Blackwater Conspiracy – Two Tails & The Dirty Truth of Love & Revolution – CD-Review

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Nordiren in Sounds Of South! Was zunächst vielleicht paradox klingt, erhält seine Legitimation nicht nur beim Betrachten des Coverbildes ihres neuen Werks mit dem klangvollen Titel „Two Tails & The Dirty Truth of Love & Revolution“, das man auch auf jeder Country- und Southern-Scheibe platzieren könnte. Spätestens nach dem Hören wird man feststellen, dass sich die Briten, auch wenn sie maßgeblich vom Stil her, eher den Poser-Rockbands der 80er/90er-Jahre nahe stehen, zumindest manchen Interpreten unseres geliebten Genres durchaus verbunden fühlen.

Nach ihrem ebenfalls gelungenen Debüt „Shootin‘ The Breeze“ von 2017 knüpfen die Herren Phil Conalane (lead vocals, rhythm guitar), Brian Mallon (lead guitar, vocals), Kevin Brennan (Keys, vocals), Kie McMurray (bass, vocals) und Fionn O’Hagain (drums, percussion) jetzt nahtlos mit dem Zweitwerk an das zuvor Geleistete an.

Mit Sänger Phil Conalane, der vokal wie eine Mischung aus Bon Scott, Spike und Tom Keifer klingt, hat der Fünfer dabei ein echtes Ass im Ärmel. Gitarrist Brian Mallon lässt viele quirlige Soli ab und gibt manchem Song auch einen dezenten Southern-Teint (z. B. das hymnische Intro bei „All Wired Wrong“ oder seine Slide-Wischer bei „Take It On The Chin“) in Richtung der Black Crowes, Dan Baird oder Kid Rock.

Als Nordire ist man wahrscheinlich schon genetisch auf Krawall gebürstet, somit sind die meisten Tracks auch flott abgehende Rocker. Für eine gewisse Entschleunigung sorgt dann immer wieder der sehr variable Keyboarder Kevin Brennan, eine Art ruhender Pol im Kollektiv, wenn er das Honkytonkklimpern mal außen vor lässt.

Den Blick strikt nach vorne gerichtet, findet die CD auch mit dem Opener „Goodbye to Yesterday“, … „say hello to tomorrow“ (heißt es weiter), dann mit ordentlich Wums in die Spur. „Soul Revolutionaries“, „Just Like A Silhouette“, Tattooed & Blonde“, „Take It On The Chin“ oder das finale „Atlanta Smile“ sind weitere knackige Rocksongs mit hohem Spaßfaktor und bleiben dabei trotzdem immer sehr melodiebetont.

Ein paar schöne Balladen wie “ All Wired Wrong“, „In Another Lifetime“ oder „She Gets Me High“ mit teils hymnischen Ansätzen sind natürlich ebenfalls vertreten.

Wer Platten wie die Debüts der Quireboys „A Bit Of What You Fancy“, Georgia Satellites und der Black Crowes „Shake Your Moneymaker“, „Born Free“ von Kid Rock, AC/DCs „Highway To Hell“ oder Cinderellas „Long Cold Winter“ und „Still Climbing“ u. a. in seiner Sammlung hat, der wird auch an „Two Tails & The Dirty Truth of Love & Revolution“ seine helle Freunde haben.

Übrigens ist das Quintett schon mit einigen, uns sehr gut bekannten Acts wie Kris Barras, Joanne Shaw Taylor oder Tyler Bryant & The Shakedown zusammen aufgetreten, es wäre sicherlich wünschenswert, diese Band, wenn die Normalität hoffentlich mal wieder eingekehrt ist, dann auch mal bei uns begrüßen zu dürfen. Wir sagen von daher vorfreudig in Sachen Blackwater Conspiracy „hello tomorrow…“!

Bulletproof 20/20 Records (2020)
Stil: Rock

01. Goodbye to Yesterday
02. All Wired Wrong
03. Soul Revolutionaries
04. Tattooed & Blonde
05. In Another Lifetime
06. Take It On The Chin
07. The Healing (You & I)
08. Bird In A Coalmine
09. Just Like a Silhouette
10. She Gets Me High
11. Atlanta Smile

Blackwater Conspiracy
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Renee Hose – The Other Side – CD-Review

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Review: Jörg Schneider

Renee Hoses Leidenschaft für Musik begann schon sehr früh. Bereits als vierjährige brachte sie sich das Klavierspielen bei. Kein Wunder, schließlich stammt sie aus einer musikalisch veranlagten Familie in Baltimore. In den achziger Jahren tourte die Pastorentochter mit einer christlichen Rockband namens CrossRoads und 1993 gewann sie sogar einen Songwriting-Wettbewerb auf einem Musikfestival in Delaware.

Aus privaten Gründen folgte eine rund 12 Jahre andauernde musikalische Pause. Nach der Trennung von ihrem Ehemann beschloss Renee Hose zu ihren musikalischen Wurzeln zurückzukehren. Mit ihrer Band Relentless Fire und ihrem Duo „Acoustic Fire“ ist sie heute ein gern gesehener Gast in lokalen Clubs und Bars.

Nun legt sie ihr erstes Soloalbum vor, produziert von Renees Sohn Nathan in den Attic Studios in Harrisburg. Mit dabei ist Steve McWilliams, ihr langjähriger Leadgitarrist, der auch in ihrer Band Relentless Fire in die Saiten greift. Mit acht Tracks ist ihr Erstlingswerk allerdings nicht allzu opulent ausgefallen.

Dafür geht es mit dem Titelsong „The Other Side“ sofort richtig zur Sache, ein kraftvoller Song, in dem sich bombastische Rockklänge mit etwas ruhigeren Passagen, getragen von Renees Alt-Stimme, abwechseln. Gegen Ende des Tracks können dann auch noch Steve McWilliams virtuose Gitarrenkünste bewundert werden.

„Smokescreen“ besticht durch eine, den Song dominierende kräftige Basslinie, die sich wie ein sich wiederholendes Motiv durch gesamten Titel zieht, auch hier untermalt von Steves Leadgitarre. Im gleichen Hardrock-Stil präsentiert sich ebenfalls „Hell Fire And Holy Water“ mit dröhnenden, stampfenden Basslinien und teils feiner Leadgitarre im Hintergrund.

Die nun folgenden fünf Songs des Albums stehen in krassem Gegensatz zu den ersten drei Hardrock-Stücken. Nicht nur, dass es alles sehr melodiöse Stücke sind, ihre Spieldauern bewegen sich auch fast alle im fünf Minutenbereich oder sogar darüber. „Down Easy“ ist z. B. ein herrlich bluesiges Teil mit leichten Countryeinflüssen, während der Song „Content“ mit Pianountermalung luftig und blumig daher kommt und zum Träumen einlädt.

Eine ruhige Ballade ist „Be Careful“. Mit dem Refrain „Be Careful what you do, God is watching you“ regt der religiös angehauchte Song zum Nachdenken und zur inneren Einkehr an. Das Stück „Ever Present“, beschäftigt sich mit unvergänglicher und immer präsenter Liebe. Es ist ein nahezu reines Pianostück mit zarten Streichern im Hintergrund. Akustische Gitarrenklänge, dezente Percussion und natürlich Renee Hoses einfühlsame Stimme bilden nach gut 35 Minuten Musikgenuss die tragenden Elemente von „Never Cease To Amaze Me“, dem Schlussstück des Albums.

Insgesamt beweist Renee Hose mit ihrem Debütalbum ihre vielfältigen musikalischen Fähigkeiten, wobei ihre Ausflüge in die Rockgefilde an sich nicht schlecht sind, die ruhigen bluesig-ballarden-artigen Stücke aber ehrlicher und authentischer rüber kommen. Vielleicht liegt es ja ihrer sauberen Stimme, die für harten Rock oder Blues Rock einfach nicht ‚dreckig‘ genug klingt. Aber das ist wie vieles im Leben ja auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Eigenproduktion (2020)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. The Other Side
02. Smokescreen
03. Hell Fire And Holy Water
04. Down Easy
05. Content
06. Be Careful
07. Ever Present
08. Never Cease To Amaze Me

Renee Hose
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SUSU – Panther City – EP-Review

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Review: Michael Segets

Im letzten Jahr rockte The Liza Colby Sound mit einem wilden Mix aus Led Zeppelin und Tina Turner die europäischen Bühnen. Frontfrau Liza Colby kam Anfang dieses Jahres direkt mit ihrem neuen Bandprojekt SUSU zurück und legte mit Kia Warren als kongenialen Partnerin noch eine Schippe drauf. Die mit freizügigen Outfits gewürzte Bühnenshow und die extravagante Mischung aus Indie und Classic Rock fand begeisterten Zuspruch und die Mundpropaganda wirkte: Obwohl noch keine Tonträger in den Regalen standen, waren einige Konzerte sehr schnell ausverkauft. Corona bereitete der Supernatural-Tour jedoch ein jähes Ende, daher bleibt jetzt erst einmal nur, sich mit der Debüt-EP der Band zu trösten.

„Panther City“ bietet fünf Tracks, die die musikalische Spannweite von SUSU abbildet. Der Opener „Work Song“ lässt den Rock der siebziger Jahre mit entsprechend ausgiebigen Instrumentalpassagen wieder aufleben. Auch zum Abschluss gibt es mit „Slow Death“ nochmal eine rockige Nummer, bei der sich die beiden Damen mit ihrem Soul in der Stimme am Mikro prima ergänzen.

Langsamer ist das dennoch kraftvolle „It Can’t Be Over“. Die dunklen Gitarren unterstützen die Dynamik des Refrains, sodass das Stück schnell ins Ohr geht. Höhepunkt der Scheibe ist aber „Break You”, das eine fast schon hypnotische Wirkung entfaltet. Der Grundrhythmus des Stückes ist sehr gleichförmig, die treibenden Akkorde einer akustischen Gitarre in Kombination mit dem faszinierenden – stellenweise unterkühlt wirkenden – Gesang entwickeln allerdings eine besondere Stimmung, in die man gerne eintaucht.

Von den anderen Titeln hebt sich „Rolling Calf“ dadurch ab, dass Rhythmus und Keys Reggae-Atmosphäre versprühen. Da schlagen die karibischen Wurzeln der beiden Damen durch. Liza Colby hatte bereits ihre Affinität zum Reggae bei „Wild About You“ bewiesen, das sie zusammen mit Johnny Burgos aufnahm.

Kia Warren ist die Frontfrau von Revel In Dimes und lebt ebenso wie Liza Colby in New York. Den Grundstein für SUSU legte die zeitweise Vereinigung von Revel In Dimes mit The Liza Colby Sound zu Revel Sound im Jahr 2017. Dass sich Warren und Colby entschlossen, die Zusammenarbeit zu intensivieren, war eine gute Idee.

Sowohl auf der Bühne als auch im Studio harmonieren die beiden Damen. Im Vergleich mit der letzten Veröffentlichung von The Liza Colby Sound „Object To Impossible Destination“ erscheint das Songwriting auf „Panther City“ einen Deut abwechslungsreicher und einprägsamer. SUSU bietet auf ihrer EP frische Frauenpower, die den Rock der Siebziger in attraktiver Form modernisiert.

Eigenproduktion (2020)
Stil: Rock

Tracks:
01. Work Song
02. Rolling Calf
03. It Can’t Be Over
04. Break You
05. Slow Death

SUSU
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American Aquarium – Lamentations – CD-Review

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Review: Michael Segets

BJ Barham gehört zu den wohl talentiertesten Storytellern seiner Generation. Oftmals mit Bruce Springsteen verglichen zeigt der Bandleader von American Aquarium in seinen Texten, dass er politisch und sozial das Herz auf dem rechten Fleck hat. Mittlerweile glaubhafter als der Boss gibt Barham den Gedanken und Gefühlen der arbeitenden Bevölkerung eine Stimme. Dabei besitzt er die Fähigkeit, empathisch deren Perspektive zu übernehmen und so nachvollziehbare Psychogramme zum Leben zu erwecken. Dies verbindet ihn beispielsweise mit Steve Earle.

In anderen Stücken zeigt Barham eine scharfe Selbstbeobachtung und arbeitet frühere Lebensstationen – wie seine Alkoholabhängigkeit – und aktuelle Situationen – wie seine Rolle als junger Vater – auf. Inhaltlich lamentiert Barham mit „Lamentations“ auf hohem Niveau.

Musikalisch bleibt sich American Aquarium treu. Ohne große Experimente reiht sich die CD in die bisherigen Veröffentlichungen der Band ein. Wenn American Aquarium sonst dem Country tendenziell nähersteht als dem Rock, sind dessen Einflüsse diesmal weniger vordergründig.

„Six Years Come September“ und „A Better South“ sind die countryfiziertesten Nummer auf dem Album. Die Pedal Steel wimmert auch auf einigen anderen Songs wie auf dem stimmungsvollen „How Wicked I Was“ oder der starken ersten Single „The Long Haul“. Slide und Pedal Steel setzt Barham sowieso gerne zur Untermalung ein. Auf „Lamentations“ fährt er deren Einsatz aber im Vergleich zu früheren Longplayern zurück, was den Songs zu Gute kommt.

Wenn Barham und seine Jungs das Tempo anziehen, liefert die Band stets mitreißende Stücke ab. „The Luckier You Get“, die zweite Vorabauskopplung, ist so ein toller Song auf der Scheibe, der – um nochmal einen großen Namen zu nennen – an Tom Petty erinnert. Bei dem Roots Rocker „Starts With You“ kommen die Braun Brüder von Micky And The Motorcars beziehungsweise Reckless Kelly in den Sinn, was für die Qualität des Titels spricht.

Ebenfalls zu den flotteren Stücken zählt „Brightleaf Burley“, dem Barham nochmal einen leichten Country-Einschlag mitgibt. Mit dem längeren instrumentalen Ausklang, ein vergleichbarer findet sich auch bei dem Opener „Me + Mine (Lamentations)“, bringt Barham eine neue Variation in sein Songwriting, die mir bislang auf den Werken von American Aquarium nicht so deutlich aufgefallen ist.

Eine fast intime Stimmung erzeugt die Klavierbegleitung zu Beginn von „The Day I Learned To Lie To You“. Mit dem Einsetzen der kompletten Band gewinnt das Stück dann an Dynamik. Die Songs tragen die typische Handschrift von American Aquarium, bleiben aber voneinander unterscheidbar, sodass „Lamentations“ die Spannung durchgehend aufrechterhält. Neben sanfteren Titeln sind ebenso kraftvoll arrangierte wie das hervorragende „Before The Dogwood Blooms“ vertreten.

Kurz bevor ich American Aquarium 2017 live sah, wurde die Band nahezu komplett umgebaut und vor allem in den letzten Jahren herrschte wenig Kontinuität in der Besetzung. Seit der Gründung von American Aquarium 2005 begleiteten circa 30 Musiker im Wechsel den Frontmann und Songschreiber BJ Barham. Während Gitarrist Shane Boeker schon auf „Things Change“ (2018) mit von der Partie war, sind Alden Hedges (Bass), Rhett Huffman (Keys), Neil Jones (Pedal Steel) sowie Ryan Van Fleet (Schlagzeug) neu hinzugestoßen.

Auf jeder CD von American Aquarium finden sich tolle Stücke. Da bildet auch „Lamentations“ keine Ausnahme. Darüber hinaus überzeugt der Longplayer als homogenes Gesamtwerk und ist hinsichtlich Songwriting und Produktion, bei der Shooter Jennings mitmischte, eine Nuance ausgereifter als beispielsweise der Vorgänger „Things Change“. Neben den kürzlich erschienen Scheiben von Brian Fallon und Lucinda Williams beweist BJ Barham mit seinem durchweg empfehlenswerten Bandalbum, wie abwechslungsreich das Americana-Genre sein kann.

New West Records/Pias – Rough Trade (2020)
Stil: Americana, Rock/

Tracks:
01. Me + Mine (Lamentations)
02. Before The Dogwood Blooms
03. Six Years Come September
04. Starts With You
05. Brightleaf Burley
06. The Luckier You Get
07. The Day I Learned To Lie To You
08. A Better South
09. How Wicked I Was
10. The Long Haul

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New West Records
Pias – Rough Trade
Oktober Promotion

Lucinda Williams – Good Souls Better Angels – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die Grande Dame der Americana- und Country-Music Lucinda Williams legt mit „Good Souls Better Angels” ein Album vor, das Kritiker lieben werden, bei dem jedoch fraglich ist, ob es Anklang beim breiten Publikum findet. Mit diesem Phänomen hatte Williams bereits in der Anfangszeit ihres musikalischen Schaffens zu kämpfen.

Vor über vierzig Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Longplayer, einen kommerziellen Durchbruch erzielte sie aber erst zwei Dekaden später mit „Car Wheels On A Gravel Road“ (1998). Auf die Musikerin bin ich erstmals durch ihr Duett mit Steve Earle „You’re Still Standing There“ aufmerksam geworden, das sich auf seiner CD „I Feel Alright“ (1996) findet. Ray Kennedy, der mit Earle das Produzententeam The Twangtrust bildet, produzierte sowohl Williams Erfolgsalbum als auch das neue „Good Souls Better Angels” mit. Seit der Jahrtausendwende bringt Williams regelmäßig neues Material heraus.

Unter ihren Kollegen ist die dreifache Grammy-Gewinnerin sehr beliebt, was ihre Vielzahl an Kollaborationen beweist. Sie veröffentliche Tracks mit ganz unterschiedlichen Künstlern wie Julian Dawson, Nanci Griffith, Bruce Cockburn, John Prine, Sue Foley, Colin Linden, Elvis Costello, Willie Nelson, North Mississippi Allstars, Michael Monroe, Amos Lee, Blackie & The Rodeo Kings und Tom Russel.

„Good Souls Better Angels” ist ein atmosphärisch finsteres, aber faszinierendes Album. Schien bei den früheren Longplayern diese Seite von Williams Songwriting immer wieder durch, verfolgt sie die dunklen Töne auf ihrer aktuellen CD nun konsequent. Sie bearbeitet in ihren Songs das Leiden an der Welt, Depressionen und psychische Belastungen auf der einen Seite, Durchhaltevermögen und Hoffnung auf der anderen. Inspiration holte sich Williams bei dem Werk von Leonard Cohen und Nick Cave. Die Tracks bewegen sich tatsächlich zwischen diesen musikalischen Polen.

Bei einem Drittel der Stücke zelebriert – bei „Good Souls” über siebeneinhalb Minuten – Williams einen getragenen, melancholischen Americana, der durch ihren Gesang rau und unmittelbar klingt. Mal singt sie leicht gebrochen („Big Black Train“, „When The Way Gets Dark”), mal leiernd („Shadows & Doubts“), aber immer passend und intensiv.

Bei „Man Without A Soul” legt sie etwas Samt in ihre Stimme, die sich hier stellenweise nach Tanita Tikaram anhört. Auf „Pray The Devil Back To Hell” klingt Williams hingegen wie ein weiblicher Tom Waits. Zusammen mit „Bad New Blues” spiegeln die beiden Stücke die bluesige Seite der Scheibe wider.

„You Can’t Rule Me“ eröffnet als treibend-rollender Blues Rock das Werk. In gemäßigtem Tempo rockt „Big Rotator”, härter geht es mit „Down Past The Bottom” zur Sache. Nicht nur bei den Rocksongs sind die starken Gitarren hervorzuheben, denen viel Raum auf dem Album gegeben wird. Kräftige Riffs, zerrende Rückkopplungen sowie angemessen lange Soli passen sich hervorragend in die Songs ein und ergänzen so den ungeschliffen wirkenden Gesang.

Einen beinah rotzigen Slang legt Williams bei dem experimentelleren „Wakin‘ Up“ an den Tag. Dieser – in Kombination mit expressiven Gitarren und unterlegt mit einem Rhythmus, der dem Hip Hop entliehen scheint – macht den Song zu einem besonders hervorstechenden auf dem Werk. Ebenso bemerkenswert ist „Bone Of Contention”, das Williams mit einer für sie ungewohnten Punk-Attitude performt, durch die ein Vergleich mit Patti Smith nicht fern liegt.

„Good Souls Better Angels” ist ein spannendes Meisterwerk der Amerikanerin. Mutig und souverän bewegt sich Lucinda Williams in Americana-, Rock- und Bluesgefilden. Neben ausgereiften Melodien machen kraftvolle Rhythmen und krachende Gitarren, verbunden durch den ausdrucksstarken und variationsreichen Gesang, das Album zur ersten großen Überraschung des Jahres.

Highway 20/Thirty Tigers (2020)
Stil: Americana, Rock, Blues/

Tracks:
01. You Can’t Rule Me
02. Bad News Blues
03. Man Without A Soul
04. Big Black Train
05. Wakin‘ Up
06. Pray The Devil Back To Hell
07. Shadows & Doubts
08. When The Way Gets Dark
09. Bone Of Contention
10. Down Past The Bottom
11. Big Rotator
12. Good Souls

Lucinda Williams
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

The White Buffalo – On The Widow’s Walk – CD-Review

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Review: Michael Segets

Manche werden The White Buffalo kennen, weil er einige Songs zu den Fernsehserien „Californication” und „Sons Of Anarchy” beisteuerte. Hinter The White Buffalo verbirgt sich Jake Smith, der dachte, dass ein Künstlername einprägsamer sei als sein eigener. Für sein zehntes Werk „On The Widow’s Walk“ konnte er Shooter Jennings für den Produzentenstuhl gewinnen. Das insgesamt stimmige Album wurde in weniger als einer Woche eingespielt.

Die Scheibe fängt mit „Problem Solution“ erdig rockend an. Smith nimmt in der Mitte des Stücks das Tempo raus, sodass ich beim ersten Hören dachte, dass er eine Bridge einstreut. Allerdings zieht sich die Passage dann bis zum Schluss hin. Der Titel hätte der beste auf der Scheibe werden können.

So rückt das aggressive „Faster Than Fire“ mit scheppernden Schlagzeug und quietschenden Gitarren auf den Spitzenplatz unter den flotten Stücken. Neben den beiden Songs, die als Double-A-Side-Single – einem mir bis dato unbekannten Format – erschienen sind, findet sich mit dem gradlinigen, rootsigen „No History“ ein dritter Rocker auf dem Longplayer.

Anders als die Single vermuten lässt, liegt der Schwerpunkt der CD auf gefälligen Balladen, bei denen The White Buffalo seinen geschmeidigen Bariton geschickt in Szene setzt. Sehr gefühlvoll („Sycamore”), manchmal ein bisschen pathetisch („The Drifter”), manchmal mit langgezogenem, schmachtendem Gesang („Cursive“) erzählt Smith seine Storys. Mein Favorit ist hier das mit Geigen untermalte „I Don’t Know A Thing About Love”. Wie bereits bei einigen vorangegangenen Tracks sitzt Shooter Jennings auch bei dem letzten Stück der Scheibe am Klavier.

Musikalisch vielleicht interessanter sind das reduzierte „River Of Love And Loss“ und die erste Video-Auskopplung „The Rapture“. Dieser Song verströmt eine dunkle Atmosphäre und entwickelt eine Spannung, die sich mit dem Einsatz krachender Gitarrenriffs und anschließendem Wolfsgeheul entlädt.

Das dramatische „Widow’s Walk“ lässt sich ebenso wie „Come On Shorty”, das hingegen locker und entspannt daherkommt, im unteren Midtempo verorten. Beides sind gelungene Nummern, die zeigen, dass sich The White Buffalo souverän zwischen sanft und rockig in allen Tempobereichen der Roots Music bewegt.

Der in Oregon geborene und in Kalifornien lebende Jake Smith – alias The White Buffalo – verfügt über eine angenehme Stimme, die auf „On The Widow’s Walk“ sehr gut zur Geltung kommt. Die überwiegende Anzahl der Titel sind Mainstream-taugliche Balladen, die gelegentlich einen leichten Country-Einschlag aufweisen. In dieser Kategorie landet The White Buffalo ein paar Treffer.

Wenn er das Tempo anzieht oder – wie auf seinem ersten Video – mutigere Töne anschlägt, liegt die Quote der bemerkenswerten Stücke höher. Die vorab ausgekoppelten Stücke gehören zu den Highlights des Albums, das als Gesamtwerk gut hörbar ist. Durch ein paar zusätzliche Kanten in manchen Songs hätte es jedoch noch an Kontur gewinnen können.

Snakefarm Records/Universal Music Group (2020)
Stil: Americana, Rock

Tracks:
01. Problem Solution
02. The Drifter
03. No History
04. Sycamore
05. Come On Shorty
06. Cursive
07. Faster Than Fire
08. Widow’s Walk
09. River Of Love And Loss
10. The Rapture
11. I Don’t Know A Thing About Love

The White Buffalo
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Snakefarm Records
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Lukas Nelson & Promise Of The Real  – Naked Garden – CD-Review

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Review: Michael Segets

Wahrscheinlich hat Lukas Nelson den SoS-Review seiner letztjährigen CD „Turn Off The News (Build A Garden)“ gelesen und die dort geäußerte Kritik, dass das Album streckenweise überproduziert wirkt, beherzigt. Mit „Naked Garden“ schieben Lukas Nelson & Promise Of The Real eine erdigere Scheibe nach, die alternative Versionen von Tracks des Vorgängeralbums und neun Stücke umfasst, die es seinerzeit nicht auf den Tonträger geschafft hatten.

Die Truppe erwischte während der sechstägigen Session in den Shangri-La Studios, Malibu, wohl einen produktiven Lauf. Nachdem „Turn Off The News (Build A Garden)“ erschienen war, blieb daher der Eindruck zurück, dass noch ein Epilog zu dem Album nötig wäre, der die Stimmung und die Energie wiedergibt, die im Studio die Band erfasste.

So sind einige Lacher, Unterhaltungen und Nebenbemerkungen konsequenter Weise auch nicht weggeschnitten worden. Die musikalische Perfektion stand bei „Naked Garden“ nicht im Vordergrund, wobei klangtechnisch keine Einschränkungen gemacht wurden. Produziert hat die Schiebe wieder John Alagia. „Bad Case“ ist in einer frühen Version vertreten.

Das Rockstück ist deutlich rootsiger als auf der zuvor erschienen Scheibe und nun vollständig überzeugend. Das stripped down Arrangement der erneut veröffentlichten Titel funktioniert gut. Die neuen Versionen haben durchgängig die Nase gegenüber den vorangegangenen vorn. Dies gilt sowohl für „Out In LA“, das sowieso zu meinen Favoriten zählte, als auch für „Civilized Hell“. Der Song ist sogar in einer rockigen und einer akustischen Interpretation auf „Naked Garden“ zu finden. „Stars Made Of You“ und „Where Does Love Go“ sind auch besser als vorher, gehören aber immer noch nicht zu den starken Stücken von Lukas Nelson & Promise Of The Real.

Die minimalistische Produktion verhindert den süßlichen Beigeschmack nicht, den Lukas Nelson & Promise Of The Real oftmals ihren Titeln des unteren und mittleren Tempobereichs hinzufügen. Befindet sich „Movie In My Mind“ auf der Grenze zum Schmalz, überschreitet Nelson diese bei „Focus On The Music“ oder „Fade To Black“. Im Dreivierteltakt walzt sich die Band durch „The Way You Say Goodbye“ als Hommage an den frühen Country der fünfziger und sechziger Jahre.

Percussion und Rhythmusarbeit auf den locker rockigen Nummern „Back When I Cared“ und „Couldn’t Break your Heart“ stechen besonders hervor. Diese sind ebenfalls beim souligen „My Own Wave“ auffällig, wobei das Stück einen funkigen Einschlag hat. Noch deutlicher wird die Funk-Anleihe beim Jam „Speak The Truth“. Der Song bleibt aber melodiös und erdig. Er stellt sicherlich einen der besten Originalbeiträge auf der CD dar, der die Atmosphäre im Studio gelungen transportiert.

Neben der alternativen Version von „Bad Case“ ist das neue „Entirely Different“ das Highlight des Albums. Das über siebenminütige Southern-Epos eröffnet den Longplayer mit klasse Gitarre und stimmigen Tempowechseln.

Der Verzicht auf große Arrangements auf „Naked Garden“ macht sich bezahlt. Der erdigere Sound steht Lukas Nelson & Promise Of The Real sehr gut zu Gesicht. Der Nachschlag zu „Turn Off The News (Build A Garden)” übertrifft daher den vorangegangenen Hauptgang. Dabei zeigt sich erneut, dass die Stärke der Band in den rockigeren Tönen liegt.

Fantasy Records (2020)
Stil: New Country/Rock

Tracks:
01. Entirely Different
02. Civilized Hell (Alternate Version)
03. Back When I Cared
04. Movie In My Mind
05. Focus On The Music
06. My Own Wave
07. Fade To Black
08. Out In LA (Extendend Version)
09. Couldn’t Break Your Heart
10. Speak The Truth
11. Civilized Hell (Acoustic Version)
12. Bad Case (Alternate Version)
13. Stars Made Of You (Alternate Mix)
14. Where Does Love Go (Alternate Mix)
15. The Way Your Say Goodbye

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Oktober Promotion

Brian Fallon – Local Honey – CD-Review

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Review: Michael Segets

Nach einigen eher durchwachsenen Neuerscheinungen im Americana-Bereich, erscheint mit „Local Honey“ von Brian Fallon das erste herausragende Album 2020 dieses Genres, das vollständig überzeugt. Mit The Gaslight Anthem feierte Fallon große Erfolge. Er – wie Bruce Springsteen in New Jersey geboren – stand schon mit dem Boss auf der Bühne. Seit 2016 wandelt der Heartlandrocker auf Solopfaden und schaut bereits auf die beiden Alben „Painkiller“ (2016) und „Sleepwalkers“ (2018) zurück.

„Local Honey“ schlägt nun neue Wege ein. Hinsichtlich der Produktion verabschiedet sich Fallon von dem Major-Vertrag bei Universal und veröffentlicht die CD auf seinem eigenen, vor Kurzem gegründeten Label Lesser Known Records. Konzeptionell wählt er einen ruhigeren Grundton und schraubt damit die aggressiveren Elemente seiner bisherigen Veröffentlichungen zurück, ohne seine Wurzeln zu verleugnen, die nun mal im Rock liegen. Dies bedeutet aber nicht, dass er zahm geworden wäre.

Die Songs haben durchweg eingängige Melodien und entwickeln dank Fallons Gesang atmosphärische Dichte. So erlebt man Fallons Gefühlswelt von dem Opener „When You‘re Ready“, in dem er die Verbindung zu seiner heranwachsenden Tochter besingt, bis zu dem abschließenden Liebeslied „You Have Stolen My Heart“ nach. Inhaltlich wollte sich Fallon auf dem Album ganz mit der Gegenwart auseinandersetzen.

Er verzichtet daher in seinen Texten auf die Aufarbeitung der Vergangenheit oder die Entwicklung von großen Zukunftsplänen. Zurzeit scheint er in eine situierte Lebensphase eingetreten zu sein, in der seine Gefühlslage zu weniger aufwühlenden, aber dennoch intensiven Songs führt.

Das erstklassige „Vincent“ ist der reduzierteste Beitrag auf der CD und damit ein Americana-Stück in Reinform. Mit ihm betritt Fallon Neuland. Auch beim starken „I Don*t Mind (If I‘m With You)“, bei „Horses“ und „Hard Feelings“ zeigt er, dass seine Songs stripped down funktionieren. Etwas opulenter inszeniert sind „21 Days“ sowie „Lonely For You Only“, die sich auf seinen vorherigen Rockalben ohne Bruch einfügen würden.

Auch die vergleichsweise ruhigen Töne, die Fallon auf der CD anstimmt, werden von einem kräftigen Rhythmus getragen. So sind alle Songs dynamisch und viele bleiben durch später einsetzende Instrumente besonders spannend. Die Variationen in Fallons Stimme tragen ihr Übriges dazu bei, dass keine Langeweile aufkommt. Seine Songs auf „Local Honey“ treffen ins Mark.

Die wunderbaren Melodien in Kombination mit seinem ausdrucksstarken Gesang gehen ins Ohr und setzen sich dort fest. Bedauerlich ist lediglich, dass das Vergnügen Brian Fallon zu lauschen, nach einer guten halben Stunde schon vorbei ist. Aber dann lässt man die Scheibe halt nochmal durchlaufen.

Lesser Known Records/Thirty Tigers (2020)
Stil: Americana, Rock

Tracks:
01. When You’re Ready
02. 21 Days
03. Vincent
04. I Don’t Mind (If I’m With You)
05. Lonely For You Only
06. Horses
07. Hard Feelings
08. You Have Stolen My Heart

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Oktober Promotion

Broken Witt Rebels – OK Hotel – CD-Review

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Mit den Broken Witt Rebels verbinde ich aktuell zunächst die Erinnerung an ihren guten Auftritt 2017 als Support von The Cadillac Three im Kölner Luxor. Damals kristallisierte sich schon die markante Stimme ihres Fronters Danny Core als echtes Pfund heraus, auch ihre Stücke hoben sich angenehm von dem ab, was man in der Regel so von Vorbands serviert bekommt.

Im Jahr danach bezeichnete sie der Kollege Skolarski beim Review ihrer Debüt-CD als die britische Antwort auf die Kings Of Leon. Interpreten wie The Gaslight Anthem, Rival Sons, Kaleo oder die Alabama Shakes werden weiterhin als Bezugsgrößen zu ihrer Musik genannt.

Was mir hier sofort auffällt ist, dass auf dem neuen Longplayer „OK Hotel“ Jaren Johnston von besagten The Cadillac Three, einen bleibenden Eindruck beim Quartett, bestehend aus Danny Core (vocals), James Tranter (guitar), Luke Davis (bass), James Dudley (drums), hinterlassen zu haben scheint.

Zu dessen Art, Stücke zu kreieren und auch zu strukturieren, entdecke ich viele Parallelen, wie es zum Beispiel beim Opener  „Running With The Wolves“ (sehr schön dynamisch), „Caught In The Middle“, „Give It Up“ und „Love Drunk“ recht gut, allerdings weniger amerikanisch, in den überwiegend eingängigen Refrains, zum Ausdruck kommt.

Bei den Broken Witt Rebels schlagen dann aber doch eher die britischen Wurzeln durch, gerade das E-Gitarrenspiel von Tranter, hat deutlich keltischeren Charakter, oft blinzelt auch das U2-typische Heartland-Flair hindurch. Die meisten Tracks auf dem von Dwight Baker (The Wind And The Wave) in Austin, Texas, produzierten Werk folgen dem Schema, atmosphärisches Midtempo in den Strophen, emotionaler Refrain (mit starker energiegeladener Core-Stimme), dazu ein paar, recht simpel gehaltene E-Gitarren-Soli.

Vereinzelt wird auch Sozialkritik verarbeitet wie man es schon bei den Titeln wie „Money“ (schöner Rock-Stampfer) oder dem wütenden „Rich Get Richer“, erahnen kann.

Am Ende einer hörenswerten Scheibe zollen sie der Verbundenheit zu ihrer Heimatstadt Tribut, da heißt es: „And in Birmingham is where I found my feet, and in Birmingham is where I’ll lose my teeth.“ Angespielt wird hier allerdings nicht auf das Laufen lernen oder die Milchzähne, sondern auf die innerstädtische Rivalität der Fußballs Clubs Aston Villa und Birmingham City. Hier ist dann auch mal eine schöne Akustikgitarre präsent. Aus meiner Sicht der beste Track.

Die CD kommt in einem doppelseitigen Pappschuber mit eingelegtem Booklet, das alle Texte zu den Liedern beinhaltet.

Sollte der Corona-Virus nicht weiterhin den Interpreten, Veranstaltern, Clubs und Konzertbesuchern einen Strich durch die Rechnung machen, kann man das britische Quartett bei uns in Deutschland zu folgenden Terminen aufsuchen:

27.04.2020 (DE) Hamburg – Nachtwache
28.04.2020 (DE) Köln – Blue Shell
29.04.2020 (DE) Berlin – Musik & Frieden

Snakefarm Records – Universal Music (2020)
Stil: Rock

01. Running With The Wolves
02. Money
03. OK Hotel
04. Caught In The Middle
05. Take You Home
06. Broken Pieces
07. Save My Life
08. Give It Up
09. Around We Go
10. Fearless
11. Love Drunk
12. Rich Get Richer
13. Birmingham

Broken Witt Rebels
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WellBad – 26.02.2020, Musiktheater Piano, Dortmund – Konzertbericht

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Donnerstag Abend, strömender Regen, Deutschland im Würgegriff von Corona und dennoch finden etwa 150 Fans den Weg ins Piano zum ersten WellBad-Konzert in dieser Location.

Unter sphärischer Musik vom Band betreten die Musiker die Bühne und Daniel Webat begrüßt auf eindrucksvolle Weise dramatisch und psychedelisch die Besucher, und erzählt, was sie an dem Abend erwarten werde. Beeindruckend wie er durch seine schauspielerische Leistung, dabei alle in seinen Bann zog.

Im weiteren Verlauf stellte er zwischen aber auch während der Songs wild gestikulierend, zuweilen mit diabolisch rollenden Augen, immer wieder den Kontakt her. Famos dabei seine Stimmgewalt, mit der er vermutlich in vielen Musikgenren Fuß fassen könnte.

Mit dieser Fähigkeit ist auch das Besondere der Band aus Hamburg beschrieben, die so richtig in keine musikalische Schublade passt, was auch nach Aussage vom Drummer Jonas vom Orde, Fluch und Segen zugleich sein kann. Als was soll die Band angekündigt werden? Es finden sich in den Songs Elemente vom Blues, Rock, Jazz, Hipp Hop und einiges mehr wieder. WellBad versuchen mit ihrem eigenen Stil ihren Weg zu finden, ohne sich in irgendein Korsett pressen zu lassen.

Und da sind wir auch direkt beim Segen, der sich auch an diesem Abend zeigte. Das Konzert entwickelte von Beginn an eine enorme Dynamik und die Band überraschte mit verschiedensten Stilen auch innerhalb der einzelnen Songs, dass gar nicht die Chance war, in einem Einheitsbrei wegzudösen. Dies wäre auch spätestens bei einem der Urschreie Welbats unmöglich gewesen, mit dem er auch jeden Virus hätte vertreiben können.

Diese Durchmischung ist aber nur möglich durch die hohe Qualität der einzelnen Musiker. Arne Vogeler bearbeitete seine Gitarren in bester Hard Rock-Manier, aber auch in der Art großer Bluesgitarristen. Stefan Reich, das Tier am Bass, ständig in Bewegung, ließ seine Finger, auch in einem starken Solo, über den Bass gleiten, wobei er immer den passenden Ton traf.

Glänzend auch seine Einlagen am Kontrabass. Sein Partner in der Rhythmussektion, Jonas vom Orde bearbeitete seine Drums von ruhig gefühlvoll bis hin zu ekstatisch, als wenn er seine Drums in Kleinholz zerschlagen würde. Beeindruckend dabei sein mehrminütiges Solo zum Ende der Show. Joachim Refardt, der im Studio auch die Trompete spielt, konnte sich live ganz auf seine Tasteninstrumente konzentrieren, da die Band von einem Bläsertrio unterstützt wurde, welches den Songs nochmals eine größere Fülle gaben.

Insgesamt begeisterten WellBad im knapp zweistündigen Konzert die Besucher restlos, wobei für mich die blueslastigen Stücke wie „Mountain“, „Coalmine“ und das schon fast in einer Jamsession endende „Patience“ als letzte Zugabe die Höhepunkte waren.

Wer sich nicht nur stur auf eine Musikrichtung beschränkt und Spaß daran hat, wie eine Band verschiedenste Genres letztendlich in einem ganz eigenen Stil verknüpft, wird bei WellBad bestens aufgehoben sein. Man wird in Zukunft noch einiges von den Hanseaten erwarten können.

Ein Dank wieder einmal an das Team vom Piano für die problemlose Akkreditierung, welches auch jungen Bands die Chance gibt, sich angemessen zu präsentieren. Man sollte auf jedem Fall die Veranstaltungsvorschau vom Musiktheater Piano und von 3dog Entertainment studieren, da kommt in diesem Jahr noch einiges auf den Musikliebhaber zu!

Daniel Welbat – Vocals & Acoustic guitar
Joachim Refardt – Keys & Trumpet
Arne Vogeler – E-Guitar
Stefan Reich – Bass
Jonas vom Orde – Drums

Text und Bilder: Gernot Mangold

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