Lucinda Williams – Southern Soul: From Memphis To Muscle Shoals & More – CD-Review

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Review: Michael Segets

Nach ihrem Tribute für Tom Petty lässt Lucinda Williams nun den zweiten Schlag ihres Cover-Projekts Lu’s Jukebox folgen. Auf „Southern Soul: From Memphis To Muscle Shoals & More” wendet sie sich keinem einzelnen Künstler zu, sondern covert querbeet soulige Titel, die im amerikanischen Süden, unter anderem in der für sein Studio bekannten Kleinstadt Muscle Shoals in Alabama, verwurzelt sind.

Die ausgewählten Songs entstanden in den 1960ern und frühen 1970ern. Zu den heute noch bekanntesten zählen sicherlich „I Can’t Stand The Rain“ von Ann Pleebles und Al Greens „Take Me To The River“. Dem schrillen Cover des ersten Titels durch Tina Turner setzt Williams eine wunderbar geerdete Version entgegen. Auch die Interpretation des zweitgenannten Stücks hebt sich von anderen Covern, wie denen von den Talking Heads oder den Commitments, ab. Williams gibt ihm eine rootsige Note und führt ihn mit breitem Gitarrensound zu einem fulminanten Ende.

Die CD beginnt mit dem Ohrwurm „Games People Play“. Meine Lieblingsversion des von Joe South geschriebenen Songs stammt von den Georgia Satellites. Williams spielt ihn anders, aber vergleichbar gut. Sehr klar und straight, einschließlich elegantem Gitarrensolo, startet sie mit ihm auf ihre Reise durch den Soul mit Zwischenstopp beim Blues. Die Genregrenzen verschwimmen bei Williams Interpretationen, die ebenso wie auf ihrem ersten Coveralbum die Songs zu ihren eigenen macht.

Während dort jedoch die ursprünglichen Tracks von Tom Petty noch überwiegend in meine Gehörgängen präsent waren, sind die Songs von Percy Sledges „It Tears Me Up“ oder „You’ll Lose A Good Thing” von Barbara Lynn – ebenfalls von Aretha Franklin aufgenommen – quasi Neuentdeckungen. Sie dürften beim breiten Publikum weitgehend in Vergessenheit geraten sein, auch wenn sie zu ihrer Zeit Hits darstellten.

„You Dont’t Miss Your Water” stammt aus der Feder von William Bell und repräsentiert die Memphis-Seite des Albums. Dem Song und vor allem „Misty Blue“ hört man ihr Alter an. Stärker modernisiert wirkt „Rainy Night In Georgia” oder auch „Main Street Mission“, das zu den ganz starken Stücken auf der CD gehört. Zum Abschluss der Scheibe spielt Williams einen eigenen Song, der sich nahtlos in die Cover einpasst. „Still I Long For Your Kiss“ findet sich auf ihrem Erfolgsalbum „Car Wheels On A Gravel Road” und wurde von Duane Jarvis mitkomponiert.

Die ursprünglichen Titel von „Southern Soul: From Memphis To Muscle Shoals & More” tauchen vermutlich selten in den Playlists der SoS-Leser auf. Mit ihrem Gesang und der erdigen Begleitung verändert Williams die Atmosphäre der meisten Songs so, dass sie auch bei denjenigen Gehör finden können, die sich sonst weniger mit dem Sound der sechziger Jahre identifizieren. Letztlich transformiert Williams die Originale in Americana-Versionen, die sie mit einer gehörigen Portion Soul in ihrer Stimme vorträgt.

Williams Cover-Reihe ist auf sechs CDs angelegt. Neben Country-Nummern der 1960ern nimmt sie sich noch Weihnachtsliedern an. Darüber hinaus stehen Tribute-Alben für Bob Dylan und die Rolling Stones aus. Die Eigenständigkeit der Interpretationen auf den ersten beiden Veröffentlichungen verspricht für die weiteren Streifzüge durch Lu’s Jukebox einiges.

Highway 20 – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Americana

Tracks:
01. Games People Play
02. You’ll Lose A Good Thing
03. Ode To Billie Joe
04. I Can’t Stand The Rain
05. Misty Blue
06. Main Street Mission
07. You Don’t Miss Your Water
08. It Tears Me Up
09. Rainy Night In Georgia
10. Take Me To The River
11. Still I Long For Your Kiss

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Oktober Promotion

Lucinda Williams – Runnin’ Down A Dream – A Tribute To Tom Petty – CD-Review

cover Lucinda Williams - Runnin Down A Dream - A Tribute To Tom Petty 300

Review: Michael Segets

Lucinda Williams gab im letzten Quartal 2020 sechs Streaming-Konzerte, die bislang nur über ihre Homepage erhältlich sind. Neben thematisch ausgerichteten Auftritten widmete sie Bob Dylan, den Rolling Stones und Tom Petty einen Abend. Die Konzerte werden nun in der Reihe Lu’s Jukebox auf CD und Vinyl herausgebracht. Den Auftakt bildet „Runnin‘ Down A Dream – A Tribute To Tom Petty“. Die Erstveröffentlichung stammt vom 20. Oktober, dem Tag, an dem Tom Petty siebzig geworden wäre.

Der Reiz von Tribute-Alben liegt zum guten Teil darin, zu vergleichen, welche Titel ausgewählt werden und was die Musiker aus den Vorlagen machen. Die Songs einfach nur möglichst nah am Original spielen zu wollen, ist bei Tom Pettys speziellem Sound ein Unterfangen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. In diese Falle tappt Lucinda Williams nicht. Sie transformiert die Stücke so, dass sie erkennbar bleiben und dennoch eine eigenständige Atmosphäre entwickeln.

Mit ihrer dunklen Stimme, mit dem Mut, streckenweise nölige Töne anzuschlagen, und mit einer erdigen Bandbegleitung verändert Williams die Songs und lässt sie in neuem Licht erscheinen. Die Interpretationen sind durchgängig gelungen und besonders die Stücke, die ich nicht unter den Top-Titeln von Petty verbucht hatte, beeindrucken in ihrem reformierten Gewand. „Down South“ und „Gainesville“ gehören in diese Kategorie.

Bei der Songauswahl überrascht, dass Williams nicht auf die frühen Klassiker zurückgreift und auch die starken Alben „Long After Dark“, „Let Me Up“ oder „Into The Great Wide Open“ ignoriert. Williams trifft bei ihrem Tribute eine individuelle Auswahl und orientiert sich weniger am Erfolg oder Bekanntheitsgrad der Titel. Natürlich sind auch Songs vertreten, die jedem noch in Ohr sein dürften. Nicht zuletzt „I Won’t Back Down“ und „Southern Accents“, die zuvor von Johnny Cash gecovert wurden. Besonders freut es mich, dass mit „Rebels“ einer meiner Favoriten den Weg auf das Album gefunden hat.

Insgesamt berücksichtigt Williams die meisten Schaffensphasen von Petty, ohne dabei repräsentativ sein zu wollen. Sie legt den Schwerpunkt auf die Alben „Full Moon Fever“ und „Wildflowers“, die in den 1990ern veröffentlicht wurden. Das Artwork des Covers ist dann auch an das von „Full Moon Fever“ angelehnt. Von beiden CDs, die zusammen mit „Highway Companion“ (2006) als Solo-Veröffentlichungen von Tom Petty zählen, da die Heartbreakers als Band nicht mit von der Partie waren, greift Williams jeweils drei Tracks heraus. Aus den siebziger Jahren fiel ihre Wahl auf das leicht countryfizierte „Louisiana Rain“, das im Original von Damn The Torpedoes stammt, auf dem sich auch die deutlich bekannteren „Refugee“ und „Even The Losers“ finden. Pettys Spätphase, in der er Mudcrutch wiederbelebte, spiegelt sich in der Liedauswahl von Williams nicht wider.

Den Abschluss der CD bildet „Stolen Moments“, ein Song, den sie als Hommage an den Ausnahmemusiker verfasste. Sie tritt damit in die Fußstapfen von Reckless Kelly, die unlängst ebenfalls eine berührende Würdigung des Rockmusikers aus Gainesville mit „Tom Was A Friend Of Mine“ vorlegten.

Tom Petty hinterlässt tiefe Spuren in der Rockmusik. Dass ein groß angelegtes Tribute-Werk dreieinhalb Jahre nach seinem überraschenden Tod noch fehlt, ist schwer verständlich. Williams schließt diese Lücke zumindest teilweise, indem sie mit einer persönlichen Würdigung seiner Songs einen Streifzug durch Pettys musikalisches Schaffen unternimmt und dabei vor allem seine Solo-Karriere berücksichtigt. Ohne den Sound von Petty kopieren zu wollen, interpretiert sie seine Werke auf eine eigenständige Art, mit der sie der Ikone gerecht wird und sich selbst treu bleibt.

Highway 20 – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Rock

Tracks:
01. Rebels
02. Runnin‘ Down a Dream
03. Gainesville
04. Louisiana Rain
05. I Won’t Back Down
06. A Face in the Crowd
07. Wildflowers
08. You Wreck Me
09. Room at the Top
10. You Don’t Know How It Feels
11. Down South
12. Southern Accents
13. Stolen Moments

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Oktober Promotion

Chris Stapleton – Starting Over – CD-Review

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Review: Michael Segets

Chris Stapleton kann als der Shooting Star des New Country bezeichnet werden. Seit seinem Solo-Debüt „Traveller“ (2015) folgten zwei Alben, die ebenso Spitzenpositionen in den amerikanischen Charts aufwiesen. Auch viele seiner Singles erreichten Gold- oder Platinstatus. Grammy-Auszeichnungen und weitere Ehrungen folgten auf dem Fuß. Mit „Starting Over“ legt Stapleton nun einen Longplayer vor, der durchaus das Potential hat, erneut die Hitlisten zu stürmen. Der Titeltrack als erste Single stieß in der Country-Kategorie bereits in die Top 10 vor.

Angesichts der Erfolgswelle, auf der der in Kentucky geborene Stapleton schwimmt, besteht für ihn kein Grund, einen Neustart vorzunehmen. Der Titel der aktuellen Scheibe sollte daher nicht so interpretiert werden, dass Stapleton nun eine völlig neue Richtung einschlägt. Stattdessen konzentriert er sich weiterhin auf seine Qualitäten als Songwriter und zeigt sich dabei äußerst flexibel, wenn Country, Blues, Rock und Soul auf seinem Werk verschmelzen.

Das Album wird von eher langsameren Titeln dominiert. Stapleton streut aber an den richtigen Stellen fetzige Nummern ein, wie den Blues Rock „Devil Always Made Me Think Twice“ oder den Country-Rock-Kracher „Arkansas“. Auch das starke „Watch You Burn” kommt mit stampfendem Rhythmus und rauem Gesang rockig daher. Schließlich setzt dort der All Voices Chor ein und führt das Stück zu seinem fulminanten Abschluss. Stapleton schrieb den Song in Kooperation mit Mike Campbell. Der Gitarrist der Hearbreakers, der Band von Tom Petty, bringt seine Kunst an den Saiten mehrfach ein. Dabei setzt seine E-Gitarre – egal ob wuchtig („Whiskey Sunrise“) oder filigran („Joy Of My Life“) – stets Akzente, die die Stücke nochmals aufwerten.

Mit von der Partie ist auch ein weiterer Heartbreaker, Benmont Tench, dessen Orgel vor allem bei „Maggie’s Song“ hervorsticht. Der harmonische Track mit eingängigem Refrain wird von Stapletons Frau Morgane im Background begleitet. Die femininen Harmonien beeindrucken besonders bei „Old Friends“. Der Song stammt ebenso wie „Worry B Gone“ von Guy Clark. Unter den vierzehn Titeln findet sich noch eine Cover-Version von John Fogertys „Joy Of My Life“.

Bei den Eigenkompositionen schlägt Stapleton mal bluesige Töne an, wie bei der zweiten Single „Cold“, die gegen Ende orchestrale Ausmaße annimmt, und mal soulige, die beim radiotauglichen Midtempo-Song „You Should Probably Leave“ schon fast poppige Regionen erreichen. In den meisten Beiträgen scheint aber Stapletons Affinität zum Country durch, so bei den Balladen „When I’m With You“ und „Nashville, TN“. Für den entsprechenden Flair sorgt Paul Franklin an der Pedal Steel.

Der mittlerweile nach Tennessee übergesiedelte Stapleton setzt mit dem dunklen „Hillbilly Blood“ ein Highlight. Intensiver Gesang und hervorragende Rhythmusarbeit durch seine bewährten Mitstreiter J. T. Cure (Bass) und Derek Mixon (Schlagzeug) zaubern einen atmosphärisch dichten Song.

Das wiederum von Dave Cobb produzierte „Starting Over“ verspricht die Erfolgsserie von Chris Stapleton fortzusetzen. Stapleton beweist, dass er mit Recht zu den führenden Songwritern in Nashville gezählt wird. Er zeigt dabei Facetten, die vielleicht auf seinen früheren Alben nicht so deutlich zutage treten. Stapleton setzt insgesamt aber auf Kontinuität statt auf große Innovationen, was ja nicht verkehrt erscheint, wenn das, was er macht, so gut ist.

Mercury Records Nashville (2020)
Stil: New Country

Tracks:
01. Starting Over
02. Devil Always Made Me Think Twice
03. Cold
04. When I’m With You
05. Arkansas
06. Joy Of My Life
07. Hillbilly Blood
08. Maggie’s Song
09. Whiskey Sunrise
10. Worry B Gone
11. Old Friends
12. Watch You Burn
13. You Should Probably Leave
14. Nashville, TN

Chris Stapleton
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Universal Music Group

Tom Petty – Wildflowers & All The Rest – CD-Review

Review: Michael Segets

Wie die Zeit vergeht! Nun ist es ziemlich genau drei Jahre her, als Tom Petty kurz vor seinem 67. Geburtstag überraschend verstarb. Auch wenn dieses traurige Ereignis bislang kein Tribute-Album nach sich zog, ehrten doch etliche Musiker die Rock-Ikone, indem sie deren Stücke coverten oder wie Shiregreen oder Reckless Kelly eine persönliche Hommage in eigene Songs kleideten.

Tom Pettys Musik beeinflusst noch heute viele – auch jüngere – Bands. Nicht umsonst wird er vom Rolling Stone sowohl als Musiker als auch als Songwriter unter den besten 100 geführt. Mit seiner Band The Heartbreakers ist er in der Rock And Roll Hall Of Fame verewigt. Pettys Platten haben vielfach Gold- und Platinstatus erreicht. Erfolge feierte er auch zusammen mit Bob Dylan, Jeff Lynne, George Harrison und Roy Orbison als Traveling Wilburys. Eine Freundschaft verband ihn mit Johnny Cash, auf dessen American Recordings er mitwirkte, und mit Stevie Nicks, mit der er die Hit-Single „Stop Draggin‘ My Heart Around“ veröffentlichte.

1976 begann die Erfolgsgeschichte von Tom Petty And The Heartbreakers, die 2014 ihr letztes Album „Hypnotic Eye“ herausbrachten. In der fast vierzigjährigen Bandgeschichte blieben die Hearbreakers in ihrer Besetzung weitgehend konstant. Zuvor war Petty mit der Band Mudcrutch unterwegs, die er 2008 wiederbelebte. „Full Moon Fever“ (1989), „Highway Companion“ (2006) und „Wildflowers“ (1994) zählen als Soloveröffentlichungen, obwohl einige Heartbreakers auch an ihnen beteiligt waren. Die Gründungsmitglieder Mike Campbell und Benmont Tench sind ebenso wie der 1982 für Ron Blair eingestiegene Howie Epstein sowie der frisch hinzugekommene Steve Ferrone, der Stan Lynch an den Drums ablöste, auf „Wildflowers“ vertreten.

Von den vorherigen Alben unterscheidet sich „Wildflowers“ vor allem dadurch, dass es weniger rockig ausgerichtet ist. Akustisch gehaltene Stück sowie Songs, die eher dem Americana zuzuordnen sind, bilden das Zentrum des Longplayers. Daneben finden sich natürlich auch typische Petty-Titel („You Wreck Me“, „A Higher Place“). Tom Petty zeigt auf „Wildflowers“ Facetten, die zuvor – und auch danach – nicht mehr so deutlich hervortraten. Er selbst bezeichnete das Werk als sein persönlichstes.

Ursprünglich war „Wildflowers“ als Doppel-CD vorgesehen, was allerdings an dem Veto der Plattenfirma scheiterte. Petty spielte später mit dem Gedanken, die zehn Tracks der Sessions, die der Kürzung zum Opfer fielen, als eigenständige CD herauszubringen. Unmittelbar vor dem 26. Jahrestag der Ersterscheinung kommt nun „Wildflowers & All The Rest“ in unterschiedlichen Formaten heraus. Die hier besprochene reguläre Version umfasst zwei CDs bzw. 3 LPs, die neben dem Originalalbum auch die zehn ausgemusterten Tracks enthält. Die Deluxe-Edition bietet zusätzlich Demos mit verschiedenen Versionen veröffentlichter Titel sowie drei neue Songs.

Zudem gibt es Live-Mitschnitte der Wildflowers-Stücke. Die Super-Deluxe-Ausgabe legt neben zehn alternativen Takes noch einen weiteren unveröffentlichten Song drauf. Das Ultra-Deluxe-Set kommt lediglich als 9-fach LP heraus, enthält im Vergleich zum Super-Deluxe-Fotmat aber keine neue Musik, dafür aber einige exklusive Gimmicks. Diese strikt limitierte Version richtet sich an finanzkräftige Sammler.

Die erweiterte Neuedition stellt keine Resteverwertung dar, sondern eine sorgsam zusammengestellte Würdigung von Tom Pettys musikalischem Schaffen in der Mitte der 1990er Jahre. Tom Pettys Frau und seine beiden Töchter haben zusammen mit den Heartbreakern Benmont Tench und Mike Campbell das umfangreiche Projekt auf die Beine gestellt. Mike Campbell hatte seinerzeit gemeinsam mit Tom Petty und Rick Rubin auch das Originalalbum produziert.

Zu „Wildflowers“ selbst braucht an dieser Stelle nicht viel gesagt werden. Es ist ein herausragendes Werk, selbst wenn es nach meiner Einschätzung nicht das stärkste Album seiner Karriere ist. Petty zeigt sich von einer neuen Seite und modifiziert seinen Sound in Ergänzung zu seinen sonstigen Veröffentlichungen. Den Musikinteressierten dürfte die Single „You Don’t Know How It Feels” sowieso bekannt sein. Weitere Anspieltipps sind neben dem Titeltrack „Time to Move On” sowie „Crawling Back to You”. Im Gedächtnis setzen sich auch „Honey Bee” und „ Cabin Down Below“ fest.

Für Tom-Petty-Kenner ist die zweite CD „All The Rest“ interessant. Auf ihr sind vier Songs vertreten, die sich bereits auf dem Soundtrack zu „She’s The One“ (1996) finden. Die neu herausgegebenen Versionen von „California“, „Hope You Never“, „Hung Up And Overdue“ sowie „Climb That Hill“ sind etwas erdiger produziert und die Instrumentalisierung zurückgenommener. Insgesamt liegen die Interpretationen nahe bei den bekannten, wobei die nun erhältlichen die Nase etwas vorn haben. Ein deutlicher Unterschied besteht zwischen „Climb That Hill“ und „Climb That Hill Blues“, bei dem der Track nochmal akustisch gespielt wird.

Folkig mit akustischer Gitarre und Mundharmonika passt sich „Harry Green“ in die Atmosphäre von „Wildflowers“ ein. Bei „Something Could Happen” steht das Klavier im Vordergrund. Der sanfte Song bietet im Refrain eine Variation der Intonation von „Free Falling” mit hohem Wiedererkennungswert. Ebenfalls einen gelungenen Chorus hat „Leaving Virginia Alone”. Die erste Auskopplung im mittleren Tempo weist gleichfalls einen gelungenen Refrain auf und wird mit einem kurzen Gitarrensolo zum Finale abgerundet. Sie zählt zu den besten Songs des Albums. Unter den neu zu entdeckenden Titeln sticht „Somewhere Under Heaven“ durch vollere Akkorde der E-Gitarre sowie durch scheppernde Becken des Schlagzeugs hervor.

Die neuen Stücke und Versionen setzten nahtlos die Linie der ersten CD fort, insgesamt sind auf dem Originalalbum aber die stärkeren Tracks vertreten. Für diejenigen, die den Klassiker „Wildflowers“ noch nicht in ihrer Sammlung haben, bietet sich nun die Gelegenheit, diese Lücke zu schließen. Zudem erhalten sie eine zweite gute CD obendrauf, die Tom Petty selbst so veröffentlichen wollte. Für eingeschweißte Tom-Petty-Fans bleibt zu überlegen, ob sie nicht etwas tiefer in die Tasche greifen und in das Deluxe-Set mit weiterem, bislang unbekanntem Material investieren.

Warner Records/Warner Music (2020)
Stil: Rock, Americana

Tracks:
CD1 – Wildflowers
01. Wildflowers
02. You Don’t Know How It Feels
03. Time to Move On
04. You Wreck Me
05. It’s Good to Be King
06. Only a Broken Heart
07. Honey Bee
08. Don’t Fade on Me
09. Hard on Me
10. Cabin Down Below
11. To Find a Friend
12. A Higher Place
13. House in the Woods
14. Crawling Back to You
15. Wake Up Time

CD2 – All The Rest
01. Something Could Happen
02. Leaving Virginia Alone
03. Climb That Hill Blues
04. Confusion Wheel
05. California
06. Harry Green
07. Hope You Never
08. Somewhere Under Heaven
09. Climb That Hill
10. Hung Up and Overdue

Tom Petty
Warner Records
Oktober Promotion

Reckless Kelly – American Jackpot / American Girls – CD-Review

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Review: Michael Segets

Für Freunde des Southern Way of Music ist der diesjährige Mai tatsächlich ein Wonnemonat, in dem sich einige alte Bekannte zurückmelden. Nach American Aquarium, Jason Isbell & The 400 Unit, Robert Jon & The Wreck sowie Steve Earle & The Dukes gibt nun auch Reckless Kelly ein Lebenszeichen von sich – und das direkt im Doppelpack.

Vergangenes Jahr erschien zwar das digitale Live-Album „Bulletproof Live“, doch das letzte Studiomaterial wurde vor fast vier Jahren auf „Sunset Motel“ veröffentlicht. Es war also wieder Zeit, ein Studio anzumieten. Willy Braun, der zusammen mit seinem älteren Bruder Cody und dem Schlagzeuger Jay Nazz Reckless Kelly 1996 gründete, übernahm die Rolle des Produzenten und „American Jackpot“ wurde zügig und deutlich schneller eingespielt als zuvor kalkuliert. Die übrige gebuchte Studiozeit nutzte die Band, um zusätzlich „American Girls“ unter Dach und Fach zu bringen.

Während „American Jackpot“ einen homogenen und durchkonzeptionierten Eindruck erweckt, punktet „American Girls“ mit stilistischer Varianz und rockigeren Tönen. Die Stücke auf beiden Scheiben überzeugen schon beim ersten Durchlauf, legen aber beim mehrmaligen Hören noch weiter zu.

Willy Braun wollte ein Album machen, dass die Verbundenheit mit seinem Heimatland einfängt. Dieses Vorhaben setzt er mit „American Jackpot“ um, ohne übermäßig politisch oder plakativ zu sein. Indem er sich aber gegen Anti-Immigrations-Parolen wendet, scheint aber doch etwas Sozialkritik durch.
Dabei ließ er sich durch das Gedicht „The New Colossus“ von Emma Lazarus inspirieren, das in den Sockel der Freiheitsstatur eingraviert ist.

Auf „North American Jackpot“ und „Goodbye Colorado“ verarbeitet er diese Anregung. Die beiden Titel bilden den Auftakt und Abschluss der ersten CD. Vor allem der letztgenannte glänzt durch seine Kombination von Piano und Mandoline, die von Cody Braun gespielt wird.

Die Stimmung unterschiedlicher Landschaften ihres Heimatlandes thematisiert die aus Idaho stammende Band auf „Thinkin‘ ‘Bout You All Night“. Ein Stück amerikanischer Geschichte lassen Reckless Kelly bei „Grandpa Was A Jack Of All Trades“ vorbeiziehen, wobei durch den Slide ein Hauch von Country mitschwingt.

Für einzelne Gesangsparts haben Willy und Cody Braun ihren Vater Muzzie und für die Mundharmonika ihren Onkel Gary engagiert. Dass der Familie Braun die Musik im Blut liegt, beweisen auch die beiden jüngeren Brüder Micky und Gary, die als Micky And The Motorcars unterwegs sind.

Meine Favoriten auf „American Jukebox“ sind die Hommage an Tom Petty „Tom Was A Friend Of Mine“ und die Balladen „Put On Your Brave Face Mary“ sowie „42“, das Bukka Allen mit einer Ballpark-Orgel begleitet. Richtig Spaß macht auch der Good Old Rock’n Roll „Mona“, bei dem Bob Seger grüßen lässt.

Ein rockiger Rhythmus, für den neben Drummer Jay Nazz Bassist Joe Miller verantwortlich zeichnen, treibt „Company Of Kings“. Elektrische Gitarre und die von Eleanor Whitmore (Steve Earle &The Dukes) arrangierten Geigen sind hier miteinander verwoben und ergänzen sich auf originelle Weise. In den Folk-Rocker „Another New Year’s Day“ bauen Reckless Kelly die Melodie des Silvesterklassikers „Auld Lang Syne“ („Nehmt Abschied, Brüder“) ein und zeigen so ein weiteres Mal ihre Kreativität.

„American Jackpot“ bringt das Kunststück fertig, ein harmonische Gesamtbild zu entwerfen und dennoch musikalisch abwechslungsreich zu sein. Während der Sound auf dieser CD durchgängig erdig ausgerichtet ist, wird er auf „American Girls“ stellenweise opulenter – so auf dem Titeltrack, der in den Gitarrenpassagen an die frühen REM erinnert, oder „Miss Marissa“.

Auch der Opener „I Only See You With My Eyes Closed“ klingt voll, nicht zuletzt durch die zusätzliche Gitarre von Charlie Sexton (Bob Dylan, Arc Angels, Ryan Bingham). An dem Song hat ebenso wie an „Lonesome On My Own“ Jeff Crosby mitgeschrieben.

Wie bereits erwähnt, zeigen Reckless Kelly ihre rockigere Seite auf „American Girls“. Diese reicht vom Roots Rock („All Over Again (Break Up Blues)“) über Heartland (“Don’t Give Up On Love”) bis zum Tex Mex (“Lost Inside The Groove”). Der Tex-Mex-Titel führt die Tradition von Doug Sahm (Texas Tornados) fort, was nicht verwundert, wenn man weiß, dass der Anstoß für den Song von dessen Sohn Shawn kam.

Mit dem starken „No Dancing in Bristol“ greifen Reckless Kelly auf den Irish Folk zurück. Das Duett „Anyplace Is Wild“ zwischen Willy Braun und Suzy Boggus könnte als Soundtrack zu einem Western dienen und zählt zu den Highlights der zweiten CD. Ein amüsantes Detail bei ihm ist, dass die Musiker mit Sporen stampften, um den Klang eines Tamburins zu erhalten. Das bunte Potpourri auf „American Girls“ rundet das ruhige „My Home Is Where Your Heart Is“ ab.

Den beiden Scheiben des Doppelalbums jeweils einen eigenen Titel zu geben, ist gut nachvollziehbar. „American Jackpot“ ist eine stimmige und stimmungsvolle Sache geworden, bei „American Girls“ überwiegt die Freude am Rock und der Roots Music, mit welcher sich Reckless Kelly von einem engen konzeptionellen Rahmen lösen. Die gemeinsame Veröffentlichung entbindet von der Entscheidung, wonach einem mehr der Sinn steht, denn beide Longplayer haben für sich genommen Klasse. Mit dem Doppelschlag erinnern Reckless Kelly daran, dass sie ganz vorne im Roots-Rock-Regal stehen sollten.

No Big Deal Records/ThirtyTigers-Membran (2020)
Stil: Roots Rock

Tracks:
American Jackpot
01. North American Jackpot
02. Thinkin‘ ‚Bout You All Night
03. Tom Was A Friend Of Mine
04. 42
05. Mona
06. Another New Year’s Day
07. Grandpa Was A Jack Of All Trades
08. Put On Your Brave Face Mary
09. Company Of Kings
10. Goodbye Colorado

American Girls
01. I Only See You With My Eyes Closed
02. American Girls
03. All Over Again (Break Up Blues)
04. Miss Marissa
05. Lonesome On My Own
06. Anyplace That’s Wild
07. Lost Inside The Groove
08. No Dancing In Bristol
09. Don’t Give Up On Love
10. My Home Is Where Your Heart Is

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American Aquarium – Lamentations – CD-Review

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Review: Michael Segets

BJ Barham gehört zu den wohl talentiertesten Storytellern seiner Generation. Oftmals mit Bruce Springsteen verglichen zeigt der Bandleader von American Aquarium in seinen Texten, dass er politisch und sozial das Herz auf dem rechten Fleck hat. Mittlerweile glaubhafter als der Boss gibt Barham den Gedanken und Gefühlen der arbeitenden Bevölkerung eine Stimme. Dabei besitzt er die Fähigkeit, empathisch deren Perspektive zu übernehmen und so nachvollziehbare Psychogramme zum Leben zu erwecken. Dies verbindet ihn beispielsweise mit Steve Earle.

In anderen Stücken zeigt Barham eine scharfe Selbstbeobachtung und arbeitet frühere Lebensstationen – wie seine Alkoholabhängigkeit – und aktuelle Situationen – wie seine Rolle als junger Vater – auf. Inhaltlich lamentiert Barham mit „Lamentations“ auf hohem Niveau.

Musikalisch bleibt sich American Aquarium treu. Ohne große Experimente reiht sich die CD in die bisherigen Veröffentlichungen der Band ein. Wenn American Aquarium sonst dem Country tendenziell nähersteht als dem Rock, sind dessen Einflüsse diesmal weniger vordergründig.

„Six Years Come September“ und „A Better South“ sind die countryfiziertesten Nummer auf dem Album. Die Pedal Steel wimmert auch auf einigen anderen Songs wie auf dem stimmungsvollen „How Wicked I Was“ oder der starken ersten Single „The Long Haul“. Slide und Pedal Steel setzt Barham sowieso gerne zur Untermalung ein. Auf „Lamentations“ fährt er deren Einsatz aber im Vergleich zu früheren Longplayern zurück, was den Songs zu Gute kommt.

Wenn Barham und seine Jungs das Tempo anziehen, liefert die Band stets mitreißende Stücke ab. „The Luckier You Get“, die zweite Vorabauskopplung, ist so ein toller Song auf der Scheibe, der – um nochmal einen großen Namen zu nennen – an Tom Petty erinnert. Bei dem Roots Rocker „Starts With You“ kommen die Braun Brüder von Micky And The Motorcars beziehungsweise Reckless Kelly in den Sinn, was für die Qualität des Titels spricht.

Ebenfalls zu den flotteren Stücken zählt „Brightleaf Burley“, dem Barham nochmal einen leichten Country-Einschlag mitgibt. Mit dem längeren instrumentalen Ausklang, ein vergleichbarer findet sich auch bei dem Opener „Me + Mine (Lamentations)“, bringt Barham eine neue Variation in sein Songwriting, die mir bislang auf den Werken von American Aquarium nicht so deutlich aufgefallen ist.

Eine fast intime Stimmung erzeugt die Klavierbegleitung zu Beginn von „The Day I Learned To Lie To You“. Mit dem Einsetzen der kompletten Band gewinnt das Stück dann an Dynamik. Die Songs tragen die typische Handschrift von American Aquarium, bleiben aber voneinander unterscheidbar, sodass „Lamentations“ die Spannung durchgehend aufrechterhält. Neben sanfteren Titeln sind ebenso kraftvoll arrangierte wie das hervorragende „Before The Dogwood Blooms“ vertreten.

Kurz bevor ich American Aquarium 2017 live sah, wurde die Band nahezu komplett umgebaut und vor allem in den letzten Jahren herrschte wenig Kontinuität in der Besetzung. Seit der Gründung von American Aquarium 2005 begleiteten circa 30 Musiker im Wechsel den Frontmann und Songschreiber BJ Barham. Während Gitarrist Shane Boeker schon auf „Things Change“ (2018) mit von der Partie war, sind Alden Hedges (Bass), Rhett Huffman (Keys), Neil Jones (Pedal Steel) sowie Ryan Van Fleet (Schlagzeug) neu hinzugestoßen.

Auf jeder CD von American Aquarium finden sich tolle Stücke. Da bildet auch „Lamentations“ keine Ausnahme. Darüber hinaus überzeugt der Longplayer als homogenes Gesamtwerk und ist hinsichtlich Songwriting und Produktion, bei der Shooter Jennings mitmischte, eine Nuance ausgereifter als beispielsweise der Vorgänger „Things Change“. Neben den kürzlich erschienen Scheiben von Brian Fallon und Lucinda Williams beweist BJ Barham mit seinem durchweg empfehlenswerten Bandalbum, wie abwechslungsreich das Americana-Genre sein kann.

New West Records/Pias – Rough Trade (2020)
Stil: Americana, Rock/

Tracks:
01. Me + Mine (Lamentations)
02. Before The Dogwood Blooms
03. Six Years Come September
04. Starts With You
05. Brightleaf Burley
06. The Luckier You Get
07. The Day I Learned To Lie To You
08. A Better South
09. How Wicked I Was
10. The Long Haul

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New West Records
Pias – Rough Trade
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Sadler Vaden – Anybody Out There? – CD-Review

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Review: Michael Segets

Demjenigen, der die Line-Up von Bands aus der SoS-Hemisphäre aufmerksam liest, dürfte der Name Sadler Vaden schon einige Male über den Weg gelaufen sein. Vor allem als Mitglied von The 400 Unit, der Truppe von Jason Isbell, heimste Vaden viel Lob und zwei Grammys ein. 2019 unterstützte er Josh Ritter und Trigger Hippy mit seinem Gitarrenspiel. Seit knapp zehn Jahren bringt Sadler immer wieder mal eigene Songs heraus und veröffentlicht jetzt mit „Anybody Out There?“ sein zweites Album.

Auf diesem bestätigt sich, dass in Sadler im Grunde ein Rock-Herz schlägt. Bereits der Opener „Next To you“ legt entsprechend mit kräftigen Akkorden und stampfendem Schlagzeug los. Ganz im Stil von Tom Petty zelebriert Sadler dort den Heartland Rock. Ebenso könnten manche Gitarrenpassagen auf „Tried And True” von Heartbreaker Mike Campbell stammen.

Ein weiteres gitarrengetriebenes Stück ist „Peace + Harmony“, das Aaron Lee Tasjan mitgeschrieben hat. Einen etwas härteren Gang legt Vaden bei dem titelgebenden „Anybody Out There?“ ein. Nach einem Schlagzeug-Intro offenbart Sadler Shouter-Qualitäten und bearbeitet ausgiebig die Saiten seiner elektrischen Gitarre. Dabei bleibt der Song aber stets melodiös. Die Verbindung von ausdrucksstarken Gitarrenriffs und eingängigen Harmonien bekommt Vaden bei „Good Man“ besonders gut hin.

Neben der rockigen Seite zeigt Vaden auch seine sanfte. Das Midtempo-Stück „Modern Times“ wird von einem Chor und Mellotron begleitet, das langsame „Curtain Call“ von Streichern unterstützt. Die stärkste Ballade auf der Scheibe ist „Be Here, Right Now“ mit energiegeladenen Spannungsbögen und hervorragender Gitarrenarbeit, die in einem längeren Solo gipfelt.

„Don’t Worry“ lädt zum Träumen ein und versprüht Westcoast-Feeling. Dieses schwingt ebenfalls bei dem lockeren „Golden Child“ mit. Der Gute-Laune-Song arbeitet mit einem akzentuierten Rhythmus, der in die Beine geht und diese automatisch wippen lässt.

Sadler Vaden legt mit „Anybody Out There?“ eine ausgewogene CD vor, die von straightem Rock über eingängige Midtempo-Nummern bis hin zu gefühlvollen Balladen die Palette abdeckt, die ein abwechslungsreicher Longplayer bieten sollte. Seine gitarrenorientierten, handgemachten Songs fügen sich zu einer runden Sache zusammen. Vielleicht fehlt ein herausragendes Highlight, aber in Gänze betrachtet bleibt „Anybody Out There?“ ein starkes Album.

Von Sadler Vaden höre ich gerne mehr. So trifft es sich, dass Jason Isbell And The 400 Unit für Mai ein neues Album ankündigt, bei dem er wieder mit von der Partie ist.

Dirty Mag Records/Thirty Tigers (2020)
Stil: Rock/

Tracks:
01. Next To You
02. Don’t Worry
03. Golden Child
04. Anybody Out There?
05. Curtain Call
06. Modern Times
07. Peace + Harmony
08. Good Man
09. Be Here, Right Now
10. Tried And True

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Brian Cottrill – Through The Keyhole – CD-Review

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Review: Michael Segets

Brian Cottrill ist Gitarrist und Sänger bei The Grey Agents, einer Band gestandener Herren, die sich dem Rock der frühen Achtziger-Jahre verschrieben haben. Mit „Through The Keyhole“ verzichtet er auf seine Begleitmusiker und zieht als Singer/Songwriter – nur mit Gitarre und Mundharmonika bewaffnet – eine persönliche Bilanz seines musikalischen Schaffens der letzten 35 Jahre.

Die Werkschau reicht bis zu seinem Song „Lace“ zurück, den er als Teenager geschrieben hat. Neben eigens für die CD verfassten Stücken legt Cottrill mit „The Murder Farm“ einen Titel der Grey Agents in einer akustischen Version neu auf.

Als musikalische Inspirationsquellen nennt er Bob Dylan und Tom Petty, deren Einflüsse auch gelegentlich durchscheinen. So erinnert der Einstieg „Remember My Name“ durch die Mundharmonika und den bitterbösen Text an die Frühzeit Dylans. Bei der Struktur der meisten Lieder orientiert sich Cottrill jedoch weniger am Folk, sondern eher an Rocksongs. Mehrere Titel bewegen sich – für ein akustisches Album – in einem flotteren Tempobereich.

In seinen Texten wendet sich der Mann aus West Virginia alltäglichen Themen zu, die auch gerne im Heartland Rock aufgegriffen werden. Familienbeziehungen und -geschichten nehmen dabei einen wichtigen Platz ein. So ist das leicht süßliche „Erica“ seiner Tochter gewidmet.

Sehr einfühlsam zeichnet er mit „Sammie Lee“ eine schwere Lebensgeschichte nach, die durch die seiner Eltern inspiriert wurde. Der Song hat mit fast acht Minuten eine ungewöhnlich lange Spielzeit für eine akustische Ballade. Er vollbringt dabei das Kunststück nicht eintönig zu werden, was für Cottrills Qualität als Songwriter und Musiker spricht.

Textlich stark ist ebenfalls das gesanglich etwas experimentellere „The Uncertain Keyhole Jangle“. Für das Mitlesen stellt Cottrill die Lyrics aller Titel auf seiner Website zur Verfügung. Um gescheiterte Beziehungen drehen sich „Lost und Forgotten“, das stellenweise Assoziationen zu den Stones weckt, sowie „All I’ve Got Is You”, das neben dem Opener und dem dynamischen „When The Fire Comes“ zu den Highlights auf der Scheibe zählt.

Mit dem Bonus-Track „Gates Of Venus” ergänzt Brian Cottrill sein Album. Anders als auf den neun vorangegangenen Stücken beschränkt er sich hier bei der Instrumentalisierung nicht auf akustische Gitarre und Mundharmonika, sondern spielt elektrische Gitarre, Bass, Schlagzeug, Mandoline und Keyboard, womit er sich als wahrer Multiinstrumentalist erweist. Die Anfangsakkorde klingen nach Tom Petty und in dessen Stil setzt Cottrill einen rockigen Schlusspunkt unter sein Solo-Werk.

Das Solo-Projekt von Brian Cottrill vereint gute Rockrefrains mit der textlichen Tiefe des Folk. Im Gesamteindruck pendelt „Through The Keyhole“ damit zwischen akustischem Rock- und Folkalbum. Durch die Varianz von Tempo, Gesang und Atmosphäre umschifft Cottrill geschickt die Gefahr der Monotonie, der akustisch gehaltene Longplayer tendenziell ausgesetzt sind.

Eigenproduktion/Two Side Moon Promotion (2019)
Stil: Singer/Songwirter

Tracks:
01. Remember My Name
02. Erica
03. All I’ve Got Is You
04. Lace
05. The Murder Farm
06. Lost And Forgotten
07. When The Fire Comes
08. Uncertain Keyhole Jangle
09. Sammie Lee
10. Gates Of Venus (Bonus-Track)

Brian Cottrill
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Two Side Moon Promotion

Shiregreen – References – CD-Review

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Review: Michael Segets

Das erste, was auffällt, wenn man das Digipack von „References” in Händen hält, ist das umfangreiche und sehr schön gestaltete Booklet. Beim Durchblättern erschließt sich direkt die originelle Idee, die hinter dem Konzeptalbum steht: Shiregreen, alias Klaus Adamascheck, huldigt seinen musikalischen Heroen, die ihn Zeit seines Lebens begleiteten.

Jedem Musiker ist eine Doppelseite gewidmet, auf der neben Bemerkungen zur persönlichen Bedeutung des Künstlers für Adamascheck auch der Text des Songs in Englisch sowie dessen deutsche Übersetzung abgedruckt sind. Dabei covert Shiregreen keine Titel der jeweiligen Songwriter, sondern er schreibt eigene Stücke, die er ganz im Stil der Vorbilder sowie mit Bezug zu deren Leben oder Werk präsentiert.

Beim erstmalen Hören der CD machte ich das Experiment und versuchte zu erraten, welcher Künstler jeweils als Referenzpunkt diente. Dies gelang mir bei der überwiegenden Zahl der Stücke problemlos. Bei manchen fiel die Zuordnung schwerer, was aber vermutlich daran lag, dass ich die Musik der Vorbilder nicht im Ohr hatte.

Obwohl Shiregreen eine Dekade älter ist als ich, überschneidet sich doch der Musikgeschmack an mehreren Stellen. Tom Petty und John Fogerty rangieren bei mir ebenfalls ganz oben auf der Liste der Musiker, deren Lieder mich prägten. Mit „The Last Goodbye“ sowie „Stolen Songs“ würdigt Shiregreen die Rocklegenden.

Durch den Einbau von Versatzstücken – sowohl hinsichtlich der Texte als auch der Melodien – aus bekannten Songs der Künstler und einem ähnlichen Klang der Gitarren ist der Wiedererkennungswert sehr hoch. Obwohl die Stimme von Shiregreen weich und eher tief ist, womit sie sich von denen von Petty oder Fogerty deutlich unterscheidet, werden die Assoziationen zu den beiden unmittelbar geweckt.

Auch bei den anderen Stücken baut Shiregreen typische Elemente der jeweiligen Musiker ein. Da sind der mehrstimmige Gesang bei „Between The River And The Railroad Tracks“ als Bezugspunkt zu Crosby, Stills, Nash & Young, die Mundharmonika auf „One More Song“ für Bob Dylan oder eine Gitarre à la Mark Knopfler bei „From That Day On“. Neil Young scheint deutlich bei „When The Last Buffalo Is Gone“ durch.

Beeindruckend ist, wie es Shiregreen gelingt, die charakteristischen Sounds der Referenzmusiker nachzubilden. Vor allem Tom Eriksen an unterschiedlichen Gitarren sowie Morris Kleinert mit Pedal Steel und Dobro haben daran großen Anteil. Insgesamt wirken acht Begleitmusiker mit, so dass eine Vielzahl an Instrumenten zum Einsatz kommt. Hinsichtlich der Instrumentierung mit Akkordeon, Querflöte und Geige sticht der Titel „In Barbara’s Room“ hervor, der sich an Leonard Cohen anlehnt.

Marisa Linss übernimmt den Lead-Gesang bei dem Joan Baez gewidmeten „Here’s To Joan“ und bei dem Duett „Under Joshuah Trees“ für Emmylou Harris und Gram Parsons. Bei anderen Stücken steuert sie den Background-Gesang bei, wie bei der Reminiszenz an Townes Van Zandt „Townes And Me“.

Die Musik der anderen gewürdigten Songwriter Mike Batt („All Along The Atlas Mountains“), Ralph McTell („Every Town Is Worth A Song“) und Robert Earl Keen („Down The Endless Road“) ist mir nicht gegenwärtig. Die ihnen zugedachten Titel fügen sich aber nahtlos in das Album ein. Gleiches gilt für „References“ und „References Reprise“, mit denen Adamascheck die Bedeutung alter Lieder als Weggefährten besingt.

Den versammelten Americana-Songs schwingt ein melancholischer Grundton mit, der das gesamte Werk als Konstante durchzieht. Shiregreen erinnert mit „References“ daran, was für großartige Musik es gibt und wie diese das Leben bereichert. Ähnlich sozialisierte Musikliebhaber werden ihre Freude an der Hommage haben. Ich nehme die Anregung auf alle Fälle auf, meine Klassiker, die ich schon viel zu lange nicht mehr gehört habe, nochmal aus dem Regal zu ziehen.

NIWO Music/DMG Germany/cmm-consulting (2019)
Stil: Americana

Tracks:
01. Between The River And The Railroad Tracks
02. Stolen Songs
03. In Barbaras Room
04. References
05. Under Joshuah Trees
06. All Along The Atlas Mountains
07. Every Town Is Worth A Song
08. From That Day On
09. One More Song
10. Down The Endless Road
11. When The Last Buffalo Is Gone
12. Here’s To Joan
13. Townes And Me
14. The Last Good Bye
15. References Reprise

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NIWO Music/DMG Label
cmm-consulting for music and media

The Steel Woods- Old News – CD-Review

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Ich hatte The Steel Woods ja schon bereits 2017 bei ihrem Debüt „Straw In The Wind“ über den grünen Klee hinaus gelobt. Jetzt lag die Messlatte in Sachen Nachfolger dem nach extrem hoch. Um es vorwegzunehmen: Das Nashville-Quartett um ihre beiden Kreativköpfe Wes Bayliss und Jason Cope samt der Rhythmusfraktion Johnny Stanton und Jay Tooke, gehen auch auf „Old News“ unbeirrt ihren eingeschlagenen Weg weiter und liefern das nächste tolle Werk ab.

15 Tracks mit fast 70 Minuten Spielzeit bieten dabei ein ausgedehntes Musikvergnügen. Man darf sich über neun starke Neukreationen und sechs wirklich klasse, als auch spannend umgesetzte Covernummern freuen, die sich schwerpunktmäßig im hinteren Bereich auf Songs verstorbener Größen wie Townes Van Zandt, Merle Haggard, Gregg Allman, Tom Petty sowie Wayne Mills konzentrieren.

Nicht zu vergessen ihr scheinbarer Faible für Black Sabbath, denen sie, wie schon auf dem Erstling, wieder die Ehre erweisen. Hier mit der Umwandlung von dem damaligen, fast schon kammermusikartigen „Changes“ in eine lässig groovende Southern Soul-Version. Genial gemacht!

Die CD beginnt aber direkt mit einem Paukenschlag. Das furios rockende und stampfende „All Of These Years“ hätte wunderbar auf Skynyrds damalige „Gimme Back My Bullets“-Platte zwischen Tracks wie „Double Trouble“, „Trust“ und „Searching“ gepasst. Ein fulminanter Auftakt.

Mit „Without You“, dem bereits erwähnten „Changes“ und „Wherever You Are“ geht es dann zunächst in ruhigere Gefilde, wobei immer ein gewisses Grummeln in der Magengrube erzeugt wird, besonders zum Beispiel durch den Streichereinsatz bei letztgenanntem Lied.

Womit wir bei den dezent, aber sehr effektiv eingesetzten Gastmusikern wären. Die wieder herrlich episches Flair verursachenden Strings wurden von Jake Clayton bedient, die starke Backgroundsängerin Joanne Cotton ist am besten beim shuffligen Rocker „Blind Lover“ rauszuhören. Für leiernde, weinende und wimmernde Steeleinlagen zeichnet sich Eddie Long bei den countryeskeren Liedern wie „Anna Lee“, One Of These Days“ und „Are The Good Times Really Over (I Wish A Buck Was Still Silver)“ verantwortlich.

Ganz großes Southern-Kino bieten das politisch nachdenkliche Titelstück „Old News“, das episch anmutende, aber auch voller Pathos und Inbrunst von Bayliss gesungene „The Rock That Says My Name“ (Rambler-Flair) und die drei grandios gecoverten „The Catfish Song“ (Townes Van Zandt – mit fulminanter Harp- und E-Gitarrenpassage), „Whipping Post“ (Gregg Allman – wahnsinnige Drum- und E-Gitarren-Dynamik, unterschwengliche Doors-Note) und die wunderbare Tom Petty-Huldigung mit „Southern Accents“ als krönendem Abschluss.

Das Southern Rock-Jahr hat noch keine 20 Tage absolviert und schon haben The Vegabonds mit ihrem knackigen „V“-Werk und The Steel Woods mit „Old News“ für die ersten fetten positiven Schlagzeilen gesorgt. Weiter so, Jungs!

Woods Music/Thirty Tigers (2019)
Stil: Southern Rock

01 All Of These Years
02 Without You
03 Changes
04 Wherever You Are
05 Blind Lover
06 Compared To A Soul
07 Old News
08 Anna Lee
09 Red River (The Fall Of Jimmy Sutherland)
10 The Catfish Song
11 Rock That Says My Name
12 One Of These Days
13 Are The Good Times Really Over (I Wish a Buck Was Still Silver)
14 Whipping Post
15 Southern Accents

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