Ward Davis – Black Cats And Crows – CD-Review

Ward_300

Review: Michael Segets

2020 wird als Pandemie-Jahr in die Annalen eingehen. Die Musiker, Veranstalter, Tontechniker und alle Leute, die von Konzerten und Live-Auftritten leben, hat es besonders hart getroffen. Dennoch war das Jahr musikalisch kein Ausfall, denn einige gute Scheiben haben das Licht der Welt erblickt. Vor allem im Americana meldeten sich alte Bekannte und neue Künstler mit gelungenen Werken zu Wort. In diese Reihe gliedert sich nun auch „Black Cats And Crows“ von Ward Davis ein.

Auf seinem dritten Album bestätigt Davis seinen Ruf als außerordentlicher Songwriter, der bereits Stücke für Willie Nelson und Merle Haggard komponierte. Seine Stärke liegt darin, ehrlich wirkende Texte zu verfassen, in denen sich der Hörer wiederfindet. Die Musik dient Davis als Bewältigungsmöglichkeit, sodass häufig persönliche Erfahrungen in ihr verarbeitet werden. Dennoch hofft er, dass seine Lieder auch für sein Publikum bedeutsam sind. Tatsächlich ermöglichen seine Songs in sie einzutauchen und sich mit deren Stimmungen zu identifizieren.

„Heaven Had A Hand“ stellt einen Song dar, zu dem Davis eine enge biographische Bindung hat. Ebenfalls autobiographisch geprägt ist „Get To Work Whiskey“. Das Stück fängt den Moment ein, als ihn seine Frau vor die Tür setzte und wurde unmittelbar im Anschluss an diese Situation entworfen. Der Einfluss des Country kommt hier deutlich zum Vorschein.

Dieser scheint ebenso bei anderen Tracks („Threads”, „Where I Learned To Live”) durch, was zum großen Teil der Geige oder dem Slide geschuldet ist. Ebenfalls auf dieser Linie liegt „Nobody”. Shawn Camp hat an der Entstehung dieses feinen Tracks mitgewirkt.

Bei anderen Stücken holte sich Davis weitere Unterstützung durch renommierte Kollegen. Cody Jinks arbeitete an „Colorado“ und „Black Cats And Crows” mit. Beim Titelstück war ebenfalls Tennessee Jet beteiligt. Der Song gehört mit seiner besonderen Dynamik wie der rockige Opener „Ain’t Gonna Be Today“, mitverfasst von Kendell Marvel, zu den Highlights des Albums.

Hervorragend ist „Sounds Of Chains”, dessen staubige Atmosphäre mit einem trockenen Schlagzeug unterlegt wird. Die kräftige Gitarre von Scott Ian (Anthrax) katapultiert den Song dann endgültig an die Spitzenposition des Werks. Unter den ruhigen Titeln entwickelt „Book Of Matches” mit relativ einfachen Mitteln eine hohe Intensität.

Davis begleitet mehrere Songs auf dem Klavier. So lässt er das Album mit zwei Balladen ausklingen („Good To Say Goodbye“, „Good And Drunk“), auf denen dem Piano eine führende Funktion zukommt. Auch das Alabama-Stück „Lady Down On Love” wird von dem Klavierspiel getragen. Mit dem bluesigen „Papa And Mama”, das von Ray Scott stammt, findet sich ein zweites Cover unter den vierzehn Tracks.

Ward Davis schreibt tolle Songs. Vor allem der Anfang von „Black Cats And Crows“ besticht zudem durch seinen Abwechslungsreichtum. Im zweiten Teil der CD sind unter den Balladen einige Perlen aufzuspüren, eine Tempovariation hätte dem Werk dort vielleicht gutgetan. Dies schmälert aber nicht den positiven Gesamteindruck, den Davis mit seinem dritten Album hinterlässt.

Ward Davis Music – Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Americana

Tracks:
01. Ain’t Gonna Be Today
02. Black Cats And Crows
03. Threads
04. Sounds Of Chains
05. Get To Work Whiskey
06. Colorado
07. Book Of Matches
08. Heaven Had A Hand
09. Where I Learned To Live
10. Papa And Mama
11. Lady Down On Love
12. Nobody
13. Good To Say Goodbye
14. Good And Drunk

Ward Davis
Ward Davis bei Facebook
Thirty Tigers
Oktober Promotion

Danny Brooks & Lil Miss Debi – Are You Ready? The Mississippi Sessions – CD-Review

DBMD_300

Review: Michael Segets

Texassippi Soul Man Danny Brooks und seine Frau Lil Miss Debi haben den Output ihrer Mississippi Sessions auf eine randvolle CD gepackt. Mit den zwanzig Songs unternehmen sie einen Streifzug durch Blues, Americana und Rock. „Are You Ready?“ wirkt unverstellt und handgemacht und liefert in allen Stilbereichen Titel mit hoher Qualität.

Danny Brooks klärt darüber auf, dass der Blues der Vater des Rock ‘n Roll ist („Rock N Roll Was The Baby“) und das bereits Jesus den Blues besaß („Jesus Had The Blues“). Es bietet sich daher an, die Blues-Titel zu Beginn des Reviews in den Blick zu nehmen. Die konkreteren Wurzeln seiner Musik verortet Brooks im Mississippi Delta. Seine rauchig angekratzte Stimme passt auch prima zu diesem. Auf „The Battle” klingt Brooks beinahe wie Tom Waits. Zusätzlichen Drive erhält der Titel durch die Bläser, die auch mehrere andere Stücke aufwerten.

Die Mehrzahl seiner Blues-infiltrierten Songs legt einen flotteren Gang ein („Me And Brownie McGhee“) und gelegentlich lässt er es mit Resonator-Gitarre und Mundharmonika richtig scheppern („One More Mile (To Mississippi)“). Bei dem Duett mit Lil Miss Debi „No Easy Way Out“ reduziert Brooks das Tempo etwas, der Song bleibt aber kraftvoll.

Das starke „We Do Whatever It Takes“ bewegt sich zwischen Blues und Americana. Mit „Where Will you Stand“ legt Brooks noch einen großartigen Track in dieser Richtung drauf. Wenn Brooks sich dem Americana zuwendet, erinnern seine Songs zum Teil an John Hiatt („When I’m Holding You“). Lil Miss Debi steuert eine gefühlvolle Version von John Prines „Angel From Montgomery“ dem Werk bei. Mit Ausnahme dieses Klassikers stammen alle Songs von Brooks. Dass er selbst ebenfalls stimmungsvolle Balladen singen kann, zeigt er auf „Climb That Mountain“.

Bietet „Are You Ready?“ bereits im Blues und Americana einige Leckerbissen, sind die rockigen Titel doch der Höhepunkt des Menüs. Ganz im Stil des frühen Southside Johnnys serviert Brooks seinen Rock mit einer gehörigen Portion Soul. Beim Titeltrack und bei „Coming Home“ glänzt James Lawlis am Saxophon. Mundharmonika und Orgeln in Verbindung mit einem kräftigen Backgroundchor lassen mit „Without Love“ die guten alten Zeiten wiederaufleben.

Etwas aus der Reihe fallen „Jamaica Sun“, das einen leichten Reggae-Anflug aufweist, sowie die Schunkel-Nummer „Put A Little Rock N‘ Roll In Your Soul“, die Dancehall-Flair in einer Verbindung von Cajun und Country erzeugt. Dennoch integrieren sich die Tracks ohne Bruch in das Gesamtwerk. Dessen musikalische Bandbreite wird mit „Let Me Know“ noch erweitert, das vom Gospel beeinflusst ist.

Andere Musiker hätten aus dem umfangreichen Material zwei, vielleicht stärker konzeptionell orientierte Veröffentlichungen gemacht. Aber wer will sich über ein reichhaltiges Angebot beschweren, wenn die Auslage so verlockend ist?

Dem von Lil Miss Debi gestalteten Begleitheft gebührt noch besondere Erwähnung. Auf 24 Seiten sind neben den Texten und kurzen Kommentaren zu den Liedern ebenfalls Fotos mit Informationen zu den beteiligten Musikern abgedruckt.

Danny Brooks geht nun langsam auf die Siebzig zu und legt zusammen mit Lil Miss Debi ein frisches, fast 80 Minuten langes Album vor, auf dem er zeigt, dass er sich in Blues, Americana und Rock auskennt. Trotz der unterschiedlichen stilistischen Einflüsse bleibt „Are You Ready?“ ein authentisch wirkendes Werk, das die verschiedenen Musikrichtungen, die ja durchaus in verwandtschaftlichen Beziehungen stehen, gekonnt verbindet.

His House Records (2020)
Stil: Blues and more

Tracks:
01. Are You Ready
02. Jesus Had The Blues
03. Jamaica Sun
04. We Do Whatever It Takes
05. Let Me Know
06. No Easy Way Out
07. Angel From Montgomery
08. Coming Home
09. One More Mile (To Mississippi)
10. Rock N Roll Was The Baby
11. Where Will You Stand
12. Hold On To Love
13. Broken
14. Climb That Mountain
15. Put A Little Rock N’ Roll In Your Soul
16. Without Love
17. Me And Brownie McGhee
18. Tell Me About It
19. When I’m Holding You
20. The Battle

Danny Brooks
Danny Brooks bei Facebook

Grant-Lee Phillips – Lightning, Show Us Your Stuff – CD-Review

Grant_300

Review: Michael Segets

Auf dem vor zwei Jahren erschienen „Widdershins“ schlug Grant-Lee Phillips noch rockige Töne an. Mit „Lightning, Show Us Your Stuff” wendet er sich ausschließlich dem Americana zu, wie er es bereits auf „The Narrows“ getan hatte. Im Unterschied zu dem 2016er-Album klingt das neue Werk etwas weniger erdig und insgesamt zahmer.

Phillips verzichtet diesmal weitgehend auf die gewollten Brüche mit den Hörgewohnheiten und Überraschungen in seinen Kompositionen. Gleich geblieben ist sein markanter Gesang. Der Rolling Stone kürte Phillips 1995 – als er noch mit Grant Lee Buffalo unterwegs war – zum besten männlichen Sänger.

Besonders intensiv ist sein Gesang auf „Leave a Light On“. Der Song gehört zu meinen Favoriten auf der CD, nicht zuletzt aufgrund der dezenten Einsätze von Danny T. Levin, der auch sonst mit unterschiedlichen Blasinstrumenten (Euphonium, Trombonium, Coronet) den Sound einiger Stücke aufwertet.

Als weitere Musiker verpflichtete Philips Bassistin Jennifer Condos (Stevie Nicks, Bruce Springsteen) und Schlagzeuger Jay Bellerose (Willie Nelson, Alison Krauss, Robert Plant). Die Rhythmusgruppe leistet hervorragende Arbeit und gibt den Titeln, wie „Ain’t Done Yet“, nochmal einen besonderen Drive. Schließlich ist Gitarrist Eric Heywood (Son Volt, The Jayhawks) mit von der Partie. Heywood steuert auch die Pedal Steel bei, die vor allem „Lowest Low“ prägt.

Über den kreativen Prozess des Songschreibens reflektiert Phillips auf „Drawing The Head”. Bei „Walking In My Sleep“ orientierte er sich nach eigener Aussage am Folk der 1930er Jahren. Manche Songs trug Phillips schon längere Zeit mit sich herum, bis er sie nun fertig stellte. Die beiden Balladen „Mourning Dove“ und „Coming To“ fanden ihre Anfänge um 2013, also in der Phase seines Umzugs von Los Angeles nach Tennessee.

Der scheppernde Blues-Stampfer „Gather Up“ erinnert noch an den früheren Wohnort, an dem er die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. Bei ihm kommt nämlich die Band Los Lobos in den Sinn, die aus LA stammt. Der Song hebt sich durch seinem rauen Sound von den anderen Beiträgen ab und ist für mich das Highlight der Scheibe.

Phillips legt ein Album vor, auf dem die Songs mit der eben erwähnten Ausnahme eher ein ruhiges Tempo anschlagen. Manchmal versetzt er sich in seinen Texten in andere Personen und spiegelt so indirekt seine eigenen Empfindungen („Straight To The Ground“), manchmal verarbeitet er unmittelbar persönliche Erfahrungen („Sometimes You Wake Up In Charleston”). Insgesamt sind die Inhalte weniger politisch als auf seinem vorherigen Werk, aber Phillips zeigt sich als sensibler Beobachter, der seine Eindrücke in poetische Zeilen kleidet, sodass das genaue Zuhören oder Mitlesen der Texte durchaus lohnt.

Auf „Lightning, Show Us Your Stuff” finden sich weniger schrägere Töne, die viele frühere Alben von Grant-Lee Phillips prägen. Mit seinem ausdrucksstarken Gesang sowie den gehaltvollen Texten bleibt er sich aber treu. Seine Fans werden daher nicht enttäuscht und möglicherweise gewinnt er mit seinen eingängigeren Balladen neue hinzu.

Die Reihenfolge der Tracks auf dem Besprechungsexemplar weicht von der ab, die bei manchen Anbietern im Internet aufgeführt wird.

Yep Roc Records, Redeye/Bertus (2020)
Stil: Americana

Tracks:
01. Ain’t Done Yet
02. Drawing The Head
03. Lowest Low
04. Leave A Light On
05. Mourining Dove
06. Sometimes You Wake Up In Charleston
07. Gather Up
08. Straight To The Ground
09. Coming To
10. Walking In My Sleep

Grant-Lee Phillips
Grant-Lee Phillips bei Facebook
Yep Roc Records
Redeye Worldwide
Bertus

Chuck Prophet – The Land That Time Forgot – CD-Review

Proph_300

Review: Michael Segets

Anfang der 1990er sah ich Green On Red auf ihrer „Too Much Fun“-Tour. Damals war die Band bereits auf Dan Stuart und Chuck Prophet zusammengeschmolzen. Nachdem die beiden zuvor mit „Scapegoats“ (1991) ein Meisterwerk geschaffen hatten, zeigten sich erste Ermüdungserscheinungen und so folgte dann die Auflösung. Auch ein kurzes Live-Intermezzo (2005/06) führte die Truppe nicht mehr dauerhaft zusammen.

Chuck Prophet begann schon parallel zur Endphase von Green On Red eine Solo-Karriere. Seine ersten vier Tonträger, auf denen sich einige bemerkenswerten Stücke finden, stehen bei mir im Regal. Um die Jahrtausendwende verfolgte ich die Veröffentlichungen von Prophet nicht mehr, dadurch entstand eine Lücke von zwanzig Jahren und zehn CDs. „The Land That Time Forgot” stellt für mich daher ein Wiederentdecken des Musikers aus Kalifornien dar.

Die Handschrift, die das Album prägt, ist sofort als die von Chuck Prophet wiederzuerkennen. Es sind die Heartland-Rocker zu hören, bei denen irgendwo Tom Petty mitschwingt, sowie die typischen Balladen vertreten, die Prophets frühe Soloalben durchziehen. Mit der expressiven Gitarre auf „Fast Kid“ kommt zudem noch ein Hauch von Green On Red dazu.

Direkt ins Ohr gehen der Opener „Best Shirt On“ sowie „Willie And Nilli“. Auf beiden Stücken übernimmt seine Frau Stephanie Finch den Backgroundgesang. Als Duett-Partnerin tritt sie bei dem vorab ausgekoppelten „Marathon“ in den Vordergrund. Als erstes Video veröffentlichte Prophet „Nixonland“. Die dunkle Atmosphäre des Songs stellt einen Kontrast zu dem lockeren „Love Doesn’t Come From The Barrel Of A Gun“ dar, das sich anhört, als wäre es von David Lindley inspiriert.

Die Hälfte der Beiträge ist im unteren Tempobereich angesiedelt. Sehr schön erdig klingt die Ballade „Waving Goodbye“. Sie ist ebenso wie „Paying My Respects To The Train” mit etwas Slide unterlegt. Den früh an seinem Drogenkonsum verstorbenen Punkrocker Johnny Thunders zieht Prophet bei „High As Johnny Thunders“ als Vergleichspunkt heran. Von einem Vers des Track stammt der Albumtitel.

Etwas weniger sprechen mich „Meet Me At The Roundabout”, das flottere „Womankind” sowie der Abschluss „Get Of The Stage” an. Aber auch diese sind gut hörbare und solide Songs. Chuck Prophet liefert ein Album ab, das den Qualitätsstandard seiner frühen Werke hält. Unter den guten Songs stechen einzelne besonders hervor, wodurch die CD auch in Zukunft öfter in den Player wandern wird.

Wie bei alten Bekannten, die man längere Zeit nicht gesehen hat, freut man sich bei Chuck Prophet über das Lebenszeichen. Wenn der Kontakt dann wieder hergestellt ist, entwickelt man doch wieder Interesse dafür, was in der Zwischenzeit so bei ihnen passiert ist. „The Land That Time Forgot” regt mich auf alle Fälle dazu an, mir bei Gelegenheit nochmal den Backkatalog von Prophet vorzunehmen. Wenn er erneut in unsere Gegend kommt, wie beispielweise ins JZ Karo, werde ich sicher eine Stippvisite unternehmen. Für die nächste Europatournee im kommenden Jahr sind bislang allerdings keine Konzerte in Deutschland angekündigt.

Yep Roc/Bertus (2020)
Stil: Rock, Americana

Tracks:
01. Best Shirt On
02. High As Johnny Thunders
03. Marathon
04. Paying My Respects To The Train
05. Willie And Nilli
06. Fast Kid
07. Love Doesn’t Come From The Barrel Of A Gun
08. Nixonland
09. Meet Me At The Roundabout
10. Womankind
11. Waving Goodbye
12. Get Of The Stage

Chuck Prophet
Chuck Prophet bei Facebook
Yep Roc Records
Starkult Promotion
Bertus

Arlo McKinley – Die Midwestern – CD-Review

Arlo_300

Review: Michael Segets

Zwar schaut Arlo McKinley mit seiner Band The Lonesome Sound und zusammen mit Umphey McGee bereits auf einzelne Veröffentlichungen zurück, mit seinem Solo-Debüt „Die Midwestern” kann er aber als eine der großen Neuentdeckungen des Jahres gefeiert werden.

Während die älteren Videos, die man im Netz von dem vierzigjährigen Singer/Songwriter findet, meist stripped down Songs mit ausschließlich akustischer Gitarrenbegleitung zeigen, hat er auf dem Album einige Musiker im Rücken, die den sowieso schon guten Stücken zusätzliche Kraft mitgeben. Zusammen mit dem Produzenten Matt Ross-Spang (The Allman Betts Band, Charley Crockett, Calexico) rekrutierte McKinley die Band in Memphis, wo das Werk auch aufgenommen wurde.

Die zehn Eigenkompositionen entstanden in den letzten fünfzehn Jahren. Als Jody Prine seinem Vater John „Bag Of Bills“ vorspielte, überzeugte der Titel den im April verstorbenen Grandseigneur des Country, sodass die beiden McKinley für ihr Label Oh Boy Records unter Vertrag nahmen. Die Folkversion des Videos offenbart die Qualität von McKinley als Songwriter, verdeutlicht im Vergleich aber zugleich den Gewinn, die die Bandversion des Albums erzielt.

McKinley legt viel Ausdruck in seinen Gesang, wobei er sich nicht scheut, seine Stimme mal ohne Begleitung zur Geltung zu bringen, wie beim Einstieg zu „Walking Shoes“. Sehr stark gesungen ist auch der Opener „We Were Alright“, der zugleich ein Anspieltipp ist. Als weiteres Highlight zählt das runde „Suicidal Saturday Night”, dessen String-Arrangements an Springsteens „Western Stars“ erinnern.

Auf dem Werk finden sich keine Uptempo-Nummern, aber der Klang ist tendenziell roots-rockig. Der bereits vorab ausgekoppelte Titeltrack „Die Midwestern“ stellt dafür ein gutes Beispiel dar. Neben sanften Beiträgen wie „Once Again” oder „Whatever You Want” lässt McKinley auch gerne kräftigere elektrische Gitarren erklingen („Gone For Good“). Er gewinnt so dem Americana unterschiedliche Facetten ab. Schließlich unternimmt McKinley mit „She’s Always Around“ noch einen Ausflug in Country-Gefilde.

McKinley stand schon mit John Moreland, Ian Noe, Colter Wall, Jason Isbell und Justin Townes Earle auf der Bühne, wobei er den Vergleich mit diesen Songwritern nicht zu scheuen braucht. Der in Cincinnati ansässige McKinley hat sich in Ohio ohnehin bereits einen beachtlichen Ruf erspielt. Mit „Die Midwestern“ hätte er es verdient, auch überregional erfolgreich zu sein. Arlo McKinley beeindruckt mit dem bislang abwechslungsreichsten und kraftvollsten Americana-Album 2020.

Oh Boy Records – Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Americana

Tracks:
01. We Were Alright
02. Die Midwestern
03. She’s Always Around
04. Bag Of Pills
05. The Hurtin’s Done
06. Suicidal Saturday Night
07. Once Again
08. Whatever You Want
09. Gone For Good
10. Walking Shoes

Arlo McKinley
Arlo McKinley bei Facebook
Thirty Tigers
Oktober Promotion

Joe Candelario’s The Big Engine – Same – CD-Review

Joe Can_300

In seiner Heimatstadt Denver, im US-Bundesstaat Colorado, ist Joe Candelario seit über 30 Jahren Teil der sehr aktiven Musik-Szene und ein erfahrener Blues-Rock-Gitarrist. Mit seiner Band, der Joe C. Wails Gang, performte er ab Mitte der 90er im Westen der USA, u.a. als Support für The Regulators und Pretty Boy Floyd.

Neben CD -Veröffentlichungen mit der Wails Gang verfolgte Candelario dabei ebenfalls seit fast zwei Jahrzehnten seine Solo-Interessen, als Sänger, Songschreiber und Multi-Instrumentalist in regelmäßigen, eigenen Projekten, so zuletzt 2018 mit der Progressive-Rock Disc „Pangea“.

Die neue Solo-Scheibe „The Big Engine“ hat Joe Candelario nun als eine Art „Railroad-Konzept-Album“ wieder im Home-Studio produziert. Der Longplayer zeigt einerseits seine Neigung für groovende Instrumentals ebenso ausführlich, wie die Vorliebe zu schweren Blues-Rock-Eigenkompositionen.

Erstere sind mit dem mutigen Opener „Conjunction Dysfunction“ im Stevie Ray Vaughan-Sound, dem Reggae-Jam „C’mon Man“ und einem experimentell ausgerichteten „Crocodile Smile“ gleich dreifach vertreten. Als hervorzuhebende Blues-Rock-Songs fallen demgegenüber das eindringliche „Bad Mojo Rising“ und die „Engine-stampfende“ Rock-Nummer „From The Sun“ beispielhaft ins Gewicht und stehen für den sehr variantenreichen E-Gitarren Einsatz bei den Aufnahmen.

In den feinen Akustik-Tracks „Hell Bound Train“, „Back 4 More“ und „Way 2 Go“ bringt Candelario schöne American-Folk-Rock Erfahrungen ein und damit einen Touch von Storytelling-Elementen, die er mit der notwendigen Leichtigkeit im Vocal-Sound verbindet.

Die musikalische Konzeption eines „Big Engine“-Railroad Charakters der Scheibe – eines instrumentalen Frachtzuges, der sich schwer beladen durch die verschiedenen Landschaften bewegt, wird auch in den Lyrics des gleichnamigen Titelsongs deutlich und findet ihre sinnbildliche Erwähnung nochmals im Abschluss-Track wieder.

Bei diesem 7-minütigen Blues-Epos „Banks Of Salvation“ das – etwas bedauerlich ohne Background-Vocals auskommt – sich aber powerfull als mächtiger „Zug der Zeit“ stilvoll entwickelt, inszeniert Candelario gitarrenverstärkt die Rettung der „Big Engine“.

Joe Candelario hat mit seinem neuesten Werk „The Big Engine“ ein solides Album in Eigenregie eingespielt. Es vermittelt seine virtuose und routinierte Gitarrenkunst und bietet in bester Tradition ansprechende Blues, Rock und American Folk Music, die ihre ungeschminkte Mentalität weltoffen im Railway-Mythos auf die Reise schickt.

Mad Hare Entertainment (2020)
Stil: Blues Rock, Americana, Folk Rock

Tracklist:
01. Conjunction Dysfunction
02. Bad Mojo Rising
03. Hell-Bound Train
04. From The Sun
05. Way 2 Go
06. C’mon Man
07. Big Engine
08. Back 4 More
09. Crocodile Smile (Alligator Shoes)
10. Banks of Salvation

Joe Candelario
Joe Candelario bei Facebook
Two Side Moon Promotions

Lori McKenna – The Balladeer – CD-Review

Lori_300

Review: Michael Segets

Der Titel „The Balladeer“ von Lori McKenna neuem Album ist Programm. Sie präsentiert sich als hervorragende Balladensängerin und ausgereifte Songwriterin. Produzent Dave Cobb (Jason Isbell, Shooter Jennings) erweist sich wieder einmal als Garant dafür, den Sound erdig auf den Punkt zu bringen, sodass die Songs pur und für sich wirken.

Alle zehn Tracks wurden mit Band eingespielt: Cobb übernimmt die akustische und elektrische Gitarre, Philip Towns glänzt an den Keys, Chris Powell (Schlagzeug) sowie Brian Allen (Bass) geben den Rhythmus vor. Kristen Rogers steuert auf den meisten Stücken den Gesang im Background bei. Karen Fairchild und Kimberly Schlapman begleiten McKenna auf dem eingängigen, radiotauglichen Opener „This Town Is A Woman“.

McKenna verfasste alle Songs selbst; „Good Fight“, „When You’re My Age” sowie „Two Birds” zusammen mit Hillary Lindsey und Liz Rose. Als Songwriterin genießt McKenna einen außergewöhnlichen Ruf in der Americana- und New Country-Szene. Nicht umsonst nahmen eine ganze Reihe von Musikern ihre Titel auf.

Von den Künstlern, die auch auf SoS zu finden sind, können Carrie Underwood, Little Big Town, Hunter Hayes, The Cadillac Three, Eli Young BandWade BowenFaith Hill und Tim McGraw genannt werden. Die zweifache Grammy-Gewinnerin wirkte ebenso bei der zweiten Single „Always Remember Us This Way” des Soundtracks „A Star Is Born“ mit. In ihrer zwanzigjährigen Karriere kann McKenna also auf einige Erfolge zurückblicken.

Ihre Texte auf „The Balladeer“ sind retroperspektiv angelegt. Der Longplayer erhält dadurch eine persönliche Note, trifft aber durchaus die Gedankenwelt von Personen, die die Fünfzig überschritten haben. An das Aufwachsen mit den Geschwistern („Maria“) und die wilden Jugendjahre in der Schule („Stuck In High School“) denkt wohl jeder in dieser situierten Lebensphase mal zurück.

Schwingt bei diesen Songs die Rolle der eigenen Eltern mit, findet bei den musikalisch etwas reduzierterem „When You’re My Age“ und dem Schlusstrack „‘Till You’re Grown“ ein Perspektivwechsel statt. Die Sorge um den Nachwuchs und die Hoffnung, dass dieser seinen Weg gehen wird, kommen dort zum Ausdruck. Schließlich bildet das spannungsreiche Mit- und Gegeneinander in Beziehung bei einigen Stücken („The Dream“, „Good Fight“, „Two Birds“) den thematischen Schwerpunkt.

Beim Songwriting beweist McKenna ein Gespür für harmonische Melodien. Anspieltipps sind „Good Fight“, „Stuck In High School “ und “When You’re My Age”, die die musikalische und inhaltliche Spannbreite des Albums widerspiegeln.

Mit Ausnahme des titelgebenden „The Balladeer“ setzt sie auf längere Refrains, welche den Wiedererkennungswert steigern. Die Lieder gewinnen ihre Intensität letztlich aus den Lyrics, die zwar persönlich gefärbt sind, aber viele Facetten bieten, in denen sich der Hörer mit seinen eigenen Erlebnissen oder Erinnerungen wiederfindet. „The Balladeer“ spricht daher vermutlich eher ein gereiftes Publikum an.

CN Records-Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Americana

Tracks:
01. This Town Is A Woman (feat. Karen Fairchild and Kimberly Schlapman)
02. The Balladeer
03. Marie
04. The Dream
05. Uphill
06. Good Fight
07. Stuck In High School
08. When You’re My Age (feat. Hillary Lindsey and Liz Rose)
09. Two Birds
10. ‘Till You’re Grown

Lori McKenna
Lori McKenna bei Facebook
Thirty Tigers
Oktober Promotion

Lizanne Knott – Bones And Gravity – CD-Review

Knott_300

Review: Michael Segets

Obwohl bereits Ende des letzten Jahres erschienen, flatterte „Bones And Gravity“ von Lizanne Knott erst jetzt als Neuerscheinung auf meinen Schreibtisch. Da das Werk ein prototypisches Americana-Album und gute Musik sowieso zeitlos ist, seien hier ein paar verspätete Worte zu ihm verloren.

Americana stellt oftmals so eine Verlegenheitsbezeichnung für Roots-Musik dar, die irgendwo zwischen Folk, Country, Rock und Blues liegt, sich jedoch nicht so richtig einem dieser Genres zuordnen lässt. Bei Lizanne Knotts Musik macht es aber Sinn, Americana als eigenständiges Genre zu bezeichnen. Sie bedient sich auf „Bones And Gravity“ zwar vor allem beim Folk und Country, pendelt aber bei den verschiedenen Songs nicht zwischen diesen hin und her, sondern folgt einer eigenständigen Richtung.

Dennoch finden sich zum einen die folkorientierte Stücke „Tired“ und „I Was A Bird“, auf denen die akustische Gitarre von Knott lediglich mit der Baritone-Gitarre und dem Wurlitzer-Piano von Glenn Barratt begleitet wird. Zum anderen kommen Country-Einflüsse auf „Emmylou“, einer Hommage an Emmylou Harris, sowie auf „Hurricane“ zur Geltung.

Auf dem insgesamt ruhigen Album schlägt Knott nur bei „Lay Him Down“ dezent rockige Töne an. Sehr schön ergänzen sich hier Lap Steel und Geige. Auf anderen Songs werden auch Cello („Bones And Gravity“) und Mandoline („Kindness“) eingesetzt, sodass der Sound der Tracks variiert. Dabei wirkt der Longplayer in Gänze geschlossen und homogen. Wenn einzelne Songs besonders hervorgehoben werden sollen, sind das neben dem schon erwähnten „Lay Him Down“ der Opener „Walk Away“ sowie das durch seinen Text bestechende, autobiographische „Keep Me Alive“.

Knott ist nicht nur in ihrem Heimatstaat Pennsylvania als Sängerin, die ihrer hellen Stimme viele Nuancen abgewinnt, sondern auch durch ihre ausdrucksstarken Texte anerkannt. Nicht umsonst teilte sie sich die Bühne bereits mit Künstlern wie Shawn Colvin, Joan Osborn oder Josh Ritter.
Die stimmungsvollen Texte drehen sich meist um zwischenmenschliche Beziehungen, die sich nicht nur auf Paarbeziehungen beschränken („Caroline“).

Etwas anders gelagert ist „Like I Love My Dog“, das besonders dem Hundeliebhaber Daniel – vielleicht auch Django – gefallen wird. Bei dem Song diente die Zuneigung zu ihrem in die Jahre gekommenen tierischen Weggefährten als Inspirationsquelle. Ein inhaltlich ähnlicher Titel von den Bottle Rockets („Dog“ auf „South Broadway Athletic Club“) kommt mir da in den Sinn.

In den elf Eigenkompositionen lotet die Singer/Songwriterin Lizanne Knott ihre Gedanken- und Gefühlswelt in poetischen Texten mit harmonischen, unaufgeregten Melodien aus. „Bones And Gravity“ ist ein stimmiges Americana-Album, das diese Bezeichnung verdient und kein verkappter Folk- oder Country-Longplayer.

Eigenproduktion (2019)
Stil: Americana

Tracks:
01. Problem Solution
02. The Drifter
03. No History
04. Sycamore
05. Come On Shorty
06. Cursive
07. Faster Than Fire
08. Widow’s Walk
09. River Of Love And Loss
10. The Rapture
11. I Don’t Know A Thing About Love

Lizanne Knott
Lizanne Knott bei Facebook

Mathias Schüller – Wodka Wodka Superstar – CD-Review

WodkaWodkaSuperstar_Cover_300

Review: Michael Segets

Von den großartigen Konzerten, das das JZ Karo in Wesel veranstaltet, berichtete SoS schon mehrfach. Das Musikprogramm ist dort Chefsache und wird vom Leiter des Jugendzentrums Mathias Schüller organisiert, der damit beweist, dass er musikalisch das Herz auf dem rechten Fleck hat. Schüller lebt seine Leidenschaft für Musik darüber hinaus auch eigenproduktiv aus. Mit dem Doppelalbum „Fremder“ debütierte er 2015. Nach dem hoch gelobten „Affentanz“ (2017) folgt nun sein drittes Werk „Wodka Wodka Superstar“.

Der erste Blick auf die Titelliste erweckt den Eindruck, dass Schüller nun ins englischsprachige Metier wechselt. Dieser täuscht, denn er bleibt den deutschen Texten treu. Die Namen mancher Songs spielen auf – mehr oder weniger – bekannte Bands an. Da werden das australische Damen-Duo Hussy Hicks, die Amerikaner Water And Sand, die britischen Rocker Led Zeppelin und die Krefelder Kultband Dear Wolf in Erinnerung gerufen.

Die stilistische Ausrichtung der Songs orientiert sich lose an diesen Referenzen. Schüller hat sich nach eigenen Aussagen eher von Ryan Adams, Jeff Buckley oder Velvet Underground inspirieren lassen. Wie dem auch sei, herausgekommen ist ein Longplayer zwischen rockigen Einlagen („Hussy Hicks“, „Dead End“) und Singer/Songwriter-Balladen („Rose Garden“, „Water & Sand“).

Schüller spielte das Album quasi im Alleingang ein. Alle Instrumente gehen auf sein Konto, wobei vor allem die erdigen Gitarrenintros beim Titellied und bei „Ed Zeppelin“ überzeugen. Eine rootsige Untermalung hat ebenso der über zehnminütige Abschluss „Dear Wolf“. Wenn es so etwas wie deutschsprachigen Americana gibt, dann trifft diese Bezeichnung das Werk ganz gut.

Mit deutschen Texten habe ich meist meine Schwierigkeiten, da ich sie unmittelbar verstehe und anders als bei englischen Lyrics nicht ausblenden kann. Sollte ich deutschsprachige Lieder hören, dann müssen Dichtung und Aussage auch stimmen. Schüllers Texte haben Substanz und heben sich so von dem, was sonst oftmals im Radio geboten wird, ab. In manchen Teilen erinnern sie an die von Marius Müller-Westernhagen. Hervorzuheben ist, dass im Begleitheft des schön aufgemachten Digipacks die Texte abgedruckt sind.

Stimmungsvolle Momentaufnahmen, bei „Banana Whiskey“ beispielsweise von seiner Amerika-Tour, werden von Schlüter mehrfach mit sozialkritischen Seitenhieben auf Kommerz und Kapitalismus („Mad Max“) – oder auch auf den amerikanischen Präsidenten – versehen. Mit wehmütigen oder sehnsuchtsvollen Songs („Water & Sand“) und aufgekratzten Nummern („Hussy Hicks“) zeichnet Schüller Situationen und Personenportraits nach, die als Grundthema die Spannung zwischen dem Hunger nach echtem Leben und den gesellschaftlichen Ansprüchen und Rahmenbedingungen durchscheinen lassen.

Mathias Schüller präsentiert auf „Wodka Wodka Superstar“ einen deutschsprachigen Americana-Rock-Mix, der besonders mit seinen Texten, die den Nimbus der Studentenbewegung der sechziger und siebziger Jahre transportieren, überzeugt.

Schüller, der bereits als Support für Joseph Parsons tourte, kündigt für den Herbst mehrere Konzerte an. Bleibt also zu hoffen, dass bis dahin solche öffentlichen Auftritte wieder problemlos möglich sind.

Cactus Rock Records (2020)
Stil: Deutschrock, Americana/

Tracks:
01. Hussy Hicks
02. Rose Garden
03. Wodka Wodka Superstar
04. Ed Zeppelin
05. Dead End
06. Water & Sand
07. Mad Max
08. Banana Whiskey
09. Dear Wolf

Mathias Schüller
Mathias Schüller bei Facebook
Cactus Rock Records

John Craigie – Asterisk The Universe – CD-Review

Craig_300

Review: Stephan Skolarski

Asterisk, das typographische Sternenzeichen ist sicher eine ungewöhnliche Namensgebung für den neuen Longplayer des US-amerikanischen Singer/Songwriters John Craigie; doch sein Album „Asterisk The Universe“ hat ebenso wie das 5-strahlige Sternchen auf dem Plattencover eine magisch-faszinierende Ausstrahlung und einen eigenen Kosmos zu bieten.

Der aus Los Angeles stammende, 40-jährige Craigie ist mit seinen Songs nahezu 10 Jahre „On The Road“ und auf Festivals unterwegs, quer durch Nordamerika und Großbritannien, 2019 sogar zu 4 Terminen in Deutschland. Seine charismatische, humorvolle Art, die Dinge beim Namen zu nennen und in pointierten Texten Geschichten zu erzählen, die gleichzeitig ernst und ironisch sein können, begeistert inzwischen auch namhafte Fans, wie Jack Johnson oder Todd Snider. Craigies nun vorliegendes, 10 Songs umfassendes Album, ist ein eloquenter Mix aus Americana, Folk und Rock, der im Verlauf nicht unerheblich herrliche Dylan-Elemente interpretiert.

Schon der vorsichtig zaghafte Opener „Hustlin“ vermittelt – einfühlsam und zurückhaltend instrumentiert – das Gefühl einer Live-Atmosphäre, die der folgende Titel „Don’t Ask“ (bereits auf dem Vorgänger „Scarecrow“ erfolgreich vertreten), nun in einer neuen, frischen Motown-Version fortsetzt. Das langsam swingende „Son Of A Man“ erinnert im Stil an Songs einer vergangenen Songwriter-Generation, die wie bei der Vorab-Single „Part Wolf“ ihre ausgefeilten, selbstbewusst-kritischen Lyrics („I Got That American Meanness“) in den Vordergrund stellen.

Dieses Zutrauen, auch Klassiker musikalischer Vorbilder gelassen abzuliefern, kann der aufmerksame Hörer nicht zuletzt beim akustischen J.J. Cale-Cover „Crazy Mama“ erkennen – eine Leichtigkeit durch die John Craigie und seine Band fortwährend eigene Akzente setzen.

Überhaupt besteht Craigies Begleitband aus talentierten Musikern der jungen, kalifornischen Folk-Rock-Szene. Aus dieser musikalischen Verbindung ist nicht nur bei „Don’t Deny“ der Eindruck willkommen, dass hier aus einer endlich wieder entdeckten Schatzkiste 60er Dylan-Tapes gemastert wurde. In der zweiten Single „Valecito“ findet man Craigie in einem psychodelisch-experimentell nachdenklichen Song, der das Problem wortreich variiert, die richtige Entscheidung zu treffen, um danach die Folk-Ode an den Schutzpatron der Reisenden in „Nomads“ zum Abschluss nochmals mit großer Piano-Einlage und typischen Harmonica-Solo, einen würdigen Ausklang zu bereiten.

John Craigie hat „Asterisk The Universe“ mit starker Unterstützung eingespielt, das einen engagierten Story-Teller und vielseitigen Songschreiber wirkungsvoll in Bestform zeigt. Entstanden ist eine CD, die mit treffsicher artikulieren Lebenserfahrungen und Erzählungen angenehm überrascht. Das ist ein Album, das mehr als ein strahlendes Sternchen auf dem Cover verdient hat!

Zabriskie Point Records (2020)
Stil: Americana, Country, Bluegrass, Folk

Tracklist:
01. Hustlin‘
02. Don’t Ask
03. Son Of A Man
04. Part Wolf
05. Crazy Mama
06. Climb Up
07. Used It All Up
08. Don’t Deny
09. Vallecito
10. Nomads

John Craigie
John Craigie bei Facebook
Oktober Promotion