht haben und nun das erste Mal überhaupt live aufgetreten sind. Hinter Ivy Gold verstecken sich durchaus namhafte Musiker. Um das Ehepaar Manou und Sebastian Eder haben sich international renommierte Musiker versammelt, die nun erstmals das Album „Six Dusty Winds“ live vorstellen konnten.

Mit Applaus begrüßten die Fans, welche die Harmonie etwa zu einem Drittel füllten, die Band und Manou stellte diese kurz vor. Dabei merkte man ihr zunächst das Lampenfieber vor diesem ersten Auftritt noch leicht an, was sie auch nicht verhehlte. Im weiteren Verlauf machte Sie die Ansagen mal auf Deutsch, aber auch in Englisch, sodass auch ihre Musiker diese verstanden.

Die aus den Staaten stammende Rhythmussektion um Tal Bergmann, der u. a. auch schon für Joe Bonamassa, Billy Idol oder Roger Daltrey die Drumsticks schwang und Basser Kevin Moore sorgten für die passende, zuweilen groovende bluesige Grundlage der Band. Keyboarder Anders Olinder, der auch schon für Peter Gabriel und Glenn Hughes aktiv war, gab den Songs zuweilen einen progressiven Hauch, wenn er die Harmonie in Klangteppiche hüllte, glänzte aber auch mit kurzen Soloeinlagen.

Im Mittelpunkt stand allerdings Sängerin Manou, deren Nervosität schnell schon beim ersten Song „This Is My Time“ verflogen war und zu deren klarer, eher hohen Stimme das Gitarrenspiel Sebastian Eders zuweilen fast wie ein kongenialer Partner wirkte. Der war irgendwie ein ruhender Pol, zuweilen in sein Gitarrenspiel vertieft, an den sich die extrovertiertere Manou zuweilen auch optisch anlehnen konnte.

Man merkte der Band von Beginn an, mit welcher Spielfreude sie sich endlich live zeigen konnte. Bassist Moore hatte praktisch das ganze Konzert ein Lächeln im Gesicht und Tal Bergmann konnte in einem Solo sein Können unter Beweis stellen, wo er dann wie entfesselt loslegte.

In den knapp 50 Minuten, die der Band zur Verfügung stand, wurde inklusiv der Zugabe „Without You“ das gesamte Album präsentiert. Nach dem letzten Song bedankte und verabschiedete sich eine sichtlich gerührte Manou vom gut mitgehenden Publikum, welches in Anlehnung an den Titel des letzten Songs auch einen Anteil an einer gelungenen Premiere der Band hatte.

Nur wenige Minuten später standen die Musiker am Merchandisingstand für die Fans zum Smalltalk zur Verfügung und rundeten so einen gelungenen Premierenabend ab. In dieser Form ist von der internationalen Formation von Ivy Gold noch einiges zu erwarten.

Line-up: Ivy Gold
Manou: lead vocals
Sebastian Eder: guitars
Anders Olinder: keyboards
Kevin Moore: bass
Tal Bergmann: drums

Nach einer etwa 30-minütigen Umbaupause betrat dann Erja Lyytinnen, scheinbar nur mit einem grobmaschigen Netz bekleidet mit ihrer Band die Bühne. Die Sittenwächter oder womöglich eifersüchtige Ehefrauen können an dieser Stelle aber direkt beruhigt werden, auf das, was man durch das scheinbare Netz schaute, war hellbraun beiger Stoff.

Schon mit der Begrüßung zu Beginn des Konzertes brachte die charmante Finnin die Besucher direkt hinter sich und es sollen rasante knapp 100 Minuten Powerblues folgen, bei denen natürlich Erja meist im Mittelpunkt des Geschehens stand. Sichtlich gut gelaunt moderierte sie teilweise humorvoll posend die Songs an und wies augenzwinkernd darauf hin, dass sie sich passend zum Tag, in ihre Sonntagsgarderobe geschmissen hatte. Das sie den Titel ‚Queen of Sliding‘ nicht umsonst trägt, bewies sie bei einigen zuweilen furiosen Soli, wo sie mit dem Bottleneck regelrecht über die Saiten ihrer Gitarren jagte.

Einen großen Anteil, dass Lyytinen sich zuweilen losgelöst austoben konnte, hatten natürlich die jungen Musiker ihrer bewährten Begleitband. Visuell stand dabei Tatu Back mit Lyytinen in der ersten Reihe und steuerte nicht nur einen wummernden, oft groovenden Bass inklusive eines kurzen Solo bei und unterstütze die auch stimmlich bestens aufgelegte Finnin mit Backgroundgesang. Iiro Laitinen, der andere Part der Rhythmussektion, sorgte mit meist energiegeladenen und stampfenden Drumpassagen für einen Rhythmus, der die anderen zuweilen vor sich hertrieb.

Dass er aber nicht nur schnell und krachend kann, offerierte er in ruhigen Passagen, wo er mit seinen Sticks die Drums scheinbar zu streicheln schien. An den Keyboards sorgte Miika Aukio für einen vollen Sound, in welchem er die Gitarrenarbeit Lyytinens untermalte und auch mit einigen stakkatoartigen kurzen Soli prägende Elemente setzte.

Lyytinen und Band gelang es an diesem Abend die Besucher, welche zum Teil auch tanzend mitgingen, von Beginn an, auch mit einigen Texas Blues-rockigen Sachen im Rhythmusstil von ZZ Top zu begeistern und so verging das Konzert wie im Flug. Unter dem frenetischen Applaus der Fans legte die Band noch zwei Zugaben nach. Nach einer kurzen Anleitung von Erja Lyytinen, in welcher sie den Zuschauern in einem Crashkurs einige finnische Worte beibrachte, beendete Sie das Konzert mit einem verrockten finnischen Traditional samt gesanglicher Unterstützung der Fans.

Wie gewohnt ging Lyytinen von der Bühne weg, direkt zum Merchandisingstand, um diverse Fanartikel zu signieren. Sie machte sich sogar die Mühe, die Fans nach deren Namen zu fragen und sich diesen buchstabieren zu lassen, sodass alle mit einem persönlich signierten Tonträger zufrieden den Heimweg antreten konnte.

Nach dem Konzert gab es dann noch den Hinweis, dass Lyytinnen im Oktober 2022 nicht nur bei der Bluesnacht im Kölner Bürgerhaus Stollwerck den Support für Walter Trout und Julian Sas machen wird, sondern auch wieder in der Harmonie zu Gast sein wird.

Ein besonderer Dank an die Harmonie und die Bands für die problemlose Akkreditierung sowie den netten Empfang an diesem begeisternden Konzertabend mit einem bestens abgemischten Sound. Auch ein Kompliment an die Lichttechnik, für die visuelle Untermalung der Musik.

Line-up: Erja Lyytinen Band
Erja Lyytinen: guitars & lead vocals
Miika Aukio: keyboards
Tatu Back: bass & vocals
Iiro Laitinen: drums 

Text und Bilder: Gernot Mangold

Erja Lyytinen
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Ivy Gold
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Harmonie Bonn

Townsend – Same – EP-Review

Review: Michael Segets

Townsend zählt zu den lokalen Größen in Arkansas und speziell in Little Rock. Dort hat sie auch zwei Tracks ihrer selbstbetitelte EP mit fünf Eigenkompositionen aufgenommen. Die ersten drei Songs wurden in Nashville eingespielt. 2018 legte Townsend das Album „Show Me Home“ vor und lässt nun ein Kurzwerk folgen, das sich thematisch um die Liebe dreht. Die Verarbeitung von persönlichen Erfahrungen liegt dabei gleichsam in der Natur der Sache.

Das kurze, lockere „Sunrise“ ist mit der Begleitung durch Congas alternativ angehaucht. Das Stück fängt den Moment ein, in dem man sich verliebt. Das erste, tiefere Kennenlernen greift „Whisper“ auf. Der Uptempo-Song verströmt daher gute Laune. Getragener sind die beiden Americana-Titel „Scars“ und „Stay“. Die erstgenannte Ballade beschreibt das Stadium einer Beziehung, in der die Fassaden bröckeln und die Vorgeschichten der Personen in das Zusammenleben hineinspielen. Bei „Stay“ steht die Beziehung schließlich kurz vor ihrem Ende, da sich die gegenseitigen Erwartungen nicht erfüllen. „Can’t Travel“ betont, dass es leichter ist, wenn man nicht allein die Herausforderungen des Lebens meistern muss. Die Aufbruchsstimmung wird musikalisch durch einen flotten Rhythmus transportiert.

Townsend stellt auf ihrer Homepage den aktuellen Titel „The Frontliners“ als Lyric-Video vor. Der Song ist nicht auf der EP vertreten. Er beschäftigt sich auch nicht mit Liebesbeziehungen, sondern wirft einen Blick auf die zwischenmenschliche Solidarität, gerade in Zeiten der Pandemie. Konzeptionell passt er daher vielleicht nicht auf das vorliegende Werk, schließt sich inhaltlich aber an „Can’t Travel“ an.

Townsend bearbeitet auf ihrer EP verschiedene Stationen einer Beziehung. Diese setzt die Songwriterin passend zur Stimmungslage mal in ruhigen, mal in beschwingten Tönen um. Insgesamt ergibt die EP ein schlüssiges Gesamtbild, sodass man auf den nächsten Longplayer der jungen Amerikanerin gespannt sein darf. Sie reiht sich in die Liste junger Songwriterinnen wie Morgan Wade, Leah Blevins oder Riddy Arman ein, die sich dieses Jahr eindrucksvoll zu Wort meldeten. In ihren musikalischen Stilen und Themenschwerpunkten unterscheiden sich die Musikerinnen, zeigen aber, dass im Americana-Bereich eine neue Generation in den Startlöchern steht.

Eigenproduktion (2021)
Stil: Americana

Tracks:
01. Scars
02. Whisper
03. Stay
04. Sunrise
05. Can’t Travel

Townsend
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AristoPR

Jason Aldean – Macon- CD-Review

Irgendwie habe ich den Eindruck, als wenn Morgan Wallen zu Beginn des Jahres mit seinem 30 Stücke-Hammerwerk „Dangerous„, das seither ja auch so gut wie die Dauer-Pole-Position in den Billboard Country-Album-Charts belegt, seine Konkurrenz und auch deren Labels, gewaltig unter Druck gesetzt hat.

Kaum einer der ‚Rivalen‘ traut sich quasi noch mit einem ’normalen‘ Longplayer um die Ecke, auch Jason Aldean wird gleich zwei Alben in relativ kurzen Abständen veröffentlichen. Zunächst „Macon jetzt am 12. November, dann im Laufe der folgenden Monate wird Aldean dann immer mehr Songs von „Georgia“ liefern, bis am 22. April 2022 der volle Release von 30 Songs vollendet ist — zwanzig neue Songs und dazu mindestens ein Live-Hit von jedem seiner bisherigen Alben. Veröffentlicht wird das „Macon“-„Georgia“-Konvolut auch auf einem 3-LP-Vinylset. 

Doch zunächst startet jetzt „Macon“ ins Rennen. Und wer es noch nicht mitbekommen hat, mit einer sehr schönen Geste des New Country-Superstars an unser Magazin Sounds Of South, die man unter diesem Link hier nachverfolgen kann. 

Wie und warum es zu den Titeln der Werke kam, beschreibt der Protagonist so: „Wo du aufgewachsen bist, hat einen unglaublich wichtigen Einfluss darauf, zu wem du wirst. Das war bei mir ganz genauso … besonders in musikalischer Hinsicht“, erklärt Aldean. „Meine kleine Heimatstadt Macon war extrem wichtig für meinen musikalischen Background. Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, die eine Art Kreuzung zwischen Country, Southern Rock, Blues und R&B war — und deswegen war es ganz logisch, diese verschiedenen Sounds in meiner eigenen Musik zu verschmelzen“.

Keine Frage, der neue Silberling spiegelt dies exakt wider und zwar auf eine extrem Stadion-taugliche Art und Weise. Bei jedem der zehn Tracks sieht man vorm geistigen Auge, wie sie mit ihren eingängigen, zum Teil hymnischen Refrains, die Massen in den proppenvollen Arenen (sofern dies Corona-bedingt wieder möglich sein wird) in Euphorie versetzen werden.

Verstärkt wird diese Suggestion dazu noch von den fünf angehängten Live-Tracks, performt in verschiedenen Metropolen der Staaten, in denen diese typische Stimmung nochmals bestens transportiert wird. Der Kracher „My Kinda Party“, einer meiner Southern Country-Alltime-Favs, haut einen mit seiner E-Gitarrenwucht regelrecht um.

Bei den zehn Studiostücken gibt es viele Reminiszenzen an die gute alte Rockzeit wie zum Beispiel beim flockigen „Over You Again“ mit der kurzen „The Boys Of Summer“-Anspielung zu Beginn, dem starken Bryan Adams-Cover „Heaven“ (braucht sich hinter dem Original nicht zu verstecken) oder dem mit ein wenig „Purple Rain“-Flair (E-Gitarren-Intro) umwehten, herrlichen Schwofer „Watching You Love Me“ als Finalstück (der Studiotracks).

Großes musikalisches Blockbuster-Starkino vermittelt das wunderbare Duett mit Carrie Underwood bei „If I Didn’t Love You„. Jetzt müssten die Hollywood-Regisseure eigentlich nur noch einen passenden Film (a là Titanic & Co. ) darum herum produzieren….

Begeisternd, vor allem im Studioteil, auch die beiden E-Gitarristen Luther Allison (aus Aldeans Tour-Band) und Adam Shoenveld, die in der wie gewohnt transparenten Produktion von Michael Knox, immer wieder krachende Kurz-Soli einstreuen und einigen modernen Loop-Spielereien sofort den Kampf ansagen.

Mit „Macon“ gelingt Jason Aldean erneut der Spagat zwischen mainstreamigen Melodien, eingängigen Refrains und und rockigen Klängen in einer Perfektion, wie ich sie selten erlebt habe. Jedes Stück hat absolutes Hitpotential und wird in den Arenen bei den kommenden Tourneen seinen Teil zum Spektakel beitragen. Jason Aldean also, wie man ihn kennt, man darf sich auf den Nachschlag mit „Georgia“, der sich sicherlich auf gleichem Niveau bewegen wird, schon jetzt freuen.

Bmg Rights Management (Warner) (2021)
Stil: New Country

01. After You
02. Over You Again
03. That’s What Tequila Does
04. Small Town Small
05. If I Didn’t Love You
06. Story For Another Glass
07. Heaven
08. This Bar Don’t Work Anymore
09. The Sad Songs
10. Watching You Love Me
11. Amarillo Sky (Live from Nashville, TN)
12. Johnny Cash (Live from Los Angeles, CA)
13. She’s Country (Live from Las Vegas, NV)
14. Big Green Tractor (Live from Dallas, TX)
15. My Kinda Party (Live from St. Louis, MO)

Jason Aldean
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Networking Media

Various Artists – Highway Butterfly: The Songs Of Neal Casal – CD-Review

Review: Michael Segets

Nicht jeder SoS-Leser besitzt eines der vierzehn Alben von Neal Casal in seiner Sammlung, aber ich würde wetten, dass sich zumindest ein Track, auf dem er mitwirkte, in ihrem jeweiligen Archiv findet.

Casal war Mitglied bei The Cardinals, der Begleitband von Ryan Adams , sowie bei der Chris Robinson Brotherhood. Er spielte bei Beachwood Sparks und GospelbeacH („You Don’t See Me Crying“), Hazy Malaze („Soul Gets Lost“) und Circles Around the Sun („All The Luck In The World”, „Bird With No Name“), die ihn auf dem Tribute würdigen. Auch bei Hard Working Americans – zusammen mit Todd Snider – sowie bei The Skiffle Players war Casal aktiv. Als Sessionmusiker stellte der Multiinstrumentalist seine Fähigkeiten einer Vielzahl von Künstlern zur Verfügung. So arbeitete er unter anderem mit Todd Thibaud , Lucinda Williams, Tift Merritt, Amanda Shires und Willie Nelson zusammen.

Von außen betrachtet, würde man von einer erfüllten Karriere ausgehen. Casal schied allerdings 2019 mit fünfzig Jahren freiwillig aus dem Leben. Sein Freund und Manager Gary Waldman stieß das Tribute-Projekt an. Dave Schools (Widespread Panic) und Jim Scott produzierten das Werk mit, das schnell einen ungeahnten Umfang annahm. Ursprünglich auf achtzehn Songs angelegt, versammelt es in der Endfassung nun 41, die auf drei CDs beziehungsweise fünf LPs festgehalten sind. Als das Vorhaben bekannt wurde, meldeten sich viele Musiker, die mitwirken wollten. Letztlich nahmen 130 an dem Projekt teil.

Darunter sind viele Interpreten vertreten, die bei SoS keine unbekannten sind: Steve Earle & The Dukes („Highway Butterfly“),Shooter Jennings („Maybe California”), Susan Tedeschi & Derek Trucks („Day In The Sun“),Warren Haynes („Free To Go”), The Allman Betts Band („Raining Straight Down”) und Marcus King („No One Above You”).

Daneben steuern viele hierzulande nicht so geläufige Musiker ihre Versionen der Casal-Songs bei und hinterlassen so selbst eine Visitenkarte, um sich mit ihren Werken in Zukunft auseinanderzusetzen. Besonders „Detroit Or Buffalo“, performt von Jonathan Wilson und Hannah Cohen, sticht durch den erdigen Sound auf der ersten CD hervor. Auf der zweiten Scheibe überzeugt das rockige „Willow Jane“, das Britton Buchanan beiträgt, der bei The Voice in Amerika durchstartete. Angie McKenna singt „Fell On Hard Times“, welches in Ergänzung mit dem letzten Stück („I Will Weep No More“ – Robbie Robb) auf der dritten CD die Facetten des Songwritings von Casal eindrucksvoll belegt.

Die Zusammenstellung verdeutlicht Casals Talent. Sein eigener Stil im Bereich harmonischer und melodiöser Americana-Songs scheint auch bei den versammelten Interpretationen der anderen Musiker durch. Einzig der Song „Death Of A Dream“ erhält durch J Mascis (Dinosaur Jr.) eine völlig andere Ausrichtung, indem er ihn in einer Independent Rock-Version präsentiert. Bemerkenswert ist sicherlich auch das Lebenszeichen von Puss N Boots („These Days With You“), dem Alternative Country-Trio mit Nora Jones.

Dass das Projekt so eine große Resonanz gefunden hat, zeugt von dem Ansehen, das Neal Casal unter seinen Kolleginnen und Kollegen genoss. Möglicherweise spielte auch der Umstand eine Rolle, dass die Erlöse der Neal Casal Music Foundation zugutekommen. Die gemeinnützige Organisation unterstützt unter anderem die musikalische Bildung von Schülerinnen und Schüler in New York und New Jersey.

„Highway Butterfly: The Songs Of Neal Casal“ ist ein liebevoll gestaltetes Juwel geworden. Die Vinyl-Ausgabe enthält viele Extras wie die Songtexte, Aufkleber, Poster und unveröffentlichte Fotos. Casal betätigte sich auch als Fotograph, wobei das 48-seitige Booklet einen Einblick in diese Seite seines Schaffens gibt.

Obwohl Neal Casal zu Lebzeiten der ganz große Durchbruch verwehrt blieb, hinterlässt er ein beeindruckendes Werk, das durch eine Vielzahl von Musikern auf dem Tribute „Highway Butterfly: The Songs Of Neal Casal“ ins Gedächtnis gerufen wird. Ehemalige Weggefährten, Größen der Americana-Szene und Newcomer zollen ihm ihren Respekt und zeigen zugleich Casals Gabe, sensible und melodiöse Songs zu verfassen.

Neal Casal Music Foundation – Royal Potato Family (2021)
Stil: Americana

Tracks:
CD 1
01. Traveling After Dark – Aaron Lee Tasjan
02. Need Shelter – Jaime Wyatt
03. You Don’t See Me Crying – Beachwood Sparks & GospelbeacH
04. No One Above You – Marcus King
05. Feathers For Bakersfield – Fruit Bats
06. All The Luck In The World – Billy Strings & Circles Around the Sun
07. Sweeten The Distance – Dori Freeman & Teddy Thompson
08. Time Down The Wind – Hiss Golden Messenger
09. Me & Queen Sylvia – Johnathan Rice
10. Wisest Of The Wise – Mapache
11. Freeway To The Canyon – Phil Lesh & The Terrapin Family Band
12. Feel No Pain – Leslie Mendelson
13. Detroit Or Buffalo – Jonathan Wilson & Hannah Cohen
14. Day In The Sun – Susan Tedeschi & Derek Trucks

CD 2
01. Bird With No Name – Jimmy Herring & Circles Around The Sun
02. Maybe California – Shooter Jennings
03. White Fence Round House – Vetiver
04. December – Todd Sheaffer
05. Grand Island – Courtney Jaye
06. Superhighway – Oteil Burbridge & Nick Johnson & Steve Kimock & John Morgan Kimock & Duane Trucks
07. Willow Jane – Britton Buchanan
08. Too Much To Ask – Kenny Roby & Amy Helm
09. Time And Trouble – Bob Weir & Jay Lane & Dave Schools
10. Death Of A Dream – J Mascis
11. The Cold And The Darkness – Tim Heidecker
12. Free To Go – Warren Haynes

CD 3
01. So Far Astray – Rachel Dean
02. Highway Butterfly – Steve Earle & The Dukes
03. Angel And You’re Mine – Victoria Reed
04. Pray Me Home – Jason Crosby
05. Lost Satellite – Lauren Barth
06. The Losing End Again – Jesse Aycock
07. These Days With You – Puss N Boots
08. Cold Waves – Tim Bluhm & Kyle Field
09. Best To Bonnie – Zephaniah Ohora & Hazeldine
10. Let It All Begin – The Mattson 2
11. You’ll Miss It When It’s Gone – Cass McCombs & Ross James & Joe Russo & Farmer Dave Scher & Dave Schools
12. Fell On Hard Times – Angie McKenna
13. Raining Straight Down – The Allman Betts Band
14. Soul Gets Lost – Hazy Malaze & Jena Kraus
15. I Will Weep No More – Robbie Robb

Neal Casal
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Royal Potato Family
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