Old Crow Medicine Show – Paint This Town – CD-Review

Review: Michael Segets

Die Band Old Crow Medicine Show nimmt seit zwanzig Jahren Alben auf. „Paint This Town“ stellt jedoch meinen ersten Berührungspunkt mit ihr dar. Beim ersten Durchhören wächst mit jedem Track die Spannung, was dem Sextett als nächstes einfällt. Es kommt selten vor, dass ein Longplayer eine solche Bandbreite unterschiedlicher Stile einfängt und dennoch authentisch wirkt. Rock ‘n Roll, Country, Southern, Hillbilly, Cowpunk bis hin zum Bluegrass sind auf der entsprechend abwechslungsreichen CD vertreten. Für „Paint This Town“ holte sich die Band Matt Ross-Spang (Jason Isbell, Will Hoge, Lucero, Arlo McKinley) als Produzenten ins Boot.

Der Titeltrack „Paint This Town“, der das Werk eröffnet, könnte von (John Mellencmp Anfang der 1980er geschrieben sein. Bandleader Ketch Secor hat zwar eine weniger rauhe Stimme, aber die songtechnischen Anleihen beim Altmeister sind hier kaum zu überhören. Neben dem runden Rock ‘n Roll „Lord Willing And The Creek Don’t Rise” finden sich kräftig stampfende Stücke auf der CD, wie „Used To Be A Mountain“ oder das an (Daddy Long Legs erinnernde „John Brown’s Dream“.

Die beiden letztgenannten Songs haben eine punkigen Einschlag, der bei „Painkiller“ ebenso deutlich hervortritt. Der Bogen der Geige bringt dort die Saiten zum Qualmen. An dem Track haben moderne Hillbillys genauso Freude wie an dem durch das Banjo getriebene „Bombs Away“, das neben dem Titelstück bereits ausgekoppelt wurde. „Hillbilly Boy“ kommt demgegenüber gemäßigter und traditionsverbundener rüber.

Während der überwiegende Teil der Songs im mittleren bis oberen Tempobereich angesiedelt sind, reduzieren Secor und seine Mannen auch mal die Schlagzahl. Im Vergleich zu den semi-akustisch gehaltenen „New Mississippi Flag“ und „Reasons To Run“ geht „Gloryland“ eher in Richtung Country-Rock – getragen von den Keys von Cory Younts sowie mit gelungenen Mundharmonika-Passagen. Alle drei sind stimmungsvolle Titel. Höhepunkt unter den Balladen stellt jedoch „Honey Chile“ dar. Die dritte Vorabveröffentlichung versprüht einen kraftvollen Southern-Flair.

Ihrer Affinität zum Country lässt die Band auf „Deford Rides Again“ freien Lauf. Mit mehrstimmigen Gesang gibt Old Crow Medicine Show zum Abschluss einen flotten Bluegrass-Track zu Gehör.

Old Crow Medicine Show nehmen sich durchaus ernsten, aktuellen Themen an wie Rassenkonflikten, Umweltzerstörung oder auch der Pandemie. Dabei achten sie aber darauf, dies unterhaltsam und mit einem Hauch von Optimismus oder mit Humor zu tun. Sie sind daher dem Ansatz von (Jason Ringenberg nicht unähnlich. So lohnt sich ein Blick auf die früheren Videos oder auch ein Reinhören in die Songs der vergangenen Jahre, unter denen sich auch eine Kollaboration mit (Keb‘ Mo‘ findet.

Bemerkenswert ist zudem, dass von August bis Dezember 2020 ein wöchentlicher Live-Stream unter dem Titel Hartland Hootenanny mit Gästen lief, die auch den SoS-Lesern bekannt sein dürften: Will Hoge, (The Secret Sisters oder BJ Barham von (American Aquarium sind einige von ihnen. Die 30 Episoden sind auf der Homepage der Band archiviert.

„Paint This Town” von Old Crow Medicine Show stellt für mich das bislang überraschendste Album des Jahres 2022 dar. Das Konglomerat aus Rock, Country, Cowpunk, Southern und Hillbilly-Sound fügt sich auf abwechslungsreiche Art zu einer in sich stimmigen Einheit zusammen. Neben eingängigen Songs finden sich auch etwas verschrobene auf dem Longplayer, die dennoch gut hörbar bleiben und einfach Spaß machen.

ATO Records – Pias/Rough Trade (2022)
Stil: Rock, Country and more

Tracks:
01. Paint This Town
02. Bombs Away
03. Gloryland
04. Lord Willing And The Creek Don’t Rise
05. Honey Chile
06. Reasons To Run
07. Painkiller
08. Used To Be A Mountain
09. Deford Rides Again
10. New Mississippi Flag
11. John Brown’s Dream
12. Hillbilly Boy

Old Crow Medicine Show
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Pias/Rough Trade
Oktober Promotion

Lucero – When You Found Me – CD-Review

Lucero 300

Review: Michael Segets

Lucero veröffentlicht seit über zwanzig Jahren völlig unbemerkt von mir Musik. Auf ein Dutzend Studio-Alben und drei Livemitschnitte blickt die Band aus Memphis, Tennessee, bereits zurück. 2008 brachte die Band sogar ein Album auf einem Major-Label – Universal Music – heraus.

„When You Found Me“ macht jedenfalls Lust, sich zukünftig auch mit deren Backkatalog auseinanderzusetzen. Bei den ersten Durchläufen fallen die kräftigen Gitarren und der mal volle, mal leicht kratzig-nasale Gesang des Frontmanns Ben Nichols angenehm auf.

Die Stimme könnte beim Opener „Have You Lost Your Way” vielleicht etwas weiter nach vorne ausgesteuert sein, aber dennoch entwickelt der Song mit seinem breiten, durch E-Gitarren erzeugten Klangteppich eine ansteigende Dynamik. Auch beim folgenden „Outrun The Moon“ wird eine Spannungskurve erzeugt, allerdings durch den einprägsamen Refrain. Die Instrumentalpassagen sind bei der ersten Single außerdem deutlich differenzierter.

Nach dem bereits gelungenen, rockigen Einstieg folgt ein erstes absolutes Highlight des Albums. Beim countryfizierten „Coffin Nails“ verzichtet Lucero auf dominante elektrische Gitarren und stellt den eindringlich gesungenen Refrain ins Zentrum. Die Band liefert einen starken Song ab, der Reckless Kelly ins Gedächtnis ruft.

„Pull Me Close Don’t Let Go” hingegen zieht mich nicht in seinen Bann. Die sphärischen Klänge und die oftmalige Wiederholung einer Textzeile lassen den Track eher dahinplätschern. Hier setzt Lucero – nach Angabe der Presseinformation – zum ersten Mal einen Synthesizer ein. Der ist ebenso auf „Good As Gone” zu hören. Der Track erlangt durch die Keys den Charme der achtziger Jahre und erinnert an das damalige New Age. Gleichwohl rockt der Song ebenso wie „All My Live”, der Anleihen beim Grunge hat. Lucero bedient sich also in der Rocktradition, ohne dass die Tracks wirklich retro klingen.

Nach Aussage von Nichols wollte er einen klassischen Rock-Sound für den Longplayer. Das von Matt Ross-Spang (Jason Isbell, Drive-By Truckers) produzierte Album löst diesen Anspruch ein, wobei die anderen Bandmitglieder Rick Steff (Keys), Brain Venable (Gitarre), Roy Berry (Schlagzeug) und John C. Stubblefield (Bass) ihren Anteil haben.

Das erdige „The Match“ geht in Richtung Roots Rock und liegt damit genau auf meiner musikalischen Wellenlänge. Eine Steigerung liefert noch der hervorragende Heartland-Knaller „Back In Ohio”. Bei der Abfolge der Gitarrenakkorde und bei den Klavierläufe kommt der Vergleich mit Nils Lofgrens Blütezeit in den Sinn. Eine kurze Saxophon-Passage gibt dem Sound einen zusätzlichen Drive. Das Jahr ist noch jung, aber der Titel wird es auf meinen persönlichen Best-Of-2021-Sampler sicher schaffen.

Mit seinen Zäsuren ist der kräftige Rocker „A City On Fire“ kompositorisch eindrucksvoll. Hardrock-hymnisch angehaucht schallt er wuchtig aus den Boxen. Der Text im Refrain wird im Wechsel von Nichols und dem Background seiner Mitstreiter gesungen. Am Ende setzt sich ein Klavier vor den kräftigen Rhythmus. Bekommen die Hörer hier die volle Breitseite, steht dazu der balladeske Titeltrack in deutlichem Kontrast. „When You Found Me“ erinnert wiederum an Reckless Kelly und schließt das Album ruhig und melodiös ab.

Nichols, der vor vier Jahren Vater einer Tochter geworden ist, greift seine Lebenssituation in einigen Texten auf. Mit der rockig-aggressiven Ausrichtung der Scheibe und anderen, leicht bitteren Lyrics kann sie allerdings nicht als zahm oder familientauglich bezeichnet werden.

Auf „When You Found Me“ verarbeitet Lucero eine breite Palette an Rockeinflüssen. Vielleicht zünden nicht durchgängig alle Songs, aber mit den außerordentlichen „Back In Ohio“ und „Coffin Nails“ spielt die Band in der obersten Liga des Heartland Rock beziehungsweise des Alternative Country mit.

Liberty & Lament – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Rock

Tracks:
01. Have You Lost Your Way
02. Outrun The Moon
03. Coffin Nails
04. Pull Me Close Don’t Let Go
05. Good As Gone
06. All My Live
07. The Match
08. Back In Ohio
09. A City On Fire
10. When You Found Me

Lucero
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