The Highwomen – Same – CD-Review

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The Highwomen sind ein neu formiertes Quartett, bestehend aus den vier Singer-/Songwriterinnen Brandi Carlile, Maren Morris, Amanda Shires und Natalie Hemby.

Wer unser Magazin aufmerksam liest, dem sind diese Namen, auch wenn keiner davon in unserer Interpretenskala zu finden ist, im einen oder anderen Artikel sicherlich schon mal begegnet.

Unweigerlich erinnert man sich an die Country-Super-Combo The Highwaymen, mit den allerdings gestandenen und allseits bekannten Recken Johnny Cash, Willie Nelson, Waylon Jennings und Kris  Kristofferson, die Mitte der Achtziger bis Mitte der Neunziger, mal im Kollektiv ein paar Zusatz-Dollar zu generieren suchten.

Marren Morris ist die mit Abstand jüngste im Bunde, allerdings vielleicht nicht zuletzt durch ihre Auftritte hier bei uns, vermutlich die kommerziell erfolgreichste.

Brandi Carlile hat uns vor kurzem besonders durch ihre starke Mitwirkung bei Tanya Tuckers Comeback Album erfreut.

Die Texanerin Amanda Shires ist für ihr filigranes Fiddle-Spiel, Gesänge in Richtung Emmylou Harris-Dolly Parton und als Ehefrau von Jason Isbell vordergründig bekannt.

Natalie Hemby hat neben ihren eigenen Sachen mit und für so ziemlich alles was Rang und Namen in der New Country-Szene hat Stücke kreiertm wie zum Beispiel die Eli Young Band, Carrie Underwood, Little Big Town, Keith Urban, Toby Keith, Blake Shelton, nur um ein paar zu nennen.

Ihre musikalische DNA wird direkt im schönen, mit einer Mark Knopfler-mäßig E-Gitarre begleiteten Opener „Highwomen“ proklamiert: „We’re the Highwomen, we sing of stories still untold, we carry the sons you can only hold, we are the daughters of the silent generations, you send our hearts to die alone in foreign nations, and may return to us as tiny drops of rain, but we will still remain.”

Im weiteren Verlauf erhält man trotz Unterstützung prominenter Gäste wie Sheryl Crow (Backgroundgesang, Bass), Yola (Gesang, Backgroundgesang), Dave Cobb (akustische/elektrische Gitarre), Jason Isbell (akustische/elektrische Gitarre), Phil Hanseroth (Bass, Backgroundgesang), Tim Hanseroth (Gitarre, Backgroundgesang), Chris Powell (Drums) und Peter Levin (Piano und Keyboards), recht dezent instrumentierte, countryeske Stücke (ähnlich wie auf Tanya Tuckers Album), die auf die Entfaltung der unterschiedlichen Gesangstypen und der vielen Harmoniegesänge, sowie die niveau- und humorvollen Texte (herrlich u. a. „Redesigning Women“, “My Name Can’t Be Mama”) fokussiert ist.

Mein Favorit ist das von von Jason Isbell mit kreierte und von Maren Morris angeführte, mit entspannt surrendem Slide hinterlegte, dezent Southern-angehauchte „Old Souls“. Hier stimmt von der Instrumentierung (klasse Slide-Solo) bis zu den Gesängen (Stevie Nicks-/Fleetwood Mac-Touch) einfach alles. Tolle Nummer.

Wer Spaß an beschriebenem Liedgut hat, und vielleicht die eine oder andere Bildungslücke mit (überwiegend traditioneller) Countrypowerfrauenmusik schließen möchte, der liegt bei den den vier Highwomen mit Morris, Hemby, Carlile und Shires goldrichtig. Ein absolut gelungenes Werk. Daher kann die Empfehlung nur lauten: „Take the Highwomen!“

MCA Nashville (2019)
Stil: Country Rock

01. Highwomen
02. Redesigning Women
03. Loose Change
04. Crowded Table
05. My Name Can’t Be Mama
06. If She Ever Leaves Me
07. Old Soul
08. Don’t Call Me
09. My Only Child
10. Heaven Is A Honky Tonk
11. Cocktail And A Song
12. Wheels Of Laredo

The Highwomen
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Oktober Promotion

Charley Crockett – The Valley – CD-Review

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Review: Michael Segets

Charley Crockett hatte vergangenen Monat in der Kulturrampe im Rahmen seiner diesjährigen Europatournee Halt gemacht. Die letzten Konzerte in Spanien sind gerade gelaufen und die nächsten in den Vereinigten Staaten angekündigt. Nicht nur, wenn Crockett auf Konzertreise ist, erscheint er als rastloser Geist. Bereits als Jugendlicher trampte er durch die Staaten, lebte später in Europa und Afrika.

Ständig on the Road charakterisiert er seine selbst gewählte Lebensweise auf „The Way I’m Livin‘ (Santa Rosa)“ oder „Motel Time Again“. Ebenfalls autobiographische Züge trägt der Titelsong des neuen Albums „The Valley“. Bei ihm schildert Crockett seine Herkunft und die Anfänge seiner Sehnsucht, die ihn immer wieder in die Ferne zieht.

So unstet sein Lebenswandel auch erscheint, so bleibt er doch musikalisch auf seiner Linie, die zwischen Country und Blues liegt. Hatte er sich auf seinem Chart-Erfolg „Lil G.I.‘s Blue Bonanza“ (2018) dem Blues zugewandt, schlägt die Nadel bei „The Valley“ wieder stärker in Richtung Country aus, was sich ja bereits bei der Show in der Kulturrampe abzeichnete.

Da sind schnellere Varianten vorhanden, wie das einprägsame „Big Gold Mine“, oder auch langsame, wie „10,000 Acres“ und „Change Yo‘ Mind“. Die meisten Country-Nummern (u. a. „Excuse Me“ oder „Maybelle“), bewegen sich aber im mittleren Tempo. Die Titel orientieren sich von Machart und Instrumentalisierung mit Geige, Steel Pedal und Slide an den Genreklassikern. Sie haben den typischen Twang. Den erzielt Crockett auch auf „River Of Sorrow“, bei dem er Orgel und Trompete einbaut.

Unter den Country-Songs, die dem herkömmlichen Muster folgen, heben sich „It’s Nothing To Me“, auf dem Crockett etwas tiefer singt, und „Borrowed Time“ besonders hervor. Die Single, die Crockett zusammen mit Evan Felke (Turnpike Troubadours) geschrieben hat, glänzt durch einen sofort ins Ohr gehenden Refrain, auf dem Crocketts besonderer, metallischer Gesang hervorragend zur Geltung kommt.

Intensiv sind die beiden Songs „5 More Miles“ und „7 Come 11“. Bei ihnen wendet sich Crockett mehr seiner bluesigen Seite zu. „If Not The Fool“ ist in zwei Versionen auf dem Album vertreten. Die längere Version enthält ein gedämpft schnarrendes Trompetensolo, unterscheidet sich aber sonst nicht wesentlich von der anderen. Selbst in der Langversion knackt der langsame Blues nicht die vier Minutenmarke. Crocketts Stücke sind sowieso meist sehr kurz und selten länger als drei Minuten.

Schließlich findet sich ein vom Banjo begleiteter Folksong auf der Scheibe, der die Legende um John Henry aufgreift. Mit „9 Pound Hammer“ reiht sich Crockett ebenbürtig in die Tradition von Pete Seeger, Leadbelly oder Johnny Cash ein. Mit ihm erhöht Crockett die Klangvarianz auf seinem Longplayer, der insgesamt von ähnlich aufgebauten Country-Nummern geprägt wird.

Die Differenzierungen im Country-Bereich stellen ja eine Wissenschaft für sich dar. Ich habe letztens gelesen, dass es so etwas wie New-Traditional-Country gibt. Die Bezeichnung trifft die Mehrzahl der Songs von Crockett auf „The Valley“ ganz gut. Dabei gelingen ihm einige sehr schöne, eingängige Genrebeiträge. Tendenziell stechen aber die starken Titel mit Blues-Einschlag auf dem Album hervor. Sie bringen Abwechslung in das Werk und bleiben von ihm eher im Gedächtnis.

Son Of Davy / Thirty Tigers
Stil: Country, Blues

Tracklist:
01. Borrowed Time
02. The Valley
03. 5 More Miles
04. Big Gold Mine
05. 10,000 Acres
06. The Way I’m Livin‘ (Santa Rosa)
07. 7 Come 11
08. If Not the Fool (Long Version)
09. If Not the Fool (Short Version)
10. Excuse Me
11. It’s Nothing To Me
12. Maybelle
13. 9 Pound Hammer
14. River Of Sorrow
15. Change Yo‘ Mind
16. Motel Time Again

Charley Crockett
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Charley Crockett – 27.08.2019, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

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Zum Abschluss der Sommerferien öffnete die Kulturrampe ihre Pforte für Charley Crockett. Mit der letztjährigen Top-Ten-Platzierung seines Albums „Lil G.I.‘s Blue Bonanza“ in den Blues-Charts ist Crockett in Amerika schon kein Geheimtipp mehr. Hierzulande hält sich sein Bekanntheitsgrad noch eher in Grenzen. So füllte sich nach einem schwülen Tag die Krefelder Kult-Location auch nur zur Hälfte.

Allerdings nahm ein Fan-Trupp aus Schwelm die 80-km-Anreise auf sich, um den Texaner und seine Band live zu erleben. Auffällig war zudem die relativ hohe Frauenquote unter den Besuchern. Der markante, metallische Gesang Crocketts und sein stylischer Retro-Look mögen dafür verantwortlich sein.

Pünktlich um 21.00 Uhr startete Crockett mit der aktuellen Auskopplung „5 More Miles“ aus seinem im September erscheinenden Album „The Valley“. Bei dem flotten Einstieg mit dem bluesinfiltrierten Stück sorgte Alexis Sanchez an der E-Gitarre für den besonderen Drive.

Zwar wurde mit „The Race Is On“ und „Lots Of Luck“ sein Chart-Erfolg berücksichtigt, den ersten Abschnitt des Konzerts dominierten aber die Titel des neu angekündigten Longplayers. Neben der starken ersten Single „Borrowed Time“ blieb vor allem „Big Gold Mine“ im Gedächtnis. „Maybelle“ – mit Pfeifeinlage – und „River Of Sorrow“ gab Crockett ebenso zum Besten wie die von „In The Night“ (2016) stammenden „Baby 1-2-3“ und „I Am Not Afraid“.

Charley Crockett ist schon in jungen Jahren durch die Staaten getrampt und lebte zeitweise in Frankreich, Spanien und Nordafrika. Seinen Freiheitsdrang sowie das Bedürfnis unterwegs zu sein, thematisiert er in „The Valley“ und „The Way I’m Livin‘ (Santa Rosa)“. Leider hat er weder zu diesen, noch zu anderen Songs, Erläuterungen gegeben.

Ich hätte mir ein paar Ansprachen oder eine stärkere Interaktion mit dem Publikum gewünscht. Angesichts der hohen Temperatur in der Rampe schien es die meisten Anwesenden allerdings nicht gestört zu haben, dass Crockett die Setlist straight durchspielte. Textsicher unterstützten sie ihn bei einigen Titeln und waren froh, dass sich Crockett nach dem Auftritt Zeit für Gespräche und Fotosessions in dem kühleren Vorraum der Rampe nahm.

Im zweiten Abschnitt der Show versammelte sich die Band, mit Ausnahme des Drummers Mayo Valdez, im Kreis um ein Mikro. Zum „Banjo-Pickin‘“ tauschte Crocket seine akustische Gitarre gegen ein Banjo aus und Multiinstrumentalist Kullen Fox griff zur Mandoline. Die Aufstellungsform ermöglichte es den Musikern abwechselnd – je nachdem, wie nah sie sich zum Mirko positionierten – in den Vordergrund zu treten. Eine schöne Idee, die ich so noch nicht auf der Bühne gesehen hatte.

Crockett bewegt sich auf seinen Longplayern zwischen Country und Blues. Während im ersten Teil des Konzerts der Schwerpunkt auf Country-Nummern lag, wurde die stilistische Bandbreite nach dem Banjo-Intermezzo größer. Mit Rock ’n Roll, R&B und Blues präsentierte Crockett und seine Männer eine gelungene Mischung.

Schwerpunktmäßig wurden in dieser Phase Tracks von der Scheibe „Lonesome As A Shadow“ (2018) gespielt. „How Long Will I Last“, „Lil‘ Girl’s Name“, „Oh So Shaky” und ich meine auch „The Sky’d Become Teardorps” sowie „Ain’t Gotta Worry Child”. Zuvor performte die Band „I Wanna Cry“ und „Goin’ Back To Texas” von diesem Album.

Colin Colby wechselte vom Upright- zum E-Bass und Crockett packte die E-Gitarre aus. Der Frontmann lebte dann auch auf der Bühne auf und präsentierte einzelne Tanzeinlagen. Während des gesamten Konzerts setzte Kullen Fox mit Keybord, Akkordeon und Trompete immer wieder schöne Akzente.
Natürlich durfte der Schunkler „Jamestown Ferry“ nicht fehlen, den es zu Beginn der Zugabe gab. Nach 75 Minuten verließen die Texaner, die ihre standesgemäßen Hüte trotz der Hitze nicht ablegten, die Bühne.

Charley Crockett hat einige hervorragende Songs im Programm. Er und seine Band lieferten insgesamt eine abwechslungsreiche Show, die im ersten Teil vielleicht ein etwas zu gleichförmiges Tempo hatte. Wie dem auch sei, die angereisten Fans waren hoch zufrieden und sogar Markus Peerlings ließ es sich nicht nehmen, der Band im Saal seiner Kulturrampe zu lauschen.

Crockett setzt nach seinem letzten Gig in Deutschland seine Europa-Tour in den Niederlanden, Belgien, England, Frankreich und Spanien bis Mitte September fort. Zur Veröffentlichung seines neuen Albums „The Valley“ kehrt Crockett nach Amerika zurück, wo sich weitere Shows anschließen.

Line-up:
Charley Crockett (lead vocals, guitar, banjo)
Alexis Sanchez (guitar)
Kullen Fox (accordion, keys, trumpet, mandolin, vocals)
Colin Colby (bass, vocals)
Mayo Valdez (drums)

Text und Bilder: Michael Segets

Charley Crockett
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Kulturrampe Krefeld

Vince Gill – Okie – CD-Review

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Der in Norman, Oklahoma, geborene Vince Gill, ist weit über Nashville hinaus, eine musikalische Institution. Er hat so ungefähr alles an Auszeichnungen eingeheimst, was möglich ist und mit mit allem, was Rang und Namen hat, schon das Studio oder die Bühne geteilt.

Zuletzt ist der Mann mit der warmen Tenorstimme und dem vornehmlich so fein klingenden Telecasterspiel als Glenn Frey-Ersatz, von niemand Geringeren als den Eagles, als Neu-Mitglied angeheuert worden.

Mit seinem neuen Album „Okie“ bekennt er sich jetzt seiner geographischen Wurzeln, würdigt aber, schon von einigen Songtiteln her deutlich erkennbar, auch wichtige musikalische Bezugsgrößen, wie seine Ehefrau Amy Grant („When My Amy Prays“) oder die beiden, 2016 verstorbenen Country-Ikonen Guy Clark („Nothin‘ Like A Guy Clark Song“) und Merle Haggard („A World Without Haggard“).

Das mit Co-Writern wie u. a. Jason Isbell, Charlie Worsham oder Hayes+Carll verfassten Liedern bespickte Album, bewegt sich überwiegend im ruhigeren Modus, und wird oft von einer gesanglichen Melancholie Gills getragen.

Schönes, meist klares Akustikgitarrenspiel, dezente E-Gitarren- und Pianotupfer, sowie eher sanfte Drums, mit eher perkussionshaftem Charakter (zum Teil mit Pinselsticks), runden diese eher intim anmutende Atmosphäre entsprechend ab.

Ich weiß nicht, wie es dem Leser geht, aber bei dem Wort ‚Okie‘ kommt mir zu allererst immer die Assoziation mit J.J. Cale in den Sinn. Und der hinterlässt dann auch beim vorletzten Track in kauziger Manier, „The Old Man Of Mine“, bei Vince Gill, ganz offensichtlich seine Spuren.

Im bereits erwähnten, letzten Song offenbart Gill schließlich, im Haggardschen Liedgut, den Antrieb und seine musikalische Motivation gefunden zu haben. Das tut er mit den, voller Pathos, zu weinender Steelgitarrenbegleitung, gesungenen Abschlussworten : „It was my greatest inspiration, that’s the reason why I sing the Blues“.

Insgesamt eine Scheibe, die ich vermutlich öfter bei verregneten Herbst- oder Wintertagen im heimatlichen Wohnzimmer auf der Couch zum Relaxen in den CD-Player legen werde.

MCA Nashville (2019)
Stil: Country Rock

01. I Don’t Wanna Ride The Rails No More
02. The Price Of Regret
03. Forever Changed
04. An Honest Man
05. What Choice Will You Make
06. Black And White
07. The Red Words
08. When My Amy Prays
09. A Letter To My Mama
10. Nothin‘ Like A Guy Clark Song
11. The Old Man Of Mine
12. A World Without Haggard

Vince Gill
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Oktober Promotion

Charlie Wooton Project – Blue Basso – CD-Review

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Review: Gernot Mangold

Charlie Wooton mag vielen als Mitglied von Royal Southern Brotherhood bekannt sein. Allerdings ist der musikalische Horizont des Bassisten um einiges weiter, was auf dem Album, benannt nach seinem Lieblingsbass, schnell erkennbar ist.

Schon im Instrumental „Jaceaux“, dem Opener der Scheibe, ist die spielerische Bandbreite von Jazz über Rock bis Funk zu erkennen. In diesem Song spielen Wooten und Dough Wimbish von Living Colour eine Art Twin Bass, als Tribut des schon vor über 30 Jahren verstorbenen Superbassers Jaco Pastorious.

Soulig bis swingend geht es dann mit „Reflections“ weiter, wo die talentierte Sängerin Arsene Delay, wie in den meisten folgenden Tracks, den Gesang beisteuert, der zuweilen an die junge Sade erinnert. Stilistisch ähnlich folgt das sehr harmonische „I Dont Know“, in dem neben dem exzellenten Bassspiel Wootons, auch die Mitstreiter, Daniel Groover an der Gitarre, Jermal Watson an den Drums und Kefko Komat an den Keyboards, ihre Klasse zeigen. Unterstützt werden sie dabei vom uns bestens bekannten Gastmusiker Damon Fowler an der Lap Steel Guitar.

Bei „Come On Over“ wird in die bisherigen Zutaten noch eine Prise Blues gestreut, um mit „Dime“ eine tolle instrumentale Jazznummer nachzulegen. Bei  „One Night“, ein eher wieder ruhigerer bluesiger Song mit einer Prise Soul, steht die Stimme Delays im Vordergrund.

Stark ist das funkige Bass- und Keyboard-Intro zu „Fulton Alley“, was zum groovigen Ende hin, psychedelische Züge annimmt. In „Tell Me A Story“ kommt Wootons Arbeit bei Royal Southern Brotherhoon am meisten zum Vorschein. Ein bluesiges Southernflair durchhaucht diesen starken Song in dem Sonny Landreth die Slideguitar, wie im folgenden „Front Porch, mit leichtem Countryeinschlag, einbringt.

Den Abschluss macht eine funkige Version des Rolling Stones-Klassikers „Miss You“, bei dem Delay das Lied stimmlich in ein ganz anderes viel souligeres Ambiente hüllt, als von den Stones bekannt.

Mit „Blue Basso“ ist Wooton ein starkes Album gelungen, welches aber durch seine Komplexität, Zeit, Ruhe und auch Konzentration beim Zuhören verlangt, um die ganzen Feinheiten und technischen Fähigkeiten der Musiker entsprechend wahrnehmen zu können. Besonders live gäbe es viel Potential,  die Songs in jammenden Gewändern zu präsentieren.

Musiker:
Charlie Wooton – Bass
Daniel Groover – Guitar
Jermal Watson – Drums
Kefko Komakt – Keyboards

Featuring:
Arsene Delay – Vocals

Special Guests:
Sonny Landreth – SlideGuitar („Front Porch“, „Tell Me A Story“)
Anders Osborne – Guitar („One Night“)
Dough Wimbish – Bass („Jaceaux“)
Eric McFadden – Guitar („Miss You“)
Damon Fowler – Lap Steel („I Don’t Know“)

Endless Blues Records (2019)
Stil: Blues Rock

Tracklist:
01. Jaceaux
02. Reflections
03. I Don’t Know
04. Come On Over
05. Dime Note
06. One Night
07. Fulton Alley
08. Tell Me A Story
09. Front Porch
10. Miss You

Charlie Wooton
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Tanya Tucker – While I’m Livin‘ – CD-Review

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Diven-Time in Sounds Of South. Country-Ikone Tanya Tucker bringt nach 17 Jahren Pause mit „While I’m Livin‘“ wieder neues Studiomaterial auf den Markt. Produziert und musikalisch mitgewirkt hat Shooter Jennings.

Die aus Seminole, Texas stammende Musikerin ist seit Kindertagen im Geschäft und hat so ziemlich alle Höhen (Nummer 1-Hits, Major-Verträge, Goldene Schallplatten, Grammy-Nominierungen, Awards) und Tiefen (Alkohol- und Drogenprobleme) des Business durchgemacht.

Jetzt scheint sie, wie es das Titelbild mit dem aufbrausenden Pferd am Strand vor rauschender Meeresbrandung suggeriert, noch mal abheben zu wollen. Dafür hat sie sich dem Songwriter-Trio Brandi Carlile (auch Co-Produzentin) sowie den Zwillingen Tim und Phil Henseroth, anvertraut, die bis auf wenige Coverstücke hier den Löwenanteil des kreativen Parts, sowie natürlich auch diverse Instrumente und Harmoniegesänge übernommen haben.

Die zehn Stücke bieten klassischen Storyteller-Country im Stile der bekannten charismatischen Größen des Genres, sehr geschmackvoll und dezent instrumentiert, so dass der Fokus auf Tuckers starker Stimme omnipräsent ist.

Shooter Jennings beschränkt sich auf diverse sparsame Tastenuntermalungen, Brandi Carlile ist bis auf die Piano-Ballade am Schluss, wo sie Piano spielt, mit starken Vokal-Harmonien ‚unterwegs‘.

Beide werden von der Tucker in höchsten Tönen gelobt: „Brandi ist wirklich nicht von dieser Welt. Sie ist talentiert, klug, lustig, immer mit vollem Einsatz dabei und hat ein Herz aus Gold“, sagt Tucker über die Zusammenarbeit. „Ich liebe sie einfach. Sie war wie mein Schatten, als wir im Studio waren. Jedes Mal, wenn ich mich umdrehte, war sie da. Und Shooter, ich kenne ihn, seit er ein Baby war. Er ist derjenige, der uns alle zusammengebracht hat. Die dabei entstandene Musik ist anders als alles, was ich je gemacht habe.“

Tanya selbst präsentiert sich gesangstechnisch in bester Verfassung. Was mir besonders gefällt, ist, dass sie sich spürbar der Songs annimmt, als hätte sie sie selbst verfasst.

Ein Kompliment auch an das Songwriter-Trio, das sich für die tollen Texte (u. a. „I Don’t Owe You Anything“, „Hard Luck“, „Rich“), die man im beigefügten Booklet mitverfolgen kann, verantwortlich zeigt.

Von den beiden sanft Southern-angehauchten Openern „Mustang Ride“ und „The Wheels Of Laredo“ (schönes Marshall Tucker-Flair am Ende mit der einsetzenden E-Gitarre), über das rotzig, aufmüpfig gesungene „I Don’t Owe you Anything“, die Herz-Schmerzballade „The Day My Heart Goes Still“ (zirpende Mandoline, raunzendes Cello), das „Lucille“-mäßige „High Ridin‘ Horses“, den launigen Mitgröltrack „Hard Luck“, bis zum finalen pathetischen Moll-Piano-getränkten „Bring Me Flowers Now“, gibt man sich den involvierten Künstlern und natürlich besonders Tuckers Stimme, entspannt lauschend hin.

Tanya Tucker feiert mit „While I’m Livin‘“ ein beeindruckendes Comeback, das selbst einen wie mich, welcher der eher klassischen Art des Country nie besonders viel abgewinnen konnte, absolut positiv überrascht. In dieser Konstellation dürfte die Diva noch für so manche Überraschung gut sein, ohne dass wieder eine Ewigkeit vergeht.

Fantasy Records (Universal Music) (2019)
Stil: Country

Tracklist:
01. Mustang Ride
02. The Wheels Of Laredo
03. I Don’t Owe You Anything
04. The Day My Heart Goes Still
05. High Ridin’ Heroes
06. The House That Built Me
07. Hard Luck
08. Rich
09. Seminole Wind Calling
10. Bring My Flowers Now

Tanya Tucker
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Oktober Promotion

Eilen Jewell – Gypsy – CD-Review

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Review: Michael Segets

Signature Sounds hat interessante Künstler im Programm. The Suitcase Junket war vor kurzem eine Neuentdeckung für mich. Eilen Jewell ist die nächste. Dabei bringt Jewell seit fast fünfzehn Jahren ihre Musik heraus und schaut bereits auf neun Alben zurück.

Jewell weckt auf „Gypsy“ viele Assoziationen zu anderen Musikerinnen und Musikern. Dabei verarbeitet sie diese deren Einflüsse sehr selbstständig und gewinnt so der Tradition neue Facetten ab. Auf dem Opener „Crawl” ähnelt ihre Stimme der von Sheryl Crow. Die Geige auf dem Folk-Rocker erinnert – wie später auch auf „Beat The Drum“ – an John Mellencamp. „Who Else But You” könnte eine typische Ballade von Leonard Cohen sein.

Zudem besitzt Jewell eine Affinität zum Country. So veröffentlichte sie 2010 ein Tribute-Album für Loretta Lynn. Auf „Gypsy“ frönt sie mit „You Cared Enough To Lie“ und „These Blues” dieser Musikrichtung. Die beiden runden Midtempo-Songs folgen der klassischen Machart mit Lap Steel, Geige und nasalerem Gesang. Sie sind auf diese Weise sicherlich gut gemacht, liegen aber nicht auf meiner musikalischen Linie.

Anders als „79 Cents (The Meow Song)”, das sich zwischen Country und Folk bewegt. Der Text kritisiert Rassismus und musikalisch erweitert der Einsatz von Bläsern das bisherige Klangspektrum des Longplayers. Auch bei „Witness” sind Hörner zu hören, die der Ballade eine Portion Soul mitgeben.

Balladen stellen das Herzstück der CD dar. Neben den schon erwähnten finden sich mit „Miles To Go“ und „Gypsy“ noch zwei weitere, die sanfte, eingängige Melodien haben. Spröden Charme versprüht hingegen „Hard Times“. Die Gitarrenarbeit steht zu dem gleichförmigen Gesang in einem Kontrast, der das Stück durchaus spannend hält. Jewell greift auf dem Album das erste Mal im Studio zur E-Gitarre. Dennoch steht die akustische Gitarre insgesamt im Vordergrund. Auf deren Begleitung verlässt sich Jewell beim im Folksinger-Stil vorgetragenen „Fear“.

„Gypsy“ bietet einige gelungene Americana-Songs, die mal in Richtung Country und mal in Richtung Folk gehen und vereinzelt rockige Töne anschlagen. Damit CDs im Gedächtnis bleiben, braucht es aber meist einen wirklich beeindruckenden Song. „Working Hard For You Love” sorgt auf dem Album dafür, dass Eilen Jewell in die Liste der bemerkenswerten Künstlerinnen aufgenommen wird, die man auf dem Schirm haben sollte.

Staubtrockene Desert-Gitarre, leicht leiernder, bluesiger – etwas unterkühlt wirkender – Gesang sowie Passagen mit mächtig treibendem Schlagzeug geben dem Stück außerordentlichen Druck und Intensität.

Eilen Jewell kann eingängige und sehr harmonische Songs schreiben und knüpft dabei an unterschiedliche Stile des breiten Americana-Felds an. Sie schreckt nicht davor zurück, gelegentlich expressivere Töne anzuschlagen, was das Album zusätzlich interessant macht. Vielleicht bietet sich im November eine Gelegenheit, wenn Jewell in die Niederlande kommt – u. a. ins Luxor Live in Arnheim –, diese Mischung hautnah zu erleben.

Signature Sounds Recordings (2019)
Stil: Americana, Country

Tracks:
01. Crawl
02. Miles To Go
03. You Cared Enough To Lie
04. 79 Cents (The Meow Song)
05. Beat The Drum
06. Gypsy
07. These Blues
08. Working Hard For You Love
09. Who Else But You
10. Witness
11. Hard Times
12. Fear

Eilen Jewell
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Signature Sound Recordings
H’Art

Smooth Hound Smith – Dog In A Manger – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Dass eine Band, die aus nur zwei Personen besteht, hervorragend funktionieren kann und zudem Erfolg hat, beweisen Smooth Hound Smith (SHS) mit ihrem dritten Album „Dog In A Manger“. Diese seit 2012 unter dem skurrilen Namen reichlich aktive Formation besteht aus dem Multi-Instrumentalisten Zack Smith (Vocals, guitars, harmonica, banjo, foot drums) und seiner Ehefrau Caitlyn Doyle (Vocals, percussion), die zusammen die volle Breitseite der American-Roots-Music auf den Plattenteller bringen (neun Eigenkompositionen und einen Coversong).

Bereits mit dem Longplayer „Sweet Tennessee Honey“ (2016) hatte das ursprünglich aus Kalifornien stammende Duo für Aufmerksamkeit gesorgt und konnte u.a. als Support für die Dixie Chicks Tournee-Erfahrung sammeln. Eine Vielzahl weiterer Konzerte sind seitdem gespielt und zeigen ihre Wirkung auf „Dog In The Manger“, einem ausgesprochen experimentierfreudigen und liebevollen Album, das mit dem Opener „Life Isn’t Fair“ in Singer/Songwriter Mentalität stilsicher eröffnet wird.

Das melodische Stück „One In The Morning“ schließt sich ebenso nahtlos an, wie der Titelsong „Dog In A Manger“, der die gesanglichen Qualitäten von SHS als Duett geradezu offensiv herausfordert und Vergleiche mit berühmten Country-Sängern wie Carter-Cash, nicht scheuen muss.

Der Track wird von Zack Smith als sein Lieblingsstück der Produktion beschrieben: „Dog is probably my favourite piece of music overall on this new record. The title comes from an old Greek fable and is now used, albit, infrequently, as an idiom to speak of one who, out of spite, prevents others from succeeding or finding happiness“.

Nach „Backslide“, einem Song, der direkt aktuelle, politische Hintergründe in den USA thematisiert, kommt mit „Waiting For A Spark“ die Vorab-Single, von Caitlyn Doyle überwiegend solo und als rockiger Country-Track nach dem Vorbild einer Dolly Parton interpretiert.

Bei „Three Shades Of Lonely“ werden die rockigen und bluesigen Eindrücke des Longplayers durch Luther Dickinson an der Slide-Gitarre nochmals in rauer Manier hervorgehoben und als besonders empfehlenswert hinterlegt. Gleiches gilt für die Fleetwood Mac-Nummer „Second Hand News“, die dem Original in Form eines feinsinnigen Finger-Picking-Folk-Songs alle Ehre macht.

Smooth Hound Smith sind mit ihrem Album „Dog In A Manger“ voll in der Spur, die traditionsreiche, amerikanische Country-Folk-Szene gekonnt aufzumischen und ideenreich und konsequent herauszufordern. Sie werden damit 2020 erneut in Europa auftreten und ihren handgemachten Roots-Rock auch hierzulande endlich wieder live präsentieren.

Eigenproduktion (2019)
Stil: Americana, Country, Roots

Tracklist:
01. Life Isn’t Fair
02. One In The Morning
03. Dog In A Manger
04. Backslide
05. Waiting For A Spark
06. I Got My Eyes On You
07. Three Shades Of Lonely
08. Used To Be Your Man
09. Second Hand News

Smooth Hound Smith
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Black Pike Favorites

Delbert McClinton and Self-Made Men + Dana – Tall, Dark & Handsome – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Wer von der amerikanischen Rolling Stone als „Godfather of Americana“ und „Roots music visionary“ bezeichnet wird, dessen Albumveröffentlichung kann nur ein weiteres Highlight für eine ganze Musiksparte sein. Delbert McClinton, der vor allem im Americana, also im Grenzbereich zwischen Country, Blues und Folk unterwegs ist, scheint auch nach fast 60 Jahren Musikbusiness immer noch nicht müde.

Der mittlerweile 78-jährige Texaner hat für seinen insgesamt 26. Longplayer seit 1972 wieder die Begleitband The Self-Made Man + Dana zusammengetrommelt und erfreut mit 14 neuen Songs, die weit über sein Americana-Spektrum hinausgehen.

Als Sänger, Gitarrist, Harmonica-Spieler und Pianist gehört Delbert McClinton wohl offenbar zum ‚ausdauernden‘ musikalischen Urgestein, das seine vielseitige, über die langen Jahre gewachsene Erfahrung, mit dem Album „Tall, Dark and Handsome“ erneut unter Beweis stellt.

McClinton, der seine Laufbahn als Musiker für farbige Blues-Größen (u.a. Sonny Boy Williamson, Howlin‘ Wolf, Lightnin‘ Hopkins etc.) in den fünfziger Jahren begann, spielte 1962 das prägende Harmonica-Solo auf Bruce Channels Allzeit-Hit „Hey Baby“ und ist seit dem ein reichlich umtriebiger Songwriter und Bandleader geblieben.

Immerhin drei GRAMMY Awards für Contemporary Blues und eine Reihe von noblen Chart-Platzierungen sowie anerkennende Cover Versionen durch bekannte Kollegen, wie den Blues Brothers, Emmylou Harris, Etta James, Buddy Guy, Garth Brooks und Waylon Jennings u. a. belegen sein weitreichendes Repertoire.

Der vorliegende Longplayer und Nachfolger von „Prick of the Litter“ (2016) spielt sich dementsprechend durch viele Richtungen des Blues, Swing, Jazz und Country und eröffnet mit dem riesigen Big-Band-Blues-Shuffle „Mr. Smith“ und einer meisterlichen Dana Robbins am Saxophon. Der folgende, schnelle Südstaaten-Rock „If I Hock My Guitar“ erinnert in einer zwei Minuten Kurzfassung an die „Little Feat“-Tradition die vom überraschenden Akustik-Swing „No Chicken On The Bone“ mit schneller Geigen-Begleitung im Django-Reinhardt-Stil abgelöst wird.

McClinton, der sein Album als “kind of a salute to Texas blues, the music I grew up on” beschreibt, hat alle 14 Stücke selbst geschrieben bzw. im Co-Writing verfasst und damit eine opulente Mischung seines „Texas-Roots-Sound“ geschaffen, den seine Band bravourös und variantenreich interpretiert.

Vom Klarinetten-Solo im Midtempo Country „Let‘s Get Down Like We Used To“ bis zum jazzigen Story-Teller-Blues „Ruby & Jules“ reicht dabei die eigenwillige Song-Auswahl. Dass Delbert McClinton seine Gesangs-Parts handwerklich von Grund auf gelernt hat, wird nicht nur im langsamen Soul-Blues „Any Other Way“ deutlich, sondern verleiht dem jazzigen Sound von „Lulu“ weitläufig einen gewissen Tom Waits-Charakter.

Die typischen Blues-Shuffle-Songs, wie „A Fool Like Me“ und „Can’t Get Up “ – letzteres mit herrlichem Hammond-Solo, fehlen ebenso wenig als musikalische McClinton- Klassiker, wie die zwei Abschluss-Tracks im fast psychedelischen Gewand.

Delbert McClinton ist es mit dem Album „Tall, Dark & Handsome“ im hohen Alter nochmals gelungen, lautstark durchzustarten und ein lebenserfahrenes Werk abzuliefern, das seine vielleicht bisher in Europa unterschätzte Songwriter und Bandleader Qualität offenkundig wiedergibt.

Hot Shot Records/ Thirty Tigers (2019)
Stil: Blues, Country, Americana

Tracks:
01. Mr. Smith
02. If I Hock My Guitar
03. No Chicken On The Bone
04. Let’s Get Down Like We Used
05. Gone To Mexico
06. Lulu
07. Loud Mouth
08. Down In The Mouth
09. Ruby & Jules
10. Any Other Way
11. A Fool Like Me
12. Can’t Get Up
13. Temporarily Insane
14. A Poem

Delbert McClinton
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Thirty Tigers
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Hayseed Dixie, Support: Wally, 14.06.2019, Musiktheater Piano, Dortmund – Konzertbericht

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Unterhaltung pur, gestern Abend im Musiktheater Piano in Dortmund! Just in dem Moment, wo das Unternehmen, in dem ich seit fast 30 Jahren gerne gearbeitet habe, mich im letzten Viertel meines Berufslebens, Mantra-artig mit Sekten-mäßig anmutenden Weiterbildungen und neu errichteten ‚Open Spaces‘ (Großraumbüros…), auf die wunderbaren Vorzüge und Chancen der Digitalisierung (ohne jegliche kritische Hinterfragung) einzuschwören gedenkt, gleicht so ein Konzert wie aus der guten linearen alten Zeit der Rockmusik, ganz vielem Balsam für die geschundene Seele.

Die Bluegrassrocker von Hayseed Dixie sorgten mit ihren eigenwillig semi-akustisch countrifizierten Covernummern bekannter Genre-Klassiker, vermischt mit ein paar Eigenkompositionen und deutschem Liedgut(!), für einen launigen Einstieg ins Wochenende.

Der Auftakt war allerdings dem talentierten Mannheimer Musiker André Wahlhäuser, alias Wally, vergönnt, der in Tradition von Musikern wie Niedecken, Stoppok oder Maahn, in lockerer und oft selbst-ironischer Manier, die Begebenheiten des monogamen Künstlerlebens in seinen deutschsprachigen Songs reflektierte. Er präsentierte dabei aus seiner aktuellen EP „Unter deinem Licht“, authentisch wirkende Tracks wie „Sag‘ mir wann der Flieger geht“, „Du bist der Teufel“ oder „Alles kommt, nix geht… Mehr“.

Als Unterstützung assistierte ihm bei einem Song, die Frontfrau der Berliner Deutsch Rock-Combo Bonsai Kitten, Tiger Lilly Marleen. Launiger Höhepunkt seiner Performance war der „Kackvogel vorm Fenster“, der den Protagonisten, nach durchzechter Nacht, mit seinem Gezwitscher am Fenster in den frühen Morgenstunden, um den wohl verdienten Schlaf brachte. Ein versierter Musiker (auch mit guter Gitarrenarbeit bei gleichzeitiger Fußperkussion), mit dem Herz am rechten Fleck und schöner Kontrast zu den heutigen, Medien-protegierten Weichspülern à la Foster & Co.

Als in der kurzen Umbauphase eine Wanne mit reichhaltig Eis und Bierflaschen befüllt wurde und anschließend Mandolinenspieler Hippy Joe Hyma in seinem urigen Hosenanzug, der scheinbar nur noch von den vielen aufgenähten Stickern zusammengehalten wird, samt Whiskeyflasche und seinen Mitstreitern John Wheeler, Tim Carter und Jake ‚Bakesnake‘ Byers (eine imposante holzfällerartige Erscheinung mit Händen so groß wie Klodeckel) die Bretter des Pianos betraten, konnte man schon die beschwingte, feucht-fröhliche Richtung des Abends antizipieren.

Das um die Jahrtausendwende zunächst als AC/DC-Coverband konzipierte Quartett, gab dann auch ein furioses Feuerwerk bluegrassig-rockiger Nummern bekannter Größen wie AC/DC, Black Sabbath, Aerosmith, Journey (stark „Don’t Stop Believin'“), Toto, Motörhead, Queen (herrlich eigenwillige Version), Survivor, etc., zum Besten, überzeugte allerdings auch mit Stücken aus eigener Feder wie u. a. „Kirby Kill“, „Tolerance“ oder dem melodischen „I’m Keeping Your Poop (In A Jar)“, das zu meinem Lieblingsstück des Abends avancierte.

Klasse auch „Woah Woah“, bei dem Tim Carter, der mit filigranem Banjo-Spiel, sowohl für die musikalische Brillanz der Truppe stand, als auch im weitesten Sinne den ruhenden Pol abgab, einmalig die Lead Vocals übernahm. Die hatte natürlich maßgebend die einzige Konstante der Band, John Wheeler, inne, der vor allem mit seinen deutschen Sprachkenntnissen und Liedern wie u. a. „Schnaps, das war sein letztes Wort“ oder „Die richtige Zeit für Schwarzbier“, sowie seiner sympathischen, kommunikativen und mitnehmenden Art, beim gesangssicheren Publikum punktete.

Die Stücke lebten natürlich auch von den fortwährenden Solo-Kombinationen mittels Banjo und Mandoline, die nahezu in jedem Track eingestreut wurden. Dabei fegte der positiv-verrückt erscheinende immer Grimassen-schneidende Hippy Joe Hymas mehrfach wie ein Derwisch von der Bühne durch die Audienz von Dortmunds Parade-Location.

Als im langen Zugabenteil Songs wie „T.N.T“, „Corn Liquer“, „Walk This Way“, „Hihway To Hell“ (mit integrierten „Free Bird“, „Tiny Dancer“ und „Eternal Flames“) fast Medley-artig ineinander griffen, gab es im begeistert mitgehenden Publikum schon längst kein Halten mehr. Eine einzigartige Hayseed Dixie-Party, bei der gesungen, getrunken und begeistert abgerockt wurde. So muss Live-Unterhaltung aussehen.

Kompliment an die Herren Wheeler, Carter, Hymas und Byers, die sich nach dem Konzert auch noch für den persönlichen Kontakt ausgiebig am Merchandising-Stand Zeit nahmen (lustiger Weise sogar gesanglich während des Gigs angekündigt) und am Ende für das Foto mit unserem Logo nochmals auf die Bühne des Pianos zurückkehrten. Insgesamt eine tolle Sause mit Hayseed Dixie. Eine Band, die man live erlebt haben sollte. Exponentiell hohe Ausschüttung von Glückshormonen garantiert!

Line-up Wally:
André „Wally“ Wahlhäuser – Lead vocals, semi acoustic guitar, percussion
Tiger Lilly Marleen – Vocals

Line-up:
John Wheeler (alias Barley Scotch) – Lead vocals, semi acoustic guitar, vocals
Tim Carter – Banjo, vocals, lead vocals
Hippy Joe Hymas – Mandoline
Jake ‚Bakesnake‘ Byers – Bass, vocals

Bilder: Gernot Mangold
Bericht: Daniel Daus

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