Cam – The Otherside – CD-Review

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Satte fünf Jahre sind schon wieder vergangen, seit Cameron Ochs, alias Cam, mit ihrem zweiten Album und gleichzeitigem Major-Debüt „Untamed“ (enthielt den Smash-Hit „Burning House“), die Herzen der Kritiker im Sturm eroberte und die Weichen für die andere, erfolgreiche Seite ihrer Karriere in Nashville, gestellt hatte.

Nun liefert sie mit „The Otherside“ den lang ersehnten Nachfolger, mittlerweile unter dem RCA-Unterlabel Triple Tigers, nachdem ein, sich nicht als charttauglich erweisender Song namens  „Road To Happiness“, zum Zerwürfnis mit dem bis dato federführenden Arista-Label geführt hatte.

Produziert hat sie das Werk gemeinsam mit Tyler Johnson (Harry Styles, Sam Smith) und Grammy-Gewinner Jeff Bhasker (Kanye West, Bruno Mars).

Die Scheibe mit ihren elf Tracks bietet durchgehend angenehmes Hörvergnügen, die reduzierte Rhythmusgebung, meist mit einer halbakustisch klingenden Gitarre und percussionartigen Drum-Claps, bietet ihrer leicht näselnden, aber sehr variablen Stimme, einen perfekten Untergrund.

Das ganze klingt dann, als wenn sie sich mit Tracy Chapman, Shania Twain, Emmylou Harris und Stevie Nicks zu einer Art musikalischem Brainstorming versammelt hätte und deren Anstöße für die Umsetzung der neuen Tracks, hat einfließen lassen.

Meine persönlichen Favoriten sind das keltisch-folkige Titelstück „The Other Side“ (klingt fast wie alten Friedensmusiker Bots, geschrieben von Cam noch zusammen mit dem kürzlich verstorbenen Tim Bergling (Avicii), das lässige groovende „Changes“ mit wunderschönem Refrain und Pfeif-Intermezzo und der durch untypisches Kirchenglockengeläut ummantelte coole Barroom Blues „Happier For You“ (mit claptoneskem Slide, klasse Piano und jeder Menge emotionalem Flair).

Die 36-jährige Sängerin jongliert auf „The Otherside“ insgesamt stilsicher mit Country-, Pop-, Folk- und Singer-/Songwriter-Requisiten und bezaubert dazu mit ihrem tollem ausdrucksstarken Gesang.

Und wenn die lockenköpfige Blondine in der  finalen Pianoballade so schön eindringlich und inbrünstig, fast schon flehend am Ende „take it from a girl like me“ singt, hat ihr der Autor des Reviews schon längst aus der Hand gefressen…

Triple Tigers / RCA Records (2020)
Stil: New Country

01. Redwood Tree
02. The Otherside
03. Classic
04. Forgetting You
05. Like A Movie
06. Changes
07. Till There’s Nothing Left
08. What Goodbye Means
09. Diane
10. Happier For You
11. Girl Like Me

Cam
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Sony Music

Blitzen Trapper – Holy Smokes Future Jokes – CD-Review

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Review: Jörg Schneider

Als ich die neue CD der Billy Walton Band über Marcus Offermanns von Bertus Musikvertrieb für eine Rezension erhielt, hatte er mir auch das neueste Werk von Blitzen Trapper dazu gepackt. Bislang war die Band für mich völlig unbekannt und ich musste mich also erst einmal ein wenig mit ihr beschäftigen.

Bei der Truppe handelt es sich um ein seit 2000 bestehendes Quintett aus Portland, Oregon, mit Frontmann Eric Earley (Gitarre, Mundharmonika, Gesang, Keyboards), Erik Menteer (Gitarre, Keyboards), Brian Adrian Koch (Drums, Gesang, Mundharmonika), Michael Van Pelt (Bass) und Marty Marquis (Gitarre, Keyboards, Gesang, Melodica). Stilistisch sind sie dem Alternative Country und Folk zu zurechnen.

Die vorliegende CD mit dem etwas kryptisch verschwurbelten Titel „Holy Smokes Future Jokes“ ist das zehnte Album der Band. Beim ersten kurzen Anspielen der zehn Titel dachte ich noch, ok, das hört sich ja nicht schlecht an. Nach dem zweiten aufmerksamen Zuhören bleibt allerdings der Eindruck, dass sich alle Tracks doch recht ähnlich anhören und so vor sich hin plätschern. Die meisten Songs auf dem Album sind im Singer/Songwriter-Stil melodiös und ohne große Aufreger arrangiert. „Baptismal“ und „Bardo‘s Light“ sind recht ähnlich komponiert, wobei Earleys Stimme im ersten Track leicht verhallt ist und „Magical Thinking“ wartet mit einem schönen Gitarrenintro im Fingerpicking-Stil auf.

Das interessanteste und beste Stück ist aber sicherlich „Masonic Temple Microdose #1“. Eine härter gespielte Gitarre mit Slideeinlagen gibt hier den Rhythmus vor und erinnert ein wenig an den Pop-Rock der 60er Jahre. Erwähnenswert sind ansonsten noch „Requiem“, ein Song, der nicht, wie der Titel vermuten lässt, schwermütig ist, sondern fröhlich positiv klingt und natürlich das Titel gebende Stück „Holy Smokes Future Jokes“ mit zu „Holy Smokes …“ passenden, leicht psychedelischen Anleihen.

Die Stücke allein machen das Album allerdings nicht aus. Als Zuhörer sollte man nach Möglichkeit schon auf die Lyrics achten, wobei diese aber zugegebenermaßen nicht immer leicht verständlich sind. Aber die Mühe, die Texte verstehen zu wollen, lohnt. Immerhin geht es in den Songs um ganz existentielle Fragen des menschlichen Daseins.

Die Texte sind von George Saunders Buch „Lincoln in the Bardo“ inspiriert. Dem tibetischen Buddhismus zufolge, beschreibt der Begriff „Bardo“ Bewusstseinszustände im Dies- und Jenseits. Und genau diese Gedanken greifen Blitzen Trapper auf und setzen sie in traumhafte und apokalyptische Szenarien um, womit sich somit auch der kryptisch anmutende Name des Albums erklären lässt.

Musikalisch gesehen ist die Scheibe mit der vor sich hinplätschernden Musik also gut zum Abschalten/Träumen/Meditieren geeignet. Wenn man sich zudem noch auf die Texte einlassen kann, bekommt man aber auch noch eine spannende intellektuell-philosophische Reise gratis dazu.

Yep Roc/Bertus (2020)
Stil: Alternative Country, Folk, Singer/Songwriter

Tracks:
01. Baptismal
02. Bardo‘s Light (Quija, Quija)
03. Don‘t Let Me Run
04. Magical Thinking
05. Masonic Temple Microdose #1
06. Requiem
07. Holy Smokes Future Jokes
08. Sons And Unwed Mothers
09. Dead Billy Jean
10. Hazy Morning

Blitzen Trapper
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Yep Roc Records
Bertus

Joan Osborne – Trouble And Strife – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

25 Jahre nach ihrem bis heute populären Erfolgstitel „One Of Us“ – der übrigens aus der Feder von Eric Bazilian (The Hooters) stammt – hat Joan Osborne mit „Trouble And Strife“ einen selbstbewussten Longplayer eingespielt: 10 Eigenkompositionen von erstaunlicher Comeback-Qualität.

Schon der erste und kraftvolle Titel „Take It Any Way I Can’t Get It“, ein souliger, energiegeladener Aufruf, das Leben zu genießen, signalisiert, 6 Jahre nach den letzten „Originals“ ist Osborne zurück. Ein bunter Katalog aus Rock-, Pop-, Blues-, Roots-, Soul-Funk und Western-Elementen beschreibt überzeugend ihre ungezwungene Lebhaftigkeit. Sich nicht auf eine musikalische Stilrichtung festlegen zu wollen, bestimmt offenbar das Songwriting. Osborne balanciert thematisch in ihren sozialkritischen Texten, die nach ihren Worten noch nie derartig politisch intensiv agierten, wie bei einer Gratwanderung zwischen Trost und Optimismus. Auch der zweite Titel „What’s That You Say“ geht in diese Richtung: eine ansprechende Funk-Soul-Nummer schildert ausdrucksstark die dramatischen Kindheitserlebnisse einer mexikanischen Migrantin auf den Weg in die USA.

Der von Joan Osborne in ihrem Studio in Brooklyn selbst produzierte Longplayer wird stets von einer großartigen Begleitband getragen und durch Wilco-Gitarrist Nels Cline als Gast verstärkt. Joans Songwriter-Qualitäten als engagierte Liedermacherin und anerkannte Stimme ihrer Generation zeigen sich vor allem in den energischen Statements ihrer Texte verbunden mit glaubwürdiger Überzeugungskraft. Sehr ambitionierte Stücke, wie der bluesige Stomp „Hands Off“ – gegen die Ausbeutung von Menschen und des Planeten – und die rhythmische Rock-Pop Interpretation von „That Was A Lie“ – die sich in ihren zornigen Lyrics gegen die Verbreitung von Falschinformationen wendet, wirken mutig und bestimmt.

Mit ihrem 10. Album verarbeitet Osborne gleichzeitig weitreichende persönliche Inspirationen aus ihrer Tournee mit Dylan-Songs und offenbart deren Einfluss im Titel-Track „Trouble And Strife“, einer meisterlichen Western-Style-Ballade, mit sarkastischem Text, aber eigener Sound-Dynamik. Bei den sehr unterschiedlichen Stücken der neuen Scheibe darf ebenso wenig ein groovender Boogie fehlen – hier „Meat & Potatoes“ – der an Osbornes Zeiten als Mitbegründerin der Blues-Rock-Band Trigger Hippy erinnert.

Dass die mitreißende Kreativität Osbornes auch immer wieder ehrgeizige Ideen hervorbringt, zeigt die erste Single „Boy Dontcha Know“, ein schöner Retro-Song über feministische Herausforderungen. Für das warmherzige Klangvergnügen des Wurlitzer-Sounds ist „Never Get Tired (Of Loving You)“ dabei ebenso treffend geschaffen, wie die herrlich swingende Ballade „Whole Wide World“, die eine beinahe magisch-hoffnungsvolle Zuversicht spielerisch verkörpert.

Einschließlich des surrealistisch-collagenartigen Plattencovers mit einer schmunzelnden Joan Osborne als „Pilotin“ am Mikrofon, ist „Trouble And Strife“ ein Album, das ein dickes Ausrufezeichen verdient. Respekt vor dieser musikalischen Botschafterin, die eine exzellente Mischung ihrer Allround-Fähigkeiten nicht nur unterhaltsam aufbereitet, sondern als Songschreiberin in unstabilen Zeiten Zivilcourage selbstsicher demonstriert.

Womanly Hips Records (2020)
Stil: Rock, Country, Folk

Tracklist:
01. Take It Any Way I Can Get It
02. What’s That You Say
03. Hands Off
04. Never Get Tired (Of Loving You)
05. Trouble And Strife
06. Whole Wide World
07. Meat & Potatoes
08. Boy Dontcha Know
09. That Was A Lie
10. Panama

Joan Osborne
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Oktober Promotion

Tennessee Jet – The Country – CD-Review

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Review: Michael Segets

„Ich bin mit Outlaw Country aufgewachsen“, sagt Tennessee Jet und dieser schwingt bei seiner Musik immer – zumindest hintergründig – mit. Dabei verlässt Tennessee Jet mehrfach die vertrauten Regionen dieses Genres, um seine Grenzen auszuloten und einen eigenen Sound weiterzuentwickeln.

Sein dritter Longplayer „The Country“ erscheint nun bei dem renommierten Label Thirty Tigers. Spielte Tennessee Jet seine beiden ersten Alben quasi im Alleingang ein, holte er sich nun einige Musiker aus der einschlägigen Szene ins Studio. So verpflichtete er die Tour-Band von Dwight Yoakam, den er ebenso wie Willie Nelson bereits auf Konzertreisen begleitete. Für das sehr gelungene Cover von Townes Van Zandt „Pancho & Lefty“ gewann er Elizabeth Cook, Cody Jinks und Paul Cauthen, die ihn am Mikro unterstützen. Zusätzliche Würze erhält der Klassiker durch die Mundharmonika von Mickey Raphael (Willie Nelson) sowie die Trompete von Brian Newman (Lady Gaga).

Darüber hinaus finden sich mit „She Talks To Angels“ ein weiterer Song auf der Scheibe, der nicht aus der Feder von Tennessee Jet stammt. Den Titel der Black Crows performt er als flotten Bluegrass.

Der Opener „Stray Dogs“ ist eine schnelle Country-Nummer. Bei ihr erinnert sich Tennessee Jet an die Zeit, als er ständig unterwegs war und zusammen mit seiner Frau von einem Auftritt zum nächsten jagte. Mit „The Raven & The Dove“ unterstreicht der Musiker sein Faible für den Country und überzeugt dort auch im Midtempo besonders durch den eingängigen Refrain.

Die Spannweite des Genres deckt Tennessee Jet weiterhin mit den Balladen „Sparklin’ Burnin’ Fuse’“ sowie „Someone To You“ ab. Vor allem beim letztgenannten Stück kommt sehr viel Slide zum Einsatz, wodurch es etwas schwülstig gerät. Mit „The Country“ läuft Tennessee Jet aber wieder zur Hochform auf. Die in einzelnen Passagen einsetzende Geige begleitet den getragenen Song sehr stimmungsvoll.

Wie der Titelsong ist auch das dylaneske „Off To War“ dezent und akustisch instrumentalisiert. Neben der Geige sorgt bei dem Song eine Mundharmonika für Atmosphäre. Als Kontrastprogramm lässt es Tennessee Jet bei zwei Stücken ordentlich scheppern. Bei „Johnny“ arbeitet er sogar mit Rückkopplungen, wobei Reminiszenzen an den Grunge-Sound in den Sinn kommen. Der Track ist als Hommage auf den Country-Musiker Johnny Horton gedacht, der 1960 bei einem Autounfall ums Leben kam. Schließlich findet sich noch der kraftvolle Roots-Rocker „Hands On You“ auf dem Longplayer, den ich zu meinem Favoriten erkoren habe.

Tennessee Jet kann nicht nur Country. In diesem Genre bietet „The Country“ bereits eine breite Palette unterschiedlicher Spielarten. Selbstbewusst richtet Tennessee Jet seinen Blick darüber hinaus in Richtung Folk und Rock und offenbart dort ebenfalls großes Potential. Mit dieser Spannbreite sorgt er für ein äußerst abwechslungsreiches Album. Zudem darf man also gespannt sein, welchen Weg er zukünftig einschlägt und wie weit er sich dabei von seinen Wurzeln entfernt.

Tennessee Jet Music – Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Country, Folk, Rock

Tracks:
01. Stray Dogs
02. The Raven & The Dove
03. Johnny
04. Pancho & Lefty
05. Off To War
06. Hands On You
07. Someone To You
08. The Country
09. She Talks To Angels
10. Sparklin’ Burnin’ Fuse’

Tennessee Jet
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Matt Horan – Tears From The Mountain – Vinyl-Review

Review: Michael Segets

Auf dem Cover habe ich den Frontmann von Dead Bronco nicht wiedererkannt: weißes Hemd mit Krawatte, nahezu glatt rasiert, Seitenscheitel und Hornbrille. Einzig die Tätowierungen brechen mit dem Bild eines Gentlemans in den 1950ern. Bei dem Auftritt seiner Cow-Punk-Band in der Kulturrampe trug Matt Horan noch eine wallende Mähne, Rauschebart und trat mit nacktem Oberkörper auf.

Die durch Corona erzwungene Isolation nutzte Horan für ein Solo-Projekt. Er verwandelte einen Van in ein Aufnahmestudio, schnappte sich Banjo beziehungsweise akustische Gitarre und spielte einen Mix aus eigenen und fremden Titeln ein. Auf „Tears From The Mountain“ erfindet Horan sich als American Folk Singer neu.

In seiner Kindheit verbrachte Horan einige Zeit bei seinem Onkel in North Carolina und lernte die dortige Bergwelt und vor allem die traditionelle Musik der dort lebenden Einwohner lieben. Eine Reise durch die Appalachen im Südosten der Vereinigten Staaten und ein Aufenthalt in Kentucky anlässlich eines Filmprojekts weckten zusätzliche Begeisterung für das Banjo. Mit dem Instrument ließ er sich dann auch auf dem Cover des Albums verewigen. Bei vier Tracks begleitet es den ausdrucksstarken Gesang von Horan.

Auf „High On The Mountain“ dient das Banjo eher der Untermalung, auf „Sorry Pretty Shiori” und „Sugar Baby” treibt es die Songs in typischer Hillbilly-Manier voran. Das starke „Led Me To The Wrong” wird durch dezente Percussion unterstützt und hat einen keltischen Einschlag.

Bei allen Songs beweist Horan, dass er singen kann. Besonders beeindruckend ist der rein vokale Einstieg „Village Churchyard“. Hier trägt allein seine Stimme den Song über mehr als fünf Minuten. Sehr schön spielt Horan mit seinem Organ auf „Dreamed About Mama“. Da sind Kiekser, gebrochene Passagen und Jodeleinlagen zu hören. Gerade der Cowboy-Jodel ist natürliche sehr fragwürdig, aber er passt in den Song und ist vielleicht auch ironisch gemeint.

Allerdings sind die Texte insgesamt eher düster, drehen sich meist um Tod und Verlust. So ist „The Funeral“ eine mit Orgelklängen unterlegte Grabrede. Eine ebenfalls dunkle Atmosphäre verströmt der Titeltrack, den Horan mit akustischer Gitarre begleitet. Von der Anlage funktioniert die Eigenkomposition sicherlich auch als Rocksong mit Bandunterstützung.

Neben den progressiven Titeln finden sich „First Fall Of Snow“, eine Country-Ballade traditioneller Machart, sowie eine Interpretation des wunderschönen „My Epitaph“, das bereits auf Kelsey Waldons letzter CD zu den Highlights zählte. Mit dem kurzen instrumentalen „Farewell Black Bear” setzt Horan zum Abschluss einen Kontrapunkt zum vokalen Einstieg in seinen Longplayer.

Corona hat die Musiker stark getroffen. Matt Horan macht das beste aus der Situation und zeigt sich von einer ungewohnten Seite. Als American Folk Singer präsentiert er ein Kontrastprogramm zum Punkrock seiner Band Dead Bronco. „Tears From The Mountain” wurzelt in der Tradition amerikanischer Folkmusik, gewinnt dieser jedoch neue Facetten ab. Mit mutigen und kreativen Ideen fängt Horan den unmittelbaren Sound der rauen Bergwelt ein und gibt ihm frischen Wind.

Eine Veröffentlichung des Albums als CD ist wohl nicht geplant. Stattdessen ist es digital oder als limitierte LP zu erhalten.

Roots Union Records (2020)
Stil: Folk

Tracklist:
01. Village Churchyard
02. High On The Mountain
03. Sorry Pretty Shiori
04. My Epitaph
05. Dreamed About Mama
06. Led Me To The Wrong
07. First Fall Of Snow
08. Sugar Baby
09. Tears From The Mountain
10. The Funeral
11. Farewell Black Bear

Matt Horan

Neil Young – Homegrown – CD-Review

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Review: Gernot Mangold

„Endlich ein neues Album von Neil Young!“, werden die einen sagen, während die anderen vermutlich konstatieren, dass dem alten Mann nichts Neues einfällt, weil er jetzt ein Album auf den Markt bringt, das er vor etwa 47 Jahren einspielte, aber bis dato nie veröffentlichte, wenn man von einigen Songs absieht, die später auch auf dem legendären „Decade“-Werk einen Platz fanden.

Um es vorwegzunehmen, es war eine gute Idee, dieses Album doch noch zu veröffentlichen, was er aus persönlichen Gründen, die ihn damals belasteten, nicht tat.

Es hätte zu dieser Zeit sehr gut als stilistische Fortsetzung des Klassikers „Harvest“ dienen können. Nun zeigt es heute noch einmal die musikalisch sanfte Seite von Neil Young, die er später insbesondere mit seiner Begleitband Crazy Horse verließ, aber immer wieder auch live aufleben ließ.

In einem Brief auf seiner Webseite erklärt er die Hintergründe, warum das Album zunächst auf Masterbändern verstaubte, ehe das, wie er es selbst nannte, ‚entkommene Album‘, doch den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat. Wenn Neil Young dabei den Begriff ‚großartig‘ verwendet, ist dies nicht mit der Artikulierung eines berühmt-berüchtigten Amerikaners zu verwechseln…

Den Hörer erwarten zwölf starke Folkrocksongs, die in keinster Weise verstaubt wirken, sondern, bei denen es einfach Spaß macht, zuzuhören. Unterstützt wird er unter anderem von Levon Helm und Karl T Himmel an den Drums, sowie seinen Freunden Ben Keith (Steel- & Slideguitar), Tim Drummond (Bass) und Stan Szelest (Piano) sowie Robbie Robertson und Emmylou Harris.

Schon die ersten Klänge von „Seperate Ways“ zeigen Neil Youngs Songwriting-Stärke und ziehen den Zuhörer regelrecht in ihren Bann. Schöne Melodiebögen untermalen seinen Gesang und auch Keith kann an der Steelguitar glänzen, bis Neil das Lied mit der Mundharmonika ausklingen lässt. „Try“ setzt den ruhigen Trend fort, traumwandlerisch bewegt er sich, unterstützt von Emmylou Harris im Backgroundgesang, gefühlt durch die Weiten der Prärie.

Im kurzen „Mexico“ wird Young nur vom Piano assistiert und dieser kurzweilige Song überrascht durch einige gekonnte stilistische Übergänge. „Love Is A Rose“ ist den eingefleischten Fans bekannt. Tolle Harmonien, Wechsel von akustischer Gitarre und Mundharmonika als prägendes Instrument und dezentes, aber klar klar differenziertes Schlagzeugspiel und dazu Youngs Stimme, machen diesen Song aus.

Mit „Homegrown“, wo auch Robertson mitspielt, wird es etwas rauer, aber auch tanzbar. Dass Neil Young immer für Experimente oder Überraschungen zu haben ist, offeriert er bei „Florida“, wo er eine Geschichte erzählt und von futuristisch anmutenden, kaum definierbaren Klängen, begleitet wird.

Nach dem harschen Vorsong,  entführt der Kanadier mit „Kansas“ die Audienz wieder in seine damalige Welt der Folkrockmusik.

In „We Don’t Smoke It“ findet der Blues Einzug in den Longplayer, mit klasse Pianoparts und dem bekannten Youngschen Stil, die elektrische Gitarre zu bearbeiten.

„White Line“ kennen die Young-Fans vom „Ragged Glory“ Album. Man spürt hier außergewöhnliche Youngs Gabe, Tracks differenziert zu interpretieren: in der frühen Version auf diesem Album folkig im Stile von Songs wie „Comes A Time“, später härter, eben Crazy Horse-like. In beiden Versionen absolut hörenswert.

„Vacancy“ mit Harmonygesängen liegt nahe bei den früheren CSNY-Songs mit zum Teil härteren Gitarrenpassagen. Für mich einer der stärksten Songs auf dem Album.

Beendet wird die Platte von zwei alten Bekannten, die auch Platz auf „Decade“ gefunden haben. „Little Wing“ (mit schönen Harris-Harmonies) und „Star Of Bethlehem“ runden dieses Klassewerk ab.

Für Neil Young-Hardliner ist das Album natürlich ein Pflichtkauf. Musikliebhaber, die auf eher ruhige folkige Klänge stehen, erleben einen sich damals in Hochform befindlichen Protagonisten. Schön wäre es, wenn Young einige dieser Songs noch einmal in Europa in ein Set einbauen könnte.

Reprise Records (Warner) (2020)
Stil:  Folk, Rock

Tracklist:
01. Separate Ways
02. Try
03. Mexico
04. Love Is A Rose
05. Homegrown
06. Florida
07. Kansas
08. We Don’t Smoke It No More
09. White Line
10. Vacancy
11. Little Wing
12. Star of Bethlehem

Neil Young
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Oktober Promotion

John Craigie – Asterisk The Universe – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Asterisk, das typographische Sternenzeichen ist sicher eine ungewöhnliche Namensgebung für den neuen Longplayer des US-amerikanischen Singer/Songwriters John Craigie; doch sein Album „Asterisk The Universe“ hat ebenso wie das 5-strahlige Sternchen auf dem Plattencover eine magisch-faszinierende Ausstrahlung und einen eigenen Kosmos zu bieten.

Der aus Los Angeles stammende, 40-jährige Craigie ist mit seinen Songs nahezu 10 Jahre „On The Road“ und auf Festivals unterwegs, quer durch Nordamerika und Großbritannien, 2019 sogar zu 4 Terminen in Deutschland. Seine charismatische, humorvolle Art, die Dinge beim Namen zu nennen und in pointierten Texten Geschichten zu erzählen, die gleichzeitig ernst und ironisch sein können, begeistert inzwischen auch namhafte Fans, wie Jack Johnson oder Todd Snider. Craigies nun vorliegendes, 10 Songs umfassendes Album, ist ein eloquenter Mix aus Americana, Folk und Rock, der im Verlauf nicht unerheblich herrliche Dylan-Elemente interpretiert.

Schon der vorsichtig zaghafte Opener „Hustlin“ vermittelt – einfühlsam und zurückhaltend instrumentiert – das Gefühl einer Live-Atmosphäre, die der folgende Titel „Don’t Ask“ (bereits auf dem Vorgänger „Scarecrow“ erfolgreich vertreten), nun in einer neuen, frischen Motown-Version fortsetzt. Das langsam swingende „Son Of A Man“ erinnert im Stil an Songs einer vergangenen Songwriter-Generation, die wie bei der Vorab-Single „Part Wolf“ ihre ausgefeilten, selbstbewusst-kritischen Lyrics („I Got That American Meanness“) in den Vordergrund stellen.

Dieses Zutrauen, auch Klassiker musikalischer Vorbilder gelassen abzuliefern, kann der aufmerksame Hörer nicht zuletzt beim akustischen J.J. Cale-Cover „Crazy Mama“ erkennen – eine Leichtigkeit durch die John Craigie und seine Band fortwährend eigene Akzente setzen.

Überhaupt besteht Craigies Begleitband aus talentierten Musikern der jungen, kalifornischen Folk-Rock-Szene. Aus dieser musikalischen Verbindung ist nicht nur bei „Don’t Deny“ der Eindruck willkommen, dass hier aus einer endlich wieder entdeckten Schatzkiste 60er Dylan-Tapes gemastert wurde. In der zweiten Single „Valecito“ findet man Craigie in einem psychodelisch-experimentell nachdenklichen Song, der das Problem wortreich variiert, die richtige Entscheidung zu treffen, um danach die Folk-Ode an den Schutzpatron der Reisenden in „Nomads“ zum Abschluss nochmals mit großer Piano-Einlage und typischen Harmonica-Solo, einen würdigen Ausklang zu bereiten.

John Craigie hat „Asterisk The Universe“ mit starker Unterstützung eingespielt, das einen engagierten Story-Teller und vielseitigen Songschreiber wirkungsvoll in Bestform zeigt. Entstanden ist eine CD, die mit treffsicher artikulieren Lebenserfahrungen und Erzählungen angenehm überrascht. Das ist ein Album, das mehr als ein strahlendes Sternchen auf dem Cover verdient hat!

Zabriskie Point Records (2020)
Stil: Americana, Country, Bluegrass, Folk

Tracklist:
01. Hustlin‘
02. Don’t Ask
03. Son Of A Man
04. Part Wolf
05. Crazy Mama
06. Climb Up
07. Used It All Up
08. Don’t Deny
09. Vallecito
10. Nomads

John Craigie
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Oktober Promotion

Sammy Brue – Crash Test Kid – CD-Review

cover Sammy Brue - Crash Test Kid_300

Review: Gernot Mangold

Sammy Brue ist hierzulande noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. Nun ist der junge, aus Oregan stammende Musiker auf dem Weg dies zu ändern. Schon im zarten Alter von 10 Jahren begann er selbst Songs zu schreiben und benannte in der Vergangenheit Woody Guthrie als einen Künstler, der ihn sehr beeinflusste.

Mit „Crash Test Kid“ bringt er nun das dritte Album seiner noch jungen Karriere heraus, durfte sich aber im Frühjahr schon dem europäischen Publikum im Vorprogramm von Marcus King beweisen. Ich war selbst beim Konzert in der Kölner Kantine, kurz vor dem Coronacrash vor Ort und durfte erleben, wie Sammy Brue alleine, nur mit Akustikgitarre den Fans vor dem Marcus King-Gig, die Zeit mit einem erfrischenden Auftritt verkürzte.

Der eigentliche Höhepunkt für ihn, was auch seine Qualität untermalt, war, dass Marcus King ihn zum Neil Young-Klassiker „Down By The River“ im Zugabenteil mit auf die Bühne holte und sich dort auch Gesangparts mit ihm teilte.

Brue_ColNun aber zum neuen Album „Crash Test Kid“. Brue legt ein 11 Stücke umfassendes Werk vor, in welchem Americana- und Folk-Elemente überwiegen. Diese bringt der junge Musiker, passend zum Titel des Albums, mit jugendlicher Unbeschwertheit,  crashend und dynamisch auf die Platte. Schon den ersten Song „Gravity“ präsentiert locker, fast erzählend mit peppigen Zwischenpassagen. Ein einfacher schöner Folksong, in dem die Stimme und die akustische Gitarre in Vordergrund stehen.

Mit „Die Before You Live“ nimmt die Platte dann Fahrt auf. Stilistisch bleibt er auf seiner Grundlage Americana/Folk. Ein sehr einprägsames Songwriting begeistert, wobei es mich zuweilen an die alten Waterboys erinnert, was ich in dem Zusammenhang als Kompliment sehe.

Ähnlich geht es zunächst bei „Teenage Mayhem“ weiter, wobei schon nach kurzer Zeit auch durch die einsetzenden Begleitinstrumente richtig Schwung in den Song kommt. Ein furioser dynamischer Track, der zuweilen auch mit punkigem Einschlag rüberkommt. Für mich als Fan der alten New Model Army einer der Highlights des Albums, der live die Fans zum Tanzen bringen wird.

Mit „True Believer“ wird es in der Art alter amerikanischer Songwriter wieder ruhiger. „Pendulum Thieves“, wieder etwas schneller gespielt, zeugt auch davon, wie der junge Sammy Brue alle Instrumente harmonisch vereint und es ihm gelingt, eingängige Harmoniestrukturen zu erzeugen.

In „Crash Test Kid“, dem Titelsong, erzählt er eine Geschichte, wo er in den meisten Zeit nur vom Piano beleitet wird und durch später einsetzende Streichinstrumente ein fast schon orchestraler Sound erreicht wird, der auch in eine Rockoper passen würde. „Megawatt“ ist ein eingängiger gut tanzbarer leicht poppiger Folkrocksong.

„Fishfood“ ist erneut ein punkig angehaucht, der stimmlich fast anklagend daherkommt und je weiter er voranschreitet, an Dynamik zunimmt.
In „Skatepark Doomsday Blues“ ist das Grundelement passend zum Titel, der Blues, der in einigen Passagen Erinnerungen an „House Of The Rising Sun“ weckt. Ein tolles Songwriting, wo, ob bewusst oder unbewusst, auch auf Traditionelles zurückgegriffen wird, was für mich aber in keinen Fall einen Makel darstellt.

Auch bei „What You Give“ kann man zuweilen im Unterton „My Generation“ raushören. Der Song erinnert mich in weiten Passagen an damalige britische Größen aus der Zeit der Kinks oder The Who, transferiert in das heutige Americana. Zum Ende der Platte malt Sammy Brue mit „Paint It Blue“ noch einmal einen einfühlsames Folklied, um sein neues Werk eher bedächtig abzuschließen.

Fazit: Dem jungen Amerikaner Sammy Brue ist mit „Crash Test Kid“ ein starkes Folk-Americana Album gelungen, was bestätigt, dass mit ihm ein neuer Stern in diesem Musikgenre aufgegangen sein könnte. Man darf gespannt sein, wie es mit der Karriere des jungen Künstlers, auch in Europa, weitergeht. Im Frühjahr bewies er, dass er es auch live kann. Schön wäre, wenn er in absehbarer Zeit die Möglichkeit bekommt, sich dann mit Begleitband auf den hiesigen Bühnen zu präsentieren.

New West Records (2020)
Stil: Folk, Rock, Americana

Tracklist:
01: Gravity
02: Die Before You Live
03: Teenage Mayhem
04: True Believer
05: Pendulum Thieves
06: Crash Test Kid
07: Megawatt
08: Fishfood
09: Skatepark Doomsday Blue
10: What You Give
11: Paint It Blue

Sammy Brue
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Oktober Promotion

Aoife O’Donovan – Bull Frogs (And Other Croons) – CD-Review

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Review: Michael Segets

„Call My Name” wurde von der Grammy-Jury im Januar als bester American-Roots-Song 2020 ausgezeichnet. Er stammt von dem Trio I’m With Her, das sich aus Aoife O’Donovan, Sarah Jarosz und Sara Watkins (Nickel Creek) zusammensetzt. Weder die Band noch die Namen der Damen sagten mir bis dato etwas. Aber immerhin weckte dieser Umstand das Interesse an der neuen EP „Bull Frogs (And Other Croons” von Aoife O’Donovan.

Die studierte Sängerin und Songwriterin war in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts in den Bands Crooked Still und Sometymes Why aktiv. Seit zehn Jahren wandelt sie auf Solopfaden und schaut auf vier Veröffentlichungen zurück. In ihrer Karriere hat sie sich mehreren Musikstilen zugewandt. Familienbedingt besteht eine Affinität zum Irish Folk, aber auch im Country und Jazz war sie unterwegs. Zurzeit lebt sie in Brooklyn, wo sie auch die fünf Tracks der aktuellen EP aufnahm.

„Bull Frogs (And Other Croons)” ist ein durchkonzeptioniertes Werk. Die ersten drei Titel basieren auf Gedichten des 2017 verstorbenen Lyrikers Peter H. Sears. Diese verarbeitete O’Donovan gemeinsam mit dem Mitproduzenten Jeremy Kittel und Teddy Abrams. Alle Aufnahme spielte die Sängerin, die sich auf der akustischen Gitarre begleitet, mit einem Streicher-Quartett im Studio ein.

Obwohl die Songs als Folkstücke durchgehen, bekommen sie durch die Streicher einen orchestralen Anstrich. Die ersten drei Tracks sind zwar gesplittet, aber ineinander gespielt und ergeben so ein schon fast klassisches Opus. Dabei steigert sich die Scheibe kontinuierlich.

Beim etwas sperrigen Einstieg „Night Fishing“ singt O’Donovan in manchen Passagen sehr hoch, was nicht mein Fall ist. Die aufgekratzten Läufe der Geige bei „The Darkness“ sind vielleicht stimmungsabhängig, trüben aber etwas den Eindruck des durchaus guten Songs, der stellenweise an die frühe Suzanne Vega erinnert. Ruhigere Töne schlägt da „Valentine“ an, wobei auch hier die Streicher einen dominierenden Part einnehmen. Aus einer Textzeile ist der Titel der Veröffentlichung entnommen.

Könnte bis hierhin noch die Frage gestellt werden, warum die Scheibe bei SoS besprochen wird, nehmen die letzten beiden Stücke die Zweifel. Die Ballade „Lakes Of Pontchartrain” passt atmosphärisch genau in den Süden. Die Begleitung durch die Streicher ist hier wesentlich dezenter. Das Geigenintermezzo nimmt die klassischen Elemente zurück und rückt eher in die Nähe einer Fidel aus den Southlands. Beim abschließende „Pretty Birds“ kommen einem die Spirituals in den Sinn, während vor dem inneren Auge die Abendsonne hinter den Feldern verschwindet.

Aoife O’Donovans „Bull Frogs (And Other Croons)” bringt einen innovativen Sound in ihre Folksongs ein. Die eine Einheit bildendenden erste drei Titel entfernen sich dabei mit der übermächtigen Begleitung durch das Streicher-Quartett ein Stück zu weit von den gewohnten, genretypischen Klangarrangements. Die letzten beiden hingegen können als Bereicherung der oftmals ausgetretenen Wege des Folks angesehen werden. Jedenfalls macht die EP neugierig auf den Backkatalog der Sängerin und ihrer Bands.

Yep Roc Records/Redeye Worldwide (2020)
Stil: Folk

Tracks:
01. Night Fishing
02. The Darkness
03. Valentine
04. Lakes Of Pontchartrain
05. Pretty Birds

Aoife O’Donovan
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Yep Roc Records
Redeye Worldwide

The Secret Sisters – Saturn Return – CD-Review

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Review: Michael Segets

Obwohl es zwischenzeitlich nicht rosig um die Karriere von Laura und Lydia Rogers aussah, melden sich The Secret Sisters nun mit ihrem vierten Album „Saturn Return“ zurück. Nach ihrem von Dave Cobb (Jason Isbell, Shooter Jennings) produzierten Debüt 2010 fiel die zweite CD aus dem Jahr 2014 bei Publikum und Kritik weitgehend durch. Der Major-Vertrag wurde aufgelöst und es folgte eine – auch finanzielle – Durststrecke der beiden Schwestern.

Einen Glücksfall stellte die Bekanntschaft mit Brandi Carlile dar, die zusammen mit Phil und Tim Hanseroth die Produktion von „You Don’t Me Anymore“ (2017) sowie vom aktuellen Longplayer übernahm. Der Gesang der beiden Rogers wurde im Studio getrennt aufgenommen, womit The Secret Sisters Neuland betraten. Der Sound ist glasklar und hebt die Stimmen von Laura und Lydia, die perfekt harmonieren, in den Vordergrund. Begleitet wird das Duo von einem vollen Band-Line-Up, das mal dezent die Songs („Nowhere Baby“) unterlegt, mal opulenter in Erscheinung tritt („Tin Can Angel“).

Alle zehn Kompositionen stammen aus der Feder der Geschwister. Im ersten Drittel der Scheibe sind die stärksten gebündelt. Den Anfang macht „Silver“, ein sehr schöner, erdiger Country-Titel, der Tempo aufnimmt. Der Text zollt Müttern ihren Respekt. Die Lyrics haben für Laura und Lydia eine besondere persönliche Bedeutung, da ihre Großmütter zuvor innerhalb einer Woche verstarben. Zudem waren beide Schwestern zum Zeitpunkt der Studioaufnahmen schwanger.

Richtig Power entwickelt auch die erste Single „Cabin“ inklusive einer raueren Gitarrenpassage. Thematisch greifen die Songwriterinnen die häusliche Gewalt an Frauen auf. Zwischen den beiden kraftvollen Highlights des Albums ist die mit Klavier begleitete melodiöse Nummer „Late Bloomer“ eingeschoben, die älteren Semestern Hoffnung auf das gibt, was noch kommen mag.

Nach dem gelungenen Einstieg folgt mit „Hand Over My Heart“ das mit Abstand schwächste Stück des Albums. In süßlichen Höhen und mit verzichtbaren Klangelementen poppig arrangiert zündet es nicht. Mit den folkorientierten, reduzierteren Beiträgen („Fair“, „Healer In The Sky“) performen The Secret Sisters dann wieder solide Titel, die vor allem durch den zweistimmigen Gesang ihre Momente haben.

Insgesamt verliert der Longplayer im Mittelteil aber seinen Schwung und plätschert etwas dahin. Erst gegen Ende finden sich mit dem atmosphärischen „Water Witch“ und der sanften Ballade „Hold You Dear“ nochmal bemerkenswerte Songs. Der letztgenannte Titel entstand in einer kreativen Viertelstunde, kurz nachdem Laura erfuhr, dass sie schwanger ist. Die Mutterschaft scheint die Damen zu beflügeln; sie sind derzeit in Amerika auf Tour und kommen im Laufe des Jahres nach Europa.

Der Gesang und die Harmonien der Secret Sisters Laura und Lydia Rogers sind hervorragend aufeinander abgestimmt. Das Songmaterial auf „Saturn Return“ überzeugt hingegen nicht durchgängig. Während bei der einen Hälfte der Titel der außergewöhnliche Gesang den Stücken den letzten Schliff gibt, bleibt die andere im Mittelmaß stecken. So bleibt ein geteilter Eindruck des Gesamtwerks zurück.

New West Records/PIAS-Rough Trade (2020)
Stil: Americana, Modern Folk

Tracks:
01. Silver
02. Late Bloomer
03. Cabin
04. Hand Over My Head
05. Fair
06. Tin Can Angel
07. Nowhere Baby
08. Hold You Dear
09. Water Witch
10. Healer In The Sky

The Secret Sisters
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