Mathias Schüller – Wodka Wodka Superstar – CD-Review

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Review: Michael Segets

Von den großartigen Konzerten, das das JZ Karo in Wesel veranstaltet, berichtete SoS schon mehrfach. Das Musikprogramm ist dort Chefsache und wird vom Leiter des Jugendzentrums Mathias Schüller organisiert, der damit beweist, dass er musikalisch das Herz auf dem rechten Fleck hat. Schüller lebt seine Leidenschaft für Musik darüber hinaus auch eigenproduktiv aus. Mit dem Doppelalbum „Fremder“ debütierte er 2015. Nach dem hoch gelobten „Affentanz“ (2017) folgt nun sein drittes Werk „Wodka Wodka Superstar“.

Der erste Blick auf die Titelliste erweckt den Eindruck, dass Schüller nun ins englischsprachige Metier wechselt. Dieser täuscht, denn er bleibt den deutschen Texten treu. Die Namen mancher Songs spielen auf – mehr oder weniger – bekannte Bands an. Da werden das australische Damen-Duo Hussy Hicks, die Amerikaner Water And Sand, die britischen Rocker Led Zeppelin und die Krefelder Kultband Dear Wolf in Erinnerung gerufen.

Die stilistische Ausrichtung der Songs orientiert sich lose an diesen Referenzen. Schüller hat sich nach eigenen Aussagen eher von Ryan Adams, Jeff Buckley oder Velvet Underground inspirieren lassen. Wie dem auch sei, herausgekommen ist ein Longplayer zwischen rockigen Einlagen („Hussy Hicks“, „Dead End“) und Singer/Songwriter-Balladen („Rose Garden“, „Water & Sand“).

Schüller spielte das Album quasi im Alleingang ein. Alle Instrumente gehen auf sein Konto, wobei vor allem die erdigen Gitarrenintros beim Titellied und bei „Ed Zeppelin“ überzeugen. Eine rootsige Untermalung hat ebenso der über zehnminütige Abschluss „Dear Wolf“. Wenn es so etwas wie deutschsprachigen Americana gibt, dann trifft diese Bezeichnung das Werk ganz gut.

Mit deutschen Texten habe ich meist meine Schwierigkeiten, da ich sie unmittelbar verstehe und anders als bei englischen Lyrics nicht ausblenden kann. Sollte ich deutschsprachige Lieder hören, dann müssen Dichtung und Aussage auch stimmen. Schüllers Texte haben Substanz und heben sich so von dem, was sonst oftmals im Radio geboten wird, ab. In manchen Teilen erinnern sie an die von Marius Müller-Westernhagen. Hervorzuheben ist, dass im Begleitheft des schön aufgemachten Digipacks die Texte abgedruckt sind.

Stimmungsvolle Momentaufnahmen, bei „Banana Whiskey“ beispielsweise von seiner Amerika-Tour, werden von Schlüter mehrfach mit sozialkritischen Seitenhieben auf Kommerz und Kapitalismus („Mad Max“) – oder auch auf den amerikanischen Präsidenten – versehen. Mit wehmütigen oder sehnsuchtsvollen Songs („Water & Sand“) und aufgekratzten Nummern („Hussy Hicks“) zeichnet Schüller Situationen und Personenportraits nach, die als Grundthema die Spannung zwischen dem Hunger nach echtem Leben und den gesellschaftlichen Ansprüchen und Rahmenbedingungen durchscheinen lassen.

Mathias Schüller präsentiert auf „Wodka Wodka Superstar“ einen deutschsprachigen Americana-Rock-Mix, der besonders mit seinen Texten, die den Nimbus der Studentenbewegung der sechziger und siebziger Jahre transportieren, überzeugt.

Schüller, der bereits als Support für Joseph Parsons tourte, kündigt für den Herbst mehrere Konzerte an. Bleibt also zu hoffen, dass bis dahin solche öffentlichen Auftritte wieder problemlos möglich sind.

Cactus Rock Records (2020)
Stil: Deutschrock, Americana/

Tracks:
01. Hussy Hicks
02. Rose Garden
03. Wodka Wodka Superstar
04. Ed Zeppelin
05. Dead End
06. Water & Sand
07. Mad Max
08. Banana Whiskey
09. Dear Wolf

Mathias Schüller
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Cactus Rock Records

Drew Holcomb & The Neighbors – Dragons – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die tänzerischen Qualitäten von Drew Holcomb stellen die von John Travolta oder Michael Jackson deutlich in den Schatten, wie er in dem Video zu „Family“ beweist. Ich mühe mich seit Tagen vor dem Spiegel, um seine Moves so ausdrucksstark rüberzubringen. Der Gute-Laune-Song eröffnet „Dragons“, die neue Scheibe von Drew Holcomb & The Neighbors.

Fröhliche Stimmung versprüht auch „End Of The World“ – entgegen dem, was der Titel verspricht. Die leicht poppige Nummer verbreitet Party-Laune und geht ebenfalls direkt ins Tanzbein. Nach dem mitreißenden Beginn der CD nimmt Holcomb das Tempo zurück. Die optimistische Grundton des Einstiegs durchzieht aber weiterhin den gesamten Longplayer, obwohl auch ernstere Zwischentöne angeschlagen werden. Erst am Ende wird das Werk mit der aktuellen Single „You Never Leave My Heart“ und „Bittersweet“ getragener.

Im Mittelteil des Longplayers widmet sich Holcomb ganz dem Americana, seiner bevorzugten Musikrichtung. Dabei gelingen ihm einige starke Genrebeiträge. Das mit akzentuiertem Rhythmus und sanfter Klavierbegleitung versehene „But’ll Never Forget The Way You Make Me Feel“ ist einer davon. Noch einen Tick stärker erscheint der Titelsong, den Zach Williams mitgeschrieben hat. Die „Dragons“ sind dabei eine Metapher für die Hindernisse, die es im Leben zu überwinden gilt.

Aber auch die Kooperation mit Lori McKenna bei „You Want What You Can’t Have“ und beim rockigeren „Make It Look So Easy“ macht sich bezahlt. „See The World“ ist sehr harmonisch, aber mit der Lap Steel etwas glatt, sodass es mich nicht so mitnimmt wie die anderen Songs. „Maybe“ punktet hingegen durch den variablen Einsatz der Gitarren. Für diese ist neben Holcomb Nathan Dugger verantwortlich. Mit Rich Brinsfield am Bass und Jonathan Womble am Schlagzeug sind The Neighbors dann komplett. Holcombs Frau Ellie ist offiziell aus der Band ausgeschieden und verfolgt mittlerweile eine Solo-Karriere.

Holcomb ist mit seiner aus Tennessee stammenden Band seit 2005 unterwegs. Er tourte mit einigen illusteren Kollegen wie John Hiatt, Ryan Adams, Marc Broussard, Robert Earl Keen oder Susan Tedeschi. In den letzten fünf Jahren konnten Drew Holcomb & The Neighbors einige Alben vor allem in den amerikanischen Folk- und Independent-Charts platzieren.

Das neue Werk hat sicherlich das Potential, an diese Erfolge anzuknüpfen. Die beiden Auskopplungen „Family“ und „You Never Leave My Heart” stecken dabei die beiden emotionalen Extrempunkte der Scheibe ab. Dazwischen bietet „Dragons“ sehr gelungene Americana-Songs mit eingängigen Melodien und eindringlichen Texten.

Thirty Tigers (2019)
Stil: Americana

Tracks:
01. Family
02. End Of The World
03. But I’ll Never Forget The Way You Make Me Feel
04. Dragons
05. See The World
06. You Want What You Can’t Have
07. Maybe
08. Make It Look So Easy
09. You Never Leave My Heart
10. Bittersweet

Drew Holcomb
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