Mike Zito – Outside Or The Eastside – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Mit seiner neuen Scheibe “Outside Or The Eastside” findet US-Blues-Gitarrist Mike Zito über die autobiografische Reflektion zurück in seine Geburtsstadt St. Louis, Missouri, und erzählt in seinen Songs Geschichten über urbane Lebenswelten. Dort, wo seine Karriere begann, legt der Titelsong einen rasanten Einstieg hin und treibt mit seinem Lead-forcierten Rhythmus den Refrain „but you can’t stay here“ nach vorn. Slow-bluesig kommt hingegen die “Downtown At Midnight” durch dunkle Straßenfluchten und schildert individuelle Schicksale: “the damage is done” bildet im Chorus den Kern einer harten Realität. Einen Hauch von Optimismus verbreitet dagegen der funkige Groove von „Grand Avenue“: Widerstandsfähigkeit und Überlebenskunst bleiben neben Humor und Musik feste Größen im versöhnlichen Alltag der Großstadt.

In diesen Kontext der Beständigkeit integriert Mike Zito Coverversionen großer Blues-Titel, die eine autobiografische Verbindung herstellen und dem Werteverfall zeitlose Schönheit entgegensetzen. Dazu zählt auch die ungezwungen erfrischende Interpretation von Lonnie Brooks’ „Don’t Take Advantage of Me“ (1983), ebenso wie die härtere Gangart in „Too Broke To Spend the Night“; Buddy Guys Blues Rock von 1991 in neu belebter Fassung. Wer sich im etwas älteren Chicago-Blues-Songbook auskennt, wird zudem auf weniger bekannte Meisterwerke stoßen, etwa „Just Like I Treat You“ von Willie Dixon, ursprünglich 1962 von Howlin’ Wolf veröffentlicht und hier von Mike Zito in nahezu doppelter Länge interpretiert. Der Rhythm ’n‘ Blues Stomper erscheint im neuen “Gewand” noch intensiver, als die Aufnahme der Stones von 2016.

Auch “Down Don’t Bother Me” von Albert King aus 1967 ist eine dieser Perlen, die auf “Outside Or The Eastside” fast 60 Jahre später eine funkige Transformation erleben. Diese neue Klangfarbe erscheint beim Klassiker von Nina Simone “Do I Move You?” (1967) durch Zitos Guitar-Work – anstelle des ursprünglichen Harp- Background – im contemporary Blues-Sound. Ein Cover von “The Blues Lover” (Roy Buchanan, 1987) abschließend auf das Album zu nehmen, zeigt, dass Zito die Kunst der Live Jam Improvisation (beim über 8 minütigen Track) auch als Reminiszenz an den einflussreichen Blues Rock-Musiker versteht.

Mit “Outside Of The Eastside” legt Mike Zito ein Album vor, das Lebenserinnerungen an die Heimatstadt St. Louis in sozialkritischen Songs verarbeitet und gleichzeitig gegen wirtschaftlichen Niedergang und Dekadenz eine zweite Chance fordert. So wie er sie für sich und seine Familie erhalten hat und mit gefühlvoller Dankbarkeit auch an Cover-Versionen des Albums weitergibt. Entstanden ist eine profilierte Blues Rock- Scheibe, die weit über den Titel hinaus, hierfür im breiten Spektrum des Genres ein engagiertes Zeichen setzen will.

Gulf Coast Records (2026)
Stil: Blues

Tracks:
01. Outside Or The Eastside
02. Don’t Take Advantage Of Me
03. Kiss You All Over
04. Downtown At Midnight
05. Grand Avenue
06. Too Broke To Spend The Night
07. Just Like I Treat You
08. Down Don’t Bother Me
09. Do I Move You
10. Close To You
11. The Blues Lover

Mike Zito
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Marc Broussard – Chance Worth Taking – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Nach “S.O.S. V: Songs of the ’50s”, einem Teil seiner Cover-Reihe zugunsten von Charity-Projekten, veröffentlicht der US-Sänger und Songwriter Marc Broussard innerhalb von zwei Monaten sein neuestes Album „Chance Worth Taking“ – sein erstes Blues-Soul-Album mit ausschließlich eigenen Songs. Produziert vom Top-Team der Szene, Joe Bonamassa, Josh Smith und Calvin Turner, sind die 14 Tracks im Ocean Wave Studio in Nashville aufgenommen worden. Die Titelliste verbindet vor allem Blues-Kompositionen mit Rock und dem für Marc Broussard typischen, sanfteren Southern-Bayou-Soul-Sound – getragen von seiner unverkennbar emotionalen und rau klingenden Stimme, die den Songs wie ein Markenzeichen ihr Qualitätssiegel verleiht.

Eine Kombination aus gelegentlicher Joe Cocker Blues-Powerhouse-Mentalität und Old-School Soul-Voices prägt den Sound, dessen breites Spektrum die eigentliche Anpassungsfähigkeit als Ausdrucksstärke stilisiert. Persönliche Vorbilder wie der Grammy-prämierte Soulsänger Donny Hathaway, Stevie Wonder und James Taylor haben seinen Stil ebenso beeinflusst wie die Mentor-Qualitäten von JJ Grey, die Marc Broussard in einem Interview betont.

Die Inspiration für den aktuellen Longplayer „Chance Worth Taking“ entstand jedoch bereits 2023 durch die Zusammenarbeit mit Joe Bonamassa und Josh Smith beim Album „Blues For Your Soul“ und hinterließ insbesondere in den Co-Writings der neuen Songs deutliche Spuren. Die Vorab-Singles “No More” und “Fever” präsentieren diese Teamwork der eleganten Arrangements aus der breiten Palette der Scheibe: Soul-bluesige Streicher-Ballade wetteifert mit groovendem Funk-Track, Bonamassa und Smith in absoluter Höchstform – eine Werbung für die Synergie der Produktion.

Nicht unerwähnt bleiben sollte dabei der eigentliche Aufreißer der Platte: Die bewährte Methode mit einer klassisch lebhaften Nummer zu eröffnen, gelingt „You’ll Be Sorry” durch bluesrockende Wirkung sofort, während “Trying To Do Right” (feat. Joe Bonamassa) in eine herrlich relaxte Dynamik wechselt. Weit über das sprichwörtlich gewohnte „a little help from my friends“ hinaus geht das Engagement des Produzententeams: Mit kongenialer instrumentaler Kreativität entsteht ein swingender Soul-Rock’n’Roll-Party-Kracher („Let Me Take You Out Tonight“), den man sich ebenso gut im Repertoire von Bill Haley vorstellen könnte.

Wie der Opener erweist sich auch der Abschlusstrack als tragende Nummer der ausgedehnten musikalischen Spielwiese der Akteure: Blues und New Orleans gehören hier ebenso zusammen, wie ein Mardi Gras-Finale unter Beteiligung von Trombone Shorty, der im Co-Writing “Laissez Les Bons Temps Rouler” zum blues-jazzigen Tanzvergnügen mitgestaltet.

“Es ist Zeit für meine Blues-Phase. In diesem Lebensabschnitt gehe ich voll darin auf”, sagt Marc Broussard über die Aufnahmen. Ein fast schon bescheidenes Understatement, denn sein potenziell preiswürdiges Studioalbum „Chance Worth Taking“ bietet einmal mehr die ausgezeichnete Gelegenheit, eine der besten Stimmen des Genres kennenzulernen – eine Chance, die man unbedingt ergreifen sollte.

KTBA Records (2026)
Stil: Blues

Tracks:
01. You’ll Be Sorry
02. Trying To Do Right feat. Joe Bonamassa
03. I’m Going Home
04. No More
05. Fever feat. Josh Smith
06. Chance Worth Taking
07. Let Me Take You Out Tonight
08. Sweet Love
09. These Walls
10. Satisfaction Guaranteed
11. Blame
12. Whispers
13. Laissez Street Parade Intro feat. Trombone Shorty
14. Laissez Les Bons Temps Rouler feat. Trombone Shorty

Marc Broussard
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Another Dimension

Brooks Milgate – Roll With The Punches – CD-Review

Review: Hans-Joachim Kästle

Brooks Milgate wurde in eine musikalische Familie hinein geboren. Seine Eltern hatten sich in einer Gospelgruppe kennengelernt. Mit fünf Jahren begann Little Brooks, Piano zu spielen, während sein Vater ihm die Bassgitarre näherbrachte, so dass er seine Eltern bei Auftritten begleiten konnte.

Mit zwölf Jahren hat sich Brooks Milgate entschieden: Das Piano, das ist mein „Ding“. Und dann passierte etwas ganz Entscheidendes. Er entdeckte bei seinem Vater die Kassetten „Brothers and Sister“ von den Allmann Brothers und Led Zeppelin IV. Damit hatten sich jedwede Überlegungen nach dem Motto „Was soll ich denn nur mal werden?“ erledigt.

Jahre später erhielt Brooks Milgate ein Stipendium für das Berklee College of Music in Boston, das er 2005 mit Magna Cum Laude abschloss. Musikalisch etablierte er als Pianist und Organist und ging mit Blues-Acts auf Tour: Sugar Ray and the Bluetones, Darrel Nulisch, Kid Ramos, Ana Popovic, Chris O’Leary oder Mark Hummel. Unter anderem spielte er auch bei der Rockband Curtis Mayflower, die einige Alben und Singles veröffentlicht hat.

„Roll With The Punches“ – in dessen Mittelpunkt natürlich oft die Tasteninstrumente stehen – soll nun sein „first solo outing“ sein, wie die Plattenfirma schreibt. Das erstaunt einigermaßen, denn im vergangenen Jahr sind unter seinem Namen die Sechs-Songs-EP „The Night Needs The Stars“ und die CD „The Stags“ erschienen. Wie auch immer: Sein neues Werk bietet neun neue Kompositionen und die Klassiker „My Babe“ von Little Walter und „Goodnight Irene“ von Lead Belly, einen Akustik-Blues aus den 30er-Jahren.

Während sich zum Beispiel Keith Richards auf seiner CD „Crosseyed Heart“ aus dem Jahr 2015 mit seiner elegisch-getragenen Version eng an das Original gehalten hat, hat Milgate aus „Goodnight Irene“ eine beschwingte Boogie-Nummer gemacht, geprägt von Klavier und einem Saxophon-Solo. Das zeigt einmal mehr: Es kommt nicht unbedingt auf die Komposition an, sondern auf die Interpretation.

Zu den Höhepunkten von „Roll With The Punches“ gehört gleich die Eröffnungsnummer „Cheap Airline“, ein autobiografischer Song, der erzählt, wie sich Brooks auf einem Flug einer Billigfluggesellschaft nach Island verliebt hat. Verpackt ist das Ganze in einen Classic Rock, der die großen Zeiten in den Siebzigern und Achtzigern hochleben lässt, wobei Monster Mike Welch die Gitarre beisteuert.

Schade, dass es nicht mehr davon gibt, auch wenn die CD so oder so überzeugen kann. „Best That We Can Do“ geht Richtung Memphis Soul mit Bläsern, wogegen „I Should ’ve Known“ einen gediegenen New-Orleans-Rhythmus aufweist. Erneut ist Mike Welch ausgiebig an der Gitarre zu hören.

Der „Interstate Shuffle“ kommt als Instrumentalstück daher. Der Titelsong ist ein gediegener Blues, bei dem – wer wohl? – wieder die Saiten zupft. „Why I’d Wait So Long“ ist wohl eine Referenz an seine Eltern – ein Gospel im modischen Gewand.

Etwas aus dem Rahmen fällt der letzte Titel „Blueish Gray“, ein instrumentaler Smooth-Jazz, dominiert von Brooks Milgates Piano- und Orgelspiel. So muss es sich anhören, wenn der Pianist in einer schicken Bar zum letzten Mal in die Tasten greift, bevor es draußen langsam hell wird…

MoMojo Records (2026)
Stil: Rock, Blues, Soul

01. Cheap Airline
02. Goodnight Irene
03. Best That We Can Do
04. I Should’ve Known
05. Interstate Shuffle
06. Worry
07. Roll With The Punches
08. Why’d I Wait So Long
09. My Babe
10. So Long
11. Blueish Gray

Brooks Milgate
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Stacy Mitchhart – No Rhyme Or Reason – CD-Review

Review: Hans-Joachim Kästle

Wenn man nicht wüsste, dass Stacy Mitchhart aus den USA stammt, wüsste man es spätestens auf der Innenseite der CD, wenn es da im ersten Satz heißt: „Zuallererst möchte ich meinen Glauben und mein Vertrauen in GOTT und all seine Segnungen zum Ausdruck bringen.“ Offen gesagt: Auf die Idee kann wohl nur ein Amerikaner kommen.

Das Zweite, das auffällt, ist der Satz: „Produced by Tom Hambridge“. Wer einen Mann wie Hambridge (65) als Produzent, Songwriter, Drummer und bei den Background Vocals an Bord hat, kann kein Neuling sein. In der Tat hat Mitchhart, 2003 Gewinner des Albert King Most Promising Guitarist Award, bereits 1993 sein erstes Album vorgelegt, dem bis heute 16 weitere folgten.

Hambridge hat unter anderem schon mit Chuck Berry, Lynyrd Skynyrd, Johnny Winter, Buddy Guy, George Thorogood, Susan Tedeschi, Joe Bonamassa oder Billy Gibbons zusammengearbeitet. Bei mir hat er einen besonders dicken Stein im Brett, als er sich 2023 auf seiner Solo-CD „Blu Ja Vu“ lautstark darüber beklagte, dass Johnny Winter immer noch nicht in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen worden sei. Wenn man bedenkt, welch musikalischen Zwergen, die nichts, aber auch gar nichts mit Rock ’n‘ Roll z u tun haben, schon Einlass gewährt wurde und zum Beispiel auch die Country-Rock-Pioniere Poco, ohne die es die Eagles nicht gegeben hätte, hartnäckig ignoriert werden…

Aber nun hurtig zum neuen Werk von Stacy Mitchhart, um das es hier ja schließlich in erster Linie geht. „Ich glaube, dieses Album verleiht meiner Musik eine neue Note und echte Energie. Es unterstreicht meine Vielseitigkeit, bleibt dabei aber dem Blues treu“, beschreibt der 67-jährige Gitarrist, Sänger und Songwriter aus Nashville die 13 Songs.

Nehmen wir exemplarisch für diese Vielseitigkeit und Abwechslung mal ein paar Titel unter die Lupe. So ist das Eröffnungsstück „Good One Time“ ein Blues-Rock-Gebräu aus Gitarre, Orgel und Bläsern. Das rhythmisch-gitarrenorientierte „Bad As You“ lässt die Füße wippen. Zu den Glanzlichtern gehört der schwungvolle Country-Rock „You Sure Look Good To Me“, ein Duett mit Grammy-Gewinnerin Gretchen Wilson. Poco lässt grüßen…

„Once You Leave“ ist ein astreiner Memphis Soul, während Mundharmonika-Altmeister Charlie Musselwhite das geschmeidige „Flip It To The Other Side“ veredelt. „Mean Bad Wrong“ hat einen leichten New-Orleans-Touch, bei dem Kenny Neal die zweite Gitarre beisteuert. Den Abschluss bildet der Slow-Blues „On My Dying Day“ mit ausgiebigem Gitarren-Solo. Durchaus hörenswert, das Ganze.

Dr. Sam Records (2026)
Stil: Blues/Soul

Tracks:
01 Good OneTtime
02 Bad As You
03 You Sure Look Good To Me (featuring Gretchen Wilson)
04 Once You Leave
05 Flip It To The Others Side (featuring Charlie Musselwhite)
06 We Blew It
07 It’s A Long Way Down
08 Ain’t No Rhyme Or Reason
09 Mean Bad Wrong (featuring Kenny Neal)
10 Never Gonna Get Me Back
12 She’s Just Right For Me
13 On My Dying Day

Stacy Mitchhart
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Seth James – Motormouth – CD-Review

Ich habe zu Seth James im Jahr 2009 mit seinem Album „That Kind Of Man“ gefunden, damals aber eher aufgrund meiner New Country-Affinität. Für dieses Werk hatte der Texaner mit vielen klingenden Namen wie u. a. Chris Stapleton, Jay Knowles, Al Anderson, Tony Arata oder Mark Selby Songs geschrieben, die dann auch noch vom ‚Who Is Who‘ der Nashville-Studiomusiker eingespielt wurden.

Das Werk hatte aber letztendlich wenig mit dieser Musikart zu tun (eher mehr mit Country-/Roots Rock) und zeigte schon damals seine Ambitionen als Allrounder. Zwei Jahre später hatte ich das Vergnügen ihn als Mitglied von Cody Canada & The Departed live im Kölner Blues Shell sehen zu dürfen. Da war dann eher Red Dirt Rock angesagt. Das ist allerdings jetzt schon lange her und ich muss zugeben, dass ich ihn mittlerweile leider ein wenig aus den Augen verloren hatte.

Jetzt, wie es der Zufall wollte, erreichte mich aus den Staaten eine Email mit der Ankündigung seines neuen Longplayers „Mothermouth“, das, neben ihm, erneut viele prominente Songwriter aufweist, dazu wieder eine ganze Armada von Klassemusikern bei der Einspielung und on top noch den vielfachen Grammy-Gewinner Kevin McKendree als Produzent – quasi eine Qualitätsgarantie, ohne überhaupt einen Ton schon gehört zu haben.

Diesmal steht das Album deutlich im Zeichen des souligen Blues-/Blues Rocks mit wenigen kleinen Ausflügen in artverwandte angrenzende Bereiche (Country – /Southern Rock – z. B. bei Leon Russells “High Horse”). Die omnipräsente Basis bilden James und McKendree, Rob McNelley an der Gitarre, Steve Mackey am Bass, Lynn Williams am Schlagzeug, und auch diverse Mitglieder der berühmten The Time Jumpers beim Bakersfield-Country-angehauchten „I’ll Be Gone” oder dem abschließenden Barroomheuler “Start A Brand New Day”.

Die involvierte, ebenfalls prominente Horn Section (u. a. mit Jim Hoke) und auch diverse weibliche Backgroundsängerinnen, vermitteln hier das soulige Flair. James hat fünf der insgesamt 13 Stücke mitkreiert, die restlichen stammen aus Federn bekannter Musiker wie u. a. Colin Linden, Delbert McClinton, Al Anderson, Guy Clark oder Leon Russell.

Meine persönlichen Favoriten sind Stücke, bei denen die beiden Hauptprotagonisten James und McKendree (der liefert hier in Sachen Tastenspiel mit Piano, E-Piano, HT-Piano und Organ wirklich alles, was möglich ist) ihren Stempel aufsetzen: wie zum Beispiel beim herrlich groovende Opener „“Why Should I Suffer”, dem Titelstück „Motormouth”, “I Can’t Find Your Mind” oder  bei “Just A Thought”. Klasse auch der Schunkler “I Can’t Wait” unter vokaler Mitwirkung von Delbert McClinton und mit Jim Hoke, diesmal am Akkordeon.

Insgesamt ist „Motormouth“ eine einzige Lehrstunde von absoluten Könnern in Sachen souligem Blues, bei dem der Spielspaß deutlich spürbar im Vordergrund stand und ‚Allrounder‘ Seth James den perfekten Repräsentant an der Front sowie Kevin McKendree als Strippenzieher abgeben. Großes Blues-Kino!

Qualified Records (2026)
Stil: Blues (Soul)

01. Why Should I Suffer
02. Motormouth
03. I’m In Trouble
04. It’s Later Than You Think
05. I’ll Be Gone
06. High Horse
07. I Can’t Find Your Mind
08. Just A Thought
09. I Can’t Wait
10. I Got To Know
11. Lonely Avenue
12. I Feel The Burden
13. Start A Brand New Day

Seth James
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Aristo Media Group

Tedeschi Trucks Band – Future Soul – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Plattencover sind oft die Visitenkarte der Künstler, Eyecatcher musikalischer Orientierung, Promotion Design als optisches Highlight oder ebenso dramatische Fantasy-Motive – die nicht selten zu Klassikern und Sammlerstücken avancieren. Für ihre neue Scheibe “Future Soul” überrascht die Tedeschi Trucks Band bei der Covergestaltung durch ein ähnlich faszinierendes Artwork, designt vom angesagten Illustrator Marc Sasso (Ronnie James Dio u. a.) “to create a fun, retro science fiction cover of Susan and Derek as heroes in the middle of an Invasion” (Sasso). Sind die beiden Bandleader mit ihren Gitarren auf dem Weg in eine andere musikalische Welt oder nur auf der Flucht vor hereinbrechenden Fantasy-Drohkulissen?

“Future Soul” beantwortet die Frage mit einer virtuosen Aufbruchstimmung, einem grandiosen Songwriting, einem juggernaut an Kreativität. Eröffnet wird dieser Tatendrang mit “Crazy Cryin’”, einer relaxten Dancefloor-Nr. im Soul-Funk-Groove, die ihren swingenden Lebensmut in einen ansteckenden midtempo Drive übermittelt, ein mitreißendes “I Got You” geht auf die Überholspur. Geschrieben von Gitarrist Mike Mattison, erinnert das Stück partiell an die kongeniale Spielfreude der legendären Vorbilder von Derek and the Dominos. Die etwas ruhigere „Saite“ des Longplayers versammelt mit der Soul-Ballade “Who Am I” auch die stilistische Verwandtschaft zu J.J.Cale in ihrer Harmonie und widmet sich mit “What In The World” dem slow-souligen, fast folkigen Part einer Delaney & Bonnie Nostalgie. Dank Derek Trucks unbändiger Solokraft entsteht der Eindruck einer nahezu “frei schwebenden Dynamik” mit seiner Signatur.

Zum ersten Mal war neben Trucks auch ein externer Produzent für die Aufnahmen mit verantwortlich. Der vielfache Award-Winner Mike Elizondo (u. a. Dr. Dre, Avenged Sevenfold, Eminem) hat es geschafft, die Live-Energie der Gruppe mit einzufangen, Improvisationen durch zeitgemäße Arrangements zu ersetzen, ohne das “Erbgut” der Band zu verfälschen. Ganz authentisch feiert die 12-köpfige Formation das Release Date (20.03.) zu Beginn der US-Tournee mit 10 Konzerten im Beacon Theatre, NYC, und bringt dabei natürlich auch den Titelsong auf die Bühne – pure musikalische “Firepower”, mit produziert von Derek Trucks und seiner futuristisch wirkenden 1958er Gibson Flying V. Weitere, raue Töne inszeniert das Album mit dem psychedelisch angehauchten, Patti Smith artigen Titel “Hero”, sowie dem schönen Ohrwurm-Rocker “Under The Knife” – unter erneut starker Beteiligung der Horn-Section. Der einzige originäre Blues-Track der Scheibe stammt aus der Feder von Keyboarder Gabe Dixon; nicht nur der herrliche Shuffle-Rhythmus weckt sofort Gedanken an die großartigen Zeiten von Canned Heat.

Wer zum Abschluß der Songlist noch einen Soundtrack-reifen Titel wie “Ride On” zur Verfügung hat, veranstaltet unweigerlich ganz “großes Kino”. Auch hier: Future “Folk Country” Soul vom Feinsten, der ausgerechnet auf der CD Deluxe Edition um 2 Live-Bonus-Tracks verlängert wird. Die Tedeschi Trucks Band zählt deutlich zu den entwicklungsfähigen Gruppen der US-Musikszene (siehe hierzu SOS Reviews der Vorgänger-Alben). Die 6. Studio-LP in 15-jähriger Bandgeschichte zeigt die Formation auf dem Höhepunkt ihres Schaffens als hochmotivierte Gemeinschaft. Eine orchestrale Einheit, die ihren eigenen Rhythm and Blues, Rock ’n’ Roll, Funk and Soul mit Country-Southern-Rock legendärer Vorzeiten adaptiert.

Fantasy Records-Concord (2026)
Stil:Soul, Blues, Rock

Tracks:
01. Crazy Cryin‘
02. I Got You
03. Who Am I
04. Hero
05. What In The World
06. Future Soul
07. Under The Knife
08. Be Kind
09. Devil Be Gone
10. Shout Out
11. Ride On

Tedeschi Trucks Band
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Oktober Promotion

Billy Thompson – This World – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Auch die einflussreiche Los Angeles Times hat die “blazing electric guitar work” von Billy Thompson bereits gewürdigt. Der vielseitige Gitarrist, Sänger und Songschreiber veröffentlicht nun mit “This World” sein insgesamt neuntes Album. Die komplexe Scheibe kombiniert in 14 Songs eine breite Soundwelt. Als renommierter Slide-Spieler ist Thompson tief verwurzelt in einer elektrischen Mischung, deren “Inhalte” Rock, Blues, Funk und Soul bis hin zu Zydeco und New Orleans Second Line integrieren.

Beispielhaft hierfür und für die gesamte Produktion ist die Virtuosität des Titelsongs. Der schweißtreibende Einstieg in das Album, verbunden mit ironischen, teils sarkastischen Texten und starken Rhythmus-Elementen, bestimmt nicht nur symbolisch die Richtung, sondern ist ein Herzstück der Arrangements, wie auch beim folgenden “Downsizing”, einem Stück im Little Feat-Design.

Der robuste Southern-Rocker “For True” und die erdige Country-Blues-Symbiose “Thankful” sind weitere Key-Tracks. Das etwas gelassen wirkende “Every Single Rider” erinnert an den smarten Country-Rock von Poco und die Akustiknummer “Batman & Robin” an die legendäre US-Folk-Song-Tradition. In diesen weit gesteckten Rahmen der Titelliste gehören ohne Frage gospelangehauchter Soul (“Hope, Peace & Joy”) sowie großartiger Blues (“Old Blue”), obwohl die Vielseitigkeit von Billy Thompson eigentlich keine weiteren Beweise benötigt.

Langjährige Bühnenerfahrungen mit den Doobie Brothers und Bill Payne (Little Feat), als Opener für Jimmie Vaughan oder George Thorogood, als Begleiter von Little Milton und Albert King, schließen noch lange nicht den Kreis der ereignisreichen Karrierejahre. Konzerte mit der Zydeco-Legende C.J. Chenier und seine kreative Leitung als Musical Guitar Supervisor für “The Resurrection of Son House” (Südstaaten-Blues-Ikone) gehören untrennbar zum Porträt von “This World” und der American Roots Music von Billy Thompson.

MoMojo Records (2026)
Stil: Blues, Rock, Funk, Soul

Tracks:
01. This World
02. Downsizing 2025
03. Like Rain
04. For True
05. Melia
06. Every Single Rider
07. Thankful
08. Batman & Robin
09. Hope Peace & Joy
10. Old Blue
11. Dinosaur Eggs
12. Monkey Back Guarantee
13. Truth Come To Power
14. Of The Angels

Billy Thompson
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Stefan Hillesheim Band – Live At The Chicago Blues Festival – CD-Review

Stefan Hillesheim, oh, hört sich nach einem deutschen Namen an, dachte ich spontan, als ich auf das Cover seiner Live At The Chicago Blues Festival-CD blickte. In Verbindung mit Bluesmusik noch nie gehört, ein Sohnemann  deutscher Einwanderer in nachfolgender Generation vermutlich.

Aber nein, Stefan Hillesheim stammt tatsächlich direkt aus unserem Lande, ist aber 2014 zunächst nach Los Angeles gegangen, um seinen musikalischen Traum am Musician Institute (GIT) zu verwirklichen. Dort errang er schnell den Titel als ‚Most Improved Student‘. 

Als Session-Musiker und durch Zusammenarbeiten mit Interpreten wie u. a. Bobby Kimball (Toto), Ellis Hall (Tower Of Power), Brent Carter (Average White Band) oder Emerson Cardenas (Santana) verbreite sich sein Name in Kalifornien wie ein Lauffeuer.

2022 ging es dann nach Chicago um seiner wahren Passion, dem Blues nachzugehen. Die dortige Musikerszene nahm den Deutschen mit offenen Armen auf und so konnte Stefan mit Darryl Wright (Bass), Dionte McMusick (Drums) und Sumito ‚Ariyo‘ Ariyoshi (Keys) relativ schnell, eine schlagkräftige Band zusammenstellen.

Ich musste direkt bei der Ansage zum fluffigen Opener „Always Get To Hear From You“ (mit schönem ABB-trächtigen Slide) schmunzeln. Da kündigte die amerikanische Sprecherin des Festivals ihn zur Eröffnung des zweiten Tages mit „Get ready for the Blues with Stefan Hille’sch’eim“, da für sie die Silbentrennung zwischen dem S und dem H ein vermutlich unüberwindbares Hindernis darstellte. 

In der Musik und dem hellen Gesang merkt dem Protagonisten schon seine europäischen Wurzeln an (Richtung Aynsley Lister & Co.), aber ab Stück 5 („It Hurts Me To“ – schöner Text!) kristallisiert sich dank des markanten E-Slide-Gitarrenspiels eine gewisse Affinität für Leute aus dem Allman-Dunstkreis (Duane Allman, Dickey Betts, Warren Haynes oder Derek Trucks) heraus.

Toll hier vor allem das ein wenig an „Blue Sky“ erinnernde „You’re My Family“. Das absolute Highlight in der Track-/Setlist ist allerdings das längste Stück, der atmosphärische Slowblues „Better Man“, mit einem brillanten Piano-Intermezzo von Sumito ‚Ariyo‘ Ariyoshi als auch einem fulminanten Endsolo von Hillesheim auf seiner Les Paul.

Nach dem letzten launigen Schlusslied  „Sick Of Your Love“ stellt dann der Protagonist kurz die Band vor und demonstriert den Amis, wie man seinen Nachnamen (‚Hilles-heim‘  – mit Silbentrennung) richtig ausspricht („My name is Stefan Hilles-heim‘, we love you guys“).

Fazit: Ein neuer Name (für mich) in der Blue Rock-Szene. Bei Stefan Hillesheim und seiner Band ist das Talent und eine gewisse Gier nach Erfolg und Weiterkommen offensichtlich. Die Leute in Los Angeles und Chicago dürfte er jedenfalls schonmal für sich begeistert haben. Man sollte ihn auch bei uns auf dem Schirm haben.

Stella Blue Music (2026)
Stil: Blues Rock

01. Always Get To Hear From You
02. My Poor Heart
03. The Love I Had For You
04. Big Legged Woman
05. It Hurts Me To
06. On Down The Highway
07. You’re My Family
08. When I’m Gone
09. Better Man
10. Sick Of Your Love

Stefan Hillesheim Band
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Mike Zito – 25.02.2026, Harmonie, Bonn – Konzertbericht

Pünktlich um 20:00 Uhr verdunkelt sich das Licht in der Harmonie und wie Schatten betreten die Musiker die Bühne. Dann richtet sich ein Spot auf Mike Zito, der bestens gelaunt die Fans begrüßt und sagt, dass er erreichen will, dass diese mit einem besseren Gefühl nach Hause gehen- als sie gekommen sind. Genau dies gelingt Zito an diesem Abend mit seiner Band.

Das Trio zelebriert über zwei Stunden den Blues und sorgt für eine frenetische Stimmung. Zito begeistert mit seinem variablen Gitarrenspiel, seiner markanten Stimme und seinem authentischen Auftreten.

Matthew R. Johnson an den Drums und Terry Dry am Bass sind mehr als Begleitmusiker. Mehrfach zieht sich Zito in den Hintergrund zurück, lässt den beiden Freiräume und richtet zum Publikum die Worte „What A Band!“ und forciert damit den verdienten Szenenapplaus nach ihren Solo-Parts.

Mit „Outside Or The Eastside“, Kiss You All Over“, „Just Like I Treat You“ und Don´t Take Advance Of Me“ überrascht er die Fans mit vier Songs, die auf dem Album „Outside Or The Eastside“ sind, das offiziell erst Ende April erscheinen wird. Für die Fans hat er aber vorab schon Exemplare dabei. So kann man ein Album auch promoten.

Emotional ist der Slowblues „Forever My Love“, der seiner Frau gewidmet ist. Am Ende des über zwei Stunden gehenden Konzerts greift er dann auf etwas ältere Songs zurück. Das krachend-jammende „Judgment Day“, worin er „Kashmir“ und „Whole Lotta Love“ einfließen lässt, schließt die Show ab.

Als Zugabe zum Runterkommen legt er dann noch das ruhige „All Last Night“ nach, dem die Fans gebannt lauschen und in ruhigen Passagen, wo er die Gitarre vom Strom nimmt und ohne Mikro singt, zeigt das Publikum, wie bluesaffin es ist. Man konnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören.

Line-up:
Mike Zito (lead vocals, electric guitar)
Matthew R. Johnson (drums, vocals)
Terry Dry (bass, vocals)

Text und Bilder: Gernot Mangold

Mike Zito
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Harmonie Bonn

Crystal Shawanda – Sing Pretty Blues – CD-Review

Selbst mich, der Crystal Shawanda ja bereits schon länger kennt, haut es nach den ersten gesungenen Zeilen des Openers „Preachin‘ Blues“ (Son House-Cover) förmlich aus den ‚Socken‘. Was für eine Röhre, die einem da entgegenschallt. Ich glaube, selbst der Mikrofonständer ist bei der Aufnahme im Studio, vermutlich vor Schreck, direkt nach hinten umgefallen.

Auf dem sich schon etwas länger auf dem Markt befindlichen neuen Album „Sing Pretty Blues“ der aus Northern Ontario stammenden Kanadierin, ist der Titel des Werkes Programm. Dabei begann die, wie sooft aus einem musikalischen Elternhaus kommende Protagonistin, Juno-Award-Gewinnerin, zunächst im Country, sogar unter Major-Flagge. Beim letzten Stück „Dirty“ (nur Gesang zu einer Dobro) lässt  sie ihr Talent auch für dieses Genre wieder kurz aufblitzen.

Ihre wahre Liebe galt aber immer dem Blues und der wird hier in vielfacher Hinsicht mit Bravour gehuldigt. Der entscheidende Mann hinter Shawanda ist ihr Ehemann Dewayne Strobel, der hier in Sachen Produktion und instrumenteller Umsetzung auch maßgeblich mitmischt.

Weitere involvierte Musiker sind u. a. Leute wie Nioishi Jackson, Jonathan Nixon, Peter Keys (Lynyrd Skynyrd), Stephan Hanner, Steve Marriner oder Chris West.

Insgesamt muss man sagen, dass hier das exzellente Zusammenspiel von den Hauptinstrumenten wie Harp, Piano/Orgel sowie E-Gitarre in Verbindung mit Shawandas unnachahmlichen Gesang, den Reiz dieses Albums ausmachen, besonders veranschaulicht in Tracks wie „I Gave Up Everything For You ‚Cept The Blues“ und dem packenden Southern Blues „Too Far To Turn Around“.

Soulig emotional geht es beim herrlichen „Waitin‘ For My Lover To Call“  (was für ein toller relaxter Groove!) zu, Tom Petty-Freunde können sich an einer fesselnden, dezent swampigen Fassung von „Honey Bee“ laben.

Ach ja, dann wären noch die drei toll instrumentierten Killerballaden zu erwähnen, die mit dem famosen Gesang Gänsehautgarantie beinhalten: „Would You Know Love“ mit gefühlvollen Bläsersätzen veredelt, „Don’t Let Me Be Lonely“ (eine Art „The Weight“ in Ruhig) und die exzellente Adaption des Ozzy Osborne-/Black Sabbath-Klassikers „Changes“ (hier mit dem Zusatz ‚For Snowflake‘ betitelt).

Juno-Award-Gewinnerin Crystal Shawanda  beweist mit diesem grandiosen Album, dass sie nicht nur schön ‚Blues singen‘ kann. Die Kanadierin würde (wie auch schon im Country nachgewiesen) mit ihrer phänomenalen Stimme vermutlich in  jedem Genre mit Bestnote performen. Für mich persönlich ist sie eine der besten Sängerinnen, die ich je im Rahmen meiner Review-Tätigkeiten gehört habe.

Fazit: Einfach ‚pretty damn good‘!

New Sun Records (2025)
Stil: Blues & More

01. Preachin‘ Blues
02. Stop Funkin‘ Around
03. Would You Know Love
04. I Gave Up Everything For You ‚Cept The Blues
05. Sing Pretty Blues
06. Don’t Let Me Be Lonely
07. If That’s All It Takes
08. Waitin‘ For My Lover To Call
09. Changes (For Snowflake)
10. Honey Bee
11. Too Far To Turn Around
12. Dirty (For JC)

Crystal Shawanda
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