Matt Horan – 02.11.2021, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

Mein erster Konzertbesuch in der Kulturrampe seit März 2020 ließ die dazwischenliegende Zeit fast vergessen. Obwohl die Location im neuen Look erstrahlt, fühlte ich mich direkt wieder in die alten Zeiten zurückversetzt. Durch die bekannten Gesichter und Markus Peerlings, der es sich wie gewohnt nicht nehmen ließ, den Musiker anzukündigen, stellte sich sofort die frühere Vertrautheit wieder her.

Rampenchef „Pille“ richtete seine einführenden Worte – diesmal allerdings auf dem immer noch schrägen Bühnenrand sitzend – an die circa fünfundzwanzig Musikbegeisterten und unterstich damit die quasi intime Atmosphäre der Veranstaltung. Dass so wenige Leute den Weg in die Rampe gefunden hatten, bleibt wie so oft unverständlich, denn mit Matt Horan trat ein Singer/Songwriter an, um sein erstklassiges Werk „Tears From The Mountain“ vorzustellen. Markus Peerlings schwärmte dann auch von dem rein vokal vorgetragenen Opener „Village Churchyard“, das nach seiner Einschätzung zu den besten Albeneinstiegen der gesamten Musikgeschichte gehört.

Horan brachte den Titel an dem Abend nicht zu Gehör, sondern startete mit „Old Cold Mountain“ und ließ die beiden Stücke seiner aktuelle LP „Dreamed About Mama“ und das Traditional „High On The Mountain“ folgen. Zwischen den beiden Highlights des ersten Sets „Hills Of Mexiko“ sowie „Sorry Pretty Shiori“ zollte er seinem Vorbild Hank Williams mit „Love Sick Blues“ Tribut und schloss den „Fright Train Blues“ direkt an. Nach „Little Birdie“ performte Horan den starken Titeltrack seines Solowerks und beendete mit „Sugar Baby“ den ersten Teil des Auftritts.

Horan wechselte häufig zwischen der akustischen Gitarre und dem Banjo, wodurch er Abwechslung in seine fünfundvierzigminütige Ein-Mann-Show brachte. Vor allem, wenn er das Banjo auspackte, erhielten die Stücke einen Drive, der sich sofort auf das Publikum übertrug. Dessen Stimmung war von Anfang an begeistert, steigerte sich aber beinah ins Frenetische im Verlauf des Abends.

Da ich einen Blick auf die Setlist werfen konnte, fiel mir auf, dass mein absoluter Favorit „Led Me To The Wrong“ von Horan übersprungen wurde. Ich nutzte die Pause daher, um nachzufragen, ob er den Song noch spielt. Horan nahm den Wunsch auf und schob ihn direkt nach der Unterbrechung solo dazwischen, bevor er Alex Atienza für das zweite Set auf die Bühne holte. Atienza begleitete Horan mit akustischer Gitarre oder Mandoline und war für filigrane Zwischentöne verantwortlich. Zurückhaltend und anfänglich introvertiert wirkend, ergänzte er Horan perfekt.

Horan leitete die Stücke oft mit einigen Bemerkungen und kurzen Anekdoten ein. Besonders im zweiten Teil ließ er seiner sarkastischen Ader freien Lauf, was das Publikum honorierte. Die Atmosphäre wurde daher immer ausgelassener.

Während im ersten Set die Songs des aktuellen Albums dominierten, unternahm Horan im zweiten einen Streifzug durch sein bisheriges Werk – ergänzt durch einige Coverstücke. Unter diesen war erneut Hank Williams mit „Long Gone Lonesome Blues“ vertreten. Viele Emotionen legte Horan in „You Never Called Me By My Name“. Nach einer Serie eher getragener und wehmütiger Songs („My Love Is Gone“, „Drinking Alone“) offenbarte Horan augenzwinkernd sein Motto: Let’s make Country music sad again. Um dies zu konterkarieren streute er witzige Nummern („Big City Mama”, „Cocaine Carolina”) ein. Das Publikum ging bei allen Songs mit, selbst wenn Horan einige Jodel-Ausflüge zum Besten gab. Der Versuch, die Anwesenden in die Jodelei einzubinden, zeitigte ein – eigenwilliges – Ergebnis, das zumindest zur weiteren Auflockerung der Stimmung beitrug.

Von den Eigenkompositionen gab es seinen ersten selbstverfassten Country-Song „Take Me Home“ sowie den Soundtrack („Rambling On My Mind“) zu einem Filmprojekt zu hören. Als Frontmann von Dead Bronco besuchte er wiederholt die Kulturrampe. In Erinnerung an diese Zeit spielte er „Hard Liquor Goes Down Quicker“. Während sich Dead Bronco in Richtung Black Folk orientiert, verfolgt Horan ein anderes Bandprojekt, bei dem er sich eher dem traditionellen Country zuwendet. Für Februar ist der erste Longplayer der neuen Formation angekündigt. Als Vorgeschmack präsentierte er „Paid in Blood“. Der kraftvolle Titel gehörte zu den herausragenden Nummern des zweiten Konzertteils und schürte die Erwartungen auf die Veröffentlichung. Die aktuelle stand-alone Single „Appalachia“ brannte sich ebenfalls ins Gedächtnis ein. Atienza, der nun auch bei Dead Bronco eingestiegen ist, schrieb die Murder-Ballade gemeinsam mit Horan.

Nach der ersten Zugabe forderten die Besucher lautstark eine weitere. Sie fabrizierten dabei so viel Lärm, dass der Eindruck entstand, das Haus wäre ausverkauft. Dieser lautstarken Forderung konnte sich Horan natürlich nicht entziehen und setzte noch zwei Titel, darunter „Tennessee Boarder“, drauf.

Peerlings, der anfänglich bemerkte, dass die Konzerte von Musikern, die er klasse findet, oftmals nicht optimal besucht werden, konnte mit dem Verlauf des Abends zufrieden sein. Der Auftritt von Matt Horan mit seinem Sideman Alex Atienza war ein Beweis dafür, dass es weder viele Musiker braucht, um mitzureißen, noch ein ausverkauftes Haus, um brodelnde Konzertatmosphäre zu erleben. An dieser Stelle sei Respekt und Dank von Künstlern und Spartenpublikum an den Veranstalter ausgesprochen.

Line-up:
Matt Horan (vocals, acoustic guitar, banjo)
Alex Atienza (acoustic guitar, mandolin)

Text und Bilder: Michael Segets

Matt Horan
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Kulturrampe Krefeld

Neil Young – Carnegie Hall 1970 – CD-Review

Review: Gernot Mangold

Es gibt viele Bootlegs von Neil Young-Konzerten, zum Teil auch in recht guter Qualität. In regelmäßigen Abständen veröffentlicht Young Schätze aus seinem Fundus von Livemitschnitten. Das Konzert in der Carnegie Hall war der erste Auftritt des jungen Neil Young in der legendären New Yorker Konzerthalle und spiegelt die Frühwerke des Musikers in seiner erfolgreichen folkigen Phase kurz vor seinem damaligen Meisterwerk „Harvest“.

Die überarbeitenden analogen Tonspuren sind von einer absolut hörenswerten Qualität und so gibt es ein Solokonzert, an dem Young sich am Mikro, an der Akustikgitarre oder am Piano präsentierte. Einzeln auf die Songs einzugehen wäre wie Eulen nach Athen zu tragen.

Die insgesamt 23 Stücke sind ein Querschnitt der ersten Alben „Neil Young“, „Everybody Knows This Is Nowhere“ und „After The Goldrush“ aus den Jahren 1968 bis 1970 sowie seiner Zusammenarbeit mit Stephen Stills bei Buffalo Springfield sowie CSN&Y und es gleicht einem „Greatest Hits“-Live-Album aus der Frühphase des kanadischen Amerikaners, wo den meisten noch gar nicht bewusst war, wie prägend er sich auf die Musikwelt später auswirken würde.

In dieser Form vorgetragen, zeigt sich die unglaubliche Stärke im Songwriting, aber auch die Fingerfertigkeit als Instrumentalist. Um zwei Songs doch namentlich zu zitieren, ist es dem „Old Man“ mit diesem Livealbum gelungen, was ihm in Zeiten von „I Am A Child“ als Grundlage für seine spätere Karriere diente.

Dass er später viele dieser Songs, meist mit Crazy Horse in einem E-Gitarrengewitter erklingen ließ, ist eine Geschichte, die später geschrieben wurde. „Carnegie Hall 1970“ ist für Fans von Folkmusik ein absolut hörenswertes Werk, aber auch für die Neil Young-Anhänger aus der eher rockigen Ära ein absolut empfehlenswertes Album, um manche Songs in ihrem absoluten Ursprung zu hören.

Reprise Records/Warner Music (2021)
Stil: Folk

Tracks:
01. Down By The River
02. Cinnamon Girl
03. I Am A Child
04. Expecting To Fly
05. The Loner
06. Wonderin`
07. Helpless
08. Southern Man
09. Nowadays Clancy Can’t Even Sing
10. Sugar Mountain
11. On The Way Home
12. Tell Me Why
13. Only Love Can Break Your Heart
14. Old Man
15. After The Gold Rush
16. Flying On The Ground Is Wrong
17. Cowgirl In The Sand
18. Don`t Let It Bring You Down
19. Birds
20. Bad Fog Of Loneliness
21. Ohio
22. See The Sky About To Rain
23. Dance Dance Dance

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Brandi Carlile – In These Silent Days – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Für Brandi Carlile wird es diesmal sehr persönlich. Die US-amerikanische Songwriterin und Sängerin blickt mit ihrem neuen Werk „In These Silent Days“ auf die vergangenen, erfolgreichen Jahre zurück und hat dabei textlich emotionale und leidenschaftliche Songs aufgenommen.

Der sechsfachen Grammy-Preisträgerin, u. a. für ihre LP „By The Way I Forgive You“ (2019, Best Americana Album Of The Year) ist erneut eine selbstbewusste Produktion gelungen. Die 1981 geborene Carlile kam in ihrer ländlichen Heimat von Ravensdale, Washington, schon früh mit Country Musik in Berührung und sang bereits als Achtjährige gemeinsam mit ihrer Mutter auf der Bühne. Als sie 17 wurde zog sie nach Seattle, um dort später mit den Musikern Tim und Phil Hanseroth – bis heute – in einer Band zu spielen. Bereits ihr zweites Album „The Story“ erlangte 2007 einen gewissen Kult-Status, weil Songs davon in der bekannten US-Serie „Grey’s Anatomy“ verwendet wurden.

Die neue Scheibe ist wesentlich unter dem Einfluss von Joni Mitchells legendären Meisterwerk „Blue“ entstanden, das vor rund 50 Jahren veröffentlicht wurde und auch von Brandi Carlile bei Konzertabenden regelmäßig gewürdigt wird. Die eigenen Kompositionen, wie der Opener „Right On Time“, zeigen Brandi mit gewaltiger Vocal-Power und jeder Menge Klavier-Begleitung in schöner Balladenstimmung. Auf „You And Me On The Rock“ imponieren akustische Gitarren im Paul Simon-ähnlichen Folk-Rock-Sound, der bei „This Time Tomorrow“ mit der fast zu leisen Botschaft „I’ll always be with you“ liebevoll und folkig flaniert.

Als erfolgreiche Produzenten-Kombination bestreiten Dave Cobb und Shooter Jennings wieder die Aufnahmeleitung im Vintage-mäßigen RCA-Studio in Nashville. Sie performen mit den Hanseroth-Zwillingen (Vocals, Bass, Guitar), sowie Chris Powell (Drums) und Josh Neumann (Strings), so herausragende Songs, wie „Broken Horses“, eine Art Jefferson Airplane-CSN&Y-Rock-Nummer, die auf die ebenso betitelte Carlile-Bestseller-Autobiographie ‚anspielt‘.

Neben musikalischer Stimmen-Dynamik sind die ambitionierten und ‚geradeaus‘-Lyrics maßgeblich verantwortlich für die Wirkung der Songs und beschreiben ausführlich eine Aufarbeitung von Carliles Lebensgeschichte sowie ihre persönlichen Erfahrungen. Zart besaitete, wunderbare Gesangspassagen in „Stay Gentle“ geben dem Akustik-Kleinod eine besondere, individuelle Titel-bezogene Note.

Kaum verblassen diese Harmonien mit den ruhigeren Akkorden, wird bei „Sinners Saints and Fools“ ein famoses Rock-Gebilde auch stimmgewaltig aufgebaut, das schließlich in einem Inferno-Showdown instrumentell kollabiert. Der folgende Relationship-Song „Throwing Good After Bad“ vermittelt zum Schluss nochmals einen versöhnlichen Ausklang durch eine starke Klavier-Ballade, die Brandi meisterlich interpretiert.

Mit ihrem neuen Longplayer „In These Silent Days“ schafft Brandi Carlile ein Award–würdiges Album, zwischen Rock, Folk, Country und etwas Pop, das eine abwechslungsreiche, geschmeidige und bei genauem Hinhören nachdenkliche Wohlfühlatmosphäre hinterlässt. Ihr Idol Joni Mitchell kann stolz auf sie sein.

Low Country Sound-Elektra (2021)
Stil: Country, Folk

Tracks:
01. Right On Time
02. You And Me On The Rock (feat. Lucius)
03. This Time Tomorrow
04. Broken Horses
05. Letter To The Past
06. Mama Werewolf
07. When You’re Wrong
08. Stay Gentle
09. Sinners, Saints and Fools
10. Throwing Good After Bad

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Riddy Arman – Same – CD-Review

Review: Michael Segets

Hatte ich zuletzt mit Blick auf die Newcomer Morgan Wade und Leah Blevins vermutet, dass eine Riege junger Musikerinnen in der Americana-Szene neue Akzente setzt, bestätigt Riddy Arman mit ihrem Debüt diese These. Anders als die vorgenannten Musikerinnen geht Arman im Landleben auf und tradiert im stärkeren Maße den Mythos des amerikanischen Westens. Dies schlägt sich musikalisch in der reduzierten, akustischen Instrumentierung und ihrer größeren Nähe zum Country nieder.

In Ohio aufgewachsen durchstreifte Arman die Vereinigten Staaten, arbeitete auf verschiedenen Ranches und machte Abstecher nach New York und New Orleans. Die Singer/Songwriterin findet ihren Frieden allerdings in der Abgeschiedenheit der Farmen mit Viehzucht und Ackerbau. Dies spiegelt sich in ihren Texten wider, in denen sie die Ambivalenz dieses Lebens auslotet.

Auf der einen Seite steht die Schönheit und Erfüllung, die die Arbeit in der Natur und mit den Tieren bietet. Diesen Aspekt heben „Old Maid’s Draw“ sowie „Herding Song“ in ruhiger Weise hervor. Die belastende Stille und die Isolation, die sich fern der Städte und Mitmenschen breit machen kann, thematisiert Arman auf der anderen Seite. Das mit Streichern begleitete „Both Of my Hands“ transportiert diese eindrucksvoll und auch „Help Me Make It Through The Night“ – ein Titel von Kris Kristofferson – greift die Einsamkeit auf.

Wie Wade und Blevins nutzt Arman ihr Debüt, um ehemalige Beziehungen Revue passieren zu lassen. Auf „Half A Heart Keychain” und dem etwas kräftiger instrumentalisierten „Too Late To Write A Love Song” reflektiert sie deren Scheitern. In die gleiche Kerbe schlägt „Barbed Wire”. Sehr schön entfaltet sie dort den Dualismus des Cowboy-Mythos zwischen Autarkie und sozialen Bindungen. Der Stacheldraht symbolisiert die Grenze dieser beiden Pole. Arman ist wahrscheinlich zu jung, um den Western „Mit stahlharter Faust“ mit Kirk Douglas zu kennen, aber dieser Klassiker kommt mir bei diesem Thema in den Sinn.

Gerahmt wird das Werk durch zwei Titel, die sich mit Familiengeschichten befassen. Den Anfang macht „Spirits, Angels, Or Lies”, der vielleicht emotional am meisten berührt. Der Text beruht auf einer wahren Begebenheit: In der Nacht, in der Johnny Cash verstarb, erschien er Armans Vater am Krankenbett – einen Monat vor seinem eigenen Tod. Am Ende der CD steht „Problems On My Own”. Der Track versinnbildlicht die Emanzipation von der Familie und der Vergangenheit.

Das Erstlingswerk von Arman erscheint auf dem Label La Honda Records, das auch Colter Wall und Vincent Neil Emerson unter Vertrag hat. Arman, deren Songs zwischen Country und Folk changieren, befindet sich dort also in guter Gesellschaft.

Das selbstbetitelte Debütalbum von Riddy Arman reiht sich in eine Folge interessanter Veröffentlichungen ein, die junge Musikerinnen wie Morgan Wade oder Leah Blevins dieses Jahr vorlegen. In der thematischen Ausrichtung ähnlich, zeigen alle drei Künstlerinnen ein selbstständiges Profil. Im Vergleich zu ihren Kolleginnen setzt Arman weniger auf eingängige Melodien, stattdessen wirken ihre Songs besonders pur und unverstellt. Ihnen haftet eine gewisse Schwere und Sprödigkeit an, die durchaus einen eigenen Charme entwickeln.

La Honda Records – Thirty Tigers (2021)
Stil: Folk/Country

Tracks:
01. Spirits, Angels, Or Lies
02. Half A Heart Keychain
03. Barbed Wire
04. Both Of My Hands
05. Help Me Make It Through The Night
06. Herding Song
07. Old Maid’s Draw
08. Too Late To Write A Love Song
09. Problems On My Own

Riddy Arman
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Thirty Tigers
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Dede Priest & Johnny Clark’s Outlaws – 26.06.2021, Schwarzer Adler, Rheinberg – Konzertbericht

priesthaupt

Gute acht Monate ist es jetzt her, dass ich ein Live-Konzert besucht habe, für den Inhaber eines Rock-Musikmagazins eigentlich eine regelrechte  Horrorvorstellung. Dabei muss ich zugeben, dass es mir nach der langen Pause sogar ein wenig schwer fiel, wieder in Gang zu kommen. Trotzdem überwog natürlich die Freude, dass die Kulturszene, dank der momentan überschaubaren Inzidenzzahlen, endlich aufatmen darf und wieder erste Steps im Hinblick auf eine zukünftige Normalisierung tätigen kann. Trotzdem schwebt ein Bangen vor weiteren Rückschlägen immer noch irgendwie mit.

Der Schwarze Adler war jedenfalls optimal gerüstet. Unkomplizierte Corona-Schnelltests im nebenstehenden kleinen Anbau, eine abstandskonforme, sehr gemütlich, mit kleinen Lampen inszenierte Tischanordnung (gefiel mir sehr gut) mit den entsprechenden Formularen darauf zur Nachverfolgung. Ideal natürlich auch zum Verfassen meiner Konzertnotizen. Ist es da als Adler-Genosse schon legitim, hier von einem Home-Office-Arbeitsplatz zu reden…?

Was für eine Welt?! Ehrlich gesagt, würde ich alles lieber, wie früher, eng stehend, kaum was sehend im Dunklen, mit dem einen oder anderen Ellbogen von vorne, der Seite oder im Rücken, in kaum lesbarer Schrift festhalten. Sicherheitstechnisch gesehen, passte aber alles somit auf den Punkt! Kompliment an das Adler-Team für die perfekte Organisation!

Zu Gast war mit Dede Priest & Johnny Clark’s Outlaws ein mit unserem Magazin eng verbundenes und geschätztes Quartett, dessen Debüt-Auftritt in der hiesigen Blues-Kultstätte nach zwei Verschiebungen, jetzt im dritten Anlauf endlich realisiert werden konnte. Und auch hier stieg die charismatische Texanerin Dede Priest mit ihrem niederländischen Begleittrio in Form von Johnny Clark (alias Hans Klerken), Leon Toonen und Ray Oostenrijk, absolut pünktlich um 20:00 Uhr nach kurzer Begrüßung durch Ernst Barten auf die Bühne und fügte mit ihrem stürmischen „Texas Hurricane“, dem ausgeklügelten Adler-Lüftungssystem zum Auftakt mit einer wahren Stoßlüftung eine weitere vorbeugende Komponente hinzu.

Klasse direkt hier Dedes Hendrix-angelehntes Wah-Wah-E-Gitarrenspiel mit Hilfe ihres Cry Baby Pedal-Effektgerätes, das sich als eines ihrer fortlaufenden Trademarks (für Nichtkenner der Band) herauskristallisierte, ebenso wie die mimisch-gesangliche Begleitung eines jeden ihrer Soli. Ein weiteres unabdingbares Musik-Utensil ist natürlich ihre Violine, passend zu ihrem gypsy-mäßigem Kleidungsstil an diesem Abend (dazu die gewohnten schwarzen fingerlosen Handschuhe), die dann beim folgenden Stomper „Vermillion Allure“ ihren ersten Einsatz fand.

Ihr Counterpart, Johnny Clark, der schon beim aktuellen Album „When Birds Were Snakes“ gefühlt etwas präsenter erscheint, durfte seine knochige Stimme zum ersten Mal am Ende von „Mudslide“ einbringen. Neben Leadgesangseinsätzen bei „Superlovely“, „Make That Double A Double“, „Alaska“ und der Merle Travis Country-Folk-Klassiker-Adaption von 1947 „16 Tons“ (im Wechselgesang mit Dede zum Abschluss des Hauptteils), beschränkte er sich überwiegend auf das Zuspiel mit seinen beiden Les Paul- und Stratocaster-E-Gitarren, wobei sein Faible für Creedence Clearwater Revival-typische Klänge öfter zum Ausdruck kamen. Aber auch das eine oder andere Solo (konventionell oder geslidet) ließ er sich natürlich nicht nehmen. Guter Mann!

Drummer Leon Toonen war die Freude, sein Hand-Fuß-Koordinierungsvermögen am Schlagzeug endlich wieder vor Publikum präsentieren zu können, am deutlichsten anzumerken, sein Gesicht strahlte über den gesamten Verlauf des Gigs, während sich sein immer sehr introvertiert wirkender Rhythmuskollege Ray Oostenrijk, lieber der hochkonzentrierten Tieftönerarbeit widmete.

Am Ende standen zwei tolle Parts (samt kurzer Zwischenpause) mit über 20 Songs zu Buche, wobei sich neben dem oben erwähnten Opener „Texas Hurricane“, noch die beiden balladesken Ohrwürmer „Hyssop Blossoms (I Could Lie But I Won’t)“, „It’s Getting Late“ sowie der Titeltrack ihres ersten Albums „Flowers Under The Bridge“, der gegen Ende in eine wahre Wah-Wah-E-Gitarren-Orgie mündete und dem folkigen „Whisper & Whistle“ (Johnny mit Akustikgitarre und Dede an der Violine nur im Duett als erste von drei Zugaben), als meine persönlichen Favoriten eines hochwertigen Abends herauskristallisierten.

Schade, dass durch die Pandemie-bedingten Vorgaben samt der anfangs erwähnten Gemütlichkeit dem typischen Adler-Hexenkessel, der sich bei solch starken Gigs üblicherweise entwickelt, quasi ein imaginärer Riegel vorgeschoben wurde. Unter normalen Voraussetzungen hätte das texanisch-niederländische Quartett die Vierbaumer Kultstätte sicherlich im Sturm erobert.

So blieb es zunächst bei viel anerkennendem Applaus der zufriedenen Anwesenden und der Hoffnung, dass Dede Priest & Johnny Clark’s Outlaws demnächst mal vor voller Hütte samt brodelnder Atmosphäre, in unbeschwerten Zeiten, ihre Klasse offerieren können. Die Visitenkarte, die von der Band hinterlassen wurde, war jedenfalls auf ganzer Linie überzeugend.

Line-up:
Dede Priest (lead vocals, electric guitar, fiddle, voclas, percussion)
Johnny Clark (electric guitar, acoustic guitar, vocals, lead vocals)
Ray Oostenrijk (bass)
Leon Toonen (drums)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

Dede Priest
Johnny Clark & The Outlaws
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Schwarzer Adler Rheinberg

Neil Young – Young Shakespeare – CD-Review

cover Neil Young - Young Shakespeare

Review: Gernot Mangold

Neil Young hat mal wieder in seinem Archiv gekramt und den Mitschnitt eines Solo-Akustik-Konzertes gefunden. Historisch ist der Livemitschnitt aus dem Shakespeare Theater in Stratfort, Connecticut, etwas besonderes. Er entstand wenige Monate nach der Veröffentlichung des wegweisenden Erfolgsalbums „After The Goldrush“, das Young zur Folkikone machte. Young spielte neben Stücken des aktuellen Albums und Frühwerken einige Songs, die erst knapp ein Jahr später auf dem Megaseller „Harvest“ veröffentlicht werden sollten.

Die intime Atmosphäre des Konzertes wird auch dadurch deutlich, dass im Mitschnitt nicht die Ansagen zwischen den Songs weggeschnitten wurden, sondern einen recht redeseligen Neil Young zeigen, was nicht immer der Fall war.

Die instrumental bis auf ein Minimum reduzierten Stücke zeigen die Fähigkeiten Youngs im Songwriting und die Soundqualität lässt wenig zu wünschen übrig, da die analogen Bänder, die digital aufgearbeitet worden sind, auch für einen geplanten Musikfilm gemacht worden sind.

Die Songauswahl zeigt den damaligen musikalischen Stand Neil Youngs, wo Material von CSN&Y und mit Crazy Horse im Mittelpunkt steht. Dass mit „Dance Dance Dance“ sogar ein von Crazy Horse herausgebrachtes Stück gespielt wurde, zeigt seine schon damals bestehende Verbundenheit mit seiner Begleitband, die ihn fast seine ganze Karriere begleitete.

Das Livewerk lebt neben der Atmosphäre, die zuweilen zum besinnlichen Träumen einlädt, von den Emotionen der Stücke, in denen Young auch zur Protestikone der damaligen Zeit aufstieg, den er im Prinzip bis heute nicht verlassen sollte.

Das eindringliche klagende „Ohio“ nimmt den Zuhörer in seinen Bann und kann auch textlich heute noch als aktuell gesehen werden, es müssten nur einige Namen ausgetauscht werden (was ich dann selbst bei einem späteren Neil Young- Konzert mal erleben durfte).

Das emotionalste Stück ist das ein Jahr später auf „Harvest“ veröffentlichte „The Needle And The Demaged Done“, in dem er den Weg von Künstlern beschreibt, die ein Opfer der Heroinsucht wurden. Namentlich wurde Danny Whitten, der Gitarrist von Crazy Horse nicht benannt, aber etwa ein Jahr später musste dieser wegen seiner Sucht die Band verlassen und starb wenig später an einem Mix aus Drogen und Medikamenten. So wie Young den Song spielte, kann der Zuhörer das Gefühl bekommen, dass sich Young, in der Ahnung was passieren würde, schon zu dem Zeitpunkt von seinem damaligen Freund verabschiedet hätte.

Gelungen ist auch, wie Neil Young die erst später veröffentlichten Tracks „A Man Needs A Maid“ und „Heart Of Gold“ träumerisch miteinander thematisch verschmelzen lässt und zeigt, dass sich Letztgenanntes auch gut auf dem Piano begleiten lässt.

Das Album ist für Neil Young-Fans fast schon als Pflicht anzusehen, da es einen guten Überblick über eine frühe Phase des Künstlers gibt und es schöne akustische Versionen von Stücken wie „Down By The River“ oder „Cowgirl In The Sand“ beinhaltet, die auf diesen schon eine gewisse Härte aufweisen, und erahnen ließen, in welche Richtung sich Neil Young später insbesondere mit Crazy Horse entwickeln sollte.

Für Freunde der akustischen Musik oder des Folkrocks ist das Album ebenfalls lohnend, da es auch eine Art „Greatest Hits“, live eingespielt darstellt und das durch seine Zeitlosigkeit immer noch aktuell ist.

Band:
Neil Young: Vocals & Guitar, Piano

Reprise Records/Warner Music (2021)
Stil: Folk

Tracks:
01. Tell Me Why
02. Old Man
03. The Needle And The Demage Done
04. Ohio
05. Dance Dance Dance
06. Cowgirl In The Sand
07. A Man Needs A Maid / Heart Of Gold
08. Journey Through The Past
09. Don’t Let It Bring Down
10. Helpless
11. Down By The River
12. Sugar Mountain

Oktober Promotion

Ryan Adams – Wednesdays – CD-Review

Ryan Adams Wednesdays Albumcover 300

Review: Michael Segets

Die ersten Lorbeeren verdiente sich Ryan Adams als Frontmann von Whiskeytown. Seit der Jahrtausendwende startete er eine Solokarriere, phasenweise unterstützt von seiner Begleitband The Cardinals. Äußerst produktiv brachte er in den letzten zwanzig Jahren siebzehn Alben heraus. Damit nicht genug nahm er zudem auf dem Produzentenstuhl für Willie Nelson und Jesse Malin Platz. Quasi nebenher veröffentlichte er Gedichte und Kurzgeschichten. An seinem Debütroman arbeitet er zurzeit.

Ryan Adams genießt einen außerordentlichen Ruf als Songschreiber. Sein künstlerisches Schaffen ist vielfältig und als Musiker lässt er sich nicht auf eine Musikrichtung festlegen. Seine Bandbreite umfasst eine Palette zwischen den Eckpunkten Rock und Alternative Country. Das Grammy-nominierte „Gold“ (2001), „Rock n Roll“ (2003) und das etwas schwächere „Love Is Hell“ (2004), auf dem sich allerdings ein schönes Cover von „Wonderwall“ (Oasis) befindet, stehen ebenso in meinem CD-Regal, wie das mit The Cardinals eingespielte „Jacksonville City Nights“ (2005). Danach tut sich eine Lücke auf und ich habe seine Karriere nicht weiter verfolgt, bis mich ein Freund auf das Vorgängeralbum von „Wednesdays“ aufmerksam machte. Das kraftvolle „Prisoner“ (2017) rückte Adams wieder in meinen Wahrnehmungshorizont.

Eine für ihn ungewöhnlich lange Zeit hörte man nach „Prisoner“ nichts von ihm. Konfrontiert mit gesundheitlichen Problemen und Missbrauchsvorwürfen, zog sich Adams zurück und konzentrierte sich auf seine Wurzeln als Singer/Songwriter. In den vergangenen drei Jahren entwarf er wohl genug Material für drei Alben, die er als Trilogie herausgeben möchte. Den Auftakt dazu stellt „Wednesdays“ dar. Als Mitproduzenten konnte Adams keinen geringeren als Don Was gewinnen, der neben den Rolling Stones oder Bob Dylan auch etliche Musiker unterstützte, die bei SoS gerne besprochen werden (u. a. Bob Seger, Gregg Allman, Lucinda Williams, Garth Brooks).

Auf der CD präsentiert sich Adams von einer Singer/Songwriter-Seite, wie ich sie von ihm noch nicht gehört habe. Bei den meisten Stücken steht die akustische Gitarre als Begleitung im Fokus. Vor allem mit dem reduziert instrumentalisierten „Poison & Pain” bewegt sich Adams auf Augenhöhe mit den Klassikern der Folktradition. Er umschifft die Gefahr der Eintönigkeit, die Folkalben anhaftet, indem er die Möglichkeiten der akustischen Gitarre auslotet und dezente Variationen in der weiteren Begleitung einsetzt. So ist bei „So, Anyways“ eine langgezogene Mundharmonika zu hören oder bei dem klagenden „Mamma“ ein intensiver Harmoniegesang.

Eine breitere Instrumentalisierung weist die erste Single „I’m Sorry And I Love You“ auf, mit der der Longplayer einsteigt, sowie das eine besondere Dynamik entwickelnde „When You Cross Over“. Das mittig platzierte „Birmingham” bringt mit dem kräftigen, fast schon rockigen Schlagzeug, eine willkommene Abwechslung zwischen die ansonsten langsamen Songs.

Insgesamt durchzieht das Album eine getragene Stimmung, die mit den wehmütigen, aber nicht romantisch verklärenden Texten korrespondiert. Der Titel des Abschlussstück „Dreaming You Backwards” ist für die inhaltliche Ausrichtung der Songs charakteristisch, die meist um schmerzvolle Erinnerungen und vergangene Liebesgeschichten kreisen. Bei dem Track sitzt Adams am Klavier. Mit elektrischer Gitarre, Percussion und einem Background, der einen Anflug von Gospel vermittelt, krönt Adams das Ende seines Werks.

Ryan Adams zeigt sich auf „Wednesdays“ einmal mehr als kreativer Kopf. Über weite Teile des Albums erfindet er sich als Folksänger neu. Dabei verfolgt er keine puristische Linie, sondern lotet Genregrenzen aus und führt seine Songs zu einer atmosphärisch stimmigen Einheit zusammen.

Pax-Americana/Roughtrade (2021)
Stil: Folk, Americana

Tracks:
1. I’m Sorry And I Love You
2. Who Is Going To Love Me Now, If Not You
3. When You Cross Over
4. Walk In The Dark
5. Poison & Pain
6. Wednesdays
7. Birmingham
8. So, Anyways
9. Mamma
10. Lost In Time
11. Dreaming You Backwards

Ryan Adams
Ryan Adams bei Facebook
Rough Trade
Another Dimension PR Agentur

Cam – The Otherside – CD-Review

CAM_300

Satte fünf Jahre sind schon wieder vergangen, seit Cameron Ochs, alias Cam, mit ihrem zweiten Album und gleichzeitigem Major-Debüt „Untamed“ (enthielt den Smash-Hit „Burning House“), die Herzen der Kritiker im Sturm eroberte und die Weichen für die andere, erfolgreiche Seite ihrer Karriere in Nashville, gestellt hatte.

Nun liefert sie mit „The Otherside“ den lang ersehnten Nachfolger, mittlerweile unter dem RCA-Unterlabel Triple Tigers, nachdem ein, sich nicht als charttauglich erweisender Song namens  „Road To Happiness“, zum Zerwürfnis mit dem bis dato federführenden Arista-Label geführt hatte.

Produziert hat sie das Werk gemeinsam mit Tyler Johnson (Harry Styles, Sam Smith) und Grammy-Gewinner Jeff Bhasker (Kanye West, Bruno Mars).

Die Scheibe mit ihren elf Tracks bietet durchgehend angenehmes Hörvergnügen, die reduzierte Rhythmusgebung, meist mit einer halbakustisch klingenden Gitarre und percussionartigen Drum-Claps, bietet ihrer leicht näselnden, aber sehr variablen Stimme, einen perfekten Untergrund.

Das ganze klingt dann, als wenn sie sich mit Tracy Chapman, Shania Twain, Emmylou Harris und Stevie Nicks zu einer Art musikalischem Brainstorming versammelt hätte und deren Anstöße für die Umsetzung der neuen Tracks, hat einfließen lassen.

Meine persönlichen Favoriten sind das keltisch-folkige Titelstück „The Other Side“ (klingt fast wie alten Friedensmusiker Bots, geschrieben von Cam noch zusammen mit dem kürzlich verstorbenen Tim Bergling (Avicii), das lässige groovende „Changes“ mit wunderschönem Refrain und Pfeif-Intermezzo und der durch untypisches Kirchenglockengeläut ummantelte coole Barroom Blues „Happier For You“ (mit claptoneskem Slide, klasse Piano und jeder Menge emotionalem Flair).

Die 36-jährige Sängerin jongliert auf „The Otherside“ insgesamt stilsicher mit Country-, Pop-, Folk- und Singer-/Songwriter-Requisiten und bezaubert dazu mit ihrem tollem ausdrucksstarken Gesang.

Und wenn die lockenköpfige Blondine in der  finalen Pianoballade so schön eindringlich und inbrünstig, fast schon flehend am Ende „take it from a girl like me“ singt, hat ihr der Autor des Reviews schon längst aus der Hand gefressen…

Triple Tigers / RCA Records (2020)
Stil: New Country

01. Redwood Tree
02. The Otherside
03. Classic
04. Forgetting You
05. Like A Movie
06. Changes
07. Till There’s Nothing Left
08. What Goodbye Means
09. Diane
10. Happier For You
11. Girl Like Me

Cam
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Sony Music

Blitzen Trapper – Holy Smokes Future Jokes – CD-Review

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Review: Jörg Schneider

Als ich die neue CD der Billy Walton Band über Marcus Offermanns von Bertus Musikvertrieb für eine Rezension erhielt, hatte er mir auch das neueste Werk von Blitzen Trapper dazu gepackt. Bislang war die Band für mich völlig unbekannt und ich musste mich also erst einmal ein wenig mit ihr beschäftigen.

Bei der Truppe handelt es sich um ein seit 2000 bestehendes Quintett aus Portland, Oregon, mit Frontmann Eric Earley (Gitarre, Mundharmonika, Gesang, Keyboards), Erik Menteer (Gitarre, Keyboards), Brian Adrian Koch (Drums, Gesang, Mundharmonika), Michael Van Pelt (Bass) und Marty Marquis (Gitarre, Keyboards, Gesang, Melodica). Stilistisch sind sie dem Alternative Country und Folk zu zurechnen.

Die vorliegende CD mit dem etwas kryptisch verschwurbelten Titel „Holy Smokes Future Jokes“ ist das zehnte Album der Band. Beim ersten kurzen Anspielen der zehn Titel dachte ich noch, ok, das hört sich ja nicht schlecht an. Nach dem zweiten aufmerksamen Zuhören bleibt allerdings der Eindruck, dass sich alle Tracks doch recht ähnlich anhören und so vor sich hin plätschern. Die meisten Songs auf dem Album sind im Singer/Songwriter-Stil melodiös und ohne große Aufreger arrangiert. „Baptismal“ und „Bardo‘s Light“ sind recht ähnlich komponiert, wobei Earleys Stimme im ersten Track leicht verhallt ist und „Magical Thinking“ wartet mit einem schönen Gitarrenintro im Fingerpicking-Stil auf.

Das interessanteste und beste Stück ist aber sicherlich „Masonic Temple Microdose #1“. Eine härter gespielte Gitarre mit Slideeinlagen gibt hier den Rhythmus vor und erinnert ein wenig an den Pop-Rock der 60er Jahre. Erwähnenswert sind ansonsten noch „Requiem“, ein Song, der nicht, wie der Titel vermuten lässt, schwermütig ist, sondern fröhlich positiv klingt und natürlich das Titel gebende Stück „Holy Smokes Future Jokes“ mit zu „Holy Smokes …“ passenden, leicht psychedelischen Anleihen.

Die Stücke allein machen das Album allerdings nicht aus. Als Zuhörer sollte man nach Möglichkeit schon auf die Lyrics achten, wobei diese aber zugegebenermaßen nicht immer leicht verständlich sind. Aber die Mühe, die Texte verstehen zu wollen, lohnt. Immerhin geht es in den Songs um ganz existentielle Fragen des menschlichen Daseins.

Die Texte sind von George Saunders Buch „Lincoln in the Bardo“ inspiriert. Dem tibetischen Buddhismus zufolge, beschreibt der Begriff „Bardo“ Bewusstseinszustände im Dies- und Jenseits. Und genau diese Gedanken greifen Blitzen Trapper auf und setzen sie in traumhafte und apokalyptische Szenarien um, womit sich somit auch der kryptisch anmutende Name des Albums erklären lässt.

Musikalisch gesehen ist die Scheibe mit der vor sich hinplätschernden Musik also gut zum Abschalten/Träumen/Meditieren geeignet. Wenn man sich zudem noch auf die Texte einlassen kann, bekommt man aber auch noch eine spannende intellektuell-philosophische Reise gratis dazu.

Yep Roc/Bertus (2020)
Stil: Alternative Country, Folk, Singer/Songwriter

Tracks:
01. Baptismal
02. Bardo‘s Light (Quija, Quija)
03. Don‘t Let Me Run
04. Magical Thinking
05. Masonic Temple Microdose #1
06. Requiem
07. Holy Smokes Future Jokes
08. Sons And Unwed Mothers
09. Dead Billy Jean
10. Hazy Morning

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Yep Roc Records
Bertus

Joan Osborne – Trouble And Strife – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

25 Jahre nach ihrem bis heute populären Erfolgstitel „One Of Us“ – der übrigens aus der Feder von Eric Bazilian (The Hooters) stammt – hat Joan Osborne mit „Trouble And Strife“ einen selbstbewussten Longplayer eingespielt: 10 Eigenkompositionen von erstaunlicher Comeback-Qualität.

Schon der erste und kraftvolle Titel „Take It Any Way I Can’t Get It“, ein souliger, energiegeladener Aufruf, das Leben zu genießen, signalisiert, 6 Jahre nach den letzten „Originals“ ist Osborne zurück. Ein bunter Katalog aus Rock-, Pop-, Blues-, Roots-, Soul-Funk und Western-Elementen beschreibt überzeugend ihre ungezwungene Lebhaftigkeit. Sich nicht auf eine musikalische Stilrichtung festlegen zu wollen, bestimmt offenbar das Songwriting. Osborne balanciert thematisch in ihren sozialkritischen Texten, die nach ihren Worten noch nie derartig politisch intensiv agierten, wie bei einer Gratwanderung zwischen Trost und Optimismus. Auch der zweite Titel „What’s That You Say“ geht in diese Richtung: eine ansprechende Funk-Soul-Nummer schildert ausdrucksstark die dramatischen Kindheitserlebnisse einer mexikanischen Migrantin auf den Weg in die USA.

Der von Joan Osborne in ihrem Studio in Brooklyn selbst produzierte Longplayer wird stets von einer großartigen Begleitband getragen und durch Wilco-Gitarrist Nels Cline als Gast verstärkt. Joans Songwriter-Qualitäten als engagierte Liedermacherin und anerkannte Stimme ihrer Generation zeigen sich vor allem in den energischen Statements ihrer Texte verbunden mit glaubwürdiger Überzeugungskraft. Sehr ambitionierte Stücke, wie der bluesige Stomp „Hands Off“ – gegen die Ausbeutung von Menschen und des Planeten – und die rhythmische Rock-Pop Interpretation von „That Was A Lie“ – die sich in ihren zornigen Lyrics gegen die Verbreitung von Falschinformationen wendet, wirken mutig und bestimmt.

Mit ihrem 10. Album verarbeitet Osborne gleichzeitig weitreichende persönliche Inspirationen aus ihrer Tournee mit Dylan-Songs und offenbart deren Einfluss im Titel-Track „Trouble And Strife“, einer meisterlichen Western-Style-Ballade, mit sarkastischem Text, aber eigener Sound-Dynamik. Bei den sehr unterschiedlichen Stücken der neuen Scheibe darf ebenso wenig ein groovender Boogie fehlen – hier „Meat & Potatoes“ – der an Osbornes Zeiten als Mitbegründerin der Blues-Rock-Band Trigger Hippy erinnert.

Dass die mitreißende Kreativität Osbornes auch immer wieder ehrgeizige Ideen hervorbringt, zeigt die erste Single „Boy Dontcha Know“, ein schöner Retro-Song über feministische Herausforderungen. Für das warmherzige Klangvergnügen des Wurlitzer-Sounds ist „Never Get Tired (Of Loving You)“ dabei ebenso treffend geschaffen, wie die herrlich swingende Ballade „Whole Wide World“, die eine beinahe magisch-hoffnungsvolle Zuversicht spielerisch verkörpert.

Einschließlich des surrealistisch-collagenartigen Plattencovers mit einer schmunzelnden Joan Osborne als „Pilotin“ am Mikrofon, ist „Trouble And Strife“ ein Album, das ein dickes Ausrufezeichen verdient. Respekt vor dieser musikalischen Botschafterin, die eine exzellente Mischung ihrer Allround-Fähigkeiten nicht nur unterhaltsam aufbereitet, sondern als Songschreiberin in unstabilen Zeiten Zivilcourage selbstsicher demonstriert.

Womanly Hips Records (2020)
Stil: Rock, Country, Folk

Tracklist:
01. Take It Any Way I Can Get It
02. What’s That You Say
03. Hands Off
04. Never Get Tired (Of Loving You)
05. Trouble And Strife
06. Whole Wide World
07. Meat & Potatoes
08. Boy Dontcha Know
09. That Was A Lie
10. Panama

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