Robin Trower – Living Out Of Time – Vinyl-Review

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Review: Gernot Mangold

Zeitgleich zum „20th Century Blues“-Album hat Repertoire Records mit „Living Out Of Time“ ein zweites Trower-Werk erstmals auf Vinyl re-releast. Dieses, 2003 ursprünglich veröffentlicht, ist ein Bluesalbum, das aber rockiger ist als das zuvor beschriebene, was neben der Vielseitigkeit Trowers, auch an der veränderten Besetzung der Mitspieler liegen mag.

Begleitet wird er diesmal von Dave Bronze (Procul Harum, Dr. Feelgood, Eric Clapton, Tom Jones, Art Of Noise) am Bass, Pete Thompson (Ken Hensley Ex-Uriah Heep, Pete Haycock Ex-Climax Blues Band, Robert Plant) an den Drums und Davey Pattison (Michael Schenker), der die Lead Vocals beisteuert.

Schon beim Opener, dem rockigen „What’s Your Name“ zeigt sich, dass Davey Pattison mit seiner sehr klaren Stimme einen anderen Charakter in die Stücke als Livingston Brown bringt und sich Trower hier eher den klassischen Rock hingibt, was ihm aber auch exzellent gelingt.

Dem ebenfalls rockigen „Step Into The Sun“ folgt mit „Another Time, Another Place“ der erste Bluessong, der sehr melodisch, ruhig, zuweilen manchem melancholischen Clapton-Song ähnelt, dem sich nahtlos „Sweet Angel“ anschließt. Leicht funkig ist der Einstieg in „Please Tell Me“, bis dann Pattison mit seiner harmonischen Stimme eine gewisse Ruhe in den Track bringt, die Trower aber immer wieder mit kurzen Gitarrensoli durchbricht, welche zuweilen auch an Hendrix erinnern.

In „One Less Victory“ begibt sich Trower mit seiner Band wieder eher in eine balladeske Richtung nach Muster alter britischer Rockbands. „Ain’t Gonna Wait“ ist dann ein weiterer ruhiger Rocksong. Beim Titellied „Living Out Of Time“ wird es wieder bluesiger und rauher. Trower stimmt härtere Töne an und auch die Soli nehmen wieder mehr Fahrt auf.

„The Past United“ ist wieder ein schöner harmonischer Bluessong, stimmlich einem Clapton ähnelnd, der aber von Arrangement her eher in Richtung „Angel“ von Jimi Hendrix schwelgt. Die besten Stücke in einem durchweg starken Album hat Trower sich aus meiner Sicht zum Ende des Albums aufgehoben. Erst das raue, bluesige „You Still Come Back“ mit eingängigen Refrain im Midtempo und zum Ende das etwa 10-minütige „I Want To Take You With Me“, ein balladesker ruhiger Bluesrocksong, in dem alle Musiker noch einmal ihre Extraklasse ausweisen.

Trower offeriert hier, dass er auf den Punkt, auch ohne Highspeed, Akzente setzen kann. Das Artwork entspricht dem Originalcover, schön ist, dass auf einem doppelseitigen Inlay auf der einen Seite ein Bild Trowers und auf der anderen Seite ein längerer Text, Einblicke in Trowers Schaffenzeit gibt. Optimal wäre allerdings ein zweiseitiges Booklet gewesen, sodass die Schriftgröße angenehmer wäre.

Was den Vinyl-Liebhaber auch erfreuen wird, ist dass die Schutzhülle für die Scheibe nicht wie so oft aus Karton oder harten Papier ist, sondern das Papier innen mit glatten Kunststoff beschichtet ist, was ein schonender Faktor ist. Den letzten Song „I Want To Take You With Me“ kann man auch als Einladung sehen, sich dieses Album zuzulegen. Ich denke, dass Trower, Blues- wie Classic Rock-Anhänger, mit diesem Werk mitnehmen wird.

Repertoire Records (2003/2020)
Stil: Blues (Rock)

Tracklist:
01. What’s Your Name
02. Step Into The Sun
03. Another Time, Another Place
04. Sweet Angel
05. Please Tell Me
06. One Less Victory
07. Ain’t Gonna Wait
08. Living Out Of Time
09. The Past United
10. You Still Come Back
11. I Want To Take You With Me

Robin Trower
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Repertoire Records
Brooke-Lynn Promotion

Dion – Blues With Friends – CD-Review

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Dies hier ist mal wieder ein typischer Fall von Bildungslücke. Da kann man eine seit fast 45 Jahren angehäufte, mehrere tausend Tonträger umfassende Sammlung besitzen, seit über 20 Jahren selbige rezensiert haben und doch tauchen immer wieder Interpreten auf, die man absolut noch nie gehört hat, die aber auch schon seit Ewigkeiten existieren.

Ok, mit demim Philip Kaufman-Film „The Wanderers“ enthaltenen Song „The Wanderer“, erhält der Name Dion (Dion Francis DiMucci) zumindest eine dezente Kontur. Weitere Recherchen ergeben, dass dieser besonders mit dem Ensemble Dion & The Belmonts in den 50er Jahren schon Erfolge feierte und, dass der Rolling Stone ihn 2008 auf Rang 63 der 100 besten Sänger aller Zeiten wählte.

Im Laufe seiner Karriere hat der wandlungsfähige jetzt schon 80-jährige Künstler sich wohl ein Riesen-Netzwerk aufgebaut, was für Menschen mit italienischen Wurzeln ja nicht ungewöhnlich ist, höhö. So ist es wohl zu erklären, dass der sich mittlerweile in der Bluesmusik heimisch fühlende Protagonist auf seinem neuesten Album „Blues With Friends“ mit einem Staraufgebot an seiner Seite aufwartet, das sicherlich nur Menschen zuteil wird, die sich das auch verdient haben.

Illustre hier mitwirkende Namen wie u. a. Joe Bonamassa (auf dessen neuen Keeping The Blues Alive“-Label die scheibe erscheint), Jeff Beck, Samantha Fish, John Hammond, Billy Gibbons, Sonny Landreth, Bruce Springsteen, Van Morrison, Joe Menza, Brian Setzer oder Paul Simon, lesen sich wie das Who-Is-Who der Rockmusik und geben dem vierzehn Tracks umfassenden Werk (etwas über eine Stunde Spielzeit) trotzdem nur einen recht zurückhaltenden Anstrich.

Die bis auf zwei Stücke von Dion mitkomponierten Originalstücke stehen klar unter der stimmlichen Regie des Protagonisten, ihren Stempel können meist eher die Musiker aufsetzen, die wie z. B. Joe Bonamassa , Brian Setzer (mit typischem Rockabilly-Gibson-ES-E-Gitarren Sound), Jeff Beck oder Sonny Landreth (sein obligatorisches Sliden) für ihr instrumentales Können bekannt sind.

Bei manchen Tracks wie „I Got Nothin’“, „Bam Bang Boom“ oder „Hymn To Him“ hätte man sich die markanten Stimmen von Van Morrison, Billy Gibbons und Bruce Springsteen als weitere Farbtupfer im Duett gut vorstellen können, so dürfen lediglich Paul Simon und die Damen Rory Block und Patti Scialfa mal sporadisch mit Harmoniegesängen etwas stärker in Erscheinung treten.

Trotzdem ist der dargebotene Mix, der alle Blues-kompatiblen, beziehungsweise gut ergänzbaren Formate bietet, sehr kurzweilig und in sich stimmig gelungen. Es macht Spaß die von retro bis modern klingenden Stücke in Einem durchzuhören. Durch Dions Gesang und auch manche Stücke kommen phasenweise Assoziationen zu kauzigen Leuten wie Joe Walsh („Can’t Start Over Again“, Bam Bang Boom“),  und J. J. Cale („Kickin’ Child“, „My Baby Loves To Boogie“) auf.

Insgesamt ein tolles abwechslungsreiches Blues (Rock)-Album. Der 80-jährige Dion Francis DiMucci hat sich im hohen Alter nochmal ein Denkmal in eigener Sache gesetzt. Zahlreiche Stars haben ihn dabei unterstützt und sich respektvoll untergeordnet. Zurecht Platz 1 in den Blues Charts! ‚Je oller, desto, doller‘, im musikalischen Sinne, möchte man fast meinen.

Keeping The Blues Alive Records (2020)
Stil: Blues, Blues Rock & More

Tracks:
01. Blues Comin’ On (feat. Joe Bonamassa)
02. Kickin’ Child (feat. Joe Menza)
03. Uptown Number 7 (feat. Brian Setzer)
04. Can’t Start Over Again (feat. Jeff Beck)
05. My Baby Loves To Boogie (feat. John Hammond)
06. I Got Nothin’ (feat. Van Morrison, Joe Louis Walker)
07. Stumbling Blues (feat. Jimmy Vivino, Jerry Vivino)
08. Bam Bang Boom (feat. Billy Gibbons)
09. I Got The Cure (feat. Sonny Landreth)
10. Song For Sam Cooke (Here In America) (feat. Paul Simon)
11. What If I Told You (feat. Samantha Fish)
12. Told You Once In August (feat. John Hammond, Rory Block)
13. Way Down (I Won’t Cry No More) (feat. Stevie Van Zandt)
14. Hymn To Him (feat. Patti Scialfa, Bruce Springsteen)

Dion
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Another Dimension

Lisa Mills – The Triangle – CD-Review

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In diesem besonderen Jahr ist es eindeutig das weibliche Geschlecht, das bei mir bisher den bleibendsten musikalischen Eindruck hinterlassen hat. Nach den überragenden Alben von der Betty Fox Band und Crystal Shawanda, hat mich jetzt noch topos-Macher Klemens Kübber auf das Werk „The Triangle“ von Lisa Mills aufmerksam gemacht.

Die in Mississippi groß gewordene Amerikanerin (lebt mittlerweile in Freiburg), allerdings dank diverser Touren auch in Europa bei uns bekannt, konnte sich zu diesem Longplayer einen vermutlich lang gehegten Wunsch erfüllen. Mit dem preisgekrönten Musikproduzenten/Musiker/Songschreiber Fred Mollin und dem Filmemacher Mark Voss bereiste sie drei berühmt-legendäre Aufnahmestudios im Süden der USA (Fame Studios – Muscle Shoals, Alabama; Sun Studio – Memphis, Tennessee; Malaco Studios Jackson, Mississippi), um mit den dortigen Studiomusikern, eine von ihr und Mollin auserwählte und erarbeitet Trackliste mit Coversongs einzuspielen.

Besser als es der Link zum dokumentarischen ‚Making Of‘ zu „The Triangle“ tut, kann man dieses einzigartige Erlebnis für die Künstlerin mit Worten wohl kaum beschreiben, Das musikalische Endergebnis der CD deckt sich dann am Ende auch recht gut mit dem, was einem im Clip suggeriert wird.

Lisa hat mit ihrer ‚One In a Million Voice‘ dann auch sofort das Vertrauen und die Sympathie der Musiker gewonnen. Diese kann man vermutlich unter solchen Umständen gegen 10 Uhr morgens aus dem Tiefschlaf wecken (bei Normalsterblichen hätte ich jetzt 2 Uhr nachts geschrieben…), sie haben solche Sachen einfach im Blut und würden wahrscheinlich selbst aus „Alle meine Entchen“, spontan was adäquates zaubern.

Einige der Stücke kennt man auch ohne großes Blues-Hintergrundwissen (lediglich „I’d Rather Go Blind“ ist da etwas überstrapaziert, „Slip Away“ von Gregg Allman wird unserer Hauptklientel am meisten bekannt sein), gut die Hälfte war für mich neu, von daher also eine spannende Sache.

Sämtliche Tracks haben den typischen southern-souligen Charakter und werden in allen Tempi und Stimmungen serviert (von bluesrockig-funkig bis bluesig-schwofig), allesamt von Lisa locker in emotionaler Vokal-Manier gemeistert. E-Gitarre, Orgel, Piano, plusternde Bläser, gospelige weibliche Harmonies bilden zum Drums-/Bass-Rhythmus überwiegend das Gerüst, bei nur wenigen Stücken wurden die Bläser ausgeklammert. Begeisternd u. a. für mich besonders der auch in New Country-Kreisen oft wirkende Studiomusiker-/gitarrist John Wills.

Der vornehmlich durch Johnnie Ray bekannt gewordene Evergreen „Just Walking in The Rain“ wird zum Ausklang von Lisa solo (sich selbst nur mit der E-Gitarre begleitend) performt, wobei ihre Stimme noch einmal in vollem stimmlichen Glanze wirken kann.

Lisa Mills hat sich mit „The Triangle“ einen absoluten Traum erfüllt. Sie hat die sicherlich nicht leichte Herausforderung angenommen und nahezu perfekt gemeistert. Man freut sich am Ende einfach mit der sympathischen Protagonistin und und genießt das Ergebnis, wo auch immer man die Scheibe letztendlich in den Player legt. Eindrucksvoll!

Übrigens, im Rahmen der aktuellen Rassendiskussionen, ist  dieses Projekt das beste Beispiel, wie vernünftige mündige Menschen, egal welcher Hautfarbe, im Zusammenleben harmonieren, wenn sie sich für ein gemeinsames Ziel einsetzen.

BMG Rights Management (US) LLC (2020)
Stil: Blues/Blues Rock/Southern Soul

Tracklist:
01. Greenwood, Mississippi
02. Tell Mama
03. Slip Away
04. I’d Rather Go Blind
05. That’s What Love Will Make You Do
06. I’m In Love
07. Same Time Same Place
08. A Place Nobody Can Find
09. That’s How Strong My Love Is
10. Someone Else Is Steppin‘ In
11. I’ll Always Love You
12. Travel On
13. Members Only
14. Just Walking In The Rain

Lisa Mills
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Larkin Poe – Self Made Man – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Als Rebecca und Megan Lovell im Mai 2016, zum ersten Mal außerhalb der USA, als Larkin Poe beim Blues-Festival in Schöppingen auftraten, hatten sie bereits eine Reihe von EPs und zwei Studioalben veröffentlicht und ansehnliche Aufmerksamkeit erzielt.

Die damals ungeahnte Erfolgsgeschichte der beiden Schwestern aus Nashville, TN, kam aber erst so richtig in Fahrt, nachdem sie als Opening Band 2017 auf der Farewell-US-Tour von Bob Seger weitere Konzerterfahrungen sammeln konnten. Der bereits im Herbst 2018 aufgelegte Longplayer „Venom & Faith“ erreichte die Nr. 1 in den Billboard Blues-Charts, sowie eine Nominierung für den Grammy Award ‚Best Contemporary Blues Album‘.

Es folgte eine turbulente Tournee-Weltreise, die Larkin Poe kaum Zeit ließ, ihre musikalischen Perspektiven auszuloten und zu entwickeln. Mit der jetzigen Scheibe „Self Made Man“ haben sie nun erneut ein energiegeladenes Album selbst produziert und die Bluesmusik der amerikanischen Südstaaten in ihrer rundum kreativen Vielfalt gewaltig aufgemischt.

Diese Erneuerung beginnt bereits mit dem Titelsong „She’s A Self Made Man“, der in seinem Gender-Wortspiel die zwischenzeitliche Unabhängigkeit der Lovell-Sisters andeutet und als harter Gitarren-Rock nach mehr Lautstärke verlangt. Eine versierte Gitarrenarbeit liefern die beiden Songschreiberinnen auch bei der folgenden Nummer „Holy Ghost Fire“ ab, die in ihrer 3-Minuten-Studiofassung durchaus Potenzial nach oben offen lässt.

Das ausgiebig entfachte Blues-Rock-Feuer wird über das Rhythmus betonte „Keep Diggin“ und den „Back Down South“-Boogie mit starker Gitarren-Beteiligung von Tyler Bryant im Southern-Rock-Sound wirkungsvoll aufrecht erhalten. Dass die intensiven Vocal-Parts der Lovells zum meisterlichen Anteil dieses Sound-Charakters der Produktion nicht unerheblich beitragen, wird ebenso bei der eingängigen Country-Rock-Hymne „Tears Of Blue To Gold“ deutlich, die alle Fan-Ansprüche im Refrain spielend erfüllt.

Seine außergewöhnliche Bandbreite kann das Album sogar auf ein seltenes Folk-Blues-Cover ausdehnen. Der im Original von Blind Willie Johnson im Jahre 1929 aufgenommene Track „God Moves On The Water“ wirkt in dieser schnellen Version und mit erweiterten Lyrics wie neu geboren.

Bei der Umsetzung ihrer musikalischen Vorstellungen erstreckt sich der Ideenreichtum der beiden Schwestern offenbar auf das gesamte Spektrum der amerikanischen Südstaaten-Musik aus Blues-Rock, Folk, Country und Bluegrass in ihren unterschiedlichen Stilrichtungen. Ausdrückliche Danksagungen von Rebecca Lovell richten sich besonders an musikalische Ikonen aus dem Süden der USA, Little Richard, die Allman Brothers und James Brown.

Weitere traditionelle Einflüsse sind daher auch bei langsameren Tracks ein Teil des „Programms“ und werden in „Every Bird That Flies“, „Danger Angel“ oder „Ex-Con“ – der Geschichte eines entlassenen Strafgefangenen – durch perfekte Gesangs- und Slide-Guitar-Passagen stilsicher arrangiert und aufgewertet. Der kraftvolle Blues-Rocker „Scorpion“ erinnert dabei an die White Stripes, während der lebensfrohe „Easy Street“-Country zum Abschluss der Scheibe nochmals die Euphorie vehement steigert.

Larkin Poe haben mit ihrem fünften Longplayer „Self Made Man“ nachgelegt und ein emanzipiertes und selbstbewusstes Blues-Rock-Album abgeliefert, das seine Wurzeln in der Musik des amerikanischen Südens stolz entfaltet; es verbreitet die innovative Freiheit und kongeniale Souveränität der Lovell Schwestern als Meilenstein einer erfolgreichen musikalischen Entwicklung.

Tricki-Woo Records (2020)
Stil: Blues, Roots Rock

Tracks:
01. She’s A Self Made Man
02. Holy Ghost Fire
03. Keep Diggin‘
04. Back Down South feat. Tyler Bryant
05. Tears Of Blue To Gold
06. God Moves On The Water
07. Every Bird That Flies
08. Scorpion
09. Danger Angel
10. Ex-Con
11. Easy Street

Larkin Poe
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Another Dimension

Robin Trower – 20th Century Blues – Vinyl-Review

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Review: Gernot Mangold

Mit „20th Century Blues“ wird eins von den Fans am meisten favorisierten Alben Trowers erstmals auf Vinyl veröffentlicht, nachdem die CD-Version schon satte 26 Jahre auf dem Buckel hat. Fürs Vinyl wurde das Material in den Abbey Roads Studios aufbereitet. Jetzt mag man sich über den Sinn unterhalten können, die Platte noch einmal in dieser Form den Fans zu präsentieren.

Ich denke aber, dass es eine gute Entscheidung ist, eins von Trowers Meisterwerken seiner Solokarriere in der Form aufzubereiten, da insbesondere unter den Bluesfans, viele noch oder wieder dem Vinyl als Medium zugetan sind. Zudem ist Trower, auch als Mitglied von Procul Harum und Jude ein Stück lebende Musikgeschichte, da er mit nun 75 Jahren weiterhin auch neue Songs auch live präsentiert.

Man mag es auch als Ehrung eben zu seinem 75. Lebensjahr und zum 25-jährigen Jubiläum des Albums im letzten Jahr sehen, dass seine Musik durch diese Neuauflage nicht in Vergessenheit gerät.

Über die spielerische Qualität brauchen eigentlich nur wenige Worte verloren werden. Wer aber den Namen Trower in Verbindung mit dem Procul Harum Klassiker „A Whiter Shade Of Pale“ setzt und stilistisch ähnliches erwartet, wird bitter enttäuscht sein. Trower bietet einen Blues der Extraklasse, in dem er als Engländer auch den Stil des legendären Jimmy Hendrix aufgrift, was z. B. in „Whisper Up A Storm“ deutlich wird, wo die Songstruktur derer von „Crosstown Traffic“ ähnelt.

Voller Power und Dynamik, mit einem stimmlich bestens aufgelegten Livingstone Brown als Sänger und den Tieftöner bearbeitend, sowie Mayuyu an den Drums, werden 12 Songs im klassischen Bluespowertriostil präsentiert, die so zeitlos sind, dass sich auch jüngere Bluesfans, die sich bisher mit Robin Trower noch nicht beschäftigt haben, Gefallen finden werden.

Anspieltipps sind der dynamische Titelsong „20th Century Blues“ mit krachend jaulenden Soli, das funkige „Prisoner Of Love“ und das ruhige, fast melancholische „Secret Place“, wo eine zu Boden fallende Nadel, einen aus den Träumen reißen würde. Stark auch das rockige „Chase The Bone“, in dem Livingstone zeigt, dass er den Blues in der Stimme hat.

Das Coverartwork entspricht dem Original, schön ist, dass auf einem doppelseitigen Inlay auf der einen Seite ein Bild Trowers und auf der anderen Seite ein längerer Text Einblicke über Trowers Schaffen gibt. Optimal wäre allerdings ein zweiseitiges Booklet gewesen, sodass die Schriftgröße angenehmer wäre. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau. Was den Vinylliebhaber auch erfreuen wird, ist, dass die Schutzhülle für die Scheibe nicht wie so oft aus Karton oder harten Papier ist, sondern das Papier innen mit glatten Kunststoff beschichtet ist, was ein schonender Faktor ist.

Das Label Repertoire Music, welches auf Re-Releases von Classic Rock- und Blues-Werken spezialisiert ist, hat mit diesem Album ein gutes Händchen bewiesen, diesen Trower-Klassiker wieder aufleben zu lassen.

Repertoire Records
Stil: Blues

Tracklist:
01. 20th Century Blues
02. Prisoner Of Love
03. Precious Gift
04. Whisper Up A Storm
05. Extermination Blues
06. Step Into The Dark
07. Rise Up Like The Sun
08. Secret Place
09. Chase The Bone
10. Promise You The Stars
11. Don’t Loose Faith In Tomorrow
12. Reconsider Baby

Robin Trower
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Repertoire Records  
Brooke-Lynn Promotion   

Crystal Shawanda – Church House Blues – CD-Review

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Hatte mich zu Anfang des Jahres noch die mir bis dato unbekannte Betty Fox mit ihrer Band in Verzückung geraten lassen, ist es jetzt Crystal Shawanda, die mich mit ihrem neuen Werk „Church House Blues“ regelrecht vom Hocker reißt.

Groß geworden im Wikwemikong Reservat auf der Insel Manitoulin im Norden von Ontario in Kanada, startete sie 2008 mit ihrem Debütalbum „Dawn Of A New Day“ (übrigens auch ein Synonym für ihren Nachnamen) zunächst durchaus erfolgreich mit Major-Vertrag im New Country-Genre (immerhin erreichte es auf dem Fuße Platz 16), was ihr u. a. Supports bei Stars wie Brad Paisley und Dierks Bentley einbrachte.

Ihre wahre Passion bliebaber, auch wenn sie heute weiterhin in Nashville lebt, der Blues. “The whole time I was singing Patsy Cline on stage, I was singing Etta James at home”, wie Shawanda es einst in einem Interview ausdrückte. Ihr mittlerweile 6. Studiowerk „Church House Blues“ (es ist allerdings keine bluesige Kirchengospelmusik, wie der Name es vielleicht suggeriert) wurde von ihrem Ehemann Dewayne Strobel produziert, der sich auch noch als Co-Writer und Gitarrist in den Credits wiederfindet.

Mit Starbassist Dave Roe, Lynyrd Skynyrd-Keyboarder Peter Keys, Saxofonistin Dana Robbins (Delbert McClinton) und den McCrary Sisters holte sie sich dazu durchaus prominente Unterstützung mit ins Haus. Die durchgehend tollen, demnach hervorragend instrumentell in Szene gesetzten zehn Tracks auf dem Album, erhalten ihre Krone allerdings natürlich durch Crystals phänomenale Reibeisen-Stimme aufgesetzt.

Ich mochte es ja schon immer, wenn Sänger/innen nicht nur einfach den Text ‚runterspulen‘, sondern sich mit ihrer ganzen Emotion und Energie, vokal in ihre Songs ‚hineinlegen‘. Kolleginnen wie Landsmännin Sass Jordan, andere rauchig-kratzige Röhren wie u. a. Beth Hart, Dana Fuchs, Lisa Mills, Bekka Bramlett oder Dale Krantz sind dabei spontan einfallende zeitgenössische Referenzgrößen. Crystal, geht hier, so kommt es auf jeden Fall rüber, zu jeder Zeit bis an die Grenzen ihres Könnens.

Einen Schwerpunkt bilden hier mit Stücken wie „Evil Memory“ (Killer-Barroom-Ballade), „Rather Be Alone“ (dezent psychedelisch), „When It Comes To Love“ (mit einer „A Whiter Shade Of Pale“-Note) und das Berge versetzende „Bigger Than The Blues“ (beide Lieder traumhaft schön – Gänsehautgarantie!) herrliche slow-bluesige Balladen, bei denen ihre Charakterstimme besonders zu beeindrucken weiß.

Die restlichen Sachen bewegen sich auch eher im gedämpften Tempobereich, variieren aber schön mit souligen („Move Me“, „I Can Take It“), klassisch-bluesigen („Church House Blues“), retromäßigen („Hey Love“, „Blame It On The Sugar“ – Motown lässt grüßen) und delta-bluesigen („New Orleans Is Sinking“ – klasse Harp von Stephen Hanner, grandioser swampiger Rausschmeißer am Ende) Modifikationen.

Sehr gut gefällt mir auch das oft atmosphärische Bariton-E-Gitarrenspiel (viele Soli) von Dewayne Strobel, das viel Peter Green-Flair in sich trägt, sowie die einfühlsamen Orgeluntermalungen und Pianoklänge von Keys und Jesse O’Brien.

Cyrstal Shawandas „Church House Blues“ wird, da lege ich mich jetzt schon fest, in jedem Fall unter meinen Top-3-Alben des Jahres landen, wahrscheinlich sogar ganz oben. Eine göttliche Scheibe, die einen in Zeiten oft schweren Gemüts durchgehend fasziniert und bis zum Ende fesselt.

Eine famose Stimme und eine starke Begleitband samt herrlichem Songmaterial aus der ganzen Breite des Genres verschmelzen hier zu einer nahezu perfekten Einheit. Um bei den Superlativen zu bleiben: Bigger than the blues – defenitely!

New Sun Records/True North (2020)
Stil: Blues/Blues Rock

01. Church House Blues
02. Evil Memory
03. Move Me
04. Rather Be Alone
05. When It Comes To Love
06. Hey Love
07. Blame It On The Sugar
08. Bigger Than The Blues
09. I Can’t Take It
10. New Orleans Is Sinking

Crystal Shawanda
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Bezugsquelle: Bärchen Records

Renee Hose – The Other Side – CD-Review

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Review: Jörg Schneider

Renee Hoses Leidenschaft für Musik begann schon sehr früh. Bereits als vierjährige brachte sie sich das Klavierspielen bei. Kein Wunder, schließlich stammt sie aus einer musikalisch veranlagten Familie in Baltimore. In den achziger Jahren tourte die Pastorentochter mit einer christlichen Rockband namens CrossRoads und 1993 gewann sie sogar einen Songwriting-Wettbewerb auf einem Musikfestival in Delaware.

Aus privaten Gründen folgte eine rund 12 Jahre andauernde musikalische Pause. Nach der Trennung von ihrem Ehemann beschloss Renee Hose zu ihren musikalischen Wurzeln zurückzukehren. Mit ihrer Band Relentless Fire und ihrem Duo „Acoustic Fire“ ist sie heute ein gern gesehener Gast in lokalen Clubs und Bars.

Nun legt sie ihr erstes Soloalbum vor, produziert von Renees Sohn Nathan in den Attic Studios in Harrisburg. Mit dabei ist Steve McWilliams, ihr langjähriger Leadgitarrist, der auch in ihrer Band Relentless Fire in die Saiten greift. Mit acht Tracks ist ihr Erstlingswerk allerdings nicht allzu opulent ausgefallen.

Dafür geht es mit dem Titelsong „The Other Side“ sofort richtig zur Sache, ein kraftvoller Song, in dem sich bombastische Rockklänge mit etwas ruhigeren Passagen, getragen von Renees Alt-Stimme, abwechseln. Gegen Ende des Tracks können dann auch noch Steve McWilliams virtuose Gitarrenkünste bewundert werden.

„Smokescreen“ besticht durch eine, den Song dominierende kräftige Basslinie, die sich wie ein sich wiederholendes Motiv durch gesamten Titel zieht, auch hier untermalt von Steves Leadgitarre. Im gleichen Hardrock-Stil präsentiert sich ebenfalls „Hell Fire And Holy Water“ mit dröhnenden, stampfenden Basslinien und teils feiner Leadgitarre im Hintergrund.

Die nun folgenden fünf Songs des Albums stehen in krassem Gegensatz zu den ersten drei Hardrock-Stücken. Nicht nur, dass es alles sehr melodiöse Stücke sind, ihre Spieldauern bewegen sich auch fast alle im fünf Minutenbereich oder sogar darüber. „Down Easy“ ist z. B. ein herrlich bluesiges Teil mit leichten Countryeinflüssen, während der Song „Content“ mit Pianountermalung luftig und blumig daher kommt und zum Träumen einlädt.

Eine ruhige Ballade ist „Be Careful“. Mit dem Refrain „Be Careful what you do, God is watching you“ regt der religiös angehauchte Song zum Nachdenken und zur inneren Einkehr an. Das Stück „Ever Present“, beschäftigt sich mit unvergänglicher und immer präsenter Liebe. Es ist ein nahezu reines Pianostück mit zarten Streichern im Hintergrund. Akustische Gitarrenklänge, dezente Percussion und natürlich Renee Hoses einfühlsame Stimme bilden nach gut 35 Minuten Musikgenuss die tragenden Elemente von „Never Cease To Amaze Me“, dem Schlussstück des Albums.

Insgesamt beweist Renee Hose mit ihrem Debütalbum ihre vielfältigen musikalischen Fähigkeiten, wobei ihre Ausflüge in die Rockgefilde an sich nicht schlecht sind, die ruhigen bluesig-ballarden-artigen Stücke aber ehrlicher und authentischer rüber kommen. Vielleicht liegt es ja ihrer sauberen Stimme, die für harten Rock oder Blues Rock einfach nicht ‚dreckig‘ genug klingt. Aber das ist wie vieles im Leben ja auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Eigenproduktion (2020)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. The Other Side
02. Smokescreen
03. Hell Fire And Holy Water
04. Down Easy
05. Content
06. Be Careful
07. Ever Present
08. Never Cease To Amaze Me

Renee Hose
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Grant Dermody – My Dony – CD-Review

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Review: Jörg Schneider

Eric Bibb hält Grant Dermody für den gegenwärtig besten Bluesharp-Spieler überhaupt und mit seinem nun vorliegenden vierten Album „My Dony“ stellt der Blueser sein Können eindrucksvoll einmal mehr unter Beweis.

Dermodys neue Scheibe entstand durch eine Zusammenarbeit mit Dirk Powell, einem der renommiertesten Musiker aus dem Bereich der traditionellen Fiddle und Banjo Musik. Aber keine Angst, irische Töne, wie man jetzt leicht vermuten könnte, tauchen auf der Scheibe absolut nicht auf. Powell ist zusätzlich nämlich auch ein klasse Gitarrist und Pianospieler. Grants Mundharmonika-Stil und eingängiger Gesang gepaart mit Powells multi-instrumentalen Fähigkeiten verleihen den insgesamt 13 Songs auf diesem Album ein authentisches Bluesfeeling.

Viele Stücke auf „My Dony“ wurden zwar von Powell komponiert, aber auch Klassiker, z. B. von den Bluesbreakers und anderen Größsen des traditionellen Blues, sind darunter. Alle neu arrangiert und mit eigener Note erfrischend dargebracht. Dabei reicht die Bandbreite von tiefstem, schwarzen Blues über von im Chicago Stil beeinflussten Songs bis hin zu gospeligen Titeln. Für Abwechslung ist also gesorgt, so dass die Scheibe nie langweilig wird und man sie gern ein zweites und drittes Mal hintereinander anhört.

Der Titelsong „My Dony“, ein wehmütiger Old-School-Blues von Dirk Powell, gegen Ende angereichert mit Gitarrenlicks, die Ohrwurmqualitäten besitzen, gibt einen ersten Vorgeschmack auf das, was die restlichen Tracks des Albums noch so zu bieten haben. Leicht chicagomässig beschwingt präsentiert sich nachfolgend „One Step At A Time“ (im Original von Clifton Chenier).

Very british ist dann die nächste Nummer „It Hurts To Be In Love“, ein alter Song der Bluesbreakers, hier jetzt cool und rhythmisch arrangiert und John Lee (Sonny Boy) Williamson hätte wahrscheinlich pure Freude, könnte er seinen „Springtime Blues“ in Dermodys Version hören, ein raffinierter Mix aus Chicago- und Deltablues Elementen mit swampiger Atmosphäre, auch hier wieder mit kristallklaren Gitarrenlicks versehen.

„Real Time Man“ ist ein grooviger, gut tanzbarer, an John Lee Hooker erinnernder, Boogie, den Dermody selbst komponiert hat. Aus der Feder von Dirk Powell stammt dann wiederum „Too Late To Change Your Mind“, eine Hommage an den großartigen R. L. Burnside, slow und schwermütig eben, sparsam und clean gespielt.

Der funkige, coole „Corner Strut“, gemeinsam von Dermody und Powell komponiert, läutet dann die Scheibenhalbzeit ein. Ruhiger und absolut relaxed versucht „I Can‘t Turn Back Time“ die Balance zwischen Traurigkeit und dem Willen weiterzumachen zu finden. „Great Change“ startet zunächst recht ruhig mit zarten Background Vocals, entwickelt sich im weiteren Verlauf allerdings zu einem flotten Gospel.

Stampfend wie eine alte Lokomotive kommt „Morning Train“ daher und bietet ein interessantes Zwiegespräch zwischen Grant Dermody an der Bluesharp und Corey Ledet am Akkordeon. Leicht gospelig, in erster Linie wegen der eingängigen Gesangsstimmen im Hintergrund, ist auch das anfangs schwermütig klagende „Come On Sunshine“, während in „35-59“ ein wenig Rockabilly Feeling aufblitzt. Einen würdigen Abschluss des Albums bildet schließlich der „Hometown Blues“. Es bietet Harpsequenzen wie man sie sich wünscht, gepaart mit chicagomässig angehauchten Gitarrenklängen.

Insgesamt ist „My Dony“ ein starkes und abwechslungsreiches Bluesalbum, insbesondere natürlich für Freunde der klassischen Bluesharp, die Dermody in Perfektion beherrscht. Einen besonderen zusätzlichen Reiz steuert schließlich noch Dirk Powell an der E-Gitarre bei. Seine teilweise glasklaren Licks mit Anleihen beim Chicagoblues und Rockabilly sind einfach klasse. Auf jeden Fall gehört diese 5-Sterne-Scheibe in den Plattenschrank eines jeden Bluesfans.

Thunder River Recordings (2019)
Stil: Blues

Tracks:
01. My Dony
02. One Step At A Time
03. It Hurts To Be In Love
04. Springtime Blues
05. Real Time Man
06. Too Late To Change Your Mind
07. Corner Strut
08. I Can‘t Turn Back Time
09. Great Change
10. Morning Train
11. Come On Sunshine
12. 35-59
13. Hometown Blues

Grant Dermody
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Worth & Strain – Rhududu Session Vol. 2 – EP-Review

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Review: Stephan Skolarski

Das ein „elterliches Wohnzimmer“ für die Aufzeichnung einer Folk-Blues-Session geradezu ein idealer Ort sein kann, hat Christopher Worth unter Mitwirkung seines Kumpels David Jacobs-Strain inzwischen bewiesen.

Als beide im Dezember letzten Jahres die „Rhududu“-Session auf dem gleichnamigen, privaten Anwesen in Portland, Oregon, spielten und der erste Teil im Januar 2020 als EP herauskam, war eigentlich schon klar, dass es einen Nachfolger, also Volume 2, geben würde.

Die nun vorliegende, weitere sechs Stücke umfassende Fortsetzung, der teilweise vor Publikum produzierten EP, ist ein pures Klangvergnügen und dies nicht nur für Folk-Blues-Begeisterte mit akustischer Vorliebe.

Die „Living-Room“ Atmosphäre der vertrauten und stilvollen Würde des Landhauses hinterlässt ihre Spuren in den Stücken der beiden Song-Poeten. Der Indie-Folk und Bohemian-Blues von Worth und die akzentuierte Slide-Gitarren-Kunst von Jacobs-Strain beeindrucken durch einen feinfühligen Sound, dessen Klangwirkung schon den ersten Titel „A Certain Light“ – im Duett-Gesang und das folgende „Featherweight“ sprichwörtlich „schweben“ lassen.

Die Folk-Blues-Nummer „Rainbow Junkies“ ist in dieser Verbindung ein unbedingter Anspieltip, der mit dem fast 6-minütigen Blues „Ain’t No Better Way“ eindrucksvoll fortgesetzt wird. Das feine Song-Writing der beiden US-Amerikaner kommt bei „Broken Bell“ und dem anschließenden „Hang On“ zum Abschluss nochmals ausdrucksstark zur Geltung und rundet die Aufnahme formvollendet ab.

Die EP „Rhududu Sessions Vol. 2“ ist der zweite Teilabschnitt einer dynamischen Zusammenarbeit von Christopher Worth und David Jacobs-Strain, ein intimes Wohnzimmer-Set gespickt mit Spielfreude und harmonischer Eleganz.

Rola Music (2020)
Stil: Indie-Folk, Blues

Tracklist:

01. A Certain Light
02. Featherweight
03. Rainbow Junkies
04. Ain’t No Better Way
05. Broken Bell (live)
06. Hang On

Christopher Worth
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David Jacobs-Strain
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Rola Music

Lucinda Williams – Good Souls Better Angels – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die Grande Dame der Americana- und Country-Music Lucinda Williams legt mit „Good Souls Better Angels” ein Album vor, das Kritiker lieben werden, bei dem jedoch fraglich ist, ob es Anklang beim breiten Publikum findet. Mit diesem Phänomen hatte Williams bereits in der Anfangszeit ihres musikalischen Schaffens zu kämpfen.

Vor über vierzig Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Longplayer, einen kommerziellen Durchbruch erzielte sie aber erst zwei Dekaden später mit „Car Wheels On A Gravel Road“ (1998). Auf die Musikerin bin ich erstmals durch ihr Duett mit Steve Earle „You’re Still Standing There“ aufmerksam geworden, das sich auf seiner CD „I Feel Alright“ (1996) findet. Ray Kennedy, der mit Earle das Produzententeam The Twangtrust bildet, produzierte sowohl Williams Erfolgsalbum als auch das neue „Good Souls Better Angels” mit. Seit der Jahrtausendwende bringt Williams regelmäßig neues Material heraus.

Unter ihren Kollegen ist die dreifache Grammy-Gewinnerin sehr beliebt, was ihre Vielzahl an Kollaborationen beweist. Sie veröffentliche Tracks mit ganz unterschiedlichen Künstlern wie Julian Dawson, Nanci Griffith, Bruce Cockburn, John Prine, Sue Foley, Colin Linden, Elvis Costello, Willie Nelson, North Mississippi Allstars, Michael Monroe, Amos Lee, Blackie & The Rodeo Kings und Tom Russel.

„Good Souls Better Angels” ist ein atmosphärisch finsteres, aber faszinierendes Album. Schien bei den früheren Longplayern diese Seite von Williams Songwriting immer wieder durch, verfolgt sie die dunklen Töne auf ihrer aktuellen CD nun konsequent. Sie bearbeitet in ihren Songs das Leiden an der Welt, Depressionen und psychische Belastungen auf der einen Seite, Durchhaltevermögen und Hoffnung auf der anderen. Inspiration holte sich Williams bei dem Werk von Leonard Cohen und Nick Cave. Die Tracks bewegen sich tatsächlich zwischen diesen musikalischen Polen.

Bei einem Drittel der Stücke zelebriert – bei „Good Souls” über siebeneinhalb Minuten – Williams einen getragenen, melancholischen Americana, der durch ihren Gesang rau und unmittelbar klingt. Mal singt sie leicht gebrochen („Big Black Train“, „When The Way Gets Dark”), mal leiernd („Shadows & Doubts“), aber immer passend und intensiv.

Bei „Man Without A Soul” legt sie etwas Samt in ihre Stimme, die sich hier stellenweise nach Tanita Tikaram anhört. Auf „Pray The Devil Back To Hell” klingt Williams hingegen wie ein weiblicher Tom Waits. Zusammen mit „Bad New Blues” spiegeln die beiden Stücke die bluesige Seite der Scheibe wider.

„You Can’t Rule Me“ eröffnet als treibend-rollender Blues Rock das Werk. In gemäßigtem Tempo rockt „Big Rotator”, härter geht es mit „Down Past The Bottom” zur Sache. Nicht nur bei den Rocksongs sind die starken Gitarren hervorzuheben, denen viel Raum auf dem Album gegeben wird. Kräftige Riffs, zerrende Rückkopplungen sowie angemessen lange Soli passen sich hervorragend in die Songs ein und ergänzen so den ungeschliffen wirkenden Gesang.

Einen beinah rotzigen Slang legt Williams bei dem experimentelleren „Wakin‘ Up“ an den Tag. Dieser – in Kombination mit expressiven Gitarren und unterlegt mit einem Rhythmus, der dem Hip Hop entliehen scheint – macht den Song zu einem besonders hervorstechenden auf dem Werk. Ebenso bemerkenswert ist „Bone Of Contention”, das Williams mit einer für sie ungewohnten Punk-Attitude performt, durch die ein Vergleich mit Patti Smith nicht fern liegt.

„Good Souls Better Angels” ist ein spannendes Meisterwerk der Amerikanerin. Mutig und souverän bewegt sich Lucinda Williams in Americana-, Rock- und Bluesgefilden. Neben ausgereiften Melodien machen kraftvolle Rhythmen und krachende Gitarren, verbunden durch den ausdrucksstarken und variationsreichen Gesang, das Album zur ersten großen Überraschung des Jahres.

Highway 20/Thirty Tigers (2020)
Stil: Americana, Rock, Blues/

Tracks:
01. You Can’t Rule Me
02. Bad News Blues
03. Man Without A Soul
04. Big Black Train
05. Wakin‘ Up
06. Pray The Devil Back To Hell
07. Shadows & Doubts
08. When The Way Gets Dark
09. Bone Of Contention
10. Down Past The Bottom
11. Big Rotator
12. Good Souls

Lucinda Williams
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