The Builders And The Butchers – Support: Dustin Hamman – 20.05.2026, Blue Shell, Köln – Konzertbericht

Ein geschätzter Kollege von mir ist quasi Stammgast im Kölner Blue Shell und schwärmt ständig von der Location sowie den dortigen Konzerten. Nun ergab sich mit dem Konzert von The Builders And The Butchers endlich mal eine passende Möglichkeit, mir selbst einen Eindruck zu verschaffen. Das stimmungsvolle Blue Shell bildet tatsächlich den perfekten Raum für handgemachte Musik und der Bandleader Ryan Sollee, der vor zwei Jahren wohl schon mal vor Ort war, freute sich, zurück zu sein.

Als Support brachte er seinen Freund Dustin Hamman mit. Der sympathische Songwriter wirkte auf angenehme Art etwas kauzig. So trat er in Socken auf und erzählte einen Traum, bei dem Grobi von der Sesamstraße eine zentrale Rolle spielte. Am Anfang wurde Hamman durch einen Scheinwerfer geblendet, was er mit Humor nahm. Abhilfe bot eine Sonnenbrille, die ihm aus dem Publikum gereicht wurde. Später griff er auf ein Käppi zurück.

Mit Titeln wie „Stoned“, „ Good Timin‘“, „Comfort“ und „Feelings“ zog Hamman das Publikum auf seine Seite. Bei „Ocean Bound“ sangen die Anwesenden dann auch bereitwillig den Refrain mit. Beeindruckend war, wie Hamman die Gelegenheit nutzte, den Sound einer Trompete zu imitieren, die auf der Studioversion (mit seinem Projekt Run On Sentence) zu hören ist.

Zum Abschluss des circa halbstündigen akustischen Sets holte er sich Unterstützung bei der Rhythmussection der Headliner – Justin Baier (Drums) und Willy Kunkle (Bass) – sowie dem Gitarristen Paul Seely. Hamman bot mit seiner abgenutzten Gitarre, die neben dem regulären ein weiteres Loch aufwies, einen lockeren und unterhaltsamen Einstieg in den Abend in bester Folk-Manier.

Line-up: Dustin Hamman
Dustin Hamman (Vocals, Guitar)
with
Justin Baier (Drums)
Willy Kunkle (Bass)
Paul Seely (Guitar)

Nach einer kurzen Pause kam dann Sollee mit seinen fünf Mannen auf die Bühne. Schlagartig wurde es nicht nur auf der Bühne voll, sondern auch vor ihr enger. Schon mit den ersten Tönen explodierte Sollee förmlich und legte – ständig in Bewegung – ein Tempo vor, das er bis zum Ende des Auftritts durchhielt. The Builders And The Butchers stiegen mit zwei hervorragenden Stücken ihres aktuellen Albums „No Tomorrow“ ein: „Raise My Son“ und „Blood/Death“. Später gab es noch mit „Mother Mary“, dem einzigen langsam gespielten Song, sowie mit „One Winged Bird“ Kostproben der Scheibe.

Im Anschluss an die beiden neuen Songs zum Auftakt ging die Reise mit „Devil Town“, „Strangers Blood“, „Redemption Sound“ und „Black Dresses“ weiter. Fehlen durften natürlich auch nicht „The Coal Mine Fall“ und „Hellfire Mountain“. Das Programm bot also einen Querschnitt durch das bisherige Schaffen von The Builders And The Butchers mit Schwerpunkten auf Songs des selbstbetitelten Debüt-Longplayers (2007) sowie seines Nachfolgers „Salvation Is A Deep Dark Well“ (2009).

Gegen Ende des Hauptsets begeisterte das sehr starke „Bottom Of The Lake“ und das mit kurzen Bemerkungen von Sollee eingeleiteten „Vampire Lake“. Nach meinem Eindruck wurden mehrere Titel im Vergleich zu den Studioaufnahmen etwas schneller gespielt. Besonderen Druck entwickelten die Songs, wenn sich Ray Rude von den Keys ans zweite Schlagzeug begab und gemeinsam mit Justin Baier die Stücke kräftig vorantrieb. The Builders And The Butchers ist es gelungen, auch live ihren eigenen Sound zu entwickeln, der sie von anderen Folkrock-Bands abhebt. Hervorzuheben waren die mehrstimmigen Gesangspassagen, die im Blue Shell voll zur Geltung kamen. Wenn Gitarrist Paul Seely, Bassist Willy Kunkle und Geiger Matthew Radtke gemeinsam mit Sollee einstimmten, wirkte es nicht nur akustisch wie eine Mauer, sondern auch optisch, da die Sänger auf der schmalen Bühne geschlossen zusammenstanden.

Das Versprechen, das Sollee im Vorfeld der Tour gab, die Leute zum Toben, Schwitzen und Bewegen zu bringen, löste er in Köln ohne Frage ein, wobei er selbst als Vorbild diente. Er nutzte den begrenzten Raum aktiv, wirbelte über die Bühne und verlies diese mehrmals, um ein Bad in der Menge zu nehmen. Unter den circa hundert Besuchern war eine große Anzahl eingefleischter Fans vertreten. So wurde mitgesungen, Biergläser erhoben und Damen auf den Schultern getragen. Das Blue Shell erlebte eine ausgelassene Rock-Party, die den Höhepunkt dann während der zwanzigminütigen Zugabe erlebte.

Zuvor handelten die Fans noch die Titel der verbleibenden Stücke mit dem Bandleader aus. Auf Wunsch spielten The Builders And The Butchers „Spanish Death Song“, bei dem Sollee seine akustische gegen eine elektrische Gitarre tauschte. Danach folgte „Barcelona“ und für den abschließenden Klassiker der Band „Bringin‘ Home The Rain“ wurde Dustin Hamman nochmal auf die Bühne geholt. Bei dem letzten Stück kochte die Stimmung im Saal dann endgültig über.

Das Sextett bescherte dem Publikum einen lauten, schweißtreibenden Abend, der mit der Sperrstunde zu Ende ging und sicherlich im Gedächtnis bleibt. Im Anschluss an das straight durchgespielte Set nahmen sich The Builders And The Butchers nach getaner Arbeit Zeit für einen gemütlichen Ausklang mit den Fans.

Beim Sichten der Fotos ist mir ein Aufkleber auf der Bassgitarre von Kunkle aufgefallen, der einen deutlichen Bezug zu Deutschland hat. Daraufhin war ich mir über die Bandbesetzung unsicher, zumal die Vorstellung der Mitglieder während des Konzerts unterging. Meine nachträgliche Anfrage beantwortete Sollee umgehend, was in Musikerkreisen nicht selbstverständlich ist. Dafür und für die problemlose Akkreditierung sei ihm hier herzlich gedankt.

Line-up: The Builders And The Butchers
Ryan Sollee (Lead Vocals, Guitars)
Justin Baier (Drums)
Willy Kunkle (Bass, Vocals)
Paul Seely (Electric Guitar, Vocals)
Matthew Radtke (Viola, Vocals)
Ray Rude (Keys, Drums)

Text und Bilder: Michael Segets

The Builders And The Butchers
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Blue Shell

Noah Derksen – Mercy On The Skyline – CD-Review

Mit dem neuen Album „Mercy On The Skyline“ von Noah Derksen lag mal wieder, wie so oft, für mich persönlich, nicht angefordertes neues ‚Musikland‘ in meinem Briefkasten. Da ich mit kanadischen Künstler eigentlich noch nie schlechte Erfahrungen gemacht habe und in der Trackliste auf der Rückseite beim Titelstück der Name Lori McKenna auftaucht, konnte da eigentlich auch diesmal kaum etwas schief gehen.

Und so ist es dann auch letztendlich eine sehr angenehme, gut austarierte Mischung aus vielen Genres wie Indie, Country, Folk, Rock und Pop. Aber wer ist dieser Noah Derksen überhaupt? Der aus Winnipeg stammende Singer/Songwriter hat seit 2015 schon eine ganze Reihe an Alben veröffentlicht. Finalist beim SiriusXM-Wettbewerb „Top of the Country“ und der Titel als „Canadian Folk Music’s Emerging Artist of the Year“ stehen bis dato als Karriere-Highlights in seiner Vita.

Aufgenommen wurde das neue Album live in einem Raum mit einigen der besten Musiker Winnipegs und unterstützt von vielen seiner langjährigen musikalischen Vorbilder wie Lori McKenna, May Erlewine und FONTINE.

Schon beim Opener „Are You Living Your Life“ fallen mir aber spontan die Landsleute The Bros. Landreth als sehr ähnliche Bezugsgröße ein. Die einfließende raue Slide-Gitarre gibt dem Song sogar eine dezente Southern-Note.

Im weiteren Verlauf geht es  dann bei den Sachen wie Gemeinschaft und alltägliche Lebenssituationen thematisierenden Tracks, bis auf die etwas peppiger gestalteten „Chuck Palahniuk“ und „Still Haven’t Figured It Out“ (mit ein bisschen U2-Flair) eher introvertiert und melancholisch zu, ohne aber dass Langweile einzukehren droht.

Als meine Lieblingstücke in einem durchgängig hörenswerten Silberling entpuppen sich das mit einer simplen, aber sehr effektiven E-Gitarren-Hook und einem gluckernden E-Piano umgarnte „Walking Home„, bei dem die Künstler-Kollegin FONTINE auch schöne Harmoniegesänge einfließen lässt. Ein echter Ohrwurm.  Das absolute Highlight beginnt allerdings, wenn beim Titelsong „Mercy On The Skyline“ Lori McKenna mit ihrem betörenden Gesang im Duett mit Noah zu einer grandiosen Einheit verschmilzt. Gänsehautmomente inbegriffen!

Herrlich auch die mit exzellenten weiblichen Backgroundgesängen und entspannter E-Gitarre  verzierte Country Rock-Ballade „What Lights Up Your Dark“ (wieder Richtung Bros. Landreth).

Noah Derkson gelingt aus meiner Sicht mit „Mercy On The Skyline“ eine der voraussichtlich großen Überraschungen dieses Jahres. Sollte er, wie geplant, im November hier in Bochum mit diesem Werk vorstellig werden, wäre ein Besuch samt Bericht sicher mehr als überlegenswert.

Eigenproduktion (2026 )
Stil: Indie / Rock / Pop /Folk / Country

Tracks:
01. Are You Living Your Life
02. Chuck Palahniuk
03. Walking Home
04. Who Do You Wanna Be
05. Nothing Goes Your Way
06. Mercy On The Skyline
07. Lover I’m Gonna Miss You
08. What Lights Up Your Dark
09. Still Haven’t Figured It Out
10. My Mother’s Voice

Noah Derksen
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Rola Music

Todd Thibaud – Alchemy – CD-Review

Review: Michael Segets

Auf seiner jüngst beendeten Tour durch Deutschland stellte Todd Thibaud sein aktuelles Album „Alchemy” vor, das nun offiziell erscheint. Mit der Band, die ihn auf der Reise begleitete, spielte Thibaud auch seine zehn frischen Eigenkompositionen ein: Thomas Juliano, Sean Staples, Ed Valauskas und Chris Anzalone. Im Studio unterstützten beim Backgroundgesang Bill Guerra, Janice Tsai und August Valauskas. Daniel berichtete begeistert von dem Konzert im Essener JuBB und dem dortigen Vorgeschmack auf den neuen Longplayer. Um es kurz zu sagen: Auf Thibaud ist Verlass – sowohl bei der Qualität der Konzerte als auch bei der seiner Studiowerke.

Vor allem präsentiert sich Thibaud auf „Alchemy“ so rockig wie lange nicht mehr. Seine vorangegangene CD „Hill West“ (2019) verlief in eher ruhigen Bahnen, ebenso wie seine Projekte mit Kim Taylor (Water And Sand) oder Hardpan. Unbestritten ist Thibauds Qualität als Songwriter, die beispielsweise auch die akustischen Versionen seiner Stücke verdeutlichen, die er während der Pandemie aufnahm. (Tipp: Vierzig „Songs From The Couch“ sind zurzeit auf seiner Website als Free Download erhältlich.) Auf dem neuen Longplayer findet sich mit „Wait For Me“ lediglich ein langsameres Stück, das dramaturgisch richtig, in der Mitte platziert ist.

Thibaud bringt mit „Alchemy“ also sein Rockerherz wieder zum Vorschein, das seit „Waterfall“ (2013) in den Hintergrund trat. Auf „Fight Or Flight“ und „Savior“ schallen kräftige Gitarrenriffs aus den Lautsprechern. Die Rhythmussektion treibt „Follow“ und „Alchemists“ ordentlich voran. Piano und Wurlitzer verstärken gelegentlich den Sound. Auf „Farewell, So Long“ kommen darüber hinaus Pump Organ und Chamberlin zum Einsatz. Die Zutaten des Genres beherrscht der in Boston lebende Musiker immer noch aus dem Effeff.

Neben gradlinigen Uptempo-Titeln („Heaven’s On The Move“) finden sich auch Tracks, die gekonnt mit Spannungskurven arbeiten („Burn“). Alle Stücke bleiben melodiös und sind auf den Punkt gespielt. Thibauds angenehme, beinah schon samtige Stimme wird an den richtigen Stellen durch Harmoniegesang – meist bei den ins Ohr gehenden Refrains – ergänzt. Dieser kommt auf dem rhythmisch auffälligen „Good Things Now“ besonders zur Geltung. Der mit dezentem Banjo-Spiel verzierte Song versprüht nahezu karibisches Flair und sticht damit unter den anderen Titeln hervor.

Ein Highlight stellt sicherlich „Mother Comfort“ dar, das schon Daniel bei seinem Konzertbesuch begeisterte. Das Andenken an seine Mutter verpackt Thibaud in einen wunderbar runden, guitardriven Power-Pop-Rock-Song. Bei den Lyrics anderer Stücke schlägt er manchmal politische und sozialkritische Töne an, die ich bei seinen früheren Veröffentlichungen nicht in dem Maße erinnere. Für das Mitlesen der Texte liegt dem klappbaren Digipack ein Booklet bei, was ja leider keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Nachdem Todd Thibaud auf seinen Veröffentlichungen und kollaborativen Projekten der letzten Dekade seiner Affinität zum Rock wenig Raum gegeben hat, ändert er dies nun mit „Alchemy“ auf beeindruckende Weise. Thibaud erweist sich nach der Pause im Bereich der straight vorwärtsgehenden Töne erneut als Meister seines Fachs, das sich eben nicht auf sanfte Balladen beschränkt.

Noch ein Tipp: Wer bereut, dass er Thibaud auf seiner „Farewell“-Tour nicht erlebt hat, kann sich zumindest mit den Live-Alben trösten. Auf der Website seines langjährigen Labels sind noch Mitschnitte im Rahmen der Official Blue Rose Bootleg Series als CD oder als CD/DVD erhältlich.

Hill West Music/Blue Rose Records (2026)
Stil: Rock

Tracks:
01. Follow
02. Fight Or Flight
03. Burn
04. Farewell, So Long
05. Wait For Me
06. Alchemists
07. Savior
08. Good Things Now
09. Mother Comfort
10. Heaven’s On The Move

Todd Thibaud
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Bluerose Records

49 Winchester – Change Of Plans – CD-Review

Ich besitze ein T-Shirt von Blackberry Smoke, wo auf der Rückseite der Slogan ‚Too Rock for Country, Too Country For Rock‘ als Charakteristikum der Band platziert ist und bei dem gleichzeitig auch so treffend das Erfolgsrezept von Charlie Starr & Co. beschrieben wird.

Eine Gruppe, die sich mit zunehmender Dauer ebenfalls dieser Attitüden bedient und im gleichen musikalischen Fahrwasser mitschwimmt, ist 49 Winchester.  Die Truppe um Bandleader Isaac Gibson, samt Bus Shelton (Leadgitarre), Chase Chafin (Bass), Noah Patrick (Pedal Steel), Tim Hall (Keys) und Justin Louthian (Schlagzeug), bringt jetzt mit „Change Of Plans“ ihr bereits sechstes Album auf den Markt.

Produziert hat es kein geringerer als der GRAMMY-prämierte Dave Cobb (Chris Stapleton, Sturgill Simpson) innerhalb von nur acht Tagen in seinem Aufnahmestudio in Savannah, Georgia. Der auf dem Werk enthaltene Track „Oh Savannah„, geschrieben von Frontmann Isaac Gibson gemeinsam mit Jessie Jo Dillon und Chris Tompkins, ist quasi eine Inspiration der Band während der Aufnahmen mit Cobb.

Das Lied folgt als dritte Single, nachdem man zuvor bereits die beiden Stücke „Slowly“ und das ein wenig an „Can’t You See“ erinnernde „Pardon Me ins Rennen gesendet hatte. Auffällig auf dem neuen Silberling sind die dezent eingebundenen Prog- und Classic Rock-Ingredienzien (ohne dabei ihr charakteristisches Storytelling zu vernachlässigen), die man bei Liedern wie „Bluebird“, der tollen Black Sabbath-Adaption „Changes“, oder auch beim furiosen, fast theatralischen Abschluss „Heavy Chevy“ entdeckt.

Weitere Highlights sind das roots-rockige „All Over Again“ (mit packenden atmosphärischen Tempowechseln)  oder der Southern-Countryheuler im Stile der Charlie Daniels Band,“Bringin‘ Home The Bacon“, mit integriertem Billy Power-Gedächtnis-HT-Geklimper. 

Mit „Change Of Plans“ fügt das Sextett aus Virginia einen weiteren kreativen Höhepunkt in ihr Portfolio, der Rohheit mit Raffinesse samt den Themen wie Wandel, Reife und Ausdauer ineinander fließen lässt.

„Wir haben das alles aus dem Nichts aufgebaut… und indem wir dieser Haltung treu geblieben sind, fühlt es sich jetzt endlich an, als wäre es unsere Zeit“, so Isaac Gibson zur Entwicklung der Gruppe. Womit er zweifellos eindeutig Recht hat!

New West Records / MCA (2026)
Stil: Southern Rock, New Country

Tracks:
01. The Window
02. Bluebird
03. Changes
04. All Around Me
05. Slowly
06. All Over Again
07. Oh Savannah
08. Bringin‘ Home The Bacon
09. Pardon Me
10. Heavy Chevy

49 Winchester
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Lime Tree Music

Ryan Bingham And The Texas Gentlemen – They Call Us The Lucky Ones – CD-Review

Review: Michael Segets

Da ist er nun, der heiße Anwärter auf das Album des Jahres: Ryan Bingham and The Texas Gentlemen veröffentlichen mit „They Call Us The Lucky Ones” einen erstklassigen Longplayer. Nach seinen Ausflügen in die Schauspielerei („Yellowstone“) und seinem Solo-Projekt „Watch Out For The Wolf“ entdeckte Bingham seine Leidenschaft für das Musizieren im Kreise seiner Band wieder. Ein erstes Zeugnis davon legt sein Auftritt mit den Texas Gentlemen im Red Rocks Amphitheatre ab. Nun hat er elf neue Songs am Start, mit denen er das Roots Rock- und Americana-Herz ins Schwarze trifft.

Die Spielfreude der Band schwappt bei „I Got A Feelin‘“ oder „I’m A Goin‘ Nowhere“ über, bei denen die lockere Atmosphäre im Studio sowie der Spaß bei den Aufnahmen zu erahnen sind. Auf „Ballad Of The Texas Gentlemen“ feiert sich die Truppe quasi selbst. The Texas Gentlemen Ryan Ake, Daniel Creamer, Paul Grass und Scott Lee erhalten durch Richard Bowden (Geige, Mandoline) sowie Cody Huggins (Gitarren, Pedal Steel) auf dem Album durchgehend Unterstützung.

Huggins schrieb auch den Titeltrack und greift dort zur 12-String. „The Lucky Ones“ besticht durch einen klasse Refrain. Bingham hat bei seinen zehn Eigenkompositionen ebenfalls ein Händchen für Songstrukturen, die einen hohen Wiedererkennungswert aufweisen. Gelegentlich setzt er dabei auf einen mehrstimmigen Chorus („Blue Skies“, „I’m A Goin‘ Nowhere“). Die Qualität des Storytelling kommt bei den langsamen Beiträge besonders zur Geltung. „Cocaine Charly“ schildert beispielsweise das Schicksal eines Dealers, der von seiner Frau verraten und erschossen wird. Jede Sekunde der fast siebenminütigen murder ballad fesselt.

Die musikalischen Arrangement variieren, sodass jeder Beitrag sich von den anderen abhebt. Mundharmonika und Mandoline würzen „Twist The Knive“. Beim sanften Ghost Track „Twiglight“ reduziert sich die Begleitung auf ein Klavier. Daniel Creamer hämmert beim kantigen „Let The Big Dog Eat“ kräftig auf seine Keys. „Relevance“ legt ein galoppierendes Uptempo vor. Egal ob ruhigere Töne angestimmt werden oder die Fahrt in Richtung Rock geht: die Stücke überzeugen. Da Overdubs auf ein Minimum reduziert wurden, klingen die Aufnahmen rau und authentisch.

Einen einzelnen Ausritt in den Country unternimmt Bingham mit „Americana“. Der Titel entpuppt sich als eine bittere Abrechnung mit der amerikanischen Mentalität. Bei den Texten anderer Songs klingen ebenfalls gesellschaftskritische Töne an. Zumal es in der Welt nicht so rosig zugeht, propagiert Bingham die Liebe und die Lebensfreude an den kleineren Dingen.

Die Musikwelt darf sich glücklich schätzen, dass sie in den Genuss von „They Call Us The Lucky Ones” kommt. Ryan Bingham And The Texas Gentlemen haben ein vielseitiges und vielschichtiges Album geschaffen, das Americana und Roots Rock der authentischen Sorte bietet.

The Bingham Recording Company/Thirty Tigers – Open (2026)
Stil: Americana, Roots Rock

Tracks:
01. The Lucky Ones
02. Let The Big Dog Eat
03. I Got A Feelin’
04. Twist The Knife
05. Americana
06. Cocaine Charlie
07. Blue Skies
08. Relevance
09. The Ballad Of The Texas Gentlemen
10. I’m A Goin’ Nowhere
11. Twilight (Ghost Track)

Ryan Bingham
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Kiefer Sutherland – 09.05.2026, Live Music Hall, Köln – Konzertbericht

Puh, wie die Zeit vergeht. 3 1/2 Jahre ist es schon wieder her, als ich Kiefer Sutherland zuletzt bei einem Konzert in Köln erlebt habe, damals im größeren Carlswerk. Jetzt hatte er sich im Rahmen der Promotion für sein neues Album „Grey“, das am 29. Mai veröffentlicht wird, zu einer Europa-Tour angesagt, bei der Deutschland viermal bedacht wurde.

Der Gig in der Kölner Live Music Hall bildete davon gestern den Abschluss. Zunächst hatte aber der Ire Colin Andrew, aus dem County Kerry stammend, die Gelegenheit, sich einem größeren Publikum zu präsentieren. Iren sind ja hier bei uns eine beliebte Spezies. Andrew, der Sutherland auch 2024 schonmal sporadisch supportete, hatte mit seinem Charme und humorvollen Auftreten, keine Probleme, das Publikum auf seine Seite zu ziehen.

Das gelang ihm in der Anfangsphase ganz schnell mit einer guten Coverversion des Prince-Klassikers „Purple Rain“. Aus dem eigenen Portfolio blieb in den insgesamt kurzweiligen 30 Minuten noch das abschließende „Still Waiting“ hängen. Der Bursche kam beim Publikum in der Domstadt gut an.

Eine halbe Stunde später pünktlich um 20:00 Uhr betrat der kanadische Protagonist Kiefer Sutherland, vielen bei uns hier eher als Schauspieler bekannt, als Part seines für die Europa-Tour zusammengestellten Quintetts, unter großem Applaus die Bühne.

Mit den Brüdern Ash und Phil Wilson sowie Roger Inniss hatte er gleich drei Musiker, die ich auch schon entweder in eigener Sache (Ash Wilson Trio) oder in Begleitung von Interpreten wie Sari Schorr, Tasha Taylor oder beim Blues Caravan in kleinerer Umgebung kennengelernt hatte und die zum Teil auch in unserer VIP-Galerie ihren Platz haben.

Für den Country-Touch in seinen Songs sorgte der amerikanische Multi-Instrumentalist CJ Hillman oder auch besser bekannt als Chris Hillman. Sutherland bot den von ihm typisch zelebrierten Americana-Sound in Stile der großen amerikanischen Rock-Poeten a là Springsteen, Petty & Co. mit schönen Ausflügen in Country-, Southern- und Pop-Rock-Gefilde.

Das sympathische an ihm ist sein sehr natürliches Benehmen und Erscheinungsbild, die aufgesetzte und affektierte Art vieler prominenter Persönlichkeiten seines Kalibers liegt ihm offensichtlich fern.

Dem Southern Rock-Passionisten ging natürlich bei der Coverversion des Marshall Tucker-Evergreens „Can’t You See“ das Herz auf, der hier mit 3er-E-Gitarren-Besatz in einer sehr rockigen Version modifiziert wurde.

Das neue Werk „Grey“ wurde mit den Stücken „Down Below“ (Opener), „Goodbye California“, „Come Back Down“, „American Farmer“ (in Protestsong-Manier der Marke Dylan),“Simpler Time“ und „Starlight“ (letzte Zugabe mit epischem E-Gitarren-Solo von Ash Wilson) mehr als ordentlich bemustert. Dazu kam noch mit „Love Will Bring You Home“ (geschrieben von Kiefer zusammen mit Ash Wilson) ein bis dato unveröffentlichter fluffiger und melodischer Track hinzu, der auch als Namensgeber der Tour fungiert.

Shuffliges Bakersfield-Flair verströmte das countryeske „This Is How It’s Done“, „Down In A Hole“ bot heftigen Stampf-Rock. Das southern-soulige „Friday Night“ begeisterte auch an einem Samstag-Abend, ein Highlight. Der Tex-Mex-Schunkler „Agave“ bot einen launigen Abschluss eines durchweg gelungenen und sehr abwechslungsreichen Hauptteils.

Im Zugabenbereich hatten Kiefer & Co. neben dem bereits erwähnten „Starlight“ vom neuen Silberling, mit dem Phil Collins Welthit „In The Air Tonight“ noch ein echtes Überraschungsbonbon in petto, bei dem es Phil Wilson dann im berühmten Drum Bridge krachen lassen durfte.

Für Kiefer Sutherland und seine Truppe geht es jetzt nach einem kurzen Abstecher in Belgien bis Ende Mai weiter nach UK, wo Inniss und die Wilsosn dann Heimspiele haben.

Line-up:
Kiefer Sutherland (lead vocals, electric guitar)
Chris Hillman (electric guitar, pedal steel)
Ashley Wilson (electric guitar)
Roger Inniss (bass)
Phil Wilson (drums)

Text und Bilder: Daniel Daus

Kiefer Sutherland
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Colin Andrew
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Motion
Live Music Hall, Köln

Amy Grant – The Me That Remains – CD-Review

Review: Michael Segets

Lange hat man nichts mehr von Amy Grant gehört. Vor zehn Jahren gab es noch ein Weihnachtsalbum, dann war bis „The Me That Remains“ weitgehend Funkstille. Nach schweren gesundheitlichen Problemen, unter anderem aufgrund eines Unfalls, verschoben sich die Prioritäten. Die sechsfache Grammy-Preisträgerin kann es nach fünfzig Jahren im Musikgeschäft etwas ruhiger angehen. Als Teenager stieg Grant mit christlicher Musik ein, bevor sie über diese Sparte hinaus Bekanntheit erlangte. Sie erzielte vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika Millionenverkäufe im zweistelligen Bereich.

Ihre religiöse Überzeugung kommt bei „Beautiful Lone Companion“ sehr deutlich zum Ausdruck und auch bei anderen Titeln („Please Don’t Make Me Beg“, „(Nothing Like A) Sunny Day“) spielt diese bei einzelnen Textzeilen hinein. Die überwiegende Zahl der zehn Eigenkompositionen wendet sich aber anderen Themen zu, die für die Songwriterin biographisch bedeutsam sind. Die Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit („The Other Side Of Goodbye“) oder die Frage nach Identität und Veränderung („The Me That Remains“), die sich Grant nach ihrem Unfall stellte, berühren dabei das Allgemeinmenschliche ebenso wie die Krisen in Beziehungen („‘Til We Get It Right“) oder die Dankbarkeit für Freundschaften („Friend Like You“).

Das Coverartwork wurde von Wayne Brezinka gestaltet. Die Collage zeigt Gegenstände und Dokumente von Grants (Familien-) Geschichte. Das Bild spiegelt damit Elemente wider, die wohl das ausmachen, was ihr Leben prägte. Mit dem Alter wechselt die Perspektive auf die eigene Person und das Selbstverständnis wandelt sich, wie Grant in einem Interview formuliert:„Je älter ich werde, desto bewusster wird mir, dass wir alle lange genug leben, um zu sehen, wie verschiedene Versionen von uns selbst sterben.“

Musikalisch verfolgt Grant zusammen mit dem Produzenten Mac McAnally ein Konzept, das sich an der Singer-Songwriter-Tradition orientiert. Die proklamierte Reduktion des Sounds erweist sich in der Umsetzung als relativ. Grant hat stets eine verlässliche Band im Rücken, sodass das Album nicht minimalistisch wirkt. Die Songs sind zweifellos gut komponiert und performt. Für meinen Geschmack erscheinen die Arrangements insgesamt etwas zu glatt, sodass es keine großen Überraschungen gibt, die aufhorchen lassen.

Grant steigt mit „The 6th Of January (Yasgur’s Farm)” ein, bei dem sie den Geist von Woodstock beschwört. Nach dem dynamischen Duett mit Ruby Amanfu „How Do We Get There From Here“ folgt die runde Midtempo-Nummer „Please Don’t Make Me Beg“. Weniger überzeugt „The Saint“, bei dem mich das leblos wirkende Schlagzeug stört. Nicht zuletzt dadurch bekommt das Stück einen deutlichen Einschlag in Richtung Pop.

Gelungener sind wiederrum die beiden Balladen „Beautiful Lone Companion“ sowie „The Me That Remains”, die haupsächlich durch ein Klavier begleitet werden und in Gänze zurückhaltender instrumentiert erscheinen. Aus dem Gesamtkonzept fallen „‘Til We Get It Right“ sowie „(Nothing Like A) Sunny Day“ heraus. Hier unternimmt Grant Ausflüge in poppige Spielarten des Soul und Reggae. Bei den letzten beiden Tracks holt sie sich nochmal Unterstützung durch Gastsänger:innen. Vince Gill singt bei „Friend Like You“ mit, Sarah Cannon und Corrina Gill bei „The Other Side Of Goodbye“.

Grant definiert sich mit „The Me That Remains” nicht grundsätzlich neu, sodass sie mit dem aktuellen Werk wahrscheinlich an ihre früheren Erfolge anknüpft. Das Mainstream-taugliche Album ist professionell arrangiert, wobei nichts dem Zufall überlassen wurde. Die Eingängigkeit – um nicht Gefälligkeit zu sagen – geht tendenziell auf Kosten der Intensität. So hätten die Songs ihr Potential durch eine stringent reduzierte Produktion weiter ausschöpfen können. Dennoch erweist sich Grant mit ihren Texten und Kompositionen als ernstzunehmende Singer/Songwriterin.

Amy Grant Productions – Thirty Tigers/Open (2026)
Stil: Singer/Songwriter

Tracks:
01. The 6th Of January (Yasgur’s Farm)
02. How Do We Get There From Here (feat. Ruby Amanfu)
03. Please Don’t Make Me Beg
04. The Saint
05. Beautiful Lone Companion
06. The Me That Remains
07. ‘Til We Get It Right
08. (Nothing Like A) Sunny Day
09. Friend Like You (with Vince Gill)
10. The Other Side Of Goodbye (with Sarah Cannon & Corrina Gill)

Amy Grant
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Kacey Musgraves – Middle of Nowhere – CD-Review

Die Karriere der Singer/Songwriterin Kacey Musgraves ist seit ihrem Debüt „Same Trailer Different Park“ im Jahr 2013 eine einzige Erfolgsgeschichte. Jeder bisher veröffentlichte Longplayer  landete auf Platz 1 der Country Billboard Charts.

Seither hagelte es acht Grammys  (u. a. das Album des Jahres für „Golden Hour“) und vielfache weitere Auszeichnungen in diversen Rubriken für die humorvolle und sympathische Texanerin. Sie stammt ja aus einer Kleinstadt mitten im Nichts des Lonestar States und auch beziehungstechnisch schien es wohl in letzter Zeit nicht rund gelaufen zu sein. Somit erscheint der Titel ihres neuen Werkes „Middle of Nowhere“ auch in metaphorischer Hinsicht eine aktuelle und treffende Beschreibung des Istzustandes, den es hier aufzuarbeiten galt.

Und es ist ihr mit Brillanz gelungen, natürlich auch, weil hier nichts dem Zufall überlassen wurde. In der Zusammenarbeit beim Songwriting und der glasklaren Produktion wurde mit Leuten wie u. a. Daniel Tashian und Ian Fitchuk wieder auf Altbewährtes gesetzt. Zusätzliche Glanz verbreiten Gastpräsenzen von Künstlern wie Willie Nelson, Miranda Lambert, Billy Strings und Gregory Alan Isakov.

Die neuen Songs bestechen durch ihre Simplizität bei maximaler Effektivität. Das sind alles wunderbar ‚leichtfüßige‘ Melodien, arrangiert mit lockeren, transparent ausgesteuerten Akustik- und E-Gitarren, sowie typischen Steeleinlagen für das Countrylabel. Die Drums, sporadisch immer wieder  loopähnlich eingesetzt, geben Tracks wie „Dry Spell„, „Back On The Wagon“, „I Believe In Ghosts“, Loneliest Girl In The World“, „Everybody Wants To Be A Cowboy“, „Rhinestoned“ oder „Mexico Honey“ dieses radiotaugliche Esprit, das natürlich von Musgraves‘ betörender Stimme den endgültigen Kick enthält. Einfach zum Dahinfließen.

Und für die Traditionalisten sorgen atmosphärischen Lieder mit Western Touch wie „Abilene“ und „Coyote“, als auch humorvolle Schunkler der Marke „Horses and Divorces“ (allein schon der Titel ist klasse) und „Uncertain, TX“ (beide mit integrierten Akkordeonklängen) für das entsprechende Gegengewicht. Am Ende ist es der Protagonistin gegönnt, bei „Hell On Me“ die gescheiterte Beziehung unter schmerzvollem Gesang zu reflektieren.

Mit dem neuen Album „Middle of Nowhere“ (das Coverbild wurde übrigens von Kaceys Schwester fotografiert)  sollte es zumindest in beruflicher Hinsicht wieder vollauf ins Rampenlicht gehen. Eine erneute Top-Platzierung in den Charts liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Und vielleicht klappt es dann ja auch wieder mit der Liebe. Die Liste der Verehrer dürfte sehr sehr lang sein…

Lost Highway Records (2026)
Stil: New Country

01. Middle of Nowhere
02. Dry Spell
03. Back On The Wagon
04. I Believe In Ghosts
05. Abilene
06. Coyote
07. Loneliest Girl In The World
08. Everybody Wants To Be A Cowboy
09. Horses and Divorces
10. Uncertain, TX
11. Rhinestoned
12. Mexico Honey
13. Hell On Me

Kacey Musgraves
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Universal Music

Todd Thibaud Band – 28.04.2026, JuBB, Essen-Werden – Konzertbericht

Im Americana-/Roots Rock-Bereich ist in unserem Magazin ja mittlerweile der geschätzte Kollege Michael Segets federführend, allerdings habe ich hier auch meine Kenntnisse, Erfahrungen und Präferenzen.

Todd Thibaud steht dabei schon seit vielen Jahren/Dekaden ganz oben, den ich in verschiedensten Konstellationen live mehrfach gesehen habe, wie mit seiner eigenen Band, Hardpan oder auch im Verbund mit Joseph Parsons.

In den letzten Jahren habe ich ihn, selbstverschuldet oder nicht, ein wenig aus den Augen verloren und nur eine CD-Besprechung im Rahmen seines weiteren Projekts, Water And Sand, zur Kenntnis genommen.

Da passte es momentan hervorragend, dass er diesmal (wieder unter eigenem ‚Label‘ mit Band) im beschaulichen, direkt an der Ruhr gelegenen Essen-Werden, nur knapp zwanzig Minuten von meiner Arbeitsstelle im Essener Zentrum, im dortigen Jugend- und Bürger Zentrum (JuBB) nochmals vorstellig wurde.

Der Macher der Location, Gerd Dubiel, sorgte für eine spontane und unkomplizierte Akkreditierung, obwohl das Konzert bereits restlos ausverkauft war (vielen Dank dafür nochmals nachträglich).

Todd Thibaud sah nach den vielen Jahren eigentlich aus wie in Erinnerung. Körperlich gut in Schuss, nicht ein Haar ergraut oder ausgefallen, lol. Er bediente eine Rickenbacker im Rahmen des Rhythmusgitarrenspiels und hatte naturgemäß die Centerposition am Mikro in Sachen Lead vocals inne. Auch seine beiden etatmäßigen Mitstreiter Robert Juliano (der leistete die quirlige E-Gitarren-Soloarbeit an der gewohnten Telecaster und Harmoniegesänge) und Sean Staples (Rhythmusgitarre und die zirpende Mandoline, Harmoniegesänge) wirkten wie unverändert.

Die routinierte Rhythmusfraktion bestehend aus Chris Anzalone an den Drums und Ed Valauskas am Bass (auch Harmoniegesänge), die auch auf Thibauds neuem Album „Alchemy“ mit dabei sind, bildeten das gewohnt gute Fundament bei Thibaud-Auftritten.

Das neue Werk, das offiziell erst am 22. Mai erscheinen wird, stand natürlich mit vielen Tracks (u. a. „Follow“, „Fight Or Flight“, „Farewell So Long“, „Good Things Now“, „Alchemists“ „Saviour und „Heaven’s On The Move“), die beide gespielte Sets durchzogen, dann auch im Mittelpunkt.

Auffallend der recht rockige Charakter der neuen Stücke (herrlich vor allem das seiner verstorbenen Mutter gewidmete „Mother Comfort“,  das mit ein Highlight war). Die Thibaud-typischen balladesken Momente, die man natürlich auch nicht missen möchte, wurden älteren Tracks überlassen wie z. B. einem meiner Alltime Favorites „Louisiana“ oder „Anywhere“. Weitere Klassiker wie „Long Way Down“ (im Andenken an Chris Burroughs) oder „Is It Love“ durften natürlich nicht fehlen.

Am Ende betonte Todd wie sehr er sich doch in unseren Landen über die knapp dreißig Jahre hinweg immer wohlgefühlt hat und bedankte sich ganz herzlich bei seinen Live-Supportern im Saal. Seine Empathie mit dem Publikum unterstrich er dann auch mit gleich drei Zugaben, wie u. a. der fast in Black Crowes-Manier rockende Stones-Hit „Tumbling Dice“ und „4th of July“.

Ein, wie immer,  toller Abend mit Todd Thibaud mit seinen Mannen und man kann nur hoffen, dass das ‚Farewell‘-Motto, das über der weiterführenden Tour schwebt, nicht das letzte Wort ist und gegebenenfalls nochmal überdacht wird. Unsere Arme werden jedenfalls weiter offen gehalten sein!

Line-up:
Todd Thibaud – lead vocals, electric guitar
Thomas Juliano – electric guitar, bgv
Sean Staples – mandolin, electric guitar, bgv
Ed Valauskas – bass, bgv
Chris Anzalone – drums

Text und Bilder: Daniel Daus

Todd Thibaud
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Blue Rose Records
Jugend- und Bürgerzentrum, Essen-Werden

Krissy Matthews & The Vikings – Rock And Roll Soldier – CD-Review

Review: Hans-Joachim Kästle

Es ist ja schön, wenn Kinder früh mit Musik und Instrumenten in Berührung kommen. Wenn Krissy Matthews in seiner Biographie allerdings schreibt, er sei als Dreijähriger mit seinem Vater beim Roy-Orbison-Hit „Pretty Woman“ auf der Bühne gestanden, kann man sich schon fragen, was Little Krissy da wohl hat gemacht hat. Sei’s drum.

30 Jahre später ist der britisch-norwegische Gitarrist ein angesehenes Mitglied der Blues Rock-Szene. Er gehört zum Stammpersonal der Hamburg Blues Band und war auch schon mit Layla Zoe auf Tournee. Auf der CD „Krissy Matthews & Friends“ von 2024 hat er sich mit zahlreichen Mitmusikern umgeben, wobei „Ain’t Got No Troubles On The Road“ mit Chris Farlowe sicher ein Höhepunkt war.

Auch sein neues Werk, aufgenommen mit seinen norwegischen Weggefährten Trond Hansen (Bass) und Kare Amundsen (Schlagzeug), weist etliche Gäste auf. Dabei dürfte der amerikanische Gitarrist Tommy Castro, flotte 71 Jahre alt und seit Jahrzehnten im Geschäft, wohl der renommierteste sein. Wenn’s um Krissy Matthews geht, fällt gern mal der Begriff Hansdampf in allen Gassen. Beim rauen, ungeschliffenen Titelsong „Rock ’n‘ Soldier, der anders geschrieben wird als auf dem Cover, lässt der Hans gleich mal mächtig Dampf ab (sorry, das konnten wir uns jetzt nicht verkneifen).

Weiter geht’s mit dem „44 Blues“, im Original ein Piano-Blues von Roosevelt Sykes aus dem Jahr 1929, dem Matthews ein treibendes Blues-Rock-Gewand verpasst hat. Wenn man so will, ersetzt Will Wilde mit seinem kernigen Mundharmonikaspiel das Piano. Stark! Mit dem Cover „Fell In Love With A Girl“ von den White Stripes vollzieht Krissy eine Art Kehrwende. Tora Daa säuselt geradezu lieblich ins Mikro, ehe sich Matthews mit seinem Gesang und der Gitarre einmischt und die Sache geraderückt.

Später gibt’s denselben Song noch einmal. Nur hatte Joss Stone 2003 in ihrer Version aus dem „Girl“ einen „Boy“ gemacht. Jetzt hat Silje Hagen den Gesangspart mit einem kräftigen Schuss Soul in der Stimme übernommen.

Der „Pharao Blues“ ist ein kraftvoller Blues Rocker mit Tommy Castro an der zweiten Gitarre nach dem Motto: Zuerst spielt der eine ein Solo, dann der andere – danach geht’s von vorn los, und Stina Stenerud mischt als Sängerin auch noch mit.

Songs mit einem „Catfish“ im Titel gibt es einige. So alt wie der, den
Matthews & The Vikings interpretieren, dürfte keiner sein. Das Original, ein akustischer One-Man-Blues von Robert Petway, stammt aus dem Jahr 1941. Die kürzeste Beschreibung für Krissys Version: Gitarre satt. Die CD beschließt „Sjitfest“, ein Gitarren-Boogie mit Hans Theessink als Gast. Dazwischen gibt’s mit „Mormor“ auch mal einen Rock ’n‘ Roll alter Schule.

Ruf Records (2026)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. Rock ’n‘ Roll Soldier
02. 44 Blues
03. Fell In Love With A Girl
04. Pharo Blues
05. Teasin‘ Times
06. Tore Hund
07. Fell In Love With A Boy
08. Mormor
09. Catfish
10. Sjitfest

Krissy Matthews
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