The Dead South – Chains & Stakes – CD-Review

Review: Michael Segets

The Dead South mauserte sich in den letzten Jahren zu dem Referenzpunkt in Sachen Bluegrass. Vor allem durch den experimentellen Umgang mit Genre-Klischees sowie durch ihre Affinität zum Rock nehmen sie in diesem oftmals durch einen konventionellen Sound geprägten Genre eine Ausnahmestellung ein. Die Tendenz zum nervigen Gefiedel und Gezupfe, das im Bluegrass manchmal anzutreffen ist, umschiffen die Kanadier Nathaniel Hilts, Scott Pringle, Colton Crawford und Danny Kenyon auch diesmal.

Sieht man von den drei kurzen – meines Erachtens verzichtbaren – Instrumentals („Where Has The Time Gone“, „ Clemency“, Yore“) ab, bietet „Chains & Stakes“ zehn für die Band typische Tracks. Insgesamt gibt sich The Dead South etwas weniger experimentierfreudig als beispielsweise auf ihren Coverprojekten „Easy Listening For Jerks“ (2022). Eine Ausnahme bildet das expressive Zwischenspiel mit kraftvollen Backgroundrufen bei „Tiny Wooden Box“, dem zunächst auffälligsten Stück des Albums. Der Song wurde zu Recht als erste Single mit Video vorab herausgegeben.

Die Rock-Attitüde, die die Band gelegentlich an den Tag legt, blitzt zwar lediglich bei „Completely, Sweetly“ auf, dennoch haben es die Songs in sich. Wie üblich spielen The Dead South mit Rhythmus- und Tempowechseln wie beim Opener „Blood On The Mind“, das nach bluesigem Anfang Fahrt aufnimmt. „A Little Devil“, die zweite Auskopplung, unterbricht den Galopp im Zwischenspiel, um dann wieder loszulegen. Das Banjo von Colton Crawford treibt die Tracks voran – so auch auf „20 Miles Jump“ sowie „The Cured Contessa“. Beim letztgenannten Song zeugt die Idee, eine Obsession für Frühstücksspeck in den thematischen Fokus eines Textes zu stellen, schon von einer gewissen Originalität und Humor.

Die Lyrics zu verfolgen, macht bei The Dead South sowieso Sinn. So bieten auch „Son Of Ambrose“ oder „Father John“ feines Storytelling. Beide Titel sind Country-Nummern – „Son Of Ambrose“ eher hufeisenschwingend, „Father John“ in einer balladesken Ausprägung. Mit „A Place I Hardly Know“ findet sich noch eine getragene, tief gesungene Ballade, die neben den bereits angesprochenen Instrumentalstücken etwas Tempo aus dem Longplayer nimmt.

„Yours To Keep“ zeugt erneut von der Qualität des Quartetts, das gekonnt ausgefeilte Rhythmusarbeit, mit melodischen Schlänkern und einprägsamen Chorus verbindet. Diese Stärke spielt The Dead South auf vielen Tracks des neuen Albums aus, das dem prämierten „Sugar & Joy” (2019) in nichts nachsteht. Die Band bestätigt mit „Chains & Stakes”, dass der Hauptsitz des modernisierten Bluegrass‘ zurzeit nördlich der Vereinigten Staaten von Amerika liegt. Im Mai und Juni ist The Dead South in Deutschland unterwegs und wird bei einigen Auftritten von Corb Lund, einem kanadischen Landsmann, supportet.

DevilDuck Records/Indigo (2024)
Stil: Bluegrass

Tracks:
01. Blood On The Mind
02. Yours To Keep
03. 20 Miles Jump
04. Where Has The Time Gone
05. A Little Devil
06. Son Of Ambrose
07. Clemency
08. Completely, Sweetly
09. A Place I Hardly Know
10. The Cured Contessa
11. Tiny Wooden Box
12. Yore
13. Father John

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Old Crow Medicine Show – Jubilee – CD-Review

Review: Michael Segets

Der Dezember ist ja der Monat, in dem Jahresrückblicke Konjunktur haben. Gewöhnlich nutze ich die etwas ruhigere Zeit zur Sichtung der Alben, die im Tagesgeschäft so liegengeblieben, aber einer Besprechung würdig sind. Diesmal fällt die Wahl auf „Jubilee“ der Old Crow Medicine Show. Der Longplayer erschien bereits im September anlässlich des fünfundzwanzigjährigen Bandjubiläums. Den größten Erfolg feierte die Band mit dem Grammy für „Remedy“ (2014) als bestes Folkalbum.

Von den Gründungsmitgliedern sind noch Frontmann Ketch Secor und Bassist Morgan Jahnig dabei. Zu diesen zählt auch Willie Watson, der sich aktuell bei „Miles Away“ nochmal die Ehre gibt. Auf der Gästeliste stehen weiterhin Sierra Ferrell („Belle Meade Cockfight“) sowie Mavis Staples („One Drop“). Alle drei Songs sind als Singles beziehungsweise Videos veröffentlicht.

Matt Ross-Spang (Jason Isbell, Will Hoge, Lucero, Arlo McKinley) fungierte wie bereits bei „Paint This Town“ (2022) als Produzent. „Jubilee“ erscheint gegenüber dem vorangegangenen Album stilistisch weniger breit aufgestellt. Es bietet vor allem Bluegrass und steigt mit „Jubilee Jones“ dementsprechend ein. Im weiteren Verlauf streut die Old Crow Medicine Show einige Americana-Balladen ein. Zum Abschluss überrascht der Gospel „One Drop“, der den insgesamt positiven Eindruck des Werks verstärkt.

Die Bluegrass-Nummern bewegen sich zwischen aufgekratzten („Belle Meade Cockfight“, „Wolfman Of The Ozarks“), flott durchgespielten („I Want It Now“) und entspannten Beiträgen, wie dem countryfizierten „Smoky Mountain Girl“. Ein Highlight ist „Keel Over And Die“ mit hereingerufenem, mehrstimmigem Refrain und quietschender Mundharmonika. Mehrmalls bestimmt die Geige den Sound wie bei „Shit Kicked In“. Aber auch das Banjo kommt zum Zuge, so auf der Ballade „Allegheny Lullabye“, die eine ordentliche Dynamik entwickelt. Die anderen Balladen können sich ebenfalls hören lassen – sei es das sanfte, atmosphärisch dichte „Daughter Of The Highlands“, das eingängige „Miles Away“ mit Willie Watson oder das folkige „Nameless, Tennessee“.

Die Lyrics widmen sich Liebesdingen oder subtiler Sozialkritik und sind häufig mit Ketch Secors eigenwilligen Sinn von Humor gewürzt. Texte und Musik machen jedenfalls Lust, sich intensiver mit dem Backkatalog der Band auseinanderzusetzen. Das könnte ein Vorsatz für 2024 werden – aber bleiben wir lieber beim Hier und Jetzt:

Nach den Ausflügen in rockigeres Gelände auf „Paint This Town“ bewegt sich Old Crow Medicine Show nun wieder in Richtung Bluegrass und Americana. „Jubilee“ mag so auch eine Reminiszenz an die Anfänge der Band vor fünfundzwanzig Jahren verstanden werden. Witzige, temporeiche und nachdenklich stimmende, ruhige Songs halten sich dabei die Waage. In beiden Kategorien können Ketch Secor und seine Mannen glänzen.

ATO Records – Pias/Rough Trade (2023)
Stil: Bluegrass, Americana

Tracks:
01. Jubilee Jones
02. Miles Away (feat. Willie Watson)
03. Keel Over And Die
04. Allegheny Lullabye
05. I Want It Now
06. Smoky Mountain Girl
07. Belle Meade Cockfight (feat. Sierra Farrell)
08. Shit Kicked In
09. Daughter Of The Highlands
10. Wolfman Of The Ozarks
11. Nameless, Tennessee
12. One Drop (feat. Mavis Staples)

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Pias/Rough Trade

Flats & Sharps – 27.09.2023, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

Bluegrass liegt so eher am Randbereich meiner musikalischen Vorlieben. Dass ich mich dann doch an einem Mittwochabend zum Konzert von Flats & Sharps aufgeraffte, lag vor allem daran, dass sich nur noch ein paar Gelegenheiten ergeben, die Rampe unter der Federführung von Markus Peerlings zu besuchen. Ob auch weiterhin Bands aus dem Spartenprogramm, die kein ausverkauftes Haus erwarten lassen, auf der schrägen Bühne stehen, wird die Zukunft zeigen. Wie stets bereute ich meinen Gang zum Großmarkt nicht, denn der Auftritt der gut aufgelegten Flats & Sharps bot ein kurzweiliges Vergnügen der besonderen Art.

Zum Einstieg lobte „Pille“ die auffallende Pünktlichkeit englischer Bands und so versammelten sich die vier Männer von Flats & Sharps punktgenau um 20.30 Uhr rund um das zentrale Mikro. Sie stimmten mit „East Virginia“ gemeinsam auf den Abend ein, den sie in zwei Sets mit fast dreißig Stücken in einer Mischung aus Traditionals, Covern und eigenen Kompositionen bestritten. Den Auftritt moderierte Mickey Ponsford, der mit einigen unterhaltsamen Anekdoten die Songs kommentierte und dabei spielerisch Kontakt zum Publikum aufbaute, das die Darbietungen durchweg mitging.

Ponsford dominierte mit seiner Mandoline allerdings nicht durchgängig, sondern alle Bandmitglieder hatten in den Stücken ihren Part. So traten abwechselnd die jeweiligen Protagonisten näher an das Mikro, um mit ihrem Instrument die Melodieführung zu übernehmen und ihre Fingerfertigkeit an den Saiten zu demonstrieren. Auch die Lead Vocals wurden aufgeteilt. Ponsford gefolgt von Danny Hart hatten dabei zwar die größten Anteile, aber Bassist Liam Fitzharris kam ebenfalls gelegentlich zum Zuge. Einzig Josh Warner hatte als Sänger kein Solo, stieg jedoch bei den häufig mehrstimmigen Gesangspassagen mit ein. Seine Einlagen an der akustischen Gitarre honorierte das Publikum häufig mit Szenenapplaus.

Zusätzliche Abwechslung brachte Hart dadurch in die Performance, dass er das Banjo ab und zu gegen die Geige tauschte. Die Bandbesetzung auf der Bühne wechselte zweimal. Einmal stand Hart alleine mit seinem Banjo im Rampenlicht, das andere Mal gaben Ponsford und Fitzharris ein Duett zum Besten. Fitzharris legte dafür seinen Double Bass zur Seite und begleitete Ponsford auf der Gitarre. Der Bassist, sonst gerne für einen Spaß zu haben, offenbarte hier eine sensible Seite. Die zwischenzeitlich inaktiven Mitglieder der Formation versorgten sich an der Theke, um den Flüssigkeitsverlust in der angenehm temperierten Location auszugleichen.

Im ersten Set lag der Schwerpunkt der Songauswahl auf Stücken ihres Longplayers „The Play“ (2020). Neben dem Titeltrack wurden untern anderem „Nobody‘s Love Is Like Mine“, das von Ralph Stanley stammt, sowie „Pike County Breakdown“, das schon Lester Flatt mit Earl Scruggs interpretierte, gespielt. Ebenfalls auf dem Album findet sich „Ray“, mit dem sich die Band in die Pause verabschiedete. Highlights des ersten Konzertabschnitts waren für mich die älteren Songs „Boat“ und „Caleb Meyer“.

Bereits vor der Unterbrechung präsentierten Flats & Sharps mit „For My Sins“ und „Pretty Fair Maid In The Garden“ zwei Titel ihrer aktuellen CD „In The Glass“ (2022). Die Vorstellung dieses Longplayers stand dann im Zentrum des zweiten Sets. „I’m Better Off Without You“, „Take These Eyes“, „I‘m Doing Fine“ sowie das starke, von Hart gesungene „Little Girl Of Mine In Tennessee” sind auf dem letzten Album vertreten. Die Stücke, bei denen Hart die Lead Vocals übernahm, klangen etwas rauer und gingen tendenziell in eine Spielart des Bluegrass, die man gewöhnlich in Amerika ansiedelt.

Aber auch West Cornwall, der Stammsitz von Flats & Sharps, hat landschaftlich und, wie sich an dem Abend zeigte, musikalisch seinen Reiz. So stellten für mich die beiden hintereinander gespielten „We Should Be Friends“ und „Open Up The Door“ – wiederum auf der 2022er Veröffentlichung zu finden – einen weiteren Höhepunkt des Abends dar. Der Auftritt endete schließlich schwungvoll mit der Zugabe „My Walking Shoes Don’t Fit Me Anymore & Train 45“.

Das sympathische Quartett aus England hat Eindruck bei dem Publikum hinterlassen und ein Empfehlungsschreiben für den Bluegrass ausgestellt. Die Band zeigte sich von der Location, der Betreuung durch Markus Peerlings und seine Mannschaft sowie selbstverständlich vom Krefelder Publikum begeistert. So bleibt zu hoffen, dass die Kulturrampe auch weiterhin Musikern eine Bühne bietet, die abseits des Mainstreams aktiv sind.

Line-up:
Mickey Ponsford (lead vocals, mandoline)
Danny Hart (vocals, banjo, fiddle)
Liam Fitzharris (vocals, double bass, guitar)
Josh Warner (vocals, guitar)

Text und Bilder: Michael Segets

Flats & Sharps
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Kulturrampe

Trampled By Turtles – Alpenglow – CD-Review

Review: Michael Segets

Als begeisterter Skifahrer ist mir das Alpenglühen nicht fremd. Das rötliche Leuchten der Bergspitzen beim Sonnenuntergang ist schon sehr stimmungsvoll. Das Lichtphänomen gibt es auch beim Sonnenaufgang. Da habe ich es aber seltener beobachtet. Nicht bewusst war mir, dass „alpenglow“ im Englischen ein Begriff ist. Diese Bildungslücke konnte ich jetzt anhand des zehnten Albums von Trampled By Turtles schließen.

Das Sextett aus Minnesota setzt ausschließlich auf Saiteninstrumente. Songwriter und Sänger Dave Simonett spielt Gitarre, Erik Berry Mandoline, Ryan Young Geige, Dave Carroll Banjo, Tim Saxhaug Bass und Eamonn McLain Cello. Die Instrumentierung ohne Schlagzeug entspricht der des Bluegrass‘. Dieser wird ja meist mit dem Country assoziiert, „Alpenglow“ hört sich aber nicht nach Country an, sondern ist eine Folk- oder Americana-CD.

In den Vereinigten Staaten stürmten vorangegangene Alben von Trampled By Turtles die entsprechenden Genre-Charts. Obwohl sie bereits 2004 ihren ersten Longplayer herausbrachten, dürfte die Band in Europa lediglich einem Nischenpublikum bekannt sein. Geläufiger ist sicherlich der Name Jeff Tweedy von Wilco. Tweedy produzierte das Album und schrieb „A Lifetime To Find“ für es. Alle anderen Stücke stammen von Simonett.

Simonett betont zwar, dass Trampled By Turtles kein Konzeptalbum vorlegen, aber „Alpenglow“ wirkt musikalisch und thematisch homogen. Es versammelt insgesamt ruhige Songs, die sich um Reflexionen über Leben und Tod oder Fernweh und Geborgenheit drehen. Die ernsten Inhalte werden in harmonische Melodien verpackt, die angenehm zu hören sind und das fehlende Schlagzeug auch nicht vermissen lassen. Die Tracks zeugen von einer hohen Songwriting-Qualität und zeigen zudem in den Arrangements eine gewisse Variabilität. Allerdings setzen sie sich nicht unbedingt beim ersten Hören fest. Gegen Ende des Albums nehmen mich einzelne Titel nicht mehr so mit, aber das kann sich nach weiteren Durchläufen noch ändern.

Neben dem langsamen und reduzierten „Central Hillside Blues“ finden sich auch Stücke, die eine Nuance flotter gehalten sind („Starting Over“, „Burlesque Desert Window“). Bei einzelnen Songs bekommt mal das Banjo („All The Good Times Are Gone“) oder das Cello („We’re Alright“) mehr Raum. Auch der mehrstimmige Gesang, wie er beim Bluegrass häufig anzutreffen ist, wird von Trampled By Turtles genutzt („Nothing But Blue Skies“, „Quitting Is Rough“).

Eine nette Idee sei noch am Rande erwähnt: Die Band hatte bei ihren Konzerten um die Einsendung von Fotos gebeten. Eine Auswahl von diesen wurde in das Video zu „It’s So Hard To Hold On“ eingearbeitet. Und wenn wir schon beim Visuellen sind: Die CD ist ausdrucksstärker, als ihr graphisches Cover, das wohl eine abstrahierte Bergwelt darstellt, vermuten lässt.

Jenseits eines Square-Dance-Gefiedels legt Trampled By Turtles mit typischer Bluegrass-Instrumentierung ein ruhiges, stimmiges Americana-Album vor. „Alpenglow“ fängt die etwas wehmütige Abendatmosphäre beim Sonnenuntergang ein, bei der man seinen Gedanken nachhängen kann – unabhängig davon, ob man im Hochgebirge oder am Niederrhein lebt.

Banjodad – Thirty Tigers (2022)
Stil: Americana

Tracks:
01. It’s So Hard To Hold On
02. Starting Over
03. Central Hillside Blues
04. On The Highway
05. A Lifetime To Find
06. Nothing But Blue Skies
07. Burlesque Desert Window
08. All The Good Times Are Gone
09. We’re Alright
10. Quitting Is Rough
11. The Party’s Over

Trampled By Turtles
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Town Mountain – Lines In The Levee – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Als die US-amerikanische Gruppe Town Mountain 2013 den International Bluegrass Music Award erhielt, war sie – 2005 gegründet – schon lange kein Newcomer mehr, benötigte aber noch viele Jahre, um mit ihrem Independent-Band- Status den musikalischen Durchbruch zu erreichen. Dies änderte sich 2018 mit dem sehr erfolgreichen, noch in Eigenregie aufgelegten Longplayer “New Freedom Blues”. Der Wechsel zu New West Records und der dort erschienenen Produktion “Lines In The Levee” ist ein weiterer Schritt zur Stärkung des Bandprojektes.

Die aus Asheville, North Carolina, stammende Formation hat dabei ihre musikalische Entwicklung an der Kreuzung von Classic Country und Bluegrass mit Honkytonk-String Elementen in Richtung Rock’n’Roll und Americana mit Folk Rock und Bluegrass, Roots neu interpretiert. Erstmals ist mit Miles Miller ein erfahrener Drummer dabei und ergänzt die ursprüngliche Besetzung aus Mandoline (Phil Barker), Fiddle (Bobby Britt), Guitar (Robert Greer), Banjo (Jesse Langlais) und Stand-up Bass (Zach Smith).

Die Eigenkompositionen von Greer, Barker und Langlais werden in wechselnden Lead Vocals stilvoll vorgetragen, sodass Erinnerungen an frühere Country- und Bluegrass-Interpreten nicht selten sind. Mit dem Titelsong “Lines In The Levee” bietet das Album gleich zu Beginn Country Rock, der an Stelle einer E-Gitarre, natürlich Fiddle und Banjo in den Vordergrund der Komposition bringt.

Für einen neuen Town Mountain Sound stehen überaus hörenswerte Tracks wie “Firebound Road” (ein in etwa Old School Rock’n’Roll-Bluegrass Rock) oder “American Family” (ein Bluegrass-Rockabilly), und spiegeln die unbändige Spielfreude der Band, auch angetrieben durch den Award-nominierten Produzenten Justin Francis (u. a. Anti-Flag).

“This is the sound we’ve been working towards…” bemerkt hierzu Sänger Robert Greer und meint gleichermaßen neben dem musikalischen Spektrum ebenso die tiefgreifenden Storyteller Fähigkeiten von Town Mountain. In Geschichten erzählenden Stücken (z.B. “Rene”, “Seasons Don’t Change” oder “Lean Into The Blue”) wird mit geschmeidigen Country Folk-Melodien und intensiven Lyrics über Lebensschicksale berichtet. Entsprechende Einflüsse reichen in ihren komplexen Unterschieden über die Stilrichtungen von The Band, Bill Monroe und John Hartford bis Townes van Zandt und vielleicht folkigen Grateful Dead Ansätzen.

Mit dem Americana-Stück “Daydream Quarantina” werden sogar Los Lobos – etwas zaghaft – nachempfunden. Nicht für traditionelle Puristen der Bluegrass Nation, jedoch auch für Anhänger von Springsteen-haften Country Klängen, die in der Konzertversion von “I’m On Fire” (mit selbst kreierten, mittlerweile fast schon berühmten Fiddle-Solo) inzwischen fester Bestandteil von Town Mountain Auftritten geworden sind.

Die in Nashville eingespielte Scheibe “Lines In The Levee” von Town Mountain gestaltet die Palette der Country-Bluegrass Spielwiese mit exzellentem Einfallsreichtum und starken Songtexten als eigenständige Acoustic Rock-Premiere der Band: immer vorne weg, Fiddle, Banjo und Mandoline, die Roots-Instrumente ihrer ursprünglichen musikalischen Herkunft und bleibenden Verbindung zur Heimat. Bluegrass Rock, der auch bei uns jederzeit seine Freunde finden dürfte.

New West Records (2022)
Stil: Alternative Country, Folk Rock, Bluegrass

Tracks:
01. Lines In The Levee
02. Comeback Kid
03. Distant Line
04. Firebound Road
05. Rene
06. Seasons Don’t Change
07. Daydream Quarantina
08. Big Decisions
09. Unsung Heroes
10. American Family
11. Lean Into The Blue

Town Mountain
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Lime Tree Music

Shovelin Stone – Summer Honey – CD-Review

Review: Michael Segets

2019 debütierten die beiden Freunde Makenzie Willox und Zak Thrall als Indie-Folk-Duo Shovelin Stone. Mittlerweile ist Shovelin Stone zum Quartett angewachsen. Russick Smith am Bass und Brett Throgmorton am Schlagzeug erweitern als Rhythmusfraktion den Sound, der durch akustische Gitarre und Banjo geprägt ist. „Summer Honey“ stellt ein mehrschichtiges Americana-Album dar, das seine Wurzeln im Bluegrass-orientierten Folk nicht verleugnet. Die Band aus Colorado hat die Tracks in West Virginia mit dem Produzenten Chance McCoy (Old Crow Medicine Show) aufgenommen, der für einen unmittelbaren und erdigen Klang gesorgt hat.

Der Titelsong „Summer Honey“, zugleich Single und Opener des Albums, besticht durch die starke Rhythmusarbeit, das feine Banjo von Thrall und den coolen Gesang von Willox. Sommerlich-luftig schließt sich „Won’t You Tell Me“ an, der im positiven Sinne unaufgeregt daherkommt. Im Gegensatz zur musikalischen Gestaltung steht der Inhalt, der sich um eine Beziehungskrise dreht.

Den Texten kann eine poetische Qualität nicht abgesprochen werden. Sie sind meist ernsthaft und wirken aufrichtig, wie es sich für Songwriter gehört. Ein atmosphärisch dichter Song ist „Ain’t No Shooting Star“, der die Reue über begangene Taten thematisiert. Inhaltlich in eine ähnliche Richtung bewegt sich „Here’s To Jesus“, bei dem sich das lyrische Ich eingesteht, dass ihm die Größe zur Verzeihung oder Vergebung von erlittenen Schandtaten fehlt. Ausgefeiltes Storytelling bietet „Wash Over You“, das auch musikalisch eine runde Nummer geworden ist.

Ein weiteres Highlight stellt „Note To Self“ dar: Ein toller Track mit kraftvollem Refrain, der Anleihen beim Irish-Folk aufweist. Willox bläst hier in die Mundharmonika, wodurch der Sound der Band nochmal eine neue Facette erhält. Mit dem Banjo-Picking drückt Thrall den meisten Songs seinen Stempel auf. Bei dem lockeren „No Good At Waiting“ wird es durch die Mandoline von Smith ergänzt. Hier scheint die Nähe zum Bluegrass ebenso durch wie bei dem leicht countryfizierten „Drunk When I Get There“. Das Stück könnte von The Dead South stammen. Eine Parallele der Bands besteht auch im Einsatz des Cellos. Multiinstrumentalist Smith untermalt mit ihm das stimmungsvolle „Love Me Too“ und gibt dem Abschlussstück „Black + White“ eine zusätzliche dramatische Note.

Da das Debüt von Shovelin Stone hierzulande wohl kaum wahrgenommen wurde, kann die Band mit ihrem Nachfolgealbum „Summer Honey“ als die bislang interessanteste Neuentdeckung des Jahres gefeiert werden. Das Quartett glänzt mit einer Reihe hervorragender Americana-Songs, bei denen das Banjo zwar stets präsent ist, der Soundvielfalt aber nicht im Wege steht. Es bleibt also zu hoffen, dass man von der jungen Band bald mehr hört – gerne auch live.

Eigenproduktion (2022)
Stil: Americana/

Tracks:
01. Summer Honey
02. Won’t You Tell Me
03. Ain’t No Shooting Star
04. Note To Self
05. Drunk When I Get There
06. WingSong
07. Love Me Too
08. Here’s to Jesus
09. Wash Over You
10. No Good At Waiting
11. Black + White

Shovelin Stone
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JohThema Promotions

Loudon Wainwright III – Lifetime Archievement – CD-Review

Review: Michael Segets

Der Wunsch etwas zu hinterlassen, das überdauert, trieb Loudon Wainwright III schon in jungen Jahren um. Aus einem heute wohl nicht mehr nachzuvollziehenden Grund dachte er, dass er mit 25 Jahren versterben würde. Es ist zum Glück anders gekommen, aber das Bedürfnis, sich zu verewigen, treibt den nun 76jährigen immer noch an. In dem Bewusstsein, dass „Lifetime Archievement“ sein letztes Album sein könnte, feilte Wainwright III solange an den Songs, bis er dachte, dass er nichts mehr an ihnen verbessern kann. „Lifetime Archievement“ ist eine Reflexion auf den Prozess des Alterns und zugleich eine Momentaufnahme seines derzeitigen musikalischen Stands.

Loudon Wainwright III schaut auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurück. Neben seinen musikalischen Ambitionen widmete er sich auch der Schauspielerei und trat in Filmen („28 Tage“, „Aviator“) und im Fernsehen („M.A.S.H.“, „Ally McBeal“) auf. Als Musiker veröffentlichte er fast dreißig Alben, wobei er immer noch denkt, dass er seine Zeit hätte besser nutzen können, um mehr Song zu schreiben. Dafür, dass ihm einige gelungen sind, zeugen ein Grammy für das Album „High Wide & Handsome“ sowie die Tatsache, dass sie von Größen wie Johnny Cash und Bonnie Riatt interpretiert wurden.

Wainwright III wollte ein Album traditioneller Machart vorlegen und so kann „Lifetime Archievment“ als Folkalbum durchgehen, obwohl einige Songs zum Teil mit großer Bandbesetzung eingespielt wurden. Er präsentiert sich – nur mit Gitarre und Mundharmonika bewaffnet – auf dem wortgewaltige „I Been“ als klassischer Singer/Songwriter. Tolstoi und Sartre zitiert er bei „Fam Vac“. Der dort besungene Familienurlaub wird nicht als Urlaub mit, sondern als Urlaub von der Familie ersehnt. Die Texte von Wainwright III sind also nicht durchgängig schwere Kost, sondern tragen durchaus amüsante Züge.

Bei den Folksongs variiert Wainwright III die Begleitung, indem er mal ein Akkordeon hinzufügt („It Takes 2“) oder die Gitarre durch die Ukulele ersetzt („Fun & Free“). Besonders gelungen ist „Hell“, das trotz des Titels durch die Mandolinenbegleitung entspannt wirkt. Mit Banjo und Streichern wurde das getragene „How Old Is 75?” eingespielt. Bei „One Wish“ und „It“ verzichtet Wainwright III gänzlich auf die Instrumente und sing a cappella, bei letztgenanntem unterstützt durch Chaim Tannenbaum.

Ein Highlight stellt der flotte Bluegrass „Little Piece Of Me“ dar. Das sanfte „Back In Your Town” und das rauere „Town & Country” sind weitere. Bei meinem Favoriten „Town & Country” zahlt sich die Ergänzung durch Schlagzeug und Bläsersektion aus. Einzelne Songs, wie das Titelstück, tragen leicht sentimentale Züge, aber diese halten sich im Rahmen und sind für ein Alterswerk ja auch nicht untypisch. Insgesamt hat Wainwright III das Album gemeistert und der Pokal auf dem Cover mag dafür sprechen, dass er dies auch so sieht.

Loudon Wainwright III muss sich nichts mehr beweisen, will es aber immer noch wissen. Er blickt – zum Teil mit einem Augenzwinkern – auf sein bisheriges Leben mit erfüllten und unerfüllten Wünschen sowie mit begründeten und unbegründeten Ängsten zurück. Dies tut er vor allem mithilfe von Folksongs. „Lifetime Archievement“ ist dabei nicht puristisch, sondern unternimmt Ausflüge in Americana und Bluegrass.

Proper Records – H’Art/Bertus (2022)
Stil: Folk/Americana

Tracks:
01. I Been
02. One Wish
03. It Takes 2
04. Fam Vac
05. Hell
06. Little Piece Of Me
07. No Man’s Land
08. Back In Your Town
09. Town & Country
10. Island
11. It
12. Hat
13. Lifetime Archievement
14. How Old Is 75?
15. Fun & Free

Loudon Wainwright III
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Bertus
V2 Records

The Dead South – Easy Listening For Jerks – Part 2 – EP-Review

Review: Michael Segets

The Dead South haben ihr Coverprojekt „Easy Listening For Jerks” zweigeteilt. Die beiden EPs hätten von der Spielzeit locker auf ein Album gepasst, allerdings gibt es einen Grund, warum doch zwei getrennt Veröffentlichungen gewählt wurden. Während bei „Part 1“ klassische Titel aus der Country- und Bluegrass-Geschichte neu interpretiert werden, bedient sich die Band auf „Part 2“ bei Rocksongs, die im Original meist der härteren Gangart zuzurechnen sind.

Der zweite Teil bricht daher eher mit den Erwartungen, die mit dem Repertoire einer Bluegrass-Band verbunden werden. Ergebnis dieser Wilderei in anderen Musikrichtungen sind dabei Versionen, die teils wirklich gelungen sind, teils skurrile Züge tragen.

Nach dem halbminütigen Intro „Yahoos And Triangles“ folgt direkt das Highlight der EP „People Are Strange“. Der Song von The Doors wurde vorab als Single mit Video ausgekoppelt. Mit modernster Tricktechnik erzählt das Video die Entführung der Band durch Außerirdische, die in einem Raumschiff reisen, das bezeichnenderweise die Form eines Banjos hat.

„Chop Suey“ von System Of A Down hat nervige Passagen und auch die Version von The Dead South ändert daran nicht viel. Bei „We Used To Vacation“ ersetzen die Kanadier die experimentelleren E-Gitarren-Intermezzi des Originals, das von Cold War Kids stammt, durch Banjo-und Cello-Einlagen. Nach mehrmaligen Durchläufen stören diese Abschnitte nicht mehr, sodass der Transformation durchaus etwas abgewonnen werden kann. Den Rock-Habitus retten The Dead South bei „96 Quite Bitter Beings“ (CKY) in den Bluegrass rüber.

Eingängiger sind „Saturday Night“ und „Help Me Scrape The Mucus Of My Brain“. Das letztgenannte Stück von Ween liegt bereits in der ursprünglichen Fassung nah am Country, was die Adaption erleichtert. Erstmalig übernimmt Colton Crawford dort den Leadgesang, wodurch er mit seinen Bandkollegen Nate Hilts, Scott Pringle und Danny Kenyon gleichzieht. Dass „Crying On Saturday Night“ auch in akustischer Instrumentalisierung funktioniert, bewies Michale Graves bereits selbst. The Dead South machen aus dem Song eine schön schmachtende Ballade.

Mit der auf den ersten Blick abwegigen Idee, harte Rocksongs mit einer Bluegrass-Instrumentierung zu interpretieren, erweisen sich The Dead South erneut als musikalische Grenzgänger. Aufgeschlossene Metal- und Hardrock-Fans erleben so ihre Musik mal ganz anders. Bluegrass- und Country-Liebhaber haben mit den Brüchen in den Songs wahrscheinlich Anlaufschwierigkeiten. Der Titel „Easy Listening For Jerks – Part 2” ist natürlich wieder sarkastisch aufzufassen.

Leichtes Zuhören ist sicherlich nicht durchgängig möglich und ob Trottel oder Vollidioten notwendigerweise die Zielgruppe sind, sei mal dahingestellt. Insgesamt stellen sich die Songs der zweiten Cover-EP als deutlich sperriger dar als die der ersten. Originalität kann man The Dead South aber auf jeden Fall bescheinigen.

DevilDuck Records/Indigo (2022)
Stil: Bluegrass

Tracks:
01. Yahoos And Triangles (Intro)
02. People Are Strange
03. Chop Suey
04. We Used To Vacation
05. Help Me Scrape The Mucus Of My Brain
06. Saturday Night
07. 96 Quite Bitter Beings

The Dead South
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DevilDuck Records
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The Dead South – Easy Listening For Jerks – Part 1 – EP-Review

Review: Michael Segets

Gefühlt sind Cover-CDs derzeit groß in Mode. Neben dem persönlichen Bedürfnis, die Songs, die gut gefunden oder die eigene musikalische Sozialisation geprägt haben, selbst aufzunehmen, spielen manchmal vielleicht auch kommerzielle Interessen mit in die Entscheidung hinein, eine solche Zusammenstellung zu veröffentlichen. Auf der einen Seite bleibt man bei seinen Fans im Gedächtnis, bis das nächste eigene Material fertig ist, auf der anderen Seite erlangt man auch die Aufmerksamkeit von Käuferschichten, die an den gecoverten Musikern Interesse haben. Wie dem auch sei, bei Musikern und Bands, die ihren eigenen Sound entwickelt haben, machen die neuen Versionen oftmals auch unter künstlerischem Blickwinkel Sinn.

The Dead South haben längst ihren eigenen Stil gefunden. Als Bluegrass-Combo vollführt das Quartett das Kunststück, wie eine Rockband zu klingen, wenn es will. Auf alle Fälle ist The Dead South Experimenten gegenüber aufgeschlossen und bringt so einen innovativen Touch in den Bluegrass, womit sie auch Musikliebhaber ansprechen, die mit den traditionellen Spielweisen dieser Richtung wenig anzufangen wissen. So sind bereits sämtliche für März in Deutschland angekündigte Konzerte ausverkauft. Dabei ziehen sie durch größere Hallen wie das Frankfurter Batschkapp oder das Kölner E-Werk.

Das aktuelle Cover-Projekt von The Dead South umfasst zwei EPs: „Easy Listening For Jerks – Part 1“ und „Part 2“, die parallel erscheinen. Auf dem ersten Tonträger widmen sich die Kanadier traditionellen Titeln, die teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammen. Jeder dürfte „Keep On The Sunny Side“ und „You Are My Sunshine“ kennen. Meist als beschwingte Gute-Laune-Nummern performt, können die Titel als Evergreens gelten. So finden sich beide Titel beispielsweise auch auf der Deluxe-Edition des Soundtracks von „O Brother, Where Art Thou?“. The Dead South geben „You Are My Sunshine“ eine depressive Ausrichtung und auch „Keep On The Sunny Side” bekommt eine neue Dynamik verpasst. Am Anfang noch nach Johnny Cash klingend, gibt die Band beim Refrain richtig Gas. Flottes Fingerpicking und dramatisch-leidender Gesang treiben durch den Song.

Beide Stücke nahm u. a. Johnny Cash auf, ebenso wie „Will The Circle Be Unbroken“. Die Country- Ballade klingt bei The Dead South sehr harmonisch. Das Banjo setzt dezente Akzente und das Cello untermalt die getragene Atmosphäre. Sehr schön ist, dass der Lead-Gesang wechselt. „Flint Hill Special“ präsentiert hingegen die volle Ladung Banjo. Das Instrumental bleibt wie die meisten anderen Stücke unter der Drei-Minuten-Marke und stellt ein vielleicht verzichtbares Intermezzo auf der Scheibe dar.

Bei „Matterhorn“ von den Country Gentlemen umschifft die Band trotz kräftiger Harmonien den Schmalz. Auch hier glänzt Colton Crawford erneut in den Banjo-Passagen. Das flotte Traditional „Pallet On The Floor“ rundet schließlich den eigenwilligen Streifzug durch die Musikgeschichte des Bluegrass‘ ab.

The Dead South entstauben auf „Easy Listening For Jerks – Part 1” altbackene Songs aus der Country- und Bluegrass-Ecke. Vor allem den Gassenhauern „Keep On The Sunny Side“ und „You Are My Sunshine” gewinnt die Band eine dunkle Seite ab. Die Bezeichnung ‚modern‘ und Bluegrass schließen sich eigentlich aus, aber die Songs wirken allemal frisch. Dabei schwingt bei der Combo stets eine gehörige Portion Selbstironie mit, wovon Titel und Cover der EP zeugen.

DevilDuck Records/Indigo (2022)
Stil: Bluegrass

Tracks:
01. Keep On The Sunny Side
02. Pallet On The Floor
03. Will The Circle Be Unbroken
04. Flint Hill Special
05. You Are My Sunshine
06. Matterhorn

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DevilDuck Records
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Old Salt – Live In Room 13 – EP-Review

Review: Michael Segets

Sänger Dan Wall kommt aus New York, Violinistin Lotte Remmen und Gitarrist Johannes Wannyn aus Belgien, wo auch der Stammsitz der Band liegt. Die drei bilden den Kern von Old Salt, die sich als internationale Band versteht und sich dem Bluegrass verschreiben hat. Frühere Mitglieder stammen aus Schweden, Schottland und Frankreich, wobei die Band zeitweise auf sieben Musiker anwuchs.

„Live In Room 13“ spielte Old Salt als Quartett mit Lara Rosseel am Double Bass ein. Die EP wurde live aufgenommen. Das auf dem Cover zu sehende Publikum ist allerdings nicht zu hören. Nach ihren beiden Alben „Up River Overseas“ (2016) und „Commons“ (2019) will die mit einem europäischen Bluegrass-Preis ausgezeichnete Band mit ihrer neuen Scheibe auf ausgiebige Tour gehen.

Mit viel Swing performt die Band den fast hundert Jahre alten Klassiker „Nobody Knows You When You’re Down And Out“ von Jimmy Cox. Old Salt reiht sich mit ihrer Version in eine beachtliche Reihe von Musikern ein, wie Eric Clapton und The Allman Brothers Band, die den Song ebenfalls aufnahmen. Von Woody Guthrie stammt „Pastores Of Plenty“, das als Medley mit „Charlie’s Dog“ gespielt wird. Wall komponierte den zweiten Part und beweist Fingerfertigkeit auf seinem Banjo, das zusammen mit Remmens Geige den Track antreibt.

Das Blind Alfred Reeds Stück „Always Lift Him Up And Never Knock Him Down” ist deutlich ruhiger angelegt. Die Americana-Ballade erhält durch den mehrstimmigen Gesang eine besondere Atmosphäre. Ebenso unterstützen die anderen Bandmitglieder Wall bei „St. James Infirmary Blues“ phasenweise am Mikro. Wie beim Opener gibt Old Salt auch dem traditionellen Song gehörig Swing mit.

Durch Intro und ein längeres Intermezzo der Geige sowie einer deutlichen, fast schon ins Hecktische gehenden Temposteigerung kann der Song als auffälligster der EP bezeichnet werden. Die anderen Titel haben nach meiner Einschätzung allerdings die Nase vorn. So vor allem auch der äußerst stimmungsvolle Ausklang „Grey Funnel Line“, der Irish-Folk-Töne anschlägt und a-cappella von der Band gesungen wird.

Old Salt zeigt mit den fünf Tracks der EP „Live In Room 13“ die Möglichkeiten des Bluegrass auf, der sich nicht auf den Country-nahen amerikanischer Spielart reduzieren lässt. Den beherrscht das Quartett auch, aber es gibt ebenso dem keltischen Folk und dem Swing Raum. Die in Belgien angesiedelte Band zeichnet so mit Covern älterer Songs ein buntes Bild einer Musikrichtung, die in Europa wenig etabliert ist.


Eigenproduktion (2022)
Stil: Bluegrass

Tracks:
01. Nobody Knows You When You’re Down And Out
02. Pastures Of Plenty/Charlie’s Dog
03. Always Lift Him Up And Never Knock Him Down
04. St. James Infirmary Blues
05. Grey Funnel Line

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