Charley Crockett – Lil’ G. L. Presents: Jukebox Charley – CD-Review

Review: Michael Segets

Charley Crocketts Veröffentlichungen folgen Schlag auf Schlag, zuletzt im Halbjahresrhythmus. Die Schlagzahl kann er einlegen, da er sich gerne am Fundus der Country- oder Bluesgeschichte bedient und ältere Titel covert. Unter seinem alter ego Lil‘ G. L. greift er auf „Lil’ G. L. Presents: Jukebox Charley” erneut in die Schatzkiste des Countrys aus vergangenen Tagen.

Ähnlich wie Lucinda Williams, die sich in ihrem Coverprojekt Beiträgen des Genres aus den 1960ern zuwandte, gewinnt auch Crockett den Songs einen eigenen Sound vor allem durch seinen Gesang ab. Da seine Arrangements semi-akustisch gehalten sind, wirken sie jedoch in einem stärkeren Maße traditionsverbunden. Mit seinem New Traditional Country schwimmt Crockett zurzeit auf einer Erfolgswelle. Er verzeichnet mittlerweile 155 Millionen Streams – die Hälfte davon im vergangenen Jahr. Sein letztes Album „Music City USA“ hielt sich sechs Wochen auf Platz 1 der Americana-Radio-Charts. Crockett hat also wenig Grund, etwas grundlegend zu ändern.

Bei der Auswahl der Stücke meint Crockett allerdings, ein Risiko eingegangen zu sein, da er auf keine geläufigen Titel setzt. Mit Ausnahme von Willie Nelson („Home Motel“) ist mir die Riege der Songwriter unbekannt. Dies sagt natürlich wenig über die grundsätzliche Qualität der Musik, aber insgesamt bleiben die einzelnen Tracks und Interpretationen tastsächlich kaum im Ohr.

Wie gewohnt setzt Crockett auf Twang und Steel Pedal („Lonely In Person“, „Jukebox Charley“, „Out Of Control“). Etwas Varianz bringt er durch Pfeifen („Where Have All The Honest People Gone”) und Doo Wop im Background („Heartbreak Affair”) ein. Ein paar Balladen („Same Old Situation”) stehen neben den Midtempo-Stücken in herkömmlicher Country-Manier („Battle With The Bottle”, „ Between My House And Town”). Insgesamt stellt „Jukebox Charley” ein unaufgeregtes und unaufregendes Album dar, das sich an Traditionalisten richtet.

Aber Crockett kennt seine Zielgruppe und beweist mit der Auswahl seiner ersten Single einmal mehr ein sicheres Händchen. „I Feel For You” ist der beste Track des Longplayers und spricht mit einem eingängigen Refrain sowie einer souligen Performance nicht allein die Country-Enthusiasten an. Weitere Highlights des Albums sind der lockere Opener „Make Way For A Better Man” sowie das Traditional „Diamond Joe”. Kurz vor Schluss folgt dann noch „Six Foot Under”, das unter den Songs hervorsticht.

Charley Crockett ist ein Arbeitstier. Nicht nur die schnelle Folge seiner Veröffentlichungen, sondern auch sein unermüdliches Touren zeigen dies. Bis Mitte Mai sind 35 Auftritte in den USA angekündigt, dabei supportet er zweimal Willie Nelson. Wann er wieder nach Europa kommt, bleibt noch offen.

Mit „Lil’ G. L. Presents: Jukebox Charley” setzt Charley Crockett seine Reihe von Coveralben fort. Er nimmt sich eher unbekannten Songs aus der Frühzeit des Country an und arrangiert diese gewohnt stilvoll. Neben ein paar Highlights erscheinen die Titel und Interpretationen im Vergleich zu früheren Longplayern etwas schwächer. Crockett revolutioniert das Genre nicht, hält es aber in Erinnerung. Bislang ist das Konzept aufgegangen und so bleibt zu vermuten, dass auch dieses Album seine Hörer findet.

Son Of Davy – Thirty Tigers/Membran (2022)
Stil: Country

Tracks:
01. Make Way For A Better Man
02. I Feel For You
03. Lonely In Person
04. Diamond Joe
05. Where Have All The Honest People Gone
06. Home Motel
07. Jukebox Charley
08. I Hope It Rains At My Funeral
09. Heartbreak Affair
10. Battle With The Bottle
11. Out Of Control
12. Six Foot Under
13. Same Old Situation
14. Between My House And Town

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Thirty Tigers
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Cruzados – She’s … Automatic! – CD-Review

Review: Michael Segets

Ende der 1980er, als CDs noch auf dem Vormarsch waren, erstand ich den ersten selbstbetitelten Longplayer (1985) der Cruzados auf dem Wühltisch. Die Band war mir völlig unbekannt und ich griff auf gut Glück zu. Am nächsten Tag war ich wieder im Laden und staubte die zweite Scheibe „After Dark“ (1987) zum Sonderpreis ab. Dies war der wesentliche Output der Truppe, die sich auflöste als Frontmann Tito Larriva mit Tito & Tarantula eine neue Band gründete, die Mitte der 1990er nicht zuletzt durch die Mitwirkung an dem Film „From Dust Till Dawn“ größere Bekanntheit erlangte.

Etwa zu dieser Zeit drehten sich auch die beiden Cruzados-Alben das letzte Mal in meinem Player. Erst als ich durch die Konzertankündigung der Kulturrampe darauf aufmerksam wurde, dass die Band tourt, griff ich wieder ins Regal holte die alten CDs hervor und besorgte mir das neue Album.

Treibende Kraft hinter der Reanimation der Cruzados ist Songwriter und Bassist Tony Marsico, der bereits mit Bob Dylan, Neil Young, Roger Daltrey, Marianne Faithfull und Willie Nelson zusammenarbeitete. Als einziges Mitglied des ursprünglichen Quartetts suchte er Mitstreiter, mit denen er den Geist der Cruzados wieder aufleben lassen konnte. Fündig wurde er als neuen Sänger bei Ron Young von Little Caesar, der seine Gitarristen Loren Molinare und Mark Tremalgia sowie den Schlagzeuger Rob Klonel mitbrachte.

Marsico empfand das frühzeitige Ende der Cruzdados immer schon als unbefriedigend und möchte das neue Album als Reminiszenz an die beiden verstorbenen Ur-Cruzados Marshall Rohner und Chalo Quintana verstanden wissen. Das Projekt unterstützten auch andere Musiker aus der LA-Szene. So sind als Gäste unter anderem David Hidalgo und Steve Berlin von Los Lobos oder auch Dave Alvin dabei.

“She’s … Automatic!” ist eine Scheibe geworden, die von vorne bis hinten rockt, einzig unterbrochen durch die mittig platzierte Ballade „Sad Sadie“. Straight forward gehen neben dem Titeltrack auch der Opener „On The Tilt A Whirl“ und „Wing And A Prayer“. Klasse gitarrengetriebenen Rock bieten „54 Knockouts“ sowie das staubige „Nine Million Tears“. Daneben finden sich der Boogie „Let Me Down“ und das Southern-Flair versprühende „Across This Ghost Town“. In Richtung Bluesrock gehen „Son Of The Blues“, „Long Black Car“ ebenfalls wie das abschließende „Rock That Boat“.

Tony Marsico als einziges Bandmitglied der Urbesetzung lässt die Cruzados wieder auferstehen. Mit Ron Young als neuem Frontmann liefert die Band eine Scheibe ab, die ein hohes Tempo geht. Ehrlicher, handgemachter Rock, der ohne Schnörkel die Songs auf den Punkt bringt, stehen auf dem Programm. Die aktuellen Auftritte, mit denen „She’s … Automatic!” promotet wird, versprechen Highlights in der nun wieder anlaufenden Konzertsaison zu werden.

Deko Entertainment/Cargo (2022)
Stil: Rock

Tracks:
01. On The tilt A Whirl
02. Across This Ghost Town
03. Nine Million Tears
04. She’s Automatic
05. Son Of The Blues
06. Sad Sadie
07. Long Black Car
08. Let Me Down
09. Wing And A Prayer
10. 54 Knockouts
11. Rock That Boat

Cruzados
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Amos Lee – Dreamland – CD-Review

Review: Michael Segets

Amos Lee hat in der Vergangenheit einige gute Songs veröffentlicht und mit dem Album „Mission Bell“ (2011) in Amerika eine Top-Platzierung in den Charts eingefahren. Nach „Mountains Of Sorrow, Rivers Of Songs“ (2013) habe ich seinen musikalischen Werdegang nicht weiter verfolgt. Zwei Studioalben und knapp zehn Jahren später bietet „Dreamland“ nun die Gelegenheit, den aktuellen Stand des Singers/Songwriters wieder in den Blick zu nehmen.

„Dreamland“ steht wie viele andere Alben, die in dem letzten Jahr auf den Markt gebracht wurden, unter den Eindrücken, die die Pandemiezeit mit sich brachte. Lee thematisiert Isolation und Ängste auf seinem Werk. Dabei versucht er durchaus Optimismus zu versprühen und sich nach eigener Aussage stärker den Mitmenschen zuzuwenden, als er es bisher als Songwriter getan hat.

Mit dem Produzenten Christian Langdon an seiner Seite entstand ein sorgsam, voll arrangiertes Werk, das teilweise in das Pathetische und Bombastische hinübergleitet. Der titelgebende Opener mit sich einbrennenden Klavierlauf und fast hypnotisch gehauchtem Gesang dient mit seinem dramatischen Refrain als Beispiel dafür. „Seeing Ghosts“ bekommt mit dem Einsatz von Streichern einen orchestralen Einschlag. Bei „It’s Real“ wagt sich Lee in stimmliche Höhen, die den schmachtenden Song nicht aufwerten. Sein Gesang überzeugt mich auf „Invisible Oceans“ ebenfalls nicht.

Bei „Hold You“ wird das Gefühl letztlich durch die opulente Instrumentalisierung erdrückt. „Clean“ hält den schmalen Grat gerade noch. Eine schöne Ballade gelingt Lee allerdings mit „Into The Clearing“, bei dem das Arrangement die Atmosphäre des Songs unterstützt. Den Titel als eine Single auszuwählen, war die richtige Wahl. Das dynamische „How You Run“ ist ebenfalls noch auf der Habenseite zu verbuchen.

Während auf „Mission Bell“ Lucinda Williams und Willie Nelson mitwirkten, gibt Lee an, sich in seiner weiteren musikalischen Entwicklung an Norah Jones orientiert zu haben. Mit diesem Vergleich im Hinterkopf lassen sich durchaus Parallelen herausfiltern. Lee bedient sich beim R&B und Soul, was bei der Single „Worry No More“ und bei „See The Light“ zu hören ist. Mit „Shoulda Known Better“ geht er in Richtung eines leicht angejazzten Pop.

Auf „Dreamland“ blitzen die Qualitäten von Amos Lee als Songwriter auf, werden aber durch die üppigen Arrangements überstrahlt. Die meisten Balladen wirken stellenweise überladen. Lee gibt auf anderen Stücken Elementen von R&B, Soul und Pop einigen Raum, sodass diejenigen, die seine älteren Aufnahmen noch im Ohr haben, ihn kaum wiedererkennen. Unter diesen Songs finden sich eingängige Titel, die aber die SoS-Leserschaft wohl eher nicht als Zielgruppe haben.

Dualtone Records – MNRK/Bertus (2022)
Stil: Singer/Songwriter and more

Tracks:
01. Dreamland
02. Worry No More
03. How You Run
04. Into The Clearing
05. Hold You
06. See The Light
07. It’s Real
08. Seeing Ghosts
09. Shoulda Known Better
10. Clean
11. Invisible Oceans

Amos Lee
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Oktober Promotion

Various Artists – Highway Butterfly: The Songs Of Neal Casal – CD-Review

Review: Michael Segets

Nicht jeder SoS-Leser besitzt eines der vierzehn Alben von Neal Casal in seiner Sammlung, aber ich würde wetten, dass sich zumindest ein Track, auf dem er mitwirkte, in ihrem jeweiligen Archiv findet.

Casal war Mitglied bei The Cardinals, der Begleitband von Ryan Adams , sowie bei der Chris Robinson Brotherhood. Er spielte bei Beachwood Sparks und GospelbeacH („You Don’t See Me Crying“), Hazy Malaze („Soul Gets Lost“) und Circles Around the Sun („All The Luck In The World”, „Bird With No Name“), die ihn auf dem Tribute würdigen. Auch bei Hard Working Americans – zusammen mit Todd Snider – sowie bei The Skiffle Players war Casal aktiv. Als Sessionmusiker stellte der Multiinstrumentalist seine Fähigkeiten einer Vielzahl von Künstlern zur Verfügung. So arbeitete er unter anderem mit Todd Thibaud , Lucinda Williams, Tift Merritt, Amanda Shires und Willie Nelson zusammen.

Von außen betrachtet, würde man von einer erfüllten Karriere ausgehen. Casal schied allerdings 2019 mit fünfzig Jahren freiwillig aus dem Leben. Sein Freund und Manager Gary Waldman stieß das Tribute-Projekt an. Dave Schools (Widespread Panic) und Jim Scott produzierten das Werk mit, das schnell einen ungeahnten Umfang annahm. Ursprünglich auf achtzehn Songs angelegt, versammelt es in der Endfassung nun 41, die auf drei CDs beziehungsweise fünf LPs festgehalten sind. Als das Vorhaben bekannt wurde, meldeten sich viele Musiker, die mitwirken wollten. Letztlich nahmen 130 an dem Projekt teil.

Darunter sind viele Interpreten vertreten, die bei SoS keine unbekannten sind: Steve Earle & The Dukes („Highway Butterfly“),Shooter Jennings („Maybe California”), Susan Tedeschi & Derek Trucks („Day In The Sun“),Warren Haynes („Free To Go”), The Allman Betts Band („Raining Straight Down”) und Marcus King („No One Above You”).

Daneben steuern viele hierzulande nicht so geläufige Musiker ihre Versionen der Casal-Songs bei und hinterlassen so selbst eine Visitenkarte, um sich mit ihren Werken in Zukunft auseinanderzusetzen. Besonders „Detroit Or Buffalo“, performt von Jonathan Wilson und Hannah Cohen, sticht durch den erdigen Sound auf der ersten CD hervor. Auf der zweiten Scheibe überzeugt das rockige „Willow Jane“, das Britton Buchanan beiträgt, der bei The Voice in Amerika durchstartete. Angie McKenna singt „Fell On Hard Times“, welches in Ergänzung mit dem letzten Stück („I Will Weep No More“ – Robbie Robb) auf der dritten CD die Facetten des Songwritings von Casal eindrucksvoll belegt.

Die Zusammenstellung verdeutlicht Casals Talent. Sein eigener Stil im Bereich harmonischer und melodiöser Americana-Songs scheint auch bei den versammelten Interpretationen der anderen Musiker durch. Einzig der Song „Death Of A Dream“ erhält durch J Mascis (Dinosaur Jr.) eine völlig andere Ausrichtung, indem er ihn in einer Independent Rock-Version präsentiert. Bemerkenswert ist sicherlich auch das Lebenszeichen von Puss N Boots („These Days With You“), dem Alternative Country-Trio mit Nora Jones.

Dass das Projekt so eine große Resonanz gefunden hat, zeugt von dem Ansehen, das Neal Casal unter seinen Kolleginnen und Kollegen genoss. Möglicherweise spielte auch der Umstand eine Rolle, dass die Erlöse der Neal Casal Music Foundation zugutekommen. Die gemeinnützige Organisation unterstützt unter anderem die musikalische Bildung von Schülerinnen und Schüler in New York und New Jersey.

„Highway Butterfly: The Songs Of Neal Casal“ ist ein liebevoll gestaltetes Juwel geworden. Die Vinyl-Ausgabe enthält viele Extras wie die Songtexte, Aufkleber, Poster und unveröffentlichte Fotos. Casal betätigte sich auch als Fotograph, wobei das 48-seitige Booklet einen Einblick in diese Seite seines Schaffens gibt.

Obwohl Neal Casal zu Lebzeiten der ganz große Durchbruch verwehrt blieb, hinterlässt er ein beeindruckendes Werk, das durch eine Vielzahl von Musikern auf dem Tribute „Highway Butterfly: The Songs Of Neal Casal“ ins Gedächtnis gerufen wird. Ehemalige Weggefährten, Größen der Americana-Szene und Newcomer zollen ihm ihren Respekt und zeigen zugleich Casals Gabe, sensible und melodiöse Songs zu verfassen.

Neal Casal Music Foundation – Royal Potato Family (2021)
Stil: Americana

Tracks:
CD 1
01. Traveling After Dark – Aaron Lee Tasjan
02. Need Shelter – Jaime Wyatt
03. You Don’t See Me Crying – Beachwood Sparks & GospelbeacH
04. No One Above You – Marcus King
05. Feathers For Bakersfield – Fruit Bats
06. All The Luck In The World – Billy Strings & Circles Around the Sun
07. Sweeten The Distance – Dori Freeman & Teddy Thompson
08. Time Down The Wind – Hiss Golden Messenger
09. Me & Queen Sylvia – Johnathan Rice
10. Wisest Of The Wise – Mapache
11. Freeway To The Canyon – Phil Lesh & The Terrapin Family Band
12. Feel No Pain – Leslie Mendelson
13. Detroit Or Buffalo – Jonathan Wilson & Hannah Cohen
14. Day In The Sun – Susan Tedeschi & Derek Trucks

CD 2
01. Bird With No Name – Jimmy Herring & Circles Around The Sun
02. Maybe California – Shooter Jennings
03. White Fence Round House – Vetiver
04. December – Todd Sheaffer
05. Grand Island – Courtney Jaye
06. Superhighway – Oteil Burbridge & Nick Johnson & Steve Kimock & John Morgan Kimock & Duane Trucks
07. Willow Jane – Britton Buchanan
08. Too Much To Ask – Kenny Roby & Amy Helm
09. Time And Trouble – Bob Weir & Jay Lane & Dave Schools
10. Death Of A Dream – J Mascis
11. The Cold And The Darkness – Tim Heidecker
12. Free To Go – Warren Haynes

CD 3
01. So Far Astray – Rachel Dean
02. Highway Butterfly – Steve Earle & The Dukes
03. Angel And You’re Mine – Victoria Reed
04. Pray Me Home – Jason Crosby
05. Lost Satellite – Lauren Barth
06. The Losing End Again – Jesse Aycock
07. These Days With You – Puss N Boots
08. Cold Waves – Tim Bluhm & Kyle Field
09. Best To Bonnie – Zephaniah Ohora & Hazeldine
10. Let It All Begin – The Mattson 2
11. You’ll Miss It When It’s Gone – Cass McCombs & Ross James & Joe Russo & Farmer Dave Scher & Dave Schools
12. Fell On Hard Times – Angie McKenna
13. Raining Straight Down – The Allman Betts Band
14. Soul Gets Lost – Hazy Malaze & Jena Kraus
15. I Will Weep No More – Robbie Robb

Neal Casal
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Royal Potato Family
Oktober Promotion

Lucinda Williams – Funny How Time Slips Away: A Night Of 60’s Country Classics – CD-Review

Review: Michael Segets

Die vierte Folge von Lucinda Williams Cover-Projekt Lu’s Jukebox „Funny How Time Slips Away: A Night Of 60’s Country Classics” erscheint gleichzeitig mit der dritten „Bob’s Back Pages: A Night With Bob Dylan Songs“. Wie schon „Southern Soul: From Memphis To Muscle Shoals & More” richtet Williams das neue Album wieder thematisch und nicht an einem Songschreiber aus.

Williams gräbt tief in den Annalen der Country-Geschichte der 1960er Jahre. Herausgekommen ist eine Zusammenstellung, die sich an hartgesottene Liebhaber des Countrys traditioneller Machart wendet. Zwar nimmt die Stimme von Williams den Songs etwas an Süße, aber insgesamt prägt schmachtender Slide der Steel Pedal den Longplayer. „Take Time For The Tears“ ist eine Eigenkomposition, die dessen atmosphärische Ausrichtung ganz gut beschreibt.

Viele Musiker und Songs, auf die Williams zurückgreift, sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten, wenn man kein Faible für den historische Country hat. Mit Tammy Wynette („Apartment #9“), Buck Owens („Together Again“), John Hartfold („Gentle On My Mind”) oder Carl Butler („Don’t Let Me Cross Over“) hatte ich bislang keine Berührungspunkte. Anders sieht es natürlich mit Willie Nelson aus, dessen Stück „Night Life Dig” aus dem Jahr 1960 allerdings ebenfalls vor meiner musikinteressierten Zeit lag.

Zwei Songs der Scheibe wurden auch von Elvis Presley gesungen: „Long Black Limosine“ und „Funny How Time Slips Away“. Sie stammen von Merle Haggard beziehungsweise Billy Walker. Als einziger Songwriter ist Hank Cochran mit zwei Titel vertreten („Make The World Go Away“, I Want To Go With You“). Zwischen den in der Machart sehr ähnlichen Titeln finden sich „First City“ von Loretta Lynn und der oftmals gecoverte Klassiker „I’m Movin‘ On“ von Hank Snow, die nicht nur durch ihr Uptempo herausstechen. Der kratzige, in einzelnen Passagen frech rotzige Gesang von Williams bringt frischen Wind auf die sonst eher gleichförmige Scheibe.

Der vierte Beitrag „Funny How Time Slips Away: A Night Of 60’s Country Classics” in Lucinda Williams Jukebox-Serie fällt gegenüber den bisherigen Alben der Reihe etwas ab. Dies liegt zum einen daran, dass sich die ausgewählten Originale bereits an eine spezielle Fangemeinde richten, zum anderen zeigen die Interpretationen im Gegensatz zu denen auf den vorherigen Werken eine geringere musikalische Variationsbreite. Dennoch reißt Williams mit ihrem Gesang einzelne Titel heraus.

Highway 20 – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Country

Tracks:
01. Apartment #9
02. Together Again
03. Make The World Go Away
04. Night Life Dig
05. Long Black Limosine
06. First City
07. I Want To Go With You
08. Don’t Let Me Cross Over
09. Gentle On My Mind
10. The End Of The World
11. I‘ Movin‘ On
12. Funny How Time Slips Away
13. Take Time For The Tears

Lucinda Williams
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The Wild Feathers – Alvarado – CD-Review

Review: Michael Segets

The Wild Feathers starteten ihre Karriere direkt mit einem Major-Vertrag in der Tasche und tourten bereits mit Bob Dylan und Willie Nelson. Die ersten beiden Longplayer landeten dann fast folgerichtig in diversen amerikanischen Chartlisten. Mittlerweile endete das Engagement bei dem Major-Label. Nach einem solchen Einschnitt stellt sich die Frage, ob das Bandprojekt zu den Akten gelegt, oder ob weiterhin an ihm festgehalten wird. The Wild Feathers haben sich nach der Krise zusammengerauft und machten weiter. Sie empfanden die Lösung von den Bindungen sogar als eine Art Befreiung.

Die Band machte in ihren Anfängen auf mich den Eindruck einer Americana-Boygroup, die souverän eingängige, radiotaugliche Songs mit mehrstimmigen Gesang und leichtem Rockeinschlag produzierte. „Alvarado“ zeigt sie nun etwas gereifter, wobei kein gravierender Bruch zu ihren früheren Veröffentlichungen festzustellen ist. Die meisten Songs bleiben wie der Titeltrack im Midtempo. Auch wenn einzelne Titel etwas gleichförmig erscheinen („Top Of The World“) oder leicht süßlich wirken („Get Out Of My Own Way“), gelingen dem Qunitett aus Nashville einige gute Nummern. „Flashback“ zählt ebenso zu diesen wie die rockigeren „Over The Edge” und „Midway Motel“. Beim letztgenannten beteiligte sich Will Hoge beim Songwriting.

Wenn The Wild Feathers das Tempo bei „Ain’t Lookin’” – von Jeffrey Steele mitgeschrieben – und „Side Street Shakedown” anziehen, laufen sie zur Hochform auf. Hier zeigt die Combo auch mal Ecken und Kanten. Besonders gefällt mir der trockene Klang des Schlagzeugs, der auf mehreren Tracks den Rhythmus vorgibt und „Long Shot“ zusammen mit einer Mundharmonika stimmungsvoll einleitet.

Eine Affinität zum Country offenbaren The Wild Feathers mit „Another Sunny Day”, bei dem sie auf Slide und Twang setzen. An „Out On The Road” hätten Trucker bestimmt ihren Spaß. Der gleichmäßige Rhythmus im Takt rollierender Reifen trägt über einige Meilen auf den Highways des mittleren Westens. Durch die Country-infizierten Songs tritt eine weitere Facette der Scheibe zutage, die hauptsächlich zwischen mehrstimmigen Americana und melodiösem Rock changiert. The Wild Feathers zählen Tom Petty zu ihren Inspirationsquellen. Die Bezüge drängen sich nicht unbedingt auf, scheinen aber beispielsweise bei „Off Your Shoulders“ durch.

„Alvarado“ vereint Elemente von Rock und Americana mit einer gelegentlichen Prise Country. The Wild Feathers wirken dabei nicht ganz so wild, wie der Bandname vermuten lässt. Die Songs, auf denen sie rockigere Töne anschlagen, entwickeln mehr Biss und gehören zu den starken Tracks auf dem Album. Nach der Lösung von dem Major-Label schlägt das Quintett den richtigen Weg ein. Dabei setzen The Wild Feathers eher auf Evolution statt auf Revolution.

Als LP und CD kommt „Alvarado“ voraussichtlich erst im Januar 2022 auf den Markt.

New West Records/PIAS – Rough Trade (2021)
Stil: Americana, Rock

Tracks:
01. Alvarado
02. Ain’t Lookin’
03. Over The Edge
04. Side Street Shakedown
05. Out On The Road
06. Get Out Of My Own Way
07. Off Your Shoulders
08. Long Shot
09. Top Of The World
10. Flashback
11. Midway Motel
12. Another Sunny Day

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New West Records
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Ryan Adams – Wednesdays – CD-Review

Ryan Adams Wednesdays Albumcover 300

Review: Michael Segets

Die ersten Lorbeeren verdiente sich Ryan Adams als Frontmann von Whiskeytown. Seit der Jahrtausendwende startete er eine Solokarriere, phasenweise unterstützt von seiner Begleitband The Cardinals. Äußerst produktiv brachte er in den letzten zwanzig Jahren siebzehn Alben heraus. Damit nicht genug nahm er zudem auf dem Produzentenstuhl für Willie Nelson und Jesse Malin Platz. Quasi nebenher veröffentlichte er Gedichte und Kurzgeschichten. An seinem Debütroman arbeitet er zurzeit.

Ryan Adams genießt einen außerordentlichen Ruf als Songschreiber. Sein künstlerisches Schaffen ist vielfältig und als Musiker lässt er sich nicht auf eine Musikrichtung festlegen. Seine Bandbreite umfasst eine Palette zwischen den Eckpunkten Rock und Alternative Country. Das Grammy-nominierte „Gold“ (2001), „Rock n Roll“ (2003) und das etwas schwächere „Love Is Hell“ (2004), auf dem sich allerdings ein schönes Cover von „Wonderwall“ (Oasis) befindet, stehen ebenso in meinem CD-Regal, wie das mit The Cardinals eingespielte „Jacksonville City Nights“ (2005). Danach tut sich eine Lücke auf und ich habe seine Karriere nicht weiter verfolgt, bis mich ein Freund auf das Vorgängeralbum von „Wednesdays“ aufmerksam machte. Das kraftvolle „Prisoner“ (2017) rückte Adams wieder in meinen Wahrnehmungshorizont.

Eine für ihn ungewöhnlich lange Zeit hörte man nach „Prisoner“ nichts von ihm. Konfrontiert mit gesundheitlichen Problemen und Missbrauchsvorwürfen, zog sich Adams zurück und konzentrierte sich auf seine Wurzeln als Singer/Songwriter. In den vergangenen drei Jahren entwarf er wohl genug Material für drei Alben, die er als Trilogie herausgeben möchte. Den Auftakt dazu stellt „Wednesdays“ dar. Als Mitproduzenten konnte Adams keinen geringeren als Don Was gewinnen, der neben den Rolling Stones oder Bob Dylan auch etliche Musiker unterstützte, die bei SoS gerne besprochen werden (u. a. Bob Seger, Gregg Allman, Lucinda Williams, Garth Brooks).

Auf der CD präsentiert sich Adams von einer Singer/Songwriter-Seite, wie ich sie von ihm noch nicht gehört habe. Bei den meisten Stücken steht die akustische Gitarre als Begleitung im Fokus. Vor allem mit dem reduziert instrumentalisierten „Poison & Pain” bewegt sich Adams auf Augenhöhe mit den Klassikern der Folktradition. Er umschifft die Gefahr der Eintönigkeit, die Folkalben anhaftet, indem er die Möglichkeiten der akustischen Gitarre auslotet und dezente Variationen in der weiteren Begleitung einsetzt. So ist bei „So, Anyways“ eine langgezogene Mundharmonika zu hören oder bei dem klagenden „Mamma“ ein intensiver Harmoniegesang.

Eine breitere Instrumentalisierung weist die erste Single „I’m Sorry And I Love You“ auf, mit der der Longplayer einsteigt, sowie das eine besondere Dynamik entwickelnde „When You Cross Over“. Das mittig platzierte „Birmingham” bringt mit dem kräftigen, fast schon rockigen Schlagzeug, eine willkommene Abwechslung zwischen die ansonsten langsamen Songs.

Insgesamt durchzieht das Album eine getragene Stimmung, die mit den wehmütigen, aber nicht romantisch verklärenden Texten korrespondiert. Der Titel des Abschlussstück „Dreaming You Backwards” ist für die inhaltliche Ausrichtung der Songs charakteristisch, die meist um schmerzvolle Erinnerungen und vergangene Liebesgeschichten kreisen. Bei dem Track sitzt Adams am Klavier. Mit elektrischer Gitarre, Percussion und einem Background, der einen Anflug von Gospel vermittelt, krönt Adams das Ende seines Werks.

Ryan Adams zeigt sich auf „Wednesdays“ einmal mehr als kreativer Kopf. Über weite Teile des Albums erfindet er sich als Folksänger neu. Dabei verfolgt er keine puristische Linie, sondern lotet Genregrenzen aus und führt seine Songs zu einer atmosphärisch stimmigen Einheit zusammen.

Pax-Americana/Roughtrade (2021)
Stil: Folk, Americana

Tracks:
1. I’m Sorry And I Love You
2. Who Is Going To Love Me Now, If Not You
3. When You Cross Over
4. Walk In The Dark
5. Poison & Pain
6. Wednesdays
7. Birmingham
8. So, Anyways
9. Mamma
10. Lost In Time
11. Dreaming You Backwards

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Charley Crockett – 10 For Slim – Charley Crockett Sings James Hand – Digital-Album-Review

cover Charley Crockett - 10 For Slim - Charley Crockett Sings James Hand 300

Review: Michael Segets

Charley Crockett ist anscheinend ein Arbeitstier. In den letzten sechs Jahren warf er neun Alben auf den Markt und das zehnte kündigte er noch für 2021 an. Auf seinem bislang erfolgreichsten Longplayer „Lil‘ G.L.‘s Blue Bonanza“ (2018) schlägt er bluesige Töne an, aber seine Domäne liegt im Country. Spätestens nach „The Valley“ (2019) und „Welcome To Hard Times“ (2020) kann Crockett zu den kreativen Köpfen und führenden Vertretern des New Traditional Country gezählt werden.

Sein Markenzeichen ist sein leicht metallischer Gesang, der einen hohen Wiedererkennungswert aufweist, auch wenn er Songs interpretiert, die nicht von ihm stammen. Für seine Cover-Alben legte sich Crockett mit Lil‘ G.L. ein Alter Ego zu. Während er bei seinen beiden bisherigen Longplayern, auf denen er sich Fremdkompositionen widmete, einen Streifzug durch den Honky Tonk beziehungsweise Blues unternahm, steht „10 For Slim“ ganz im Zeichen der Stücke von James Hand. Lil‘ G.L. präsentiert damit sein erstes Tribute-Album, das dem im letzten Jahr verstorbenen Country-Musiker gewidmet ist.

Aus der Bewunderung, die Crockett für den älteren Texaner empfand, erwuchs nach dem Kennenlernen schnell eine Freundschaft. Seine Verbindung zu Hand schildet Crockett in einem offenen Brief, der auf seiner Webseite nachzulesen ist. Eine gemeinsame Tour wurde zuerst durch Corona und dann durch den plötzlichen Tod von Hand verhindert. Zuvor versprach Crockett ihm allerdings, seine Stücke aufzunehmen. Dieses Versprechen löst Crockett nun mit „10 For Slim“ ein.

Der 1952 geborene James Hand machte zwar seit seiner Jugend Musik, veröffentlichte aber sein Debüt erst Ende der 1990er. Obwohl (Willie Nelson) in höchsten Tönen von ihm sprach und seine Musik lobend von der Kritik aufgenommen wurde, gelang Hand kein großer Durchbruch. So dürfte Hand nur eingefleischten Country-Fans ein Begriff sein. Mir war er bis heute jedenfalls nicht bekannt.

Nach meinen Recherchen bleiben die Interpretationen von Crockett nahe an den Originalen. Die meisten Songs bewegen sich im gemäßigten Tempo und sind tief im Honky Tonk und Country verwurzelt. Slide, Steel Pedal und Fidel prägen den Sound. Einen guten Eindruck der musikalischen Ausrichtung gibt die erste Single „Lesson In Depression“, obwohl dort keine Geige zum Einsatz kommt. Dafür ist sie bei „In The Corner“ prominent vertreten. Mit dem Tempo spielt das lockere „Floor To Crawl“, das sich damit von den anderen abhebt.

Die auffälligsten und meines Erachtens stärksten Titel auf dem Album sind der Boogie „Don’t Tell Me That“ mit klasse Bar-Piano und das dunkle, getragene „So Did I“. Zudem hat Crockett mit „Slim’s Lament“ das wohl letzte Werk von Hand für den Longplayer eingespielt. Kurz vor seinem Tod übermittelte Hand ihm eine erste Version des Stücks per Telefon.

Der Titel „10 For Slim – Charley Crockett Sings James Hand” ist Programm. Crockett gibt den Songs mit seinem markanten Gesang eine eigene Note mit, wobei sich die Cover deutlich an den Originalen orientieren. Gewohnt stilvoll würdigt Crockett die Musik seines Freundes und musikalischen Vorbilds James Hand.

Son Of Davy – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Country

Tracks:
01. Intro
02. Midnight Run
03. Just A Heart
04. In The Corner
05. Over There That’s Frank
06. Don’t Tell Me That
07. Lesson In Depression
08. Mighty Lonesome Man
09. So Did I
10. Floor To Crawl
11. Slim’s Lament

Charley Crockett
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Ward Davis – Black Cats And Crows – CD-Review

Ward_300

Review: Michael Segets

2020 wird als Pandemie-Jahr in die Annalen eingehen. Die Musiker, Veranstalter, Tontechniker und alle Leute, die von Konzerten und Live-Auftritten leben, hat es besonders hart getroffen. Dennoch war das Jahr musikalisch kein Ausfall, denn einige gute Scheiben haben das Licht der Welt erblickt. Vor allem im Americana meldeten sich alte Bekannte und neue Künstler mit gelungenen Werken zu Wort. In diese Reihe gliedert sich nun auch „Black Cats And Crows“ von Ward Davis ein.

Auf seinem dritten Album bestätigt Davis seinen Ruf als außerordentlicher Songwriter, der bereits Stücke für Willie Nelson und Merle Haggard komponierte. Seine Stärke liegt darin, ehrlich wirkende Texte zu verfassen, in denen sich der Hörer wiederfindet. Die Musik dient Davis als Bewältigungsmöglichkeit, sodass häufig persönliche Erfahrungen in ihr verarbeitet werden. Dennoch hofft er, dass seine Lieder auch für sein Publikum bedeutsam sind. Tatsächlich ermöglichen seine Songs in sie einzutauchen und sich mit deren Stimmungen zu identifizieren.

„Heaven Had A Hand“ stellt einen Song dar, zu dem Davis eine enge biographische Bindung hat. Ebenfalls autobiographisch geprägt ist „Get To Work Whiskey“. Das Stück fängt den Moment ein, als ihn seine Frau vor die Tür setzte und wurde unmittelbar im Anschluss an diese Situation entworfen. Der Einfluss des Country kommt hier deutlich zum Vorschein.

Dieser scheint ebenso bei anderen Tracks („Threads”, „Where I Learned To Live”) durch, was zum großen Teil der Geige oder dem Slide geschuldet ist. Ebenfalls auf dieser Linie liegt „Nobody”. Shawn Camp hat an der Entstehung dieses feinen Tracks mitgewirkt.

Bei anderen Stücken holte sich Davis weitere Unterstützung durch renommierte Kollegen. Cody Jinks arbeitete an „Colorado“ und „Black Cats And Crows” mit. Beim Titelstück war ebenfalls Tennessee Jet beteiligt. Der Song gehört mit seiner besonderen Dynamik wie der rockige Opener „Ain’t Gonna Be Today“, mitverfasst von Kendell Marvel, zu den Highlights des Albums.

Hervorragend ist „Sounds Of Chains”, dessen staubige Atmosphäre mit einem trockenen Schlagzeug unterlegt wird. Die kräftige Gitarre von Scott Ian (Anthrax) katapultiert den Song dann endgültig an die Spitzenposition des Werks. Unter den ruhigen Titeln entwickelt „Book Of Matches” mit relativ einfachen Mitteln eine hohe Intensität.

Davis begleitet mehrere Songs auf dem Klavier. So lässt er das Album mit zwei Balladen ausklingen („Good To Say Goodbye“, „Good And Drunk“), auf denen dem Piano eine führende Funktion zukommt. Auch das Alabama-Stück „Lady Down On Love” wird von dem Klavierspiel getragen. Mit dem bluesigen „Papa And Mama”, das von Ray Scott stammt, findet sich ein zweites Cover unter den vierzehn Tracks.

Ward Davis schreibt tolle Songs. Vor allem der Anfang von „Black Cats And Crows“ besticht zudem durch seinen Abwechslungsreichtum. Im zweiten Teil der CD sind unter den Balladen einige Perlen aufzuspüren, eine Tempovariation hätte dem Werk dort vielleicht gutgetan. Dies schmälert aber nicht den positiven Gesamteindruck, den Davis mit seinem dritten Album hinterlässt.

Ward Davis Music – Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Americana

Tracks:
01. Ain’t Gonna Be Today
02. Black Cats And Crows
03. Threads
04. Sounds Of Chains
05. Get To Work Whiskey
06. Colorado
07. Book Of Matches
08. Heaven Had A Hand
09. Where I Learned To Live
10. Papa And Mama
11. Lady Down On Love
12. Nobody
13. Good To Say Goodbye
14. Good And Drunk

Ward Davis
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Grant-Lee Phillips – Lightning, Show Us Your Stuff – CD-Review

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Review: Michael Segets

Auf dem vor zwei Jahren erschienen „Widdershins“ schlug Grant-Lee Phillips noch rockige Töne an. Mit „Lightning, Show Us Your Stuff” wendet er sich ausschließlich dem Americana zu, wie er es bereits auf „The Narrows“ getan hatte. Im Unterschied zu dem 2016er-Album klingt das neue Werk etwas weniger erdig und insgesamt zahmer.

Phillips verzichtet diesmal weitgehend auf die gewollten Brüche mit den Hörgewohnheiten und Überraschungen in seinen Kompositionen. Gleich geblieben ist sein markanter Gesang. Der Rolling Stone kürte Phillips 1995 – als er noch mit Grant Lee Buffalo unterwegs war – zum besten männlichen Sänger.

Besonders intensiv ist sein Gesang auf „Leave a Light On“. Der Song gehört zu meinen Favoriten auf der CD, nicht zuletzt aufgrund der dezenten Einsätze von Danny T. Levin, der auch sonst mit unterschiedlichen Blasinstrumenten (Euphonium, Trombonium, Coronet) den Sound einiger Stücke aufwertet.

Als weitere Musiker verpflichtete Philips Bassistin Jennifer Condos (Stevie Nicks, Bruce Springsteen) und Schlagzeuger Jay Bellerose (Willie Nelson, Alison Krauss, Robert Plant). Die Rhythmusgruppe leistet hervorragende Arbeit und gibt den Titeln, wie „Ain’t Done Yet“, nochmal einen besonderen Drive. Schließlich ist Gitarrist Eric Heywood (Son Volt, The Jayhawks) mit von der Partie. Heywood steuert auch die Pedal Steel bei, die vor allem „Lowest Low“ prägt.

Über den kreativen Prozess des Songschreibens reflektiert Phillips auf „Drawing The Head”. Bei „Walking In My Sleep“ orientierte er sich nach eigener Aussage am Folk der 1930er Jahren. Manche Songs trug Phillips schon längere Zeit mit sich herum, bis er sie nun fertig stellte. Die beiden Balladen „Mourning Dove“ und „Coming To“ fanden ihre Anfänge um 2013, also in der Phase seines Umzugs von Los Angeles nach Tennessee.

Der scheppernde Blues-Stampfer „Gather Up“ erinnert noch an den früheren Wohnort, an dem er die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. Bei ihm kommt nämlich die Band Los Lobos in den Sinn, die aus LA stammt. Der Song hebt sich durch seinem rauen Sound von den anderen Beiträgen ab und ist für mich das Highlight der Scheibe.

Phillips legt ein Album vor, auf dem die Songs mit der eben erwähnten Ausnahme eher ein ruhiges Tempo anschlagen. Manchmal versetzt er sich in seinen Texten in andere Personen und spiegelt so indirekt seine eigenen Empfindungen („Straight To The Ground“), manchmal verarbeitet er unmittelbar persönliche Erfahrungen („Sometimes You Wake Up In Charleston”). Insgesamt sind die Inhalte weniger politisch als auf seinem vorherigen Werk, aber Phillips zeigt sich als sensibler Beobachter, der seine Eindrücke in poetische Zeilen kleidet, sodass das genaue Zuhören oder Mitlesen der Texte durchaus lohnt.

Auf „Lightning, Show Us Your Stuff” finden sich weniger schrägere Töne, die viele frühere Alben von Grant-Lee Phillips prägen. Mit seinem ausdrucksstarken Gesang sowie den gehaltvollen Texten bleibt er sich aber treu. Seine Fans werden daher nicht enttäuscht und möglicherweise gewinnt er mit seinen eingängigeren Balladen neue hinzu.

Die Reihenfolge der Tracks auf dem Besprechungsexemplar weicht von der ab, die bei manchen Anbietern im Internet aufgeführt wird.

Yep Roc Records, Redeye/Bertus (2020)
Stil: Americana

Tracks:
01. Ain’t Done Yet
02. Drawing The Head
03. Lowest Low
04. Leave A Light On
05. Mourining Dove
06. Sometimes You Wake Up In Charleston
07. Gather Up
08. Straight To The Ground
09. Coming To
10. Walking In My Sleep

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