Patricia Vonne – My Favorite Holiday! – CD-Review

Jedes Jahr nehme ich mir vor, die Weihnachtsgeschenke frühzeitig zu besorgen. Jedes Jahr fehlen mir die meisten aber noch zwei Tage vor Heiligabend. Für diejenigen, denen es ähnlich geht, habe ich den Tipp, sich Patricia Vonnes „My Favorite Holiday!“ frühzeitig zuzulegen – am besten ein paar Mal, denn CDs halten sich zur Not auch bis zum übernächsten Fest. Das Album stammt sowieso schon aus 2021, aber da hatte ich es noch nicht entdeckt. Ich bin erst durch das letzte Konzert von Vonne in der Kulturrampe auf es aufmerksam geworden.

Weihnachtsalben haben zwar kein Verfallsdatum, sind in der Regel jedoch saisonal begrenzt. Oftmals reproduzieren sie die bekannten Klassiker und sind daher meist musikalisch weniger interessant. Anders verhält es sich mit „My Favorite Holiday!“, auf dem Vonne selbst (mit-)komponierte Songs vorstellt. Einzige Ausnahme ist das Traditional „Carol Of The Bells“, das sie a cappella mit ihrer Familie singt.

Für die Eigenkompositionen verdient die CD schon mal den ersten Stern, einen weiteren für die völlig erfüllte Grundanforderung, dass ein solches Konzeptalbum überwiegend Weihnachtsstimmung transportiert. Das beschwingte „Santa’s On His Way“ könnte ebenso wie das langsamere „Christmas Without You“, bei dem Stephen Ferrone (Tom Petty) am Schlagzeug sitzt, als Soundtrack eines entsprechenden Hollywood-Schinkens dienen. Wie diese Tracks ist auch „Christ Child“ orchestral unterlegt, wofür Scott Plunkett (Don Henley, Chris Isaak) verantwortlich zeichnet. Das flotte Titelstück mit Schellen und Schuhu-Background gehört ebenfalls in die Kategorie der eindeutigen Weihnachtslieder. Es punktet besonders durch das Saxophon von Johnny Reno.

Einen dritten Stern gibt es dafür, dass sich der Longplayer nicht in süßlicher Sentimentalität verliert. Bei dem staubigen, in die texanisch-mexikanische Grenzregion versetzenden Midtempo-Song „Alone On Christmas Day“ glänzt David Grissom (John Mellencamp, James McMurtry, Joe Ely) an den Gitarren. „Old Man Santa“, von Vonne, Rick Del Castillo und Alex Ruiz gemeinsam geschrieben und von Vonne und Ruiz als Duett performt, ist ein kräftiger Rocksong, der vielleicht thematisch, aber nicht musikalisch auf einem Weihnachtsalbum zu erwarten ist. Einen eigenen Stern erhält „Santa’s On A Rampage“, der nach Little Steven’s Underground Garage zu den Coolest Songs In The World gehört. Vonne und Rosie Flores gelingt hier ein ausgelassener Geniestreich, der Spaß macht und gute Laune versprüht.

Schließlich vergebe ich einen Stern für die Soundvielfalt, die durch die in spanischer Sprache gesungenen Songs nochmals erhöht wird. Bei diesen lässt Vonne ihre Kastagnetten klicken und klackern. Weitere Akzente setzen die Congas, Bongos in Kombination mit einer Geige bei „Cumbia Navidad“. Für „Nochebuena“ holt Vonne erneut Alex Ruiz mit ans Mikro, für „Las Posadas“ Ruben Blades.

In der Rubrik Weihnachtsalben erreicht „My Favorite Holiday!“ fünf von fünf Sternen. Ich könnte noch weitere vergeben, aber dann verzähle ich mich wieder. So ist dieser Longplayer nämlich der achte von Vonne und nicht „Top Of The Mountain“ (2018), wie ich seinerzeit behauptete. Produziert wurde er von Rick Del Castillo.

Patricia Vonne legt mit „My Favorite Holiday!“ ein originelles Werk vor, das thematisch um Weihnachten kreist, musikalisch aber eine bunte Mischung bietet, die sich aus ihren unterschiedlichen musikalischen Wurzeln speist. Diese liegen vor allem im texanisch-mexikanischen Grenzgebiet. Neben den wohlklingenden Titeln, die sich in die Tradition moderner Weihnachtslieder nahtlos einreihen, finden sich daher auch aufgekratzte Rocksongs und spanische Stücke auf dem Album, die nicht nur zu den Festtagen gehört werden können.

Bandolera Records (2021)
Stil: Tejano/Weihnachtslieder

Tracks:
01. Santa’s On His Way
02. Nochebuena
03. Alone On Christmas Day
04. Las Posadas
05. Christmas Without You
06. My Favorite Holiday
07. Cumbia Navidad
08. Santa’s On A Rampage
09. Christ Child
10. Carol Of The Bells
11. Old Man Santa

Patricia Vonne
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Neil Young & Crazy Horse – World Record – CD-Review

Review: Gernot Mangold

Ruhig, fast swingend beginnt das neue Album „World Record“ mit „Love Earth“, wo Neil Young sich musikalisch dem Thema, die Erde zu erhalten, widmet. Da besingt er sehr harmonisch in „Overhead“ den schönen blauen Himmel, um dann bei „I Walk With You“ mit getragenen eher melancholischen Melodien erstmals das typische Crazy Horse Feeling aufleben zu lassen.

Fast verträumt, sich mit dem Piano begleitend, geht er auf die Veränderungen der Erde ein, rückblickend auf seine Kindheit in „The Old Planet“. Besondere Akzente setzt dabei auch noch Nils Lofgren, der mit dem Akkordeon einen gewisses Countryflair in den Song bringt. Roh, mit fast anklagenden Gesang weist Young in „The World (Is In Trouble Now)“ auf die Veränderungen hin. Dabei setzt er mit der Orgel Akzente, während Nils Lofgren die Gitarrenparts übernimmt.

Rohe verzerrte Gitarren leiten „Break The Chain“ ein und es entwickelt sich ein typischer Neil Young & Crazy Horse- Track im Midtempo. Ralph Molina an den Drums und Billy Talbot am Bass zeigen dabei, dass sie auch nach Jahrzehnten eine solide Rhythmusbasis für Youngs Gitarrenspiel legen. Ein belebendes Element ist auch Nils Lofgren, der slidend ein schönes Gegengewicht zum eher düsteren Gitarrenspiel Youngs bildet.

Im melancholisch getragenen „The Long Day Before“ offeriert Young wieder seine musikalisch ruhige Seite mit harmonischer Orgelbegleitung und seinem typischen Mundharmonika-Spiel. Passend dazu setzt Lofgren Nuancen mit der Pedal Steel Guitar. Stilistisch ähnlich prangert er in „Walkin`On The Road (To The Future)“ an, dass Alles, was man in der Vergangenheit getan hat, in der Zukunft seinen Preis haben wird und weist auch auf die kriegerischen Entwicklungen auf der Erde hin, was im pragmatischen Refrain „No More War Only Love“ zusammengefasst wird. Im folgenden „The Wonder Won`t Wait“ heißt das Paradigma anfangen zu Leben, bevor man stirbt.

Im für mich besten Lied des Albums widmet sich Young seiner automobilen Liebe, dem „Chevrolet“. Schöne Rhythmen und verzerrte Gitarren verschmelzen regelrecht miteinander und belegen eindeutig, was die Zusammenarbeit von Neil Young mit seiner Band Crazy Horse ausmacht.

Neil Young ist mit „World Record“ wieder ein starkes emotionales Album gelungen, das insbesondere durch seine Atmosphäre beeindruckt, die der mittlerweile bald 77-jährige Young immer noch erzeugen kann. Emotional verstärkt er den Weg der Band durch die angegebenen Geburtsdaten der Beteiligten, eventuell auch als Hinweis, dass der lange Weg bald beendet sein könnte.

Mit dem Album hat Young nun musikalisch das Kapitel geschrieben, das er vor einigen Jahren auf T-Shirts als Beilage zum Konzertbesuch am Eingang verteilen ließ , wo die männlichen Besucher eines mit dem Aufdruck ‚Earth‘ und die weiblichen eines mit dem Aufdruck ‚protect‘ erhielten.

Gerne erinnere ich mich daran, wie mir der nette Mitarbeiter am Merchandising-Stand auf meine Frage, ob ich für meine beiden damals kleinen Kinder eines kaufen könne, in die Augen schaute, und sagte, dass die Shirts nicht zum Verkauf gedacht sind, um mich dann zu fragen, wie groß die Mädels sind, und mir mit einem Lächeln zwei Shirts zu schenken. Er hatte damals im gewissen Sinne die prägende Zeile aus „Walkin`On The Road“ „No More War Only Love“ umgesetzt.

Band:
Neil Young: guitar, piano, organ, harmonica, vocals.
Billy Talbot: bass, vocals.
Ralph Molina: drums, vocals.
Nils Lofgren: guitar, piano, accordion, steel guitar, vocals

Reprise Records/Warner Music (2022)
Stil: Rock

Tracks:
01. Love Earth
02. Overhead
03. I Walk With You (Earth Ringtone)
04. The Old Planet (Changing Days)
05. The World /Is In Trouble Now)
06. Break The Chain
07. The Long Day Before
08. Walkin`On The Road (To The Future)
09. The Wonder Won`t Wait
10. Chevrolet
11. This Old Planet

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Oktober Promotion

Lainey Wilson – Bell Bottom Country – CD-Review

Allein schon für das hippieeske und doch so stylisch sowie wunderbar farblich abgestimmte Outfit hätte die aus Baskin, Louisiana stammende Lainy Wilson (mittlerweile natürlich in Nashville ansässig) auf dem Cover ihres neusten Albums „Bell Bottom Country“ in Sachen Haute Couture eine absolute Bestnote verdient. Aber auch musikalisch steht das vierzehn Stücke umfassende (13 davon von Lainey mitgeschrieben), von James Joyce in herrlichem Sound produzierte Gesamtwerk in Nichts nach.

Die mittlerweile 30-jährige Singer-Songwriterin, die Dolly Parton und Lee Ann Womack als ihre großen Vorbilder benennt, und 2020 mit der Single „Things A Man Oughta Know“ ihren Durchbruch schaffte, legt jetzt ihre zweite Scheibe auf einem Major-Label nach und befindet sich in kreativer Höchstform. Ich habe selten eine CD einer weiblichen Künstlerin im Player liegen gehabt, die mich sofort komplett mitgenommen und begeistert hat.

Zum einen gefällt mir ihre freche, mit einem Southern-Akzent versehene Stimme, die ich irgendwo zwischen Miranda Lambert, Stevie Nicks und Susannah Hoffs einordnen würde, und natürlich das in allen Belangen von wunderbarer Diversität geprägte Songmaterial, das am Ende einen exzellenten Balance-Act zwischen verhaltem modernen und traditionellen Countryelementen meistert.

Die beiden Opener „Hillbilly Hippie“ (CCR meets The Bangles) und das mit treibendem Refrain bestückte „Road Runner“ versetzten sofort in beste euphorisierende Laune, bevor man dann mit der grandios performten, melancholischen Ballade „Watermelon Moonshine“ wieder runtergekühlt wird. Das auf dem Fuße folgende funk-counryrockige coole „Grease“ flutscht dann mit enormer Power wieder wie Öl aus den Boxen.

Und so wird man im weiteren Verlauf mit angenehmen und bewegenden Midtempornummern (zum Teil mit balladeskem Einschlag) wie „Week-End“, „Me, You, And Jesus“, „Heart Like A Truck“ (nicht nur des pathetischen Titels wegen für mich eine potentielle Nr.1-Single) „Atta Girl“ und „Live Off“ (starker emotionaler Gesang der Protagonistin) sowie launigen Tracks der Marke „Hold My Halo“, „This One’s Gonna Cost Me“ (Led Zep-Flair), dem „Ghost Riders“-umwehten „Wildflowers And Wild Horses“ und dem countryesk verpackten 4 Non Blondes-Hit „What’s Up (What’s Going On)“ als Rausschmeißer durch ein stimmiges Wechselbad der Höremotionen geleitet. Irgendwo dazwischen, nicht zu vergessen, der herrliche Countryschunkler „Those Boots (Deddy’s Song)“ mit grandioser Akustik- und E-Gitarrenuntermalung.

Am Ende bin ich heilfroh, dass ich diese Scheibe, die schon im Oktober erschienen ist und mir fast durchgerutscht wäre, doch noch zum Reviewen erhalten habe. Diesen authentischen, instrumentell hervorragend eingespielten ‚Schlaghosen-Country‘ von Lainey Wilson hört man einfach gerne. Man merkt auf diesem bis in die Haarspitzen unter dem Hut motivierten Werk zu jeder Zeit, dass die junge Dame hoch hinaus will! Hats off, Lainey!

Broken Bow Records (2022)
Stil: New Country

Tracks:
01. Hillbilly Hippie
02. Road Runner
03. Watermelon Moonshine
04. Grease
05. Week-End
06. Me, You, And Jesus
07. Hold My Halo
08. Heart Like A Truck
09. Atta Girl
10. This One’s Gonna Cost Me
11. Those Boots (Deddy’s Song)
12. Live Off
13. Wildflowers And Wild Horses
14. What’s Up (What’s Going On)

Lainey Wilson
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Kenny Wayne Shepherd – Trouble Is… 25 – CD-Review

Zum 25-jährigen Jubiläum seines genialen Albums “Trouble Is” hat Kenny Wayne Shepherd (KWS) eine komplette Neuaufnahme des Meisterwerks aus dem Jahre 1997 aufgelegt. Die nochmalige Einspielung der Songs fand live im Studio mit der damaligen Crew statt (nur Bassist Tommy Shannon musste leider ersetzt werden). Auch wieder mit dabei ist Jerry Harrison (ehemals Modern Lovers bzw. Talking Heads-Mitglied) – diesmal als Co-Produzent.

Entsprechend der ursprünglichen Songlist beginnt “Trouble Is…25” ebenfalls mit “Slow Ride”, einer Jimi Hendrix- soundigen Hit-Single des Albums, die ihren schon damals absolut überragenden, jungen Solo-Gitarristen in gekonnt experimenteller Spielweise brillieren lässt. Mit “True Lies” folgt ein großartiger Übergang zum Southern-Texas Format eines Stevie Ray Vaughan, das straight-rockmäßig die Fingerfertigkeit von Shepherd strapaziert.

Das inzwischen als Mainstream-Rock-Klassiker geltende dritte Stück “Blue On Black” zelebriert unverändert die eindrucksvolle Saiten-Technik, wurde aber erst im April 1998 ausgekoppelt. Der anhaltende Erfolg des Original-Longplayers erforderte im Dezember 1998 weiterhin eine vierte Single: Bob Dylans schneller Rocksong “Everything Is Broken” wird als Southern-Cover gebührend präsentiert und verschafft dem bereits sehr erfolgreichen Album ein Jahr nach dem Release nochmals weiteren Respekt, obwohl es schon durch die Super-Top-Version von Jimi Hendrix’ “I Don’t Live Today” mehr als begeistern konnte.

Unverändert spielte KWS in der 25-er Session ausdrücklich auf dem alten Equipment und seiner 61er Fender Stratocaster und überließ die Vocals wieder Noah Hunt, der insbesondere auf dem grandiosen Blues-Harp Titel (Original Harp-Solo von James Cotton) und der zusätzlichen Hit-Single „Somehow, Somewhere, Someway”, wie auf dem gesamten Longplayer, seine tiefen Spuren hinterlässt. Auch die Mid-Tempo Ballade “I Found Love (When I Found You)” und die wuchtig, rockende Blues-Nummer “King’s Highway” firmieren unter Klassiker-Status eines junggebliebenen Longplayers, der mit “Nothing To Do With Love” außerdem ein Bonnie Tyler-Cover vertragen kann – Foot-Stomping mitreißend serviert.

Dem legendären Stevie Ray Vaughan könnten die beiden letzten Stücke “Chase The Rainbow” und der Titel-Instrumental-Track “Trouble Is” gewidmet sein – jeder für sich eine einzigartige Reminiszenz. Irgendwie verloren gegangen scheint demgegenüber leider der 1997er Bonus.Track “Voodoo Child”, eine leidenschaftliche 10 Minuten Version der Jimi Hendrix-Nummer, die nur auf der ersten Japan-Ausgabe erschienen ist. Dafür hat die Neuauflage eine andere Zugabe zu bieten: mit “Ballad Of A Thin Man” von Bob Dylans “Highway 61 Revisited” – LP wurde ein Top-Blues Cover Bonus zusätzlich eingespielt.

“Die neue Aufnahme war für mich eine echte Reise in die Vergangenheit”, so Kenny Wayne Shepherd über die Studio-Zeit für “Trouble Is…25”. Angesichts der außergewöhnlichen künstlerischen Klasse des inzwischen berufserfahrenen Gitarren-Virtuosen wird seine Jubiläums-Tour 2023 mit dem Nr. 1 Blues-Album auch für die Fans in Deutschland ein besonderer Leckerbissen werden.

Provogue Records (2022)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. Slow Ride
02. True Lies
03. Blue On Black
04. Everything Is Broken
05. I Don’t Live Today
06. (Long) Gone
07. Somehow, Somewhere, Someway
08. I Found Love (When I Found You)
09. King’s Highway
10. Nothing To Do With Love
11. Chase The Rainbow
12. Trouble Is
13. Ballad Of A Thin Man

Kenny Wayne Shepherd
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Tom Petty And The Heartbreakers – Live At The Fillmore 1997 – CD-Review

Review: Michael Segets

Die Familie Petty und Mike Campbell (The Dirty Knobs), der langjährige Weggefährte von Tom Petty, halten die Erinnerung an den Ausnahmemusiker wach. „Wildflowers & All The Rest“ war bereits ein Mammutprojekt, das von ihnen gestemmt wurde. „Live At The Fillmore 1997“ erscheint nun ebenfalls als umfangreiche Zusammenstellung, bei der zudem Ryan Ulyate und Heartbreaker Benmont Tench an der Produktion – an der sich soundtechnisch nichts auszusetzen lässt – beteiligt waren.

Wie bei dem zuvor genannten Projekt liegen unterschiedliche Veröffentlichungsversionen vor. Das kürzere Paket umfasst drei LPs beziehungsweise zwei CDs, das längere jeweils doppelt so viele Tonträger. Die Deluxe-Ausgaben bieten neben der zusätzlichen Musik ein umfangreiches Booklet und ein paar Gimmicks. Die auf Vollständigkeit der Sammlung bedachten Fans, müssen also etwas tiefer in die Tasche greifen oder auf das Wohlwollen des Weihnachtsmanns hoffen.

Tom Petty And The Heartbreakers hatten Anfang 1997 zwanzig Auftritte innerhalb eines Monats im Fillmore, San Francisco. Dabei variierte die Band die Setlist jeden Abend und einige Auftritte wurden durch Gastmusiker wie Roger McGuinn (The Byrds) und John Lee Hooker veredelt. Auf „Live At The Fillmore 1997“ sind Mitschnitte von mehreren dieser Abende vertreten, wobei der Gesamtaufbau an dem eines Konzerts orientiert ist, beginnend mit der Begrüßung und endend mit der Verabschiedung. Dazwischen sind einige, erfreulicherweise von den Musiktracks gesplittete Zwischenbemerkungen eingestreut.

Die Deluxe-Ausgaben bietet 58 Songs, unter denen 35 Cover zu finden sind. Wer „The Live Anthology“ (2009) besitzt, kennt bereits fünf Versionen. „Green Onions“ auf der Anthologie wurde ebenfalls im Fillmore aufgenommen, aber an einem anderen Tag als die aktuell veröffentlichte Variante. Insgesamt sind wenige von Tom Pettys eigenen Klassikern vertreten, was insofern Sinn macht, dass sich „Live At The Fillmore 1997“ in erster Linie an Fans richtet, die diese sowieso schon in ihrem Bestand haben.

Dennoch verzichtet die Zusammenstellung nicht auf seine bekannten Titel, die teilweise in deutlich veränderten Interpretationen gespielt werden. So sind beispielsweise Pettys frühe Hits „American Girl“ und „Even The Loosers“ akustisch gehalten. „I Won’t Back Down“, langsam und mit viel Gefühl performt, begeistert dabei ebenso wie das über zehnminütige „Mary Jane‘s Last Dance”, bei dem die Heartbreakers ihrer Spielfreude freien Lauf lassen. Darüber hinaus sind Pettys Erfolgsnummern „Runnin‘ Down A Dream“, „Free Fallin‘“ oder „You Don’t Know How It Feels” vertreten.

Als besonders interessant stellen sich die Cover dar. Das Programm umfasst Stücke von The Kinks, The Byrds oder The Rolling Stones neben frühen Titeln des Rock ’n Roll (u. a. „Bye Bye Johnny“). Positive Überraschungen stellen „You Are My Sunshine“ und „Ain’t No Sunshine“ von Bill Withers dar. Vor allem aus heutiger Perspektive ist Bob Dylans „Knockin‘ On Heavens Door“ bewegend, das Petty in seiner einzigartigen Art singt.

Petty war ein hervorragender Songwriter und Interpret, was „Live At The Fillmore 1997“ eindrucksvoll belegt. Zu der musikalischen Qualität von Tom Petty And The Heartbreakers und ihrer Liveperformanz muss an dieser Stelle wohl weiter nichts gesagt werden. Der Leader und die Band sind perfekt aufeinander abgestimmt und präsentieren sich in Topform.

Bislang unveröffentlichte Cover sowie zum Teil deutlich veränderte Versionen eigener Stücke machen „Live At The Fillmore 1997“ zu einer sinnvollen Ergänzung jeder Musiksammlung. Die Zusammenstellung aus mehreren Konzertabenden beweist, warum Tom Petty And The Heartbreakers zu einer der besten Formationen der Rockgeschichte zählen.

Warner Records/Warner Music (2022)
Stil: Rock

Tracks:
CD 1
01. Pre-show (spoken interlude)
02. Around And Around
03. Jammin’ Me
04. Runnin’ Down A Dream
05. Good Evening (spoken interlude)
06. Lucille
07. Call Me The Breeze
08. Cabin Down Below
09. The Internet, Whatever That Is (spoken interlude)
10. Time Is On My Side
11. Listen To Her Heart
12. Waitin’ In School
13. Let’s Hear It For Mike (spoken interlude)
14. Slaughter On Tenth Avenue
15. Homecoming Queen Intro (spoken interlude)
16. The Date I Had With That Ugly Old Homecoming Queen
17. I Won’t Back Down
18. You Are My Sunshine
19. Ain’t No Sunshine
20. It’s Good To Be King

CD 2
01. Rip It Up
02. You Don’t Know How It Feels
03. I’d Like To Love You Baby
04. Diddy Wah Diddy
05. We Got A Long Way To Go (spoken interlude)
06. Guitar Boogie Shuffle
07. I Want You Back Again
08. On The Street Intro (spoken interlude)
09. On The Street
10. California
11. Let’s Hear It For Scott And Howie (spoken interlude)
12. Little Maggie
13. Walls
14. Hip Hugger
15. Friend Of The Devil
16. Did Someone Say Heartbreakers Beach Party? (spoken interlude)
17. Heartbreakers Beach Party
18. Angel Dream
19. The Wild One, Forever
20. Even The Losers
21. American Girl
22. You Really Got Me
23. Goldfinger

CD 3
01. Mr. Roger McGuinn (spoken interlude)
02. It Won’t Be Wrong
03. You Ain’t Going Nowhere
04. Drug Store Truck Drivin’ Man
05. Eight Miles High
06. Crazy Mama
07. Everyone Loves Benmont (spoken interlude)
08. Green Onions
09. High Heel Sneakers
10. John Lee Hooker, Ladies And Gentlemen (spoken interlude)
11. Find My Baby (Locked Up In Love Again)
12. Serves You Right To Suffer
13. Boogie Chillen
14. I Got A Woman

CD 4
01. Sorry, I’ve Just Broken My Amplifier (spoken interlude)
02. Knockin’ On Heaven’s Door
03. Honey Bee
04. County Farm
05. You Wreck Me
06. Shakin’ All Over
07. Free Fallin’
08. Mary Jane’s Last Dance
09. Bye Bye Johnny
10. (I Can’t Get No) Satisfaction
11. It’s All Over Now
12. Louie Louie
13. Gloria
14. Alright For Now
15. Goodnight (spoken interlude)

Tom Petty
Warner Records
Oktober Promotion

Copperhead County – Homebound – CD-Review

 

Langsam werden mir die Holländer unheimlich. Mit Copperhead County landet nach Voltage und Black Bottle Riot in unserem Magazin bereits die dritte Band, die sich ganz und gar dem Southern Rock bekennt und ebenfalls, für europäische Verhältnisse, mit ihrem zweiten Album „Homebound“ eine Bestleistung hinlegt, die sich hinter amerikanischen Vorbildern nicht zu verstecken braucht.

Wenn man relativ dicht am Meer beheimatet ist (das Sextett stammt aus dem in der Nähe von niederländischen Nordseeküstenort Zandvoort gelegenen Hoofdoorp) muss man ein sonniges Gemüt besitzen, was die Einrahmung des zehn Tracks umfassenden Werkes mit Songs wie dem Opener „Sunny“ und dem Abschluss mit „Sound Of Summer“ zu untermauern scheint.

Ein großer Vorteil der Band ist, dass sie mit Corvin Keurhorst einen Sänger ihr Eigen nennen können, der tatsächlich amerikanisch klingt und irgendwo zwischen Will Hoge und Charlie Starr (Blackberry Smoke) verortet werden kann und mit Leadgitarrist Robert van Voorden jemanden haben, der das große Einmaleins des Southern Rock-E-Gitarrenspiels perfekt beherrscht und ein Faible für den Stil von Hughie Thomasson zu besitzen scheint.

Marja Boender liefert die für das Genre typischen weiblichen Backgroundvocals, Keyboarder  Jordy Duitscher fühlt sich am Organ am wohlsten, und Bassist Johan van Dijk und Alex Stolwijk geben den Rhythmus vor.

Die zehn Eigenkompositionen wurden von Matt Wallace, der für seine Zusammenarbeit mit Acts wie u. a. Faith No More, R.E.M., Maroon 5 oder Blackberry Smoke bekannt ist, ins rechte soundtechnische Licht gesetzt. Man bewegt sich überwiegend im Rahmen der guten alten Southern Rock-Zeit mit Bands der ersten und zweiten Generation wie den Outlaws, Lynyrd Skynyrd, Doc Holliday oder Molly Hatchet und lenkt diese Einflüsse mit eigenen Ideen in eine Richtung, die heute von einer Band wie Blackberry Smoke weitergeführt wird.

Der Auftakt mit „Sunny“  und „Dreams Of The South“ (mit ein wenig „Holliday“-Billy Jones-Flair) gehört den Outlaws, das knackige „Quickjaw“ mit den „The Journey“- und „Green Grass And High Tides“-Reminiszenzen im tollen Gitarrenfinish hätte ich am Ende platziert.

Das pulsierende „Enjoy The Ride“ und das starke „Tonight We Ride“ (erinnert ein wenig an „Lonesome Guitar“) hätten auf jedem Doc Holliday-Album ihre Berechtigung gehabt, beim „JamMan“ hört man im Refrain die Black Crowes, während bei „Highroller-Queen Of Vegas“ und „Alphahretta Rain“ (mit „Swamp Music“-Rhythmus) dann auch noch Lynyrd Skynyrd mit ins Spiel genommen werden.

Copperhead County’s „Homebound“ ist Wasser auf die Mühlen der klassischen Southern Rock-Fraktion, die es gerne im ursprünglichen Format der Siebziger Jahre angehen lässt. Die Burschen wissen, was sie tun und stehen mit ihrem Werk ganz weit oben in der Neuerscheinungsliste des Genres. Eine typische Formation, die man gerne hier in unserer geliebten Kulturrampe mal sehen würde und die sicherlich begeistert aufgenommen würde. Kein Zweifel, die Holländer können Southern Rock!

Label: CRS (2022)
Stil: Southern Rock

Tracks:
01. Sunny
02. Dreams Of The South
03. Quickjaw
04. Solid Ground
05. Enjoy The Ride
06. Highroller-Queen Of Vegas
07. Tonight We Ride
08. JamMan
09. Alphahretta Rain
10. Sound Of Summer

Copperhead County
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Two Side Moon Promotions

Russ Ballard – 11.11.2022 – Musiktheater Piano, Dortmund – Konzertbericht

Leider fanden nur etwa 140 Musikfans den Weg ins Dortmunder Musiktheater Piano. Wer weiß wie viele gekommen wären, wenn an diesem Abend eine Coverband angekündigt worden wäre, die Klassiker aus den 80er Jahren gespielt hätte.

Denn genau dies tat Russ Ballard mit seiner Band, neben starken Songs, die er in seiner eigenen Karriere als Solokünstler oder Bandmitglied aufgenommen hatte, spielte er eine Mischung aus Hits der 70er- und 80er-Jahre.

So präsentierte er unter anderem „So You Win Again“ von Hot Chocolate, „Surrender“, Since You Been Gone“ von Rainbow, „I Know There’s Something Going On“ von der ABBA-Frida oder „New York Groove“ von Hello oder Ace Frehley. Das ganze hatte aber wenig mit Covern zu tun, die Tracks stammten allesamt aus seiner Feder, was ein Indiz dafür war, welch begnadeter Songwriter den Weg ins Musiktheater Piano gefunden hatte.

So spielte Ballard mit seiner Band ein Programm, das durchaus den Charakter einer Songliste für eine Oldie-Party hätte sein können. So entwickelte sich schnell eine tolle Stimmung im Konzertsaal, die auch auf die Band übersprang. Am Ende durften sich die Besucher im Piano über einen tollen Musikabend mit bestens aufgelegten Musiker freuen, die ein zweistündiges Konzert hinlegten, an das sie sich bestimmt gerne erinnern werden.

Ein besonderer Dank an das Musiktheater Piano, dass trotz der zum Teil eher finanziell grenzwertigen Besucherzahlen, weiter solche Acts präsentiert und so die Rockkultur weiterleben lässt.

Line-up:
Russ Ballard (vocals & guitars)
Roly Jones (guitar)
Mark Rapson (keyboards)
PJ Phillips (bass)
John Miller (drums)

Bericht und Bilder: Gernot Mangold

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Musiktheater Piano

Brett Young – Support: Callista Clark – 19.11.2022, Carlswerk Victoria, Köln – Konzertbericht

Dass es nach den beiden überragenden Konzerten von Peter Frampton und Sean Webster in den Tagen zuvor, die an musikalischer Leidenschaft, -Freude und instrumenteller Klasse kaum zu toppen sind, schwer werden würde, den inneren Hebel kurzfristig auf Nashville-Countrypop umzulegen, war irgendwo klar.

Dass das Brett Young-Konzert mit Callista Clark als Support für den Fotokollegen Mangold, dem Musik eigentlich nicht unkommerziell genug sein kann, zur Höchststrafe avancieren würde, hatte ich schon im Vorfeld befürchtet. Und um es vorwegzunehmen, auch mir ging es nicht anders.

Der Freund des runden Leders würde „Selbst (in) Schuld, Daus“, konstatieren. „Wenn du ehrlichen Hafenstraßenfussball sehen willst, fährste ja auch nicht nach Gelsenkirchen oder Dortmund!“

Da sich die bisherigen Acts im Rahmen der SOUND OF NASHVILLE-Reihe, in der Vergangenheit dann doch durchgehend als positive Überraschungen herausgestellt hatten (auch zum Teil wegen der involvierten Mitmusiker), ging es nach dem Motto ‚die Hoffnung stirbt zuletzt‘ auf in Richtung Kölner Carlswerk Victoria, das mit gut 1.000 Zuschauern mehr als ordentlich gefüllt war.

Als Support kam dann zunächst die blutjunge Callista Clark, mit einer akustischen Gitarre behangen, ganz alleine auf die Bühne und durfte ihre unscheinbaren Songs aus ihrem ersten Album „Real To Me: The Way I Feel“ vorstellen. Dazwischen gab es ein paar nichtssagende Worte, bloß nicht unangenehm auffallen, schien als Ziel ausgelotet gewesen zu sein. Der Neil Young-Titel „Singer Without A Song“ kam spontan in den Sinn…

Nach Stücken wie u. a. „Change My Mind“, „Brave Girl“, „Worst Guy Ever“, „Heartbreak Song“ und „Real To Me“ ließ sie mit dem unterschwellig an „Sweet Home Alabama“ erinnernden Schluss-Track „It’s Cause I Am“ zumindest etwas von ihrem Talent als Songschreiberin aufblitzen. Da sie aber noch am Anfang steht, und allein mit Akustikgitarre immer schwer ist, konnte man ihren Gig als typischen Support-Act abhaken.

Line-up:
Callista Clark (lead vocals, acoustic guitar)

Nach nur einigen Minuten Umbau und einem Einspieler kam dann zunächst die Band und danach der Protagonist des Abends, Brett Young, aus den Katakomben des Carlswerks und versuchte sofort seine Fangemeinde mit dem Opener „Catch“ einzufangen. Was mir sofort auffiel war die so gut wie nicht vorhandene Aura des Nashville-Stars.

Das sollte sich auch im ganzen Verlauf des Konzerts nicht ändern, auch wenn das vermutlich die meisten Anwesenden anders gesehen haben werden (nach dem Gig hörte ich hinter mir zum Beispiel einen Kommentar wie „boah, hatte der ’ne tolle Stimme“).

Mit Country hatte das alles leider überhaupt nichts zu tun, das war eigentlich massenkompatible Popmusik mit maximalem Gewinnstreben in Reinkultur. In den Texten ging es um so tiefgreifende Themen wie Nächstenliebe, Herzschmerz oder wer in Mamis Auto als erster unter den Geschwistern auf dem Beifahrersitz einsteigen darf, wegen Radiosendereinstellen und so…

Auch sämtliche Aktivitäten seiner Spielgenossen, selbst bei der Bandvorstellung (da wechselte er nach ein paar kurzen Tönen direkt zum Nächsten), wurden dann sofort mit seinen zuckersüßen Strophen und Refrains im Keime erstickt. Der agilste war noch Keaton Simons, der bei „You Got Away With It“ mal sporadisch die Harp plustern durfte, bei der Bandvorstellung den ansonsten fehlenden E-Bass schön groovig bezupfte und sich für das eine oder andere E-Gitarrenkurzsolo verantwortlich zeigte.

Bezeichnend waren dann ein paar betrunkene Amerikanerinnen mit einem Kenny Chesney-Typ als Hahn im Korb, die mit jedem weiteren Bier die Intensität ihres Kreischens und Mitsingens erhöhten. Der Gipfel der Peinlichkeit war erreicht, als er dann plötzlich sein kariertes Hemd abgelegt hatte, seinen gestählten großflächig tätowierten Körper zur Schau stellte und eine der besonders Aufmerksamkeit suchenden jungen Mädels auf die Schulter nahm. Als Young dann von seinen beiden Kindern und seiner Frau erzählte und „Lady“ einläutete, fiel die Kinnlade runter. „Good bless America“ dachte ich nur, besonders vor deinen eigenen Landsleuten…

In der Schlussphase samt den beiden Zugaben jagte dann mit Sachen wie „Here Tonight“, „You Didn’t“ und „Sleep Without You“ ein (beliebig austauschbarer) Hit den anderen. Das überwiegende Publikum sang, wedelte und klatschte begeistert mit.

Insgesamt gesehen müsste dieser Brett Young-Gig allerdings für jeden, der schon einmal ein halbwegs anspruchsvolles Konzert erlebt hat, eine große Enttäuschung gewesen sein. Wie bereits oben erwähnt, war es aber auch der erste Ausfall in einer sonst bis dato immer tollen SOUNDS OF NASHVILLE-Reihe.

Trotzdem danke an Semmel-Concerts für die wie immer bestens organisierte Akkreditierung.

Line-up:
Brett Young (lead vocals, acoustic guitar)
Keaton Simons (acoustic guitar, electric guitar, bass, harp, vocals)
Billy Hawn (drums)
XXX (electric guitar, acoustic guitar, vocals)
Matt Ferranti (keys, acoustic guitar, vocals)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

Brett Young
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Callista Clark
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Semmel Concerts Entertainment GmbH
Carlswerk Victoria

Sean Webster Band – 18.11.2022, Gdanska, Oberhausen – Konzertbericht

Zweites von drei Konzerten innerhalb von vier Tagen! Nach Peter Frampton am Mittwoch im größeren Rahmen ging es wieder zurück an die ‚Basis‘. Zur Wahl stand die Sean Webster Band in Leverkusen oder die Sean Webster Band in Oberhausen an. Da wir bis dato im Gdanska in Oberhausen noch nie vorstellig waren und die Location für mich persönlich geografisch deutlich günstiger liegt, ging es dann diesmal ins Ruhrgebiet.

Auf der Hinfahrt kamen dann Erinnerungen auf, als ich an der Sporthalle vorbei kam, in der ich vor langer Zeit die letzten fünf Jahre meiner bewegten Tischtenniskarriere verbracht hatte. Nur wenige Minuten später war ich in der Nähe des Gdanskas angelangt.

Die Lokalität am Oberhausener Altmarkt hat ein wenig was von unserem einstigen Bluesflaggschiff in meiner Heimatstadt Rheinberg, dem Schwarzen Adler. Vorne eine typische Kneipe, dann ein freundlich gestalteter Restaurantbereich, und daran angeschlossen ein schlauchförmiger langgezogener Raum, der bestens für kulturelle Aktivitäten kompatibel ist.

Auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, dass der eher wie ein Alt-68er wirkende Gdanska-Ansager Jürgen Reinke in der Bundeswehr gedient hat, stand er bei seiner Einleitung ganz in militärischer Tradition mit Schere und Maßband auf der Bühne und schnitt es zum Konzert 831 wieder ein wenig kürzer, 1000 ist die Zielmarke , die er in jedem Fall noch erreichen möchte.

Um 20:20 Uhr legte die Sean Webster Band, die wir ja mal vor vier Jahren mal auf einem Schiff beleuchtet hatten, mit dem treibendem Blues Rocker „You Got To Know“ direkt energiegeladen los. Mit dabei, diesmal auf festem Untergrund, wieder Websters etatmäßige Rhythmusfraktion, bestehend aus Drummer Ruud Gielen und dem schlaksigen Bassisten Floris Poesse, als neue Personalie war Keyboarder Axel Zwinselman zugegen, der sich als sehr belebendes Element der Band herausstellte.

Mit dem folgenden „Forever Gone“ ging es schön groovig weiter. Hier schön glänzte der Protagonist mit seiner herrlich rauen Reibeisenstimme und seinen ersten E-Gitarrensoli. Kaum zu glauben, dass so ein talentierter Musiker phasenweise seine eigentliche Passion an den Nagel gehängt hatte, um in Australien seinen Lebensunterhalt als Waldarbeiter zu bestreiten.

Mit dem herrliche Slowblues „I Was Wrong“ gab Sean schon einen Ausblick auf sein neues im nächsten Jahr herauskommendes Studio-Album, dem noch weitere brandneue Tracks wie u. a. „Not Me & You“ und „You Should Probably Leave“ (beides melodisch-fluffige und eingängige Nummern mit einem dezenten 90er-Rock-Flair) während des Hauptsets folgten.

Gespickt war die Setlist natürlich auch mit grandios gestalteten Coverstücken, von denen „I Put A Spell on You“ (Screaming Jay Hawkins) und das Keith Urban-Lied „‚Til The Summer Comes Around“ (allein das intensive Instrumentalintro war zum Niederknien) herausragten. Klasse hier immer wieder das Zusammenspiel von Webster mit Zwiselman und den dann immer wieder aufbrausenden Rhythmusleuten Gielen (mit satten Polterattacken) und Poesse (der sowohl mit Bass-Streicheleinheiten als auch ganz wildem Gezupfe).

Mit dem brutal starken „Hear Me Now“ aus Websters eigenem Fundus war die Zeit verflogen und das in Blueskreisen immer wieder gerne aufgegriffene „I’d Rather Go Blind“ in einer abwechslungsreichen bärenstarken Version (mit Tempo- und Atmosphärenwechseln) bildete das Finale des Hauptteils.

Die Anwesenden im für derzeitige Verhältnisse gut besuchten Gdanska waren aus dem Häuschen und ließen das Quartett natürlich nicht ohne das fulminant shufflige „Highway Man“ und eine Adaption von „The Thrill Has Gone“ als Zugaben in den verdienten Feierabend.

Auf dem Rückweg fragte ich mich spontan, was ein Joe Bonamassa eigentlich soviel besser macht als ein Sean Webster (außer natürlich die bis ins kleinste Detail durchorganisierte PR in eigener Sache), zumal der Brite auch noch der ‚ohren‘-scheinlich deutlich bessere Sänger ist? Naja, zumindest protegiert der amerikanische Bluesstar mittlerweile auch zunehmend aufkommende Acts mit seinem Label und den Cruises durch die Meere der Welt. Vielleicht fällt dabei ja auch in Zukunft mal ein Blick auf die großartige Sean Webster Band.

Für mich persönlich verbleibt angesichts der tollen neuen Stücke erst einmal die Vorfreude auf einen sicherlich starken neuen Longplayer, den wir dann zu gegebener Zeit auch gerne wieder reviewen werden!

Line-up
Sean Webster – Lead vocals, electric guitar
Ruud Gielen – Drums
Axel Zwinselman – Keys
Floris Poesse – Bass

Bilder: Klemens Kübber
Text: Daniel Daus

Sean Webster Band
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Gdanska Oberhausen

Peter Frampton – 16.11.2022, Mitsubishi Electric HALLE, Düsseldorf – Konzertbericht

Ich glaube jeder, der sich als Fan von Rockmusik bezeichnet und eine dementsprechende Sammlung an Tonträgern besitzt, wird in dieser sicherlich „Frampton Comes Alive“ aus dem Jahr 1976 inkludiert haben, eines der wohl bekanntesten und erfolgreichsten Live-Alben aller Zeiten.

Auch ich besitze sie als Doppel-LP und habe sie mir als Verfechter der CD natürlich dann irgendwann auch in digitaler Version zugelegt. Das ist aber schon lange her und ich muss zu meiner eigenen Schande gestehen, dass ich trotz meiner unzähligen Konzertbesuche bis dato, den mittlerweile in Nashville lebenden Briten nie live gesehen habe. Umso schöner, dass der Veranstalter Sparkassenpark Mönchengladbach, uns jetzt die Möglichkeit in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric HALLE dazu ermöglicht hat.

Zunächst konnte aber der britische Gitarrist und Songwriter Jack Broadbent für eine knappe halbe Stunde sich mit seinem eigenwilligen Stil, der sich überwiegend in Deltablues-Sphären bewegte, u. a. mit Tracks aus seinem aktuellen Werk „Ride“, als Alleinunterhalter der Audienz vorstellen.

Der als „New master of slide guitar“ gerufene Musiker wirbelte dabei wie von einer Tarantel gestochen mit einem  Flachmann auf dem Hals seiner Gitarre herum und erntete nach dem finalen Ray Charles-Cover-Stück „Hit The Road Jack“ den gebührenden Applaus für eine engagierte und sympathische Performance.

Während der kurzen Pause kam eine humorvolle Ansage an unsere Handy-infizierte Spezies, doch diese bitte nur im Rahmen der ersten drei Stücke zu benutzen und es dann auszuschalten. Dies führte zum Einen, dass am Anfang eine große Meute in Richtung Fotograben stürmte, aber von den Ordnern dann wieder schnell in die Schranken verwiesen wurde. Für diese wurde es dann natürlich auch ab Stück 4 zum reinsten Spießroutenlauf mit den immer wieder aufleuchtenden Displays, denn Respekt und eine gewisse Regelakzeptanz, scheinen sich in dieser Ego-Gesellschaft leider zu Fremdworten entwickelt zu haben.

Dazu hatte ich auch noch das Glück in kurzer Entfernung einen Besucher der Marke Wichtigtuer neben mir zu haben, der durch regelmäßige Zwischenrufe seine scheinbar mangelnde Aufmerksamkeit im bisherigen Leben, auf diese Art und Weise zu kompensieren versuchte.

Ansonsten stimmte aber alles an diesem Abend (Sound, Licht, Stimmung) und ich muss schon vorab konstituieren, dass dieses Konzert mit Abstand das absolute Jahreshighlight darstellte und auch in meiner persönlichen Alltime-Favorite-Liste sicherlich unter den ersten Zehn landen würde.

Im Gegensatz zum Gig von Joe Bonamassa vor gut einem halben Jahr an gleicher Stelle, präsentierte sich hier ein Protagonist, bei dem trotz seiner charismatischen Bühnenpräsenz das Kollektiv nie außer Acht gelassen wurde, sprich, sein ebenfalls hochkarätiges Begleitensemble, bestehend aus Nashville-Paradebassist Steve Mackey (der war übrigens bei beiden Konzerten die gemeinsame Schnittmenge), Drummer Dan Wojciechowski, Co-Gitarrist Adam Lester und dem überragenden Rob Arthur (keys, electric and acoustic guitar, vocals) wurde von seiner Seite deutlich der gebührende Respekt (musikalisch wie auch menschlich) gezollt.

Frampton, durch seine tückische fortschreitende Muskelerkrankung IBM deutlich gezeichnet, musste den Gig auf dem Stuhl sitzend vollziehen, demnach passten sich auch die anderen Musiker entsprechend an, lediglich Rob Arthur war durch das ständige Wechseln der Keys und zwischenzeitlich zu den Gitarren (da saß er dann auch wie die anderen) läuferisch unterwegs.

Zum Glück scheint die Motorik des mittlerweile über Siebzig-jährigen in Armen und Händen noch nicht entscheidend beeinträchtigt zu sein, Peter glänzte mit seinen unzähligen quirligen, aber auch sehr gefühlvollen Gitarreneinlagen, auch seine Stimme hat nichts von ihrer Markanz und Ausstrahlung verloren.

Apropos Stimme: Es gab natürlich vor so gut wie jedem Stück eine Anekdote aus seinen Glanzzeiten, da u. a. war von einem sondergefertigtem grünen Bob Ludwig-Drumkit und von einer bei einem Flugzeugcrash verloren geglaubten Les Paul-Gitarre die Rede, die über Ebay und andere wundersame Weisen wieder in Framptons Besitz gelangt sind (und an diesem Abend auch zum Einsatz kamen), Scheidung, Gitarrenkaufsucht, wilden Parties in seinem Haus in der Nähe der Abbey Road, wo an einem regnerischen Abend plötzlich ein wildfremdes Pärchen vor der Tür stand und für gleich drei Wochen am Stück um Unterkunft bat (daraus entstand „The Lodger“), zwei feuchtfröhlichen Wochen mit Alvin Lee und Gattin von drei geplanten auf den Bahamas, wo nichts ging, in denen aber eigentlich ein Album entstehen sollte oder wie man den Zorn von Panama-Diktator Manuel Noriega wegen eines gecanzelten Gigs auf sich zog und nur mit viel Glück aus dem Land entschwinden konnte. Alles natürlich in klarstem Gentleman-Englisch und mit jeder Menge eigenwilligem britischem Humor überliefert.

Klar, dass neben Sachen wie dem standesgemäßen Opener „Baby (Something’s Happening)“, „Lying“, „It’s A Plain Shame“, „All I Wanna Be Is By Your Side“, „I’ll Give You Money“, die alle ihre besonderen Momente hatten und zum Teil auch durch die große Leinwand im Hintergrund visuell sehr passend unterlegt wurden, die Hitstücke wie „Show Me The Way“, „Lines On My Face“, „Baby I Love Your Way“ oder „Do You Feel Like We Do“ (mit den bekannten Talkbox-Einlagen) im Fokus, aber auch das in einer starken Instrumentalversion gebrachte „Georgia On My Mind“ oder das Soundgarden-Cover „Black Hole Sun“ und die beiden Tracks aus Peters Humble Pie-Zeit, „4 Day Creep“ und „I Don’t Need No Doctor“, wussten absolut zu gefallen.

Als das Quintett dann am Ende noch eine Killerverson vom Beatles-Klassiker „While My Guitar Gently Weeps“ nachlegte, gab es kein Halten mehr auf den Stühlen. Mehrminütige Standing Ovations zogen den sichtlich bei der letzten Vorstellung seiner Europa-Tournee gerührten Vollblutmusiker nochmals zu seinem Mikro zurück und er bedankte sich bei allen Involvierten auf herzlichste Weise. Auch wenn man Frampton ansah, dass er realisierte, dass es vermutlich sein letzter Auftritt in Düsseldorf war, verabschiedete er sich doch mit einem optimistisch gestimmten „Never Say Never“.

Wir erwidern: „Alles Gute Peter Frampton, was immer da noch kommen mag! Danke für dieses grandiose Musikerlebnis!“

Line-up:
Peter Frampton (lead vocals, electric and acoustic guitar, talk box, percussion)
Steve Mackey (bass)
Rob Arthur (keys, electric and acoustic guitar, vocals)
Dan Wojciechowski (drums)
Adam Lester (electric and acoustic guitar, vocals)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

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