Jack McBannon – Tennessee – CD-Review

Review: Michael Segets

Der Wuppertaler Thomas Willer veröffentlichte 2021 unter seinem neuen Künstlernamen Jack McBannon das Album „True Stories“. SoS-Kollege Stephan Skolarski hatte seinerzeit das Werk, mit dem sich McBannon aufmachte, seine Country-Wurzeln zu erkunden, als zukunftsweisend eingeschätzt. Recht hat er behalten. Für den nun vorliegende Nachfolger „Tennessee“ nutzte McBannon die Chance, an geschichtsträchtigem Ort den eingeschlagen Pfad weiter zu verfolgen. „True Stories“ überzeugte nämlich nicht nur den SoS-Redakteur, sondern auch John Carter Cash. Nachdem McBannon dem Sohn von Johnny Cash auf gut Glück eine Aufnahme von „True Stories“ geschickt hatte, erhielt er die Einladung, das Cash Cabin Studio in Hendersonville zu nutzen. Mit elf neuen Songs im Gepäck machte sich McBannon dann auf den Weg nach Tennessee und John Carter Cash übernahm die Produktion des Longplayers.

Zwischen Americana und Country angesiedelt gelingt McBannon mit „Tennessee“ ein Album, das sich nicht hinter denen amerikanischer Songwriter verstecken muss. Mit seiner angerauten Stimme bringt er Atmosphäre in die Stücke, egal ob sie getragen oder rockig ausfallen. Das Duett mit John Carter Cash „The Only Rule“ ist sehr reduziert in der instrumentalen Begleitung, ansonsten hat McBannon eine souverän aufspielende Band im Rücken, die mal mehr und mal weniger dominant auftritt. Vor allem bei „A Sinner’s Sin“ lässt sie es ordentlich krachen. Der Song mit einem Grunge-Einschlag gehört neben „Can You Hear Me“ – einem Roots Rocker vom Feinsten – zu den beiden schnelleren Tracks auf der Scheibe. Sie setzen Akzente zwischen den überwiegend balladesk gehaltenen Beiträgen.

Aber auch bei den langsamen Titeln baut McBannon Variationen ein. Manche Songs sind von Country-typischem Slide untermalt („Tennessee“, „Home“), der bei „Not Alone“ stimmungsvoll mit einem Klavier kombiniert wird. Atmosphärisch dicht – mit einem Hauch von Pathos – fällt der Opener „Back Then“ aus. Leidenschaft legt McBannon bei „Turn Around“ in seine Stimme, das in der zweiten Hälfte des Longplayers das Tempo nochmal etwas anzieht. Darauf folgt die runde Americana-Ballade „In Us I Believe“. „As Simple As That“ fällt in die gleiche Kategorie. Für den Abschluss wurden Streicher eingeflogen. Die Tracks wurden allesamt live im Cash Cabin Studio eingespielt, was sicherlich dazu beiträgt, das deren Sound direkt und erdig klingt.

Wenn man denkt, zwischen dem Bergischen Land und Amerika liegen Welten, dann irrt man sich in musikalischer Hinsicht. Jack McBannon überbrückt die kulturellen Diskrepanzen anscheinend mühelos. „Tennessee“ dient als Beweis, dass auch Musiker aus deutschen Landen in der Lage sind, ernsthafte Genrebeiträge zum Americana und Country zu liefern. McBannon hat den Sprung über den Atlantik gewagt und unter den Fittichen von John Carter Cash ein durchgehend überzeugendes Album geschaffen. Dabei offenbart er ebenso Qualitäten in Sachen Roots Rock, von denen in den nächsten Projekten gerne mehr gezeigt werden können.

My Redemption Records – Cargo (2024)
Stil: Country / Americana

Tracks:
01. Back Then
02. Can You Hear Me
03. Tennessee
04. The Only Rule (feat John Carter Cash)
05. A Sinner’s Sin
06. Home
07. Not Alone
08. Turn Around
09. In Us I Believe
10. Dry County
11. As Simple As That

Jack McBannon
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Cargo
Oktober Promotion

Dean M. Collins – Land Where The Wishes Come True – CD-Review

Review: Michael Segets

In den letzten zehn Jahren brachte Dean M. Collins fünf Alben heraus. Auf dem jetzt erschienen „Land Where The Wishes Come True“ versammelt sich eine ansehnliche Riege von Musikveteranen. Kenny Aronoff (Johnny Cash, John Mellencamp), Smokin’ Brett Resnick (Kacey Musgraves, Brooks & Dunn), Justin Moses (Garth Brooks, Peter Frampton), Michael Clevelands (Alison Krauss) und Jimmy Zavalas (Bon Jovi, Tom Petty) sind einige von ihnen. Mit so viel Erfahrung im Hintergrund kann praktisch nichts schiefgehen.

Die drei Singles „Land Where The Wishes Come True”, „I Don’t Think She Knows” und „It Could Have Been Me” wurden am Anfang des Longplayers geschickt platziert. Sie stellen die stärksten Stücke des Werks dar. Bei den beiden ersten erzeugt vor allem das Schlagzeug von Aronoff eine erstklassige Dynamik. Nach dem folkrockigen Einstieg verliert das Album an Fahrt. In die folgenden Songs mischt sich gelegentlich etwas Westcoast („Here & Now“), Country („Still Gone“, „Small Worlds“) oder gar Pop („Time When We Were Close“) hinein. Die Titel sind gut hörbar und klar um die angenehme Stimme von Collins herum produziert.

Die Fidel von Michael Cleveland ist auf den meisten Tracks präsent und manchmal auch dominant („That’s All“, „Coming Home”, „Sorry (Closeout 602)”). Auffällig wimmert die Mundharmonika von Jimmy Zavala bei „Let It Go”. Neben den Singles sind das lockere „Nothing Lasts Forever” und das etwas dunklere, die Dynamik variierende „Athanasia“ hervorzuheben. Das letztgenannte Stück zählt definitiv zu den emotionalen Highlights des Albums. Insgesamt fehlen mir etwas die Ecken und Kanten in der Produktion, wobei sich auf der anderen Seite auch keine songtechnischen Ausfälle verzeichnen lassen.

Collins wuchs in Kentucky auf einer Farm auf. Später war er Pilot – zuerst beim Militär und dann bei einer privaten Fluggesellschaft. Mit seiner Karriere als Musiker lebt er einen weiteren Traum aus. Es ist alles in allem anscheinend ganz gut für ihn gelaufen, sodass der Albumtitel vermutlich sein tatsächliches Lebensgefühl widerspiegelt. In seinen Texten verarbeitet er seine Erinnerungen, die sich hauptsächlich um Familie und Beziehungen drehen. Da werden aber dann doch Rückschläge und das Bedauern von Entscheidungen thematisiert, sodass auch die Schattenseiten des Lebens anklingen.

Wenn auch nicht jeder Song von Dean M. Collins einen hohen Wiedererkennungswert aufweist, hält „Land Where The Wishes Come True” einige empfehlenswerte Tracks bereit. Mit einer beeindruckenden Line-up im Rücken präsentiert Collins sein fünftes Album, das vor allem mit den Folk Rock-Titeln punktet.

Dr. Music Records (2023)
Stil: Americana

Tracks:
01. Land Where The Wishes Come True
02. I Don’t Think She Knows
03. It Could Have Been Me
04. Here & Now
05. Nothing Lasts Forever
06. That’s All
07. Let It Go
08. Time When We Were Close
09. Still Gone
10. Athanasia
11. Coming Home
12. Small Words
13. Sorry (Closeout 602)

Dean M. Collins
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Dr. Music Records

Dr. John – Things Happen That Way – CD-Review

Review: Michael Segets

Malcolm John Rebennack Jr. verstarb am 6. Juni 2019. Als Dr. John sicherte er sich einen Platz in den Musikannalen. Der vielfach ausgezeichnete Musiker aus New Orleans ließ sich stilistisch nie genau festlegen. Er prägte die Bezeichnung Voodoo-Rock und widmete sich dem Blues, dem Funk und dem Jazz. Der Country spielte in seinem künstlerischen Schaffen kaum eine Rolle, allerdings hegte er schon länger den Plan, einen Longplayer aufzunehmen, bei dem er den Country als Inspirationsquelle nutzt.

Gut zwei Jahre nach seinem Tod erscheint nun „Things Happen That Way“, das quasi letzte Studioalbum von Dr. John. Sechs Coverversionen und vier Eigenkompositionen, die er meist in Zusammenarbeit mit seinem Gitarristen Shane Theriot schrieb, umfasst sein finales Werk. Obwohl Dr. John einige Klassiker des Country einspielt, ist der Longplayer letztlich eine Bluesscheibe, dessen Review vielleicht beim Kollegen Schneider in besseren Händen gewesen wäre.

„I’m So Lonesome I Could Cry“ lässt als einziges Stück deutlich erkennen, dass es aus der Country-Ecke stammt. Dr. John brummt mit tiefer Stimme den bekannten Text. Mit „Ramblin‘ Man“ berücksichtigt Dr. John einen weitere Song, der von Hank Williams stammt, und performt ihn schön erdig. Mit etwas gutem Willen kann die Interpretation des Titeltracks „Things Happen That Way“ ebenfalls noch dem Country-Genre zugeordnet werden. Der Song wurde zuerst von Johnny Cash veröffentlicht.

Obwohl auf dem Traditional „Gimme That Old Time Religion“ die Country-Ikone Willie Nelson mitsingt und ein Gitarrensolo beisteuert entpuppt sich die Version von Dr. John gleichfalls als Blues. Auch der Evergreen von Willie Nelson „Ain’t It Funny How Time Slips Away“ kann kaum mehr als Country bezeichnet werden. Mit seinem Klavier und der Bläsersektion interpretiert Dr. John ihn erstklassig, entspannt groovend. Lukas Nelson begleitet mit seiner Band Promise Of The Real Dr. John bei der Neueinspielung von „I Walk On Guilded Splinters“. Der Sohn von Willie wildert bei dem eher sphärisch angelegten Song in für ihn ungewohnten Regionen. Das Original nahm Dr. John bereits 1968 auf.

„End Of The Line“, einen der bekanntesten Songs von The Traveling Wilburys, transformiert Dr. John so, dass er sich deutlich von der ursprünglichen Version unterscheidet. Beibehalten hat er den mehrstimmigen Gesang im Refrain. Für diesen holte er sich Aaron Neville und Katie Pruitt ins Boot. Pruitt übernimmt auch bei „Holy Water“ zentrale Gesangsparts und rückt das Stück in Richtung Gospel. Der Track stammt ebenso wie die lockere Uptempo-Nummer „Sleeping Dogs Best Left Alone“ und das gleichförmige „Give Myself A Good Talkin‘ To“ aus der Feder von Dr. John.

Die durch die Songauswahl geschürte Erwartung, dass Dr. John posthum ein Country-Album vorlegt, erfüllt sich nicht. Er verwandelt stattdessen die ausgewählten Klassiker des Genres in Bluestitel, sodass sie sich nahtlos mit seinen Eigenkompositionen verbinden. Dr. John war ein kreativer Kopf, der unterschiedliche Musikrichtungen verarbeitete und in seinen eigenen Stil intergierte. „Things Happen That Way“ ist dafür ein letztes Zeugnis.

Rounder Records-Concord/Universal Music (2022)
Stil: Blues

Tracks:
01. Ain’t It Funny How Time Slips Away
02. Ramblin’ Man
03. Gimme That Old Time Religion
04. I Walk On Guilded Splinters
05. I’m so Lonesome
06. End Of The Line
07. Holy Water
08. Sleeping Dogs Best Left Alone
09. Give Myself A Good Talkin’ To
10. Guess Things Happen That Way

Dr. John
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Oktober Promotion

Todd Snider – Live: Return Of The Storyteller – CD-Review

Review: Michael Segets

Wie vieles, was Todd Snider so produziert, hat der Titel „Return Of The Storyteller“ eine gewisse Doppelbödigkeit. Zum einen ist er eine Referenz an Sniders früheres Live-Album „The Storyteller“ (2011), zum anderen spielt er auf die Zeit nach der Hochphase der Pandemie an, in der nun wieder Konzerte möglich sind. In Sniders One-Man-Show blitzt immer wieder sein Sinn für Humor auf. Schon der erste Blick auf die Tracklist, die mit „Big Finish“ beginnt und mit „Opening Statement“ endet, offenbart seine teils skurrilen Gedankengänge.

Vierzehn weitere Songs umfasst der Zusammenschnitt mehrerer Auftritte aus der jüngeren Zeit, angereichert durch zahlreiche Zwischenbemerkungen und Anekdoten. Snider präsentiert sich dabei tatsächlich als Storyteller. Da die längeren erzählenden Passagen auf der CD einzeln gesplittet sind, können diese leicht weggelassen werden, wenn man sich bei mehrmaligen Hören auf die Musik konzentrieren möchte.

Die Auswahl der Stücke umfasst die gesamte Schaffensperiode von Snider. Angefangen bei „Alright Guy“ von seinem Debüt aus dem Jahr 1994, bis hin zu Titeln seiner beiden letzten Longplayer „Cash Cabin Sessions, Vol. 3“ (2019) und „First Agnostic Church Of Hope and Wonder“ (2021). Meine Favoriten dieser Alben finden sich auch auf der aktuellen Live-Scheibe wieder: „Like A Force Of Nature“, das im Studio mit Jason Isbell im Duett gesungen wurde, und „Handsome John“, mit dem Snider John Prine ehrt.

Sniders Inspirationsquellen sind vielfältig. Wer hätte gedacht, dass der ehemalige republikanische Vorsitzende der US-Notenbank Alan Greenspan den Anstoß für „In Between Jobs“ gab? Snider erinnert darüber hinaus an mehrere verstorbene Songwriter. Auch wenn sich keine Werke von John Prine, Jerry Jeff Walker, Neal Casal, Johnny Cash oder Colonel Bruce Hampton in der Interpretenskala von SoS finden, so sind sie dort doch präsent. Man denke an das Tribute „Highway Butterfly: The Songs Of Neal Casal“, auf dem auch Snider mitwirkte, oder an „Jerry Jeff“ von Steve Earle. Die Geschichten, die Snider zum Besten gibt, sind kurzweilig und amüsant. Insgesamt nehmen sie allerdings viel Raum ein.

Die Songs werden durch die Ausführungen von Snider in ein nicht gekanntes Licht gerückt. Zudem verändert sich die Wirkung der nun mit Gitarre und Mundharmonika interpretiert Stücke. Von seiner letzten CD, die mit ihrem funkigen Einschlag nicht so recht überzeugte, sind „Sail On, My Friend“ sowie „Turn Me Loose (I’ll Never Be The Same)” entnommen. Vor allem der letztgenannte Titel gewinnt in seiner akustischen Live-Version. Einen repräsentativen Eindruck von Sniders Performance vermittelt die erste Single „Just Like Old Times“, die im Original von „The Devil You Know” (2006) stammt. Weitere Anspieltipps sind „Play A Train Song” und „Too Soon To Tell”.

Bei Tood Sniders „Live: The Return Of The Storyteller” ist der Titel Programm. In Singer/Songwriter-Manier zieht Snider einen akustischen Querschnitt durch sein fast dreißigjähriges musikalisches Schaffen. An seinen Erinnerungen und Erlebnissen dieser Zeit lässt er in teils ausführlichen und amüsanten Anekdoten die Hörer teilhaben, sodass die Musik fast schon in den Hintergrund tritt.

Label: Aimless Records – Thirty Tigers/Membran (2022)
Stil: Singer/Songwriter

Tracks:
01. Big Finish
02. [Col. Bruce Hampton Ret.]
03. Turn Me Loose (I’ll Never Be The Same)
04. [East Nashville]
05. Play a Train Song
06. [Old Man Shakes Fist at Sky]
07. Too Soon to Tell
08. Like a Force of Nature
09. [John Prine]
10. Handsome John
11. [Hard Luck Love Song]
12. Just Like Old Times
13. [Speakneck Speedball]
14. Roman Candles
15. The Very Last Time
16. Sail on, My Friend
17. [Being Outdoors]
18. Ballad of the Devil’s Backbone Tavern
19. Alright Guy
20. [Free Bird]
21. [Sock Water]
22. Just Like Overnight
23. [Alan Greenspan]
24. In Between Jobs
25. [Where Will I Go]
26. Working on a Song
27. Opening Statement

Todd Snider
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Kris Kristofferson – Live At Gilley’s, Pasadena, TX, September 15, 1981 – CD-Review

Review: Michael Segets

Bevor Kris Kristofferson in meinen musikalischen Dunstkreis getreten ist, nahm ich ihn als Schauspieler wahr, vor allem in den Westernklassikern „Pat Garrett & Billy The Kid“ und „Heavens Gate“. Die erste von mir gekaufte Platte, auf der er mitwirkte, war „The Highwayman“ von The Highwaymen. Die Band setzte sich aus den namhaften Vertretern des Outlaw-Countrys Johnny Cash, Waylon Jennings, Willie Nelson und Kristofferson zusammen.

Beim Erscheinen des Albums 1985 schaute Kristofferson bereits auf eine fünfzehnjährige Karriere als Musiker zurück, wobei er in den 1970ern auf einer Erfolgswelle schwamm. „To The Bone“ (1981) stellte den letzten Solo-Longplayer dar, den Kristofferson vor seinem Engagement bei The Highwaymen veröffentlichte. Die dazugehörige, sich fast über ein halbes Jahr erstreckende Tour fand ihren Abschluss am 15. September 1981 im Gilley’s, einer renommierten Location in Pasadena, Texas. Der Auftritt wurde seinerzeit aufgenommen und findet jetzt das Licht der Öffentlichkeit.

Das einzige Stück auf der Setlist, das von dem damals aktuellen Album „To the Bone“ stammt, ist „Nobody Loves Anybody Anymore”. Den Song schrieb Kristofferson zusammen mit Billy Swan, der auch Mitglied der sechsköpfigen Begleitband war. In den Liner Notes erinnert sich Swan an den Abend. Ebenso sind Texte des kürzlich verstorbenen Mickey Gilley und von George Strait abgedruckt.

Von seinen frühen Hits, die teilweise von anderen Musikern erfolgreich interpretiert wurden, wie beispielsweise „Me And Bobby McGee“ von Janis Joplin, sind einige vertreten. „Loving Her Was Easier (Than Anything I’ll Ever Do Again)”, „Why Me”, „For The Good Times” oder das auch von Johnny Cash aufgenommene „Sunday Mornin’ Comin’ Down” zählen dazu. Auf seinen anderen Live-Alben ist lediglich „If It’s All The Same To You” nicht vertreten, wenn ich das richtig sehe. Aber die Fans von Kristofferson werden Spaß an dem Vergleich der nun vorliegenden Versionen mit den anderen haben, vor allem mit seinem Album in der Austin City Limits Serie „Live From Austin, TX“, dessen Aufnahme aus dem gleichen Jahr stammt und eine identische Bandbesetzung aufweist.

Bedenkt man das Alter der Aufnahme, ist der Sound ausgewogen, wobei Kristoffersons Stimme deutlich im Vordergrund steht. Er vermittelt unmittelbar die Liveatmosphäre und transportiert die Stimmung, die im Gilley‘s herrschte. Die Stücke werden gradlinig, manchmal auch ineinander übergehend gespielt und nur selten, wie vor „Casey’s Last Ride“, richtet Kristofferson Worte an das Publikum.

Kris Kristofferson präsentierte im Gilley’s eine Auswahl seiner Klassiker aus der ersten Hälfte der 1970er sowie einzelne Tracks aus der Zeit vor The Highwaymen und seiner politischen Phase. Der Mitschnitt fängt die begeisterte Stimmung des Publikums ein und dokumentiert eine Momentaufnahme in Kristoffersons Karriere. Doppelungen der Setlist mit anderen Live-Veröffentlichungen werden die Fans nicht stören. Ob nochmal neues Material des nunmehr 86jährigen Outlaws zu erwarten ist, steht in den Sternen, obwohl sich die Nachricht von seinem Tot im August glücklicherweise als geschmacklose Fälschung herausstellte.

New West Records (2022)
Stil: Outlaw Country

Tracks:
01. Me And Bobby McGee
02. Here Comes That Rainbow Again
03. Casey’s Last Ride
04. You Show Me Yours (And I’ll Show You Mine) / Stranger
05. Nobody Loves Anybody Anymore
06. Darby’s Castle
07. If It’s All The Same To You
08. The Pilgrim
09. For The Good Times
10. Sunday Mornin’ Comin’ Down
11. The Silver Tongued Devil And I
12. Smile At Me Again
13. Same Old Song
14. Loving Her Was Easier (Than Anything I’ll Ever Do Again)
15. Why Me

Kris Kristofferson
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New West Records
Oktober Promotion

Loudon Wainwright III – Lifetime Archievement – CD-Review

Review: Michael Segets

Der Wunsch etwas zu hinterlassen, das überdauert, trieb Loudon Wainwright III schon in jungen Jahren um. Aus einem heute wohl nicht mehr nachzuvollziehenden Grund dachte er, dass er mit 25 Jahren versterben würde. Es ist zum Glück anders gekommen, aber das Bedürfnis, sich zu verewigen, treibt den nun 76jährigen immer noch an. In dem Bewusstsein, dass „Lifetime Archievement“ sein letztes Album sein könnte, feilte Wainwright III solange an den Songs, bis er dachte, dass er nichts mehr an ihnen verbessern kann. „Lifetime Archievement“ ist eine Reflexion auf den Prozess des Alterns und zugleich eine Momentaufnahme seines derzeitigen musikalischen Stands.

Loudon Wainwright III schaut auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurück. Neben seinen musikalischen Ambitionen widmete er sich auch der Schauspielerei und trat in Filmen („28 Tage“, „Aviator“) und im Fernsehen („M.A.S.H.“, „Ally McBeal“) auf. Als Musiker veröffentlichte er fast dreißig Alben, wobei er immer noch denkt, dass er seine Zeit hätte besser nutzen können, um mehr Song zu schreiben. Dafür, dass ihm einige gelungen sind, zeugen ein Grammy für das Album „High Wide & Handsome“ sowie die Tatsache, dass sie von Größen wie Johnny Cash und Bonnie Riatt interpretiert wurden.

Wainwright III wollte ein Album traditioneller Machart vorlegen und so kann „Lifetime Archievment“ als Folkalbum durchgehen, obwohl einige Songs zum Teil mit großer Bandbesetzung eingespielt wurden. Er präsentiert sich – nur mit Gitarre und Mundharmonika bewaffnet – auf dem wortgewaltige „I Been“ als klassischer Singer/Songwriter. Tolstoi und Sartre zitiert er bei „Fam Vac“. Der dort besungene Familienurlaub wird nicht als Urlaub mit, sondern als Urlaub von der Familie ersehnt. Die Texte von Wainwright III sind also nicht durchgängig schwere Kost, sondern tragen durchaus amüsante Züge.

Bei den Folksongs variiert Wainwright III die Begleitung, indem er mal ein Akkordeon hinzufügt („It Takes 2“) oder die Gitarre durch die Ukulele ersetzt („Fun & Free“). Besonders gelungen ist „Hell“, das trotz des Titels durch die Mandolinenbegleitung entspannt wirkt. Mit Banjo und Streichern wurde das getragene „How Old Is 75?” eingespielt. Bei „One Wish“ und „It“ verzichtet Wainwright III gänzlich auf die Instrumente und sing a cappella, bei letztgenanntem unterstützt durch Chaim Tannenbaum.

Ein Highlight stellt der flotte Bluegrass „Little Piece Of Me“ dar. Das sanfte „Back In Your Town” und das rauere „Town & Country” sind weitere. Bei meinem Favoriten „Town & Country” zahlt sich die Ergänzung durch Schlagzeug und Bläsersektion aus. Einzelne Songs, wie das Titelstück, tragen leicht sentimentale Züge, aber diese halten sich im Rahmen und sind für ein Alterswerk ja auch nicht untypisch. Insgesamt hat Wainwright III das Album gemeistert und der Pokal auf dem Cover mag dafür sprechen, dass er dies auch so sieht.

Loudon Wainwright III muss sich nichts mehr beweisen, will es aber immer noch wissen. Er blickt – zum Teil mit einem Augenzwinkern – auf sein bisheriges Leben mit erfüllten und unerfüllten Wünschen sowie mit begründeten und unbegründeten Ängsten zurück. Dies tut er vor allem mithilfe von Folksongs. „Lifetime Archievement“ ist dabei nicht puristisch, sondern unternimmt Ausflüge in Americana und Bluegrass.

Proper Records – H’Art/Bertus (2022)
Stil: Folk/Americana

Tracks:
01. I Been
02. One Wish
03. It Takes 2
04. Fam Vac
05. Hell
06. Little Piece Of Me
07. No Man’s Land
08. Back In Your Town
09. Town & Country
10. Island
11. It
12. Hat
13. Lifetime Archievement
14. How Old Is 75?
15. Fun & Free

Loudon Wainwright III
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Bertus
V2 Records

Matt Horan – You Ain’t Country – Vinyl-Review

Review: Michael Segets

Mit seinem starken Solo-Debüt „Tears From The Mountain” sowie dem begeisternden Auftritt in der Kulturrampe letztes Jahr, hat sich Matt Horan in mein Herz gespielt. Entsprechend gespannt war ich auf den dort angekündigten Longplayer.

Während er auf seinem ersten Album als American Folk Singer stilsicher allein mit Gitarre oder Banjo unterwegs war, holte er sich für „You Ain’t Country“ die C.A.F. Band (Country As Fuck Band) ins Boot. Eine Band im Rücken zu haben ist für Horan nichts Neues. Über eine Dekade war er der Frontmann von Dead Bronco.

Dead Bronco nahm zwar eine Tribute-EP für Hank Williams auf, die Ausrichtung der Band ging aber eher in Richtung Punk oder Dark Folk. Nach der Auflösung der Band will Horan mit seinen Soloprojekten einen anderen Weg gehen. Auf seinem aktuellen Album kehrt er zu seinen Wurzeln, die im Country liegen, zurück.

Seinem Hang zum frühen Country lässt Horan zum Abschluss des neuen Werks freien Lauf. Mit Jodeln und Pedal Steel feiert er ihn mit der Ballade „Call To My Kin“. Dieser Beitrag setzt sicherlich einen Kontrapunkt zu den anderen Stücken, obwohl zuvor der Honky Tonk „Going Insane“ mit seinem Twang musikalisch ebenfalls eher traditionellen Bahnen folgt. „Cocaine Carolina“ kann gleichfalls in die Kategorie der Stücke eingereiht werden, die sich deutlich am Country klassischer Machart orientieren.

Der bereits von Johnny Cash eingespielte Song stellt das einzige Cover neben den neun Eigenkompositionen dar. Diese schlagen meist ein ordentliches Tempo – wie der Titeltrack – an, wobei auch einzelne langsame Beiträge („Paid In Blood“) eingestreut sind.

Weit entfernt von dem oftmals glattgebügelten Sound der Marke Nashville lässt uns Matt Horan an seiner Interpretation des Country teilhaben. Seine unmittelbare und raue Auslegung typischer Genre-Elemente, teilweise angereichert durch eine alternativ-punkige Attitüde, loten dessen Möglichkeiten aus. Tradition und Progressivität stehen nebeneinander und verschmelzen bei einigen Kompositionen. „You Ain`t Country“ hält somit spannende und intensive Hörerlebnisse bereit.

Dort, wo Horan spielerisch mit den Elementen des Country umgeht, läuft er zu Hochform auf. Der Opener „That’s Evil“ und „Appalachia“ sind zwei Uptempo-Nummern, die einen herrlich ungeschliffen, wild wirkenden Sound anschlagen. Einen maßgeblichen Anteil daran hat Horans Gesang. Mit ihm punktet er ebenso bei „Abilene“ und „Prodigal Son“.

Neben dem Eröffnungstrack zählt der letztgenannte Song zu meinen Favoriten auf dem Longplayer. Ebenfalls bemerkenswert ist „Conversing With The Devil“. Bei dem Song entfernt sich Horan rhythmisch weiter vom Country als bei den anderen Tracks und erzeugt dabei eine besonders dunkle Atmosphäre.

Für den Rhythmus der C. A. F. Band sind Fernando Chiquito an den Drums und Chus Cardin am Upright Bass verantwortlich. Gabi Perez steuert Pedal Steel und Dobro bei. Mit seinem hervorragenden Gitarrenspiel unterstützte Alex Atienza Horan bereits bei der zurückliegenden Tour.

Dead Bronco kündigte noch für Mai und Juni einige Konzerte in Europa – auch wieder in der Kulturrampe – an. Nach der plötzlichen Auflösung der Band wurden die Auftritte abgesagt. Wann Horan zukünftig den alten Kontinent besucht, bleibt daher offen. Der Weltenbummler lebte in den letzten Jahren hauptsächlich in Spanien. Als junger Familienvater verlagerte er seinen Lebensmittelpunkt nun allerdings zurück nach Davie, Florida. Zu wünschen wäre, dass er sich dennoch – gegebenenfalls mit der C. A. F. Band – bald wieder in unseren Gefilden blicken lässt.

Cowboy Trash Records (2022)
Stil: Country

Tracks:
01. That’s Evil
02. Going Insane
03. Prodigal Son
04. Abilene
05. Cocaine Carolina
06. Appalachia
07. Paid In Blood
08. You Ain’t Country
09. Conversing With The Devil
10. Call To My Kin

Matt Horan

The Dead South – Easy Listening For Jerks – Part 1 – EP-Review

Review: Michael Segets

Gefühlt sind Cover-CDs derzeit groß in Mode. Neben dem persönlichen Bedürfnis, die Songs, die gut gefunden oder die eigene musikalische Sozialisation geprägt haben, selbst aufzunehmen, spielen manchmal vielleicht auch kommerzielle Interessen mit in die Entscheidung hinein, eine solche Zusammenstellung zu veröffentlichen. Auf der einen Seite bleibt man bei seinen Fans im Gedächtnis, bis das nächste eigene Material fertig ist, auf der anderen Seite erlangt man auch die Aufmerksamkeit von Käuferschichten, die an den gecoverten Musikern Interesse haben. Wie dem auch sei, bei Musikern und Bands, die ihren eigenen Sound entwickelt haben, machen die neuen Versionen oftmals auch unter künstlerischem Blickwinkel Sinn.

The Dead South haben längst ihren eigenen Stil gefunden. Als Bluegrass-Combo vollführt das Quartett das Kunststück, wie eine Rockband zu klingen, wenn es will. Auf alle Fälle ist The Dead South Experimenten gegenüber aufgeschlossen und bringt so einen innovativen Touch in den Bluegrass, womit sie auch Musikliebhaber ansprechen, die mit den traditionellen Spielweisen dieser Richtung wenig anzufangen wissen. So sind bereits sämtliche für März in Deutschland angekündigte Konzerte ausverkauft. Dabei ziehen sie durch größere Hallen wie das Frankfurter Batschkapp oder das Kölner E-Werk.

Das aktuelle Cover-Projekt von The Dead South umfasst zwei EPs: „Easy Listening For Jerks – Part 1“ und „Part 2“, die parallel erscheinen. Auf dem ersten Tonträger widmen sich die Kanadier traditionellen Titeln, die teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammen. Jeder dürfte „Keep On The Sunny Side“ und „You Are My Sunshine“ kennen. Meist als beschwingte Gute-Laune-Nummern performt, können die Titel als Evergreens gelten. So finden sich beide Titel beispielsweise auch auf der Deluxe-Edition des Soundtracks von „O Brother, Where Art Thou?“. The Dead South geben „You Are My Sunshine“ eine depressive Ausrichtung und auch „Keep On The Sunny Side” bekommt eine neue Dynamik verpasst. Am Anfang noch nach Johnny Cash klingend, gibt die Band beim Refrain richtig Gas. Flottes Fingerpicking und dramatisch-leidender Gesang treiben durch den Song.

Beide Stücke nahm u. a. Johnny Cash auf, ebenso wie „Will The Circle Be Unbroken“. Die Country- Ballade klingt bei The Dead South sehr harmonisch. Das Banjo setzt dezente Akzente und das Cello untermalt die getragene Atmosphäre. Sehr schön ist, dass der Lead-Gesang wechselt. „Flint Hill Special“ präsentiert hingegen die volle Ladung Banjo. Das Instrumental bleibt wie die meisten anderen Stücke unter der Drei-Minuten-Marke und stellt ein vielleicht verzichtbares Intermezzo auf der Scheibe dar.

Bei „Matterhorn“ von den Country Gentlemen umschifft die Band trotz kräftiger Harmonien den Schmalz. Auch hier glänzt Colton Crawford erneut in den Banjo-Passagen. Das flotte Traditional „Pallet On The Floor“ rundet schließlich den eigenwilligen Streifzug durch die Musikgeschichte des Bluegrass‘ ab.

The Dead South entstauben auf „Easy Listening For Jerks – Part 1” altbackene Songs aus der Country- und Bluegrass-Ecke. Vor allem den Gassenhauern „Keep On The Sunny Side“ und „You Are My Sunshine” gewinnt die Band eine dunkle Seite ab. Die Bezeichnung ‚modern‘ und Bluegrass schließen sich eigentlich aus, aber die Songs wirken allemal frisch. Dabei schwingt bei der Combo stets eine gehörige Portion Selbstironie mit, wovon Titel und Cover der EP zeugen.

DevilDuck Records/Indigo (2022)
Stil: Bluegrass

Tracks:
01. Keep On The Sunny Side
02. Pallet On The Floor
03. Will The Circle Be Unbroken
04. Flint Hill Special
05. You Are My Sunshine
06. Matterhorn

The Dead South
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DevilDuck Records
Oktober Promotion

Riddy Arman – Same – CD-Review

Review: Michael Segets

Hatte ich zuletzt mit Blick auf die Newcomer Morgan Wade und Leah Blevins vermutet, dass eine Riege junger Musikerinnen in der Americana-Szene neue Akzente setzt, bestätigt Riddy Arman mit ihrem Debüt diese These. Anders als die vorgenannten Musikerinnen geht Arman im Landleben auf und tradiert im stärkeren Maße den Mythos des amerikanischen Westens. Dies schlägt sich musikalisch in der reduzierten, akustischen Instrumentierung und ihrer größeren Nähe zum Country nieder.

In Ohio aufgewachsen durchstreifte Arman die Vereinigten Staaten, arbeitete auf verschiedenen Ranches und machte Abstecher nach New York und New Orleans. Die Singer/Songwriterin findet ihren Frieden allerdings in der Abgeschiedenheit der Farmen mit Viehzucht und Ackerbau. Dies spiegelt sich in ihren Texten wider, in denen sie die Ambivalenz dieses Lebens auslotet.

Auf der einen Seite steht die Schönheit und Erfüllung, die die Arbeit in der Natur und mit den Tieren bietet. Diesen Aspekt heben „Old Maid’s Draw“ sowie „Herding Song“ in ruhiger Weise hervor. Die belastende Stille und die Isolation, die sich fern der Städte und Mitmenschen breit machen kann, thematisiert Arman auf der anderen Seite. Das mit Streichern begleitete „Both Of my Hands“ transportiert diese eindrucksvoll und auch „Help Me Make It Through The Night“ – ein Titel von Kris Kristofferson – greift die Einsamkeit auf.

Wie Wade und Blevins nutzt Arman ihr Debüt, um ehemalige Beziehungen Revue passieren zu lassen. Auf „Half A Heart Keychain” und dem etwas kräftiger instrumentalisierten „Too Late To Write A Love Song” reflektiert sie deren Scheitern. In die gleiche Kerbe schlägt „Barbed Wire”. Sehr schön entfaltet sie dort den Dualismus des Cowboy-Mythos zwischen Autarkie und sozialen Bindungen. Der Stacheldraht symbolisiert die Grenze dieser beiden Pole. Arman ist wahrscheinlich zu jung, um den Western „Mit stahlharter Faust“ mit Kirk Douglas zu kennen, aber dieser Klassiker kommt mir bei diesem Thema in den Sinn.

Gerahmt wird das Werk durch zwei Titel, die sich mit Familiengeschichten befassen. Den Anfang macht „Spirits, Angels, Or Lies”, der vielleicht emotional am meisten berührt. Der Text beruht auf einer wahren Begebenheit: In der Nacht, in der Johnny Cash verstarb, erschien er Armans Vater am Krankenbett – einen Monat vor seinem eigenen Tod. Am Ende der CD steht „Problems On My Own”. Der Track versinnbildlicht die Emanzipation von der Familie und der Vergangenheit.

Das Erstlingswerk von Arman erscheint auf dem Label La Honda Records, das auch Colter Wall und Vincent Neil Emerson unter Vertrag hat. Arman, deren Songs zwischen Country und Folk changieren, befindet sich dort also in guter Gesellschaft.

Das selbstbetitelte Debütalbum von Riddy Arman reiht sich in eine Folge interessanter Veröffentlichungen ein, die junge Musikerinnen wie Morgan Wade oder Leah Blevins dieses Jahr vorlegen. In der thematischen Ausrichtung ähnlich, zeigen alle drei Künstlerinnen ein selbstständiges Profil. Im Vergleich zu ihren Kolleginnen setzt Arman weniger auf eingängige Melodien, stattdessen wirken ihre Songs besonders pur und unverstellt. Ihnen haftet eine gewisse Schwere und Sprödigkeit an, die durchaus einen eigenen Charme entwickeln.

La Honda Records – Thirty Tigers (2021)
Stil: Folk/Country

Tracks:
01. Spirits, Angels, Or Lies
02. Half A Heart Keychain
03. Barbed Wire
04. Both Of My Hands
05. Help Me Make It Through The Night
06. Herding Song
07. Old Maid’s Draw
08. Too Late To Write A Love Song
09. Problems On My Own

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Rodney Crowell – Triage – CD-Review

cover Rodney Crowell - Triage 300

Review: Michael Segets

Rodney Crowell betitelt sein neues Album „Triage“. In der Corona-Pandemie war der Begriff in den Medien präsent. Er stammt aus der Militärmedizin und bezeichnet das Problem, bei mangelnden Ressourcen eine Entscheidung darüber fällen zu müssen, wer ärztliche Versorgung erhält und wer nicht. Der Titelsong bezieht sich jedoch weder auf dieses ethische Dilemma noch auf Corona. Triage kann auch als Sichtung übersetzt werden, was mit Blick auf die thematische Ausrichtung des Longplayers passend erscheint.

Der siebzigjährige Crowell zieht auf seinem Werk eine Bilanz, die durchaus ambivalent ausfällt. Auf der einen Seite schlägt er einen versöhnlichen Ton an, auf der anderen Seite schwingt eine Bitterkeit durch die Texte, die sich so zwischen Optimismus und Fatalismus bewegen. „Triage“ und „I’m All About Love“ sind Reflexionen über die Liebe. Dabei beweist er ein großes Herz, auch für Personen (z. B. Putin und Trump), die mir bisher nicht besonders liebenswert erscheinen. Vielleicht hat Crowell eine Stufe der Altersweisheit erreicht, für die mir noch ein paar Jahre fehlen. Er zeigt tiefes Mitgefühl mit dem „Girl On The Street“, wobei die menschliche Tragödie und die Hilflosigkeit im Umgang mit ihr in direkte, aber dennoch berührende Verse gepackt werden.

Mit dem Bewusstsein, dass der Lebensabend begonnen hat, sind wohl „Here Goes Nothing“ und das mit Mundharmonika ausklingende „This Body Isn’t All There Is To Who I Am“ entstanden. Auch die einzige countryfizierte Nummer auf der Scheibe – „One Little Bird“ – kündet von einem nahenden Lebensende.

Crowell feierte seinen Durchbruch im Country. 1988 erschien sein Erfolgsalbum „Diamonds & Dirt“, das mit fünf Singles die Genre-Charts toppte. Für den Hit „After All That Time“ erhielt er den ersten von zwei Grammys. Als Songwriter war er allerdings noch erfolgreicher. Johnny Cash, Waylon Jennings, The Oak Ridge Boys, Bob Seger, Keith Urban, Lee Ann Womack und Tim McGraw nahmen seine Songs auf. Crowell erntete die ersten Lorbeeren in der Band von Emmylou Harris, danach begleitete er die Karriere seiner damaligen Gattin Rosanne Cash.

Musikalisch lässt sich Crowell bei seinen eigenen Veröffentlichungen allerdings nicht auf den Country festlegen. So präsentiert er auch auf „Triage“ unterschiedliche Facetten. Auf dem reduzierten „Hymn #43“ zeigt er sich als Singer/Songwriter. Das textlastige, musikalisch im etwas sperrigen Sprechgesang vorgetragene „Transient Global Amnesia Blues“ steht ebenfalls in dieser Tradition. Stilistisch lassen sich mehrere Stücke zwischen Americana und Rock/Pop verorten und schlagen ein mittleres Tempo ein. Die Intonation von Crowells Gesang erinnert in manchen Passagen an Bob Dylan oder in anderen an Willie Nile.

Ein Highlight stellt für mich der Opener „Don’t Leave Me Now“ dar, der mit leicht klagender Stimme und akustischer Gitarre beginnt, bevor die Band kraftvoll einsetzt und den Titel in einen Rocksong verwandelt. Ein weiteres Glanzlicht setzt Crowell mit seiner Single „Something Has To Change“. Hier sorgt Raymond James Mason mit seinem Solo an der Zugposaune für einen besonders intensiven Moment.

Rodney Crowell beweist mit „Triage“ erneut seine Qualität als Songwriter, wobei er seine ehrlich wirkenden, aus genauer (Selbst-)Beobachtung gewonnenen Texte mit Hilfe seiner Band gekonnt arrangiert. Das Album kann so zwar gut nebenbei gehört werden, gewinnt seinen Reiz jedoch vor allem durch das Hinhören oder das Mitlesen der Lyrics.

RC1 Records – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Singer/Songwriter and more

Tracks:
01. Don’t Leave Me Now
02. Triage
03. Transient Global Amnesia Blues
04. One Little Bird
05. Something Has To Change
06. Here Goes Nothing
07. I’m All About Love
08. Girl On The Street
09. Hymn #43
10. This Body Isn’t All There Is To Who I Am

Rodney Crowell
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