Rodney Crowell – Triage – CD-Review

cover Rodney Crowell - Triage 300

Review: Michael Segets

Rodney Crowell betitelt sein neues Album „Triage“. In der Corona-Pandemie war der Begriff in den Medien präsent. Er stammt aus der Militärmedizin und bezeichnet das Problem, bei mangelnden Ressourcen eine Entscheidung darüber fällen zu müssen, wer ärztliche Versorgung erhält und wer nicht. Der Titelsong bezieht sich jedoch weder auf dieses ethische Dilemma noch auf Corona. Triage kann auch als Sichtung übersetzt werden, was mit Blick auf die thematische Ausrichtung des Longplayers passend erscheint.

Der siebzigjährige Crowell zieht auf seinem Werk eine Bilanz, die durchaus ambivalent ausfällt. Auf der einen Seite schlägt er einen versöhnlichen Ton an, auf der anderen Seite schwingt eine Bitterkeit durch die Texte, die sich so zwischen Optimismus und Fatalismus bewegen. „Triage“ und „I’m All About Love“ sind Reflexionen über die Liebe. Dabei beweist er ein großes Herz, auch für Personen (z. B. Putin und Trump), die mir bisher nicht besonders liebenswert erscheinen. Vielleicht hat Crowell eine Stufe der Altersweisheit erreicht, für die mir noch ein paar Jahre fehlen. Er zeigt tiefes Mitgefühl mit dem „Girl On The Street“, wobei die menschliche Tragödie und die Hilflosigkeit im Umgang mit ihr in direkte, aber dennoch berührende Verse gepackt werden.

Mit dem Bewusstsein, dass der Lebensabend begonnen hat, sind wohl „Here Goes Nothing“ und das mit Mundharmonika ausklingende „This Body Isn’t All There Is To Who I Am“ entstanden. Auch die einzige countryfizierte Nummer auf der Scheibe – „One Little Bird“ – kündet von einem nahenden Lebensende.

Crowell feierte seinen Durchbruch im Country. 1988 erschien sein Erfolgsalbum „Diamonds & Dirt“, das mit fünf Singles die Genre-Charts toppte. Für den Hit „After All That Time“ erhielt er den ersten von zwei Grammys. Als Songwriter war er allerdings noch erfolgreicher. Johnny Cash, Waylon Jennings, The Oak Ridge Boys, Bob Seger, Keith Urban, Lee Ann Womack und Tim McGraw nahmen seine Songs auf. Crowell erntete die ersten Lorbeeren in der Band von Emmylou Harris, danach begleitete er die Karriere seiner damaligen Gattin Rosanne Cash.

Musikalisch lässt sich Crowell bei seinen eigenen Veröffentlichungen allerdings nicht auf den Country festlegen. So präsentiert er auch auf „Triage“ unterschiedliche Facetten. Auf dem reduzierten „Hymn #43“ zeigt er sich als Singer/Songwriter. Das textlastige, musikalisch im etwas sperrigen Sprechgesang vorgetragene „Transient Global Amnesia Blues“ steht ebenfalls in dieser Tradition. Stilistisch lassen sich mehrere Stücke zwischen Americana und Rock/Pop verorten und schlagen ein mittleres Tempo ein. Die Intonation von Crowells Gesang erinnert in manchen Passagen an Bob Dylan oder in anderen an Willie Nile.

Ein Highlight stellt für mich der Opener „Don’t Leave Me Now“ dar, der mit leicht klagender Stimme und akustischer Gitarre beginnt, bevor die Band kraftvoll einsetzt und den Titel in einen Rocksong verwandelt. Ein weiteres Glanzlicht setzt Crowell mit seiner Single „Something Has To Change“. Hier sorgt Raymond James Mason mit seinem Solo an der Zugposaune für einen besonders intensiven Moment.

Rodney Crowell beweist mit „Triage“ erneut seine Qualität als Songwriter, wobei er seine ehrlich wirkenden, aus genauer (Selbst-)Beobachtung gewonnenen Texte mit Hilfe seiner Band gekonnt arrangiert. Das Album kann so zwar gut nebenbei gehört werden, gewinnt seinen Reiz jedoch vor allem durch das Hinhören oder das Mitlesen der Lyrics.

RC1 Records – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Singer/Songwriter and more

Tracks:
01. Don’t Leave Me Now
02. Triage
03. Transient Global Amnesia Blues
04. One Little Bird
05. Something Has To Change
06. Here Goes Nothing
07. I’m All About Love
08. Girl On The Street
09. Hymn #43
10. This Body Isn’t All There Is To Who I Am

Rodney Crowell
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Quinn Sullivan – Wide Awake – CD-Review

cover Quinn Sullivan - Wide Awake

Review: Jörg Schneider

Am 4. Juni bringt der hierzulande noch relativ unbekannte Quinn Sullivan sein inzwischen viertes Album heraus und das mit jugendlichen 22 Jahren. Dabei kann der junge Kerl auf einen durchaus beachtlichen musikalischen Werdegang zurückblicken. Immerhin wurde er bereits im Alter von 8 Jahren von der Blueslegende Buddy Guy entdeckt und gefördert.

In der Folge spielte er u. a. mit so großartigen Gitarristen und Bluesern wie Joe Bonamassa, Eric Gales, B.B. King und Carlos Santana, um nur ein paar zu nennen. Und in 2013 durfte er gar zusammen mit Buddy Guy und Robert Randolph auf Eric Claptons Crossroads Guitar Festival auftreten. Welch Ehre für den damaligen Teenager!

Obwohl seine musikalischen Wurzeln tief im Blues verankert sind, geht Sullivans neuer Longplayer „Wide Awake“ mehr in Richtung softem Blues Rock bis fast hin zu Singer/Songwriter-Pop-Gefilden. Umso mehr aber lassen die genretypisch eingängig arrangierten Songs seine herausragenden Fähigkeiten als Gitarrist und Texter hervortreten.

Die zwölf Songs des Albums erstrecken sich über melodische Pop-Songs („Baby Please“, „Real Thing“, „Jessica“) bis hin zu Rock- und Pop-Balladen („All Around The World“, „She’s Gone…“, „You’re The One“, „Wide Awake“ und dem im Refrain beatlesken „Strawberry Rain“), wobei aber auch funkige („She Is So Irresistible“), soulige (“How Many Tears“) und Latin- („In A World Withou You“) Versatzstücke auftauchen. Schließlich endet das Werk mit dem schönen Slow Blues „Keep Up“.

Musikalisch gesehen ist „Wide Awake“ also ein mit frischen Arrangements und ungetrübter Spiellaune überzeugendes Pop-Blues Rock-Album. Leider hat sich Quinn Sullivan dadurch von seinen klassischen Blueswurzeln entfernt und sieht dies als einen Schritt seiner musikalischen Weiterentwicklung an: „Die Künstler, die mich inspirieren, sind immer hungrig nach dem Neuen und sie wiederholen sich nie. Sie wachsen und werden immer einzigartiger – und das ist es, was ich für mich als Künstler ebenfalls anstrebe.“

Schade, dass Sullivan aus Sicht des Rezensenten seine überragenden Fähigkeiten als Gitarrist nun in den Dienst des eher gewinnbringenden Mainstreams stellt. Damit ist das vorliegende Album, sicherlich keine schlechte, aber dennoch nur eine rockige Version der Musik á la Ed Sheeran, James Blunt & Co. Ob die Scheibe nun so gefällt oder nicht, ist letztendlich eine Frage der musikalischen Vorlieben eines Jeden. Von daher wird die Scheibe aber mit Sicherheit seine Anhänger finden.

Label: Mascot Label Group
Stil: Pop Blues Rock

Tracks:
01. All Around The World
02. She Is So Irresitible
03. How many Tears
04. In A World Without You
05. She’s Gone (& She Ain’t Coming Back)
06. Baby Please
07. Real Thing
08. You’re The One
09. Wide Awake
10. Strawberry Rain
11. Jessica
12. Keep Up

Quinn Sullivan
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Mascot Records
Another Dimension

Blitzen Trapper – Holy Smokes Future Jokes – CD-Review

Blitzen_300

Review: Jörg Schneider

Als ich die neue CD der Billy Walton Band über Marcus Offermanns von Bertus Musikvertrieb für eine Rezension erhielt, hatte er mir auch das neueste Werk von Blitzen Trapper dazu gepackt. Bislang war die Band für mich völlig unbekannt und ich musste mich also erst einmal ein wenig mit ihr beschäftigen.

Bei der Truppe handelt es sich um ein seit 2000 bestehendes Quintett aus Portland, Oregon, mit Frontmann Eric Earley (Gitarre, Mundharmonika, Gesang, Keyboards), Erik Menteer (Gitarre, Keyboards), Brian Adrian Koch (Drums, Gesang, Mundharmonika), Michael Van Pelt (Bass) und Marty Marquis (Gitarre, Keyboards, Gesang, Melodica). Stilistisch sind sie dem Alternative Country und Folk zu zurechnen.

Die vorliegende CD mit dem etwas kryptisch verschwurbelten Titel „Holy Smokes Future Jokes“ ist das zehnte Album der Band. Beim ersten kurzen Anspielen der zehn Titel dachte ich noch, ok, das hört sich ja nicht schlecht an. Nach dem zweiten aufmerksamen Zuhören bleibt allerdings der Eindruck, dass sich alle Tracks doch recht ähnlich anhören und so vor sich hin plätschern. Die meisten Songs auf dem Album sind im Singer/Songwriter-Stil melodiös und ohne große Aufreger arrangiert. „Baptismal“ und „Bardo‘s Light“ sind recht ähnlich komponiert, wobei Earleys Stimme im ersten Track leicht verhallt ist und „Magical Thinking“ wartet mit einem schönen Gitarrenintro im Fingerpicking-Stil auf.

Das interessanteste und beste Stück ist aber sicherlich „Masonic Temple Microdose #1“. Eine härter gespielte Gitarre mit Slideeinlagen gibt hier den Rhythmus vor und erinnert ein wenig an den Pop-Rock der 60er Jahre. Erwähnenswert sind ansonsten noch „Requiem“, ein Song, der nicht, wie der Titel vermuten lässt, schwermütig ist, sondern fröhlich positiv klingt und natürlich das Titel gebende Stück „Holy Smokes Future Jokes“ mit zu „Holy Smokes …“ passenden, leicht psychedelischen Anleihen.

Die Stücke allein machen das Album allerdings nicht aus. Als Zuhörer sollte man nach Möglichkeit schon auf die Lyrics achten, wobei diese aber zugegebenermaßen nicht immer leicht verständlich sind. Aber die Mühe, die Texte verstehen zu wollen, lohnt. Immerhin geht es in den Songs um ganz existentielle Fragen des menschlichen Daseins.

Die Texte sind von George Saunders Buch „Lincoln in the Bardo“ inspiriert. Dem tibetischen Buddhismus zufolge, beschreibt der Begriff „Bardo“ Bewusstseinszustände im Dies- und Jenseits. Und genau diese Gedanken greifen Blitzen Trapper auf und setzen sie in traumhafte und apokalyptische Szenarien um, womit sich somit auch der kryptisch anmutende Name des Albums erklären lässt.

Musikalisch gesehen ist die Scheibe mit der vor sich hinplätschernden Musik also gut zum Abschalten/Träumen/Meditieren geeignet. Wenn man sich zudem noch auf die Texte einlassen kann, bekommt man aber auch noch eine spannende intellektuell-philosophische Reise gratis dazu.

Yep Roc/Bertus (2020)
Stil: Alternative Country, Folk, Singer/Songwriter

Tracks:
01. Baptismal
02. Bardo‘s Light (Quija, Quija)
03. Don‘t Let Me Run
04. Magical Thinking
05. Masonic Temple Microdose #1
06. Requiem
07. Holy Smokes Future Jokes
08. Sons And Unwed Mothers
09. Dead Billy Jean
10. Hazy Morning

Blitzen Trapper
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Yep Roc Records
Bertus

Willy Tea Taylor – 06.11.2019, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

WTT_haupt

Bevor ich die Ankündigung auf der Homepage der Kulturrampe sah, war mir Willy Tea Taylor völlig unbekannt. Einmal wahrgenommen, lief mir der Name aber einige Male über den Weg. So zählt beispielsweise Leslie Stevens ihn zu ihren musikalischen Vorbildern und tatsächlich genießt der Singer/Songwriter in der Independent-Szene einen beachtlichen Ruf.

Der Mann mit dem roten Rauschebart bewies in der Kulturrampe, dass er wirklich nur eine Gitarre und seine Stimme braucht, um die Zuhörer mit feinen Melodien und poetischen, tiefgründigen Texten in seinen Bann zu ziehen.

Die Reihe von akustischen Konzerten in der Rampe, in der ich beispielsweise mit Charlie Parr einen exquisiten Songwriter und mit Bet Williams eine außerordentliche Sängerin erleben durfte, wurde dieses Jahr nur sporadisch fortgesetzt. Daher stand schon früh fest, dass ich mir Willy Tea Taylor nicht entgehen lassen wollte.

Die Rampe bietet natürlich auch den idealen Rahmen für die private und fast schon intime Atmosphäre solcher Konzerte. Die kam mit gut zwanzig zahlenden Gästen auch schnell auf, obwohl diesmal der Auftritt im Saal stattfand.

Die Bestuhlung der vorangegangenen „Komischen Nacht“ wurde passend für den Gig leicht verändert und so genoss Willy Tea Taylor den Charme der Location in vollen Zügen, was er mehrmals betonte. Zwar mit einer Setlist angetreten, wich er schnell von ihr ab und ließ sich treiben. Gegen Ende des Konzerts spielte er seine Songs souverän auf Zuruf aus dem Publikum.

Willy Tea Taylor feierte in der Kulturrampe die Halbzeit seiner zweimonatigen Europatournee. Er zeigte sich sehr gut aufgelegt und bewies zwischen den Titeln viel Humor. Die Songs wurden von ihm meist mit Anekdoten oder Erläuterungen eingeleitet. Er erklärte auch, dass er beim Singen die Augen schließt, um sich in die Lieder vollständig einzufühlen.

Dies sei eine Eigenart von ihm und hätte nichts mit Schüchternheit zu tun. Schwierigkeiten mit dem Publikum in Kontakt zu treten, hatte er tatsächlich nicht. Aufgeschlossen und kontaktfreudig lieferte Taylor einen kurzweiligen Auftritt, wobei er sich über seinen Slang selbstironisch lustig machte. Man konnte den ganzen Abend hindurch spüren, dass er sich wohlfühlte und das taten die Besucher ebenfalls.

In bester Storyteller-Tradition entführte Willy Tea Taylor in seine Welt. Seine Folk-Songs atmen die Landluft seiner Heimat, der kalifornischen Kleinstadt Oakdale, die von Viehzucht, Rodeos und Baseball geprägt ist.

Das Baseball-Spiel wird in einigen Songs in ein allegorisches Verhältnis zum Leben gesetzt, so bei „Knucklehead Prime“ – dem Titelsong seiner letzten CD – oder „Brand New Game“, das sich ebenfalls auf dieser Scheibe findet. Sensibel nimmt der Künstler seine Umgebung wahr und transformiert sie in nacherlebbare Texte.

Nett war gleichfalls die Geschichte, die er zu „Lullaby“ erzählte. Statt die aufgetragenen Farmarbeiten zu erledigen, komponierte er dieses Stück. Nachdem er seinem Arbeitgeber den Titel vorspielte, bekam Taylor die Hälfte des Tagelohns ausgezahlt – Kulturförderung mal anders.

Mit Latzhose und Strickmütze bekleidet nimmt man dem Singer/Songwriter seinen ländlichen Hintergrund vollständig ab. Seine Heimat- und Familienverbundenheit scheint in seinen Texten, beispielsweise bei den hervorragenden „California“ und „Wandering Boy“, immer wieder durch. Seine antike 4-String-Gitarre aus dem Jahr 1927 taufte er nach seiner Urgroßmutter Beverly.

Seinem Opa widmete er das neue Stück „Fighting Man“, mit dem er das zweite Set eröffnete. Ein starker Titel, der wohl auf der nächsten Veröffentlichung zu finden sein wird.

Neben weiteren neuen Stücken – „Waterlogged“, „The Nurse“, „Devils Taxonomy“ und dem kurzen, aber sehr witzigen „Instagram“ – berücksichtigte Taylor seine beiden Alben „4 Strings“ und „Knucklehead Prime“ ausgewogen. Von seiner EP „Damn Good Dog“, die er zusammen mit The River Arkansas einspielte, stammten „For Sam“ und „Lazy Third Eye“.

„Young When I Left Home“ sowie „Marshall Law“ finden sich ursprünglich auf einem Album seiner Americana-Band The Good Luck Thrift Store Outfit. Auch die Zuhörer, die sich nicht intensiv in sein Werk eingearbeitet hatten, erhielten so einen Überblick über Taylors musikalisches Schaffen.

Die erste Dreiviertelstunde war bereits außergewöhnlich stimmungsvoll, aber der zweite Teil des Konzerts übertraf – nicht nur mit der Länge von 70 Minuten – alle Erwartungen. „Wrong Way To Run“ erzeugte Gänsehaut. Die Intensität von „Molly Rose“ war unglaublich. Die Fingerfertigkeit, mit der Taylor die Saiten zupft, traut man ihm zunächst nicht zu. Beim Gesang und bei zwei Pfeifintermezzi traf er jeden Ton.

Leider hatte ich mit meinem Wunschtitel „Bones“ bereits mein Pulver verschossen, sonst hätte ich mir „The Very Best“ noch erhofft. Aber auch ohne diesen Song bleibt Taylors Auftritt als das Beste im Gedächtnis, was in Sachen Folkkonzert möglich ist. Rampenchef Markus Peerlings bezeichnete den Abend als magisch. Dem ist nichts hinzuzufügen. Willy Tea Taylor ist ein charismatischer Singer/Songwriter, der authentisch seine Musik lebt.

Er und auch die Rampe hätten mehr Besucher verdient gehabt. Aber dennoch war das Konzert nicht nur für die Zuhörer, sondern – wie ich glaube – ebenso für Willy Tea Taylor ein schönes Erlebnis. Zumindest in dieser Hinsicht kann die erste Kooperation zwischen der Kulturrampe und der Konzertagentur Rootstown Bookings als voller Erfolg verbucht werden, sodass auf eine weitere Zusammenarbeit gehofft werden darf.

Eine weitere Premiere ist, dass Carsten Wohlfeld die Fotos für einen SoS-Bericht beisteuert.

Line-Up:
Willy Tea Taylor (vocals, guitar)

Text: Michael Segets
Bilder: Carsten Wohlfeld

Willy Tea Taylor
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Kulturrampe Krefeld
Rootstown Bookings

Beth Hart – War In My Mind – CD-Review

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Review: Jörg Schneider

Beth Hart hat nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens gestanden. Eine schwierige Kindheit, ein spielsüchtiger Vater, Drogenprobleme und ihre, wie sie offen zugibt, manisch-depressive Erkrankung sowie der frühe Verlust ihrer Schwester haben sie über die Jahrzehnte geformt.

Inzwischen ist die Sängerin gereift und präsentiert nun mit 47 Jahren ihr wohl persönlichstes Album. Auf „War In My Mind“ verarbeitet sie die Berg- und Talfahrten ihres Lebens. In den Songs gibt sich Beth Hart roh und ungeschminkt, die Tracks wirken deshalb auch sehr kraftvoll und authentisch.

Fast alle Songs kommen in ihrer Grundtendenz einerseits eher nachdenklich daher, reißen aber andererseits den Zuhörer dank ihrem virtuosem Klavierspiel und einfühlsamen Gesang auch immer mit. Auf jeden Fall besticht das Album nicht nur musikalisch, sich mit den Lyrics auseinander zu setzen lohnt sich ebenfalls. Insofern ist es schade, dass, zumindest der für das Review vorliegenden Demoversion des Albums, kein Booklet mit den Songtexten beiliegt.

Hier eine kurze Beschreibung einiger Songs auf dem Album:

Der Opener „Bad Woman Blues“ – er handelt von einer durchtriebenen Frau, die sich dessen aber nicht schämt – bietet ein gospelartiges Intro, welches sich zu einem rhythmisch groovenden Track entwickelt.

In der sich zu einer epischen Hymne entwickelnden Klavierballade „War In My Mind“ verarbeitet Beth Hart ihre jahrelange Alkoholsucht und das Gefühl mit dem Leben nicht mehr klar kommen zu können.

Um Schmerz, Kampf und Liebeskummer geht es auch in dem leicht jazzig beginnenden Song „Without Words In The Way“, während „Let It Grow“ davon handelt, in Zeiten der Hoffnungslosigkeit diese zu überwinden, ein froh stimmendes Stück mit einem tollem Gospelchor im Background. Auch „Try A Little Harder“ kommt flott und lebensbejahend daher. Das Stück versucht ein Bild der Spielhöllen in Las Vegas zu zeichnen und spielt auf die Glücksspielsucht ihres Vaters an.

Ihrer früh verstorbenen Schwester Sharon hat Beth Hart mit dem Midtempostück „Sister Dear“ ein Denkmal gesetzt, welches entfernt an Marty Webbs „Tell Me On A Sunday“ erinnert. Ganz andere Einflüsse treten in „Spanish Lullabies“ zutage. Wie der Titel vermuten lässt, spielen hier spanische Gitarrenklänge und leichte Flamenco Rhythmen eine tragende Rolle.

Geradezu aus einem James-Bond-Film entstammen könnte hingegen der Slowblues „Rub Me For Luck“, während das gut tanzbare „Sugar Shack“ mit seinem Discotouch eine Reminiszenz an die 70’er Jahre des letzten Jahrhunderts ist.

Ihre jahrelange Drogensucht hatte Beth Hart nicht zuletzt durch ihren christlichen Glauben überwunden, in der Ballade „Thankful“ bringt sie nun ihre Dankbarkeit und ihren Glauben sehr gefühlvoll zum Ausdruck.

Über ihr Album sagt Beth Hart selbst, dass sie auf keinem anderen ihrer Werke sie so sehr sie selbst war. Diese Aussage stimmt absolut. Mit „War In My Mind“ liefert die Sängerin ein großartiges Album ab, welches für sie selbst offenbar ein Stück weit Therapie, auf jeden Fall aber Befreiung ist und für den Hörer zwölf abwechslungsreiche Songs bereit hält.

Mascot Label Group (2018)
Stil: Blues, Singer/Songwriter

01. Bad Woman Blues
02. War In My Mind
03. Without Words In The Way
04. Let It Grow
05. Try A Little Harder
06. Sister Dear
07. Spanisch Lullabies
08. Rub Me For Luck
09. Sugar Shack
10. Woman Down
11. Thankful
12. I Need A Hero

Beth Hart
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Netinfect Promotion

Brian Cottrill – Through The Keyhole – CD-Review

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Review: Michael Segets

Brian Cottrill ist Gitarrist und Sänger bei The Grey Agents, einer Band gestandener Herren, die sich dem Rock der frühen Achtziger-Jahre verschrieben haben. Mit „Through The Keyhole“ verzichtet er auf seine Begleitmusiker und zieht als Singer/Songwriter – nur mit Gitarre und Mundharmonika bewaffnet – eine persönliche Bilanz seines musikalischen Schaffens der letzten 35 Jahre.

Die Werkschau reicht bis zu seinem Song „Lace“ zurück, den er als Teenager geschrieben hat. Neben eigens für die CD verfassten Stücken legt Cottrill mit „The Murder Farm“ einen Titel der Grey Agents in einer akustischen Version neu auf.

Als musikalische Inspirationsquellen nennt er Bob Dylan und Tom Petty, deren Einflüsse auch gelegentlich durchscheinen. So erinnert der Einstieg „Remember My Name“ durch die Mundharmonika und den bitterbösen Text an die Frühzeit Dylans. Bei der Struktur der meisten Lieder orientiert sich Cottrill jedoch weniger am Folk, sondern eher an Rocksongs. Mehrere Titel bewegen sich – für ein akustisches Album – in einem flotteren Tempobereich.

In seinen Texten wendet sich der Mann aus West Virginia alltäglichen Themen zu, die auch gerne im Heartland Rock aufgegriffen werden. Familienbeziehungen und -geschichten nehmen dabei einen wichtigen Platz ein. So ist das leicht süßliche „Erica“ seiner Tochter gewidmet.

Sehr einfühlsam zeichnet er mit „Sammie Lee“ eine schwere Lebensgeschichte nach, die durch die seiner Eltern inspiriert wurde. Der Song hat mit fast acht Minuten eine ungewöhnlich lange Spielzeit für eine akustische Ballade. Er vollbringt dabei das Kunststück nicht eintönig zu werden, was für Cottrills Qualität als Songwriter und Musiker spricht.

Textlich stark ist ebenfalls das gesanglich etwas experimentellere „The Uncertain Keyhole Jangle“. Für das Mitlesen stellt Cottrill die Lyrics aller Titel auf seiner Website zur Verfügung. Um gescheiterte Beziehungen drehen sich „Lost und Forgotten“, das stellenweise Assoziationen zu den Stones weckt, sowie „All I’ve Got Is You”, das neben dem Opener und dem dynamischen „When The Fire Comes“ zu den Highlights auf der Scheibe zählt.

Mit dem Bonus-Track „Gates Of Venus” ergänzt Brian Cottrill sein Album. Anders als auf den neun vorangegangenen Stücken beschränkt er sich hier bei der Instrumentalisierung nicht auf akustische Gitarre und Mundharmonika, sondern spielt elektrische Gitarre, Bass, Schlagzeug, Mandoline und Keyboard, womit er sich als wahrer Multiinstrumentalist erweist. Die Anfangsakkorde klingen nach Tom Petty und in dessen Stil setzt Cottrill einen rockigen Schlusspunkt unter sein Solo-Werk.

Das Solo-Projekt von Brian Cottrill vereint gute Rockrefrains mit der textlichen Tiefe des Folk. Im Gesamteindruck pendelt „Through The Keyhole“ damit zwischen akustischem Rock- und Folkalbum. Durch die Varianz von Tempo, Gesang und Atmosphäre umschifft Cottrill geschickt die Gefahr der Monotonie, der akustisch gehaltene Longplayer tendenziell ausgesetzt sind.

Eigenproduktion/Two Side Moon Promotion (2019)
Stil: Singer/Songwirter

Tracks:
01. Remember My Name
02. Erica
03. All I’ve Got Is You
04. Lace
05. The Murder Farm
06. Lost And Forgotten
07. When The Fire Comes
08. Uncertain Keyhole Jangle
09. Sammie Lee
10. Gates Of Venus (Bonus-Track)

Brian Cottrill
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Two Side Moon Promotion

Paul Thorn – Best Of – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Elvis Presley hat die Karrieren vieler bekannter Musiker nachhaltig beeinflusst und ihnen teilweise sogar buchstäblich die „Tanzschritte“ der Rockmusik beigebracht. Zu ihnen gehören die US-Rockstars Bruce Springsteen, Tom Petty und Billy Joel, die alle drei stolz betonen, wie Elvis sie förmlich zum Rock’n’Roll verleitet hat und seine Bühnenauftritte zu einem Paradigmenwechsel in ihrem Leben führten.

Der 54-jährige Paul Thorn war zu Beginn von Elvis legendären Shows noch zu jung, um die gleiche Begeisterung zu entwickeln. Aber seine Verbindung zum „King“ entsteht, als er mit seiner Familie nach Tupelo, Mississippi, zieht – dem Geburtsort von Elvis Presley. Zum Songwriting wurde er jedoch nicht unbedingt musikalisch von Elvis motiviert, sondern eher durch dessen Fähigkeiten als Entertainer.

Als Sohn eines Geistlichen entdeckte Thorn früh den Gospelgesang. Bis zu seinen ersten Musikveröffentlichungen dauerte es aber noch einige Zeit und erst als Mitt-dreißiger konnte Thorn seinen Erstling „Hammer and Nail“ (1997) herausbringen.

Auf der vorliegenden Best-of-Scheibe hat Paul Thorn wesentliche Tracks der vergangenen 20 Jahre zusammengefasst, dazu Hits und Fan-Wünsche. Angefangen mit „I Don’t Like Half The Folks I Love“ vom „Pimps and Preachers“-Album (2010) wird eine bunte Mischung von Americana bis Gospel präsentiert, die zu seinem zweiten Studioalbum „Ain’t Love Strange“ von 1999 zurückreicht („Burn Down The Trailer Park“ und „I Have A Good Day Every Now & Then“). Von seinem Debüt Album „Hammer and Nail“ (1997) ist leider kein Song vertreten, was diese Best-of-Fassung etwas schmälert.

Zu jeder Compilation gehört mittlerweile fast standardmäßig auch ein bislang unveröffentlichter Track. In diesem Fall schließt die Scheibe mit dem schönen „Rose City“ ab, das im rockigen Country-Sound entfernt an Stones-Klassiker erinnert. Ein nettes Beiwerk ist der Download-Code zu einem Konzert mit Band aus dem Jahre 2016, als er im Ryman Auditorium in Nashville, TN eine Acoustic-Show ablieferte.

Paul Thorn wird in der Musikszene sehr geschätzt und konnte zum Beispiel schon mit Sting, Mark Knopfler, John Hiatt und John Prine zusammenarbeiten. Im Vergleich zu vielen anderen Berufsmusikern kann Thorn die in langen, harten Jahren gewonnene Lebenserfahrung, u.a. als Fabrikarbeiter, Soldat oder Profi-Boxer, in die natürliche Glaubwürdigkeit seiner Songs einbringen. Er weiß worüber er singt, wenn er sogenannte „working-man-songs“ spielt. Bruce Springsteen musste kürzlich z.B. sehr ironisch – in seiner umjubelten Broadway Show – zugeben, er habe die Fabriken, über die er in seinen Songs schreibt, nie von innen gesehen.

Die Best-of-LP von Paul Thorn ist eine meisterliche Zusammenstellung aus einem abwechslungsreichen und authentischen Repertoire und zwei Jahrzehnten Americana, Country, Blues, Gospel und Southern Rock. Die Gelegenheit, diesen bodenständigen und vielseitigen Singer/Songwriter live zu erleben, sollte man bei seinen ersten Deutschland-Terminen im Herbst unbedingt wahrnehmen.

Perpetual Obscurity Records (2016)
Stil: Americana, Country, Blues

Tracklist:
01. I Don’t Like Half The Folks I Love
02. Mission Temple Fireworks Stand
03. Snake Farm
04. Pimps And Preachers
05. Long Way From Tupelo
06. Burn Down The Trailer Park
07. Bull MT. Bridge
08. What The Hell Is Goin‘ On?
09. What Have You DoneTo Lift Somebody Up?
10. Old Stray Dog & Jesus
11. I Have A Good Day Every Now & Then
12. Rose City

Bonus Download: The Acoustic Show
01. A Lot Of Good Reasons
02. I Backslide On Friday
03. I Hope I’m Doin‘ This Right
04. Hammer & Nail
05. That’s Life
06. Turnip Greens
07. Don’t Let Nobody Rob You Of Your Joy
08. She Won’t Cheat On Us
09. Everything’s Gonna Be Alright

Paul Thorn
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Black Pike Favorites

Lauren Jenkins – No Saint – CD-Review

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Trotz des Heiligenscheins auf dem Coverbild hinter ihr, gedenkt Lauren Jenkins ihrem Ex gegenüber nicht die Heilige zu spielen, denn, so singt sie es letztendlich im Titelstück ihres Debütalbums: „Heaven says I need to forgive you, but I ain’t no saint.“

Die gebürtige Texanerin, in Carolina aufgewachsen, begann bereits mit 15 Jahren eigene Songs zu schreiben, trat zunächst in Clubs an der Ostküste auf, bis sie es für ein Schauspielstudium nach New York City verschlug. Dort nahm sie das Mikro in die Hand, wann immer sich die Gelegenheit in den dortigen Locations bot.

Schließlich gerieten ihre Kreationen in die Hände von Big Machine-Chef Scott Borchetta, der die junge Dame nach nur einem Treffen für sein Label verpflichtete. Nach ihrer hochgelobten Debüt-EP „The Nashville Sessions“ 2016, die den Rolling Stone dazu vernanlasste, sie als ‚New Artists To Watch‘ zu bezeichnen, veröffentlicht sie jetzt mit „No Saint“ auch ihren ersten Longplayer (ok, 36 Minuten Gesamtspielzeit sind jetzt auch nicht gerade üppig, ähm, long).

Dazu sind noch mit “Cadillac”, “My Bar”, “All Good Things” und ”Blood” vier Tracks der EP mitvertreten, so das ein Kauf der CD vorbehaltlos eher Leuten empfohlen werden kann, die sich nicht im Besitz dieser befinden.

Für das Album der ohne Zweifel hochtalentierten Musikerin, hat das Big Machine Label dann auch in allen Belangen richtig dick aufgefahren: Mit Julian Raymond (Stücke 1-6), Trey Bruce (7,10), Matt Dragstrem (8) und Ross Copperman (9), gibt es gleich vier verschiedene Produzenten und in Sachen Studio-Musikern ist alles vertreten, was Rang und Namen in Music City hat (u. a. Ilya Toshinsky, Tom Bukovac – herrliches Southern Rock-E-Solo auf dem besten Track des Albums „Running Out Of Road„, Dan Dugmore, Charlie Judge, Greg Morrow, Jimmy Lee Sloas, etc. – alles sogar in Mehrfachbesetzung).

Die insgesamt zehn Lieder (alle von Lauren mitgeschrieben – gute Texte) leben natürlich von der tollen Instrumentierung, ihrer leicht introvertiert und nachdenklich klingenden, beziehungsweise wirkenden Stimme, aber auch von der gelungenen Mixtur aus New Country, Americana und Singer/Songwriter -Anleihen, die dem Album ein authentisches und weniger auf Charts ausgerichtetes Flair verleihen. Es geht tendenziell somit eher in Richtung von Damen wie Lori McKenna, Gretchen Peters, Lucinda Williams, Tift Merritt & Co.

Insgesamt ist „No Saint“ ein gelungener Major-Neuling der Teilnehmerin des diesjährigen Country2Country, als auch der erstmalig bei uns eingeführten SOUND OF NASHVILLE-Konzertreihe (allerdings nur in Hamburg und Frankfurt), so dass wir sie leider in Köln nicht live zu sehen bekamen. Die ‚unheilige‘ Lauren Jenkins sollte man 2019 (und vermutlich darüber hinaus) auf dem Schirm haben. Gutes Mädel!

Big Machine Label Group (2019)
Stil: New Country

01. Give Up The Ghost
02. You’ll Never Know
03. Maker’s Mark And You
04. Payday
05. No Saint
06. Running Out Of Road
07. Cadillac
08. My Bar
09. All Good Things
10. Blood

Lauren Jenkins
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Universal Music

Bet Williams – 05.06.2018, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

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Bet Williams tourt zurzeit sowohl mit Band als auch alleine durch Deutschland. Nur mit Gitarre und ihrer mehrere Oktaven umfassenden Stimme besuchte die gebürtige Amerikanerin das Bluebird Cafe, das gerne als das Wohnzimmer der Kulturrampe bezeichnet wird. In dessen gemütlicher Atmosphäre verzauberte Williams den vollen Raum mit einer Mischung von eigenen Songs und Covern.

Ihre erste CD produzierte Bet Williams in Nashville mit Brad Jones (Jill Sobule, Marshall Crenshaw) und Jim Rooney (John Prine, Nanci Griffith). Weitere Stationen machte sie in Philadelphia, New York und Kalifornien. Sie spielte u. a. zusammen mit Lucinda Williams, Arlo Guthrie, Taj Mahal, Joseph Parsons (US Rails) und Joan Osborne.

Derzeit lebt sie in Berlin und hat gemeinsam mit ihrem Mann John Hodian ein eigenes Label. Auf Epiphany Records brachte sie seit 2002 zwei Studio- und zwei Live-Alben heraus, die mit Band eingespielt wurden.

Auf ihren Alben bewegt sie sich zwischen Progressive Folk, Blues und Rock, wobei sie gelegentlich auch einige Pop-Elemente aufnimmt. In Krefeld stand, wie für ein akustisches Solo-Konzerte von Williams zu erwarten, der Folk im Zentrum. Nach eigener Aussage liebt sie es live zu spielen, und das stellte sie an dem Abend unter Beweis. Obwohl sie gerade eine lange Anreise aus Lyon hinter sich hatte, strotzte Williams vor Energie und Enthusiasmus. Mit „Sugar In The Water” startete sie in das erste Set.

Bei der Auswahl ihrer eigenen Songs konzentrierte sich Williams auf Titel ihres letzten Studioalbums „The 11th Hour“ (2014). So folgten das lockere und eingängige „We Geography“ und „Love Comes Knockin’“ mit hohen Gesangspassagen. Im Gegensatz zu den Versionen auf dem Silberling oder auf dem Live-Mitschnitt der Bet Williams Band (2015) wirkte bei dem Solo-Konzert ihre Stimme noch faszinierender.

Nicht die enorme Range ihrer Stimme, sondern die unglaubliche Varianz von sanft bis kratzig oder von klar und kräftig bis rauchig und zerbrechlich begeisterte das Publikum vollständig. Bet Williams entwirft in ihren Liedern Bilder, die sie mit den Klangfarben ihrer Stimme, die so variationsreich wie die Farben eines Regenbogens sind, modelliert.

Für Abwechslung sorgte zudem die Songauswahl, bei der flott gespielte Stücke und Balladen berücksichtigt wurden. Emotionaler Höhepunkt des ersten Durchgangs war „Oriental Drag“ von Mark Germino, das Williams mit unglaublicher Intensität performte. Der Song rührte meine Frau mit seinem Gänsehaut-Feeling beinahe zu Tränen. Vor der Pause heizte Williams mit dem Klassiker „I Can´t Stand The Rain“ und dem zum Wetter passenden „Super Summer“ ein.

Für die Unterbrechung hatte die Musikerin die nette Idee, eine CD-Verlosung zu initiieren und führte lebhafte Gespräche mit den Besuchern. Nachdem ‚Pille‘ Peerlings, der Hirte der Kulturrampe, mit seiner Kuhglocke das Publikum zum zweiten Set in das Bluebird Cafe zurückgetrieben hatte, legte Williams mit „Come Into My Kitchen“ einen Blues hin, mit dem sie alle direkt wieder in ihren Bann zog.

Im folgenden Teil des Konzerts war Williams ihre eigene Band und setzte ihre äußerst unterhaltsame ‚One-Woman-Show‘ fort. Anstatt Schlagzeug-Begleitung klopfte sie auf die Gitarre und imitierte Bläser oder E-Gitarren-Soli mit ihrer Stimme. Gesanglich holte sie sich Unterstützung beim Publikum, das sehr gekonnt und harmonisch die Vorstellung begleitete.

Die tolle Atmosphäre in der Location gab ihr die Sicherheit, neue Stücke auszuprobieren. Nach einer kleinen Anekdote über ihren pubertierenden Sohn stellte sie „Green Grass“ vor. Einen eingängigen Refrain hat das ebenfalls unveröffentlichte „Miracle Tonight”.

Daneben kamen auch bewährte Cover zu Gehör. Bei „Into The Mystic“ von Van Morrison zeigte Bet Williams wie tief sie singen kann. Für „Sitting On Top Of The World“ von Howlin‘ Wolf wechselte sie die Gitarre, um den Titel sanft und ’stripped down‘ rüber zu bringen. Weitere Facetten ihrer Stimme nutzte sie bei dem samtigen „Thunder And Stone“ oder dem experimentelleren „Falling Away“.

Bei den Besuchern kam „Tripping Down The Road“ und das mitreißende „Yeah Love“ zum Abschluss des Hauptsets sehr gut an. Den langen und tosenden Applaus belohnte die Sängerin mit einer Zugabe. „Redemption Song“ von Bob Marley, bei dem das Publikum nochmal gesanglich glänzte, war ein gefühlvoller Ausklang des Konzerts. Die temperament- und humorvolle Musikerin zeigte sich auch nach dem Konzert sehr kommunikativ und nahm sich viel Zeit für den Plausch mit den Gästen.

Akustische Solo-Auftritte stehen in dem Verdacht, schnell monoton werden zu können. „Pille“ bewies mit der bisherigen Auswahl der Musiker seiner Konzertreihe „Caesars Pallets“ das Gegenteil. Charlie Parr teilte mit dem Publikum intensive Einblicke in eine leidende Seele, Chris Keys lud zum Träumen an die Küste Irlands ein und Bet Williams beeindruckte mit ihrem Gesangsspektrum sowie mit ihrer aufgeschlossenen Persönlichkeit.

So unterschiedlich die Konzerte auch waren, hatten sie doch eins gemeinsam: Langweilig waren sie nicht. Die Akustik-Reihe im Bluebird Cafe macht jetzt Sommerpause, aber danach kann man auf die kommenden Künstler gespannt sein.

Line-Up:
Bet Williams (vocals, guitars)

Bilder und Text: Michael Segets

Bet Williams
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Kulturrampe Krefeld

Brent Cobb – Providence Canyon – CD-Review

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Wenn ein Southern Rock-Fan den Namen Cobb hört, assoziert er vermutlich erstmal J.R. Cobb, den einstigen Songwriter und Gitarristen der Atlanta Rhythm Section. Um ihn ist es in den letzten Jahren aber ziemlich still geworden. So sind es mittlerweile eher zwei andere Cobbs, die auf musikalischem Gebiet in der momentanen Zeit für Furore sorgen, und zwar Brent Cobb und sein Cousin Dave.

Letztgenannter macht in Nashville als umtriebiger und gefragter Produzent vieler bekannter Interpreten wie u. a. Jason Isbell, Chris Stapleton, Whiskey Myers, Zac Brown Band, Shooter Jennings u.v.m. einen tollen Job. Was liegt da näher, als auch die Scheiben seines nicht minder talentierteren Cousins Brent zu betreuen?

Der ist ebenfalls längst kein unbeschriebenes Blatt mehr und hat sich in punkto Songwriting für ebenso bekannte Künstler wie  Luke Bryan („Tailgate Blues), Kellie Pickler („Rockaway (The Rockin‘ Chair Song)“), Kenny Chesney („Don’t It“), Miranda Lambert („Sweet By And By“, „Old Shit“), Little Big Town („Pavement Ends“, „Stay All Night“), oder David Nail („Grandpa’s Farm“) hervorgetan. Jetzt verwirklicht er sich mit „Providence Canyon“ zum dritten Male in eigener Sache.

Und was soll man sagen, es ist eine absolute Knaller-Scheibe dabei herausgekommen. Southern-, Roots- und Country Rock- und Americana-Einflüsse nahezu perfekt in harmonischen Einklang gebracht, ein saustarkes Teil!

Während das eröffnende Titelstück noch relativ bedächtig und Steel-getränkt durch die Country-Prärie trabt (könnte aus einer der ganz frühen Outlaws-Scheiben stammen). Das folgende „King of Alabama„, über einen erschossenen Freund, mit schön gurrender Orgel, würde die Band Of Heathens nicht besser hinkriegen. In diesem Song entpuppt sich die auch im weiteren Verlauf der CD fleißig  in den Harmony-Parts mitsingende Kristen Rogers als zweites heißes Eisen im Feuer.

Ziemlich cool, so ein bisschen im Cadillac Three-Stil, geht es mit „Mornin’s Gonna Come“ weiter um dann mit meinem Lieblingslied „Come Home Soon„, einem echten Country-Ohrwurm, fortzufahren. Mit Lorene“ folgt später noch ein ähnlicher Track. Damit ist dann auch der Country-Anteil weitestgehend abgefrühstückt, in den restlichen sechs Tracks dominiert weitestgehend der Southern Rock.

Während  Stücke wie „High In The Country“ („The Whippoorwill“-Flair), das funkig angehauchte „.30-06“ (klingt ein wenig nach „Shakey Ground“ – herrlich trockener Bass, schöne Stratocaster-Töne) und das rootsige „When The Dust Settles“ (wieder BOH-lastig – Slide, HT-Piano) Cobbs kreative Vieleseitigkeit demonstrieren,  dürften das swampige „Sucker For A Good Time“, „If I Don’t See Ya“ (irgendwo zwischen „Call Me The Breeze“ und „I Got The Same Old Blues“ liegend) und das finale „Ain’t A Road Too Long“ die Skynyrd-Fans in Schwärmereien versetzen.

Insgesamt ist Brent Cobbs drittes Werk „Providence Canyon“ eine durchgehend hörenswerte Platte geworden, die wie im Fluge vergeht. Perfektes Zusammenspiel der beiden Cobbs! Dürfte bei uns hierzulande noch als echter Geheimtipp durchlaufen.

Erfreulich zu lesen war kürzlich, dass der Bursche im September für zwei Gigs nach Deutschland kommen wird, unter anderem auch in das schnuckelige Studio 672 in Köln. Wir werden dann natürlich voraussichtlich auch präsent sein und berichten. Bärchen Records freut sich über eure Bestellung.

Low Country Sound/Elektra (2018)
Stil: (Southern) Country Rock

01. Providence Canyon
02. King of Alabama
03. Mornin’s Gonna Come
04. Come Home Soon
05. Sucker For A Good Time
06. High In The Country
07. If I Don’t See Ya
08. .30-06
09. Lorene
10. When The Dust Settles
11. Ain’t A Road Too Long

Brent Cobb
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