Tom Petty – Wildflowers & All The Rest – CD-Review

Review: Michael Segets

Wie die Zeit vergeht! Nun ist es ziemlich genau drei Jahre her, als Tom Petty kurz vor seinem 67. Geburtstag überraschend verstarb. Auch wenn dieses traurige Ereignis bislang kein Tribute-Album nach sich zog, ehrten doch etliche Musiker die Rock-Ikone, indem sie deren Stücke coverten oder wie Shiregreen oder Reckless Kelly eine persönliche Hommage in eigene Songs kleideten.

Tom Pettys Musik beeinflusst noch heute viele – auch jüngere – Bands. Nicht umsonst wird er vom Rolling Stone sowohl als Musiker als auch als Songwriter unter den besten 100 geführt. Mit seiner Band The Heartbreakers ist er in der Rock And Roll Hall Of Fame verewigt. Pettys Platten haben vielfach Gold- und Platinstatus erreicht. Erfolge feierte er auch zusammen mit Bob Dylan, Jeff Lynne, George Harrison und Roy Orbison als Traveling Wilburys. Eine Freundschaft verband ihn mit Johnny Cash, auf dessen American Recordings er mitwirkte, und mit Stevie Nicks, mit der er die Hit-Single „Stop Draggin‘ My Heart Around“ veröffentlichte.

1976 begann die Erfolgsgeschichte von Tom Petty And The Heartbreakers, die 2014 ihr letztes Album „Hypnotic Eye“ herausbrachten. In der fast vierzigjährigen Bandgeschichte blieben die Hearbreakers in ihrer Besetzung weitgehend konstant. Zuvor war Petty mit der Band Mudcrutch unterwegs, die er 2008 wiederbelebte. „Full Moon Fever“ (1989), „Highway Companion“ (2006) und „Wildflowers“ (1994) zählen als Soloveröffentlichungen, obwohl einige Heartbreakers auch an ihnen beteiligt waren. Die Gründungsmitglieder Mike Campbell und Benmont Tench sind ebenso wie der 1982 für Ron Blair eingestiegene Howie Epstein sowie der frisch hinzugekommene Steve Ferrone, der Stan Lynch an den Drums ablöste, auf „Wildflowers“ vertreten.

Von den vorherigen Alben unterscheidet sich „Wildflowers“ vor allem dadurch, dass es weniger rockig ausgerichtet ist. Akustisch gehaltene Stück sowie Songs, die eher dem Americana zuzuordnen sind, bilden das Zentrum des Longplayers. Daneben finden sich natürlich auch typische Petty-Titel („You Wreck Me“, „A Higher Place“). Tom Petty zeigt auf „Wildflowers“ Facetten, die zuvor – und auch danach – nicht mehr so deutlich hervortraten. Er selbst bezeichnete das Werk als sein persönlichstes.

Ursprünglich war „Wildflowers“ als Doppel-CD vorgesehen, was allerdings an dem Veto der Plattenfirma scheiterte. Petty spielte später mit dem Gedanken, die zehn Tracks der Sessions, die der Kürzung zum Opfer fielen, als eigenständige CD herauszubringen. Unmittelbar vor dem 26. Jahrestag der Ersterscheinung kommt nun „Wildflowers & All The Rest“ in unterschiedlichen Formaten heraus. Die hier besprochene reguläre Version umfasst zwei CDs bzw. 3 LPs, die neben dem Originalalbum auch die zehn ausgemusterten Tracks enthält. Die Deluxe-Edition bietet zusätzlich Demos mit verschiedenen Versionen veröffentlichter Titel sowie drei neue Songs.

Zudem gibt es Live-Mitschnitte der Wildflowers-Stücke. Die Super-Deluxe-Ausgabe legt neben zehn alternativen Takes noch einen weiteren unveröffentlichten Song drauf. Das Ultra-Deluxe-Set kommt lediglich als 9-fach LP heraus, enthält im Vergleich zum Super-Deluxe-Fotmat aber keine neue Musik, dafür aber einige exklusive Gimmicks. Diese strikt limitierte Version richtet sich an finanzkräftige Sammler.

Die erweiterte Neuedition stellt keine Resteverwertung dar, sondern eine sorgsam zusammengestellte Würdigung von Tom Pettys musikalischem Schaffen in der Mitte der 1990er Jahre. Tom Pettys Frau und seine beiden Töchter haben zusammen mit den Heartbreakern Benmont Tench und Mike Campbell das umfangreiche Projekt auf die Beine gestellt. Mike Campbell hatte seinerzeit gemeinsam mit Tom Petty und Rick Rubin auch das Originalalbum produziert.

Zu „Wildflowers“ selbst braucht an dieser Stelle nicht viel gesagt werden. Es ist ein herausragendes Werk, selbst wenn es nach meiner Einschätzung nicht das stärkste Album seiner Karriere ist. Petty zeigt sich von einer neuen Seite und modifiziert seinen Sound in Ergänzung zu seinen sonstigen Veröffentlichungen. Den Musikinteressierten dürfte die Single „You Don’t Know How It Feels” sowieso bekannt sein. Weitere Anspieltipps sind neben dem Titeltrack „Time to Move On” sowie „Crawling Back to You”. Im Gedächtnis setzen sich auch „Honey Bee” und „ Cabin Down Below“ fest.

Für Tom-Petty-Kenner ist die zweite CD „All The Rest“ interessant. Auf ihr sind vier Songs vertreten, die sich bereits auf dem Soundtrack zu „She’s The One“ (1996) finden. Die neu herausgegebenen Versionen von „California“, „Hope You Never“, „Hung Up And Overdue“ sowie „Climb That Hill“ sind etwas erdiger produziert und die Instrumentalisierung zurückgenommener. Insgesamt liegen die Interpretationen nahe bei den bekannten, wobei die nun erhältlichen die Nase etwas vorn haben. Ein deutlicher Unterschied besteht zwischen „Climb That Hill“ und „Climb That Hill Blues“, bei dem der Track nochmal akustisch gespielt wird.

Folkig mit akustischer Gitarre und Mundharmonika passt sich „Harry Green“ in die Atmosphäre von „Wildflowers“ ein. Bei „Something Could Happen” steht das Klavier im Vordergrund. Der sanfte Song bietet im Refrain eine Variation der Intonation von „Free Falling” mit hohem Wiedererkennungswert. Ebenfalls einen gelungenen Chorus hat „Leaving Virginia Alone”. Die erste Auskopplung im mittleren Tempo weist gleichfalls einen gelungenen Refrain auf und wird mit einem kurzen Gitarrensolo zum Finale abgerundet. Sie zählt zu den besten Songs des Albums. Unter den neu zu entdeckenden Titeln sticht „Somewhere Under Heaven“ durch vollere Akkorde der E-Gitarre sowie durch scheppernde Becken des Schlagzeugs hervor.

Die neuen Stücke und Versionen setzten nahtlos die Linie der ersten CD fort, insgesamt sind auf dem Originalalbum aber die stärkeren Tracks vertreten. Für diejenigen, die den Klassiker „Wildflowers“ noch nicht in ihrer Sammlung haben, bietet sich nun die Gelegenheit, diese Lücke zu schließen. Zudem erhalten sie eine zweite gute CD obendrauf, die Tom Petty selbst so veröffentlichen wollte. Für eingeschweißte Tom-Petty-Fans bleibt zu überlegen, ob sie nicht etwas tiefer in die Tasche greifen und in das Deluxe-Set mit weiterem, bislang unbekanntem Material investieren.

Warner Records/Warner Music (2020)
Stil: Rock, Americana

Tracks:
CD1 – Wildflowers
01. Wildflowers
02. You Don’t Know How It Feels
03. Time to Move On
04. You Wreck Me
05. It’s Good to Be King
06. Only a Broken Heart
07. Honey Bee
08. Don’t Fade on Me
09. Hard on Me
10. Cabin Down Below
11. To Find a Friend
12. A Higher Place
13. House in the Woods
14. Crawling Back to You
15. Wake Up Time

CD2 – All The Rest
01. Something Could Happen
02. Leaving Virginia Alone
03. Climb That Hill Blues
04. Confusion Wheel
05. California
06. Harry Green
07. Hope You Never
08. Somewhere Under Heaven
09. Climb That Hill
10. Hung Up and Overdue

Tom Petty
Warner Records
Oktober Promotion

Tennessee Jet – The Country – CD-Review

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Review: Michael Segets

„Ich bin mit Outlaw Country aufgewachsen“, sagt Tennessee Jet und dieser schwingt bei seiner Musik immer – zumindest hintergründig – mit. Dabei verlässt Tennessee Jet mehrfach die vertrauten Regionen dieses Genres, um seine Grenzen auszuloten und einen eigenen Sound weiterzuentwickeln.

Sein dritter Longplayer „The Country“ erscheint nun bei dem renommierten Label Thirty Tigers. Spielte Tennessee Jet seine beiden ersten Alben quasi im Alleingang ein, holte er sich nun einige Musiker aus der einschlägigen Szene ins Studio. So verpflichtete er die Tour-Band von Dwight Yoakam, den er ebenso wie Willie Nelson bereits auf Konzertreisen begleitete. Für das sehr gelungene Cover von Townes Van Zandt „Pancho & Lefty“ gewann er Elizabeth Cook, Cody Jinks und Paul Cauthen, die ihn am Mikro unterstützen. Zusätzliche Würze erhält der Klassiker durch die Mundharmonika von Mickey Raphael (Willie Nelson) sowie die Trompete von Brian Newman (Lady Gaga).

Darüber hinaus finden sich mit „She Talks To Angels“ ein weiterer Song auf der Scheibe, der nicht aus der Feder von Tennessee Jet stammt. Den Titel der Black Crows performt er als flotten Bluegrass.

Der Opener „Stray Dogs“ ist eine schnelle Country-Nummer. Bei ihr erinnert sich Tennessee Jet an die Zeit, als er ständig unterwegs war und zusammen mit seiner Frau von einem Auftritt zum nächsten jagte. Mit „The Raven & The Dove“ unterstreicht der Musiker sein Faible für den Country und überzeugt dort auch im Midtempo besonders durch den eingängigen Refrain.

Die Spannweite des Genres deckt Tennessee Jet weiterhin mit den Balladen „Sparklin’ Burnin’ Fuse’“ sowie „Someone To You“ ab. Vor allem beim letztgenannten Stück kommt sehr viel Slide zum Einsatz, wodurch es etwas schwülstig gerät. Mit „The Country“ läuft Tennessee Jet aber wieder zur Hochform auf. Die in einzelnen Passagen einsetzende Geige begleitet den getragenen Song sehr stimmungsvoll.

Wie der Titelsong ist auch das dylaneske „Off To War“ dezent und akustisch instrumentalisiert. Neben der Geige sorgt bei dem Song eine Mundharmonika für Atmosphäre. Als Kontrastprogramm lässt es Tennessee Jet bei zwei Stücken ordentlich scheppern. Bei „Johnny“ arbeitet er sogar mit Rückkopplungen, wobei Reminiszenzen an den Grunge-Sound in den Sinn kommen. Der Track ist als Hommage auf den Country-Musiker Johnny Horton gedacht, der 1960 bei einem Autounfall ums Leben kam. Schließlich findet sich noch der kraftvolle Roots-Rocker „Hands On You“ auf dem Longplayer, den ich zu meinem Favoriten erkoren habe.

Tennessee Jet kann nicht nur Country. In diesem Genre bietet „The Country“ bereits eine breite Palette unterschiedlicher Spielarten. Selbstbewusst richtet Tennessee Jet seinen Blick darüber hinaus in Richtung Folk und Rock und offenbart dort ebenfalls großes Potential. Mit dieser Spannbreite sorgt er für ein äußerst abwechslungsreiches Album. Zudem darf man also gespannt sein, welchen Weg er zukünftig einschlägt und wie weit er sich dabei von seinen Wurzeln entfernt.

Tennessee Jet Music – Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Country, Folk, Rock

Tracks:
01. Stray Dogs
02. The Raven & The Dove
03. Johnny
04. Pancho & Lefty
05. Off To War
06. Hands On You
07. Someone To You
08. The Country
09. She Talks To Angels
10. Sparklin’ Burnin’ Fuse’

Tennessee Jet
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Reckless Kelly – American Jackpot / American Girls – CD-Review

ReckJack_300

Review: Michael Segets

Für Freunde des Southern Way of Music ist der diesjährige Mai tatsächlich ein Wonnemonat, in dem sich einige alte Bekannte zurückmelden. Nach American Aquarium, Jason Isbell & The 400 Unit, Robert Jon & The Wreck sowie Steve Earle & The Dukes gibt nun auch Reckless Kelly ein Lebenszeichen von sich – und das direkt im Doppelpack.

Vergangenes Jahr erschien zwar das digitale Live-Album „Bulletproof Live“, doch das letzte Studiomaterial wurde vor fast vier Jahren auf „Sunset Motel“ veröffentlicht. Es war also wieder Zeit, ein Studio anzumieten. Willy Braun, der zusammen mit seinem älteren Bruder Cody und dem Schlagzeuger Jay Nazz Reckless Kelly 1996 gründete, übernahm die Rolle des Produzenten und „American Jackpot“ wurde zügig und deutlich schneller eingespielt als zuvor kalkuliert. Die übrige gebuchte Studiozeit nutzte die Band, um zusätzlich „American Girls“ unter Dach und Fach zu bringen.

Während „American Jackpot“ einen homogenen und durchkonzeptionierten Eindruck erweckt, punktet „American Girls“ mit stilistischer Varianz und rockigeren Tönen. Die Stücke auf beiden Scheiben überzeugen schon beim ersten Durchlauf, legen aber beim mehrmaligen Hören noch weiter zu.

Willy Braun wollte ein Album machen, dass die Verbundenheit mit seinem Heimatland einfängt. Dieses Vorhaben setzt er mit „American Jackpot“ um, ohne übermäßig politisch oder plakativ zu sein. Indem er sich aber gegen Anti-Immigrations-Parolen wendet, scheint aber doch etwas Sozialkritik durch.
Dabei ließ er sich durch das Gedicht „The New Colossus“ von Emma Lazarus inspirieren, das in den Sockel der Freiheitsstatur eingraviert ist.

Auf „North American Jackpot“ und „Goodbye Colorado“ verarbeitet er diese Anregung. Die beiden Titel bilden den Auftakt und Abschluss der ersten CD. Vor allem der letztgenannte glänzt durch seine Kombination von Piano und Mandoline, die von Cody Braun gespielt wird.

Die Stimmung unterschiedlicher Landschaften ihres Heimatlandes thematisiert die aus Idaho stammende Band auf „Thinkin‘ ‘Bout You All Night“. Ein Stück amerikanischer Geschichte lassen Reckless Kelly bei „Grandpa Was A Jack Of All Trades“ vorbeiziehen, wobei durch den Slide ein Hauch von Country mitschwingt.

Für einzelne Gesangsparts haben Willy und Cody Braun ihren Vater Muzzie und für die Mundharmonika ihren Onkel Gary engagiert. Dass der Familie Braun die Musik im Blut liegt, beweisen auch die beiden jüngeren Brüder Micky und Gary, die als Micky And The Motorcars unterwegs sind.

Meine Favoriten auf „American Jukebox“ sind die Hommage an Tom Petty „Tom Was A Friend Of Mine“ und die Balladen „Put On Your Brave Face Mary“ sowie „42“, das Bukka Allen mit einer Ballpark-Orgel begleitet. Richtig Spaß macht auch der Good Old Rock’n Roll „Mona“, bei dem Bob Seger grüßen lässt.

Ein rockiger Rhythmus, für den neben Drummer Jay Nazz Bassist Joe Miller verantwortlich zeichnen, treibt „Company Of Kings“. Elektrische Gitarre und die von Eleanor Whitmore (Steve Earle &The Dukes) arrangierten Geigen sind hier miteinander verwoben und ergänzen sich auf originelle Weise. In den Folk-Rocker „Another New Year’s Day“ bauen Reckless Kelly die Melodie des Silvesterklassikers „Auld Lang Syne“ („Nehmt Abschied, Brüder“) ein und zeigen so ein weiteres Mal ihre Kreativität.

„American Jackpot“ bringt das Kunststück fertig, ein harmonische Gesamtbild zu entwerfen und dennoch musikalisch abwechslungsreich zu sein. Während der Sound auf dieser CD durchgängig erdig ausgerichtet ist, wird er auf „American Girls“ stellenweise opulenter – so auf dem Titeltrack, der in den Gitarrenpassagen an die frühen REM erinnert, oder „Miss Marissa“.

Auch der Opener „I Only See You With My Eyes Closed“ klingt voll, nicht zuletzt durch die zusätzliche Gitarre von Charlie Sexton (Bob Dylan, Arc Angels, Ryan Bingham). An dem Song hat ebenso wie an „Lonesome On My Own“ Jeff Crosby mitgeschrieben.

Wie bereits erwähnt, zeigen Reckless Kelly ihre rockigere Seite auf „American Girls“. Diese reicht vom Roots Rock („All Over Again (Break Up Blues)“) über Heartland (“Don’t Give Up On Love”) bis zum Tex Mex (“Lost Inside The Groove”). Der Tex-Mex-Titel führt die Tradition von Doug Sahm (Texas Tornados) fort, was nicht verwundert, wenn man weiß, dass der Anstoß für den Song von dessen Sohn Shawn kam.

Mit dem starken „No Dancing in Bristol“ greifen Reckless Kelly auf den Irish Folk zurück. Das Duett „Anyplace Is Wild“ zwischen Willy Braun und Suzy Boggus könnte als Soundtrack zu einem Western dienen und zählt zu den Highlights der zweiten CD. Ein amüsantes Detail bei ihm ist, dass die Musiker mit Sporen stampften, um den Klang eines Tamburins zu erhalten. Das bunte Potpourri auf „American Girls“ rundet das ruhige „My Home Is Where Your Heart Is“ ab.

Den beiden Scheiben des Doppelalbums jeweils einen eigenen Titel zu geben, ist gut nachvollziehbar. „American Jackpot“ ist eine stimmige und stimmungsvolle Sache geworden, bei „American Girls“ überwiegt die Freude am Rock und der Roots Music, mit welcher sich Reckless Kelly von einem engen konzeptionellen Rahmen lösen. Die gemeinsame Veröffentlichung entbindet von der Entscheidung, wonach einem mehr der Sinn steht, denn beide Longplayer haben für sich genommen Klasse. Mit dem Doppelschlag erinnern Reckless Kelly daran, dass sie ganz vorne im Roots-Rock-Regal stehen sollten.

No Big Deal Records/ThirtyTigers-Membran (2020)
Stil: Roots Rock

Tracks:
American Jackpot
01. North American Jackpot
02. Thinkin‘ ‚Bout You All Night
03. Tom Was A Friend Of Mine
04. 42
05. Mona
06. Another New Year’s Day
07. Grandpa Was A Jack Of All Trades
08. Put On Your Brave Face Mary
09. Company Of Kings
10. Goodbye Colorado

American Girls
01. I Only See You With My Eyes Closed
02. American Girls
03. All Over Again (Break Up Blues)
04. Miss Marissa
05. Lonesome On My Own
06. Anyplace That’s Wild
07. Lost Inside The Groove
08. No Dancing In Bristol
09. Don’t Give Up On Love
10. My Home Is Where Your Heart Is

Reckless Kelly
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Jason Ringenberg – Stand Tall – CD-Review

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Review: Michael Segets

Da wäre mir beinahe „Stand Tall“ von Jason Ringenberg durchgegangen. Im Frühjahr brachte der Pionier des Country Rock und Cowpunk nach vierzehn Jahren doch tatsächlich eine neue Solo-Scheibe heraus. Die Entdeckung ist nun quasi ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk. Die Musik selbst ist natürlich weniger besinnlich, da Jasons neues Werk nahtlos an seine bisherigen Veröffentlichungen anknüpft.

Mit seinen Weggefährten Warner Hodges, Jeff Johnson und Perry Baggs entstaubte Ringenberg als Jason And The Scorchers Anfang der 1980er die Country-Szene. Nach zwanzig Jahren, in denen sich die Band einen legendären Ruf als Liveact erwarb, folgte eine längere Pause. 2010 schoben Jason And The Scorchers „Halycon Times“ nach. Neben den eher sporadischen Treffen der Band widmete sich Ringenberg seit der Jahrtausendwende verstärkt seiner Solokarriere und veröffentlichte zudem als Farmer Jason Musik für Kinder.

Wie den Linernotes zu „Stand Tall“ zu entnehmen ist, verabschiedete sich Ringenberg vor ein paar Jahren von der Vorstellung, weitere Alben herauszubringen. Den Veränderungen im Musikgeschäft wollte er nicht folgen. In der Abgeschiedenheit eines Nationalparks überkam ihn aber ein neuer Inspirationsschub, der den Grundstein für das nun vorliegende Album legte.

Die Gefühle und Gedanken, die Ringenberg beim Anblick der gleichsam unberührten Natur erfüllten, teilt er in „Here In The Sequoias“ mit. Es ist die einzige der sieben Eigenkompositionen, bei der er ruhigere Töne anschlägt. Das andere Ende der Fahnenstange ist die krachende Uptempo-Nummer „God Bless The Ramones“. Wie der Songtitel bereits nahe legt, hat sie einen deutlichen Punk-Einschlag. Dieser tritt auch auf „John Muir Stood Here“ zutage, bei dem Ringenberg den Naturschützer besingt.

Ringenberg hat sowieso ein Talent dafür, historische Personen – wie beim witzigen „John The Baptist Was A Real Humdinger“ – oder auch fiktive Charaktere – wie Will Tucker beim „I’m Walking Home“ zum Leben zu erwecken. Seine Texte sind oftmals von bissigem Humor und von tiefem Mitgefühl geprägt. Diese Kombination findet man sonst selten im Musikbusiness.

Die beiden Songs stellen meine Favoriten auf dem Album dar. Die Charakterisierung von Johannes dem Täufer im erstgenannten Titel mutet wunderbar skurril an. „I’m Walking Home“ erzählt die Geschichte eines Soldaten im Amerikanischen Bürgerkrieg, dem sich die Sinnhaftigkeit der Kämpfe nicht erschließt. Dabei bedient sich Ringenberg musikalisch bei den historischen Bürgerkriegsliedern, indem er Trommelwirbel, Flöten und Fideln einsetzt. Von der anderen Seite des Atlantiks lassen hier The Pogues grüßen.

Obwohl ich eher kein Freund von Instrumentalstücken bin, gelingt Ringenberg doch ein bemerkenswerter Beitrag mit dem Titeltrack „Stand Tall“. Die Italo-Western-Soundtracks von Ennio Morricone drängen sich hier als Vergleich auf.

Seinen charakteristischen Gesang mit der besonderen Intonation spielt Ringenberg bei dem Country Rocker „Lookin’ Back Blues“ aus. Auch die beiden Cover „Almost Enough“ und „Many Happy Hangovers To You“ verbinden Country- und Rockelemente. Sie stammen von Hugh Deneal beziehungsweise Johnny McCrea. Zudem interpretiert Ringenberg Bob Dylans Klassiker „Farewell Angelina“ sowie die Country-Ballade „Hobo Bill’s Last Ride“ von Jimmie Rogers. Die beiden Versionen bieten Verschnaufpausen auf dem Album, bei dem Ringenberg insgesamt ein hohes Tempo geht.

„Stand Tall“ vermittelt den Eindruck, als sei Jason Ringenberg nie weg gewesen. Voller Energie präsentiert er die neuen Songs in seinem unverwechselbaren Stil und mit dem typischen Augenzwinkern. Ringenberg lässt die guten alten Zeiten des punkigen Country Rocks wieder aufflackern, was heutzutage wieder kreativ und provokativ wirkt.

Fast zeitgleich melden sich The Long Ryders und Jason Ringenberg nach längerer Abstinenz mit neuem Material zurück. Ob sich damit die etwas schrägere Art des Country Rocks mit Punk-Attitüde ein Revival erlebt, sei dahingestellt. Es würde nicht schaden, wenn einige der jüngeren Vertreter des Alternative Country in den Texten und der musikalischen Umsetzung etwas mutiger würden. Jedenfalls zeigen die älteren Herren, dass sie nichts von ihrem Feuer eingebüßt haben.

Courageous Chicken Entertainment (Broken Silence) (2019)
Stil: Country Rock, Cowpunk

Tracks:
01. Stand Tall
02. Lookin’ Back Blues
03. John The Baptist Was A Real Humdinger
04. God Bless The Ramones
05. Hobo Bill’s Last Ride
06. I’m Walking Home
07. Almost Enough
08. Here In The Sequoias
09. John Muir Stood Here
10. Many Happy Hangovers To You
11. Farewell Angelina

Jason Ringenberg
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Ian Noe – Between The Country – CD-Review

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Review: Michael Segets

Auf Ian Noes Facebook-Seite findet sich eine akustische Version von Bruce Springsteens „Born In The USA“, bei der er den Song gelungen und eigenständig interpretiert. Nicht nur deshalb habe ich den jungen Singer/Songwriter aus Beattyville, einem kleinen Dorf in Kentucky, direkt ins Herz geschlossen. Der gewichtigere Grund dafür liegt in der herausragenden Outlaw-Ballade „Letter To Madeline“, die mich beim ersten Hören gepackt hat und mich seitdem nicht mehr loslässt. Tragischer Text, stimmige Gitarrenbegleitung und der Background-Gesang von Savannah Conley, der an den richtigen Stellen einsetzt, machen den Song zu einem intensiven Erlebnis.

Auch bei den anderen Stücken auf „Between The Country“ glänzt Noe mit poetischen Texten, die er mit eingängigen Melodien versieht. Mit wenigen Mitteln erzeugen sie viel Atmosphäre. Die Wurzeln in der Storyteller-Tradition amerikanischer Folk-Singer scheinen auf der CD deutlich durch. Noes Songs erinnern bei den Videos seiner Solo-Performances an die frühen von Bob Dylan.

Mit Band eingespielt treten die Bezüge zwar etwas in den Hintergrund, sie sind aber auf „Barbara’s Song“, „If Today Doesn’t Do Me In“ oder dem Titeltrack „Between The Country“ immer noch hörbar. Vor allem bei dem letztgenannten Stück zahlt sich der Einsatz der Band aus, da sie dem Refrain eine besondere Dynamik verleiht.

Die Qualität des Songwritings hätte sicherlich auch ermöglicht, ein akustisches Folk-Album aufzunehmen. Die Entscheidung, dies nicht zu tun, sondern die Möglichkeiten einer breiteren Instrumentierung zu nutzen, war gut. So gewinnt „Loving You“ durch die Klavierbegleitung von Adam Gardner, der auch den Bass beisteuert, sowie die Percussion des Schlagzeugers Chris Powell. Auf „Junk Town“ singt Savannah Conley nochmals stimmungsvolle Harmonien. Dave Cobb unterstützt Noe zudem mit akustischer und elektrischer Gitarre.

Mit Cobb holte sich Noe einen renommierten Produzenten ins Boot, der bereits mit Jason Isbell, Shooter Jennings, Chris Stapleton, Colter Wall und Whiskey Myers zusammenarbeitete. Die Songs des Longplayers wurde auf den Punkt in Szene gesetzt, sodass sie sich auf die Kraft der Kompositionen konzentrieren.

Der Hall, mit dem Stimme und Gitarre bei „Dead On The River (Rolling Down)“ versehen sind, lässt Assoziationen zu Neil Young aufkommen. Der Titel zählt ebenso wie der düstere Drogen-Song „Meth Head“ und das mit leichtem Country-Einschlag versehene „Irene (Ravin‘ Bomb)“ zu meinen Favoriten, die dem eingangs gefeierten „Letter To Madeline“ nur wenig nachstehen.

Ian Noe legt nach der EP „Off The Mountaintop” (2017) mit „Between The Country” seinen ersten Longplayer vor. Mit seinem Debütalbum zählt Ian Noe für mich zu den Newcomern des Jahres. Die zehn Tracks auf „Between The Country“ fügen sich zu einem stimmigen Werk zusammen, das die Singer/Songwriter-Tradition atmet und diese in einem zeitgemäßen Update fortführt.

Das unaufgeregte Arrangement der schönen Melodien in Verbindung mit den lyrischen Texten prägt sämtliche Stücke der CD, die einige hervorstechende Titel bereithält. „Between The Country“ kann sich daher mit den Klassikern des Genres messen und weckt die Hoffnung, dass Ian Noe zukünftig noch viele Geschichten zu erzählen hat.

National Treasury Recordings/Thirty Tigers (2019)
Stil: Americana

Tracks:
01. Irene (Ravin‘ Bomb)
02. Barbara’s Song
03. Junk Town
04. Letter To Madeline
05. Loving You
06. That Kind Of Life
07. Dead On The River (Rolling Down)
08. If Today Doesn’t Do Me In
09. Meth Head
10. Between The Country

Ian Noe
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Thirty Tigers
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Brian Cottrill – Through The Keyhole – CD-Review

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Review: Michael Segets

Brian Cottrill ist Gitarrist und Sänger bei The Grey Agents, einer Band gestandener Herren, die sich dem Rock der frühen Achtziger-Jahre verschrieben haben. Mit „Through The Keyhole“ verzichtet er auf seine Begleitmusiker und zieht als Singer/Songwriter – nur mit Gitarre und Mundharmonika bewaffnet – eine persönliche Bilanz seines musikalischen Schaffens der letzten 35 Jahre.

Die Werkschau reicht bis zu seinem Song „Lace“ zurück, den er als Teenager geschrieben hat. Neben eigens für die CD verfassten Stücken legt Cottrill mit „The Murder Farm“ einen Titel der Grey Agents in einer akustischen Version neu auf.

Als musikalische Inspirationsquellen nennt er Bob Dylan und Tom Petty, deren Einflüsse auch gelegentlich durchscheinen. So erinnert der Einstieg „Remember My Name“ durch die Mundharmonika und den bitterbösen Text an die Frühzeit Dylans. Bei der Struktur der meisten Lieder orientiert sich Cottrill jedoch weniger am Folk, sondern eher an Rocksongs. Mehrere Titel bewegen sich – für ein akustisches Album – in einem flotteren Tempobereich.

In seinen Texten wendet sich der Mann aus West Virginia alltäglichen Themen zu, die auch gerne im Heartland Rock aufgegriffen werden. Familienbeziehungen und -geschichten nehmen dabei einen wichtigen Platz ein. So ist das leicht süßliche „Erica“ seiner Tochter gewidmet.

Sehr einfühlsam zeichnet er mit „Sammie Lee“ eine schwere Lebensgeschichte nach, die durch die seiner Eltern inspiriert wurde. Der Song hat mit fast acht Minuten eine ungewöhnlich lange Spielzeit für eine akustische Ballade. Er vollbringt dabei das Kunststück nicht eintönig zu werden, was für Cottrills Qualität als Songwriter und Musiker spricht.

Textlich stark ist ebenfalls das gesanglich etwas experimentellere „The Uncertain Keyhole Jangle“. Für das Mitlesen stellt Cottrill die Lyrics aller Titel auf seiner Website zur Verfügung. Um gescheiterte Beziehungen drehen sich „Lost und Forgotten“, das stellenweise Assoziationen zu den Stones weckt, sowie „All I’ve Got Is You”, das neben dem Opener und dem dynamischen „When The Fire Comes“ zu den Highlights auf der Scheibe zählt.

Mit dem Bonus-Track „Gates Of Venus” ergänzt Brian Cottrill sein Album. Anders als auf den neun vorangegangenen Stücken beschränkt er sich hier bei der Instrumentalisierung nicht auf akustische Gitarre und Mundharmonika, sondern spielt elektrische Gitarre, Bass, Schlagzeug, Mandoline und Keyboard, womit er sich als wahrer Multiinstrumentalist erweist. Die Anfangsakkorde klingen nach Tom Petty und in dessen Stil setzt Cottrill einen rockigen Schlusspunkt unter sein Solo-Werk.

Das Solo-Projekt von Brian Cottrill vereint gute Rockrefrains mit der textlichen Tiefe des Folk. Im Gesamteindruck pendelt „Through The Keyhole“ damit zwischen akustischem Rock- und Folkalbum. Durch die Varianz von Tempo, Gesang und Atmosphäre umschifft Cottrill geschickt die Gefahr der Monotonie, der akustisch gehaltene Longplayer tendenziell ausgesetzt sind.

Eigenproduktion/Two Side Moon Promotion (2019)
Stil: Singer/Songwirter

Tracks:
01. Remember My Name
02. Erica
03. All I’ve Got Is You
04. Lace
05. The Murder Farm
06. Lost And Forgotten
07. When The Fire Comes
08. Uncertain Keyhole Jangle
09. Sammie Lee
10. Gates Of Venus (Bonus-Track)

Brian Cottrill
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Two Side Moon Promotion

Shiregreen – References – CD-Review

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Review: Michael Segets

Das erste, was auffällt, wenn man das Digipack von „References” in Händen hält, ist das umfangreiche und sehr schön gestaltete Booklet. Beim Durchblättern erschließt sich direkt die originelle Idee, die hinter dem Konzeptalbum steht: Shiregreen, alias Klaus Adamascheck, huldigt seinen musikalischen Heroen, die ihn Zeit seines Lebens begleiteten.

Jedem Musiker ist eine Doppelseite gewidmet, auf der neben Bemerkungen zur persönlichen Bedeutung des Künstlers für Adamascheck auch der Text des Songs in Englisch sowie dessen deutsche Übersetzung abgedruckt sind. Dabei covert Shiregreen keine Titel der jeweiligen Songwriter, sondern er schreibt eigene Stücke, die er ganz im Stil der Vorbilder sowie mit Bezug zu deren Leben oder Werk präsentiert.

Beim erstmalen Hören der CD machte ich das Experiment und versuchte zu erraten, welcher Künstler jeweils als Referenzpunkt diente. Dies gelang mir bei der überwiegenden Zahl der Stücke problemlos. Bei manchen fiel die Zuordnung schwerer, was aber vermutlich daran lag, dass ich die Musik der Vorbilder nicht im Ohr hatte.

Obwohl Shiregreen eine Dekade älter ist als ich, überschneidet sich doch der Musikgeschmack an mehreren Stellen. Tom Petty und John Fogerty rangieren bei mir ebenfalls ganz oben auf der Liste der Musiker, deren Lieder mich prägten. Mit „The Last Goodbye“ sowie „Stolen Songs“ würdigt Shiregreen die Rocklegenden.

Durch den Einbau von Versatzstücken – sowohl hinsichtlich der Texte als auch der Melodien – aus bekannten Songs der Künstler und einem ähnlichen Klang der Gitarren ist der Wiedererkennungswert sehr hoch. Obwohl die Stimme von Shiregreen weich und eher tief ist, womit sie sich von denen von Petty oder Fogerty deutlich unterscheidet, werden die Assoziationen zu den beiden unmittelbar geweckt.

Auch bei den anderen Stücken baut Shiregreen typische Elemente der jeweiligen Musiker ein. Da sind der mehrstimmige Gesang bei „Between The River And The Railroad Tracks“ als Bezugspunkt zu Crosby, Stills, Nash & Young, die Mundharmonika auf „One More Song“ für Bob Dylan oder eine Gitarre à la Mark Knopfler bei „From That Day On“. Neil Young scheint deutlich bei „When The Last Buffalo Is Gone“ durch.

Beeindruckend ist, wie es Shiregreen gelingt, die charakteristischen Sounds der Referenzmusiker nachzubilden. Vor allem Tom Eriksen an unterschiedlichen Gitarren sowie Morris Kleinert mit Pedal Steel und Dobro haben daran großen Anteil. Insgesamt wirken acht Begleitmusiker mit, so dass eine Vielzahl an Instrumenten zum Einsatz kommt. Hinsichtlich der Instrumentierung mit Akkordeon, Querflöte und Geige sticht der Titel „In Barbara’s Room“ hervor, der sich an Leonard Cohen anlehnt.

Marisa Linss übernimmt den Lead-Gesang bei dem Joan Baez gewidmeten „Here’s To Joan“ und bei dem Duett „Under Joshuah Trees“ für Emmylou Harris und Gram Parsons. Bei anderen Stücken steuert sie den Background-Gesang bei, wie bei der Reminiszenz an Townes Van Zandt „Townes And Me“.

Die Musik der anderen gewürdigten Songwriter Mike Batt („All Along The Atlas Mountains“), Ralph McTell („Every Town Is Worth A Song“) und Robert Earl Keen („Down The Endless Road“) ist mir nicht gegenwärtig. Die ihnen zugedachten Titel fügen sich aber nahtlos in das Album ein. Gleiches gilt für „References“ und „References Reprise“, mit denen Adamascheck die Bedeutung alter Lieder als Weggefährten besingt.

Den versammelten Americana-Songs schwingt ein melancholischer Grundton mit, der das gesamte Werk als Konstante durchzieht. Shiregreen erinnert mit „References“ daran, was für großartige Musik es gibt und wie diese das Leben bereichert. Ähnlich sozialisierte Musikliebhaber werden ihre Freude an der Hommage haben. Ich nehme die Anregung auf alle Fälle auf, meine Klassiker, die ich schon viel zu lange nicht mehr gehört habe, nochmal aus dem Regal zu ziehen.

NIWO Music/DMG Germany/cmm-consulting (2019)
Stil: Americana

Tracks:
01. Between The River And The Railroad Tracks
02. Stolen Songs
03. In Barbaras Room
04. References
05. Under Joshuah Trees
06. All Along The Atlas Mountains
07. Every Town Is Worth A Song
08. From That Day On
09. One More Song
10. Down The Endless Road
11. When The Last Buffalo Is Gone
12. Here’s To Joan
13. Townes And Me
14. The Last Good Bye
15. References Reprise

Shiregreen
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NIWO Music/DMG Label
cmm-consulting for music and media

Ryan Bingham – American Love Song – CD-Review

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Review: Michael Segets

Fünfzehn neue Stücke stellt Ryan Bingham auf „American Love Song“ vor. Persönliche Erfahrungen und gesellschaftskritische Stellungnahmen verpackt er in unterschiedliche Facetten der Roots-Music. So steht „Beautiful And Kind“ ganz in der Tradition der Folk-Sänger a la Pete Seeger oder Woody Guthrie. Dem Blues frönt er mit „Hot House“ und „Got Damn Blues“, das sich am Ende in Richtung Gospel entwickelt. Rockige Töne schlägt Bingham bei „Nothin‘ Holds Me Down“ und beim Rolling Stones infiltrierten „Pontiac“ an.

Die überwiegende Anzahl der Titel lässt sich dem weiten Feld des Americana zurechnen, wobei Bingham mit dessen Ingredienzien spielerisch umgeht. Auf „Lover Girl“ ist mal eine Steel Guitar zu hören, auf „Time For My Mind“ schlägt er einen Rhythmus an, der beinah an die Karibik erinnert. Mehrere Stücke werden von dem leidenden Gesang Binghams getragen. „Stones“ beginnt sanft, entwickelt aber eine Dynamik, die mitnimmt. Dagegen fällt das klagende und etwas überladene „Blue“ etwas ab.

Mit dem vorab herausgegebenen „Wolves“ hat Bingham alles richtig gemacht. Bei der akustisch gehaltenen Ballade kommt sein eindringlicher Gesang besonders gut zur Geltung. Ebenso vollständig überzeugt „What Would I’ve Become“, das er nicht weniger intensiv, aber mit mehr Drive spielt. Ein weiterer Favorit ist der rumplige Opener „Jingle And Go“ mit dominantem Bar-Piano, das für einen Umtrunk in einer lauten Kneipe bestens geeignet erscheint.

Deutliche Worte zur Lage der Nation findet Bingham auf „Situation Station“. Er setzt auf die verbindende Kraft der Musik und wendet sich gegen Aus- und Abgrenzung, die er in Amerikas Politik verstärkt wahrnimmt. Auch „America“ schlägt inhaltlich in eine ähnliche Kerbe. Sein ausdrucksstarker Gesang wird hier von einer gleichmäßigen, sanften akustischen Gitarre untermalt. Bingham gibt sich dabei mahnend, aber nicht resignativ. Der Song könnte auch von Bruce Springsteen geschrieben sein.

Zum Abschluss des Albums würdigt Bingham mit „Blues Lady“ die starken Frauen seines Landes. Dabei hat er seine verstorbene Mutter ebenso wie Janis Joplin oder Aretha Franklin vor Augen.

Zusammen mit dem Co-Produzenten Charlie Sexton (Bob Dylan, Arc Angels, Sue Foley) bewegt sich Bingham sicher in den Spielarten der Roots Musik. Er komponiert tolle Songs, bei dem Texte und Musik stimmen. Vielleicht halten einzelne Titel nicht ganz die hohe Qualität des insgesamt starken Albums, bei der Anzahl der Stücke fällt das aber kaum ins Gewicht.

Axster Bingham Records/Thirty Tigers/Alive (2019)
Stil: Americana and more

Tracks:
01. Jingle And Go
02. Nothin‘ Holds Me Down
03. Pontiac
04. Lover Girl
05. Beautiful And Kind
06. Situation Station
07. Got Damn Blues
08. Time For My Mind
09. What Would I’ve Become
10. Wolves
11. Blue
12. Hot House
13. Stones
14. America
15. Blues Lady

Ryan Bingham
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Oktober Promotion
Thirty Tigers

John Hiatt – The Eclipse Sessions – CD-Review

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Review: Michael Segets

Obwohl ihm die ganz großen Verkaufszahlen bisher verwehrt blieben, zählt John Hiatt doch zu den renommierten amerikanischen Singer-Songwritern, dessen Stücke von vielen Künstlern aufgenommen wurden. Rosanne Cash, Eric Clapton und B. B. King, David Crosby, Bob Dylan, Willie Nelson, Bonnie Raitt, Bob Seger sowie Bruce Springsteen reihen sich in die Liste der Interpreten seiner Songs ein.

Musikalisch bewegt sich Hiatt auf seinen Veröffentlichungen zwischen Folk Rock und Heartland Rock mit Einflüssen von Blues und Americana. Am bekanntesten dürfte seine Single „Have A Little Faith In Me” (1987) sein. Mit seiner Scheibe „Walk On“ hat er 1995 ein (unterschätztes) Meisterwerk abgeliefert. Von der Kritik hoch gelobt ist sein „Spätwerk“. Seit 15 Jahren veröffentlicht er bei New West beständig neue Alben.

Im Sommer vergangenen Jahres zog sich Hiatt mit Bassist Patrick O’Hearn und Schlagzeuger Kenneth Blevins in das Heimstudio von Kevin McKendree zurück, um als Trio „The Eclipse Sessions“ innerhalb von wenigen Tagen einzuspielen. McKendree produzierte den Tonträger, steuerte selbst noch einige Keys bei und holte seinen Sohn Yates für eine ergänzende E-Gitarre hinzu. Herausgekommen ist ein typisches John-Hiatt-Album.

Die CD beginnt mit zwei starken Midtempo-Stücken. Die Anlage von „Cry For Me“ erinnert mich an Songs von Warren Zevon, was vielleicht auch an der Klavierbegleitung liegt. Das rootsige, mit gleichmäßigem Rhythmus unterlegte „All The Way To The River“ punktet durch Hiatts Gesang und schöne E-Gitarrenpassagen. An Intensität wird es nur noch durch das herausragende „Nothing In My Heart“ übertrumpft. Hier stellen sich bei mir Assoziationen zu Gurf Morlix ein.

Dabei ist die markante Stimme von Hiatt natürlich ein Alleinstellungsmerkmal. Diese kommt vor allem bei den akustisch angelegten „Aces Up Your Sleeve“ und „Hide Your Tears“ ebenso wie auf dem bluesigen „I Like The Odds Of Loving You“ zur Geltung. Wenn Hiatt höher singt, wie auf „Outrunning My Soul” oder „One Stiff Breeze”, wirkt das eher ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig. Dennoch entwickeln die Stücke – wenn man ihnen eine Chance gibt – bei mehrmaligen Hören ihren Reiz.

Eine groovende Uptempo-Nummer liefert Hiatt mit „Poor Imitation Of God“. Yates McKendree setzt hier und bei „Over The Hill” gelungene Akzente mit seiner elektrischen Gitarre. Harmonisch klingen „The Eclipse Sessions“ mit „Robber’s Highway” aus.

Im Vorfeld der Sessions überlegte John Hiatt, ob er eine Solo-Scheibe aufnehmen soll und sich lediglich mit akustischer Gitarre begleitet. Man weiß nicht, was dabei herausgekommen wäre. Auf „The Eclipse Sessions“ hat er sich für die Begleitband entschieden und das Ergebnis lässt sich gut hören. Wie auf den meisten Werken von John Hiatt finden sich wieder einige hervorstechende Titel, die durch den Drive, die die größere Instrumentalisierung erzeugt, profitieren.

New West (2018)
Stil: Folk Rock

Tracks:
01. Cry To Me
02. All The Way To The River
03. Aces Up Your Sleeve
04. Poor Imitation Of God
05. Nothing In My Heart
06. Over The Hill
07. Outrunning My Soul
08. Hide Your Tears
09. I Like The Odds Of Loving You
10. One Stiff Breeze
11. Robber’s Highway

John Hiatt
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New West Records
Rough Trade

The Weight Band – World Gone Mad – CD-Review

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Review: Michael Segets

The Weight Band erinnert an The Band und das will sie auch. So ist der Tonträger den verstorbenen Gründungsmitgliedern von The Band – Levon Helm, Rick Danko und Richard Manuel – gewidmet. Dabei versteht sich The Weight Band nicht als Cover- oder Tribute-Band, sondern will den Geist der legendären Formation weitertragen.

The Band muss hier wohl nicht eigens vorgestellt werden. Mit ihrer stilprägenden Verbindung des Rocks mit Country-Elementen, mit ihrer Begleitung von Bob Dylan und mit ihrem Konzert(-film) „The Last Walz“ hat sie sich ein Denkmal in der Rockgeschichte gesetzt.

Mit ihrem Debüt erweist sich The Weight Band für würdig, in die Fußstapften der Urväter der Kombination von Roots Rock und Americana zu treten. Sie zeigt sich The Band mindestens ebenbürtig – vor allem, wenn man deren Veröffentlichungen in den 1990er-Jahren in die Kalkulation einbezieht.

Entstanden ist The Weight Band 2013 durch die Initiative von Jim Weider, der selbst noch in der späten The Band gespielt hatte. In wechselnder Besetzung tourte The Weight Band mit den Stücken von The Band, Levon Helm und Colin Linden durch die Staaten. Auf „World Gone Mad“ finden sich dann auch je zwei Tracks, die Jim Weider zusammen mit Levon Helm beziehungsweise Colin Linden geschrieben hat. Mit Ausnahme von Bob Dylans „Day Of The Locusts“ und „Deal“ von The Grateful Dead sind die anderen Kompositionen Erstveröffentlichungen, die zumeist von den Bandmitgliedern stammen.

Die Songs des Albums sind durchweg stark. Es gibt keine Durchhänger oder Ausfälle. Bereits mit dem Titeltrack „World Gone Mad“ beweist „The Weight Band“ ein Händchen für schöne Melodien – gepaart mit einem Gespür für den richtigen Drive. Jim Weiders Mandoline ist dabei das i-Tüpfelchen auf dem Song.

Locker aber sehr markant ist „Fire In The Hole“. Komposition und Gesang ähneln manchen Werken von John Hiatt. Da die Lead-Sänger wechseln, drängen sich unterschiedliche Vergleiche auf. Die Ballade „Wish You Were Here Tonight“ weckt beispielsweise Assoziationen zu Jackson Browne, der Live-Bonus-Track „Remedy“ hat eine Prise von Bob Seger.

Schön erdig rollt „Common Man“ unterstützt von Bar-Piano-Klängen – für die Marty Gebb und Brian Mitchell an den Keys verantwortlich sind – und der Mundharmonika von Michael Bram. Michael Bram sorgt darüber hinaus am Schlagzeug zusammen mit Albert Rogers am Bass für den Rhythmus auf der Scheibe.

Für zwei Stücke, so auf dem – mit sehr schön nöliger Stimme vorgetragenen – Midtempo-Rocker „Big Legged Sadie“, wurde Ex-The-Band-Drummer Randy Ciarlante rekrutiert. Bei der Nummer mit eingängigem Refrain streut Weider ein kurzes E-Gitarrensolo ein. Ein etwas längeres liefert er auf „Every Step Of The Way“, bei dem die Keys für einen satten Klangteppich – ganz im Stil der frühen The Band – sorgen.

Die Songs sind insgesamt sehr abwechslungsreich instrumentiert: Beispielsweise steuert Gastmusiker Jackie Greene (Trigger Happy, The Black Crowes) eine Slide Guitar zu dem Robert Hunter/Jerome Garcia-Titel „Deal” bei und Horns – von Marty Grebb gespielt – kommen auf „Heat Of The Moment“ zum Einsatz. Den letztgenannten Song, in dem die Lead-Sänger wechseln, umweht ein herrlicher Southern-Wind.

Mit „You’re Never Too Old (To Rock ’N Roll)“ rockt die Truppe ganz gemäß des Titels. Die meisten Stücke sind allerdings im Midtempo-Bereich zu verorten. Die Herausforderung dabei ist, einen Spannungsbogen aufrechtzuerhalten. Dies gelingt der Band mit Bravour. Tolles Songmaterial mit Schmackes und Leidenschaft gespielt, wechselnder Front-Gesang – mehrmals mit mehrstimmigen Passagen – und Variationen beim Einsatz der Instrumente machen die Scheibe zu einem kurzweiligen Vergnügen.

Wer befürchtet, dass sich The Weight Band mit ihrer Orientierung an The Band verhebt, liegt gänzlich falsch. Das Album „World Gone Mad“ ist nicht retro, sondern bietet einfach gute, zeitlose Musik.

Must Have Music/Continental Record Service/ H’art (2018)
Stil: Roots Rock/Americana

Tracks:
01. World Gone Mad
02. Fire In The Hole
03. Deal
04. I Wish You Were Here Tonight
05. Common Man
06. Heat Of The Moment
07. You’re Never Too Old (To Rock ’N Roll)
08. Big Legged Sadie
09. Day Of The Locusts
10. Every Step Of The Way
11. Remedy (live bonus track)

The Weight Band
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H’art Musikvertrieb