Jamestown Revival – Young Man – CD-Review

Jamestown Revival mit ihrem vierten Album! Die aus Texas stammende Band um das Anführer-Duo Zach Chance und Jonathan Clay führen den Weg, den sie auf dem Vorgängerwerk „San Isabel“ eingeschlagen haben, konsequent fort, allerdings in noch reduzierterer Form. So wurde die E-Gitarre zum Beispiel diesmal völlig ausgeklammert.

Ihre bisherigen, in Eigenregie produzierten, überwiegend hochgelobten Alben, waren aber wegen des unausgewogenen Sounds zum Teil kritisiert worden (stimmt, wie ich meine). Deshalb hat man mit Robert Ellis und Joshua Block erstmals zwei echte Profis an die Reglerknöpfe gelassen und das merkt man in der Tat sofort.

Die dominierenden Instrumente wie Akustik- und Steel-Gitarre, sowie Fiddle (kommt erstmalig bei den Jungs zum Einsatz), die für einen sehr starken Country-Einschlag sorgen, sind hervorragend auf die von Chance und Clay meist im Doppelgesang performten Songs abgestimmt. Dazu gesellen sich, je nach Stimmung der Tracks, Mandoline, Dobro, ein hauchzartes E-Piano, Bass und überwiegend perkussive Klänge als Rhythmusgeber.

„Ich denke wirklich, dass dies ein Album über das Erwachsenwerden und das Einleben in eine Identität ist.“  Es geht darum, seine Identität zu verlieren und danach sie wieder zu suchen. Es ist das Gefühl, als hättest du sie gefunden und dann erkannt, dass es nicht so ist. Und es geht um unsere Erfahrungen aus den letzten 15 Jahren des Musikmachens – die Erfolge und Misserfolge und all diese Dinge miteinander vermischt,“ so Clay zur Intention des neuen Longplayers.

Der herrlich desertmäßig mit hallender, als auch fiepender Steel und mexikanisch anmutender Akustikgitarre in Szene gesetzte Opener „Coyote“ gibt direkt die oft melancholisch und im countryesken Veranda-Stil gehaltene Grundstimmung des nachfolgenden Songmaterials vor.

Viele Lieder wie u. a. das überragende Titellied „Young Man“ erinnern mich aufgrund der tollen, typisch texanischen Vokalharmonien an den Stil der Band Of Heathens, allerdings hier natürlich ohne deren rockigen Charakter (man muss sich aber im Prinzip nur klassische Drums und deren E-Gitarren ‚dazudenken‘). Mein Lieblingstrack ist das zum Entschleunigen animierende „Slow It Down“, das dank der Pedal Steel-Töne sogar mit einen leichten Marshall Tucker Band-Touch daherkommt.

Am Ende erhält man mit „Young Man“ von Jamestown Revival ein tolles atmosphärisches Gesamtwerk, fein eingespielt und mit klasse Texten, das man sehr schön als perfekte Hintergrundmusik zum sommerlichen Barbecue-Abend laufen lassen kann.

Eigenproduktion (2022)
Stil: Country / Americana

Tracks:
01. Coyote
02. Young Man
03. Moving Man
04. Northbound
05. These Days
06. One Step Forward
07. Slow It Down
08. Way It Was
09. Old Man Looking Back
10. Working On Love

Jamestown Revival
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Mandy Marylane – Blues Shack – EP-Review

Kein einfacher Stoff für mich, was da die Tage, mal wieder aus Amerika gesendet, bei mir im Briefkasten lag. Eine Cover-EP mit fünf Stücken namens „Blues Shack“ von der mir bis dato unbekannten Mandy Marylane. Aus dem Beipackzettel erfahre ich, dass sie bereits zuvor schon eine EP mit fünf eigenen Liedern herausgebracht hat (in die ich dann natürlich auch hineingehört habe).

Für „Blues Shack“ hat sie sich mit dem Multiinstrumentalisten Fernando Perdomo zusammengetan und zu zweit haben sie sich an Stücke aus dem Blues- und Countrybereich  von Musikern wie u. a. Lonnie Johnson, Marty Brown, Fred Neil gemacht, die schon etliche Jahre auf dem Buckel haben.

Im Prinzip läuft hier alles nach gleichem Schema ab, allerdings musikalisch durchaus variantenreich. Perdomo tobt sich nämlich an zahllosen Instrumenten (E-, Akustikgitarre, Dobro, Bass, Organ, Piano, Sound Machine, Drums und allerhand Percussionutensilien) aus, jedoch immer in sehr zurückhaltender und reduzierter Form, wodurch sich die Protagonistin mit ihrer charismatischen tiefen Altostimme, bestens entfalten kann. In manchen Phasen („Drunkyard’s Blues“, „Dragnet For Jesus“) erinnert sie mich von der Ausdrucksstärke und emotionalen Art an Beth Hart.

Die Tracks entwickeln mit der Zeit eine fast surreale Atmosphäre, man fühlt sich vorm geistigen Auge wie in einer kleinen dunklen verräucherten Bar, mit leichtem Schwindel nach schon etlichen (zu viel) konsumierten Drinks oder in einer Art schrillen musikalischen Varieté-Umgebung, wo Gaukler, Clowns und Jongleure, den Blues auf ihre Weise zelebrieren. 

Am Ende weiß man, dass Mandy Marylane sowohl den Blues- und Countrygesang bestens beherrscht, die großen Massen mit der teils schwierig zu konsumierenden und reduzierten Kost (auch übrigens bei ihrem überwiegend akustisch, leicht folkig gehaltenen Erstwerk) aber wohl erst mal nicht erreichen wird. Das hier ist sympathische und authentische Kost mit Herz für Bluespuristen, die es gerne etwas spezieller mögen.

Y&T Music (2021)
Stil: Blues

Tracks:
01. Devil’s Got The Blues
02. High And Dry
03. Blues On The Ceiling
04. Drunkyard’s Blues
05. Dragnet For Jesus

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Y&T Music

Stash – Walk The Walk – CD-Review

Review: Michael Segets

Ted Russell Kamp, Rich McCulley und Joey Peters haben Stash in Leben gerufen. Im Musikbusiness sind die drei keine Neulinge, legen jetzt aber mit „Walk The Walk“ ihr gemeinsames Debüt vor. Ted Russell Kamp verdiente sich seine Sporen als Bassist. So spielte er bei Waylon Jennings und lange Zeit in der Band dessen Sohns Shooter Jennings oder heimste einen Grammy mit Tanya Tucker ein. Jüngst begleitete er auch Marilyn Manson. Seine Songs wurden von Shooter Jennings, The Statesboro Revue und Micky & The Motorcars aufgenommen.

Seit den 1990ern veröffentlicht er Solo-Alben, die vor allem in Europa erfolgreich waren. Rich McCulley ist ebenfalls seit zwanzig Jahren als Solokünstler unterwegs und wirkte an einigen Filmmusiken mit. Die Film- und Werbeclip-Branche stellt zurzeit das Hauptbetätigungsfeld von Joey Peters dar. Er war Drummer bei Grant Lee Buffalo – mit dem Frontmann Grant-Lee Phillips– und Cracker. Derzeit aktiv ist er bei Rusty Truck.

Alle drei arbeiten als Produzenten für andere Musiker und haben das Heft nun ebenso bei ihrer CD selbst in die Hand genommen. Bei so viel Erfahrungen und dem breiten musikalischen Background verwundert es nicht, dass „Walk The Walk“ routiniert eingespielt wirkt. Die alten Hasen verzichten auf die Unterstützung weiterer Musiker mit Ausnahme von „Talk The Talk“, auf dem Anna Maria Rosales die Vocals ergänzt.

Auf dem Erstlingswerk schlägt Stash überwiegend einen rockigen Weg ein. Dabei gehen manche Tracks in Richtung Countryrock („Queen Of The Highway”, „One Step Ahead Of The Law”), andere wecken Erinnerungen an den Gitarrenrock der 1980er („You’re The One”). Gute Laune verbreitet „Hey, Hey, Hey“, der aus der Anfangszeit des Rock ‘n Roll stammen und eine Nummer der Blues Brothers sein könnte. Ebenfalls ein hohes Tempo geht „One Track Mind“. Deutlich rauer gibt sich „What I Need” oder auch „Catch Me If You Can”, bei dem E-Gitarren und Mundharmonika den Sound bestimmen.

Das Trio zeigt zudem seine Nähe zum Outlaw-Country. Da kommen traditionell Banjo („Smoke And Mirrors”) und Mandoline („Into The Sunset”) zum Einsatz, aber Stash trumpft bei „Ain’t That Kind Of Man“ auch noch mit Trompete und Posaune – beide gespielt vom Multiinstrumentalisten Kamp – auf. Während sich „Sweet Salvation Of The Dawn” stilistisch in der gleichen Schiene bewegt, fällt der Schmachtfetzen „By Your Side“ aus dem Rahmen.

Sowohl im Rock- als auch im Country-Bereich überzeugen die von den Bandmitgliedern gemeinsam geschriebenen Songs. Sie sind geradeaus verfasst und dennoch abwechslungsreich. Die Stimme von Kamp ist nicht außerordentlich markant, gewinnt aber bei mehrmaligen Durchläufen. Der Kalifornier kommt im Februar auf Konzerttour nach Europa, wo man sich dann ein Bild seiner Live-Qualitäten machen kann – sofern die Umstände es zulassen.

Mit Stash betritt eine neue Band die Rock- und Country-Bühne, die von der langjährigen Erfahrung ihrer Mitglieder – Ted Russell Kamp, Rich McCulley und Joey Peters – profitiert. Handgemacht eingespielt und gradlinig produziert spiegeln die Anspieltipps „What I Need” und „Ain’t That Kind Of Man“ die beiden Seiten von „Walk The Walk“ wider.

Eigenproduktion (2021)
Stil: Rock, Country

Tracks:
01. Smoke And Mirrors
02. Catch Me If You Can
03. Queen Of The Highway
04. You’re The One
05. Into The Sunset
06. One Step Ahead Of The Law
07. One Track Mind
08. Ain’t That Kind Of Man
09. Talk The Talk
10. Sweet Salvation Of The Dawn
11. What I Need
12. By Your Side
13. Hey, Hey, Hey

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Matt Horan – 02.11.2021, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

Mein erster Konzertbesuch in der Kulturrampe seit März 2020 ließ die dazwischenliegende Zeit fast vergessen. Obwohl die Location im neuen Look erstrahlt, fühlte ich mich direkt wieder in die alten Zeiten zurückversetzt. Durch die bekannten Gesichter und Markus Peerlings, der es sich wie gewohnt nicht nehmen ließ, den Musiker anzukündigen, stellte sich sofort die frühere Vertrautheit wieder her.

Rampenchef „Pille“ richtete seine einführenden Worte – diesmal allerdings auf dem immer noch schrägen Bühnenrand sitzend – an die circa fünfundzwanzig Musikbegeisterten und unterstich damit die quasi intime Atmosphäre der Veranstaltung. Dass so wenige Leute den Weg in die Rampe gefunden hatten, bleibt wie so oft unverständlich, denn mit Matt Horan trat ein Singer/Songwriter an, um sein erstklassiges Werk „Tears From The Mountain“ vorzustellen. Markus Peerlings schwärmte dann auch von dem rein vokal vorgetragenen Opener „Village Churchyard“, das nach seiner Einschätzung zu den besten Albeneinstiegen der gesamten Musikgeschichte gehört.

Horan brachte den Titel an dem Abend nicht zu Gehör, sondern startete mit „Old Cold Mountain“ und ließ die beiden Stücke seiner aktuelle LP „Dreamed About Mama“ und das Traditional „High On The Mountain“ folgen. Zwischen den beiden Highlights des ersten Sets „Hills Of Mexiko“ sowie „Sorry Pretty Shiori“ zollte er seinem Vorbild Hank Williams mit „Love Sick Blues“ Tribut und schloss den „Fright Train Blues“ direkt an. Nach „Little Birdie“ performte Horan den starken Titeltrack seines Solowerks und beendete mit „Sugar Baby“ den ersten Teil des Auftritts.

Horan wechselte häufig zwischen der akustischen Gitarre und dem Banjo, wodurch er Abwechslung in seine fünfundvierzigminütige Ein-Mann-Show brachte. Vor allem, wenn er das Banjo auspackte, erhielten die Stücke einen Drive, der sich sofort auf das Publikum übertrug. Dessen Stimmung war von Anfang an begeistert, steigerte sich aber beinah ins Frenetische im Verlauf des Abends.

Da ich einen Blick auf die Setlist werfen konnte, fiel mir auf, dass mein absoluter Favorit „Led Me To The Wrong“ von Horan übersprungen wurde. Ich nutzte die Pause daher, um nachzufragen, ob er den Song noch spielt. Horan nahm den Wunsch auf und schob ihn direkt nach der Unterbrechung solo dazwischen, bevor er Alex Atienza für das zweite Set auf die Bühne holte. Atienza begleitete Horan mit akustischer Gitarre oder Mandoline und war für filigrane Zwischentöne verantwortlich. Zurückhaltend und anfänglich introvertiert wirkend, ergänzte er Horan perfekt.

Horan leitete die Stücke oft mit einigen Bemerkungen und kurzen Anekdoten ein. Besonders im zweiten Teil ließ er seiner sarkastischen Ader freien Lauf, was das Publikum honorierte. Die Atmosphäre wurde daher immer ausgelassener.

Während im ersten Set die Songs des aktuellen Albums dominierten, unternahm Horan im zweiten einen Streifzug durch sein bisheriges Werk – ergänzt durch einige Coverstücke. Unter diesen war erneut Hank Williams mit „Long Gone Lonesome Blues“ vertreten. Viele Emotionen legte Horan in „You Never Called Me By My Name“. Nach einer Serie eher getragener und wehmütiger Songs („My Love Is Gone“, „Drinking Alone“) offenbarte Horan augenzwinkernd sein Motto: Let’s make Country music sad again. Um dies zu konterkarieren streute er witzige Nummern („Big City Mama”, „Cocaine Carolina”) ein. Das Publikum ging bei allen Songs mit, selbst wenn Horan einige Jodel-Ausflüge zum Besten gab. Der Versuch, die Anwesenden in die Jodelei einzubinden, zeitigte ein – eigenwilliges – Ergebnis, das zumindest zur weiteren Auflockerung der Stimmung beitrug.

Von den Eigenkompositionen gab es seinen ersten selbstverfassten Country-Song „Take Me Home“ sowie den Soundtrack („Rambling On My Mind“) zu einem Filmprojekt zu hören. Als Frontmann von Dead Bronco besuchte er wiederholt die Kulturrampe. In Erinnerung an diese Zeit spielte er „Hard Liquor Goes Down Quicker“. Während sich Dead Bronco in Richtung Black Folk orientiert, verfolgt Horan ein anderes Bandprojekt, bei dem er sich eher dem traditionellen Country zuwendet. Für Februar ist der erste Longplayer der neuen Formation angekündigt. Als Vorgeschmack präsentierte er „Paid in Blood“. Der kraftvolle Titel gehörte zu den herausragenden Nummern des zweiten Konzertteils und schürte die Erwartungen auf die Veröffentlichung. Die aktuelle stand-alone Single „Appalachia“ brannte sich ebenfalls ins Gedächtnis ein. Atienza, der nun auch bei Dead Bronco eingestiegen ist, schrieb die Murder-Ballade gemeinsam mit Horan.

Nach der ersten Zugabe forderten die Besucher lautstark eine weitere. Sie fabrizierten dabei so viel Lärm, dass der Eindruck entstand, das Haus wäre ausverkauft. Dieser lautstarken Forderung konnte sich Horan natürlich nicht entziehen und setzte noch zwei Titel, darunter „Tennessee Boarder“, drauf.

Peerlings, der anfänglich bemerkte, dass die Konzerte von Musikern, die er klasse findet, oftmals nicht optimal besucht werden, konnte mit dem Verlauf des Abends zufrieden sein. Der Auftritt von Matt Horan mit seinem Sideman Alex Atienza war ein Beweis dafür, dass es weder viele Musiker braucht, um mitzureißen, noch ein ausverkauftes Haus, um brodelnde Konzertatmosphäre zu erleben. An dieser Stelle sei Respekt und Dank von Künstlern und Spartenpublikum an den Veranstalter ausgesprochen.

Line-up:
Matt Horan (vocals, acoustic guitar, banjo)
Alex Atienza (acoustic guitar, mandolin)

Text und Bilder: Michael Segets

Matt Horan
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Kulturrampe Krefeld

Hayes Carll – You Get It All – CD-Review

Review: Michael Segets

Der mehrfach ausgezeichnete Hayes Carll bringt nach zwei Jahren den Nachfolger zu „What It Is“ heraus. „You Get It All“ knüpft nahtlos an seine vorherige Scheibe an. Sie bietet wieder feine Songs mit sensiblen Texten, die mehrmals mit einer Prise scharfzüngigem Humor gewürzt sind. Insgesamt gelingt Carll ein Album, das das hohe Niveau noch konstanter als der Vorgänger hält. Einen Vergleich mit Musikern wie John Prine, Hank Williams, Jr. oder Randy Travis braucht er nicht zu scheuen.

Carll sieht seine musikalischen Wurzeln im Country, was am Anfang der CD augenfällig wird. Der zusammen mit den Brothers Osborne geschriebene Opener „Nice Things“, der Titeltrack mit besonders eingängigem Refrain oder auch das klassisch anmutende „Any Other Way“ zeigen, dass er die Spielregeln des Genres beherrscht. Er performt die Stücke erdig, gradlinig und locker heraus. Vor allem in der ersten Hälfte des Longplayers kommen Geige und dezenter Slide zum Einsatz. Dabei trifft Carll genau das richtige Maß.

Im hinteren Abschnitt des Albums setzt der Texaner dann verstärkt auf die Begleitung durch das Klavier („If It Was Up To Me“), teilweise ergänzt durch eine Orgel („The Way I Love You“), oder arrangiert einzelne Tracks etwas opulenter („Leave It All Behind“). Insgesamt dominieren die Balladen auf dem Werk. Textlich bewegend ist „Help Me Remember“. Aus der Perspektive eines an Demenz leidenden Mannes schildert er dessen Ängste und seinen Kampf um Identitätswahrung. Musikalisch bringt das Duett mit Brandy Clark, die „In The Mean Time“ mitkomponierte, Abwechslung.

„To Keep From Being Found“ überrascht durch seinen rockigen Einschlag. Der Country-Rocker im Geist der 80er mit Bar-Piano und flotter elektrischer Gitarre unterbricht die eher getragene Stimmung der Balladen. Eine expressive E-Gitarre hört man auf dem bluesigen „Different Boats“. Zu den Highlights des Albums zählt sicherlich der Outlaw-Country „She’ll Come Back To Me“. Nach der atmosphärischen Einstimmung durch eine akustische Gitarre setzt ein stampfender Rhythmus ein, der ins Blut geht. Die Geigen-Passage erinnert leicht an den Soundtrack von Gangstagrass zu der Fernsehserie „Justified“.

Bei manchen Songs können Ähnlichkeiten hinsichtlich des Songwriting-Stils mit Steve Earle ausgemacht werden. Der Vergleich mag vielleicht auf wenig Gegenliebe bei Carll stoßen, da seine Ehefrau Allison Moorer, die die CD co-produzierte und auch bei „If It Was Up To Me“ beteiligt war, dessen ehemalige Partnerin war. Aber der Hardcore-Troubadour ist ja musikalisch keine schlechte Referenz.

Mit „You Get It All“ lässt Hayes Carll dem vorangegangenen „What It Is” ein mindestens ebenbürtiges Werk folgen. Zwischen Country und Americana spielt Carll seine Stärken aus, die in seinem Songwriting sowie in den pointierten Texten liegen. Die Melodien scheinen ihm mühelos von der Hand zu gehen. Die Titel wirken selbst bei schweren Themen unverkrampft und unverstellt.

Dualtone Records (2021)
Stil: Americana, Country

Tracks:
01. Nice Things
02. You Get It All
03. Help Me Remember
04. Any Other Way
05. Different Boats
06. In The Mean Time
07. She’ll Come Back To Me
08. To Keep From Being Found
09. Leave It All Behind
10. The Way I Love You
11. If It Was Up To Me

Hayes Carll
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Oktober Promotion

Creed Fisher – Whiskey And The Dog – CD-Review

 

Eigentlich bin ich ja ein Mensch, der eher mehr auf moderne (New) Country-Musik steht. Trotzdem gibt es immer auch wieder Künstler aus dem traditionelleren Bereich, die ich aufgrund ihrer authentischen Art, Musik zu performen, sofort in mein Herz geschlossen habe. Der aus West-Texas stammende, bekennende Redneck, mir bis dato unbekannte Creed Fisher, ist so ein gutes Beispiel.

Mit seinem sechsten offiziellen Album „Whiskey And The Dog“ (auf dem Cover erinnert er mich rein äußerlich ein wenig an einen jungen Charlie Daniels) bedient der 49-jährige eindrucksvoll und mit viel Hingabe die Freunde des klassischen narrativen Outlaw Country.

Für Fisher ist es laut eigener Aussage wichtig, die Dinge erlebt zu haben, die man in seinen Songs reflektiert“ It’s a tough one to understand if you haven’t lived it. There’s a personal side that isn’t so glamorous in this business that other musicians can agree to. It’s the rigors of being on the road. Always having to be here and there makes for the biggest challenge, often times-let downs. Overall, music is what I love and what I will continue to do as I watch those white lines on the highways continue to zip right past the window as life passes us all.”

Und das alles kann man, nachdem man die vierzehn, teils auch sehr humorvoll mit einer ordentlichen Portion Selbstironie geschriebenen Tracks durchgehört hat, auch 1:1 unterschreiben. Die meisten Stücke werden in Begleitung der klassischen Country-Instrumente wie Akustikgitarre, Steel (beides von dem uns aus vielen texanischen Scheiben bestens bekannten Milo Deering gespielt), Bariton-E-Gitarre (Larry Rolando), Bass (Aden Bubeck), Schlagzeug (Josh Rodgers) in gemäßigtem Tempo und echter Storytelling-Manier gesungen (Fisher hat dafür eine perfekte Stimme).

Sporadisch werden auch klirrende Mandoline, heulende Fiddle, Banjo (alle drei auch Milo Deering) und etwas Piano (Drew Harakal) eingeflochten. Ganz stark die Texas-typischen, omnipräsenten, aber sehr dezent dazu gemischten weiblichen Harmoniegesänge von Sängerin Hillary Bergman-Stanton sowie auf männlicher Seite Colin Alexander.

Sehr schön klar produziert haben die allesamt von Creed verfassten Songs (lediglich drei davon mit Co-Writer Mark Jones) er selbst, Bart Rose sowie Josh Rodgers. Es geht, wie man es an den meisten Titeln sofort erkennen kann, natürlich überwiegend um die bekannten bodenständigen konservativen Werte, die man in den südstaatlichen Sphären der Arbeiterklasse schon immer groß geschrieben hat (‚blue-collar life‘). „Bleibt mir hier weg mit eurem modernen Leben“, bildhafter kann man es wohl kaum als mit den schönen Schlagworten „Don’t California My Texas“ ausdrücken.

Die Hauptthemen des geschiedenen Musikers drehen sich, wen wundert es, natürlich um verschmähte Ex-Frauen, einen Faible für’s Trinken und Musik a la Hank, Haggard & Jones, also im Prinzip die altbekannte ‚Women, Whiskey and Rock’n’Roll Country‘-Attitüde. Da bleiben nur der Barstuhl an der Theke und die Musik, die einem am Ende nicht weggenommen werden können, wie in „Honkey Tonk Drankin’“ selbstkritisch analysiert wird.

Die ‚#MeToo‘-Bewegung vergrault, aber geschenkt, die hört eh andere Musik! Zum Piepen nämlich, wie Fisher ganz offenherzig seine Passion für zwei bestimmte Rundungen im oberen Körperbereich des weiblichen Geschlechts darlegt („Girls With Big Titties“), die schon von frühestem Schulalter an durch seine Lehrerin, aber auch die von Dolly Parton in der Musik geprägt wurde („…I even know Conway Twitty, but I always loved girls…“). Da behaupte einer, Männer wären nur eindimensionale Wesen! Auch ich kenne durchaus viele, ähnlich gestrickte Leute in meinem männlichen Bekanntenkreis.

Ach ja, und Hunde mag er (so wie ich) natürlich auch („Whiskey And The Dog“, „Hankles“). Mir gefällt es besonders gut – auch wenn Creed das wohl nicht gerne hören wird – dass spezielle Tracks wie zum Beispiel „This Town“, „The Good Ol’ U.S. Of A.“ oder  „Find My Way Back Home“, die mit einer unterschwelligen Red Dirt-Note daherkommen, durchaus geeignet wären, auch von einer Eli Young Band oder der Randy Rogers Band mal in kommerziellerer Form aufgearbeitet zu werden.

So einige Steel-getränkte Heuler und Schunkler wie der herrliche Opener „High On The Bottle„, „Hundred Dollars Short“, „Don’t California My Texas“, „Honkey Tonk Drankin’“ und „Jesus, Haggard & Jones“ erinnern mich auch ganz stark die Art zu Musizieren, wie man sie von den Pirates Of The Mississippi kennt.

Der Kracher des Werkes ist allerdings „Down To The Riverbank“, bei dem Fisher plötzlich, wie aus dem Nichts, einen furiosen swampigen Southern Rocker aus dem Ärmel schüttelt. Grandios hier neben den starken E-Gitarren von Rolando, die wummernden Orgel-Einlagen von Drew Harakal, die einen Jon Lord sicherlich begeistert hätten.

Am Ende hat Creed Fisher mit seinem neuen Album „Whiskey And The Dog“ einen Hörer wie mich, ohne Wenn und Aber, auf seine Seite gezogen: Wunderbare melodische Lieder, die einen ehrlichen Charakter haben, denen man ganz entspannt zuhören kann und die einen zum Teil wirklich schmunzeln lassen. In mir hat er jedenfalls ganz sicher einen neuen Fan gefunden. Wer sich gerne noch ausführlicher mit dem ‚Making Of‘ zum Album beschäftigen möchte, kann dies gerne unter diesem Link tun. Danke an die Aristo Media Group für den tollen Tipp und den angenehmen Support!

 

Dirt Rock Empire (2021)
Stil: Country

Tracklist:
01. High On The Bottle
02. This Town
03. Girls With Big Titties
04. Whiskey And The Dog
05. Hundred Dollars Short
06. Gray Skys
07. Don’t California My Texas
08. The Good Ol’ U.S. Of A.
09. Down To The Riverbank
10. Find My Way Back Home
11. Honkey Tonk Drankin’
12. I’m Crazy And You’re Gone
13. Jesus, Haggard & Jones
14. Hankles

Creed Fisher
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Aristo Media Group

Toby Keith – Peso In My Pocket – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

In einer anderen Liga zu spielen, ist für den Country-Mega-Star Toby Keith – nach fast 30 Jahren im Musik Business – inzwischen sicher selbstverständlich. Daher war auch die Zeit nach seinem Country-Charts Nr. 2-Album „35mph Town“ (2015) eigentlich keine Pause in seiner Karriere, sondern war gefüllt mit anderen Aktivitäten, u. a. der „Should’ve Been A Cowboy“-Tour (2018).

Rechtzeitig zur bevorstehenden Aufnahme in die „Nashville Songwriters Hall of Fame“ im November erscheint nun das neue Studio-Album „Peso In My Pocket“, Co-produziert von Kenny Greenberg. Mit „Oklahoma Breakdown“ widmet der 60-jährige Singer/Songschreiber gleich das erste Stück seiner alten Heimat, ein starker, rockiger „Aufreißer“, der bereits als Single ausgekoppelt wurde. Auch der folgende Titel-Track „Peso In My Pocket“ lässt die New Country-Gitarren in gewohnter Weise rocken, während Toby Keith einen Aufenthalt in Mexico beschreibt. Die altbewährten, musikalischen Bahnen werden bei „Old School“ mit fast rappenden Versen zwar teilweise etwas verlassen, dafür war der Song offenbar besonders geeignet als erste Single das Album zu promoten.

Seine ungewohnte Country-Seite bringt Keith zusammen mit Blues-Sänger Keb‘ Mo‘ und dessen „Old Me Better“ als New Orleans Jazz/Blues/Country-Mix durchaus originell und ausgefallen auf die Platte; eine außergewöhnliche Kooperation für den eher konservativen Entertainer. Dass die variantenreiche Song-Auswahl danach allerdings wieder auf Pedal-Steel und E-Gitarren-Sounds und herkömmlich erfolgreichen musikalischen Stilrichtung setzt, wird in den anschließenden drei Songs („Days I Shoulda Died, Growing Up Is A Bitch“ und „She’s Drinkin Again“) deutlich, die ihre New Country Muster entsprechend intensiv, in altbekannter Art, aber sicherlich erfolgreich, in die Waagschale legen. Diese wird zugunsten des volkstümlichen, schnellen Country-Songs „Thunderbird“ nochmals rockig, stilsicher und in bester Feierlaune aufgefüllt.

Zu den bemerkenswerten Stücken des Longplayers gehört ebenfalls die Version des John Prine-/John Mellencamp-Klassikers „Take A Look At My Heart“, die als Tribute an die beiden legendären Songschreiber leider vor dem letzten Titel etwas zu wenig Geltung erfährt, da zum Abschluss mit „Happy Birthday America“ ein zutiefst patriotischer Song seinen „Auftritt“ erhält und bereits passend zum Nationalfeiertag vorab veröffentlicht wurde – vielleicht eine nachträgliche Danksagung an die Verleihung der National Medal of Arts, die Toby Keith Anfang 2020 vom damaligen US-Präsidenten erhielt.

Mit „Peso In My Pocket“ etabliert sich Toby Keith erneut an der Spitze seines Genres und wird damit sicher auch die Erwartungen seiner Anhängerschaft voll erfüllen. Die New Country-Fans, nicht nur im „Herzen“ der USA, können sich nach dieser längeren Wartezeit endlich wieder über einen neuen Longplayer ihres Idols freuen.

Show Dog (2021)
Stil: Country, New Country

Tracks:
01. Oklahoma Breakdown
02. Peso In My Pocket
03. Old School
04. Old Me Better
05. Days I Shoulda Died
06. Growing Up Is A Bitch
07. She’s Drinking Again
08. Thunderbird
09. Take A Look At My Heart
10. Happy Birthday America

Toby Keith
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Jason Isbell And The 400 Unit – Georgia Blue – CD-Review

Review: Michael Segets

Jason Isbell And The 400 Unit geben mit dem Titel „Georgia Blue” ein politisches Statement ab, ohne dass sich die Songs um Politik drehen würden. Aus Freude vor dem knappen Wahlsieg der Demokraten – deren Farbe Blau ist – in Georgia nahm Isbell ein musikalisches Projekt in Angriff, das ihn schon längere Zeit umtrieb. Obwohl Isbell in Alabama geboren wurde und in Tennessee lebt, steht ihm die Musik aus Georgia besonders nah. Auf dem Coveralbum würdigen er und seine Band Künstler unterschiedlicher Couleur, die in dem Bundesstaat beheimatet sind beziehungsweise waren. Herausgekommen ist ein Potpourrie unterschiedlicher musikalischer Stile, das durch die Vielzahl an Gastmusikerinnen, die den Leadgesang übernehmen, zusätzlich an Farbe gewinnt.

Jason Isbell And The 400 Unit bestreiten lediglich fünf Songs ohne weitere Unterstützung. Die Stücke „I’ve Been Loving You Too Long” von Soul-Legende Otis Redding, „Reverse” von der weniger bekannten Indie-Band Now It’s Overhead und „I’m Through”, das Vic Chestnutt geschrieben hat, präsentieren sie in der üblichen Rollenverteilung. Isbells Ehefrau Amanda Shires übernimmt beim psychodelisch angehauchten „Cross Bones Style“ den Gesang, Gitarrist Sadler Vaden steht bei dem kräftig rockenden „Honeysuckle Blue“ im Rampenlicht.

Der Song, der im Original von Drivin‘ N‘ Cryin‘ stammt, stellt neben dem Black-Crowes-Cover „Sometimes Salvation“ meinen Favorit auf dem Album dar. Die Version des Klassikers von James Browne „It’s A Man’s, Man’s, Man’s World“ kann zusätzlich auf der Habenseite verbucht werden. Ebenso wie bei „Midnight Train To Georgia” ist Brittney Spencer dort am Mikro. Neben Spencer wurden drei weitere Gastsängerinnen für das Georgia-Tribute-Werk gewonnen: Adia Victoria („The Truth“), Brandi Carlile und Julien Baker („Kid Fears“).

Jason Isbell And The 400 Unit berücksichtigen in ihrer Auswahl The Allman Brothers Band und – mit zwei Titeln vertreten – R.E.M. Beim über zwölfminütigen Instrumentalstück „In Memory Of Elizabeth Reed“ wirkt Peter Levin, der eher in der Jazz-Ecke angesiedelte Keyboarder, mit. Die R.E.M.-Stücke bilden den Auftakt und Abschluss des Longplayers. Mit „Nightswimming” steigt er ruhig und akustisch ein. Das flottere „Driver 8” sorgt für seinen gelungenen Ausklang.

Die persönliche Auswahl der Cover auf „Georgia Blue“ zeigt zum einen die Vielfalt der musikalischen Einflüsse, die Jason Isbell And The 400 Unit inspirieren. Es sind Blues, Soul und diverse Spielarten des Rock – von Indie bis Southern – vertreten. Auf der anderen Seite ist das Konzept so offen, dass der Longplayer droht, seine Linie zu verlieren. Unterstützt wird dieser Eindruck durch den wechselnden Leadgesang. Insgesamt erscheint er daher eher als eine Compilation zur Abbildung der Musikszene Georgias als ein Isbell-Album. Aber bei dem angebotenen musikalischen Spektrum wird fast jede Geschmacksrichtung gelegentlich bedient und vielleicht gewinnen Jason Isbell And The 400 Unit so neue Hörer hinzu.

Eine neue Veröffentlichungspolitik einiger Labels, die seit diesem Jahr verstärkt zu beobachten ist, verwundert. Die Herausgabe als CD und/oder LP erfolgt in mehreren Fällen deutlich später als die in digitaler Form. So sind die Hardcopies für „Georgia Blue“ erst für den 26.11.2021 angekündigt. Positiv zu verzeichnen ist hingegen, dass die Erlöse von „Georgia Blue“ an Black Voters Matter, Georgia Stand Up und Fair Fight gehen.

Southeastern Records – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Rock and more

Tracks:
01. Nightswimming (feat. Bèla Fleck and Chris Thile)
02. Honeysuckle Blue (feat. Sadler Vaden)
03. It’s A Man’s, Man’s, Man’s World (feat. Brittney Spencer)
04. Cross Bones Style (feat. Amanda Shires)
05. The Truth (feat. Adia Victoria)
06. I’ve Been Loving You Too Long
07. Sometimes Salvation (feat. Steve Gorman)
08. Kid Fears (feat. Brandi Carlile and Julien Baker)
09. Reverse
10. Midnight Train To Georgia (feat. Brittney Spencer and John Paul White)
11. In Memory Of Elizabeth Reed (feat. Peter Levin)
12. I’m Through
13. Driver 8 (feat. John Paul White)

Jason Isbell
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Thirty Tigers
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Lucinda Williams – Funny How Time Slips Away: A Night Of 60’s Country Classics – CD-Review

Review: Michael Segets

Die vierte Folge von Lucinda Williams Cover-Projekt Lu’s Jukebox „Funny How Time Slips Away: A Night Of 60’s Country Classics” erscheint gleichzeitig mit der dritten „Bob’s Back Pages: A Night With Bob Dylan Songs“. Wie schon „Southern Soul: From Memphis To Muscle Shoals & More” richtet Williams das neue Album wieder thematisch und nicht an einem Songschreiber aus.

Williams gräbt tief in den Annalen der Country-Geschichte der 1960er Jahre. Herausgekommen ist eine Zusammenstellung, die sich an hartgesottene Liebhaber des Countrys traditioneller Machart wendet. Zwar nimmt die Stimme von Williams den Songs etwas an Süße, aber insgesamt prägt schmachtender Slide der Steel Pedal den Longplayer. „Take Time For The Tears“ ist eine Eigenkomposition, die dessen atmosphärische Ausrichtung ganz gut beschreibt.

Viele Musiker und Songs, auf die Williams zurückgreift, sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten, wenn man kein Faible für den historische Country hat. Mit Tammy Wynette („Apartment #9“), Buck Owens („Together Again“), John Hartfold („Gentle On My Mind”) oder Carl Butler („Don’t Let Me Cross Over“) hatte ich bislang keine Berührungspunkte. Anders sieht es natürlich mit Willie Nelson aus, dessen Stück „Night Life Dig” aus dem Jahr 1960 allerdings ebenfalls vor meiner musikinteressierten Zeit lag.

Zwei Songs der Scheibe wurden auch von Elvis Presley gesungen: „Long Black Limosine“ und „Funny How Time Slips Away“. Sie stammen von Merle Haggard beziehungsweise Billy Walker. Als einziger Songwriter ist Hank Cochran mit zwei Titel vertreten („Make The World Go Away“, I Want To Go With You“). Zwischen den in der Machart sehr ähnlichen Titeln finden sich „First City“ von Loretta Lynn und der oftmals gecoverte Klassiker „I’m Movin‘ On“ von Hank Snow, die nicht nur durch ihr Uptempo herausstechen. Der kratzige, in einzelnen Passagen frech rotzige Gesang von Williams bringt frischen Wind auf die sonst eher gleichförmige Scheibe.

Der vierte Beitrag „Funny How Time Slips Away: A Night Of 60’s Country Classics” in Lucinda Williams Jukebox-Serie fällt gegenüber den bisherigen Alben der Reihe etwas ab. Dies liegt zum einen daran, dass sich die ausgewählten Originale bereits an eine spezielle Fangemeinde richten, zum anderen zeigen die Interpretationen im Gegensatz zu denen auf den vorherigen Werken eine geringere musikalische Variationsbreite. Dennoch reißt Williams mit ihrem Gesang einzelne Titel heraus.

Highway 20 – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Country

Tracks:
01. Apartment #9
02. Together Again
03. Make The World Go Away
04. Night Life Dig
05. Long Black Limosine
06. First City
07. I Want To Go With You
08. Don’t Let Me Cross Over
09. Gentle On My Mind
10. The End Of The World
11. I‘ Movin‘ On
12. Funny How Time Slips Away
13. Take Time For The Tears

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Brandi Carlile – In These Silent Days – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Für Brandi Carlile wird es diesmal sehr persönlich. Die US-amerikanische Songwriterin und Sängerin blickt mit ihrem neuen Werk „In These Silent Days“ auf die vergangenen, erfolgreichen Jahre zurück und hat dabei textlich emotionale und leidenschaftliche Songs aufgenommen.

Der sechsfachen Grammy-Preisträgerin, u. a. für ihre LP „By The Way I Forgive You“ (2019, Best Americana Album Of The Year) ist erneut eine selbstbewusste Produktion gelungen. Die 1981 geborene Carlile kam in ihrer ländlichen Heimat von Ravensdale, Washington, schon früh mit Country Musik in Berührung und sang bereits als Achtjährige gemeinsam mit ihrer Mutter auf der Bühne. Als sie 17 wurde zog sie nach Seattle, um dort später mit den Musikern Tim und Phil Hanseroth – bis heute – in einer Band zu spielen. Bereits ihr zweites Album „The Story“ erlangte 2007 einen gewissen Kult-Status, weil Songs davon in der bekannten US-Serie „Grey’s Anatomy“ verwendet wurden.

Die neue Scheibe ist wesentlich unter dem Einfluss von Joni Mitchells legendären Meisterwerk „Blue“ entstanden, das vor rund 50 Jahren veröffentlicht wurde und auch von Brandi Carlile bei Konzertabenden regelmäßig gewürdigt wird. Die eigenen Kompositionen, wie der Opener „Right On Time“, zeigen Brandi mit gewaltiger Vocal-Power und jeder Menge Klavier-Begleitung in schöner Balladenstimmung. Auf „You And Me On The Rock“ imponieren akustische Gitarren im Paul Simon-ähnlichen Folk-Rock-Sound, der bei „This Time Tomorrow“ mit der fast zu leisen Botschaft „I’ll always be with you“ liebevoll und folkig flaniert.

Als erfolgreiche Produzenten-Kombination bestreiten Dave Cobb und Shooter Jennings wieder die Aufnahmeleitung im Vintage-mäßigen RCA-Studio in Nashville. Sie performen mit den Hanseroth-Zwillingen (Vocals, Bass, Guitar), sowie Chris Powell (Drums) und Josh Neumann (Strings), so herausragende Songs, wie „Broken Horses“, eine Art Jefferson Airplane-CSN&Y-Rock-Nummer, die auf die ebenso betitelte Carlile-Bestseller-Autobiographie ‚anspielt‘.

Neben musikalischer Stimmen-Dynamik sind die ambitionierten und ‚geradeaus‘-Lyrics maßgeblich verantwortlich für die Wirkung der Songs und beschreiben ausführlich eine Aufarbeitung von Carliles Lebensgeschichte sowie ihre persönlichen Erfahrungen. Zart besaitete, wunderbare Gesangspassagen in „Stay Gentle“ geben dem Akustik-Kleinod eine besondere, individuelle Titel-bezogene Note.

Kaum verblassen diese Harmonien mit den ruhigeren Akkorden, wird bei „Sinners Saints and Fools“ ein famoses Rock-Gebilde auch stimmgewaltig aufgebaut, das schließlich in einem Inferno-Showdown instrumentell kollabiert. Der folgende Relationship-Song „Throwing Good After Bad“ vermittelt zum Schluss nochmals einen versöhnlichen Ausklang durch eine starke Klavier-Ballade, die Brandi meisterlich interpretiert.

Mit ihrem neuen Longplayer „In These Silent Days“ schafft Brandi Carlile ein Award–würdiges Album, zwischen Rock, Folk, Country und etwas Pop, das eine abwechslungsreiche, geschmeidige und bei genauem Hinhören nachdenkliche Wohlfühlatmosphäre hinterlässt. Ihr Idol Joni Mitchell kann stolz auf sie sein.

Low Country Sound-Elektra (2021)
Stil: Country, Folk

Tracks:
01. Right On Time
02. You And Me On The Rock (feat. Lucius)
03. This Time Tomorrow
04. Broken Horses
05. Letter To The Past
06. Mama Werewolf
07. When You’re Wrong
08. Stay Gentle
09. Sinners, Saints and Fools
10. Throwing Good After Bad

Brandi Carlile
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