Nick Lowe – Lay It On Me – EP-Review

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Review: Michael Segets

Der englische Musiker und Produzent Nick Lowe taucht bestimmt irgendwo in der gut sortierten Rocksammlung auf, selbst wenn dort kein Album von ihm vertreten ist. Als Bassist bei Little Village veröffentlichte er mit John Hiatt, Ry Cooder und Jim Keltner 1982 ein Album. Er spielte mit einer Vielzahl von Künstlern und Bands wie Dave Edmunds, Rockpile, John Lee Hooker, Tanita Tikaram, Blackie And The Rodeo Kings oder Wilco.

Seine Songs wurden von etlichen Interpreten aufgenommen. Seine Exfrau Charlene Carter, Johnny Cash, Diana Ross, Linda Ronstadt, The Mavericks, George Thorogood, Rod Stewart, Simple Minds – um nur einige zu nennen – gehören dazu. Auch seine Liste als Produzent ist lang. Beispielsweise Werke von Graham Parker, Dr. Feelgood, The Fabulous Thunderbirds oder von The Pretenders wurden von ihm betreut. Vor allem mit Elvis Costello arbeitete er über acht Alben hinweg zusammen. Dieser machte den von Lowe geschriebenen Song „(What`s So Funny ‘Bout) Peace, Love And Understanding” zu einem Hit.

In der Musikszene hat der einundsiebzigjährige Lowe unabhängig von seinen sechzehn eigenen Alben also deutliche Spuren hinterlassen. Vor sieben Jahren veröffentlichte er seinen bislang letzten im Studio eingespielten Longplayer. 2018 folgte die EP „Tokyo Bay“. Mit der EP „Lay It On Me“ gibt Lowe nun erneut ein Lebenszeichen von sich.

Gemeinsam mit den Los Straitjackets spielte er drei Songs ein. Die beiden Eigenkompositionen „Lay It On Me Baby” und „Don’t Be Nice To Me” ergänzt „Here Comes That Feeling”, das von Dorsey Burnette geschrieben und durch die Version von Brenda Lee bekannt wurde. Im Stil des 50er Jahre Rock ’n Roll gehalten und mit einer Prise Soul gewürzt verströmen die Stücke einen angenehmen Retro-Charme.

Schließlich findet sich noch eine instrumentale Interpretation von „Venus“ auf der EP. Dem Song von Shocking Blue, der durch Bananarama in den Achtzigern ein Revival erlebte, geben Los Straitjackets einen Surf-Rock-Anstrich. Den Titel hat Lowe lediglich produziert.

Mit seinen knapp zwölf Minuten stellt „Lay It On Me” ein kurzes Vergnügen dar. Die Fans von Nick Lowe wird das neue Material aber dennoch freuen. Die unverkrampften Songs sind wunderbar geeignet, einen lockeren und entspannten Sommerabend auf der Terrasse einzuläuten.

Yep Roc Records (2020)
Stil: Rock

Tracks:
01. Lay It On Me Baby
02. Don’t Be Nice To Me
03. Here Comes That Feeling
04. Los Straitjackets – Venus

Nick Lowe
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Yep Roc Records
Redeye Worldwide

The Jayhawks – XOXO – CD-Review

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Review: Michael Segets

„Hollywood Town Hall“ zählt zu den Meilensteinen des Alternative Country. Das 1992er Album steht als einziges der Jayhawks in meinem CD-Regal. In manche der nachfolgenden Alben hörte ich nur noch sporadisch rein. The Jayhawks entfernten sich mit den Jahren tendenziell von der Roots Music und gingen in eine poppigere Richtung. „XOXO“ läutet dahingehend keine Wende kein. Neu ist hingegen, dass die Bandmitglieder neben Frontmann und Gitarrist Gary Louris nun mehr in Erscheinung treten.

Karen Grotberg (Keys), Marc Perlman (Bass) und Tim O’Reagan (Drums) sind alle mit eigenen Kompositionen auf dem neuen Werk vertreten und übernehmen auch die Lead Vocals. Grotberg zeichnet für die beiden Balladen „Ruby“ und „Across My Field“ verantwortlich, bei denen dann entsprechend das Klavier die Begleitung dominiert. Perlman steuert den folkorientierten Titel „Down The Farm“ bei.

Für die schnelleren Töne ist O’Reagan („Society Paper“) zuständig. Bei dem straighten „Dogtown Days“ rockt er mit stampfendem Rhythmus los. Neben dem Opener „This Forgotten Town“, bei dem er sich mit Louris am Mikro abwechselt, stellt es das stärkste Stück auf dem Album dar. Die Jayhawks haben die beiden Songs als Singles ausgekoppelt und damit die richtige Entscheidung getroffen.

Ebenfalls auf das Konto von Louris und O‘Reagan geht „Little Victories“, bei dem Louris exzellente Arbeit an der Gitarre leistet. „Living In A Bubble“, das entfernt an die Beatles erinnert, und „Homecoming“ verfasste Louris im Alleingang. Die Songs sind ziemlich poppig geraten und vor allem das letztgenannte Stück fällt mit seinen hohen Gesangseinlagen sowie dem experimentellen Ende ab. Auch mit dem süßlich beginnenden „Illuminate“ kann ich mich nicht so richtig anfreunden. Die Midtempo-Nummer „Bitter Pill“ und der folkige Abschluss „Looking Up Your Number“ hinterlassen dann aber nochmals einen positiven Eindruck.

The Jayhawks präsentieren sich auf „XOXO“ als Band mit gleichberechtigten Mitgliedern. Durch den wechselenden Leadgesang verfolgen sie ein Konzept, das in dieser Konsequenz bei den US Rails schon bestens funktioniert. Der ausgiebige Einsatz mehrstimmiger Harmonien ist den beiden Truppen ebenso gemeinsam. Vom Sound sind sie aber bei den meisten Titel meilenweit voneinander entfernt.

Die zwei ersten Tracks bilden einen starken, erdigen Einstieg, danach bewegt sich „XOXO“ überwiegend in etwas überladenen Pop-Rock-Gefilden. Dabei finden sich ein paar gelungene Titel, daneben aber auch anstrengendere Arrangements. Beim letzten Song, im Wesentlichen auf die Begleitung durch die akustische Gitarre reduziert, zeigen die Jayhawks dann doch nochmal ihr Händchen für gefühlvolle Melodien. Statt es in Gänze durchlaufen zu lassen, bietet sich das Album also dafür an, sich die Highlights herauszupicken.

Sham Records – Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Rock/Pop

Tracks:
01. This Forgotten Town
02. Dogtown Days
03. Living In A Bubble
04. Ruby
05. Homecoming
06. Society Pages
07. Illuminate
08. Bitter Pill
09. Across My Field
10. Little Victories
11. Down To The Farm
12. Locking Up Your Number

The Jayhawks
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Robin Trower – Living Out Of Time – Vinyl-Review

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Review: Gernot Mangold

Zeitgleich zum „20th Century Blues“-Album hat Repertoire Records mit „Living Out Of Time“ ein zweites Trower-Werk erstmals auf Vinyl re-releast. Dieses, 2003 ursprünglich veröffentlicht, ist ein Bluesalbum, das aber rockiger ist als das zuvor beschriebene, was neben der Vielseitigkeit Trowers, auch an der veränderten Besetzung der Mitspieler liegen mag.

Begleitet wird er diesmal von Dave Bronze (Procul Harum, Dr. Feelgood, Eric Clapton, Tom Jones, Art Of Noise) am Bass, Pete Thompson (Ken Hensley Ex-Uriah Heep, Pete Haycock Ex-Climax Blues Band, Robert Plant) an den Drums und Davey Pattison (Michael Schenker), der die Lead Vocals beisteuert.

Schon beim Opener, dem rockigen „What’s Your Name“ zeigt sich, dass Davey Pattison mit seiner sehr klaren Stimme einen anderen Charakter in die Stücke als Livingston Brown bringt und sich Trower hier eher den klassischen Rock hingibt, was ihm aber auch exzellent gelingt.

Dem ebenfalls rockigen „Step Into The Sun“ folgt mit „Another Time, Another Place“ der erste Bluessong, der sehr melodisch, ruhig, zuweilen manchem melancholischen Clapton-Song ähnelt, dem sich nahtlos „Sweet Angel“ anschließt. Leicht funkig ist der Einstieg in „Please Tell Me“, bis dann Pattison mit seiner harmonischen Stimme eine gewisse Ruhe in den Track bringt, die Trower aber immer wieder mit kurzen Gitarrensoli durchbricht, welche zuweilen auch an Hendrix erinnern.

In „One Less Victory“ begibt sich Trower mit seiner Band wieder eher in eine balladeske Richtung nach Muster alter britischer Rockbands. „Ain’t Gonna Wait“ ist dann ein weiterer ruhiger Rocksong. Beim Titellied „Living Out Of Time“ wird es wieder bluesiger und rauher. Trower stimmt härtere Töne an und auch die Soli nehmen wieder mehr Fahrt auf.

„The Past United“ ist wieder ein schöner harmonischer Bluessong, stimmlich einem Clapton ähnelnd, der aber von Arrangement her eher in Richtung „Angel“ von Jimi Hendrix schwelgt. Die besten Stücke in einem durchweg starken Album hat Trower sich aus meiner Sicht zum Ende des Albums aufgehoben. Erst das raue, bluesige „You Still Come Back“ mit eingängigen Refrain im Midtempo und zum Ende das etwa 10-minütige „I Want To Take You With Me“, ein balladesker ruhiger Bluesrocksong, in dem alle Musiker noch einmal ihre Extraklasse ausweisen.

Trower offeriert hier, dass er auf den Punkt, auch ohne Highspeed, Akzente setzen kann. Das Artwork entspricht dem Originalcover, schön ist, dass auf einem doppelseitigen Inlay auf der einen Seite ein Bild Trowers und auf der anderen Seite ein längerer Text, Einblicke in Trowers Schaffenzeit gibt. Optimal wäre allerdings ein zweiseitiges Booklet gewesen, sodass die Schriftgröße angenehmer wäre.

Was den Vinyl-Liebhaber auch erfreuen wird, ist dass die Schutzhülle für die Scheibe nicht wie so oft aus Karton oder harten Papier ist, sondern das Papier innen mit glatten Kunststoff beschichtet ist, was ein schonender Faktor ist. Den letzten Song „I Want To Take You With Me“ kann man auch als Einladung sehen, sich dieses Album zuzulegen. Ich denke, dass Trower, Blues- wie Classic Rock-Anhänger, mit diesem Werk mitnehmen wird.

Repertoire Records (2003/2020)
Stil: Blues (Rock)

Tracklist:
01. What’s Your Name
02. Step Into The Sun
03. Another Time, Another Place
04. Sweet Angel
05. Please Tell Me
06. One Less Victory
07. Ain’t Gonna Wait
08. Living Out Of Time
09. The Past United
10. You Still Come Back
11. I Want To Take You With Me

Robin Trower
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Repertoire Records
Brooke-Lynn Promotion

Neil Young – Homegrown – CD-Review

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Review: Gernot Mangold

„Endlich ein neues Album von Neil Young!“, werden die einen sagen, während die anderen vermutlich konstatieren, dass dem alten Mann nichts Neues einfällt, weil er jetzt ein Album auf den Markt bringt, das er vor etwa 47 Jahren einspielte, aber bis dato nie veröffentlichte, wenn man von einigen Songs absieht, die später auch auf dem legendären „Decade“-Werk einen Platz fanden.

Um es vorwegzunehmen, es war eine gute Idee, dieses Album doch noch zu veröffentlichen, was er aus persönlichen Gründen, die ihn damals belasteten, nicht tat.

Es hätte zu dieser Zeit sehr gut als stilistische Fortsetzung des Klassikers „Harvest“ dienen können. Nun zeigt es heute noch einmal die musikalisch sanfte Seite von Neil Young, die er später insbesondere mit seiner Begleitband Crazy Horse verließ, aber immer wieder auch live aufleben ließ.

In einem Brief auf seiner Webseite erklärt er die Hintergründe, warum das Album zunächst auf Masterbändern verstaubte, ehe das, wie er es selbst nannte, ‚entkommene Album‘, doch den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat. Wenn Neil Young dabei den Begriff ‚großartig‘ verwendet, ist dies nicht mit der Artikulierung eines berühmt-berüchtigten Amerikaners zu verwechseln…

Den Hörer erwarten zwölf starke Folkrocksongs, die in keinster Weise verstaubt wirken, sondern, bei denen es einfach Spaß macht, zuzuhören. Unterstützt wird er unter anderem von Levon Helm und Karl T Himmel an den Drums, sowie seinen Freunden Ben Keith (Steel- & Slideguitar), Tim Drummond (Bass) und Stan Szelest (Piano) sowie Robbie Robertson und Emmylou Harris.

Schon die ersten Klänge von „Seperate Ways“ zeigen Neil Youngs Songwriting-Stärke und ziehen den Zuhörer regelrecht in ihren Bann. Schöne Melodiebögen untermalen seinen Gesang und auch Keith kann an der Steelguitar glänzen, bis Neil das Lied mit der Mundharmonika ausklingen lässt. „Try“ setzt den ruhigen Trend fort, traumwandlerisch bewegt er sich, unterstützt von Emmylou Harris im Backgroundgesang, gefühlt durch die Weiten der Prärie.

Im kurzen „Mexico“ wird Young nur vom Piano assistiert und dieser kurzweilige Song überrascht durch einige gekonnte stilistische Übergänge. „Love Is A Rose“ ist den eingefleischten Fans bekannt. Tolle Harmonien, Wechsel von akustischer Gitarre und Mundharmonika als prägendes Instrument und dezentes, aber klar klar differenziertes Schlagzeugspiel und dazu Youngs Stimme, machen diesen Song aus.

Mit „Homegrown“, wo auch Robertson mitspielt, wird es etwas rauer, aber auch tanzbar. Dass Neil Young immer für Experimente oder Überraschungen zu haben ist, offeriert er bei „Florida“, wo er eine Geschichte erzählt und von futuristisch anmutenden, kaum definierbaren Klängen, begleitet wird.

Nach dem harschen Vorsong,  entführt der Kanadier mit „Kansas“ die Audienz wieder in seine damalige Welt der Folkrockmusik.

In „We Don’t Smoke It“ findet der Blues Einzug in den Longplayer, mit klasse Pianoparts und dem bekannten Youngschen Stil, die elektrische Gitarre zu bearbeiten.

„White Line“ kennen die Young-Fans vom „Ragged Glory“ Album. Man spürt hier außergewöhnliche Youngs Gabe, Tracks differenziert zu interpretieren: in der frühen Version auf diesem Album folkig im Stile von Songs wie „Comes A Time“, später härter, eben Crazy Horse-like. In beiden Versionen absolut hörenswert.

„Vacancy“ mit Harmonygesängen liegt nahe bei den früheren CSNY-Songs mit zum Teil härteren Gitarrenpassagen. Für mich einer der stärksten Songs auf dem Album.

Beendet wird die Platte von zwei alten Bekannten, die auch Platz auf „Decade“ gefunden haben. „Little Wing“ (mit schönen Harris-Harmonies) und „Star Of Bethlehem“ runden dieses Klassewerk ab.

Für Neil Young-Hardliner ist das Album natürlich ein Pflichtkauf. Musikliebhaber, die auf eher ruhige folkige Klänge stehen, erleben einen sich damals in Hochform befindlichen Protagonisten. Schön wäre es, wenn Young einige dieser Songs noch einmal in Europa in ein Set einbauen könnte.

Reprise Records (Warner) (2020)
Stil:  Folk, Rock

Tracklist:
01. Separate Ways
02. Try
03. Mexico
04. Love Is A Rose
05. Homegrown
06. Florida
07. Kansas
08. We Don’t Smoke It No More
09. White Line
10. Vacancy
11. Little Wing
12. Star of Bethlehem

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Oktober Promotion

Sammy Brue – Crash Test Kid – CD-Review

cover Sammy Brue - Crash Test Kid_300

Review: Gernot Mangold

Sammy Brue ist hierzulande noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. Nun ist der junge, aus Oregan stammende Musiker auf dem Weg dies zu ändern. Schon im zarten Alter von 10 Jahren begann er selbst Songs zu schreiben und benannte in der Vergangenheit Woody Guthrie als einen Künstler, der ihn sehr beeinflusste.

Mit „Crash Test Kid“ bringt er nun das dritte Album seiner noch jungen Karriere heraus, durfte sich aber im Frühjahr schon dem europäischen Publikum im Vorprogramm von Marcus King beweisen. Ich war selbst beim Konzert in der Kölner Kantine, kurz vor dem Coronacrash vor Ort und durfte erleben, wie Sammy Brue alleine, nur mit Akustikgitarre den Fans vor dem Marcus King-Gig, die Zeit mit einem erfrischenden Auftritt verkürzte.

Der eigentliche Höhepunkt für ihn, was auch seine Qualität untermalt, war, dass Marcus King ihn zum Neil Young-Klassiker „Down By The River“ im Zugabenteil mit auf die Bühne holte und sich dort auch Gesangparts mit ihm teilte.

Brue_ColNun aber zum neuen Album „Crash Test Kid“. Brue legt ein 11 Stücke umfassendes Werk vor, in welchem Americana- und Folk-Elemente überwiegen. Diese bringt der junge Musiker, passend zum Titel des Albums, mit jugendlicher Unbeschwertheit,  crashend und dynamisch auf die Platte. Schon den ersten Song „Gravity“ präsentiert locker, fast erzählend mit peppigen Zwischenpassagen. Ein einfacher schöner Folksong, in dem die Stimme und die akustische Gitarre in Vordergrund stehen.

Mit „Die Before You Live“ nimmt die Platte dann Fahrt auf. Stilistisch bleibt er auf seiner Grundlage Americana/Folk. Ein sehr einprägsames Songwriting begeistert, wobei es mich zuweilen an die alten Waterboys erinnert, was ich in dem Zusammenhang als Kompliment sehe.

Ähnlich geht es zunächst bei „Teenage Mayhem“ weiter, wobei schon nach kurzer Zeit auch durch die einsetzenden Begleitinstrumente richtig Schwung in den Song kommt. Ein furioser dynamischer Track, der zuweilen auch mit punkigem Einschlag rüberkommt. Für mich als Fan der alten New Model Army einer der Highlights des Albums, der live die Fans zum Tanzen bringen wird.

Mit „True Believer“ wird es in der Art alter amerikanischer Songwriter wieder ruhiger. „Pendulum Thieves“, wieder etwas schneller gespielt, zeugt auch davon, wie der junge Sammy Brue alle Instrumente harmonisch vereint und es ihm gelingt, eingängige Harmoniestrukturen zu erzeugen.

In „Crash Test Kid“, dem Titelsong, erzählt er eine Geschichte, wo er in den meisten Zeit nur vom Piano beleitet wird und durch später einsetzende Streichinstrumente ein fast schon orchestraler Sound erreicht wird, der auch in eine Rockoper passen würde. „Megawatt“ ist ein eingängiger gut tanzbarer leicht poppiger Folkrocksong.

„Fishfood“ ist erneut ein punkig angehaucht, der stimmlich fast anklagend daherkommt und je weiter er voranschreitet, an Dynamik zunimmt.
In „Skatepark Doomsday Blues“ ist das Grundelement passend zum Titel, der Blues, der in einigen Passagen Erinnerungen an „House Of The Rising Sun“ weckt. Ein tolles Songwriting, wo, ob bewusst oder unbewusst, auch auf Traditionelles zurückgegriffen wird, was für mich aber in keinen Fall einen Makel darstellt.

Auch bei „What You Give“ kann man zuweilen im Unterton „My Generation“ raushören. Der Song erinnert mich in weiten Passagen an damalige britische Größen aus der Zeit der Kinks oder The Who, transferiert in das heutige Americana. Zum Ende der Platte malt Sammy Brue mit „Paint It Blue“ noch einmal einen einfühlsames Folklied, um sein neues Werk eher bedächtig abzuschließen.

Fazit: Dem jungen Amerikaner Sammy Brue ist mit „Crash Test Kid“ ein starkes Folk-Americana Album gelungen, was bestätigt, dass mit ihm ein neuer Stern in diesem Musikgenre aufgegangen sein könnte. Man darf gespannt sein, wie es mit der Karriere des jungen Künstlers, auch in Europa, weitergeht. Im Frühjahr bewies er, dass er es auch live kann. Schön wäre, wenn er in absehbarer Zeit die Möglichkeit bekommt, sich dann mit Begleitband auf den hiesigen Bühnen zu präsentieren.

New West Records (2020)
Stil: Folk, Rock, Americana

Tracklist:
01: Gravity
02: Die Before You Live
03: Teenage Mayhem
04: True Believer
05: Pendulum Thieves
06: Crash Test Kid
07: Megawatt
08: Fishfood
09: Skatepark Doomsday Blue
10: What You Give
11: Paint It Blue

Sammy Brue
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Oktober Promotion

US Rails – Mile By Mile – CD-Review

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Review: Michael Segets

Vor einigen Jahren sah ich die US Rails in Essen noch als Quintett auf der Bühne. Nach dem Ausstieg von Joseph Parsons, machten die übrigen Bandmitglieder fleißig weiter. Sie tourten regelmäßig auch durch unsere Region, wo Sound-Of South sie zweimal in Wesel besuchte, und veröffentlichten Alben in hoher Taktzahl. Ein Freund, mit dem ich seinerzeit das Konzert in Essen erlebte, machte mich auf das sechste Studioalbum „Mile By Mile“ der US Rails aufmerksam.

Auf der vorangegangenen Scheibe „We All Been Here Before“ coverte die Truppe unter anderem Kompositionen von Jackson Browne, Neil Young, Warren Zevon, Fleetwood Mac, den Beatles und den Stones. In dem Spannungsfeld diesen Musik tummelt sich die Band seit ihrer ersten Veröffentlichung vor zehn Jahren. Besondere Markenzeichen der US Rails sind wechselnde Leadstimmen sowie mehrstimmige Harmoniegesänge.

Ben Arnold, Scott Bricklin, Tom Gillam und Matt Muir funktionieren als Team und obwohl jeder mindestens einen Song verfasste, kommt bei „Mile By Mile“ wieder ein Gesamtpaket ohne Brüche heraus. Im Vergleich zu den früheren Scheiben ist die neue etwas rockiger ausgerichtet und hat anders als „Ivy“, dem 2016er Album mit Eigenkompositionen, einen direkteren und erdigeren Sound.

Vor allem bei den ersten drei Stücke rocken die US Rails locker und unverkrampft los. Den Anfang macht Bassist Scott Bricklin mit „Take You Home“, gefolgt von Tom Gilliams „Mile By Mile“ und Ben Arnolds „Trash Truck“. Eine erste Verschnaufpause bietet dann „Water In The Well”, das aus der Feder von Matt Muir stammt. Der Schlagzeuger steuert selten Songs bei, legt hier aber eine sehr schöne, dynamische Ballade vor. Aufgepeppt wird sie durch einen gospelig-souligen Chor, Gilliams elektrische Gitarre sowie den Keys von Ben Arnold.

Ben Arnolds angeraute Stimme hebt sich von denen seiner Mitstreiter ab. Sie gibt sowohl Balladen („Slow Dance”) als auch schnelleren Nummern („What You Mean To Me“) einen gewissen Touch. Besonders der erdige Roots Rocker „Tombstones & Tumbleweeds” profitiert von dem mitschwingenden Blues seiner Stimme. Dem herausstechenden Song folgt „See The Dream”, der zwar etwas weniger rockig angelegt ist, dafür aber eine wunderbar eingängige Melodie hat. Er stammt ebenso wie „Hard Headed Woman” von Scott Bricklin.

Nach dem eingangs erwähnten Titelsong kommt Tom Gilliam noch zweimal mit seinen Ideen zu Wort. Neben dem routinierten Midtempo-Rock „Fooling Around” performt der humorvolle Aktivposten der Live-Shows „Easy On My Soul” mit herrlichem Westcoast-Ambiente inklusive Slide-Passagen.

Die US Rails zeigen keine Ermüdungserscheinungen. Seit einer Dekade unterhalten sie auf Bühne und Tonträgern hervorragend. Ihrem Stil bleiben sie weiterhin treu, der etwas rockigere Einschlag von „Mile By Mile“ steht ihnen dabei gut zu Gesicht. Das Album ist insgesamt das stärkste des Quartetts. Die melodischen Songs passen atmosphärisch prima zu einem geselligen Sommerabend.

BlueRose Records (2020)
Stil: Rock, Americana/

Tracks:
01. Take You Home
02. Mile By Mile
03. Trash Truck
04. Water In The Well
05. What You Mean To Me
06. Hard Headed Woman
07. Easy On My Soul
08. Tombstones & Tumbleweeds
09. See The Dream
10. Fooling Around
11. Slow Dance

US Rails
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BlueRose Records

Blackwater Conspiracy – Two Tails & The Dirty Truth of Love & Revolution – CD-Review

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Nordiren in Sounds Of South! Was zunächst vielleicht paradox klingt, erhält seine Legitimation nicht nur beim Betrachten des Coverbildes ihres neuen Werks mit dem klangvollen Titel „Two Tails & The Dirty Truth of Love & Revolution“, das man auch auf jeder Country- und Southern-Scheibe platzieren könnte. Spätestens nach dem Hören wird man feststellen, dass sich die Briten, auch wenn sie maßgeblich vom Stil her, eher den Poser-Rockbands der 80er/90er-Jahre nahe stehen, zumindest manchen Interpreten unseres geliebten Genres durchaus verbunden fühlen.

Nach ihrem ebenfalls gelungenen Debüt „Shootin‘ The Breeze“ von 2017 knüpfen die Herren Phil Conalane (lead vocals, rhythm guitar), Brian Mallon (lead guitar, vocals), Kevin Brennan (Keys, vocals), Kie McMurray (bass, vocals) und Fionn O’Hagain (drums, percussion) jetzt nahtlos mit dem Zweitwerk an das zuvor Geleistete an.

Mit Sänger Phil Conalane, der vokal wie eine Mischung aus Bon Scott, Spike und Tom Keifer klingt, hat der Fünfer dabei ein echtes Ass im Ärmel. Gitarrist Brian Mallon lässt viele quirlige Soli ab und gibt manchem Song auch einen dezenten Southern-Teint (z. B. das hymnische Intro bei „All Wired Wrong“ oder seine Slide-Wischer bei „Take It On The Chin“) in Richtung der Black Crowes, Dan Baird oder Kid Rock.

Als Nordire ist man wahrscheinlich schon genetisch auf Krawall gebürstet, somit sind die meisten Tracks auch flott abgehende Rocker. Für eine gewisse Entschleunigung sorgt dann immer wieder der sehr variable Keyboarder Kevin Brennan, eine Art ruhender Pol im Kollektiv, wenn er das Honkytonkklimpern mal außen vor lässt.

Den Blick strikt nach vorne gerichtet, findet die CD auch mit dem Opener „Goodbye to Yesterday“, … „say hello to tomorrow“ (heißt es weiter), dann mit ordentlich Wums in die Spur. „Soul Revolutionaries“, „Just Like A Silhouette“, Tattooed & Blonde“, „Take It On The Chin“ oder das finale „Atlanta Smile“ sind weitere knackige Rocksongs mit hohem Spaßfaktor und bleiben dabei trotzdem immer sehr melodiebetont.

Ein paar schöne Balladen wie “ All Wired Wrong“, „In Another Lifetime“ oder „She Gets Me High“ mit teils hymnischen Ansätzen sind natürlich ebenfalls vertreten.

Wer Platten wie die Debüts der Quireboys „A Bit Of What You Fancy“, Georgia Satellites und der Black Crowes „Shake Your Moneymaker“, „Born Free“ von Kid Rock, AC/DCs „Highway To Hell“ oder Cinderellas „Long Cold Winter“ und „Still Climbing“ u. a. in seiner Sammlung hat, der wird auch an „Two Tails & The Dirty Truth of Love & Revolution“ seine helle Freunde haben.

Übrigens ist das Quintett schon mit einigen, uns sehr gut bekannten Acts wie Kris Barras, Joanne Shaw Taylor oder Tyler Bryant & The Shakedown zusammen aufgetreten, es wäre sicherlich wünschenswert, diese Band, wenn die Normalität hoffentlich mal wieder eingekehrt ist, dann auch mal bei uns begrüßen zu dürfen. Wir sagen von daher vorfreudig in Sachen Blackwater Conspiracy „hello tomorrow…“!

Bulletproof 20/20 Records (2020)
Stil: Rock

01. Goodbye to Yesterday
02. All Wired Wrong
03. Soul Revolutionaries
04. Tattooed & Blonde
05. In Another Lifetime
06. Take It On The Chin
07. The Healing (You & I)
08. Bird In A Coalmine
09. Just Like a Silhouette
10. She Gets Me High
11. Atlanta Smile

Blackwater Conspiracy
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Renee Hose – The Other Side – CD-Review

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Review: Jörg Schneider

Renee Hoses Leidenschaft für Musik begann schon sehr früh. Bereits als vierjährige brachte sie sich das Klavierspielen bei. Kein Wunder, schließlich stammt sie aus einer musikalisch veranlagten Familie in Baltimore. In den achziger Jahren tourte die Pastorentochter mit einer christlichen Rockband namens CrossRoads und 1993 gewann sie sogar einen Songwriting-Wettbewerb auf einem Musikfestival in Delaware.

Aus privaten Gründen folgte eine rund 12 Jahre andauernde musikalische Pause. Nach der Trennung von ihrem Ehemann beschloss Renee Hose zu ihren musikalischen Wurzeln zurückzukehren. Mit ihrer Band Relentless Fire und ihrem Duo „Acoustic Fire“ ist sie heute ein gern gesehener Gast in lokalen Clubs und Bars.

Nun legt sie ihr erstes Soloalbum vor, produziert von Renees Sohn Nathan in den Attic Studios in Harrisburg. Mit dabei ist Steve McWilliams, ihr langjähriger Leadgitarrist, der auch in ihrer Band Relentless Fire in die Saiten greift. Mit acht Tracks ist ihr Erstlingswerk allerdings nicht allzu opulent ausgefallen.

Dafür geht es mit dem Titelsong „The Other Side“ sofort richtig zur Sache, ein kraftvoller Song, in dem sich bombastische Rockklänge mit etwas ruhigeren Passagen, getragen von Renees Alt-Stimme, abwechseln. Gegen Ende des Tracks können dann auch noch Steve McWilliams virtuose Gitarrenkünste bewundert werden.

„Smokescreen“ besticht durch eine, den Song dominierende kräftige Basslinie, die sich wie ein sich wiederholendes Motiv durch gesamten Titel zieht, auch hier untermalt von Steves Leadgitarre. Im gleichen Hardrock-Stil präsentiert sich ebenfalls „Hell Fire And Holy Water“ mit dröhnenden, stampfenden Basslinien und teils feiner Leadgitarre im Hintergrund.

Die nun folgenden fünf Songs des Albums stehen in krassem Gegensatz zu den ersten drei Hardrock-Stücken. Nicht nur, dass es alles sehr melodiöse Stücke sind, ihre Spieldauern bewegen sich auch fast alle im fünf Minutenbereich oder sogar darüber. „Down Easy“ ist z. B. ein herrlich bluesiges Teil mit leichten Countryeinflüssen, während der Song „Content“ mit Pianountermalung luftig und blumig daher kommt und zum Träumen einlädt.

Eine ruhige Ballade ist „Be Careful“. Mit dem Refrain „Be Careful what you do, God is watching you“ regt der religiös angehauchte Song zum Nachdenken und zur inneren Einkehr an. Das Stück „Ever Present“, beschäftigt sich mit unvergänglicher und immer präsenter Liebe. Es ist ein nahezu reines Pianostück mit zarten Streichern im Hintergrund. Akustische Gitarrenklänge, dezente Percussion und natürlich Renee Hoses einfühlsame Stimme bilden nach gut 35 Minuten Musikgenuss die tragenden Elemente von „Never Cease To Amaze Me“, dem Schlussstück des Albums.

Insgesamt beweist Renee Hose mit ihrem Debütalbum ihre vielfältigen musikalischen Fähigkeiten, wobei ihre Ausflüge in die Rockgefilde an sich nicht schlecht sind, die ruhigen bluesig-ballarden-artigen Stücke aber ehrlicher und authentischer rüber kommen. Vielleicht liegt es ja ihrer sauberen Stimme, die für harten Rock oder Blues Rock einfach nicht ‚dreckig‘ genug klingt. Aber das ist wie vieles im Leben ja auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Eigenproduktion (2020)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. The Other Side
02. Smokescreen
03. Hell Fire And Holy Water
04. Down Easy
05. Content
06. Be Careful
07. Ever Present
08. Never Cease To Amaze Me

Renee Hose
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SUSU – Panther City – EP-Review

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Review: Michael Segets

Im letzten Jahr rockte The Liza Colby Sound mit einem wilden Mix aus Led Zeppelin und Tina Turner die europäischen Bühnen. Frontfrau Liza Colby kam Anfang dieses Jahres direkt mit ihrem neuen Bandprojekt SUSU zurück und legte mit Kia Warren als kongenialen Partnerin noch eine Schippe drauf. Die mit freizügigen Outfits gewürzte Bühnenshow und die extravagante Mischung aus Indie und Classic Rock fand begeisterten Zuspruch und die Mundpropaganda wirkte: Obwohl noch keine Tonträger in den Regalen standen, waren einige Konzerte sehr schnell ausverkauft. Corona bereitete der Supernatural-Tour jedoch ein jähes Ende, daher bleibt jetzt erst einmal nur, sich mit der Debüt-EP der Band zu trösten.

„Panther City“ bietet fünf Tracks, die die musikalische Spannweite von SUSU abbildet. Der Opener „Work Song“ lässt den Rock der siebziger Jahre mit entsprechend ausgiebigen Instrumentalpassagen wieder aufleben. Auch zum Abschluss gibt es mit „Slow Death“ nochmal eine rockige Nummer, bei der sich die beiden Damen mit ihrem Soul in der Stimme am Mikro prima ergänzen.

Langsamer ist das dennoch kraftvolle „It Can’t Be Over“. Die dunklen Gitarren unterstützen die Dynamik des Refrains, sodass das Stück schnell ins Ohr geht. Höhepunkt der Scheibe ist aber „Break You”, das eine fast schon hypnotische Wirkung entfaltet. Der Grundrhythmus des Stückes ist sehr gleichförmig, die treibenden Akkorde einer akustischen Gitarre in Kombination mit dem faszinierenden – stellenweise unterkühlt wirkenden – Gesang entwickeln allerdings eine besondere Stimmung, in die man gerne eintaucht.

Von den anderen Titeln hebt sich „Rolling Calf“ dadurch ab, dass Rhythmus und Keys Reggae-Atmosphäre versprühen. Da schlagen die karibischen Wurzeln der beiden Damen durch. Liza Colby hatte bereits ihre Affinität zum Reggae bei „Wild About You“ bewiesen, das sie zusammen mit Johnny Burgos aufnahm.

Kia Warren ist die Frontfrau von Revel In Dimes und lebt ebenso wie Liza Colby in New York. Den Grundstein für SUSU legte die zeitweise Vereinigung von Revel In Dimes mit The Liza Colby Sound zu Revel Sound im Jahr 2017. Dass sich Warren und Colby entschlossen, die Zusammenarbeit zu intensivieren, war eine gute Idee.

Sowohl auf der Bühne als auch im Studio harmonieren die beiden Damen. Im Vergleich mit der letzten Veröffentlichung von The Liza Colby Sound „Object To Impossible Destination“ erscheint das Songwriting auf „Panther City“ einen Deut abwechslungsreicher und einprägsamer. SUSU bietet auf ihrer EP frische Frauenpower, die den Rock der Siebziger in attraktiver Form modernisiert.

Eigenproduktion (2020)
Stil: Rock

Tracks:
01. Work Song
02. Rolling Calf
03. It Can’t Be Over
04. Break You
05. Slow Death

SUSU
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American Aquarium – Lamentations – CD-Review

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Review: Michael Segets

BJ Barham gehört zu den wohl talentiertesten Storytellern seiner Generation. Oftmals mit Bruce Springsteen verglichen zeigt der Bandleader von American Aquarium in seinen Texten, dass er politisch und sozial das Herz auf dem rechten Fleck hat. Mittlerweile glaubhafter als der Boss gibt Barham den Gedanken und Gefühlen der arbeitenden Bevölkerung eine Stimme. Dabei besitzt er die Fähigkeit, empathisch deren Perspektive zu übernehmen und so nachvollziehbare Psychogramme zum Leben zu erwecken. Dies verbindet ihn beispielsweise mit Steve Earle.

In anderen Stücken zeigt Barham eine scharfe Selbstbeobachtung und arbeitet frühere Lebensstationen – wie seine Alkoholabhängigkeit – und aktuelle Situationen – wie seine Rolle als junger Vater – auf. Inhaltlich lamentiert Barham mit „Lamentations“ auf hohem Niveau.

Musikalisch bleibt sich American Aquarium treu. Ohne große Experimente reiht sich die CD in die bisherigen Veröffentlichungen der Band ein. Wenn American Aquarium sonst dem Country tendenziell nähersteht als dem Rock, sind dessen Einflüsse diesmal weniger vordergründig.

„Six Years Come September“ und „A Better South“ sind die countryfiziertesten Nummer auf dem Album. Die Pedal Steel wimmert auch auf einigen anderen Songs wie auf dem stimmungsvollen „How Wicked I Was“ oder der starken ersten Single „The Long Haul“. Slide und Pedal Steel setzt Barham sowieso gerne zur Untermalung ein. Auf „Lamentations“ fährt er deren Einsatz aber im Vergleich zu früheren Longplayern zurück, was den Songs zu Gute kommt.

Wenn Barham und seine Jungs das Tempo anziehen, liefert die Band stets mitreißende Stücke ab. „The Luckier You Get“, die zweite Vorabauskopplung, ist so ein toller Song auf der Scheibe, der – um nochmal einen großen Namen zu nennen – an Tom Petty erinnert. Bei dem Roots Rocker „Starts With You“ kommen die Braun Brüder von Micky And The Motorcars beziehungsweise Reckless Kelly in den Sinn, was für die Qualität des Titels spricht.

Ebenfalls zu den flotteren Stücken zählt „Brightleaf Burley“, dem Barham nochmal einen leichten Country-Einschlag mitgibt. Mit dem längeren instrumentalen Ausklang, ein vergleichbarer findet sich auch bei dem Opener „Me + Mine (Lamentations)“, bringt Barham eine neue Variation in sein Songwriting, die mir bislang auf den Werken von American Aquarium nicht so deutlich aufgefallen ist.

Eine fast intime Stimmung erzeugt die Klavierbegleitung zu Beginn von „The Day I Learned To Lie To You“. Mit dem Einsetzen der kompletten Band gewinnt das Stück dann an Dynamik. Die Songs tragen die typische Handschrift von American Aquarium, bleiben aber voneinander unterscheidbar, sodass „Lamentations“ die Spannung durchgehend aufrechterhält. Neben sanfteren Titeln sind ebenso kraftvoll arrangierte wie das hervorragende „Before The Dogwood Blooms“ vertreten.

Kurz bevor ich American Aquarium 2017 live sah, wurde die Band nahezu komplett umgebaut und vor allem in den letzten Jahren herrschte wenig Kontinuität in der Besetzung. Seit der Gründung von American Aquarium 2005 begleiteten circa 30 Musiker im Wechsel den Frontmann und Songschreiber BJ Barham. Während Gitarrist Shane Boeker schon auf „Things Change“ (2018) mit von der Partie war, sind Alden Hedges (Bass), Rhett Huffman (Keys), Neil Jones (Pedal Steel) sowie Ryan Van Fleet (Schlagzeug) neu hinzugestoßen.

Auf jeder CD von American Aquarium finden sich tolle Stücke. Da bildet auch „Lamentations“ keine Ausnahme. Darüber hinaus überzeugt der Longplayer als homogenes Gesamtwerk und ist hinsichtlich Songwriting und Produktion, bei der Shooter Jennings mitmischte, eine Nuance ausgereifter als beispielsweise der Vorgänger „Things Change“. Neben den kürzlich erschienen Scheiben von Brian Fallon und Lucinda Williams beweist BJ Barham mit seinem durchweg empfehlenswerten Bandalbum, wie abwechslungsreich das Americana-Genre sein kann.

New West Records/Pias – Rough Trade (2020)
Stil: Americana, Rock/

Tracks:
01. Me + Mine (Lamentations)
02. Before The Dogwood Blooms
03. Six Years Come September
04. Starts With You
05. Brightleaf Burley
06. The Luckier You Get
07. The Day I Learned To Lie To You
08. A Better South
09. How Wicked I Was
10. The Long Haul

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