Buddy & Julie Miller – In The Throes – CD-Review

Review: Michael Segets

Wenn ich anfangen würde, die Musiker aufzuzählen mit denen Buddy Miller im Laufe seiner Karriere zusammengearbeitet hat, dann müsste ich eine lange Reihe von Verlinkungen zu der Interpretenliste von SoS einfügen. Ich beschränke mich daher auf zwei kurze Hinweise: sein Mitwirken auf der aktuellen Scheibe von Lucinda Williams sowie auf Jim Lauderdale, mit dem er einen gemeinsamen Longplayer aufnahm. Die Veröffentlichung seines sechsten und bislang letzten eigenen Studioalbums liegt allerdings schon ein Dutzend Jahre zurück.

Seine Ehefrau Julie brachte eine Vielzahl von Longplayern heraus und kollaborierte mehrfach mit Patty Griffin und Größen wie John Hiatt oder Shawn Colvin. Sowohl Buddy als auch Julie sind also in der Songwriter-Szene fest verhaftet. Seit Anfang der 2000er treten die Millers als Paar in Erscheinung und scheinen sich mittlerweile auf gemeinsame Werke zu konzentrieren.

Die Songs auf „In The Throes“ schrieb Julie in einem Rutsch. Einzig „Don’t Make Her Cry“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von Bob Dylan und Regina McCrary, dem sie den letzten Schliff mitgab. Das Ehepaar teilt sich die Gesangparts auf der CD. Die Stimme von Julie schmeichelt sich nicht unmittelbar ein, während Buddys Gesang den Songs einen weicheren Touch mitgibt. Gerade vom Zusammenklang der beiden leben die Stücke, wie beispielsweise das herausragende „Niccolo“.

Harmonisch wirken die ruhigen Tracks, bei denen Buddys Gesang im Vordergrund steht. Neben dem bereits erwähnten „Don’t Make Her Cry“ fallen „Tattooed Tear“ und „I’ll Never Live It Down“ in diese Kategorie. Alle drei Titel sind schöne Balladen, die markanteren Beiträge stellen aber die Tracks dar, auf denen Julie die Lead Voices übernimmt. So bekommt der Opener „You’re My Thrill“ eine leicht angeschrägte Note, die ihn unverwechselbar macht. In Sachen Expressivität legt das rockige Titelstück noch eine Schippe drauf. Stark ist zudem „The Painkillers Ain’t Workin‘“, bei dem Julies Stimme ebenfalls dominiert. Gurf Morlix tritt hier als Gastmusiker auf.

Einhören muss man sich bei dem bluesigen „I Been Around“, das fast schon psychodelische Züge trägt. Eingängig ist hingegen das mehrstimmig angelegte „We’re Leavin‘“ mit Stuart Duncan an der Geige. Der Refrain lädt zum Mitsingen ein, wenn man sich an dem religiös angehauchten Text nicht stört.

Emmylou Harris gibt sich bei „The Last Bridge You Will Cross“ die Ehre. Das Cello von Matt Slocum unterstreicht die getragene Stimmung der Ode an den 2020 verstorbenen Bürgerrechtler John Lewis, dem bereits Willie Nile auf „The Day The Earth Stood Still“ ein musikalisches Denkmal setzte. Die Themen der anderen Songs drehen sich zumeist um Freude und Frustration in einer Beziehung. Wer wie die Millers seit über dreißig Jahren verheiratet ist, wird davon wohl selbst ein Lied singen können. Schön ist, wenn nach dieser Zeit noch ein gegenseitiges „I Love You“ ausgesprochen wird.

Das Gemeinschaftsprojekt von Buddy und Julie Miller „In The Throes“ zeigt erneut, wie gut das Ehepaar harmoniert. Julie liefert das Songmaterial, Buddy arrangiert es kongenial. Ihr Gesang steuert expressive Töne bei, seiner stellt einen ausgeleichenden Gegenpol dar. Dabei kommt eine spannende Mischung zwischen progressiven und traditionsverbundenem Americana heraus. In diesem Genre sichern sich die Millers mit „In The Throes“ einen Platz auf der Bestenliste 2023.

New West Records – Redeye/Bertus (2023)
Stil: Americana

Tracks:
01. You’re My Thrill
02. In The Throes
03. Don’t Make Her Cry
04. Niccolo
05. I Love You
06. The Last Bridge You Will Cross
07. The Painkillers Don’t Workin’
08. Tattooed Rose
09. I Been Around
10. I’ll Never Live It Down
11. We’re Leavin’
12. Oh Shout

Buddy & Julie Miller
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Rodney Crowell – The Chicago Sessions – CD-Review

Review: Michael Segets

Rodney Crowell besinnt sich auf seine Anfänge. In kleiner Bandbesetzung spielte er „The Chicago Sessions“ mit dem Produzenten Jeff Tweedy (Wilco) ein. Mit deutlich reduzierter Soundfülle gegenüber dem vorangegangenen Album „Triage“ (2021) konzentriert sich Crowell auf die pure Wirkung seiner Songs. Bereits das Cover lässt den Brückenschlag zurück erahnen. Das schräggestellte Foto vor neutralem Hintergrund ist an die Covergestaltung sein Debüts „Ain’t Living Long Like This“ vor 45 Jahren angelehnt. Der aktuelle Longplayer verfolgt auch musikalisch einen Vintage-Stil, wirkt dabei aber nicht angestaubt. Er ist routiniert und unaufgeregt eingespielt sowie klar produziert und abgemischt.

Mit zwei Ausnahmen sind die Stücke neueren Datums. „You’re Supposed To Be Feeling Good“ stammt aus seinen Anfangstagen als Songwriter und wurde 1977 von Emmylou Harris aufgenommen. Rodney covert zudem Townes Van Zandts „No Place to Fall“. Das Piano, gespielt von Catherine Marx, begleitet den Song unaufdringlich, sodass sich die Version von dem Original unterscheidet, aber nicht allzu weit entfernt.

Marx eröffnet das Album mit einem Bar-Piano-Intro bei „Lucky“. Auch bei dem bluesrockigen „Ever The Dark“ hat sie ihre Finger im Spiel und lässt die Tasten klimpern. Gitarrist Jedd Hughes erhält hier zudem die Gelegenheit, seine Kunstfertigkeit an den Saiten in Szene zu setzen. Neben Marx und Hughes nahm Zachariah Hickman am Bass an den Sessions durchgehend teil. Für das Schlagzeug wurden John Perrine und Spencer Tweedy, der Sohn von Jeff, verpflichtet.

Crowells Songs schlagen insgesamt ein gemäßigtes Tempo an. „Somebody Loves You“ groovt locker mit einer Blues-Note. Diese weist auch „Oh Miss Claudia” auf, dem es gelingt trotz gleichförmigem Gesang und gleichbleibenden Rhythmus einen Akzent auf dem Album zu setzen. Die countryfizierte Ballade „Making Lovers Out Of Friends“ bewegt sich Crowell in strikt traditionellen Bahnen. In eine ähnliche Richtung geht „ Loving You Is The Only Way To Fly“. Das sanfte Stück ist mit seinem Harmoniegesang allerdings stärker und wurde zu Recht vorab herausgegeben. Beim abschießenden „Ready To Move On“ frönt Crowell zunächst dem Sprechgesang, um dann doch noch etwas melodiösere Töne anzustimmen.

Deutlich eingängiger stellt sich „Everything At Once“ dar, das Crowell und Jeff Tweedy zusammen schrieben und gemeinsam performen. Die erste Auskopplung des Longplayers will als Auseinandersetzung mit der Reizüberfrachtung unserer Lebenswelt, der Dauerbeschallung und Bilderflut, verstanden sein. Crowell reagiert mit seinen Texten also auf aktuelle Themen, beschäftigt sich aber vorwiegend mit zeitlosen, allgemein menschlichen wie Liebe und Vergänglichkeit.

Sein Marketing befindet sich auf einer zeitgemäßen Spur. Neben der digitalen Veröffentlichung und der CD wird das Album in vier unterschiedlichen Vinyl-Editionen erhältlich sein. Über die Standardpressung hinaus gibt Crowell drei farbige, jeweils limitierte Varianten heraus. Je nach finanziellen Ressourcen schlägt daher das Sammlerherz entweder höher oder verzweifelt. Jedenfalls ist es unabhängig von der Version nicht verkehrt, das Album im Regal – oder auf der Festplatte – zu haben. Ein Pflichtkauf ist es allerdings nicht unbedingt. Mehrere Songs gehen ins Ohr, setzen sich aber nach den ersten Durchläufen nicht nachhaltig in den Gehörgängen fest.

„The Chicago Sessions“ ist ein routiniertes Werk von Rodney Crowell, bei dem er sich bewusst den Traditionen verschreibt, die er selbst mit geprägt hat. Sein Können als Songwriter bewies er in den letzten fünf Dekaden hinlänglich. Von ihm profitiert auch sein neues Werk.

New West Records – Bertus (2023)
Stil: Americana

Tracks:
01. Lucky
02. Somebody Loves You
03. Loving You Is The Only Way To Fly
04. You’re Supposed To Be Feeling Good
05. No Place To Fall
06. Oh Miss Claudia
07. Everything At Once
08. Ever The Dark
09. Making Lovers Out Of Friends
10. Ready To Move On

Rodney Crowell
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New West Records
Oktober Promotion

Patty Griffin – Tape – Home Recordings & Rarities – CD-Review

Review: Michael Segets

Was macht man so, wenn man als Musikerin während einer Pandemie zuhause sitzt? Anscheinend googelt man sich selbst. Patty Griffin jedenfalls durchforstete das Internet, speziell diverse Streaming-Dienste, nach Treffern ihrer Stücke. Vor allem Playlists von raren Tracks weckten ihr Interesse. Was sie dort fand, riss sie zwar nicht vom Hocker, inspirierte sie aber, sich ihr persönliches Archiv vorzunehmen. Dort stieß sie auf einige Songs, die in Vergessenheit geraten waren und von denen sie denkt, dass sie nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. So wurde der Grundstein zu „Tape – Home Recordings & Rarities“ gelegt.

Letztlich schafften es zehn Titel auf das Album. Sie stammen von Heimaufnahmen, teilweise mit Band, und einer Studio-Demosession in Nashville. Die Klangqualität ist vielleicht nicht durchgehend perfekt, aber Griffin kommt es auf das Gefühl an, das die Aufnahmen rüberbringen. Dieses bei einer Performance zu aktivieren, fällt ihr nach eigener Aussage alleine leichter als in einem Studio mit etlichen anderen, technikfixierten Personen. Viele Songs transportieren tatsächlich eine intime Stimmung, unabhängig davon, ob sie sich am Klavier oder der akustischen Gitarre begleitet.

Bei den Stücken, die mit dem Klavier eingespielt wurden, entwickelt „Night“ eine besondere Atmosphäre, wobei „Forever Shall Be“ und „Sundown“ ihm nicht viel nachstehen. Aus meiner Sicht verzichtbar wäre das instrumentelle „Octaves“ gewesen. Soundtechnisch eine Nuance schwächer erscheinen die Tracks mit akustischer Gitarrenbegleitung. Vom Song her gesehen überzeugt vor allem „Get Lucky“ und wurde zu Recht als erster ausgekoppelt. Gelungen ist ebenso die Ballade „Kiss Of A Man“, bei der deutlich wird, warum Griffin als renommierte Folksängerin und Songschreiberin gilt.

Das kurze und flottere „Strip Of The Night“ sowie „One Day We Could“ sorgen dafür, dass sich die Anzahl der durch Gitarre beziehungsweise Klavier begleiteten Titel die Waage hält. Hinzu kommen noch zwei mit Band eingespielte Stücke. „Don’t Mind“ sticht auf dem Album heraus. Der Blues lebt von der Orgel, die den Song dominiert. „Little Yellow House“ passt sich hingegen nahtlos in den Kanon der übrigen Balladen ein.

Die mehrfach ausgezeichnete Musikerin aus Maine arbeitete bereits mit Emmylou Harris, Robert Plant und Buddy Miller zusammen. Mit The Chicks geht Griffin diesen Sommer erneut auf Tour und beteiligt sich ebenso bei Rodney Crowells Songwriting Camp in Nashville. Während der Konzertreise durch die USA verkauft sie eine limitierte Edition von „Tape“ stilecht als Audiocassette. Die europäischen Fans werden es schwer haben, an dieses Sammlerstück zu kommen.

In Ergänzung und zur Komplettierung der Sammlung richtet sich „Tape – Home Recordings & Rarities“ in erster Linie an die langjährigen Fans von Patty Griffin. Aus ihrem Privatarchiv stellt sie zehn, zumeist auf die Begleitung durch Gitarre oder Klavier reduzierte Songs zusammen, die sie unverstellt von ihrer sensiblen Songwriter-Seite zeigen. Für diejenigen, die mit Griffins Werk nicht so vertraut sind, stellt der Griff zu ihrem Debüt „Living With Ghosts“ aus dem Jahr 1996 die bevorzugte Wahl dar.

PGM Recordings/Thirty Tigers-Membran (2021)
Stil: Folk/Americana

Tracks:
01. Get Lucky
02. One Day We Could
03. Strip of Light
04. Don’t Mind
05. Sundown
06. Little Yellow House
07. Night
08. Kiss of a Man
09. Octaves
10. Forever Shall Be

Patty Griffin
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Rodney Crowell – Triage – CD-Review

cover Rodney Crowell - Triage 300

Review: Michael Segets

Rodney Crowell betitelt sein neues Album „Triage“. In der Corona-Pandemie war der Begriff in den Medien präsent. Er stammt aus der Militärmedizin und bezeichnet das Problem, bei mangelnden Ressourcen eine Entscheidung darüber fällen zu müssen, wer ärztliche Versorgung erhält und wer nicht. Der Titelsong bezieht sich jedoch weder auf dieses ethische Dilemma noch auf Corona. Triage kann auch als Sichtung übersetzt werden, was mit Blick auf die thematische Ausrichtung des Longplayers passend erscheint.

Der siebzigjährige Crowell zieht auf seinem Werk eine Bilanz, die durchaus ambivalent ausfällt. Auf der einen Seite schlägt er einen versöhnlichen Ton an, auf der anderen Seite schwingt eine Bitterkeit durch die Texte, die sich so zwischen Optimismus und Fatalismus bewegen. „Triage“ und „I’m All About Love“ sind Reflexionen über die Liebe. Dabei beweist er ein großes Herz, auch für Personen (z. B. Putin und Trump), die mir bisher nicht besonders liebenswert erscheinen. Vielleicht hat Crowell eine Stufe der Altersweisheit erreicht, für die mir noch ein paar Jahre fehlen. Er zeigt tiefes Mitgefühl mit dem „Girl On The Street“, wobei die menschliche Tragödie und die Hilflosigkeit im Umgang mit ihr in direkte, aber dennoch berührende Verse gepackt werden.

Mit dem Bewusstsein, dass der Lebensabend begonnen hat, sind wohl „Here Goes Nothing“ und das mit Mundharmonika ausklingende „This Body Isn’t All There Is To Who I Am“ entstanden. Auch die einzige countryfizierte Nummer auf der Scheibe – „One Little Bird“ – kündet von einem nahenden Lebensende.

Crowell feierte seinen Durchbruch im Country. 1988 erschien sein Erfolgsalbum „Diamonds & Dirt“, das mit fünf Singles die Genre-Charts toppte. Für den Hit „After All That Time“ erhielt er den ersten von zwei Grammys. Als Songwriter war er allerdings noch erfolgreicher. Johnny Cash, Waylon Jennings, The Oak Ridge Boys, Bob Seger, Keith Urban, Lee Ann Womack und Tim McGraw nahmen seine Songs auf. Crowell erntete die ersten Lorbeeren in der Band von Emmylou Harris, danach begleitete er die Karriere seiner damaligen Gattin Rosanne Cash.

Musikalisch lässt sich Crowell bei seinen eigenen Veröffentlichungen allerdings nicht auf den Country festlegen. So präsentiert er auch auf „Triage“ unterschiedliche Facetten. Auf dem reduzierten „Hymn #43“ zeigt er sich als Singer/Songwriter. Das textlastige, musikalisch im etwas sperrigen Sprechgesang vorgetragene „Transient Global Amnesia Blues“ steht ebenfalls in dieser Tradition. Stilistisch lassen sich mehrere Stücke zwischen Americana und Rock/Pop verorten und schlagen ein mittleres Tempo ein. Die Intonation von Crowells Gesang erinnert in manchen Passagen an Bob Dylan oder in anderen an Willie Nile.

Ein Highlight stellt für mich der Opener „Don’t Leave Me Now“ dar, der mit leicht klagender Stimme und akustischer Gitarre beginnt, bevor die Band kraftvoll einsetzt und den Titel in einen Rocksong verwandelt. Ein weiteres Glanzlicht setzt Crowell mit seiner Single „Something Has To Change“. Hier sorgt Raymond James Mason mit seinem Solo an der Zugposaune für einen besonders intensiven Moment.

Rodney Crowell beweist mit „Triage“ erneut seine Qualität als Songwriter, wobei er seine ehrlich wirkenden, aus genauer (Selbst-)Beobachtung gewonnenen Texte mit Hilfe seiner Band gekonnt arrangiert. Das Album kann so zwar gut nebenbei gehört werden, gewinnt seinen Reiz jedoch vor allem durch das Hinhören oder das Mitlesen der Lyrics.

RC1 Records – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Singer/Songwriter and more

Tracks:
01. Don’t Leave Me Now
02. Triage
03. Transient Global Amnesia Blues
04. One Little Bird
05. Something Has To Change
06. Here Goes Nothing
07. I’m All About Love
08. Girl On The Street
09. Hymn #43
10. This Body Isn’t All There Is To Who I Am

Rodney Crowell
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Vincent Neil Emerson– Same – CD-Review

cover Vincent Neal Emerson - Vincent Neal Emerson 300

Review: Michael Segets

Der zweite Longplayer von Vincent Neil Emerson ist im Vergleich zu seinem Debüt „Fried Chicken & Evil Women“ (2019) eine ruhigere Scheibe geworden, die zwischen Americana und Country changiert. Neben der Bluegrass-Nummer „High On The Mountain“ und dem beschwingten „Saddle Up And Tamed“ stößt lediglich der Opener “Texas Moon” in eine Midtempo-Region vor. Die übrigen Tracks sind balladesk gehalten.

Der Sound der Scheibe klingt handgemacht, was zum einen an der akustischen Instrumentierung liegt. zum anderen an dem unaufgeregten Gesang, der deutlich im Vordergrund steht. Bei der Begleitung dominiert oftmals die Geige, während beispielsweise bei „Deptor‘s Blues“ eine Orgel den Hintergrund ausfüllt. Gelegentlich treten Flöten („White Horse Saloon“) oder Harmoniegesänge („Durango“) hinzu.

Die Stücke wirken im besten Sinne klassisch: Beim folkigen „High On Gettin‘ By“ schwingt etwas von Townes van Zandt mit, „Ripplin‘ And Wild“ erinnert an Guy Clark. Emerson reiht sich mit seinen Songs nahtlos in die Singer/Songwriter-Tradition des Country ein. Er selbst zählt Steve Earle zu seinen Inspirationsquellen.

Wirkliche Geniestreiche gelingen Vincent Neil Emerson mit der Single „Learnin‘ To Drown“ und mit „The Ballard Of The Choctaw-Apache“. Beim ersten kommt BJ Barham als Vergleich hinsichtlich des Songwritings und beim zweiten – aufgrund der thematischen Nähe und der Intensität der Performance – Jason Ringenberg in den Sinn. In den Texten beider Songs greift Emerson auf seine Familiengeschichte zurück.

In „Learning To Drown“ schildert er die Lebenssituation nach dem Selbstmord seines Vaters. In „The Ballard Of The Choctaw-Apache“ prangert er die Enteignungen von Indianergebieten in den 1960ern an. In seinem Stammbaum finden sich mütterlicherseits indigene Wurzeln. Der Song ist der einzige mit einer politischen oder gesellschaftlichen Aussage auf dem Longplayer, ansonsten kreisen seine Themen um autobiographische Erlebnisse oder persönliche Gefühlslagen.

Emersons Texte zeugen von einer hohen Sensibilität für literarische Gestaltungen. In Verbindung mit der klaren Struktur seiner Songs erzielt er so ein hohes Maß an Authentizität. Die Stücke sind während der Pandemie entstanden, in der er die Zeit nutzte, um Stationen seiner Lebensgeschichte aufzuarbeiten. Das Album ist daher nach eigener Aussage weitaus persönlicher als sein Debüt.

Bevor das Konzertleben zum erliegen kam, tourte Emerson ausgiebig, u. a. mit seinem Freund Colter Wall, mit den Turnpike Troubadours oder Charley Crockett. Crockett coverte für die CD „The Valley“ (2019) Emersons „7 Come 11“, das dort zu den beeindruckenden Titeln zählt. Emerson bereichert mit seinen Songs die New Traditional Country-Szene und reiht sich dort in die Riege der bereits etablierten Musiker ein.

Dabei unterschiedet er sich von Crockett dadurch, dass seine Songs weniger retro erscheinen. Im Gegensatz zu Wall bleibt Emerson auf seinem zweiten Album in geringerem Maße den Country-Rhythmen verhaftet. Als Produzenten für seinen Longplayer konnte er Rodney Cowell (Emmylou Harris, Rosanne Cash) gewinnen.

Mit Vincent Neil Emerson gewinnt die aktuelle Generation der Texas Singer/Songwriter einen weiteren kreativen Kopf, dem es gelingt, Traditionen authentisch fortzuschreiben ohne in diesen gefangen zu sein. Auf seinem zweiten Album gewährt Emerson einen tieferen Einblick in seine Gedankenwelt als zuvor und kleidet diesen in ausdrucksstarke Texte. Als Anspieltipps seien „Learnin’ To Drown“ und „The Ballard Of The Choctaw-Apache“ empfohlen.

La Honda Records – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Americana, Country

Tracks:
01. Texas Moon
02. Debtor’s Blues
03. High On The Mountain
04. Learnin’ To Drown
05. Ripplin’ And Wild
06. Durango
07. The Ballard Of The Choctaw-Apache
08. White Horse Saloon
09. High On Gettin’ By
10. Saddled Up And Tamed

Vincent Neil Emerson
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Lizanne Knott – Bones And Gravity – CD-Review

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Review: Michael Segets

Obwohl bereits Ende des letzten Jahres erschienen, flatterte „Bones And Gravity“ von Lizanne Knott erst jetzt als Neuerscheinung auf meinen Schreibtisch. Da das Werk ein prototypisches Americana-Album und gute Musik sowieso zeitlos ist, seien hier ein paar verspätete Worte zu ihm verloren.

Americana stellt oftmals so eine Verlegenheitsbezeichnung für Roots-Musik dar, die irgendwo zwischen Folk, Country, Rock und Blues liegt, sich jedoch nicht so richtig einem dieser Genres zuordnen lässt. Bei Lizanne Knotts Musik macht es aber Sinn, Americana als eigenständiges Genre zu bezeichnen. Sie bedient sich auf „Bones And Gravity“ zwar vor allem beim Folk und Country, pendelt aber bei den verschiedenen Songs nicht zwischen diesen hin und her, sondern folgt einer eigenständigen Richtung.

Dennoch finden sich zum einen die folkorientierte Stücke „Tired“ und „I Was A Bird“, auf denen die akustische Gitarre von Knott lediglich mit der Baritone-Gitarre und dem Wurlitzer-Piano von Glenn Barratt begleitet wird. Zum anderen kommen Country-Einflüsse auf „Emmylou“, einer Hommage an Emmylou Harris, sowie auf „Hurricane“ zur Geltung.

Auf dem insgesamt ruhigen Album schlägt Knott nur bei „Lay Him Down“ dezent rockige Töne an. Sehr schön ergänzen sich hier Lap Steel und Geige. Auf anderen Songs werden auch Cello („Bones And Gravity“) und Mandoline („Kindness“) eingesetzt, sodass der Sound der Tracks variiert. Dabei wirkt der Longplayer in Gänze geschlossen und homogen. Wenn einzelne Songs besonders hervorgehoben werden sollen, sind das neben dem schon erwähnten „Lay Him Down“ der Opener „Walk Away“ sowie das durch seinen Text bestechende, autobiographische „Keep Me Alive“.

Knott ist nicht nur in ihrem Heimatstaat Pennsylvania als Sängerin, die ihrer hellen Stimme viele Nuancen abgewinnt, sondern auch durch ihre ausdrucksstarken Texte anerkannt. Nicht umsonst teilte sie sich die Bühne bereits mit Künstlern wie Shawn Colvin, Joan Osborn oder Josh Ritter.
Die stimmungsvollen Texte drehen sich meist um zwischenmenschliche Beziehungen, die sich nicht nur auf Paarbeziehungen beschränken („Caroline“).

Etwas anders gelagert ist „Like I Love My Dog“, das besonders dem Hundeliebhaber Daniel – vielleicht auch Django – gefallen wird. Bei dem Song diente die Zuneigung zu ihrem in die Jahre gekommenen tierischen Weggefährten als Inspirationsquelle. Ein inhaltlich ähnlicher Titel von den Bottle Rockets („Dog“ auf „South Broadway Athletic Club“) kommt mir da in den Sinn.

In den elf Eigenkompositionen lotet die Singer/Songwriterin Lizanne Knott ihre Gedanken- und Gefühlswelt in poetischen Texten mit harmonischen, unaufgeregten Melodien aus. „Bones And Gravity“ ist ein stimmiges Americana-Album, das diese Bezeichnung verdient und kein verkappter Folk- oder Country-Longplayer.

Eigenproduktion (2019)
Stil: Americana

Tracks:
01. Problem Solution
02. The Drifter
03. No History
04. Sycamore
05. Come On Shorty
06. Cursive
07. Faster Than Fire
08. Widow’s Walk
09. River Of Love And Loss
10. The Rapture
11. I Don’t Know A Thing About Love

Lizanne Knott
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Leslie Stevens – Sinner – CD-Review

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Review: Michael Segets

Leslie Stevens wurde im letzten Jahr von der Presse ihres Wohnorts Los Angeles zur besten Country-Sängerin – zumindest der Stadt – erklärt. Mit Dolly Parton und Emmylou Harris gibt Stevens auch zwei Grandes Dames der Country-Szene als ihre musikalischen Vorbilder an. Ihre CDs lassen sich aber nicht so eindeutig diesem Genre zuordnen.

Während sich auf dem Album „Roomful Of Smoke“ (2010), bei dem sie noch von The Badgers begleitet wurde, und auf „The Donkey and the Rose“ (2016) einzelne Country-Titel finden, konzentriert sich Stevens bei „Sinner“ auf Balladen, die zwischen Country und Folk im Americana-Bereich zu verorten sind.

Das Titelstück und „Sylvie“, bei dem Jenny O. im Background zu hören ist, sind solche sanften Songs. Bei den ebenfalls getragen Balladen „You Don’t Have To Be So Tough“ und „The Long Goodbye“ steht bei der Begleitung die akustische Gitarre im Vordergrund, bei „Falling“ ein Klavier. Alle Titel sind gut hörbar und melodiös, wobei sie sich – vielleicht mit Ausnahme des letztgenannten – nicht unmittelbar in den Gehörgängen festsetzen.

Vor allem „Storybook“ erinnert mich von der Struktur an Kompositionen von Jess Klein. Stevens Stimme ist allerdings heller. In ihren mädchenhaften Sopran mischt sich ein nasaler Twang, der nachvollziehbar macht, warum sie manchmal in die Country-Ecke geschoben wird.

Mit ihrem Gesang kann Stevens allerdings unterschiedliche Stimmungen erzeugen. So lässt er auf „Teen Bride“ die fünfziger Jahre mit ihren schmachtenden Schulzen wieder aufleben. Aggressivere Töne schlägt Stevens auf „The Tillman Song“, dem kompositorisch und inhaltlich stärksten Track der Scheibe, an. Bei dem treibenden Stück, nimmt sie am Ende das Tempo gekonnt raus, ohne dass ein Bruch entsteht.

Produzent Jonathan Wilson (Roger Waters) greift hier zur E-Gitarre und gibt mit härteren Riffs dem Titel zusätzlichen Drive. Inhaltlich handelt es sich um einen Anti-Kriegs-Song, der seine Aussage an dem Schicksal des Footballspielers Pat Tillman verdeutlicht, der in Afghanistan gefallen ist.

Sehr gelungen sind auch das flotte „Depression, Descent“, auf dem Wilson als Duettpartner in Erscheinung tritt, sowie „12 Feet High“, das mit akzentuiertem Rhythmus und eingängigem Refrain einen rockigeren Ton anschlägt. Mit der Vorabauskopplung der beiden Stücke hat Stevens nichts falsch gemacht.

Leslie Stevens legt mit „Sinner“ ein balladenorientiertes Album vor, bei dem sich die Stücke zu einem schlüssigen und harmonischen Ganzen zusammenfügen. Im Gedächtnis bleiben jedoch die Titel, auf denen sie von der getragenen Grundstimmung abweicht.

Stevens arbeitete schon mit Joe Walsh, Jackson Browne und John Fogerty zusammen. Im September absolviert sie einige Auftritte mit Israel Nash in England. Zuvor tritt sie beim dänischen Tonder-Festival auf. Danach setzt sie ihre Tour in den Vereinigten Staaten fort, sodass vorerst ein Besuch in Deutschland nicht auf dem Terminplan steht.

Lyric Land/Thirty Tigers (2019)
Stil: Americana, Folk

Tracks:
01. Storybook
02. 12 Feet High
03. Falling
04. Depression, Descent
05. You Don’t Have To Be So Tough
06. Teen Bride
07. Sinner
08. The Tillman Song
09. Sylvie
10. The Long Goodbye

Leslie Stevens
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Garry Tallent – More Like Me – CD-Review

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Review: Michael Segets

Garry Tallent hat als Gründungsmitglied der E Street Band längst einen festen Platz in der Musikgeschichte. Schon vorher begleitete er als Bassist Bruce Springsteen. Sein musikalisches Schaffen auf die Rolle als beständiger – eher unauffälliger – Sidekick vom Boss zu beschränken, wäre aber nicht angemessen. Tallent arbeitete nämlich auch mit anderen Weltstars zusammen wie Sting oder Ian Hunter.

Ebenso spielte er mit Musikgrößen, die der Sound-Of-South-Fangemeinde vielleicht näher stehen: Steve Earle, Emmylou Harris, Buddy Miller und Jim Lauderdale sind einige von ihnen. Für Julian Dawson, Steve Forbert, Duane Jarvis und Greg Trooper produzierte er Alben.

Obwohl nahezu seit einem halben Jahrhundert im Musikgeschäft involviert, stellt „More Like Me“ nach „Break Time“ (2016) erst das zweite Solowerk von Garry Tallent dar. Mit seinem Debüt zeigt sich der Musiker in Interviews nicht hundertprozentig zufrieden, obwohl dafür gar kein Grund besteht. Bereits auf „Break Time“ performt Tallent guten Rock’n Roll. Dahingehend hat sich auch bei „More Like Me“ nichts geändert. Gleichgeblieben ist ebenso seine angenehme, leicht angeraute Stimme.

Neu ist, dass er sich auf der aktuellen CD konsequent konzeptionell an dem Rock’n Roll der sechziger Jahre orientiert. Für diesen schlägt Tallents Herz, was seine riesige Sammlung alter LPs und Singles beweist.

Der Bezugspunkt zu dieser Dekade scheint bereits beim Opener „Above the Rain“ durch, wird aber beim folgenden „If It Ain’t One Thing (It’s Another)“ ganz offensichtlich. Die für diese Zeit typische Begleitung durch Keyboards und Harmoniegesängen findet sich nicht nur hier, sondern auch bei anderen Songs (u. a. „Tell The Truth“, „No Sign of Love“). Auf „Too Long“ wird sie zusätzlich durch hand clapping stilgerecht angereichert.

Vom Songwriting bewegen sich die Titel, die im Schnitt bei circa drei Minuten liegen, ebenso in klassischen Bahnen. Ohne Experimente oder lange Instrumentalphasen rockt Tallent im Wohfühlbereich. Lediglich mit „Oh, No (Another Song)“ streut er eine Ballade mit Akkordeon ein, das im Wechselspiel mit der Gitarre das Stück trägt.

In der zweiten Hälfte des Albums wird der Gitarreneinsatz forciert. Dort finden sich auch die stärksten Stücke. „Sinful“ weist klasse Anleihen am Bluesrock auf. „Dirty Rotten Shame“ und „One Good Reason“ gehen direkt ins Ohr. Höhe- und Abschlusspunkt stellt schließlich der Titeltrack „More Like Me“ dar.

„More Like Me“ macht Lust, mehr von Garry Tallent zu hören. Der Longplayer ist eine runde Sache geworden, auf dem Tallent seine favorisierte Musik aus der Hochzeit des Rock’n Roll feiert. Der fast siebzigjährige Musiker beweist damit erneut, dass er mehr ist als eine Fußnote zu Bruce Springsteen.

An dieser Stelle sei allerdings eine Fußnote angeführt: Viele Dank an Dino Gollnick von Redeye Worldwide, der schnell und unkompliziert die Besprechung ermöglichte!

D’Ville Record Group/Redeye Worldwide (2019)
Stil: Rock

Tracks:
01. Above the Rain
02. If It Ain’t One Thing (It’s Another)
03. Oh, No (Another Song)
04. Tell the Truth
05. Too Long
06. No Sign of Love
07. Sinful
08. Dirty Rotten Shame
09. One Good Reason
10. More Like Me

Garry Tallent
Redeye Worldwide

Shiregreen – References – CD-Review

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Review: Michael Segets

Das erste, was auffällt, wenn man das Digipack von „References” in Händen hält, ist das umfangreiche und sehr schön gestaltete Booklet. Beim Durchblättern erschließt sich direkt die originelle Idee, die hinter dem Konzeptalbum steht: Shiregreen, alias Klaus Adamascheck, huldigt seinen musikalischen Heroen, die ihn Zeit seines Lebens begleiteten.

Jedem Musiker ist eine Doppelseite gewidmet, auf der neben Bemerkungen zur persönlichen Bedeutung des Künstlers für Adamascheck auch der Text des Songs in Englisch sowie dessen deutsche Übersetzung abgedruckt sind. Dabei covert Shiregreen keine Titel der jeweiligen Songwriter, sondern er schreibt eigene Stücke, die er ganz im Stil der Vorbilder sowie mit Bezug zu deren Leben oder Werk präsentiert.

Beim erstmalen Hören der CD machte ich das Experiment und versuchte zu erraten, welcher Künstler jeweils als Referenzpunkt diente. Dies gelang mir bei der überwiegenden Zahl der Stücke problemlos. Bei manchen fiel die Zuordnung schwerer, was aber vermutlich daran lag, dass ich die Musik der Vorbilder nicht im Ohr hatte.

Obwohl Shiregreen eine Dekade älter ist als ich, überschneidet sich doch der Musikgeschmack an mehreren Stellen. Tom Petty und John Fogerty rangieren bei mir ebenfalls ganz oben auf der Liste der Musiker, deren Lieder mich prägten. Mit „The Last Goodbye“ sowie „Stolen Songs“ würdigt Shiregreen die Rocklegenden.

Durch den Einbau von Versatzstücken – sowohl hinsichtlich der Texte als auch der Melodien – aus bekannten Songs der Künstler und einem ähnlichen Klang der Gitarren ist der Wiedererkennungswert sehr hoch. Obwohl die Stimme von Shiregreen weich und eher tief ist, womit sie sich von denen von Petty oder Fogerty deutlich unterscheidet, werden die Assoziationen zu den beiden unmittelbar geweckt.

Auch bei den anderen Stücken baut Shiregreen typische Elemente der jeweiligen Musiker ein. Da sind der mehrstimmige Gesang bei „Between The River And The Railroad Tracks“ als Bezugspunkt zu Crosby, Stills, Nash & Young, die Mundharmonika auf „One More Song“ für Bob Dylan oder eine Gitarre à la Mark Knopfler bei „From That Day On“. Neil Young scheint deutlich bei „When The Last Buffalo Is Gone“ durch.

Beeindruckend ist, wie es Shiregreen gelingt, die charakteristischen Sounds der Referenzmusiker nachzubilden. Vor allem Tom Eriksen an unterschiedlichen Gitarren sowie Morris Kleinert mit Pedal Steel und Dobro haben daran großen Anteil. Insgesamt wirken acht Begleitmusiker mit, so dass eine Vielzahl an Instrumenten zum Einsatz kommt. Hinsichtlich der Instrumentierung mit Akkordeon, Querflöte und Geige sticht der Titel „In Barbara’s Room“ hervor, der sich an Leonard Cohen anlehnt.

Marisa Linss übernimmt den Lead-Gesang bei dem Joan Baez gewidmeten „Here’s To Joan“ und bei dem Duett „Under Joshuah Trees“ für Emmylou Harris und Gram Parsons. Bei anderen Stücken steuert sie den Background-Gesang bei, wie bei der Reminiszenz an Townes Van Zandt „Townes And Me“.

Die Musik der anderen gewürdigten Songwriter Mike Batt („All Along The Atlas Mountains“), Ralph McTell („Every Town Is Worth A Song“) und Robert Earl Keen („Down The Endless Road“) ist mir nicht gegenwärtig. Die ihnen zugedachten Titel fügen sich aber nahtlos in das Album ein. Gleiches gilt für „References“ und „References Reprise“, mit denen Adamascheck die Bedeutung alter Lieder als Weggefährten besingt.

Den versammelten Americana-Songs schwingt ein melancholischer Grundton mit, der das gesamte Werk als Konstante durchzieht. Shiregreen erinnert mit „References“ daran, was für großartige Musik es gibt und wie diese das Leben bereichert. Ähnlich sozialisierte Musikliebhaber werden ihre Freude an der Hommage haben. Ich nehme die Anregung auf alle Fälle auf, meine Klassiker, die ich schon viel zu lange nicht mehr gehört habe, nochmal aus dem Regal zu ziehen.

NIWO Music/DMG Germany/cmm-consulting (2019)
Stil: Americana

Tracks:
01. Between The River And The Railroad Tracks
02. Stolen Songs
03. In Barbaras Room
04. References
05. Under Joshuah Trees
06. All Along The Atlas Mountains
07. Every Town Is Worth A Song
08. From That Day On
09. One More Song
10. Down The Endless Road
11. When The Last Buffalo Is Gone
12. Here’s To Joan
13. Townes And Me
14. The Last Good Bye
15. References Reprise

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Steve Earle & The Dukes – Guy – CD-Review

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Review: Michael Segets

Steve Earle, mittlerweile selbst eine Ikone, hatte zu Beginn seiner Karriere zwei Freunde und Mentoren, die ihn sowohl künstlerisch inspirierten als auch Türen öffneten: Townes Van Zandt und Guy Clark. Dem 1997 verstorbenen Townes Van Zandt setzte Earle mit „Townes“ einen musikalischen Gedenkstein. Drei Jahre nach dem Tod von Guy Clark verneigt sich Earle nun mit „Guy“ vor dem Singer/Songwriter.

Obwohl das Vorhaben mal im Raum stand, dass Earle und Clark sich gemeinsam ans Songschreiben begeben, ist es nie zu einem gemeinsamen Werk gekommen. Ein Umstand, den Earle heute bereut. Für „Guy“ griff Earle daher ausschließlich auf die Songs seines Freundes zurück und haucht ihnen neues Leben ein.

Steve Earle lernte Mitte der 1970er, kurz nachdem er nach Nashville gezogen war, Guy Clark kennen, der ihn direkt als Bassisten engagierte. Clark war bereits in der regionalen Musikszene etabliert, bevor er 1975 sein wegweisendes Debüt „Old No. 1“ herausbrachte. Der Einfluss, den Guy Clark auf Steve Earle in dieser Phase ausübte, spiegelt sich in der Auswahl der Songs für „Guy“ wider. Neun der sechzehn Titel stammen von Clarks ersten beiden Alben. Natürlich dürfen dabei die beiden Klassiker „Desperados Waiting For A Train“, das spätestens mit dem Cover durch The Highwaymen (1985) einen Kultstatus erlangte, und „L.A. Freeway“ nicht fehlen.

Neben vier Titeln aus den Achtzigern finden sich zwei aus den Neunzigern auf der Hommage. Das neueste Stück „Out In The Parking Lot“ wurde 2006 veröffentlicht. Unberücksichtigt bleibt Clarks – mit einem Grammy als bestes Folk-Album ausgezeichnete – „My Favorite Picture Of You“ (2013).
Guy Clark war ein Storyteller. Dabei konnte er seine Geschichten in eingängige Melodien verpacken. Earle hat eine abwechslungsreiche Mischung aus Clarks Werk herausgegriffen.

So suchte er sich die Balladen „Anyhow I Love You“, „She Ain’t Going Nowhere” und „That Old Time Feeling” aus, die durch seine Stimme eine besondere Tiefe erhalten. Von der Begleitung reduzierter sind der Folksong „The Randall Knife“ und das sarkastische „The Last Gunfighter Ballad“, die in einem melodischen Sprechgesang vorgetragen werden. Letztgenannten Song hatte Earle bereits für das Album „This One‘s For Him: A Tribute To Guy Clark“ (2012) aufgenommen.

Einen stampfenderen Rhythmus, für den Brad Pemberton am Schlagzeug und Kelly Looney am Bass verantwortlich zeichnen, haben „Dublin Blues“ und „The Ballad Of Laverne And Captain Flint”. „Texas 1947” und „Rita Ballou”, bei dem etwas Honky Tonk hineinspielt, sind reine Countrysongs. Ins gleiche Genre passen die schnelleren „New Cut Road“ und das von Shawn Camp mit geschriebene „Sis Draper“. Camp steuert hier die Mandoline bei. Mit „Heartbroke“ und vor allem dem schon erwähnten „Out In The Parking Lot” schlägt Earle rockige Töne an, womit er von den ursprünglichen Versionen deutlich abweicht.

Für das richtige Maß an Country-Flair sorgen Chris Masterson an der Gitarre, Ricky Ray Jackson an der Pedal Steel sowie Eleanor Whitmore an der Geige. Whitmore liefert darüber hinaus mit ihrem Harmoniegesang einen hervorragenden Gegenpart zu Earles eigenwilliger Stimme.

Zum Abschluss „Old Friend“ versammelte Earle einen großen Chor mit prominenten Namen. In ihm geben sich Emmylou Harris, Jerry Jeff Walker, Rodney Crowell, Verlon Thompson, Gary Nicholson, Shawn Camp sowie Terry und Jo Harvey Allen die Ehre.

Mit „Guy“ sorgt Earle dafür, dass die Musik von Guy Clark nicht in Vergessenheit gerät, aber das Album ist mehr als eine bloße Reminiszenz an einen großartigen Songwriter. Den aus heutiger Sicht eher gefällig wirkenden Aufnahmen von Clark setzt Earle erdige und ungeschliffen raue Arrangements entgegen. Besonders Earles Stimme und Intonation geben den Stücken einen zusätzlichen Biss.

Auf „Guy“ zeigt Steve Earle erneut seine Fähigkeit, Klassikern seinen individuellen Stempel aufzusetzen und sie in seinem unverwechselbaren Stil zu modernisieren. Mit seinen Interpretationen gelingt ihm das Kunststück, die Originale so zu transformieren, dass etwas Neues entsteht, ohne dass der ursprüngliche Geist der Songs verloren geht.

Steve Earle macht die Stücke von Guy Clark zu seinen eigenen und der Longplayer reiht sich nahtlos in seine Veröffentlichungen der letzten Jahre ein. Würde man nicht den einen oder anderen Titel kennen, könnte man auch annehmen, dass sie aus Earles Feder stammten.

New West Records/Pias – Rough Trade (2019)
Stil: Alternative Country

Tracks:
01. Dublin Blues
02. L.A. Freeway
03. Texas 1947
04. Desperados Waiting For A Train
05. Rita Ballou
06. The Ballad Of Laverne And Captain Flint
07. The Randall Knife
08. Anyhow I Love You
09. That Old Time Feeling
10. Heartbroke
11. The Last Gunfighter Ballad
12. Out In The Parking Lot
13. She Ain’t Going Nowhere
14. Sis Draper
15. New Cut Road
16. Old Friends

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