Lucinda Williams – You Are Cordially Invited … A Tribute To The Rolling Stones – CD-Review

Review: Michael Segets

Mit der sechsten Ausgabe ihres Coverprojekts Lu’s Jukebox beendet Lucinda Williams diese Serie mit einem Tribute für The Rolling Stones. „You Are Cordially Invited …” stellt dabei neben dem Auftakt zu Ehren von Tom Petty den Höhepunkt der Reihe dar. Die sechzehn Tracks umfassende Scheibe konzentriert sich dabei auf Songs, die die Überväter des Rock zwischen 1965 und 1974 aufnahmen.

Den Schwerpunkt bilden die drei Alben „Out Of Our Heads“ (1965), „Beggars Banquet“ (1968) sowie „Sticky Fingers“ (1971) mit jeweils drei beziehungsweise vier daraus entnommenen Tracks. Anders als bei ihrer Auswahl auf „Bob’s Back Pages: A Night With Bob Dylan Songs“ setzt Williams nun auf viele bekannte Songs. Mit „Street Fighting Man“ steigt sie erdig, fast dreckig rockend in das Album ein. Die nächsten drei Songs gehen in dem Stil weiter. „Get Off My Cloud“ hatte ich nicht auf dem Schirm. Ein richtig guter Song, der im Original von „December’s Children“ (1965) stammt. Nach dem Klassiker „Paint It Black“ fährt Williams das Tempo runter. Er findet sich auf dem Album „Aftermath“ (1966), das von Hollis Brown demnächst Track-By-Track adaptiert wird.

Mit „Play With Fire“ beginnt der Mittelteil der CD, in dem sich Williams langsameren Stücken zuwendet. Dabei gehen die Cover meist in Richtung Americana („No Expectations“, „Dead Flowers“, „Moonlight Mile“), aber auch der Blues ist vertreten („You Gotta Move“). Dunkle, intensive Atmosphäre durchzieht die Songs. Neben „Play With Fire“ stellt „Salt Of The Earth” eine besonders gelungene Interpretation dar. Williams singt dabei unkonventionell, trifft aber die richtigen Vibes.

Ab „Time Waits For No One” nimmt das Album wieder Fahrt auf. Über „Sway“ und „Doo Doo Doo Doo Doo (Heartbreaker)” steuert es auf die Superhits „(I Can’t Get No) Satisfaction” und „Sympathy For The Devil” zu. Das Ende markiert „ You Can’t Always Get What You Want”, bei dem Williams Version das Tempo gegenüber der Ursprungsfassung etwas reduziert.

„You Are Cordially Invited … A Tribute To The Rolling Stones” von Lucinda Williams lässt sich leicht auf einen Punkt bringen: tolle Songs, tolle Sängerin. Erneut drückt William den Originalen ihren Stempel auf. Mit ihren rootsrockigen Versionen, die die Kraft der Songs mit ausdrucksstarkem Gesang zur Geltung bringen, setzt Williams ein Ausrufezeichen zum Abschluss ihrer Coverreihe Lu’s Jukebox. Charlie Watts hätte bestimmt seine Freude an der Compilation gehabt.

Highway 20 – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Rock, Americana

Tracks:
01. Street Fighting Man
02. The Last Time
03. Get Off My Cloud
04. Paint It Black
05. Play With Fire
06. No Expectations
07. Dead Flowers
08. Salt Of The Earth
09. You Gotta Move
10. Moonlight Mile
11. Time Waits For No One
12. Sway
13. Doo Doo Doo Doo Doo (Heartbreaker)
14. (I Can’t Get No) Satisfaction
15. Sympathy For The Devil
16. You Can’t Always Get What You Want

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Jeffrey Halford & The Healers – Beware Of Worthless Imitations, Vol. 1 (1999-2019) – CD-Review

Review: Michael Segets

Der in Kalifornien lebende Jeffrey Halford ist wieder in seiner Heimat zurückgekehrt, nachdem seine Europa-Tour letzten Monat endete. Die Konzerte habe ich verpasst, aber dennoch gaben sie Anlass, mal in das hierzulande wenig bekannte Werk des Songwriters rein zu hören. Dafür bietet sich die Best-Of-Scheibe „Beware Of Worthless Imitations, Vol. 1 (1999-2019)“ geradezu an.

Der als Straßenmusiker seine Karriere beginnende Halford tourte bereits mit einigen namhaften Größen wie Taj Mahal, Los Lobos, George Thorogood, Gregg Allman, Etta James, John Hammond, Guy Clark und Robert Earl Keen. Auf der Compilation blickt er auf zwanzig Jahre seines Musikschaffens zurück und wählte dafür zwanzig Songs von sieben Alben aus. Die Stücke sind chronologisch auf der CD versammelt und geben so einen Einblick in die Stationen seiner musikalischen Entwicklung.

Das Album beginnt mit dem starken Roots-Rocker „Bad Luck“, das wie „Creole Moon“ von „Kerosene“ (1999) stammt. Danach folgen zwei Tracks („Radio Flyer“, „Lost And Found“) unter Beteiligung von Chuck Prophet (Green On Red). Im Original wurden sie gemeinsam mit „Satchel’s Fastball“, bei dem The Gospel Hummingbirds mitwirken, auf „Hunkpapa“ (2001) veröffentlicht. Neben weiteren rockigen Stücke („Nine Hard Days“, „Watching The Trains“) finden sich akustisch gehaltene Songs („Railbirds“, „Sea Of Cortez“) auf der Zusammenstellung. Eine besondere Dynamik entwickelt „Rainmaker“, das zu den herausstechenden Songs gehört. Weniger überzeugend ist „West Towards South“, bei dem Halford mit seinem Sprechgesang eher experimentelle Töne anschlägt.

„Lousiana Man“ groovt, nicht zuletzt durch die Orgel von Augie Meyers (Sir Douglas Quintett, Texas Tornados, Bob Dylan). Diese treibt auch durch den Tex-Mex „In A Dream“. Einen Ausflug in den Country unternimmt „Deeper Than Hell“. Ansonsten sind mehrere Titel dem Americana zuzuordnen, der in einer meist rockigen Richtung interpretiert wird. Abwechslungsreich ist der Gitarreneinsatz. Eine Resonator-Gitarre ist bei „North Beach“ sowie bei „Elvis Shot the Television“ zu hören. Eine dunkle, staubige Atmosphäre erzeugen die Saiten auf „Mexiko“, eine sanfte der Slide bei „Two Jacksons“. Die Melodie einer akustischen Gitarre trägt „10,000 Miles“.

In seiner Werkschau „Beware Of Worthless Imitations, Vol. 1 (1999-2019)“ zeigen Jeffrey Halford & The Healers mehrere Facetten. Zwischen Rock und Americana verarbeiten sie Einflüsse von Gospel und Country, wobei auch moderate Experimente ihren Platz finden. Insgesamt gibt das Album einen abwechslungsreichen Einblick in den bisherigen Output von Halford, bei dem der Eindruck entsteht, dass sich in jüngerer Zeit eine Entwicklung in Richtung Americana abzeichnet. Um dies zu bestätigen, müssten der Backkatalog näher gesichtet und die nächste Veröffentlichung abgewartet werden. Auf meiner Konzertliste stehen Jeffrey Halford & The Healers jedenfalls, wenn sie wieder den Sprung über den Atlantik machen.

Continental Song City – in-Akustik (2020)
Stil: Rock, Americana

Tracks:
01. Bad Luck
02. Creole Moon
03. Radio Flyer
04. Lost And Found
05. Satchel’s Fastball
06. Nine Hard Days
07. Watching The Trains
08. Railbirds
09. Louisiana Man
10. In A Dream
11. Mexico
12. Rainmaker
13. North Beach
14. Two Jacksons
15. Door ‘3
16. Elvis Shot The Television
17. 10,000 Miles
18. West Towards South
19. Deeper Than Hell
20. Sea Of Cortez

Jeffrey Halford & The Healers
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Lucinda Williams – Bob’s Back Pages: A Night With Bob Dylan Songs – CD-Review

Review: Michael Segets

Lucinda Williams setzt ihr Projekt Lu’s Jukebox mit der zeitgleichen Veröffentlichung von zwei Alben fort: „Bob’s Back Pages: A Night With Bob Dylan Songs“ und „Funny How Time Slips Away: A Night Of 60’s Country Classics”. Nach Tom Petty widmet Williams nun also Bob Dylan einen Platz in ihrer Coverreihe.

Der Nobelpreisträger feierte dieses Jahr seinen achtzigsten Geburtstag. Da liegt eine musikalische Würdigung nahe. Chrissie Hynde machte bereits einen Aufschlag und Williams folgt nun, wobei die Aufnahmen des Albums aus dem letzten Jahr stammen. Tribute-Alben für Bob Dylan stellen keine Seltenheit dar. Joan Osborne und Willie Nile kommen mir spontan in den Sinn, die seine Songs in eigenen Versionen einspielten. Die Besonderheit von dem Werk, das nun Williams vorlegt, besteht in der Songauswahl: Von Dylans bekanntesten Stücken ist keines von ihr berücksichtigt. Der Titel „Bob’s Back Pages“ deutet ja bereits darauf hin, dass eben nicht seine Hits in neues Licht gerückt werden.

Williams nimmt sich in erster Linie fünf Alben des Großmeisters vor, von denen sie fast vergessene Titel interpretiert. Dabei berücksichtigt sie seine Werke von den 1960ern bis in die 1990er. Von dem Klassiker „Highway 61 Revisited“ (1965) stammen „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry” sowie „Queen Jane Approximately“. Die siebziger Jahre sind mit „Idiot Wind” und „ Meet Me In The Morning“ vertreten – beide auf „Blood On The Tracks“ (1975) erschienen.

„Man Of Peace“ findet sich im Original auf „Infidels“ (1983), meiner Lieblingsscheibe von Dylan. Desweiteren pickt sich Williams noch Songs von „Oh Mercy“ („Everything Is Broken“, „Political World“) sowie „Time Out Of Mind“ („Not Dark Yet”, „Make You Feel My Love“) heraus. Schließlich rundet „Tryin‘ To Get To Heaven“, das auch von Joan Osborne gecovert wurde, den Longplayer ab.

Die Facetten von Williams Gesang, die Eigenwilligkeit ihrer Stimme und den Mut auch mal nölig oder kratzig zu klingen, mag ich sowieso. Bei ihrer Interpretation der Songs von Dylan passt das natürlich hervorragend. Williams verändert das Material in Richtung Blues oder Rock so weit, dass sich die Stücke nicht mehr spontan als Dylan-Titel identifizieren lassen. Durch die Selektion eher selten gehörter Songs wird der Eindruck verstärkt, etwas Neues zu hören.

Lucinda Williams verweigert sich durch die ungewöhnliche Songauswahl auf „Bob’s Back Pages: A Night With Bob Dylan Songs” konsequent dem Mainstream. Sie greift Titel auf, die im Schatten seiner Hits stehen. Mit ihrer Band im Rücken modifiziert sie die Vorlagen in Richtung Blues oder Rock, sodass sie mehr nach einem Williams-Original als nach Bob Dylan klingen. Mit dem Blick durch die Brille von Williams auf die eher unbekannte Seite von Bob Dylan entsteht ein außergewöhnliches Tribute-Album.

Highway 20 – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Rock, Blues and more

Tracks:
01. It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry
02. Everything Is Broken
03. Political World
04. Man Of Peace
05. Not Dark Yet
06. Meet Me In The Morning
07. Blind Willie Mctell
08. Tryin‘ To Get To Heaven
09. Queen Jane Approximately
10. Idiot Wind
11. Make You Feel My Love

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Lucinda Williams – Funny How Time Slips Away: A Night Of 60’s Country Classics – CD-Review

Review: Michael Segets

Die vierte Folge von Lucinda Williams Cover-Projekt Lu’s Jukebox „Funny How Time Slips Away: A Night Of 60’s Country Classics” erscheint gleichzeitig mit der dritten „Bob’s Back Pages: A Night With Bob Dylan Songs“. Wie schon „Southern Soul: From Memphis To Muscle Shoals & More” richtet Williams das neue Album wieder thematisch und nicht an einem Songschreiber aus.

Williams gräbt tief in den Annalen der Country-Geschichte der 1960er Jahre. Herausgekommen ist eine Zusammenstellung, die sich an hartgesottene Liebhaber des Countrys traditioneller Machart wendet. Zwar nimmt die Stimme von Williams den Songs etwas an Süße, aber insgesamt prägt schmachtender Slide der Steel Pedal den Longplayer. „Take Time For The Tears“ ist eine Eigenkomposition, die dessen atmosphärische Ausrichtung ganz gut beschreibt.

Viele Musiker und Songs, auf die Williams zurückgreift, sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten, wenn man kein Faible für den historische Country hat. Mit Tammy Wynette („Apartment #9“), Buck Owens („Together Again“), John Hartfold („Gentle On My Mind”) oder Carl Butler („Don’t Let Me Cross Over“) hatte ich bislang keine Berührungspunkte. Anders sieht es natürlich mit Willie Nelson aus, dessen Stück „Night Life Dig” aus dem Jahr 1960 allerdings ebenfalls vor meiner musikinteressierten Zeit lag.

Zwei Songs der Scheibe wurden auch von Elvis Presley gesungen: „Long Black Limosine“ und „Funny How Time Slips Away“. Sie stammen von Merle Haggard beziehungsweise Billy Walker. Als einziger Songwriter ist Hank Cochran mit zwei Titel vertreten („Make The World Go Away“, I Want To Go With You“). Zwischen den in der Machart sehr ähnlichen Titeln finden sich „First City“ von Loretta Lynn und der oftmals gecoverte Klassiker „I’m Movin‘ On“ von Hank Snow, die nicht nur durch ihr Uptempo herausstechen. Der kratzige, in einzelnen Passagen frech rotzige Gesang von Williams bringt frischen Wind auf die sonst eher gleichförmige Scheibe.

Der vierte Beitrag „Funny How Time Slips Away: A Night Of 60’s Country Classics” in Lucinda Williams Jukebox-Serie fällt gegenüber den bisherigen Alben der Reihe etwas ab. Dies liegt zum einen daran, dass sich die ausgewählten Originale bereits an eine spezielle Fangemeinde richten, zum anderen zeigen die Interpretationen im Gegensatz zu denen auf den vorherigen Werken eine geringere musikalische Variationsbreite. Dennoch reißt Williams mit ihrem Gesang einzelne Titel heraus.

Highway 20 – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Country

Tracks:
01. Apartment #9
02. Together Again
03. Make The World Go Away
04. Night Life Dig
05. Long Black Limosine
06. First City
07. I Want To Go With You
08. Don’t Let Me Cross Over
09. Gentle On My Mind
10. The End Of The World
11. I‘ Movin‘ On
12. Funny How Time Slips Away
13. Take Time For The Tears

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The Wild Feathers – Alvarado – CD-Review

Review: Michael Segets

The Wild Feathers starteten ihre Karriere direkt mit einem Major-Vertrag in der Tasche und tourten bereits mit Bob Dylan und Willie Nelson. Die ersten beiden Longplayer landeten dann fast folgerichtig in diversen amerikanischen Chartlisten. Mittlerweile endete das Engagement bei dem Major-Label. Nach einem solchen Einschnitt stellt sich die Frage, ob das Bandprojekt zu den Akten gelegt, oder ob weiterhin an ihm festgehalten wird. The Wild Feathers haben sich nach der Krise zusammengerauft und machten weiter. Sie empfanden die Lösung von den Bindungen sogar als eine Art Befreiung.

Die Band machte in ihren Anfängen auf mich den Eindruck einer Americana-Boygroup, die souverän eingängige, radiotaugliche Songs mit mehrstimmigen Gesang und leichtem Rockeinschlag produzierte. „Alvarado“ zeigt sie nun etwas gereifter, wobei kein gravierender Bruch zu ihren früheren Veröffentlichungen festzustellen ist. Die meisten Songs bleiben wie der Titeltrack im Midtempo. Auch wenn einzelne Titel etwas gleichförmig erscheinen („Top Of The World“) oder leicht süßlich wirken („Get Out Of My Own Way“), gelingen dem Qunitett aus Nashville einige gute Nummern. „Flashback“ zählt ebenso zu diesen wie die rockigeren „Over The Edge” und „Midway Motel“. Beim letztgenannten beteiligte sich Will Hoge beim Songwriting.

Wenn The Wild Feathers das Tempo bei „Ain’t Lookin’” – von Jeffrey Steele mitgeschrieben – und „Side Street Shakedown” anziehen, laufen sie zur Hochform auf. Hier zeigt die Combo auch mal Ecken und Kanten. Besonders gefällt mir der trockene Klang des Schlagzeugs, der auf mehreren Tracks den Rhythmus vorgibt und „Long Shot“ zusammen mit einer Mundharmonika stimmungsvoll einleitet.

Eine Affinität zum Country offenbaren The Wild Feathers mit „Another Sunny Day”, bei dem sie auf Slide und Twang setzen. An „Out On The Road” hätten Trucker bestimmt ihren Spaß. Der gleichmäßige Rhythmus im Takt rollierender Reifen trägt über einige Meilen auf den Highways des mittleren Westens. Durch die Country-infizierten Songs tritt eine weitere Facette der Scheibe zutage, die hauptsächlich zwischen mehrstimmigen Americana und melodiösem Rock changiert. The Wild Feathers zählen Tom Petty zu ihren Inspirationsquellen. Die Bezüge drängen sich nicht unbedingt auf, scheinen aber beispielsweise bei „Off Your Shoulders“ durch.

„Alvarado“ vereint Elemente von Rock und Americana mit einer gelegentlichen Prise Country. The Wild Feathers wirken dabei nicht ganz so wild, wie der Bandname vermuten lässt. Die Songs, auf denen sie rockigere Töne anschlagen, entwickeln mehr Biss und gehören zu den starken Tracks auf dem Album. Nach der Lösung von dem Major-Label schlägt das Quintett den richtigen Weg ein. Dabei setzen The Wild Feathers eher auf Evolution statt auf Revolution.

Als LP und CD kommt „Alvarado“ voraussichtlich erst im Januar 2022 auf den Markt.

New West Records/PIAS – Rough Trade (2021)
Stil: Americana, Rock

Tracks:
01. Alvarado
02. Ain’t Lookin’
03. Over The Edge
04. Side Street Shakedown
05. Out On The Road
06. Get Out Of My Own Way
07. Off Your Shoulders
08. Long Shot
09. Top Of The World
10. Flashback
11. Midway Motel
12. Another Sunny Day

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Colin Linden – bLOW – CD-Review

Review: Michael Segets

Im zarten Alter von elf inspirierte ein Gespräch mit Howlin‘ Wolf den jungen Colin Linden, sich der Musik zu verschreiben. In den letzten fünfundvierzig Jahren hat er dann auch Fußstapfen in der Musikgeschichte hinterlassen. Auf über 500 Longplayern wirkte er als Gitarrist und Sänger mit. Als Produzent kann er auf rund 140 Veröffentlichungen zurückblicken. Er spielte zusammen mit Bruce Cockburn, Bob Dylan, Gregg Allman und John Prine und produzierte Alben von Sue Foley und Keb‘ Mo‘, um nur einige zu nennen. Seit einem Vierteljahrhundert ist Linden als Mitglied von Blackie And The Rodeo Kings aktiv. Mit der Band und auch als Solokünstler heimste er einige Nominierungen und Trophäen der Juno Awards und einen Grammy ein. Unter seinem eigenen Namen liegt nun der vierzehnte Longplayer „bLOW“ vor. (Und nein, mir ist kein Fehler mit der Umstelltaste unterlaufen.)

Auf ihm widmet sich Linden dem Electric Blues, bei dem die E-Gitarren im Vordergrund stehen. Die Stücke orientieren sich teilweise an klassischen Größen wie Bo Diddley („4 Cars“) oder John Lee Hooker („Boogie Let Me Be“), wobei sie modern und zeitgemäß wirken. Aber auch aktuelle Anlässe bilden die Grundlage seiner Songs. Mit dem Titeltrack „Blow“ (diesmal in der konventionelle Schreibweise gelistet) greift er auf seine Erlebnisse während eines Tornados zurück. Schwere Stürme suchen Amerika in den letzten Jahren ja regelmäßig heim. Den Lockdown während der Pandemie bearbeitet Linden auf „Honey On My Tongue“.

Der Bluesrock dominiert die Scheibe. Dabei lässt Linden die Gitarrensaiten ausgiebig vibrieren. „Ain’t No Shame“ ist so ein gitarrengetriebener Beitrag. Daneben setzt er auch gerne die Hammond-B3-Orgel ein wie bei dem mit einem melodiösen Refrain versehenen „When I Get To Galilee“. Ein Piano klimpert auf „Angel Next To Me“ im Hintergrund und bringt so nochmal eine neue Note in den Sound. Linden groovt mal locker („Until The Heat Leaves Town“), mal etwas dunkler – beispielsweise bei dem Roadhouse Blues „Houston”. Straight forward geht „Right Shoe Wrong Foot“, allerdings deutlich erdiger als die anderen Songs, da den kratzigen und expressiven Gitarren weniger Raum gegeben wird. Ganz anders ist da „Change Don’t Come Without Pain“. Hier zelebriert Linden den Blues in Reinform über sieben Minuten und schöpft die Möglichkeiten der elektrischen Gitarre aus.

Linden zeigt eine gewisse Affinität zu Film und Fernsehen. Beim Soundtrack für „O Brother Where Are Thou“ wirkte er ebenso mit wie bei der Fernsehserie „Nashville”. Für ein weiteres Fernsehprojekt, nahm er einige Stücke auf, die dann den Grundstock für „bLOW“ legten. Den Gedanken, ein elektrifiziertes Bluesrock-Album zu machen, trägt Linden schon lange mit sich herum – vielleicht schon seit 1982, dem Jahr aus dem das Foto stammt, das das Cover ziert. Nun war wohl die richtige Zeit für die Realisation des Projekts gekommen, zumal der Longplayer als erste Veröffentlichung auf dem neuen Label Imprint von Lucinda Williams erscheint.

Colin Linden setzt mit „bLOW“ ein lang gehegtes Vorhaben in die Tat um. Er stellt ein kraftvolles Bluesrock-Album vor, das einerseits als Hommage an die Urväter des Blues verstanden werden kann, andererseits bewegt es sich auf der Höhe der Zeit. Seine Erfahrungen ausspielend und mit viel Energie aufspielend unternimmt er einen Streifzug durch die Facetten des Genres. Dabei lässt er nichts anbrennen.

Zuletzt kann das Geheimnis um den Albumtitel noch gelüftet werden: Die Schreibweise geht auf Lindens kleinen Neffen zurück, als dieser einen Entwurf für ein Cover zeichnete.

Highway 20 – Thirty Tigers (2021)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. 4 Cars
02. Ain’t No Shame
03. Until The Heat Leaves Town
04. Angel Next To Me
05. Boogie Let Me Be
06. When I Get To Galilee
07. Blow
08. Change Don’t Come Without Pain
09. Right Shoe Wrong Foot
10. Houston
11. Honey On My Tongue

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James McMurtry – The Horses And The Hounds – CD-Review

Review: Michael Segets

Hierzulande ist James McMurtry noch nicht so richtig über den Status des Geheimtipps hinausgekommen. Während der letzten fünfzehn Jahren konnte der Texaner in den Vereinigten Staaten allerdings seine Alben in diversen Charts platzieren. Seine Werke werden nicht nur von Kritikern hoch gelobt, sondern auch Kollegen wie John Mellencamp, der McMurtrys Debütalbum „Too Long In The Wasteland“ (1989) produzierte, und Jason Isbell sowie Schriftsteller Stephen King würdigen sein Songwriting.

Nach McMurtrys letztem Album „Complicated Game“ (2015) folgt nun „The Horses And The Hounds“. Um es vorweg zu nehmen: Das Album rangiert ganz weit oben unter den diesjährigen Neuerscheinungen. McMurtry liefert kraftvolle Songs, die klare Strukturen und eingängige Refrains mit formidablem Storytelling verbinden. Das Gefühl, von den Mitmenschen, von der Regierung, von dem Leben betrogen worden zu sein, durchzieht dabei das Werk ebenso wie das Eingeständnis eigener Unzulänglichkeiten. You can’t be young and do that – so lautet ein Vers der ersten Auskopplung „Canola Fields” und steht zugleich für das reife Songwriting von McMurtry.

Mit dem Opener „Canola Fields“ und dem folgenden „If It Don’t Bleed“ trifft McMurtry mitten ins Schwarze. Die erdigen Songs gehen unmittelbar ins Ohr und ins Herz. Besondere Intensität entwickelt ebenso „Decent Man“. Wie es McMurtry schafft, soviel Energie zu erzeugen bleibt dabei ein Rätsel. Der Gesang, der Chorus, der Rhythmus, die eingestreuten Gitarrensoli, der Text – sie greifen ineinander, sodass alles passt.

Bei „Operation Never Mind“ wird McMurtry politisch, indem er darauf hinweist, dass die Wahrnehmung von Kriegen heutzutage medial gesteuert wird und wir in der Regel auch nur das über sie wissen, was wir erfahren sollen. McMurtry sagt über sein Album, dass sich manche Gitarren nach Warren Zevon anhören. Tatsächlich werden Assoziationen zu dem 2003 verstorbenen Musiker besonders bei diesem Song geweckt.

Mit „Jackie“ schlägt McMurtry ruhigere Töne an. Das mit einem Cello unterlegte, sensible Stimmungsbild zeichnet ein tragische Frauenschicksal nach. Ein weiteres Portrait, das einem verstorbenen Freund gewidmet ist, malt „Vaquero“. Den Refrain der Ballade singt McMurty auf Spanisch. Den tempomäßigen Gegenpol bildet der gradlinige Rocker „What’s The Matter“. Beim Titelsong „The Horses And The Hounds” erhält David Grissom an der Gitarre die Gelegenheit sich mit härteren Riffs und zwei kurzen Soli auszuleben. Sehr schön ist auch der Background Gesang von Betty Soo und Akina Adderley. Die beiden Damen werten ebenso das textlastige „Ft. Walton Wake-Up Call“ auf.

Der Abschluss „Blackberry Winter” beginnt mit folgender Zeile: I don’t know what went wrong. Das Album hingegen bietet keinen Anlass für Selbstzweifel. McMurtry hat alles richtig gemacht. Einzig der Grund, warum das Album als Doppel-LP mit einer blanken Seite herauskommt, erschließt sich mir nicht. Die A-Seite ist durchgängig mit vier hochkarätigen Songs bestückt und auch auf den beiden anderen Seiten ist mit „Decent Man“ und „The Horses And The Hounds” jeweils ein ausgezeichneter Titel vertreten. Die anderen Stücke fallen lediglich im Vergleich mit den zahlreichen Delikatessen etwas ab, sind aber allesamt gute Kost.

Die musikalische Qualität garantieren die Begleitmusiker. McMurty hat für das Werk einige Veteranen der Szene zusammengetrommelt: David Grissom (John Mellencamp, Joe Ely, Storyville), Kenny Aronoff (Bob Dylan, John Fogerty, Jon Bon Jovi, Meat Loaf, Lynryd Skynyrd), Charlie Sexton (Arc Angels, Lucinda Williams, Shawn Colvin) Bukka Allen (Joe Ely, Alejandro Escovedo). Ross Hogarth (Melissa Etheridge, Van Halen) übernahm die Produktion und Abmischung.

James McMurtry zeigt einmal mehr, dass er zu den vorzüglichsten Songschreibern Amerikas gehört. Durch den erdigen Sound und die ausgefeilten Refrains ist ihm ein beeindruckendes Album gelungen, bei dem der Titeltrack „The Horses And The Hounds” sowie die ersten fünf Songs zurzeit in Dauerschleife laufen.

New West Records – PIAS-Rough Trade (2021)
Stil: Roots Rock

Tracks:
01. Canola Fields
02. If It Don‘t Bleed
03. Operation Never Mind
04. Jackie
05. Decent Man
06. Vaquero
07. The Horses And The Hounds
08. Ft. Walton Wake-Up Call
09. What‘s The Matter
10. Blackberry Winter

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Rodney Crowell – Triage – CD-Review

cover Rodney Crowell - Triage 300

Review: Michael Segets

Rodney Crowell betitelt sein neues Album „Triage“. In der Corona-Pandemie war der Begriff in den Medien präsent. Er stammt aus der Militärmedizin und bezeichnet das Problem, bei mangelnden Ressourcen eine Entscheidung darüber fällen zu müssen, wer ärztliche Versorgung erhält und wer nicht. Der Titelsong bezieht sich jedoch weder auf dieses ethische Dilemma noch auf Corona. Triage kann auch als Sichtung übersetzt werden, was mit Blick auf die thematische Ausrichtung des Longplayers passend erscheint.

Der siebzigjährige Crowell zieht auf seinem Werk eine Bilanz, die durchaus ambivalent ausfällt. Auf der einen Seite schlägt er einen versöhnlichen Ton an, auf der anderen Seite schwingt eine Bitterkeit durch die Texte, die sich so zwischen Optimismus und Fatalismus bewegen. „Triage“ und „I’m All About Love“ sind Reflexionen über die Liebe. Dabei beweist er ein großes Herz, auch für Personen (z. B. Putin und Trump), die mir bisher nicht besonders liebenswert erscheinen. Vielleicht hat Crowell eine Stufe der Altersweisheit erreicht, für die mir noch ein paar Jahre fehlen. Er zeigt tiefes Mitgefühl mit dem „Girl On The Street“, wobei die menschliche Tragödie und die Hilflosigkeit im Umgang mit ihr in direkte, aber dennoch berührende Verse gepackt werden.

Mit dem Bewusstsein, dass der Lebensabend begonnen hat, sind wohl „Here Goes Nothing“ und das mit Mundharmonika ausklingende „This Body Isn’t All There Is To Who I Am“ entstanden. Auch die einzige countryfizierte Nummer auf der Scheibe – „One Little Bird“ – kündet von einem nahenden Lebensende.

Crowell feierte seinen Durchbruch im Country. 1988 erschien sein Erfolgsalbum „Diamonds & Dirt“, das mit fünf Singles die Genre-Charts toppte. Für den Hit „After All That Time“ erhielt er den ersten von zwei Grammys. Als Songwriter war er allerdings noch erfolgreicher. Johnny Cash, Waylon Jennings, The Oak Ridge Boys, Bob Seger, Keith Urban, Lee Ann Womack und Tim McGraw nahmen seine Songs auf. Crowell erntete die ersten Lorbeeren in der Band von Emmylou Harris, danach begleitete er die Karriere seiner damaligen Gattin Rosanne Cash.

Musikalisch lässt sich Crowell bei seinen eigenen Veröffentlichungen allerdings nicht auf den Country festlegen. So präsentiert er auch auf „Triage“ unterschiedliche Facetten. Auf dem reduzierten „Hymn #43“ zeigt er sich als Singer/Songwriter. Das textlastige, musikalisch im etwas sperrigen Sprechgesang vorgetragene „Transient Global Amnesia Blues“ steht ebenfalls in dieser Tradition. Stilistisch lassen sich mehrere Stücke zwischen Americana und Rock/Pop verorten und schlagen ein mittleres Tempo ein. Die Intonation von Crowells Gesang erinnert in manchen Passagen an Bob Dylan oder in anderen an Willie Nile.

Ein Highlight stellt für mich der Opener „Don’t Leave Me Now“ dar, der mit leicht klagender Stimme und akustischer Gitarre beginnt, bevor die Band kraftvoll einsetzt und den Titel in einen Rocksong verwandelt. Ein weiteres Glanzlicht setzt Crowell mit seiner Single „Something Has To Change“. Hier sorgt Raymond James Mason mit seinem Solo an der Zugposaune für einen besonders intensiven Moment.

Rodney Crowell beweist mit „Triage“ erneut seine Qualität als Songwriter, wobei er seine ehrlich wirkenden, aus genauer (Selbst-)Beobachtung gewonnenen Texte mit Hilfe seiner Band gekonnt arrangiert. Das Album kann so zwar gut nebenbei gehört werden, gewinnt seinen Reiz jedoch vor allem durch das Hinhören oder das Mitlesen der Lyrics.

RC1 Records – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Singer/Songwriter and more

Tracks:
01. Don’t Leave Me Now
02. Triage
03. Transient Global Amnesia Blues
04. One Little Bird
05. Something Has To Change
06. Here Goes Nothing
07. I’m All About Love
08. Girl On The Street
09. Hymn #43
10. This Body Isn’t All There Is To Who I Am

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The Wallflowers – Exit Wounds – CD-Review

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Review: Michael Segets

Es gibt wahrscheinlich kaum Berichte über The Wallflowers, in denen nicht zumindest in einem Nebensatz erwähnt wird, dass Bandleader Jakob Dylan, der Sohn von Bob ist. Dieser Review des neuen Albums „Exit Wounds“ der Wallflowers macht dahingehend keine Ausnahme. Dabei hat Jakob Dylan selbst schon die magische 50 überschritten und ist auch musikalisch längst den Kinderschuhen entwachsen.

Wenn schon nicht auf den Nobelpreis, so kann er doch auf zwei Grammys zurückblicken und hat seinen eigenen Weg im gleichen Metier wie sein Vater erfolgreich eingeschlagen. Nach Goethe soll man Kindern Wurzeln und Flügel geben. Dies scheint Bob Dylan bei seinem Sohn gelungen zu sein. Jakob selbst greift dieses sprachliche Bild bei seiner Single „Roots And Wings“ auf, allerdings aus der Perspektive der älteren Generation.

The Wallflowers wurden 1990 von Jakob Dylan offiziell ins Leben gerufen und brachten 1992 das erste Album raus. Bis 2012 folgten fünf weitere Longplayer. Danach war in Sachen Wallflowers erst einmal Pause. Dylan veröffentlichte in der Zwischenzeit zwei Alben unter eigenem Namen. Nun belebt er seine Band erneut, wobei Wiederbelebung eigentlich der falsche Ausdruck ist: Bis auf den Frontmann gibt es keine Konstanten in der Besetzung. Multiinstrumentalist Butch Walker, Gitarrist Val McCallum, Keyboarder Aaron Embry sowie Bassist Whynot Jensveld und Schlagzeuger Mark Stepro bilden das derzeitige Line-up der Wallflowers.

„Exit Wounds“ ist ein homogenes Album geworden, dessen Tracks sich überwiegend im Midtempo oder etwas darunter bewegen. Die ersten beiden Songs „Maybe Your Heart’s Not In It No More” – ebenfalls vorab ausgekoppelt – sowie „Roots And Wings” haben einen erdigen Grundton. Nach dem lockeren und leicht poppigen „I Hear The Ocean (When I Wanna Hear Trains)” schlägt „The Dive Bar In My Heart” rockigere Töne an. „Move The River”, bei dem Brian Griffin an den Drums sitzt, rockt zumindest im Refrain und zählt zu den songtechnisch auffälligsten Tracks des Albums.

„Who’s That Man Walking ‘Round My Garden” kann als ein Highlight des Longplayers gelten. Die gradlinige Nummer im Garage-Sound – mit treibenden Keys gewürzt – scheppert kräftig. Auf der anderen Seite des Spektrum finden sich gelungene Balladen – allen voran „Darlin’ Hold On“, auf dem Shelby Lynne als Duett-Partnerin von Dylan glänzt. Bei einigen anderen Titeln, so auch bei „I’ll Let You Down (But Will Not Give You Up)”, steuert sie Harmonien bei. Hier und auch bei „Wrong End Of The Spear” ist Dylans Gesang besonders eindringlich.

„The Daylight Between Us” bildet den Abschluss eines Albums, das sich thematisch um Verluste und Veränderungen dreht. Die Kerben, die das Leben oder die Mitmenschen schlagen und die wohl jeder mit sich herumträgt, boten den Anstoß für den Titel „Exit Wounds“ und durchziehen als konzeptioneller Gedanke die Songsammlung.

Mit „Exit Wounds“ meldet sich Jakob Dylan mit seinen Wallflowers ohne Qualitätsverluste im Vergleich zu den vorangegangenen Alben zurück. Durch die Band im Rücken wirkt Dylans Sound voll und rockig. Dabei liefern The Wallflowers vor allem mit ihren ruhigeren Songs feine Kost ab. Vielleicht sollte man den Midtempo-Stücken ein paar Durchläufe gönnen, denn unter ihnen fehlt der ganz große Ohrwurm, der sich sofort festsetzt. In Gänze stellt „Exit Wounds“ ein willkommenes Lebenszeichen von Dylans Bandprojekt dar.

Um nochmal Goethe zu bemühen: Man sollte jeden Tag ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, darüber hinaus ein treffliches Gemälde betrachten sowie ein vernünftiges Wort sprechen. Wenn man „Exit Wounds“ von The Wallflowers auflegt, erfüllt man die beiden ersten Empfehlungen des Literaten. Für die anderen beiden Aufgaben bleiben dann die restlichen Stunden des Tages.

New West Records (2021)
Stil: Rock

Tracks:
01. Maybe Your Heart’s Not In It No More
02. Roots And Wings
03. I Hear The Ocean (When I Wanna Hear Trains)
04. The Dive Bar In My Heart
05. Darlin’ Hold On
06. Move The River
07. I’ll Let You Down (But Will Not Give You Up)
08. Wrong End Of The Spear
09. Who’s That Man Walking ‘Round My Garden
10. The Daylight Between Us

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New West Records
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The Flatlanders – Treasure Of Love – CD-Review

cover The Flatlanders - Treasure Of Love 300

Review: Michael Segets

The Flatlanders spielten ihr erstes Album 1972 ein, die Plattenfirma veröffentlichte es aber nicht. Nach diesem Fehlstart löste sich die Band erst einmal auf. In den folgenden Jahren kursierten einige Liveaufnahmen und Bootlegs, durch die das Trio, bestehend aus Joe Ely, Jimmie Dale Gilmore und Butch Hancock, einen legendären Ruf erwarb.

Erst 1990 kam das gemeinsame Debüt in leicht abgewandelter Form heraus und wurde ein kommerzieller Erfolg, an dem die Urheber allerdings keine Beteiligung erfuhren. Mittlerweile hatten die Musiker Solokarrieren eingeschlagen. Den Kontakt verloren die drei Freunde allerdings nie. Sporadisch ergaben sich Kollaborationen und für den Soundtrack zum Film „Der Pferdeflüsterer“ steuerten sie als The Flatlanders einen Track bei.

In der ersten Dekade der 2000er entstanden noch drei gemeinsame Alben. Ein weiteres Werk wurde begonnen, jedoch nicht vollendet, bis die Pandemie die Termin- und Tourkalender leerte. Die Zwangspause nutzten Ely, Gilmore und Hancock, um das Projekt fertigzustellen. Dafür engagierten Sie Lloyd Maines (The Chicks, Wilco, Kris Kristofferson, Loretta Lynn), der „Treasure Of Love“ zusammen mit Ely und dessen Frau Sharon produzierte.

Unter den fünfzehn Songs des Longplayers sind ältere und neuere Eigenkompositionen sowie einige Cover vertreten. The Flatlanders interpretieren „She Belongs To Me” von Bob Dylan, „Snowin‘ on Raton” von Townes Van Zandt, „Give My Love To Rose” von Johnny Cash und „Treasure of Love” von George Jones. Der Klassiker „Sittin‘ On Top Of The World“, mit dem die Band gerne ihre Konzerte beendet, beschließt auch das Album. Das Video zur ersten Single besticht durch die historischen Aufnahmen aus der frühen Bandgeschichte.

„Treasure Of Love“ umweht der Hauch der Siebziger, der bei „Ramblin‘ Man“ besonders deutlich spürbar ist. Das Album ist gradlinig produziert und verzichtet auf Modernisierungen oder Schnörkel. Die Texaner gelten als Mitinitiatoren des Alternative Country und bleiben dessen Ursprüngen in jedem Song verbunden. Die Instrumentierung bewegt sich daher auch in genretypischen Bahnen und setzt bei mehreren Stücken auf ausgiebigen Slide. Beim Opener „Moanin’ Of The Midnight Train” treffen The Flatlanders dabei genau das richtige Maß, zumal das kräftige Schlagzeug eine gelungen Gegenpol liefert.

Das Wimmern der Saiten ist auf manchen Tracks etwas viel, wie bei „The Ballad Of Honest Sam“. „I Don’t Blame You” geht in eine ähnliche Richtung, wenn es auch nicht ganz so süßlich wirkt. Besser gelungen ist die Country-Ballade „Love Oh Love Please Come Home”. Neben den getragenen Stücken präsentieren The Flatlanders einige flotte Nummern wie „Mobile Blue“ oder auch „She Smiles Like A River“. Ordentlichen Swing gibt die Band „Mama Does The Kangaroo” mit. Schließlich finden sich Bluegrass-Elemente („Satin Shoes“) und mehrstimmige Gesangseinlagen („Long Time Gone“) auf dem Album, sodass dessen Linie zwar erhalten bleibt, Variationen im Sound aber einfließen.

Wenn Charley Crockett, Colter Wall oder auch Vincent Neil Emerson als Vertreter des New Traditional Country gehandelt werden, dann vertreten The Flatlanders einen Old Alternative Country. Was vor fünfzig Jahren einen innovativen Schub in die Country-Musik brachte, klingt heute eher altbekannt. Dass die Neuauflage des Alten aber nicht schlecht sein muss, sondern durchaus einen eigenen Charme entwickeln kann, beweisen Ely, Gilmore und Hanock auf „Treasure Of Love“. Schätze liegen ja manchmal längere Zeit verborgen, bis sie wieder ans Tageslicht gehoben werden.

Rack’Em Records – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Alternative Country

Tracks:
01. Moanin’ Of The Midnight Train
02. Long Time Gone
03. Snowin’ On Raton
04. She Smiles Like A River
05. Love Oh Love Please Come Home
06. Give My Love To Rose
07. Treasure Of Love
08. Satin Shoes
09. The Ballad Of Honest Sam
10. Mama Does The Kangaroo
11. She Belongs To Me
12. I Don’t Blame You
13. Mobile Blue
14. Ramblin’ Man
15. Sittin’ On Top Of The World

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