Lucinda Williams – Runnin’ Down A Dream – A Tribute To Tom Petty – CD-Review

cover Lucinda Williams - Runnin Down A Dream - A Tribute To Tom Petty 300

Review: Michael Segets

Lucinda Williams gab im letzten Quartal 2020 sechs Streaming-Konzerte, die bislang nur über ihre Homepage erhältlich sind. Neben thematisch ausgerichteten Auftritten widmete sie Bob Dylan, den Rolling Stones und Tom Petty einen Abend. Die Konzerte werden nun in der Reihe Lu’s Jukebox auf CD und Vinyl herausgebracht. Den Auftakt bildet „Runnin‘ Down A Dream – A Tribute To Tom Petty“. Die Erstveröffentlichung stammt vom 20. Oktober, dem Tag, an dem Tom Petty siebzig geworden wäre.

Der Reiz von Tribute-Alben liegt zum guten Teil darin, zu vergleichen, welche Titel ausgewählt werden und was die Musiker aus den Vorlagen machen. Die Songs einfach nur möglichst nah am Original spielen zu wollen, ist bei Tom Pettys speziellem Sound ein Unterfangen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. In diese Falle tappt Lucinda Williams nicht. Sie transformiert die Stücke so, dass sie erkennbar bleiben und dennoch eine eigenständige Atmosphäre entwickeln.

Mit ihrer dunklen Stimme, mit dem Mut, streckenweise nölige Töne anzuschlagen, und mit einer erdigen Bandbegleitung verändert Williams die Songs und lässt sie in neuem Licht erscheinen. Die Interpretationen sind durchgängig gelungen und besonders die Stücke, die ich nicht unter den Top-Titeln von Petty verbucht hatte, beeindrucken in ihrem reformierten Gewand. „Down South“ und „Gainesville“ gehören in diese Kategorie.

Bei der Songauswahl überrascht, dass Williams nicht auf die frühen Klassiker zurückgreift und auch die starken Alben „Long After Dark“, „Let Me Up“ oder „Into The Great Wide Open“ ignoriert. Williams trifft bei ihrem Tribute eine individuelle Auswahl und orientiert sich weniger am Erfolg oder Bekanntheitsgrad der Titel. Natürlich sind auch Songs vertreten, die jedem noch in Ohr sein dürften. Nicht zuletzt „I Won’t Back Down“ und „Southern Accents“, die zuvor von Johnny Cash gecovert wurden. Besonders freut es mich, dass mit „Rebels“ einer meiner Favoriten den Weg auf das Album gefunden hat.

Insgesamt berücksichtigt Williams die meisten Schaffensphasen von Petty, ohne dabei repräsentativ sein zu wollen. Sie legt den Schwerpunkt auf die Alben „Full Moon Fever“ und „Wildflowers“, die in den 1990ern veröffentlicht wurden. Das Artwork des Covers ist dann auch an das von „Full Moon Fever“ angelehnt. Von beiden CDs, die zusammen mit „Highway Companion“ (2006) als Solo-Veröffentlichungen von Tom Petty zählen, da die Heartbreakers als Band nicht mit von der Partie waren, greift Williams jeweils drei Tracks heraus. Aus den siebziger Jahren fiel ihre Wahl auf das leicht countryfizierte „Louisiana Rain“, das im Original von Damn The Torpedoes stammt, auf dem sich auch die deutlich bekannteren „Refugee“ und „Even The Losers“ finden. Pettys Spätphase, in der er Mudcrutch wiederbelebte, spiegelt sich in der Liedauswahl von Williams nicht wider.

Den Abschluss der CD bildet „Stolen Moments“, ein Song, den sie als Hommage an den Ausnahmemusiker verfasste. Sie tritt damit in die Fußstapfen von Reckless Kelly, die unlängst ebenfalls eine berührende Würdigung des Rockmusikers aus Gainesville mit „Tom Was A Friend Of Mine“ vorlegten.

Tom Petty hinterlässt tiefe Spuren in der Rockmusik. Dass ein groß angelegtes Tribute-Werk dreieinhalb Jahre nach seinem überraschenden Tod noch fehlt, ist schwer verständlich. Williams schließt diese Lücke zumindest teilweise, indem sie mit einer persönlichen Würdigung seiner Songs einen Streifzug durch Pettys musikalisches Schaffen unternimmt und dabei vor allem seine Solo-Karriere berücksichtigt. Ohne den Sound von Petty kopieren zu wollen, interpretiert sie seine Werke auf eine eigenständige Art, mit der sie der Ikone gerecht wird und sich selbst treu bleibt.

Highway 20 – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Rock

Tracks:
01. Rebels
02. Runnin‘ Down a Dream
03. Gainesville
04. Louisiana Rain
05. I Won’t Back Down
06. A Face in the Crowd
07. Wildflowers
08. You Wreck Me
09. Room at the Top
10. You Don’t Know How It Feels
11. Down South
12. Southern Accents
13. Stolen Moments

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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Ryan Adams – Wednesdays – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die ersten Lorbeeren verdiente sich Ryan Adams als Frontmann von Whiskeytown. Seit der Jahrtausendwende startete er eine Solokarriere, phasenweise unterstützt von seiner Begleitband The Cardinals. Äußerst produktiv brachte er in den letzten zwanzig Jahren siebzehn Alben heraus. Damit nicht genug nahm er zudem auf dem Produzentenstuhl für Willie Nelson und Jesse Malin Platz. Quasi nebenher veröffentlichte er Gedichte und Kurzgeschichten. An seinem Debütroman arbeitet er zurzeit.

Ryan Adams genießt einen außerordentlichen Ruf als Songschreiber. Sein künstlerisches Schaffen ist vielfältig und als Musiker lässt er sich nicht auf eine Musikrichtung festlegen. Seine Bandbreite umfasst eine Palette zwischen den Eckpunkten Rock und Alternative Country. Das Grammy-nominierte „Gold“ (2001), „Rock n Roll“ (2003) und das etwas schwächere „Love Is Hell“ (2004), auf dem sich allerdings ein schönes Cover von „Wonderwall“ (Oasis) befindet, stehen ebenso in meinem CD-Regal, wie das mit The Cardinals eingespielte „Jacksonville City Nights“ (2005). Danach tut sich eine Lücke auf und ich habe seine Karriere nicht weiter verfolgt, bis mich ein Freund auf das Vorgängeralbum von „Wednesdays“ aufmerksam machte. Das kraftvolle „Prisoner“ (2017) rückte Adams wieder in meinen Wahrnehmungshorizont.

Eine für ihn ungewöhnlich lange Zeit hörte man nach „Prisoner“ nichts von ihm. Konfrontiert mit gesundheitlichen Problemen und Missbrauchsvorwürfen, zog sich Adams zurück und konzentrierte sich auf seine Wurzeln als Singer/Songwriter. In den vergangenen drei Jahren entwarf er wohl genug Material für drei Alben, die er als Trilogie herausgeben möchte. Den Auftakt dazu stellt „Wednesdays“ dar. Als Mitproduzenten konnte Adams keinen geringeren als Don Was gewinnen, der neben den Rolling Stones oder Bob Dylan auch etliche Musiker unterstützte, die bei SoS gerne besprochen werden (u. a. Bob Seger, Gregg Allman, Lucinda Williams, Garth Brooks).

Auf der CD präsentiert sich Adams von einer Singer/Songwriter-Seite, wie ich sie von ihm noch nicht gehört habe. Bei den meisten Stücken steht die akustische Gitarre als Begleitung im Fokus. Vor allem mit dem reduziert instrumentalisierten „Poison & Pain” bewegt sich Adams auf Augenhöhe mit den Klassikern der Folktradition. Er umschifft die Gefahr der Eintönigkeit, die Folkalben anhaftet, indem er die Möglichkeiten der akustischen Gitarre auslotet und dezente Variationen in der weiteren Begleitung einsetzt. So ist bei „So, Anyways“ eine langgezogene Mundharmonika zu hören oder bei dem klagenden „Mamma“ ein intensiver Harmoniegesang.

Eine breitere Instrumentalisierung weist die erste Single „I’m Sorry And I Love You“ auf, mit der der Longplayer einsteigt, sowie das eine besondere Dynamik entwickelnde „When You Cross Over“. Das mittig platzierte „Birmingham” bringt mit dem kräftigen, fast schon rockigen Schlagzeug, eine willkommene Abwechslung zwischen die ansonsten langsamen Songs.

Insgesamt durchzieht das Album eine getragene Stimmung, die mit den wehmütigen, aber nicht romantisch verklärenden Texten korrespondiert. Der Titel des Abschlussstück „Dreaming You Backwards” ist für die inhaltliche Ausrichtung der Songs charakteristisch, die meist um schmerzvolle Erinnerungen und vergangene Liebesgeschichten kreisen. Bei dem Track sitzt Adams am Klavier. Mit elektrischer Gitarre, Percussion und einem Background, der einen Anflug von Gospel vermittelt, krönt Adams das Ende seines Werks.

Ryan Adams zeigt sich auf „Wednesdays“ einmal mehr als kreativer Kopf. Über weite Teile des Albums erfindet er sich als Folksänger neu. Dabei verfolgt er keine puristische Linie, sondern lotet Genregrenzen aus und führt seine Songs zu einer atmosphärisch stimmigen Einheit zusammen.

Pax-Americana/Roughtrade (2021)
Stil: Folk, Americana

Tracks:
1. I’m Sorry And I Love You
2. Who Is Going To Love Me Now, If Not You
3. When You Cross Over
4. Walk In The Dark
5. Poison & Pain
6. Wednesdays
7. Birmingham
8. So, Anyways
9. Mamma
10. Lost In Time
11. Dreaming You Backwards

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Rough Trade
Another Dimension PR Agentur

US Rails – Mile By Mile – CD-Review

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Review: Michael Segets

Vor einigen Jahren sah ich die US Rails in Essen noch als Quintett auf der Bühne. Nach dem Ausstieg von Joseph Parsons, machten die übrigen Bandmitglieder fleißig weiter. Sie tourten regelmäßig auch durch unsere Region, wo Sound-Of South sie zweimal in Wesel besuchte, und veröffentlichten Alben in hoher Taktzahl. Ein Freund, mit dem ich seinerzeit das Konzert in Essen erlebte, machte mich auf das sechste Studioalbum „Mile By Mile“ der US Rails aufmerksam.

Auf der vorangegangenen Scheibe „We All Been Here Before“ coverte die Truppe unter anderem Kompositionen von Jackson Browne, Neil Young, Warren Zevon, Fleetwood Mac, den Beatles und den Stones. In dem Spannungsfeld diesen Musik tummelt sich die Band seit ihrer ersten Veröffentlichung vor zehn Jahren. Besondere Markenzeichen der US Rails sind wechselnde Leadstimmen sowie mehrstimmige Harmoniegesänge.

Ben Arnold, Scott Bricklin, Tom Gillam und Matt Muir funktionieren als Team und obwohl jeder mindestens einen Song verfasste, kommt bei „Mile By Mile“ wieder ein Gesamtpaket ohne Brüche heraus. Im Vergleich zu den früheren Scheiben ist die neue etwas rockiger ausgerichtet und hat anders als „Ivy“, dem 2016er Album mit Eigenkompositionen, einen direkteren und erdigeren Sound.

Vor allem bei den ersten drei Stücke rocken die US Rails locker und unverkrampft los. Den Anfang macht Bassist Scott Bricklin mit „Take You Home“, gefolgt von Tom Gilliams „Mile By Mile“ und Ben Arnolds „Trash Truck“. Eine erste Verschnaufpause bietet dann „Water In The Well”, das aus der Feder von Matt Muir stammt. Der Schlagzeuger steuert selten Songs bei, legt hier aber eine sehr schöne, dynamische Ballade vor. Aufgepeppt wird sie durch einen gospelig-souligen Chor, Gilliams elektrische Gitarre sowie den Keys von Ben Arnold.

Ben Arnolds angeraute Stimme hebt sich von denen seiner Mitstreiter ab. Sie gibt sowohl Balladen („Slow Dance”) als auch schnelleren Nummern („What You Mean To Me“) einen gewissen Touch. Besonders der erdige Roots Rocker „Tombstones & Tumbleweeds” profitiert von dem mitschwingenden Blues seiner Stimme. Dem herausstechenden Song folgt „See The Dream”, der zwar etwas weniger rockig angelegt ist, dafür aber eine wunderbar eingängige Melodie hat. Er stammt ebenso wie „Hard Headed Woman” von Scott Bricklin.

Nach dem eingangs erwähnten Titelsong kommt Tom Gilliam noch zweimal mit seinen Ideen zu Wort. Neben dem routinierten Midtempo-Rock „Fooling Around” performt der humorvolle Aktivposten der Live-Shows „Easy On My Soul” mit herrlichem Westcoast-Ambiente inklusive Slide-Passagen.

Die US Rails zeigen keine Ermüdungserscheinungen. Seit einer Dekade unterhalten sie auf Bühne und Tonträgern hervorragend. Ihrem Stil bleiben sie weiterhin treu, der etwas rockigere Einschlag von „Mile By Mile“ steht ihnen dabei gut zu Gesicht. Das Album ist insgesamt das stärkste des Quartetts. Die melodischen Songs passen atmosphärisch prima zu einem geselligen Sommerabend.

BlueRose Records (2020)
Stil: Rock, Americana/

Tracks:
01. Take You Home
02. Mile By Mile
03. Trash Truck
04. Water In The Well
05. What You Mean To Me
06. Hard Headed Woman
07. Easy On My Soul
08. Tombstones & Tumbleweeds
09. See The Dream
10. Fooling Around
11. Slow Dance

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BlueRose Records

Ryan Bingham – American Love Song – CD-Review

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Review: Michael Segets

Fünfzehn neue Stücke stellt Ryan Bingham auf „American Love Song“ vor. Persönliche Erfahrungen und gesellschaftskritische Stellungnahmen verpackt er in unterschiedliche Facetten der Roots-Music. So steht „Beautiful And Kind“ ganz in der Tradition der Folk-Sänger a la Pete Seeger oder Woody Guthrie. Dem Blues frönt er mit „Hot House“ und „Got Damn Blues“, das sich am Ende in Richtung Gospel entwickelt. Rockige Töne schlägt Bingham bei „Nothin‘ Holds Me Down“ und beim Rolling Stones infiltrierten „Pontiac“ an.

Die überwiegende Anzahl der Titel lässt sich dem weiten Feld des Americana zurechnen, wobei Bingham mit dessen Ingredienzien spielerisch umgeht. Auf „Lover Girl“ ist mal eine Steel Guitar zu hören, auf „Time For My Mind“ schlägt er einen Rhythmus an, der beinah an die Karibik erinnert. Mehrere Stücke werden von dem leidenden Gesang Binghams getragen. „Stones“ beginnt sanft, entwickelt aber eine Dynamik, die mitnimmt. Dagegen fällt das klagende und etwas überladene „Blue“ etwas ab.

Mit dem vorab herausgegebenen „Wolves“ hat Bingham alles richtig gemacht. Bei der akustisch gehaltenen Ballade kommt sein eindringlicher Gesang besonders gut zur Geltung. Ebenso vollständig überzeugt „What Would I’ve Become“, das er nicht weniger intensiv, aber mit mehr Drive spielt. Ein weiterer Favorit ist der rumplige Opener „Jingle And Go“ mit dominantem Bar-Piano, das für einen Umtrunk in einer lauten Kneipe bestens geeignet erscheint.

Deutliche Worte zur Lage der Nation findet Bingham auf „Situation Station“. Er setzt auf die verbindende Kraft der Musik und wendet sich gegen Aus- und Abgrenzung, die er in Amerikas Politik verstärkt wahrnimmt. Auch „America“ schlägt inhaltlich in eine ähnliche Kerbe. Sein ausdrucksstarker Gesang wird hier von einer gleichmäßigen, sanften akustischen Gitarre untermalt. Bingham gibt sich dabei mahnend, aber nicht resignativ. Der Song könnte auch von Bruce Springsteen geschrieben sein.

Zum Abschluss des Albums würdigt Bingham mit „Blues Lady“ die starken Frauen seines Landes. Dabei hat er seine verstorbene Mutter ebenso wie Janis Joplin oder Aretha Franklin vor Augen.

Zusammen mit dem Co-Produzenten Charlie Sexton (Bob Dylan, Arc Angels, Sue Foley) bewegt sich Bingham sicher in den Spielarten der Roots Musik. Er komponiert tolle Songs, bei dem Texte und Musik stimmen. Vielleicht halten einzelne Titel nicht ganz die hohe Qualität des insgesamt starken Albums, bei der Anzahl der Stücke fällt das aber kaum ins Gewicht.

Axster Bingham Records/Thirty Tigers/Alive (2019)
Stil: Americana and more

Tracks:
01. Jingle And Go
02. Nothin‘ Holds Me Down
03. Pontiac
04. Lover Girl
05. Beautiful And Kind
06. Situation Station
07. Got Damn Blues
08. Time For My Mind
09. What Would I’ve Become
10. Wolves
11. Blue
12. Hot House
13. Stones
14. America
15. Blues Lady

Ryan Bingham
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Thirty Tigers