Various Artists – Live Forever – A Tribute To Billy Joe Shaver – CD-Review

Review: Michael Segets

2020 verstarb Billy Joe Shaver mit 81 Jahren. Über fünf Dekaden hinweg veröffentlichte er Alben, aber breite Anerkennung fand er erst im Rentenalter. Dabei hatte er bereits in den 1970ern Hits für Waylon Jennings geschrieben und auch andere Größen des Musikbusiness wie Elvis Presley, Bob Dylan, Johnny Cash, Kris Kristofferson oder Emmylou Harris nahmen seine Stücke auf.

Der texanische Songwriter prägte den Outlaw Country und so ist es nur folgerichtig, dass es sich namhafte Künstler auf dem Tribute finden, die diesem Subgenre besonders zugeneigt sind. Shavers Songwriting dient aber auch Musikern anderer Spielrichtungen des Genres immer noch als Inspirationsquelle. „Live Forever“ kann als ehrgeiziges Programm gelten, aber Shaver hat seine Spuren hinterlassen, denen die Musiker auf dem Tribute gerne folgen.

Willie Nelson ist gleich mit zwei Beiträgen vertreten. „Live Forever“, der wohl bekannteste Titel von Shaver, wird von ihm im Duett mit Lucinda Williams gesungen und eröffnet das Album. Später folgt noch das flotte „Georgia On A Fast Train“. Während Nelson zu den Urgesteinen gehört, ist mit Steve Earle ein Outlaw der zweiten Generation vertreten. „Ain’t No God In Mexico“ wird von ihm in seiner unverwechselbaren Art performt.

Rodney Crowell und George Strait sind ebenso renomiert, stammen aber aus einer anderen Ecke des Genre. Crowell steuert die reduziert begleitete Ballade „Old Five And Dimers Like Me“ bei. Strait setzt bei dem traditionsverbundenen „Willy The Wandering Gypsy And Me“ ebenfalls auf eine dezente Instrumentalisierung. Neben den bereits angegrauten Recken findet sich eine Riege von jüngeren, aber ebenfalls etablierten Musikern der Szene ein. Nathaniel Rateliff schunkelt mit dem von Waylon Jennings mitverfassten „You Asked Me To“ gemächlich über die Prairie und Miranda Lambert behauptet beschwingt „I’m Just An Old Chunk Of Coal (But I’m Gonna Be A Diamond Someday)”.

Ausgewogen ist die circa hälftige Verteilung von Sängerinnen und Sängern. Edie Brickell („I Couldn’t Be Me Without You“) sowie Allison Russell („Tramp On Your Street”) spiegeln mit ihren gefühlvollen Interpretationen den balladesken Grundtenor des Samplers wider. In diesen passt sich ebenso „Ragged Old Truck“ von Margo Price und Joshua Hedley ein.

Charlie Sexton, Co-Produzent des Albums, begleitet mehrere Songs mit seinen Künsten an der Gitarre. Jason Isbell übernimmt diesen Part bei seiner Frau Amanda Shires. Shires‘ Version des Klassikers „Honky Tonk Heroes“ zählt zu den schwungvolleren Tracks auf dem Tribute. Getoppt wird er noch von dem rauen und kraftvollen „Ride Me Down Easy“, bei dem sich Ryan Bingham und Nikki Lane richtig ins Zeug legen.

Die Hommage an Billy Joe Shaver ist als Mehrgenerationen-Projekt angelegt. Von Willie Nelson über Steve Earle bis hin zu Nikki Lane reicht die Bandbreite der Vertreter des Outlaw Country, die den Songs von Shaver eine Stimme geben. Die Interpretationen auf dem Sampler „Live Forever“ geben einen umfassenden Eindruck, wie Shavers Songs nachwirken und bis heute Country-Musiker sämtlicher Stilrichtungen inspirieren.

New West Records – Redeye/Bertus (2022)
Stil: Country

Tracks:
01. Live Forever – Willie Nelson feat. Lucinda Williams
02. Ride Me Down Easy – Ryan Bingham feat. Nikki Lane
03. Old Five And Dimers Like Me – Rodney Crowell
04. I’m Just An Old Chunk Of Coal (But I’m Gonna Be A Diamond Someday) – Miranda Lambert
05. I Couldn’t Be Me Without You – Edie Brickell
06. You Asked Me To – Nathaniel Rateliff
07. Willy The Wandering Gypsy And Me – George Strait
08. Honky Tonk Heroes – Amanda Shires feat. Jason Isbell
09. Ain’t No God In Mexico – Steve Earle
10. Ragged Old Truck – Marco Price feat. Joshua Hedley
11. Georgia On A Fast Train – Willie Nelson
12. Tramp On Your Street – Allison Russell

New West Records
Redeye Worldwide
Bertus

John Fullbright – The Liar – CD-Review

Review: Michael Segets

Wurde bereits bei dem letze Woche erschienenen Comeback von Niki Lane davon gesprochen, dass eine fünfjährige Pause zwischen zwei Alben im Musikgeschäft bereits eine lange Zeit sind, meldet sich nun John Fullbright nach der kleinen Ewigkeit von acht Jahren mit „The Liar“ zurück. Der Singer/Songwriter kann selbst nicht richtig erklären, warum der neue Longplayer so lange auf sich warten ließ. Veränderte Lebensumstände wie der Umzug von dem 130-Seelen-Dorf Bearden nach Tulsa mit seinen über 400.000 Einwohnern, mögen dabei eine Rolle gespielt haben. Ganz untätig in musikalischer Hinsicht war Fullbright jedoch nicht. So steuerte er drei Tracks zu dem Sampler „Back To Paradise. A Tulsa Tribute To Okie Music“ bei.

Letztlich hat es einen äußeren Anstoß gebraucht, damit Fullbright ein weiteres Album aufnimmt. Nach Steve Ripleys (The Tractors) Tod spielte seine Frau Charlene mit dem Gedanken, das gemeinsame Studio zu verkaufen. Bevor das Studio in unbekannte Hände übergeht, trommelte Fullbright eine Reihe von Musikern aus der Szene in Oklahoma zusammen – unter ihnen der ebenfalls auf dem erwähnten Tribute vertretene Jesse Aycock sowie Aaron Boehler, Paul Wilkes, Stephen Lee und Paddy Ryan.

Dieser Umstand förderte dann auch eine neue Art, wie Fullbright bei seiner Musikproduktion operiert. War früher das Verfassen von Songs für ihn wohl ein isolierter und mühsamer Prozess, ging er nun lockerer an die Sache und verließ sich auf die spontane Kreativität im Zusammenspiel mit der Band. „The Liar“ stellt daher das Ergebnis eines kooperativen Vorgehens dar, das Fullbright von seinen selbstgesetzten Zwängen befreite. Neben neuen und bisher unfertigen Stücken bearbeitete er auch älteres Material. So findet sich „Unlocked Doors“ bereits auf „Live At The Blue Door“ (2009).

Gleich zu Beginn steigt das Album mit den beiden Highlights „Barden, 1645“ und der Single „Paranoid Heart“ ein. Die Presse-Infos rücken den letztgenannten Song in die Nähe von Tom Petty. Ich höre eher Parallelen zu Jason Isbell. Wenn schon Referenzpunkte angeführt werden, dann sei erwähnt, dass „Social Skills“ von der Struktur an den frühen Steve Earle erinnert. Der Titel hebt sich von dem balladesken Grundton des Werks etwas ab.

Das Album umfasst hauptsächlich langsame Stücke. Auf „Stars“ begleitet sich Fullbright lediglich selbst am Klavier. Bei „Safe To Say“ dominiert die Orgel, bevor die Band dezent einsteigt. Der abschließende Rausschmeißer „Gasoline“ gibt seinen Mitstreitern allerdings mehr Raum. Eine eigene Dynamik erhalten die Songs oftmals durch Fullbrights Gesang, sodass keine Langeweile aufkommt. Variationen bringt er zudem dadurch in sein Werk, dass er sich gelegentlich am Country („Where We Belong“, „Blameless“) oder am Blues („The Liar“, „Poster Child“) orientiert.

Nach langer Wartezeit erscheint mit „The Liar“ ein Lebenszeichen von John Fullbright, auf dem der Songwriter mit einer Band im Rücken unverkrampft aufspielt. Im Zentrum steht aber weiterhin Fullbright an seinem Klavier. Die überwiegend ruhigen Tracks, zum Teil ausdrucksstark gesungen, eignen sich dabei sowohl zum konzentrierten Zuhören als auch zur Untermalung eines entspannten Abends.

Blue Dirt Records – Thirty Tigers (2022)
Stil: Americana

Tracks:
01. Bearden, 1645
02. Paranoid Heart
03. Stars
04. The Liar
05. Unlocked Doors
06. Where We Belong
07. Social Skills
08. Lucky
09. Blameless
10. Poster Child
11. Safe To Say
12. Gasoline

John Fullbright
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Todd Snider – Live: Return Of The Storyteller – CD-Review

Review: Michael Segets

Wie vieles, was Todd Snider so produziert, hat der Titel „Return Of The Storyteller“ eine gewisse Doppelbödigkeit. Zum einen ist er eine Referenz an Sniders früheres Live-Album „The Storyteller“ (2011), zum anderen spielt er auf die Zeit nach der Hochphase der Pandemie an, in der nun wieder Konzerte möglich sind. In Sniders One-Man-Show blitzt immer wieder sein Sinn für Humor auf. Schon der erste Blick auf die Tracklist, die mit „Big Finish“ beginnt und mit „Opening Statement“ endet, offenbart seine teils skurrilen Gedankengänge.

Vierzehn weitere Songs umfasst der Zusammenschnitt mehrerer Auftritte aus der jüngeren Zeit, angereichert durch zahlreiche Zwischenbemerkungen und Anekdoten. Snider präsentiert sich dabei tatsächlich als Storyteller. Da die längeren erzählenden Passagen auf der CD einzeln gesplittet sind, können diese leicht weggelassen werden, wenn man sich bei mehrmaligen Hören auf die Musik konzentrieren möchte.

Die Auswahl der Stücke umfasst die gesamte Schaffensperiode von Snider. Angefangen bei „Alright Guy“ von seinem Debüt aus dem Jahr 1994, bis hin zu Titeln seiner beiden letzten Longplayer „Cash Cabin Sessions, Vol. 3“ (2019) und „First Agnostic Church Of Hope and Wonder“ (2021). Meine Favoriten dieser Alben finden sich auch auf der aktuellen Live-Scheibe wieder: „Like A Force Of Nature“, das im Studio mit Jason Isbell im Duett gesungen wurde, und „Handsome John“, mit dem Snider John Prine ehrt.

Sniders Inspirationsquellen sind vielfältig. Wer hätte gedacht, dass der ehemalige republikanische Vorsitzende der US-Notenbank Alan Greenspan den Anstoß für „In Between Jobs“ gab? Snider erinnert darüber hinaus an mehrere verstorbene Songwriter. Auch wenn sich keine Werke von John Prine, Jerry Jeff Walker, Neal Casal, Johnny Cash oder Colonel Bruce Hampton in der Interpretenskala von SoS finden, so sind sie dort doch präsent. Man denke an das Tribute „Highway Butterfly: The Songs Of Neal Casal“, auf dem auch Snider mitwirkte, oder an „Jerry Jeff“ von Steve Earle. Die Geschichten, die Snider zum Besten gibt, sind kurzweilig und amüsant. Insgesamt nehmen sie allerdings viel Raum ein.

Die Songs werden durch die Ausführungen von Snider in ein nicht gekanntes Licht gerückt. Zudem verändert sich die Wirkung der nun mit Gitarre und Mundharmonika interpretiert Stücke. Von seiner letzten CD, die mit ihrem funkigen Einschlag nicht so recht überzeugte, sind „Sail On, My Friend“ sowie „Turn Me Loose (I’ll Never Be The Same)” entnommen. Vor allem der letztgenannte Titel gewinnt in seiner akustischen Live-Version. Einen repräsentativen Eindruck von Sniders Performance vermittelt die erste Single „Just Like Old Times“, die im Original von „The Devil You Know” (2006) stammt. Weitere Anspieltipps sind „Play A Train Song” und „Too Soon To Tell”.

Bei Tood Sniders „Live: The Return Of The Storyteller” ist der Titel Programm. In Singer/Songwriter-Manier zieht Snider einen akustischen Querschnitt durch sein fast dreißigjähriges musikalisches Schaffen. An seinen Erinnerungen und Erlebnissen dieser Zeit lässt er in teils ausführlichen und amüsanten Anekdoten die Hörer teilhaben, sodass die Musik fast schon in den Hintergrund tritt.

Label: Aimless Records – Thirty Tigers/Membran (2022)
Stil: Singer/Songwriter

Tracks:
01. Big Finish
02. [Col. Bruce Hampton Ret.]
03. Turn Me Loose (I’ll Never Be The Same)
04. [East Nashville]
05. Play a Train Song
06. [Old Man Shakes Fist at Sky]
07. Too Soon to Tell
08. Like a Force of Nature
09. [John Prine]
10. Handsome John
11. [Hard Luck Love Song]
12. Just Like Old Times
13. [Speakneck Speedball]
14. Roman Candles
15. The Very Last Time
16. Sail on, My Friend
17. [Being Outdoors]
18. Ballad of the Devil’s Backbone Tavern
19. Alright Guy
20. [Free Bird]
21. [Sock Water]
22. Just Like Overnight
23. [Alan Greenspan]
24. In Between Jobs
25. [Where Will I Go]
26. Working on a Song
27. Opening Statement

Todd Snider
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Amanda Shires – Take It Like A Man – CD-Review

Review: Michael Segets

Wenn man Amanda Shires lediglich auf ihre Rolle als Ehefrau von Jason Isbell und Mitglied seiner Band The 500 Unit reduziert, dann geschieht ihr sicherlich Unrecht. Als Violinistin, die unter anderem Aufnahmen mit John Prine, Neal Casal, Todd Snider , Justin Townes Earle und Blackberry Smoke vorzuweisen hat, erarbeitete sie sich einen hervorragenden Ruf. Mit The Highwomen, eine Kollaboration zwischen ihr, Brandi Carlile, Natalie Hemby und Maren Morris, startete Shires 2019 ein viel beachtetes Bandprojekt. Die mehrfach ausgezeichnete Texanerin veröffentlicht nun ihr siebtes Soloalbum „Take It Like A Man“.

Die Zwangspause der Pandemie nutzte Sie, um sich auf das Schreiben neuer Songs zu konzentrieren, bei denen sie vor allem ihre familiären Beziehungen bearbeitet. In einem kreativen Schub entstanden innerhalb eines Monats 26 Stücke. Zehn davon schafften es schließlich auf den Longplayer, wobei sie sich für die musikalische Umsetzung hauptsächlich bei Lawrence Rothman Unterstützung holte.

Der Opener „Hawk For The Dove“ stellt zugleich das Highlight des Albums dar. Die erste Single – im Pressetext als Southern Gothic bezeichnet – beeindruckt durch ihre dunkle Atmosphäre und geht direkt in die Gehörgänge. Der düstere Hall von Isbells Gitarre erinnert an Gunner & Smith. Shries glänzt bei einem kurzen, kratzigen Geigensolo. Zudem wirkt ihr Sopran hier eher lasziv als süßlich, wie bei einigen anderen Stücken. Weniger expressiv und deutlich reduzierter, aber gleichfalls stimmungs- und spannungsvoll sind „Don’t Be Alarmed“ und „Fault Lines“.

Shires liefert perfekt produzierte Songs ab, die überwiegen opulent arrangiert sind. Dass Streicher durchgängig präsent sind, versteht sich fast von selbst. Daneben übernimmt manchmal ein Klavier die Führungsrolle („Empty Cup“, „Everything Has Its Time“), mal fallen die Bläser („Stupid Love“) besonders auf. Wie die zweite Single „Take It Like A Man“ bewegen sich die meisten Stücke insbesondere in der ersten Hälfte des Albums im unteren Tempobereich.

Das einzige Stück mit einem Upbeat ist das lockere „Here He Comes“. Der Titel wurde als letzter aufgenommen, wurde aber in der Mitte des Albums geschickt platziert. In der zweiten Hälfte des Longplayer zieht Shires das Tempo gemäßigt an und gibt ihren Kompositionen „Bad Behavior“ und „Lonely At Night“ leicht jazzige Züge mit. Die Klangfarbe ihrer Stimme würde man wahrscheinlich eher im Country verorten, aber Shires setzt ihre Stimme durchaus variabel ein und steht gesanglich bei sämtlichen Songs ihren Mann.

In den dunklen Momenten fesselt Amanda Shires Album „Take It Like A Man“. Vor allem mit dem expressiven „Hawk For The Dove“ setzt sie ein Ausrufezeichen als Songwriterin und Musikerin. Darüber hinaus finden sich auf dem Album gelungene Balladen, sauber arrangiert mit vollem Begleitprogramm durch Streicher, Bläser und Keys. Diese werden bei einem eher auf Harmonien bedachtem Publikum in Nashville und Umgebung sicherlich Anklang finden.

ATO Records/PIAS-Rough Trade (2022)
Stil: Americana

Tracks:
01. Hawk For The Dove
02. Take It Like A Man
03. Empty Cup
04. Don’t Be Alarmed
05. Fault Lines
06. Here He Comes
07. Bad Behavior
08. Stupid Love
09. Lonely At Night
10. Everything Has Its Time

Amanda Shires
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Pias/Rough Trade
Oktober Promotion

Old Crow Medicine Show – Paint This Town – CD-Review

Review: Michael Segets

Die Band Old Crow Medicine Show nimmt seit zwanzig Jahren Alben auf. „Paint This Town“ stellt jedoch meinen ersten Berührungspunkt mit ihr dar. Beim ersten Durchhören wächst mit jedem Track die Spannung, was dem Sextett als nächstes einfällt. Es kommt selten vor, dass ein Longplayer eine solche Bandbreite unterschiedlicher Stile einfängt und dennoch authentisch wirkt. Rock ‘n Roll, Country, Southern, Hillbilly, Cowpunk bis hin zum Bluegrass sind auf der entsprechend abwechslungsreichen CD vertreten. Für „Paint This Town“ holte sich die Band Matt Ross-Spang (Jason Isbell, Will Hoge, Lucero, Arlo McKinley) als Produzenten ins Boot.

Der Titeltrack „Paint This Town“, der das Werk eröffnet, könnte von (John Mellencmp Anfang der 1980er geschrieben sein. Bandleader Ketch Secor hat zwar eine weniger rauhe Stimme, aber die songtechnischen Anleihen beim Altmeister sind hier kaum zu überhören. Neben dem runden Rock ‘n Roll „Lord Willing And The Creek Don’t Rise” finden sich kräftig stampfende Stücke auf der CD, wie „Used To Be A Mountain“ oder das an (Daddy Long Legs erinnernde „John Brown’s Dream“.

Die beiden letztgenannten Songs haben eine punkigen Einschlag, der bei „Painkiller“ ebenso deutlich hervortritt. Der Bogen der Geige bringt dort die Saiten zum Qualmen. An dem Track haben moderne Hillbillys genauso Freude wie an dem durch das Banjo getriebene „Bombs Away“, das neben dem Titelstück bereits ausgekoppelt wurde. „Hillbilly Boy“ kommt demgegenüber gemäßigter und traditionsverbundener rüber.

Während der überwiegende Teil der Songs im mittleren bis oberen Tempobereich angesiedelt sind, reduzieren Secor und seine Mannen auch mal die Schlagzahl. Im Vergleich zu den semi-akustisch gehaltenen „New Mississippi Flag“ und „Reasons To Run“ geht „Gloryland“ eher in Richtung Country-Rock – getragen von den Keys von Cory Younts sowie mit gelungenen Mundharmonika-Passagen. Alle drei sind stimmungsvolle Titel. Höhepunkt unter den Balladen stellt jedoch „Honey Chile“ dar. Die dritte Vorabveröffentlichung versprüht einen kraftvollen Southern-Flair.

Ihrer Affinität zum Country lässt die Band auf „Deford Rides Again“ freien Lauf. Mit mehrstimmigen Gesang gibt Old Crow Medicine Show zum Abschluss einen flotten Bluegrass-Track zu Gehör.

Old Crow Medicine Show nehmen sich durchaus ernsten, aktuellen Themen an wie Rassenkonflikten, Umweltzerstörung oder auch der Pandemie. Dabei achten sie aber darauf, dies unterhaltsam und mit einem Hauch von Optimismus oder mit Humor zu tun. Sie sind daher dem Ansatz von (Jason Ringenberg nicht unähnlich. So lohnt sich ein Blick auf die früheren Videos oder auch ein Reinhören in die Songs der vergangenen Jahre, unter denen sich auch eine Kollaboration mit (Keb‘ Mo‘ findet.

Bemerkenswert ist zudem, dass von August bis Dezember 2020 ein wöchentlicher Live-Stream unter dem Titel Hartland Hootenanny mit Gästen lief, die auch den SoS-Lesern bekannt sein dürften: Will Hoge, (The Secret Sisters oder BJ Barham von (American Aquarium sind einige von ihnen. Die 30 Episoden sind auf der Homepage der Band archiviert.

„Paint This Town” von Old Crow Medicine Show stellt für mich das bislang überraschendste Album des Jahres 2022 dar. Das Konglomerat aus Rock, Country, Cowpunk, Southern und Hillbilly-Sound fügt sich auf abwechslungsreiche Art zu einer in sich stimmigen Einheit zusammen. Neben eingängigen Songs finden sich auch etwas verschrobene auf dem Longplayer, die dennoch gut hörbar bleiben und einfach Spaß machen.

ATO Records – Pias/Rough Trade (2022)
Stil: Rock, Country and more

Tracks:
01. Paint This Town
02. Bombs Away
03. Gloryland
04. Lord Willing And The Creek Don’t Rise
05. Honey Chile
06. Reasons To Run
07. Painkiller
08. Used To Be A Mountain
09. Deford Rides Again
10. New Mississippi Flag
11. John Brown’s Dream
12. Hillbilly Boy

Old Crow Medicine Show
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Pias/Rough Trade
Oktober Promotion

James McMurtry – The Horses And The Hounds – CD-Review

Review: Michael Segets

Hierzulande ist James McMurtry noch nicht so richtig über den Status des Geheimtipps hinausgekommen. Während der letzten fünfzehn Jahren konnte der Texaner in den Vereinigten Staaten allerdings seine Alben in diversen Charts platzieren. Seine Werke werden nicht nur von Kritikern hoch gelobt, sondern auch Kollegen wie John Mellencamp, der McMurtrys Debütalbum „Too Long In The Wasteland“ (1989) produzierte, und Jason Isbell sowie Schriftsteller Stephen King würdigen sein Songwriting.

Nach McMurtrys letztem Album „Complicated Game“ (2015) folgt nun „The Horses And The Hounds“. Um es vorweg zu nehmen: Das Album rangiert ganz weit oben unter den diesjährigen Neuerscheinungen. McMurtry liefert kraftvolle Songs, die klare Strukturen und eingängige Refrains mit formidablem Storytelling verbinden. Das Gefühl, von den Mitmenschen, von der Regierung, von dem Leben betrogen worden zu sein, durchzieht dabei das Werk ebenso wie das Eingeständnis eigener Unzulänglichkeiten. You can’t be young and do that – so lautet ein Vers der ersten Auskopplung „Canola Fields” und steht zugleich für das reife Songwriting von McMurtry.

Mit dem Opener „Canola Fields“ und dem folgenden „If It Don’t Bleed“ trifft McMurtry mitten ins Schwarze. Die erdigen Songs gehen unmittelbar ins Ohr und ins Herz. Besondere Intensität entwickelt ebenso „Decent Man“. Wie es McMurtry schafft, soviel Energie zu erzeugen bleibt dabei ein Rätsel. Der Gesang, der Chorus, der Rhythmus, die eingestreuten Gitarrensoli, der Text – sie greifen ineinander, sodass alles passt.

Bei „Operation Never Mind“ wird McMurtry politisch, indem er darauf hinweist, dass die Wahrnehmung von Kriegen heutzutage medial gesteuert wird und wir in der Regel auch nur das über sie wissen, was wir erfahren sollen. McMurtry sagt über sein Album, dass sich manche Gitarren nach Warren Zevon anhören. Tatsächlich werden Assoziationen zu dem 2003 verstorbenen Musiker besonders bei diesem Song geweckt.

Mit „Jackie“ schlägt McMurtry ruhigere Töne an. Das mit einem Cello unterlegte, sensible Stimmungsbild zeichnet ein tragische Frauenschicksal nach. Ein weiteres Portrait, das einem verstorbenen Freund gewidmet ist, malt „Vaquero“. Den Refrain der Ballade singt McMurty auf Spanisch. Den tempomäßigen Gegenpol bildet der gradlinige Rocker „What’s The Matter“. Beim Titelsong „The Horses And The Hounds” erhält David Grissom an der Gitarre die Gelegenheit sich mit härteren Riffs und zwei kurzen Soli auszuleben. Sehr schön ist auch der Background Gesang von Betty Soo und Akina Adderley. Die beiden Damen werten ebenso das textlastige „Ft. Walton Wake-Up Call“ auf.

Der Abschluss „Blackberry Winter” beginnt mit folgender Zeile: I don’t know what went wrong. Das Album hingegen bietet keinen Anlass für Selbstzweifel. McMurtry hat alles richtig gemacht. Einzig der Grund, warum das Album als Doppel-LP mit einer blanken Seite herauskommt, erschließt sich mir nicht. Die A-Seite ist durchgängig mit vier hochkarätigen Songs bestückt und auch auf den beiden anderen Seiten ist mit „Decent Man“ und „The Horses And The Hounds” jeweils ein ausgezeichneter Titel vertreten. Die anderen Stücke fallen lediglich im Vergleich mit den zahlreichen Delikatessen etwas ab, sind aber allesamt gute Kost.

Die musikalische Qualität garantieren die Begleitmusiker. McMurty hat für das Werk einige Veteranen der Szene zusammengetrommelt: David Grissom (John Mellencamp, Joe Ely, Storyville), Kenny Aronoff (Bob Dylan, John Fogerty, Jon Bon Jovi, Meat Loaf, Lynryd Skynyrd), Charlie Sexton (Arc Angels, Lucinda Williams, Shawn Colvin) Bukka Allen (Joe Ely, Alejandro Escovedo). Ross Hogarth (Melissa Etheridge, Van Halen) übernahm die Produktion und Abmischung.

James McMurtry zeigt einmal mehr, dass er zu den vorzüglichsten Songschreibern Amerikas gehört. Durch den erdigen Sound und die ausgefeilten Refrains ist ihm ein beeindruckendes Album gelungen, bei dem der Titeltrack „The Horses And The Hounds” sowie die ersten fünf Songs zurzeit in Dauerschleife laufen.

New West Records – PIAS-Rough Trade (2021)
Stil: Roots Rock

Tracks:
01. Canola Fields
02. If It Don‘t Bleed
03. Operation Never Mind
04. Jackie
05. Decent Man
06. Vaquero
07. The Horses And The Hounds
08. Ft. Walton Wake-Up Call
09. What‘s The Matter
10. Blackberry Winter

James McMurtry
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New West Records
Pias – Rough Trade
Oktober Promotion

Mike Cooley, Patterson Hood & Jason Isbell – Live At The Shoals Theatre – CD-Review

Cooley_300

Review: Michael Segets

Jason Isbell war von 2001 bis 2007 Mitglied bei Drive-By Truckers, der Band aus Georgia, die von Mike Cooley und Patterson Hood gegründet wurde. Sieben Jahre nach der Trennung fanden sich die drei Musiker zu einem Akustikkonzert im Shoals Theatre in Florence, Alabama, zusammen. Die Aufnahme vom 15. Juni 2014 wird nun auch hierzulande als Doppel-CD und vierfach LP veröffentlicht.

Der von Dennis Crosby aufgenommene, von Gena Johnson gemischte und von Pete Lyman gemasterte Mitschnitt fängt die Live-Atmosphäre des Abends ein, den Cooley, Hood und Isbell allein mit ihren akustischen Gitarren sowie ihrem, teilweise in mehrstimmigen Passagen verschmelzenden, Gesang bestritten. In diesen reduzierten Versionen entfalten die Songs eine andere Wirkung als mit kompletter Band im Studio und sind stärker auf sich selbst zurückgeworfen. Die Kraft gewinnen sie aus den leisen Tönen und feinen Nuancen, wobei die drei Musiker so harmonieren, dass nicht zu bemerken ist, dass sie bereits seit Jahren nicht mehr zusammen aufgetreten waren.

Die Setlist konzentriert sich auf die Phase als Isbell noch Teil der Band war. Dabei liegt der Fokus auf den beiden Platten „Decoration Day“ (2003) und „The Dirty South“ (2004), die mit fünf beziehungsweise sechs Titeln nahezu die Hälfte der Tracks ausmachen. Sie füllen vor allem die erste CD. Noch bevor Isbell als vollwertiges Mitglied, das sich auch am Songwriting beteiligte, bei Drive-By Truckers einstieg, unterstützte er die Band bei der Tour zu „Southern Rock Opera“ (2001). „Women Without Whiskey”, „Zip City” und „Let There Be Rock” stammen von diesem Longplayer.

Während sich von jedem Drive-By Truckers-Album zwischen 2006 und 2014 ein bis zwei Stücke auf der Setlist finden, ist lediglich das Debüt „Gangstabilly“ (1998) mit „The Living Bubba“ aus der Prä-Isbell-Ära vertreten. Auf der zweiten CD spielt das Trio zwei Tracks von Isbells Solokarriere. Sowohl „Cover Me Up“ als auch „Alabama Pines“ gehören mittlerweile zu den Klassikern in Isbells Repertoire. Ebenso wie Patterson, der drei Studioalben veröffentlichte, wandelt auch Cooley, der eine akustische Live-Scheibe herausbrachte, gelegentlich auf Solopfaden. Die beiden konzentrieren sich aber weiterhin auf ihr Bandprojekt.

Cooley, Hood und Isbell bewiesen bei dem Auftritt Ausdauer: Fast 140 Minuten boten sie ihre Songs dar, was nicht nur für ein akustisches Konzert schon eine ordentliche Spielzeit ist. Den Abschluss bildet dabei eine dreizehnminütige Performance von „Let There Be Rock”, die die achte Seite der vierfach LP alleine füllt. Ansonsten sind auf der LP-Ausgabe drei bis vier Tracks pro Seite gepresst. Denjenigen, die nicht zum inneren Kreis der Fangemeinde der Drive-By Truckers beziehungsweise von Jason Isbell zählen, mag der portionsweise Genuss des Konzerts entgegenkommen, denn – obwohl die Qualität der einzelnen Songs überzeugt – bleibt das Konzert insgesamt ohne große Spannungsbögen.

Den besonderen Reiz des Abends macht die Reunion der beiden Köpfe hinter Drive-By Truckers – Mike Cooley und Patterson Hood – mit dem zum Solo-Star aufgestiegenen Jason Isbell aus. Die akustischen Interpretationen lassen die Songs der drei Musiker nochmal in einem anderen Licht erscheinen, wobei das Konzert aus einem Guss wirkt, bei dem die lange Pause des gemeinsamen Musizierens nicht zu spüren oder zu hören ist.

Southeastern Records/Thirty Tigers (2021)
Stil: Americana

Tracks:
CD1
01. Intro
2. Tornadoes
3. Carl Perkins‘ Cadillac
4. Decoration Day
5. Heathens
6. Eyes Like Glue
7. TVA
8. Puttin‘ People on the Moon
9. Marry Me
10. Goddamn Lonely Love
11. My Sweet Annette
12. Women Without Whiskey
13. Outfit
14. Daddy Needs A Drink

CD2
01. Self Destructive Zones
02. Cover Me Up
03. The Living Bubba
04. Space City
05. Danko/Manuel
06. Grand Canyon
07. Cartoon Gold
08. Alabama Pines
09. Zip City
10. Never Gonna Change
11. Let There Be Rock

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Morgan Wade – Reckless – CD-Review

cover Morgan Wade - Reckless 300

Review: Michael Segets

Mit „Don’t Cry” ist Morgan Wade ein Geniestreich gelungen. Die Single von ihrem Debütalbum „Reckless“ geht sofort ins Ohr und setzt sich dort fest. „Other Side“ weist mit seinem eingängigen Refrain ähnliche Qualitäten auf. Die beiden Songs stechen unter den zehn Tracks hervor, die allesamt von der jungen Dame aus Virginia geschrieben sind, wobei Paul Ebersold sowie Sadler Vaden sie bei einigen unterstützten. Vaden, der Gitarrist von Jason Isbells Begleitband The 400 Unit, produzierte zudem ihr Erstlingswerk.

Schon in früher Jugend schrieb Wade Songs, entdeckte aber erst mit neunzehn, dass sie Spaß daran findet, diese vor Publikum zu spielen. Ihre ersten Erfahrungen auf der Bühne sammelte sie mit ihrer Begleitband The Stepbrothers. Im April supportet sie nun The Steel Woods, sofern Corona dies zulässt.

Die Stücke sind alle mit Band eingespielt und sind letztlich mit den Rock- und vereinzelten Country-Elementen im weiten Feld des Americana zu verorten. Dass Wades Musik allerdings ihre Grundlage im Singer/Songwriter-Bereich hat, zeigen „Matches and Metaphors”, „Take Me Away“, das ruhige Abschlussstück „Met You“ sowie die ausgefeilten Texte.

Die erste Zeile von „Other Side“ lautet: You knew my skin back before I had all these tattoos – ein schönes Beispiel für die originellen Lyrics. Der autobiographische Bezug wird sofort erkennbar, wenn man sich die Videos von Wade ansieht. Im Laufe der Jahre kann man nachvollziehen, wie die Haut schrittweise bunter wird. Nicht zuletzt auf dem Albumcover kommt ihre Vorliebe für Tätowierungen zum Ausdruck.

Die Lyrics drehen sich um Wades Selbstfindungsprozess, der besonders deutlich beim countryfizierten Midtempo-Song „Northern Air” thematisiert wird. Oftmals stehen Beziehungsgeschichten im Zentrum. Das Ende von ihnen wird bei „Mend“, dem leicht poppigen „Last Cigarette“ und dem starken „Reckless“ besungen. Der letztgenannte Song hat einen rockigen Einschlag mit glänzendem E-Gitarren-Solo. Zusammen mit Vaden schrieb Wade den Opener „Wilder Days“. Mit eingängiger Melodie und voller Bandbegleitung besingt Wade den Altersunterschied zwischen einer Frau und einem älteren Mann, der letztlich dafür verantwortlich ist, dass die Beziehung keine Zukunft hat.

Mit ihren 26 Jahren liefert Wade ein reifes Debüt ab. Ernsthafte und selbstreflexive Texte sind in schöne Melodien gekleidet. Die Produktion ist auf den Punkt gebracht: Die Instrumentalisierung gibt den Songs Drive, wobei Wades Gesang stets im Vordergrund bleibt. Bei den durchweg gelungenen Stücken setzt Wade einige Glanzlichter, die dafür sorgen, dass das Album auch zukünftig den Weg in den Player findet.

Ladylike/Thirty Tigers – Membran (2021)
Stil: Americana

Tracks:
01. Wilder Days
02. Matches and Metaphors
03. Other Side
04. Don’t Cry
05. Mend
06. Last Cigarette
07. Take Me Away
08. Reckless
09. Northern Air
10. Met You

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Lucero – When You Found Me – CD-Review

Lucero 300

Review: Michael Segets

Lucero veröffentlicht seit über zwanzig Jahren völlig unbemerkt von mir Musik. Auf ein Dutzend Studio-Alben und drei Livemitschnitte blickt die Band aus Memphis, Tennessee, bereits zurück. 2008 brachte die Band sogar ein Album auf einem Major-Label – Universal Music – heraus.

„When You Found Me“ macht jedenfalls Lust, sich zukünftig auch mit deren Backkatalog auseinanderzusetzen. Bei den ersten Durchläufen fallen die kräftigen Gitarren und der mal volle, mal leicht kratzig-nasale Gesang des Frontmanns Ben Nichols angenehm auf.

Die Stimme könnte beim Opener „Have You Lost Your Way” vielleicht etwas weiter nach vorne ausgesteuert sein, aber dennoch entwickelt der Song mit seinem breiten, durch E-Gitarren erzeugten Klangteppich eine ansteigende Dynamik. Auch beim folgenden „Outrun The Moon“ wird eine Spannungskurve erzeugt, allerdings durch den einprägsamen Refrain. Die Instrumentalpassagen sind bei der ersten Single außerdem deutlich differenzierter.

Nach dem bereits gelungenen, rockigen Einstieg folgt ein erstes absolutes Highlight des Albums. Beim countryfizierten „Coffin Nails“ verzichtet Lucero auf dominante elektrische Gitarren und stellt den eindringlich gesungenen Refrain ins Zentrum. Die Band liefert einen starken Song ab, der Reckless Kelly ins Gedächtnis ruft.

„Pull Me Close Don’t Let Go” hingegen zieht mich nicht in seinen Bann. Die sphärischen Klänge und die oftmalige Wiederholung einer Textzeile lassen den Track eher dahinplätschern. Hier setzt Lucero – nach Angabe der Presseinformation – zum ersten Mal einen Synthesizer ein. Der ist ebenso auf „Good As Gone” zu hören. Der Track erlangt durch die Keys den Charme der achtziger Jahre und erinnert an das damalige New Age. Gleichwohl rockt der Song ebenso wie „All My Live”, der Anleihen beim Grunge hat. Lucero bedient sich also in der Rocktradition, ohne dass die Tracks wirklich retro klingen.

Nach Aussage von Nichols wollte er einen klassischen Rock-Sound für den Longplayer. Das von Matt Ross-Spang (Jason Isbell, Drive-By Truckers) produzierte Album löst diesen Anspruch ein, wobei die anderen Bandmitglieder Rick Steff (Keys), Brain Venable (Gitarre), Roy Berry (Schlagzeug) und John C. Stubblefield (Bass) ihren Anteil haben.

Das erdige „The Match“ geht in Richtung Roots Rock und liegt damit genau auf meiner musikalischen Wellenlänge. Eine Steigerung liefert noch der hervorragende Heartland-Knaller „Back In Ohio”. Bei der Abfolge der Gitarrenakkorde und bei den Klavierläufe kommt der Vergleich mit Nils Lofgrens Blütezeit in den Sinn. Eine kurze Saxophon-Passage gibt dem Sound einen zusätzlichen Drive. Das Jahr ist noch jung, aber der Titel wird es auf meinen persönlichen Best-Of-2021-Sampler sicher schaffen.

Mit seinen Zäsuren ist der kräftige Rocker „A City On Fire“ kompositorisch eindrucksvoll. Hardrock-hymnisch angehaucht schallt er wuchtig aus den Boxen. Der Text im Refrain wird im Wechsel von Nichols und dem Background seiner Mitstreiter gesungen. Am Ende setzt sich ein Klavier vor den kräftigen Rhythmus. Bekommen die Hörer hier die volle Breitseite, steht dazu der balladeske Titeltrack in deutlichem Kontrast. „When You Found Me“ erinnert wiederum an Reckless Kelly und schließt das Album ruhig und melodiös ab.

Nichols, der vor vier Jahren Vater einer Tochter geworden ist, greift seine Lebenssituation in einigen Texten auf. Mit der rockig-aggressiven Ausrichtung der Scheibe und anderen, leicht bitteren Lyrics kann sie allerdings nicht als zahm oder familientauglich bezeichnet werden.

Auf „When You Found Me“ verarbeitet Lucero eine breite Palette an Rockeinflüssen. Vielleicht zünden nicht durchgängig alle Songs, aber mit den außerordentlichen „Back In Ohio“ und „Coffin Nails“ spielt die Band in der obersten Liga des Heartland Rock beziehungsweise des Alternative Country mit.

Liberty & Lament – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Rock

Tracks:
01. Have You Lost Your Way
02. Outrun The Moon
03. Coffin Nails
04. Pull Me Close Don’t Let Go
05. Good As Gone
06. All My Live
07. The Match
08. Back In Ohio
09. A City On Fire
10. When You Found Me

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Arlo McKinley – Die Midwestern – CD-Review

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Review: Michael Segets

Zwar schaut Arlo McKinley mit seiner Band The Lonesome Sound und zusammen mit Umphey McGee bereits auf einzelne Veröffentlichungen zurück, mit seinem Solo-Debüt „Die Midwestern” kann er aber als eine der großen Neuentdeckungen des Jahres gefeiert werden.

Während die älteren Videos, die man im Netz von dem vierzigjährigen Singer/Songwriter findet, meist stripped down Songs mit ausschließlich akustischer Gitarrenbegleitung zeigen, hat er auf dem Album einige Musiker im Rücken, die den sowieso schon guten Stücken zusätzliche Kraft mitgeben. Zusammen mit dem Produzenten Matt Ross-Spang (The Allman Betts Band, Charley Crockett, Calexico) rekrutierte McKinley die Band in Memphis, wo das Werk auch aufgenommen wurde.

Die zehn Eigenkompositionen entstanden in den letzten fünfzehn Jahren. Als Jody Prine seinem Vater John „Bag Of Bills“ vorspielte, überzeugte der Titel den im April verstorbenen Grandseigneur des Country, sodass die beiden McKinley für ihr Label Oh Boy Records unter Vertrag nahmen. Die Folkversion des Videos offenbart die Qualität von McKinley als Songwriter, verdeutlicht im Vergleich aber zugleich den Gewinn, die die Bandversion des Albums erzielt.

McKinley legt viel Ausdruck in seinen Gesang, wobei er sich nicht scheut, seine Stimme mal ohne Begleitung zur Geltung zu bringen, wie beim Einstieg zu „Walking Shoes“. Sehr stark gesungen ist auch der Opener „We Were Alright“, der zugleich ein Anspieltipp ist. Als weiteres Highlight zählt das runde „Suicidal Saturday Night”, dessen String-Arrangements an Springsteens „Western Stars“ erinnern.

Auf dem Werk finden sich keine Uptempo-Nummern, aber der Klang ist tendenziell roots-rockig. Der bereits vorab ausgekoppelte Titeltrack „Die Midwestern“ stellt dafür ein gutes Beispiel dar. Neben sanften Beiträgen wie „Once Again” oder „Whatever You Want” lässt McKinley auch gerne kräftigere elektrische Gitarren erklingen („Gone For Good“). Er gewinnt so dem Americana unterschiedliche Facetten ab. Schließlich unternimmt McKinley mit „She’s Always Around“ noch einen Ausflug in Country-Gefilde.

McKinley stand schon mit John Moreland, Ian Noe, Colter Wall, Jason Isbell und Justin Townes Earle auf der Bühne, wobei er den Vergleich mit diesen Songwritern nicht zu scheuen braucht. Der in Cincinnati ansässige McKinley hat sich in Ohio ohnehin bereits einen beachtlichen Ruf erspielt. Mit „Die Midwestern“ hätte er es verdient, auch überregional erfolgreich zu sein. Arlo McKinley beeindruckt mit dem bislang abwechslungsreichsten und kraftvollsten Americana-Album 2020.

Oh Boy Records – Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Americana

Tracks:
01. We Were Alright
02. Die Midwestern
03. She’s Always Around
04. Bag Of Pills
05. The Hurtin’s Done
06. Suicidal Saturday Night
07. Once Again
08. Whatever You Want
09. Gone For Good
10. Walking Shoes

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