Dede Priest & Johnny Clark’s Outlaws – 20.08.2020, Schlachtgarten, Krefeld – Konzertbericht

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Es war der Moment, auf den ich seit dem 05.03.2020 sehnsüchtig gewartet habe. Das war nämlich der letzte Tag, an dem ich dieses Jahr ein Konzert besucht habe. Da hatte die Marcus King Band schon im Zuge erster Coronafälle in Köln noch einen saustarken Gig abgeliefert. Ab da, außer CD- und EP-Reviews, gähnende Leere in unserem Magazin.

Die Kulturszene, besonders in unseren bevorzugten Sphären, wurde von der Politik sträflich im Stich gelassen (wen wundert es bei Politikern der Marke Jens Spahn?), die Rede von Verzweiflung bis zum Bangen um die nackte Existenz grassierte allerorts, von den Betreibern, Veranstaltern bis hin zu den Künstlern selbst.

Mittlerweile gibt es erste dezente Bemühungen, mit ganz kleinen Schritten, auch im Konzertgeschehen, unter Einhaltung von Auflagen, wieder Fuß zu fassen. „Kein Rock ’n‘ Roll ist auch keine Lösung“ meinte Kuturrampenchef Markus ‚Pille‘ Peerlings‘ und tat sich mit Schlachtgarten-Betreiber Kolja Amend zusammen, um langsam wieder erste Gigs zu veranstalten.

An diesem Abend des 20. Augusts hatte sich die texanisch-niederländische Combo Dede Priest & Johnny Clark’s Outlaws angesagt, ein wunderbarer Act, um wieder ins Geschehen hineinzufinden. Also machten sich Kollege Gernot und ich zeitgemäß nach Krefeld auf, um aus der für uns neuen Location zu berichten.

Es waren maximal 99 Besucher zugelassen, deren Grenze auch knapp unter Maximum erreicht wurde. Alle mussten sich brav registrieren und sich in bestimmten Situationen an die Maskentragpflicht halten. Ansonsten konnte man sich unter Einhaltung der Abstandswahrung ohne Maske an seinem Platz bewegen. Schön wieder mal die vielen bekannten Gesichter zu sehen, die sonst in der Rampe oder bei Gigs der Bluesszene anzutreffen sind, aber auch einige neue Leute. Insgesamt ein schönes und angenehmes Ambiente.

Um 20:00 ergriff Pille (Kompliment übrigens für den Kinnbart!) das Mikro zur Ansage, kurze Zeit später kamen Dede, Johnny & Co. auf die Bühne, um mit dem rhythmischen „Did You Plan To Leave Me Now“ und „Wade In The Water“, den drückend schwülen Temperaturen angemessen, südstaatlich-blues rockig einzuheizen.

Die charismatische Texanerin, ganz in schwarz gekleidet, wieder mit den obligatorischen fingerlosen Handschuhen agierend, lief von Anbeginn zu Höchstform auf. Sowohl mit grandioser Stimme (die vorbeirauschenden Züge im abendlichen Hintergrund hatten gegen sie absolut keine Chance, geräuschmäßig Paroli zu bieten), starkem E-Gitarrenspiel (ihre vielen quirligen Soli immer mimisch/stimmlich mitbegleitend) als auch raunzender Violine (herrlich, wenn sie oft in bester Domina-Manier den Bogen bestimmend in die Luft hielt), der sie sogar Wah-Wah-Töne entlockte, animierte sie die Audienz immer wieder zu teils staunenden Beifallsbekundungen.

Aber auch Johnny Clark gab auf seiner Stratocaster und Gibson Les Paul (die kam meistens bei Songs mit Slide-Parts zum Einsatz) einen starken Counterpart ab. Ab und zu, wie u. a. beim schönen Hendrix-Cover „Hey Joe“ oder „Alaska“ übernahm er auch die schön rauchig gesungenen Lead Vocals. Die Rhythmusfraktion mit Ray Oostenrijk und Leon Toonen konzentrierte sich unaufgeregt, gänzlich auf ihren Job.

„You Are Love“, „Crocuses“, „Drinkin‘ Again“, das slow-bluesige „What It Is Ain’t What it Ain’t“, „Vermillion Allure“ und das eine Pause einläutende „Flowers Under The Bridge“ hinterließen bei mir besonderen Eindruck im immer noch schwül-warmen Krefelder Schlachtgarten, der eher einer Location in den Bayous Louisianas glich.

Schwarze Wolken und sporadisch runter fallende Tropfen während der 10-minütigen Unterbrechung, erzeugten ein paar angstvolle Blicke gen Himmel, wurden aber von der stimmlichen Urgewalt Priests samt Androhung eines „Texas Hurricane“ schnell zum Weiterziehen ‚überzeugt‘. Mit Tracks wie u. a. dem bereits erwähnten „Alaska“, dem abermals swampigen „Lynched At The Crossroad“, (Dede singt phasenweise durch ein Megafon), dem countryesken „Strawberry Party“ und dem Abschluss des Hauptteils „Cotton Candy“, steigerte sich Stimmung im Publikum kontinuierlich, sodass es um 22:00 Uhr noch in die Verlängerung ging.

Nach dem stimmungsvollen Freddie King-Cover „Palace Of The King“ und dem herrlichen „Spinning Down“ (Dede und Johnny mit Wechselgesang, sägende Fiddle) als Finale erhoben sich die Leute zu stehenden Ovationen. Man merkte allen Beteiligten die herabfallende Last an, die sich in den vergangenen Monaten in den meisten Köpfen angehäuft hatte.

Von der Dame an der Getränkeausgabe, dem Licht- und Tontechniker, der Band Dede Priest & Johnny Clark’s Outlaws, den engagierten Organisatoren Pille und Kolja, über die diszipliniert agierenden Besucher, trugen alle zu einem denkwürdigen Abend mit toller Musik bei, der hoffentlich peu à peu wieder in die kulturelle Normalität zurückführt. Rock ’n‘ Roll ist von daher immer eine Lösung!

Line-up:
Dede Priest (lead vocals, electric guitar, fiddle)
Johnny Clark (electric guitar, vocals, lead vocals)
Ray Oostenrijk (bass)
Leon Toonen (drums)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

Dede Priest
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Schlachtgarten Krefeld
Kulturrampe Krefeld

Thorbjorn Risager & The Black Tornado – 06.02.2020, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

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Thorbjörn Risager machte an einem Donnerstag-Abend die Kulturrampe in Krefeld voll. Dies sogar in zweierlei Hinsicht. Schon Tage vorher war die letzte Karte über den Tresen gegangen, sodass nicht nur die Bude prall gefüllt war, sondern auch die Bühne bis zum letzten Quadratmeter, damit alle Mannen um den Bandleader Platz finden konnten.

Schnell füllte sich der kleine, aber feine Konzertsaal mit Risager-Fans, von denen einige schon auf Konzerten in den Tagen zuvor waren und um kurz nach acht Uhr kündigte Pille Peerlings nicht ohne erkennbaren Stolz die Band an. Interessant ist dabei, dass die Initiative für den Auftritt von der Risager & Co. ausging und die Rampe der kleinste Veranstaltungsort der Tour war.

Es scheint sich bei den Musikern herumgesprochen zu haben, dass den Krefelder Club ein Flair umgibt, den man als Musiker gerne mitnimmt. Im Laufe des Konzertes gab Risager dies auch zum Ausdruck, dass nicht die Menge der Besucher ausschlaggebend für einen gelungenen ausschlaggebend sei, sondern eher das Ambiente und die Stimmung.

Die Band legte direkt los wie die Feuerwehr und präsentierte den Besuchern ein zweiteiliges Set von insgesamt knapp 2 Stunden Spieldauer, wo ein Klassesong den nächsten jagte. Risager wählte eine bunte Mischung aus alten Stücken und neuen, vom erst Anfang des Jahres bei Ruf-Records erschienen Album „Come On In“. Positiv war dabei, dass das neue Werk mit sieben Songs zu großen Teilen dem Publikum präsentiert wurde.

Insgesamt kamen alle Lieder sehr gut beim begeistert mitgehenden Publikum an, wobei die gefühlvolle Ballade „Two Lovers“ im ersten Set besonders hervorstach, während im zweiten Part „Over The Hill“ (Gitarrist Joachim Svensmark bearbeitete hier seine Gitarre zunächst mit einem Geigenbogen) und „Sin City“ herausragten, wo Hans Nybo neben dem Saxofon, auch an einem Kreissägenblatt, welches am Mikrofonständer hing, im Takt anschlug und Drummer Martin Seidlin damit assistierte.

Ohnehin muss gesagt werden, dass der Schwarze Tornado Risager fulminant unterstütze. Neben der spielerischen Güte muss die Spielfreude hervorgehoben werden, mit der die Musiker die Besucher von der ersten Sekunde bis zum Schlussakkord mitnahmen. Risager selbst moderierte gut gelaunt und humorvoll durch das Konzert, war stimmlich sowohl bei den treibenden rockenden Stücken, wie auch den Balladen stimmlich bestens aufgelegt und überzeugte mit einigen starken Gitarrensoli. Was die Gitarrenarbeit angeht, muss der Jungspund der Band, Joachim Svensmark hervorgehoben werden, der zuweilen wie ein Derwisch über die Saiten fegte aber auch gefühlvolle Soli hinlegte.

Die Rhythmussektion um Drummer Martin Seidelin, wie immer mit seinem roten Hut Grimassen schneidend und Basser Søren Bøjgaard, der in einigen Songs auch über einen Syntheziser, Basslinien einspielte, legten eine volle Grundlage im klar ausgepegelten Sound in der Kulturrampe. Kompliment an dieser Stelle schon einmal für Malte Menzer, der nicht nur einen tollen Sound in die Rampe zauberte, sondern die Bühne auch mit einem schönen Licht illuminierte.

Die Würze in den Blues und Rock’n’Roll von Thorbjörn Risager & The Black Tornado geben Peter W Kehl an der Trompete und Hans Nybo am Saxophon, beide zuweilen auch als Backgroundsänger, Tänzer und Einpeitscher agierend und Emil Balsgaard, der sein Piano zum Teil mit Honkytonk-Einlagen zum Glühen brachte.

Neben den neuen Tracks begeisterten aber auch die alten, wobei die Band bei „Hold My Lover Tight“ eine Energie auf die Bühne brachte, dass förmlich die Decke abhob.

Atmosphärisch herausragend waren „Rock’n’Roll Ride“, bei dem das Publikum begeistert im geänderten Refrain auf Deutsch mitsang und Risager so stimmlich auf das am nächsten Tag folgende Konzert in Berlin begleitete und die launige Zugabe „Baby Please Don’t Go“, dem viele Besucher auch folgten und nicht direkt nach dem Konzert die Kulturrampe verließen, sondern sich am Merchandise-Stand mit Utensilien versorgten und den einen oder anderen Plausch mit den bestens gelaunt bereit stehenden Musikern hielten.

So hatte ein herausragender Konzertabend einen würdigen Abschluss gefunden, der im Sinne der Besucher noch des öfteren wiederholt werden könnte. Ein großer Dank an Pille dafür, dass es ihm immer wieder gelingt, in die kleine aber feine Kulturrampe solch hochkarätige Acts hinein zu locken.

Line-up:
Thorbjørn Risager (lead vocals, guitar)
Joachim Svensmark (guitars, keys, vocals)
Emil Balsgaard (keys)
Søren Bøjgaard (bass)
Martin Seidelin (drums, percussion, vocals)
Hans Nybo (saxophone, vocals)
Peter W Kehl (trumpet, percussion, vocals)

Text und Bilder: Gernot Mangold

Thorbjørn Risager & The Black Tornado
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Kulturrampe Krefeld

Haley Johnsen – 03.02.2020, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

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Markus Peerlings packt „Caesar’s Pallets“ wieder aus! Den Anfang der diesjährigen Reihe von Solo-Konzerten im Wohnzimmer der Kulturrampe machte Haley Johnson. Durch ihre erfolgreiche Teilnahme beim Song-Contest American Idol erlangte sie in Amerika bereits einen hohen Bekanntheitsgrad. Im vergangenen Jahr promotete sie ihr Debüt-Album „Golden Days“ auf ihrer ersten Europa-Tour. Nun kehrte die talentierte Songwriterin mit frisch im Londoner Studio One aufgenommen Akustik-Versionen nach Deutschland zurück.

Bei Ihrer Premiere in Krefeld zeigte sie sich beeindruckt von der coolen Location. Die Rampe ist nach ihrer Aussage der hipste Veranstaltungsort, in dem sie bislang auftrat. Damit erzählte Johnsen den Anwesenden zwar nichts Neues, aber gefreut hat es alle und Pille wahrscheinlich am meisten.

Mit ganz verschiedenen musikalischen Einflüssen aufgewachsen fügt Haley Johnsen diese in einem souveränen Mix aus Americana, Blues und Rock zusammen. Dabei gibt sie dieser Mischung auf ihrem Longplayer, der mit kompletter Band eingespielt wurde, einen poppigen Anstrich. Im intimen Rahmen der Kulturrampe kamen ihre Qualitäten als Songwriterin und ihre tolle Stimme, die bei der instrumental reduzierten Begleitung stärker in den Vordergrund traten, viel besser zur Geltung.

Die junge Amerikanerin bewies eine verblüffende Souveränität auf der Bühne. Locker und selbstironisch philosophierte sie über den unterschiedlichen Kohlesäuregehalt deutscher Mineralwässer, leitete Songs mit Anekdoten und Hintergrundinformationen ein und nutzte auch sonst jede Gelegenheit, mit dem Publikum in Kontakt zu treten.

Mit viertelstündiger Verspätung kam Johnsen aus den Katakomben der Rampe, legte die nagelneue, akustische Fender-Gitarre an, schnallte sich Schellen um den Fuß und gab mit der Stomp Box den Rhythmus für den Opener „I’ll See You Around“ vor. Richtig Fahrt nahm „Everything Comes Back Again“ auf. Mit scheppernden Akkorden rockte Johnsen den Song, den sie mit 16 Jahren geschrieben hatte.

Nach dem ebenfalls mitreißenden „Sideways“ von ihrer EP „When You Lit The Sky“ (2017) folgte mit „Feel The Water“ die erste Ballade. Diese begann sehr sanft, steigerte dann aber die Dynamik durch fast schon rausgeschriene Gesangspassagen. Johnsen hat eine klare, volle Stimme, die sie den verschiedenen Stimmungen der Songs problemlos anpassen kann.

Inspiriert durch die Version von Eva Cassidy präsentierte Johnsen dann „Autum Leaves“ als klassisches Folkstück. Diesen Titel spielte sie zum ersten Mal auf dieser Tour, deren Halbzeit sie feierte. Die Songwriterin hat noch weitere drei Wochen On The Road vor sich und verlässt Deutschland erstmal in Richtung Dänemark.

Als Haley Johnsen zur elektrischen Gitarre griff, zog das Tempo im letzten Drittel des ersten Sets nochmal an. Kräftige Rhythmen („City Of Me“), teilweise begleitet von einem staubiger Gitarrensound leiteten dann zum vorläufigen Finale über. Für dieses holte sie ihren Freund und Tour-Manager Jonny Shewell auf die Bühne und sang mit ihm „Perfect Life“ im Duett.

Die kurze Pause wurde mit dem fetzigen „Lift Me Up“ beendet. Während Johnsen dort ihre akustische Fender hart bearbeitete, zeigte sie vor allem beim Intro zu „Crazy On You“ – einem Song von Heart –, dass sie auch filigrane Fingerarbeit an den Saiten beherrscht.

Nach „Cinderella“, wohl einem Stück mit großer persönlicher Bedeutung für die Sängerin, folgte mit „Tear Drop Canvas“ ein weiterer Titel des Longplayers „Golden Days“. Die erdigeren, handgemachten Versionen, die Johnsen bei der Show darbot, überzeugten weit mehr als die opulenter produzierten Studioaufnahmen. Als Singer/Songwriter gewinnt Haley Johnsen deutlich Konturen und sticht unter den Musiksternen ihrer Generation hervor. Dass sie musikalisch vielseitig ist, zeigt auch ihre Beteiligung an der Electronic-Band Big Wild, obwohl dies auch unter der Rubrik Jugendsünden zu verbuchen sein kann.

In der Mitte des zweiten Sets räumte sie den Platz am Mikro für Jonny Shewell, der seinen Song „Famous“ vorstellte und dabei sein Gesangstalent offenbarte. Für die letzten beiden Stücke „Weekend“ und „Keep On Saying Goodbye“ packte Johnsen erneut die E-Gitarre aus und heizte dem Publikum nochmal mächtig ein.

Ich hätte nicht gedacht, dass dreißig Leute so einen johlenden und klatschenden Tumult veranstalten können. Obwohl Johnsen – ganz Profi – darauf hinwies, dass sie nur für zwei 45-Minuten-Sets engagiert worden wäre, ließ sie sich nicht lange bitten und gab mit „If It Makes You Happy“ von Sheryl Crow sowie dem Schmachtfetzen „Blue Bayou“ von Linda Ronstadt zwei Cover als Zugabe. Die beiden Titel standen den Originalen in nichts nach, was zeigt, über welche Spannweite sie musikalisch und gesangstechnisch verfügt.

Haley Johnsen lieferte eine Performance mit großem Unterhaltungswert, abwechslungsreicher Songauswahl und hervorragendem Gesang. Mit ihrem natürlichen Auftreten spiele sie sich direkt ins Herz der Zuhörer. In besser Gesellschaft kann man einen verregneten Montagabend kaum verbringen. Für die nächsten Veranstaltungen ab März zieht „Caesar‘s Pallets“ auf die Terrasse der Rampe. Die Open-Air-Konzerte auf dem Großmarkt sind eine schöne Idee, sofern das Wetter mitspielt.

Line-Up:
Haley Johnsen (vocals, guitar)
Jonny Shewell (vocals)

Bilder und Bericht: Michael Segets

Haley Johnsen
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Kulturrampe

Bywater Call – 17.01.2020, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

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Vor knapp einem Jahr standen Samantha Martin & Delta Sugar auf der Rampe und lieferten einen bemerkenswerten Auftritt ab. Bywater Call hat dieselben Wurzeln: Beide Bands stammen aus Toronto, sind bei Gypsy Soul Records unter Vertrag und mit Teenage Head Music unterwegs. Musikalisch sind die Formationen mit ihrer Kombination von Blues, Rock und Soul ebenfalls auf einer Wellenlänge. Gemeinsam ist ihnen zudem, dass die Frontfrauen über grandiose Stimmen verfügen. Das gelungene Debütalbum von Bywater Call schürte zusätzlich die Erwartungen an das Konzert.

Pünktlich um 21 Uhr gingen die Scheinwerfer für Bywater Call an, was insofern bemerkenswert ist, da die Kulturrampe dank einer erfolgreichen Spendenaktion nun über eine neue Lichtanlage verfügt. Sämtliche Technik funktionierte einwandfrei, wobei die Aussteuerung des Sounds bei dem Gedränge des Septetts auf der Bühne sicherlich keine leichte Aufgabe war. Die Stimme von Meghan Parnell kam voll zur Geltung – nach Einschätzung mancher Konzertbesucher noch besser als auf der CD.

Das Publikum in der ausverkauften Location geriet unmittelbar in Schwingungen, als die Band mit „Arizona“ loslegte. Nach dem staubigen Bottle-Neck-Intro von Dave Barnes stieg die zierliche Frontfrau mit dem gewaltigen Organ auf die Bühne und nahm die Zuhörerschaft auf eine abwechslungsreiche Reise durch ihre musikalische Welt mit.

Auf der Bühne erwies sich Meghan Parnell als wahres Energiebündel, das ständig unterwegs war und Mitstreiter sowie Publikum fest im Griff hatte. Von der Bühnenpräsenz standen die anderen Musiker im Schatten der Sängerin, bekamen aber alle die Gelegenheit, ihr Können an ihren Instrumenten bei den immer wieder eingestreuten Soli zu beweisen. Den Anfang machten bei „This One’s On“ Alan Zemaitis an den Keys und Dave Barnes an der Gitarre.

Nach der Mischung aus Honky Tonk und Gospel bei „Gone At Last“ begann das bluesige „If You Want“ mit dem Saxophon von Julian Nalli und gipfelte dann in einer Schlagzeugeinlage von Bruce McCarthy. Der andere Bläser – Stephen Dyte an der Trompete – erhielt dann sein erstes Solo zum Einstieg in „Walk On By“. Der als erste Single ausgewählte Song stellte zusammen mit dem rockigen „Forgive“ den ersten Höhepunkt des Konzerts dar.

Im weiteren Verlauf des Abends coverten Bywater Call von The Band „Ophelia“ und „The Weight“ – mit ausgiebigen Bassläufen Mike Meusels eingeleitet – sowie „In The Right Place“ von Dr. John. Bei diesem hatten die beiden Bläser ein längeres Call And Response Intermezzo, das wie die Soli euphorisch von der Menge bejubelt wurde. Andere Stellen des Auftritts erinnerten an die Tedeschi Trucks Band oder The Commitments.

Neben den Covern stellten die Kanadier ein paar neue Titel vor. Bei „Sea We Swim“ spielte Meghan Parnell ihre Stimme erneut voll aus. Vor allem aber „I Remain“ ist ein Stück, auf dessen Veröffentlichung ich mich jetzt schon freue. Als langsamer Blues beginnend entwickelte das Stück eine ungeheuerliche Dynamik und steigerte sich zu einem bombastischen Finale.

Toll war auch „Silver Lining“ von dem aktuellen Longplayer. Von diesem performte die Band ebenso „Bring Me Down“ sowie eine rockigere Version – einschließlich Wechselgesang mit dem Publikum – von „Over And Over“, die mich mehr überzeugte als die Studioversion. Da eine Saite von Dave Barnes Gitarre riss, spielte er „Talking Backwards“ auf den verbliebenen fünf. Das tat dem klasse Rocktitel aber keinen Abbruch.

Mit diesem aufputschenden Ende des neunzigminütigen Hauptsets wollte sich das Publikum verständlicherweise nicht zufrieden geben. Die Band ließ sich auch nicht lange bitten und kam für die Zugabe schnell wieder auf die Bühne. Zuschauerrufe forderten „Hometown“, das eigentlich zu einem früheren Zeitpunkt auf der Setlist vorgesehen war. Die Ballade avancierte anscheinend nicht nur zu meinem Lieblingsstück des aktuellen Albums.

Der einzige Wehmutstropfen des Abends war, dass die Rufe nicht erhört wurden. Aber an dieser Stelle wäre der getragene Titel auch nicht passend gewesen. Das Konzert bot eine ausgewogene Mischung von langsameren und schnelleren Songs, bei der Bywater Call ein sehr gutes Gespür für die Dramaturgie bewies. So gab es abschließend das ebenfalls starke „Swing Low“ und das flotte, unveröffentlichte „Way I Am“, bei dem die Gäste nochmals eine ausgiebige Gelegenheit hatten, einen Gesangspart zu übernehmen.

Am Merchandise-Stand bildete sich eine Schlange von Autogrammjägern, die neben den frischen Eindrücken noch eine Trophäe mit nach Hause nehmen wollten. Die sieben Kanadier standen dann auch noch lange für Gespräche bereit und ließen so einen musikalisch hochkarätigen Freitagabend ausklingen.

Einen Vergleich mit dem letztjährigen Auftritt von Samantha Martin & Delta Sugar braucht Bywater Call nicht zu scheuen. Die hohen Erwartungen erfüllten die charismatische Meghan Parnell und ihre versierte Begleitung mühelos. Stellte sich im Vorfeld noch die Frage, ob die Band die Qualität ihrer Songs auf der Bühne umsetzen kann, lässt sich nun konstatieren, dass Bywater Call als Live-Act in der Lage ist, diesbezüglich noch eine Schippe drauf zu legen. Dieser Auftakt des Konzertjahres 2020 für SoS in der Kulturrampe legt die Messlatte hoch für die kommenden Gigs.

Line-up:
Meghan Parnell (lead vocals, percussion)
Dave Barnes (guitar,bgv)
Alan Zemaitis (keys, percussion, bgv)
Mike Meusel (bass, bgv)
Bruce McCarthy (drums)
Stephen Dyte (trumpet, percussion, bgv)
Julian Nalli (saxophone, percussion)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Michael Segets

Bywater Call
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Teenage Head Music
Kulturrampe Krefeld

Billy Walton Band – 13.11.2019, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

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Bereits seit 2007 tourt die US-amerikanische Billy Walton Band immer wieder durch Europa und bringt einen wilden Mix aus der amerikanischen Rock- und Soul-Landschaft auf unsere Bühnen. Und dieses Jahr spielen die sieben Jungs noch zwei Konzerte in Deutschland, eines davon fand jetzt in der kultigen Kulturrampe in Krefeld statt. Den zweiten Auftritt gibt’s dann am 16.11.2019 in der Kulturwerkstatt Buer in Melle.

Kurz nach 20:30 Uhr betraten die äußerst gut aufgelegten Musiker die kleine Rampenbühne und legten sich sofort mit zündenden Rhythmen kräftig ins Zeug, wobei die ersten drei Songs fast nahtlos ineinander übergingen. Der Opener „Worried Blues“ war durch längere Instrumentalpassagen (Gitarre und Keys) gekennzeichnet, dazu mit schönen Akzenten durch die Bläserfraktion. Flott ging’s dann im Jersey-Sound („Something Better“ vom neuen Album „Soul Of A Man“) à la Southside Johnny weiter, mit dem Billy Walton in der Vergangenheit bereits zusammen gespielt hatte.

Das dritte Stück der Anfangssequenz („Save The Million“) war dann eine fetzige Rock’n’Roll Nummer mit mehrstimmigen Background Vocals der Bläser. Sehr schön auch das leicht jazzig angehauchte Stück „Cold Day“ und das soulig startende „I Don’t Know“ (ebenfalls von neuesten Werk), bei dem sich die Band zunächst etwas zurückgehalten hat, um Billy Walton die Bühne für ein filigranes Gitarrensolo zu überlassen und den Song dann wieder gemeinsam ziemlich rockig zu beenden.

Nach insgesamt sieben längeren Tracks hatte sich die absolut sympathische Band schließlich eine Pause verdient und beendete das erste Set. Insbesondere schaffte es der verschmitzt lachende Billy Walton immer wieder das Publikum auch durch seinen Witz und seine Spontanität zu begeistern.

Sei es, dass er die nicht funktionierende Discokugel unter der Rampendecke dazu nutzte, die Gäste zum Schwenken ihrer der Arme zu animieren, um dann auf das Kommando „Disco Sound“ kurz den Klassiker „Funky Town“ anzuspielen, sei es dass er ein Loblied auf das deutsche Bier anstimmte oder sich bei einen anwesenden Gast aus Tönisvorst, bei dem er letztes Jahr ein Wohnzimmerkonzert gespielt hatte, für den Kontakt zu Pille Peerlings bedankte.

Nach einer kurzen Pause stürmte die Band dann wieder die Bühne und begann das zweite Set mit „Hell n Highwater“, vom aktuellen Longplayer „Soul Of A Man“, was zunächst aber ganz unspektakulär mit einer Eingangssequenz von „Country Roads“ startete. Auch die folgenden Stücke präsentierten sich ganz im Soulstil des vergangenen Jahrhunderts, mit vielen Bläsern und tollen Gitarrenriffs.

Die Gäste goutieren es mit reichlich Beifall und klatschen kräftig mit. Zwischendurch ließ es sich Billy Walton nicht nehmen, eine augenzwinkernde Schilderung seiner Heimat New Jersey und der dortigen leckeren Eiscreme zu geben. Eine flotte, in die Beine gehende Nummer war auch „Till Tomorrow“, bei der der Niederländer Roland Smeets mit einem klasse Trompetensolo glänzen konnte.

Das herausragende Stück des zweiten Sets war allerdings der Schluss-Song „Mountain“, der mit den ersten Takten mehrerer Rockklassiker, in einer Art Unterhaltung zwischen Walton und Paris am Bass, startete, um dann in ein leicht psychedelisches Stück mit sphärischen Klängen überzugehen. Was einen Gast zu der begeisterten Bemerkung „intergalaktisch“ hinriss.

Nach diesem schwungvollen und schweißtreibenden Konzert mit ausschließlich Gute-Laune-Musik ohne Ende wollte das Publikum die Band natürlich nicht ohne Zugaben von der Bühne entlassen. Dieser Bitte kamen die Jungs selbstverständlich gern nach und spielten als erstes eine improvisierte und witzige Komposition, bevor Walton und die Bläsersektion auf sein Kommando die Bühne verließen und mitten im Publikum kräftig jammten.

Billy Walton und Band werden im nächsten Jahr hoffentlich wieder in die Rampe kommen, zumal Billy diese während des Gigs schon als tolle Rock’n Roll-Location bezeichnet hatte.

Vielen Dank auch an Pille Peerlings, der es immer versteht, sagenhaft gute Acts auf die Bühne zu bringen, für die unkomplizierte Akkreditierung!

Line-up:
Billy Walton – Gitarre, Gesang
William Paris – Bass, Gesang
Francis Valentino – Schlagzeug
Eric Safka – Keyboard
Roland Smeets – Trompete
Bruce Krywinski – Trompete
Tom Petraccaro – Saxophon

Text und Bilder: Jörg Schneider

Billy Walton Band
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Kulturrampe Krefeld
Jörg Schneider Webseite

Willy Tea Taylor – 06.11.2019, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

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Bevor ich die Ankündigung auf der Homepage der Kulturrampe sah, war mir Willy Tea Taylor völlig unbekannt. Einmal wahrgenommen, lief mir der Name aber einige Male über den Weg. So zählt beispielsweise Leslie Stevens ihn zu ihren musikalischen Vorbildern und tatsächlich genießt der Singer/Songwriter in der Independent-Szene einen beachtlichen Ruf.

Der Mann mit dem roten Rauschebart bewies in der Kulturrampe, dass er wirklich nur eine Gitarre und seine Stimme braucht, um die Zuhörer mit feinen Melodien und poetischen, tiefgründigen Texten in seinen Bann zu ziehen.

Die Reihe von akustischen Konzerten in der Rampe, in der ich beispielsweise mit Charlie Parr einen exquisiten Songwriter und mit Bet Williams eine außerordentliche Sängerin erleben durfte, wurde dieses Jahr nur sporadisch fortgesetzt. Daher stand schon früh fest, dass ich mir Willy Tea Taylor nicht entgehen lassen wollte.

Die Rampe bietet natürlich auch den idealen Rahmen für die private und fast schon intime Atmosphäre solcher Konzerte. Die kam mit gut zwanzig zahlenden Gästen auch schnell auf, obwohl diesmal der Auftritt im Saal stattfand.

Die Bestuhlung der vorangegangenen „Komischen Nacht“ wurde passend für den Gig leicht verändert und so genoss Willy Tea Taylor den Charme der Location in vollen Zügen, was er mehrmals betonte. Zwar mit einer Setlist angetreten, wich er schnell von ihr ab und ließ sich treiben. Gegen Ende des Konzerts spielte er seine Songs souverän auf Zuruf aus dem Publikum.

Willy Tea Taylor feierte in der Kulturrampe die Halbzeit seiner zweimonatigen Europatournee. Er zeigte sich sehr gut aufgelegt und bewies zwischen den Titeln viel Humor. Die Songs wurden von ihm meist mit Anekdoten oder Erläuterungen eingeleitet. Er erklärte auch, dass er beim Singen die Augen schließt, um sich in die Lieder vollständig einzufühlen.

Dies sei eine Eigenart von ihm und hätte nichts mit Schüchternheit zu tun. Schwierigkeiten mit dem Publikum in Kontakt zu treten, hatte er tatsächlich nicht. Aufgeschlossen und kontaktfreudig lieferte Taylor einen kurzweiligen Auftritt, wobei er sich über seinen Slang selbstironisch lustig machte. Man konnte den ganzen Abend hindurch spüren, dass er sich wohlfühlte und das taten die Besucher ebenfalls.

In bester Storyteller-Tradition entführte Willy Tea Taylor in seine Welt. Seine Folk-Songs atmen die Landluft seiner Heimat, der kalifornischen Kleinstadt Oakdale, die von Viehzucht, Rodeos und Baseball geprägt ist.

Das Baseball-Spiel wird in einigen Songs in ein allegorisches Verhältnis zum Leben gesetzt, so bei „Knucklehead Prime“ – dem Titelsong seiner letzten CD – oder „Brand New Game“, das sich ebenfalls auf dieser Scheibe findet. Sensibel nimmt der Künstler seine Umgebung wahr und transformiert sie in nacherlebbare Texte.

Nett war gleichfalls die Geschichte, die er zu „Lullaby“ erzählte. Statt die aufgetragenen Farmarbeiten zu erledigen, komponierte er dieses Stück. Nachdem er seinem Arbeitgeber den Titel vorspielte, bekam Taylor die Hälfte des Tagelohns ausgezahlt – Kulturförderung mal anders.

Mit Latzhose und Strickmütze bekleidet nimmt man dem Singer/Songwriter seinen ländlichen Hintergrund vollständig ab. Seine Heimat- und Familienverbundenheit scheint in seinen Texten, beispielsweise bei den hervorragenden „California“ und „Wandering Boy“, immer wieder durch. Seine antike 4-String-Gitarre aus dem Jahr 1927 taufte er nach seiner Urgroßmutter Beverly.

Seinem Opa widmete er das neue Stück „Fighting Man“, mit dem er das zweite Set eröffnete. Ein starker Titel, der wohl auf der nächsten Veröffentlichung zu finden sein wird.

Neben weiteren neuen Stücken – „Waterlogged“, „The Nurse“, „Devils Taxonomy“ und dem kurzen, aber sehr witzigen „Instagram“ – berücksichtigte Taylor seine beiden Alben „4 Strings“ und „Knucklehead Prime“ ausgewogen. Von seiner EP „Damn Good Dog“, die er zusammen mit The River Arkansas einspielte, stammten „For Sam“ und „Lazy Third Eye“.

„Young When I Left Home“ sowie „Marshall Law“ finden sich ursprünglich auf einem Album seiner Americana-Band The Good Luck Thrift Store Outfit. Auch die Zuhörer, die sich nicht intensiv in sein Werk eingearbeitet hatten, erhielten so einen Überblick über Taylors musikalisches Schaffen.

Die erste Dreiviertelstunde war bereits außergewöhnlich stimmungsvoll, aber der zweite Teil des Konzerts übertraf – nicht nur mit der Länge von 70 Minuten – alle Erwartungen. „Wrong Way To Run“ erzeugte Gänsehaut. Die Intensität von „Molly Rose“ war unglaublich. Die Fingerfertigkeit, mit der Taylor die Saiten zupft, traut man ihm zunächst nicht zu. Beim Gesang und bei zwei Pfeifintermezzi traf er jeden Ton.

Leider hatte ich mit meinem Wunschtitel „Bones“ bereits mein Pulver verschossen, sonst hätte ich mir „The Very Best“ noch erhofft. Aber auch ohne diesen Song bleibt Taylors Auftritt als das Beste im Gedächtnis, was in Sachen Folkkonzert möglich ist. Rampenchef Markus Peerlings bezeichnete den Abend als magisch. Dem ist nichts hinzuzufügen. Willy Tea Taylor ist ein charismatischer Singer/Songwriter, der authentisch seine Musik lebt.

Er und auch die Rampe hätten mehr Besucher verdient gehabt. Aber dennoch war das Konzert nicht nur für die Zuhörer, sondern – wie ich glaube – ebenso für Willy Tea Taylor ein schönes Erlebnis. Zumindest in dieser Hinsicht kann die erste Kooperation zwischen der Kulturrampe und der Konzertagentur Rootstown Bookings als voller Erfolg verbucht werden, sodass auf eine weitere Zusammenarbeit gehofft werden darf.

Eine weitere Premiere ist, dass Carsten Wohlfeld die Fotos für einen SoS-Bericht beisteuert.

Line-Up:
Willy Tea Taylor (vocals, guitar)

Text: Michael Segets
Bilder: Carsten Wohlfeld

Willy Tea Taylor
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Kulturrampe Krefeld
Rootstown Bookings

Them Dirty Roses – 12.10.2019, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

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Der zweite Auftritt in Krefeld von Them Dirty Roses bescherte der Kulturrampe erneut ein ausverkauftes Haus. Nach dem schweißtreibenden Auftritt des letzten Jahres hatte sich die Band aus Nashville ja auch wärmstens für einen weiteren Konzertabend empfohlen.

Viele Besucher des ersten Konzerts sind daher wieder in die Rampe gepilgert. Einhellige Meinung nach der Show war, dass die Band nochmal einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht hat.

Nach einem kurzen, von Rückkopplungen geprägten Intro, ließen die Jungs mit dem starken „Grew Up In The Country“ direkt zu Beginn des Abends keinen Zweifel daran, aus welcher Richtung der (Southern-)Wind weht. Das Publikum ließ sich sofort mittreiben, sodass bereits nach den ineinander gespielten „Molly“ und „Wiskey In My Cup“ der Saal kochte.

„A Bad Hand“, das sich auf der Deluxe-Ausgabe der beiden EPs von Them Dirty Roses findet, heizte weiter ein. Auch die folgenden, bislang unbekannten Stücke funktionierten unglaublich gut und taten der Stimmung keinen Abbruch. Nach „You Can’t“ und dem melodiösen, mit Riffs a la Lynyrd Skynyrd versehenen „Sunday Drunk“ streute die Band mit „Black Magic Lady“ ein langsameres Stück ein.

Die Rampe hatte sich in der Zwischenzeit temperaturmäßig ganz schön aufgeladen. Ein verständnisvoller Gast spendierte der schwitzenden Truppe eine Runde, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Die zeigte sich vom Altbier begeistert und Gitarrist Andrew Davis hatte sichtlich Spaß am Plöp des Bügelverschlusses. Hier erwies sich die Rampe erneut als Forum interkulturellen Austauschs.

Die Band interagierte untereinander sowie mit dem Publikum prima. Auf der Bühne wurde gescherzt, die Besucher zum Klatschen oder Mitsingen animiert. „What Your Daddy Doesn’t Know“ gefiel mir daher noch besser als die Studioversion und auch der einprägsame Gesangspart des noch unveröffentlichten „Hate Me“ war schnell einstudiert.

Die kurzen Ansagen von Frontmann James Ford vor den Titeln haben das hohe Tempo des Konzerts nicht gestört, sondern erhielten den Fluss nahtlos aufrecht. Im späteren Verlauf übernahm Bassist Ben Crain mehrmals die Moderation, so bei dem nicht ganz jugendfreien „Back Seat Virgin“.

Them Dirty Roses spielten ihre Songs durchgängig mit viel Druck. Besonders im Gedächtnis blieb dahingehend das kraftvolle Schlagzeug-Intro zu „Trouble“ von Frank Ford. Der jüngere Bruder von James leitete zudem das letzte Drittel des Hauptsets durch ein Solo an Fellen und Becken ein, das von den Anwesenden ausgiebig bejubelt wurde.

Daneben fanden aber auch filigranere Passagen ihren Platz, wenn beispielsweise Gitarrist Andrew Davis seine Soli performte. Davon gab es einige während der Show. Die hatten, wie etwa bei „Songs About you“, genau die richtige Länge. Das heißt für mich, dass sie nicht ausuferten, sondern sich in den erkennbar bleibenden Song integrierten.

Das einzige Cover war „Mississippi Queen“ von Mountain. Ansonsten setzten „Them Dirty Roses“ einen Schwerpunkt auf ihre neuen Stücke, die voraussichtlich im März veröffentlicht werden. „The Good Life“ ist ein Hammer-Song, aber auch „Holy Roller“ entwickelt einen tollen Spannungsbogen. Nach der Bandvorstellung endete das neunzigminütige Set erdig rockend mit „Hits And Pills“.

Die jungen Männer ließen sich nicht lange bitten und legten ihre Southern-Hymne „Cocaine And Wiskey“ sowie das mit gemeinsamen Headbanging versehene „Shake It“ als Zugabe obendrauf. Haare flogen sowieso den ganzen Abend, sowohl auf, als auch abseits der Bühne. Ben Crain und Andrew Davis traten in einen Wettstreit, wer die interessantere Performance bietet. Das ist schwer zu entscheiden, da beide unheimlich unterhaltsam sprangen, kreisten, posten.

Es war ein besonderer Abend mit „Them Dirty Roses“, an dem sich Band und Publikum hervorragend aufgelegt zeigten. Frank Ford lobte im Gespräch nach dem Auftritt dann auch den Spirit, der in der Location herrschte. Für mich gehört die Show zu den absoluten Highlights dieses Konzertjahres.

Der Auftritt schürte zudem die Neugier auf das neue Album. Mittlerweile spielt die Band in einer Liga mit Robert Jon & The Wreck oder Hogjaw, die alle bei Teenage Head Music unter Vertrag stehen. Bei der nächsten Tour gehört die Band auf alle Fälle zu den Pflichtterminen für Southern Rocker.

Line-up:
James Ford (lead vocals, electric guitar)
Andrew Davis (electric guitar, vocals)
Ben Crain (bass, vocals)
Frank Ford (drums, vocals)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Michael Segets

Them Dirty Roses
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Teenage Head Music
Kulturrampe Krefeld

Garrett T. Capps & NASA Country Band – 25.09.2019, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

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Eigentlich suchte ich nur zum Spaß die Kulturrampe auf, um mir Garrett T. Capps anzuhören, und knipste ein wenig herum. Nach dem Auftritt sprach mich aber der Tour-Manager an und fragte nach den Bildern. Daher seien hier doch ein paar Worte begleitend zu den Fotos verloren.

Garrett T. Capps bezeichnet seine Musik gerne als Space-Country. Tatsächlich integriert er einen analogen Synthesizer in seinen Sound. Sphärische Klänge setzten daher ein, bevor Capps die Bühne betrat, und hallten noch längere Zeit nach, als er bereits auf dem Weg zum Merchandise-Stand war. Dazwischen gab es für circa achtzig Minuten eine Mischung aus eher traditionellem Country und experimentelleren Tönen.

Frisch im Gepäckraum hatte Capps die neue CD „All Right, All Night“, die er auszugsweise vorstellte. Daneben durften seine wohl bekanntesten Songs „In The Shadows (Again)“ und „Born In San Antone“ nicht fehlen.

Die NASA Country Band ist ein Quintett. Wenn Synthesizer und Trompete längere Ausflüge unternahmen, gönnte sich der Bassist ein Durchatmen bei einer Tasse Tee. Daneben kam vor allem im ersten Teil des Konzerts auch die genretypische Lap Steel einige Male zum Einsatz.

Insgesamt wurde ein interessanter, stellenweise gewöhnungsbedürftiger Mix geboten, für den die meisten Besucher allerdings aufgeschlossen waren. Mehrmals schlugen Capps und Crew ein ordentliches Tempo an, sodass das Publikum in (Tanz-)Bewegung geriet.

Für seinen ersten und einzigen Auftritt in Deutschland fertigte Capps extra einen Spickzettel in Landessprache an (siehe Foto). Hinter seiner obligatorischen Sonnenbrille lies der Space-Cowboy sowieso einige Male den Schalk aufblitzen. Garrett T. Capps und seine NASA Country Band gaben ein gelungenes Konzert für Country-Fans, sofern diese nicht gerade zu den Traditionalisten gehörten.

Text und Bilder: Michael Segets

Garrett T. Capps
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Kulturrampe Krefeld

GravelRoad – 13.09.2019, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

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Seit fünfzehn Jahren im Business schaut GravelRoad bereits auf sieben Longplayer zurück. Hinzu kommen zwei Veröffentlichungen mit dem mittlerweile verstorbenen Delta-Blues-Musiker T-Model Ford. Das brandneue Album „Crooked Nation“ steht in den Startlöchern, für das das Quartett aus Seattle erneut Jack Endino (Nirvana, Soundgarden) als Produzenten gewinnen konnte.

Der zweite Termin ihrer Europa-Tournee führte die Band in die Krefelder Kulturrampe. Dort wurde sie von Markus Peerlings und einem halben Hundert Bluesrockfans herzlich empfangen. Dass die Rampe damit eher enttäuschend besucht war, ließen sich die Musiker nicht anmerken. Sie gaben zwei Stunden mächtig Gas und zeigten sich gut aufgelegt.

Mit „Monkey With A Wig“, „Death Bed Blues“ und „The Run“ wählte GravelRoad drei Titel von “The Bloody Scalp Of Burt Merlin” (2013) zum Einstieg aus. Die beiden Gitarristen Stefan Zillioux und Jon Kirby Newman wechselten sich nicht nur am Mikro, sondern auch bei der Gitarrenarbeit ab – mal übernahm Zillioux, mal Newman die Lead Guitar. An den beiden Enden der Bühne platziert rahmten sie die Rhythmussection bestehend aus Schlagzeuger Martin Reinsel und dem agilen Bassiten Joe Johnson.

Nach „Rabbit Run“ folgten „Fireman“ und „Sad Days“ ihres noch in Eigenproduktion entstandenen Debüts aus dem Jahr 2004. Höhepunkt des ersten Sets waren für mich das bluesige „My Baby’s Tryin‘“ sowie „Backyard“ – mit filigraner Arbeit der beiden Gitarristen im Call-And-Response-Modus eingeleitet. Beide Songs wurden von Stefan Zillioux gesungen, der insgesamt etwas öfter den Gesangspart übernahm. Die erste Stunde endete mit „Asteroid“, bei dem Martin Reinsel an seinen Drums zur Hochform auflief.

Der Schlagzeuger war sowieso der Aktivposten auf der Bühne. Wild trommelnd hielt es ihn zeitweise nicht auf seinem Hocker. Er stand auf, machte einmal sogar eine Runde durch den Saal, damit das Publikum den Rhythmus unter seiner hautnahen Anleitung mit klatschen konnte, und bearbeitete Felle und Becken im Stehen.

Darüber hinaus steuerte Reinsel ein paar Anekdoten bei: Die Zeit von GravelRoad mit T-Model Ford ließ er Revue passieren, freute sich über die erspähte Ankündigung seines Bekannten Willy Tea Taylor oder sprach über Seattle, den Wohnort der Band. Wenn Musiker etwas über sich und ihre Songs erzählen, entsteht eine persönlichere Atmosphäre bei den Konzerten, die ich mag und für den die Kulturrampe den idealen Rahmen bietet.

Nach der Pause stieg GravelRoad wieder mit hohem Tempo ein. „Wolf On Down The Way“ und „40 Miles“ von „El Scuerpo“ (2014) bildeten den Auftakt für die zweite Stunde. Das Quartett spielte von jedem ihrer CDs mindestens ein Stück. Darunter auch den Kracher „I Shot The Devil“, der sich nahtlos an „Deep Blues“ anschloss.

Sehr schön waren die Twin-Gitarren bei „Got It Right“. Sowohl Zillioux als auch Newman griffen immer wieder mal zur Bottleneck, um den Songs einen Blueseinschlag mitzugeben. Besonders zur Geltung kam dieser bei dem etwas langsameren Titel „Waiting For Nothing“.

Der markante Beginn von „Capitol Hill Country Blues“ hat einen hohen Wiedererkennungswert. Es wurde von dem mitgehenden Publikum begeistert aufgenommen. Vor allem während des zweiten Sets nutzten einige Damen und einzelne Herren den (leider vorhandenen) Platz, um ausgiebig zu tanzen. Die Euphorie blieb auch bei den noch unbekannten Stücken des neuen Albums bestehen. Das von Newman gesungene „Gotcha Moving“ war da Programm.

Neben diesem Song stellte GravelRoad noch „Come Back Baby“ und den titelgebenden Track „Crooked Nation Blues“ von dem bald erscheinenden Tonträger vor. Mit der Zugabe des unveröffentlichten Instrumentalstücks „Milkman“ beendete die Band den Gig.

Einige Exemplare von „Crooked Nation“ hatten die Amerikaner bereits im Gepäck und signierten sie gerne beim Plausch nach dem Auftritt. Sehr höflich und zugewandt nahmen sich alle Bandmitglieder Zeit für Gespräche.

Ich war lange unschlüssig, ob ich den Weg in die Rampe auf mich nehmen sollte. Auf den Alben von GravelRoad stechen immer wieder einzelne Stücke heraus, oftmals bleiben sie aber sehr ähnlich. Jörg, der ja ein größerer Bluesrock-Kenner ist als ich, gab letztlich den entscheidenden Anstoß dafür, mich von meinem Sofa aufzuraffen. Der druckvolle Auftritt von GravelRaod belohnte meine Entscheidung. Was lernt man daraus? Auch im Zweifel besser mal zu Konzerten gehen!

Line-Up:
Stefan Zillioux (lead vocals, guitar)
Jon Kirby Newman (lead vocals, guitar)
Joe Johnson (bass, vocals)
Martin Reinsel (drums)

Text: Michael Segets
Bilder: Jörg Schneider

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Charley Crockett – The Valley – CD-Review

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Review: Michael Segets

Charley Crockett hatte vergangenen Monat in der Kulturrampe im Rahmen seiner diesjährigen Europatournee Halt gemacht. Die letzten Konzerte in Spanien sind gerade gelaufen und die nächsten in den Vereinigten Staaten angekündigt. Nicht nur, wenn Crockett auf Konzertreise ist, erscheint er als rastloser Geist. Bereits als Jugendlicher trampte er durch die Staaten, lebte später in Europa und Afrika.

Ständig on the Road charakterisiert er seine selbst gewählte Lebensweise auf „The Way I’m Livin‘ (Santa Rosa)“ oder „Motel Time Again“. Ebenfalls autobiographische Züge trägt der Titelsong des neuen Albums „The Valley“. Bei ihm schildert Crockett seine Herkunft und die Anfänge seiner Sehnsucht, die ihn immer wieder in die Ferne zieht.

So unstet sein Lebenswandel auch erscheint, so bleibt er doch musikalisch auf seiner Linie, die zwischen Country und Blues liegt. Hatte er sich auf seinem Chart-Erfolg „Lil G.I.‘s Blue Bonanza“ (2018) dem Blues zugewandt, schlägt die Nadel bei „The Valley“ wieder stärker in Richtung Country aus, was sich ja bereits bei der Show in der Kulturrampe abzeichnete.

Da sind schnellere Varianten vorhanden, wie das einprägsame „Big Gold Mine“, oder auch langsame, wie „10,000 Acres“ und „Change Yo‘ Mind“. Die meisten Country-Nummern (u. a. „Excuse Me“ oder „Maybelle“), bewegen sich aber im mittleren Tempo. Die Titel orientieren sich von Machart und Instrumentalisierung mit Geige, Steel Pedal und Slide an den Genreklassikern. Sie haben den typischen Twang. Den erzielt Crockett auch auf „River Of Sorrow“, bei dem er Orgel und Trompete einbaut.

Unter den Country-Songs, die dem herkömmlichen Muster folgen, heben sich „It’s Nothing To Me“, auf dem Crockett etwas tiefer singt, und „Borrowed Time“ besonders hervor. Die Single, die Crockett zusammen mit Evan Felke (Turnpike Troubadours) geschrieben hat, glänzt durch einen sofort ins Ohr gehenden Refrain, auf dem Crocketts besonderer, metallischer Gesang hervorragend zur Geltung kommt.

Intensiv sind die beiden Songs „5 More Miles“ und „7 Come 11“. Bei ihnen wendet sich Crockett mehr seiner bluesigen Seite zu. „If Not The Fool“ ist in zwei Versionen auf dem Album vertreten. Die längere Version enthält ein gedämpft schnarrendes Trompetensolo, unterscheidet sich aber sonst nicht wesentlich von der anderen. Selbst in der Langversion knackt der langsame Blues nicht die vier Minutenmarke. Crocketts Stücke sind sowieso meist sehr kurz und selten länger als drei Minuten.

Schließlich findet sich ein vom Banjo begleiteter Folksong auf der Scheibe, der die Legende um John Henry aufgreift. Mit „9 Pound Hammer“ reiht sich Crockett ebenbürtig in die Tradition von Pete Seeger, Leadbelly oder Johnny Cash ein. Mit ihm erhöht Crockett die Klangvarianz auf seinem Longplayer, der insgesamt von ähnlich aufgebauten Country-Nummern geprägt wird.

Die Differenzierungen im Country-Bereich stellen ja eine Wissenschaft für sich dar. Ich habe letztens gelesen, dass es so etwas wie New-Traditional-Country gibt. Die Bezeichnung trifft die Mehrzahl der Songs von Crockett auf „The Valley“ ganz gut. Dabei gelingen ihm einige sehr schöne, eingängige Genrebeiträge. Tendenziell stechen aber die starken Titel mit Blues-Einschlag auf dem Album hervor. Sie bringen Abwechslung in das Werk und bleiben von ihm eher im Gedächtnis.

Son Of Davy / Thirty Tigers
Stil: Country, Blues

Tracklist:
01. Borrowed Time
02. The Valley
03. 5 More Miles
04. Big Gold Mine
05. 10,000 Acres
06. The Way I’m Livin‘ (Santa Rosa)
07. 7 Come 11
08. If Not the Fool (Long Version)
09. If Not the Fool (Short Version)
10. Excuse Me
11. It’s Nothing To Me
12. Maybelle
13. 9 Pound Hammer
14. River Of Sorrow
15. Change Yo‘ Mind
16. Motel Time Again

Charley Crockett
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