Riddy Arman – Same – CD-Review

Review: Michael Segets

Hatte ich zuletzt mit Blick auf die Newcomer Morgan Wade und Leah Blevins vermutet, dass eine Riege junger Musikerinnen in der Americana-Szene neue Akzente setzt, bestätigt Riddy Arman mit ihrem Debüt diese These. Anders als die vorgenannten Musikerinnen geht Arman im Landleben auf und tradiert im stärkeren Maße den Mythos des amerikanischen Westens. Dies schlägt sich musikalisch in der reduzierten, akustischen Instrumentierung und ihrer größeren Nähe zum Country nieder.

In Ohio aufgewachsen durchstreifte Arman die Vereinigten Staaten, arbeitete auf verschiedenen Ranches und machte Abstecher nach New York und New Orleans. Die Singer/Songwriterin findet ihren Frieden allerdings in der Abgeschiedenheit der Farmen mit Viehzucht und Ackerbau. Dies spiegelt sich in ihren Texten wider, in denen sie die Ambivalenz dieses Lebens auslotet.

Auf der einen Seite steht die Schönheit und Erfüllung, die die Arbeit in der Natur und mit den Tieren bietet. Diesen Aspekt heben „Old Maid’s Draw“ sowie „Herding Song“ in ruhiger Weise hervor. Die belastende Stille und die Isolation, die sich fern der Städte und Mitmenschen breit machen kann, thematisiert Arman auf der anderen Seite. Das mit Streichern begleitete „Both Of my Hands“ transportiert diese eindrucksvoll und auch „Help Me Make It Through The Night“ – ein Titel von Kris Kristofferson – greift die Einsamkeit auf.

Wie Wade und Blevins nutzt Arman ihr Debüt, um ehemalige Beziehungen Revue passieren zu lassen. Auf „Half A Heart Keychain” und dem etwas kräftiger instrumentalisierten „Too Late To Write A Love Song” reflektiert sie deren Scheitern. In die gleiche Kerbe schlägt „Barbed Wire”. Sehr schön entfaltet sie dort den Dualismus des Cowboy-Mythos zwischen Autarkie und sozialen Bindungen. Der Stacheldraht symbolisiert die Grenze dieser beiden Pole. Arman ist wahrscheinlich zu jung, um den Western „Mit stahlharter Faust“ mit Kirk Douglas zu kennen, aber dieser Klassiker kommt mir bei diesem Thema in den Sinn.

Gerahmt wird das Werk durch zwei Titel, die sich mit Familiengeschichten befassen. Den Anfang macht „Spirits, Angels, Or Lies”, der vielleicht emotional am meisten berührt. Der Text beruht auf einer wahren Begebenheit: In der Nacht, in der Johnny Cash verstarb, erschien er Armans Vater am Krankenbett – einen Monat vor seinem eigenen Tod. Am Ende der CD steht „Problems On My Own”. Der Track versinnbildlicht die Emanzipation von der Familie und der Vergangenheit.

Das Erstlingswerk von Arman erscheint auf dem Label La Honda Records, das auch Colter Wall und Vincent Neil Emerson unter Vertrag hat. Arman, deren Songs zwischen Country und Folk changieren, befindet sich dort also in guter Gesellschaft.

Das selbstbetitelte Debütalbum von Riddy Arman reiht sich in eine Folge interessanter Veröffentlichungen ein, die junge Musikerinnen wie Morgan Wade oder Leah Blevins dieses Jahr vorlegen. In der thematischen Ausrichtung ähnlich, zeigen alle drei Künstlerinnen ein selbstständiges Profil. Im Vergleich zu ihren Kolleginnen setzt Arman weniger auf eingängige Melodien, stattdessen wirken ihre Songs besonders pur und unverstellt. Ihnen haftet eine gewisse Schwere und Sprödigkeit an, die durchaus einen eigenen Charme entwickeln.

La Honda Records – Thirty Tigers (2021)
Stil: Folk/Country

Tracks:
01. Spirits, Angels, Or Lies
02. Half A Heart Keychain
03. Barbed Wire
04. Both Of My Hands
05. Help Me Make It Through The Night
06. Herding Song
07. Old Maid’s Draw
08. Too Late To Write A Love Song
09. Problems On My Own

Riddy Arman
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Rodney Crowell – Triage – CD-Review

cover Rodney Crowell - Triage 300

Review: Michael Segets

Rodney Crowell betitelt sein neues Album „Triage“. In der Corona-Pandemie war der Begriff in den Medien präsent. Er stammt aus der Militärmedizin und bezeichnet das Problem, bei mangelnden Ressourcen eine Entscheidung darüber fällen zu müssen, wer ärztliche Versorgung erhält und wer nicht. Der Titelsong bezieht sich jedoch weder auf dieses ethische Dilemma noch auf Corona. Triage kann auch als Sichtung übersetzt werden, was mit Blick auf die thematische Ausrichtung des Longplayers passend erscheint.

Der siebzigjährige Crowell zieht auf seinem Werk eine Bilanz, die durchaus ambivalent ausfällt. Auf der einen Seite schlägt er einen versöhnlichen Ton an, auf der anderen Seite schwingt eine Bitterkeit durch die Texte, die sich so zwischen Optimismus und Fatalismus bewegen. „Triage“ und „I’m All About Love“ sind Reflexionen über die Liebe. Dabei beweist er ein großes Herz, auch für Personen (z. B. Putin und Trump), die mir bisher nicht besonders liebenswert erscheinen. Vielleicht hat Crowell eine Stufe der Altersweisheit erreicht, für die mir noch ein paar Jahre fehlen. Er zeigt tiefes Mitgefühl mit dem „Girl On The Street“, wobei die menschliche Tragödie und die Hilflosigkeit im Umgang mit ihr in direkte, aber dennoch berührende Verse gepackt werden.

Mit dem Bewusstsein, dass der Lebensabend begonnen hat, sind wohl „Here Goes Nothing“ und das mit Mundharmonika ausklingende „This Body Isn’t All There Is To Who I Am“ entstanden. Auch die einzige countryfizierte Nummer auf der Scheibe – „One Little Bird“ – kündet von einem nahenden Lebensende.

Crowell feierte seinen Durchbruch im Country. 1988 erschien sein Erfolgsalbum „Diamonds & Dirt“, das mit fünf Singles die Genre-Charts toppte. Für den Hit „After All That Time“ erhielt er den ersten von zwei Grammys. Als Songwriter war er allerdings noch erfolgreicher. Johnny Cash, Waylon Jennings, The Oak Ridge Boys, Bob Seger, Keith Urban, Lee Ann Womack und Tim McGraw nahmen seine Songs auf. Crowell erntete die ersten Lorbeeren in der Band von Emmylou Harris, danach begleitete er die Karriere seiner damaligen Gattin Rosanne Cash.

Musikalisch lässt sich Crowell bei seinen eigenen Veröffentlichungen allerdings nicht auf den Country festlegen. So präsentiert er auch auf „Triage“ unterschiedliche Facetten. Auf dem reduzierten „Hymn #43“ zeigt er sich als Singer/Songwriter. Das textlastige, musikalisch im etwas sperrigen Sprechgesang vorgetragene „Transient Global Amnesia Blues“ steht ebenfalls in dieser Tradition. Stilistisch lassen sich mehrere Stücke zwischen Americana und Rock/Pop verorten und schlagen ein mittleres Tempo ein. Die Intonation von Crowells Gesang erinnert in manchen Passagen an Bob Dylan oder in anderen an Willie Nile.

Ein Highlight stellt für mich der Opener „Don’t Leave Me Now“ dar, der mit leicht klagender Stimme und akustischer Gitarre beginnt, bevor die Band kraftvoll einsetzt und den Titel in einen Rocksong verwandelt. Ein weiteres Glanzlicht setzt Crowell mit seiner Single „Something Has To Change“. Hier sorgt Raymond James Mason mit seinem Solo an der Zugposaune für einen besonders intensiven Moment.

Rodney Crowell beweist mit „Triage“ erneut seine Qualität als Songwriter, wobei er seine ehrlich wirkenden, aus genauer (Selbst-)Beobachtung gewonnenen Texte mit Hilfe seiner Band gekonnt arrangiert. Das Album kann so zwar gut nebenbei gehört werden, gewinnt seinen Reiz jedoch vor allem durch das Hinhören oder das Mitlesen der Lyrics.

RC1 Records – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Singer/Songwriter and more

Tracks:
01. Don’t Leave Me Now
02. Triage
03. Transient Global Amnesia Blues
04. One Little Bird
05. Something Has To Change
06. Here Goes Nothing
07. I’m All About Love
08. Girl On The Street
09. Hymn #43
10. This Body Isn’t All There Is To Who I Am

Rodney Crowell
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

The Flatlanders – Treasure Of Love – CD-Review

cover The Flatlanders - Treasure Of Love 300

Review: Michael Segets

The Flatlanders spielten ihr erstes Album 1972 ein, die Plattenfirma veröffentlichte es aber nicht. Nach diesem Fehlstart löste sich die Band erst einmal auf. In den folgenden Jahren kursierten einige Liveaufnahmen und Bootlegs, durch die das Trio, bestehend aus Joe Ely, Jimmie Dale Gilmore und Butch Hancock, einen legendären Ruf erwarb.

Erst 1990 kam das gemeinsame Debüt in leicht abgewandelter Form heraus und wurde ein kommerzieller Erfolg, an dem die Urheber allerdings keine Beteiligung erfuhren. Mittlerweile hatten die Musiker Solokarrieren eingeschlagen. Den Kontakt verloren die drei Freunde allerdings nie. Sporadisch ergaben sich Kollaborationen und für den Soundtrack zum Film „Der Pferdeflüsterer“ steuerten sie als The Flatlanders einen Track bei.

In der ersten Dekade der 2000er entstanden noch drei gemeinsame Alben. Ein weiteres Werk wurde begonnen, jedoch nicht vollendet, bis die Pandemie die Termin- und Tourkalender leerte. Die Zwangspause nutzten Ely, Gilmore und Hancock, um das Projekt fertigzustellen. Dafür engagierten Sie Lloyd Maines (The Chicks, Wilco, Kris Kristofferson, Loretta Lynn), der „Treasure Of Love“ zusammen mit Ely und dessen Frau Sharon produzierte.

Unter den fünfzehn Songs des Longplayers sind ältere und neuere Eigenkompositionen sowie einige Cover vertreten. The Flatlanders interpretieren „She Belongs To Me” von Bob Dylan, „Snowin‘ on Raton” von Townes Van Zandt, „Give My Love To Rose” von Johnny Cash und „Treasure of Love” von George Jones. Der Klassiker „Sittin‘ On Top Of The World“, mit dem die Band gerne ihre Konzerte beendet, beschließt auch das Album. Das Video zur ersten Single besticht durch die historischen Aufnahmen aus der frühen Bandgeschichte.

„Treasure Of Love“ umweht der Hauch der Siebziger, der bei „Ramblin‘ Man“ besonders deutlich spürbar ist. Das Album ist gradlinig produziert und verzichtet auf Modernisierungen oder Schnörkel. Die Texaner gelten als Mitinitiatoren des Alternative Country und bleiben dessen Ursprüngen in jedem Song verbunden. Die Instrumentierung bewegt sich daher auch in genretypischen Bahnen und setzt bei mehreren Stücken auf ausgiebigen Slide. Beim Opener „Moanin’ Of The Midnight Train” treffen The Flatlanders dabei genau das richtige Maß, zumal das kräftige Schlagzeug eine gelungen Gegenpol liefert.

Das Wimmern der Saiten ist auf manchen Tracks etwas viel, wie bei „The Ballad Of Honest Sam“. „I Don’t Blame You” geht in eine ähnliche Richtung, wenn es auch nicht ganz so süßlich wirkt. Besser gelungen ist die Country-Ballade „Love Oh Love Please Come Home”. Neben den getragenen Stücken präsentieren The Flatlanders einige flotte Nummern wie „Mobile Blue“ oder auch „She Smiles Like A River“. Ordentlichen Swing gibt die Band „Mama Does The Kangaroo” mit. Schließlich finden sich Bluegrass-Elemente („Satin Shoes“) und mehrstimmige Gesangseinlagen („Long Time Gone“) auf dem Album, sodass dessen Linie zwar erhalten bleibt, Variationen im Sound aber einfließen.

Wenn Charley Crockett, Colter Wall oder auch Vincent Neil Emerson als Vertreter des New Traditional Country gehandelt werden, dann vertreten The Flatlanders einen Old Alternative Country. Was vor fünfzig Jahren einen innovativen Schub in die Country-Musik brachte, klingt heute eher altbekannt. Dass die Neuauflage des Alten aber nicht schlecht sein muss, sondern durchaus einen eigenen Charme entwickeln kann, beweisen Ely, Gilmore und Hanock auf „Treasure Of Love“. Schätze liegen ja manchmal längere Zeit verborgen, bis sie wieder ans Tageslicht gehoben werden.

Rack’Em Records – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Alternative Country

Tracks:
01. Moanin’ Of The Midnight Train
02. Long Time Gone
03. Snowin’ On Raton
04. She Smiles Like A River
05. Love Oh Love Please Come Home
06. Give My Love To Rose
07. Treasure Of Love
08. Satin Shoes
09. The Ballad Of Honest Sam
10. Mama Does The Kangaroo
11. She Belongs To Me
12. I Don’t Blame You
13. Mobile Blue
14. Ramblin’ Man
15. Sittin’ On Top Of The World

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Lucinda Williams – Runnin’ Down A Dream – A Tribute To Tom Petty – CD-Review

cover Lucinda Williams - Runnin Down A Dream - A Tribute To Tom Petty 300

Review: Michael Segets

Lucinda Williams gab im letzten Quartal 2020 sechs Streaming-Konzerte, die bislang nur über ihre Homepage erhältlich sind. Neben thematisch ausgerichteten Auftritten widmete sie Bob Dylan, den Rolling Stones und Tom Petty einen Abend. Die Konzerte werden nun in der Reihe Lu’s Jukebox auf CD und Vinyl herausgebracht. Den Auftakt bildet „Runnin‘ Down A Dream – A Tribute To Tom Petty“. Die Erstveröffentlichung stammt vom 20. Oktober, dem Tag, an dem Tom Petty siebzig geworden wäre.

Der Reiz von Tribute-Alben liegt zum guten Teil darin, zu vergleichen, welche Titel ausgewählt werden und was die Musiker aus den Vorlagen machen. Die Songs einfach nur möglichst nah am Original spielen zu wollen, ist bei Tom Pettys speziellem Sound ein Unterfangen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. In diese Falle tappt Lucinda Williams nicht. Sie transformiert die Stücke so, dass sie erkennbar bleiben und dennoch eine eigenständige Atmosphäre entwickeln.

Mit ihrer dunklen Stimme, mit dem Mut, streckenweise nölige Töne anzuschlagen, und mit einer erdigen Bandbegleitung verändert Williams die Songs und lässt sie in neuem Licht erscheinen. Die Interpretationen sind durchgängig gelungen und besonders die Stücke, die ich nicht unter den Top-Titeln von Petty verbucht hatte, beeindrucken in ihrem reformierten Gewand. „Down South“ und „Gainesville“ gehören in diese Kategorie.

Bei der Songauswahl überrascht, dass Williams nicht auf die frühen Klassiker zurückgreift und auch die starken Alben „Long After Dark“, „Let Me Up“ oder „Into The Great Wide Open“ ignoriert. Williams trifft bei ihrem Tribute eine individuelle Auswahl und orientiert sich weniger am Erfolg oder Bekanntheitsgrad der Titel. Natürlich sind auch Songs vertreten, die jedem noch in Ohr sein dürften. Nicht zuletzt „I Won’t Back Down“ und „Southern Accents“, die zuvor von Johnny Cash gecovert wurden. Besonders freut es mich, dass mit „Rebels“ einer meiner Favoriten den Weg auf das Album gefunden hat.

Insgesamt berücksichtigt Williams die meisten Schaffensphasen von Petty, ohne dabei repräsentativ sein zu wollen. Sie legt den Schwerpunkt auf die Alben „Full Moon Fever“ und „Wildflowers“, die in den 1990ern veröffentlicht wurden. Das Artwork des Covers ist dann auch an das von „Full Moon Fever“ angelehnt. Von beiden CDs, die zusammen mit „Highway Companion“ (2006) als Solo-Veröffentlichungen von Tom Petty zählen, da die Heartbreakers als Band nicht mit von der Partie waren, greift Williams jeweils drei Tracks heraus. Aus den siebziger Jahren fiel ihre Wahl auf das leicht countryfizierte „Louisiana Rain“, das im Original von Damn The Torpedoes stammt, auf dem sich auch die deutlich bekannteren „Refugee“ und „Even The Losers“ finden. Pettys Spätphase, in der er Mudcrutch wiederbelebte, spiegelt sich in der Liedauswahl von Williams nicht wider.

Den Abschluss der CD bildet „Stolen Moments“, ein Song, den sie als Hommage an den Ausnahmemusiker verfasste. Sie tritt damit in die Fußstapfen von Reckless Kelly, die unlängst ebenfalls eine berührende Würdigung des Rockmusikers aus Gainesville mit „Tom Was A Friend Of Mine“ vorlegten.

Tom Petty hinterlässt tiefe Spuren in der Rockmusik. Dass ein groß angelegtes Tribute-Werk dreieinhalb Jahre nach seinem überraschenden Tod noch fehlt, ist schwer verständlich. Williams schließt diese Lücke zumindest teilweise, indem sie mit einer persönlichen Würdigung seiner Songs einen Streifzug durch Pettys musikalisches Schaffen unternimmt und dabei vor allem seine Solo-Karriere berücksichtigt. Ohne den Sound von Petty kopieren zu wollen, interpretiert sie seine Werke auf eine eigenständige Art, mit der sie der Ikone gerecht wird und sich selbst treu bleibt.

Highway 20 – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Rock

Tracks:
01. Rebels
02. Runnin‘ Down a Dream
03. Gainesville
04. Louisiana Rain
05. I Won’t Back Down
06. A Face in the Crowd
07. Wildflowers
08. You Wreck Me
09. Room at the Top
10. You Don’t Know How It Feels
11. Down South
12. Southern Accents
13. Stolen Moments

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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Tom Petty – Wildflowers & All The Rest – CD-Review

Review: Michael Segets

Wie die Zeit vergeht! Nun ist es ziemlich genau drei Jahre her, als Tom Petty kurz vor seinem 67. Geburtstag überraschend verstarb. Auch wenn dieses traurige Ereignis bislang kein Tribute-Album nach sich zog, ehrten doch etliche Musiker die Rock-Ikone, indem sie deren Stücke coverten oder wie Shiregreen oder Reckless Kelly eine persönliche Hommage in eigene Songs kleideten.

Tom Pettys Musik beeinflusst noch heute viele – auch jüngere – Bands. Nicht umsonst wird er vom Rolling Stone sowohl als Musiker als auch als Songwriter unter den besten 100 geführt. Mit seiner Band The Heartbreakers ist er in der Rock And Roll Hall Of Fame verewigt. Pettys Platten haben vielfach Gold- und Platinstatus erreicht. Erfolge feierte er auch zusammen mit Bob Dylan, Jeff Lynne, George Harrison und Roy Orbison als Traveling Wilburys. Eine Freundschaft verband ihn mit Johnny Cash, auf dessen American Recordings er mitwirkte, und mit Stevie Nicks, mit der er die Hit-Single „Stop Draggin‘ My Heart Around“ veröffentlichte.

1976 begann die Erfolgsgeschichte von Tom Petty And The Heartbreakers, die 2014 ihr letztes Album „Hypnotic Eye“ herausbrachten. In der fast vierzigjährigen Bandgeschichte blieben die Hearbreakers in ihrer Besetzung weitgehend konstant. Zuvor war Petty mit der Band Mudcrutch unterwegs, die er 2008 wiederbelebte. „Full Moon Fever“ (1989), „Highway Companion“ (2006) und „Wildflowers“ (1994) zählen als Soloveröffentlichungen, obwohl einige Heartbreakers auch an ihnen beteiligt waren. Die Gründungsmitglieder Mike Campbell und Benmont Tench sind ebenso wie der 1982 für Ron Blair eingestiegene Howie Epstein sowie der frisch hinzugekommene Steve Ferrone, der Stan Lynch an den Drums ablöste, auf „Wildflowers“ vertreten.

Von den vorherigen Alben unterscheidet sich „Wildflowers“ vor allem dadurch, dass es weniger rockig ausgerichtet ist. Akustisch gehaltene Stück sowie Songs, die eher dem Americana zuzuordnen sind, bilden das Zentrum des Longplayers. Daneben finden sich natürlich auch typische Petty-Titel („You Wreck Me“, „A Higher Place“). Tom Petty zeigt auf „Wildflowers“ Facetten, die zuvor – und auch danach – nicht mehr so deutlich hervortraten. Er selbst bezeichnete das Werk als sein persönlichstes.

Ursprünglich war „Wildflowers“ als Doppel-CD vorgesehen, was allerdings an dem Veto der Plattenfirma scheiterte. Petty spielte später mit dem Gedanken, die zehn Tracks der Sessions, die der Kürzung zum Opfer fielen, als eigenständige CD herauszubringen. Unmittelbar vor dem 26. Jahrestag der Ersterscheinung kommt nun „Wildflowers & All The Rest“ in unterschiedlichen Formaten heraus. Die hier besprochene reguläre Version umfasst zwei CDs bzw. 3 LPs, die neben dem Originalalbum auch die zehn ausgemusterten Tracks enthält. Die Deluxe-Edition bietet zusätzlich Demos mit verschiedenen Versionen veröffentlichter Titel sowie drei neue Songs.

Zudem gibt es Live-Mitschnitte der Wildflowers-Stücke. Die Super-Deluxe-Ausgabe legt neben zehn alternativen Takes noch einen weiteren unveröffentlichten Song drauf. Das Ultra-Deluxe-Set kommt lediglich als 9-fach LP heraus, enthält im Vergleich zum Super-Deluxe-Fotmat aber keine neue Musik, dafür aber einige exklusive Gimmicks. Diese strikt limitierte Version richtet sich an finanzkräftige Sammler.

Die erweiterte Neuedition stellt keine Resteverwertung dar, sondern eine sorgsam zusammengestellte Würdigung von Tom Pettys musikalischem Schaffen in der Mitte der 1990er Jahre. Tom Pettys Frau und seine beiden Töchter haben zusammen mit den Heartbreakern Benmont Tench und Mike Campbell das umfangreiche Projekt auf die Beine gestellt. Mike Campbell hatte seinerzeit gemeinsam mit Tom Petty und Rick Rubin auch das Originalalbum produziert.

Zu „Wildflowers“ selbst braucht an dieser Stelle nicht viel gesagt werden. Es ist ein herausragendes Werk, selbst wenn es nach meiner Einschätzung nicht das stärkste Album seiner Karriere ist. Petty zeigt sich von einer neuen Seite und modifiziert seinen Sound in Ergänzung zu seinen sonstigen Veröffentlichungen. Den Musikinteressierten dürfte die Single „You Don’t Know How It Feels” sowieso bekannt sein. Weitere Anspieltipps sind neben dem Titeltrack „Time to Move On” sowie „Crawling Back to You”. Im Gedächtnis setzen sich auch „Honey Bee” und „ Cabin Down Below“ fest.

Für Tom-Petty-Kenner ist die zweite CD „All The Rest“ interessant. Auf ihr sind vier Songs vertreten, die sich bereits auf dem Soundtrack zu „She’s The One“ (1996) finden. Die neu herausgegebenen Versionen von „California“, „Hope You Never“, „Hung Up And Overdue“ sowie „Climb That Hill“ sind etwas erdiger produziert und die Instrumentalisierung zurückgenommener. Insgesamt liegen die Interpretationen nahe bei den bekannten, wobei die nun erhältlichen die Nase etwas vorn haben. Ein deutlicher Unterschied besteht zwischen „Climb That Hill“ und „Climb That Hill Blues“, bei dem der Track nochmal akustisch gespielt wird.

Folkig mit akustischer Gitarre und Mundharmonika passt sich „Harry Green“ in die Atmosphäre von „Wildflowers“ ein. Bei „Something Could Happen” steht das Klavier im Vordergrund. Der sanfte Song bietet im Refrain eine Variation der Intonation von „Free Falling” mit hohem Wiedererkennungswert. Ebenfalls einen gelungenen Chorus hat „Leaving Virginia Alone”. Die erste Auskopplung im mittleren Tempo weist gleichfalls einen gelungenen Refrain auf und wird mit einem kurzen Gitarrensolo zum Finale abgerundet. Sie zählt zu den besten Songs des Albums. Unter den neu zu entdeckenden Titeln sticht „Somewhere Under Heaven“ durch vollere Akkorde der E-Gitarre sowie durch scheppernde Becken des Schlagzeugs hervor.

Die neuen Stücke und Versionen setzten nahtlos die Linie der ersten CD fort, insgesamt sind auf dem Originalalbum aber die stärkeren Tracks vertreten. Für diejenigen, die den Klassiker „Wildflowers“ noch nicht in ihrer Sammlung haben, bietet sich nun die Gelegenheit, diese Lücke zu schließen. Zudem erhalten sie eine zweite gute CD obendrauf, die Tom Petty selbst so veröffentlichen wollte. Für eingeschweißte Tom-Petty-Fans bleibt zu überlegen, ob sie nicht etwas tiefer in die Tasche greifen und in das Deluxe-Set mit weiterem, bislang unbekanntem Material investieren.

Warner Records/Warner Music (2020)
Stil: Rock, Americana

Tracks:
CD1 – Wildflowers
01. Wildflowers
02. You Don’t Know How It Feels
03. Time to Move On
04. You Wreck Me
05. It’s Good to Be King
06. Only a Broken Heart
07. Honey Bee
08. Don’t Fade on Me
09. Hard on Me
10. Cabin Down Below
11. To Find a Friend
12. A Higher Place
13. House in the Woods
14. Crawling Back to You
15. Wake Up Time

CD2 – All The Rest
01. Something Could Happen
02. Leaving Virginia Alone
03. Climb That Hill Blues
04. Confusion Wheel
05. California
06. Harry Green
07. Hope You Never
08. Somewhere Under Heaven
09. Climb That Hill
10. Hung Up and Overdue

Tom Petty
Warner Records
Oktober Promotion

Colter Wall – Western Swing & Waltzes And Other Punchy Songs – CD-Review

Cwa_300

Review: Michael Segets

Colter Wall hält die Tradition des Country hoch. Auf seinem dritten Longplayer „Western Swing & Waltzes And Other Puncky Songs“ greift er tief in die Schatzkiste der Country-Musik und bereichert sie mit eigenen Stücken, die sich nahtlos neben den Klassikern einfügen. Thematisch kreist das Werk standesgemäß um das raue Leben und die harte Arbeit der Cowboys.

Der älteste Titel „I Ride An Old Paint Leavin‘ Cheyenne“ stammt aus dem Jahr 1927, welcher zuvor beispielsweise von Johnny Cash aufgenommen wurde. Ein weiterer Klassiker ist „Cowpoke“, den Stan Jones („Ghost Riders In The Sky“) geschrieben hat. Der Track wurde im Original von Eddy Arnold, später von Rex Allen und in einer poppigen Version von Glen Campbell eingespielt. Mit ihrem Dreivierteltakt lösen die beiden Songs das Versprechen des Albumtitels auf Walzer ein.

Swing bieten die Eigenkompositionen „Western Swing & Waltzes“, „High & Mighty“ und „Rocky Mountain Rangers“. Zu den anderen Punches gehört das im Sprechgesang vorgetragene „Talkin‘ Prairie Boy“ sowie „Houlihans At The Holiday Inn“, bei dem Wall seinen Gesang nuanciert modelliert.

Die Highlights des Werks stellen die Coverversionen von „Big Iron“ (Monty Robbins) sowie „Diamond Joe“ (Jake Elliott) dar. Während das erste durch seinen Twang besticht, hat das zweite eine wunderbare Begleitung durch Geige und Backgroundgesang. „Diamond Joe“ steht bei der jungen Generation der Country-Musiker anscheinend hoch im Kurs. Charley Crockett hat es ebenfalls entdeckt und in sein Repertoire eingefügt.

Nachdem Wall schon mit Dave Cobb bei seinem Debütalbum (2017) zusammenarbeitete, übernahm er nun zum ersten Mal die Produktion eines Longplayers selbst und wählte routinierte Mitstreiter aus. Neben Jason Simpson, seinem langjährigen Weggefährten am Bass, gehören Schlagzeuger Aaron Goodrich und Patrick Lyons (Steel Pedal, Dobro, Mandoline) zur Bandbesetzung. Jake Groves kommt mit der Mundharmonika beispielsweise bei „Henry And Sam“ ausgiebig zum Zuge. Als Gastmusiker konnte Wall Emily Gimble und Doug Moreland gewinnen.

Colter Wall verfügt über eine tiefe Stimme, die ihn für den Country prädestiniert. Dank ihr umschifft er die Sentimentalität, die manchen traditionellen Songs dieses Genes anhaftet. „Western Swing & Waltzes” lässt dessen gute alte Zeit im besten Sinne wieder aufleben. Das Album wirkt pur, unverstellt und gerade heraus, wie man sich einen Western und seine Helden vorstellt.

Dass Colter Wall mit einfachen Mitteln komplexe Stimmungen erzeugen kann, bewies er bereits auf seiner EP „Imaginary Appalachia“ (2016), die für mich immer noch das kreative Referenzwerk des Kanadiers bleibt.

La Honda Records – Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Country

Tracks:
01. Western Swing & Waltzes
02. I Ride An Old Paint Leavin’ Cheyenne
03. Big Iowa
04. Henry And Sam
05. Diamond Joe
06. High & Mighty
07. Talkin’ Prairie Boy
08. Cowpoke
09. Rocky Mountain Rangers
10. Holihans At The Holiday Inn

Colter Wall
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Josh Turner – Country State Of Mine – CD-Review

Jotu_300

Review: Michael Segets

MCA Nashville bewies ein glückliches Händchen damit, Josh Turner unter Vertrag zu nehmen. Seit 2003 sind seine Alben und Singles regelmäßig in den amerikanischen Charts vertreten und belegen dabei häufig Spitzenpositionen und dies nicht nur in den Country-Listen. Über acht Millionen Verkäufe und zweieinhalb Billionen Streams sprechen für sich.

Nachdem er sich auf seinem letzten Longplayer „I Serve A Savior“ (2018) dem Gospel zuwandte, kehrt Turner nun zu seiner Domäne dem Country zurück. Dabei nimmt er sich einige Klassiker vor und holt sich zudem prominente Unterstützung. Bei der Playlist trifft Turner eine persönliche Auswahl und greift nicht auf die ganz großen Hits des Genres zurück.

Zwei Tracks stammen im Original aus den 1950ern: „The Caretaker“ von Johnny Cash sowie „Alone And Forsaken“ von Hank Williams. Bei dem letztgenannten, sehr stimmungsvollen Track ist Allison Moorer im Background zu hören. 1973 schrieb Kris Kristofferson „Why Me“. Den Walzer singt Turner im Duett mit dem Altmeister. Die anderen Stücke entstanden in den achtziger und neunziger Jahren.

Für die Neueinspielung von „I’ve Got It Made“ und „Forever And Ever, Amen“ gewann Turner mit John Anderson beziehungsweise Randy Travis die Musiker, die Songs zuerst aufnahmen. Titel von Waylon Jennings („Good Ol’ Boys”), Alan Jackson („Midnight in Montgomery”) und Bruce Robison/George Strait („Desperately”) covert Turner ebenfalls, womit sich die Riege der auf dem Werk berücksichtigten Countrygrößen nochmal steigert. Damen sind etwas insgesamt unterrepräsentiert. Das Trio Runaway June hat allerdings einen großartigen Auftritt bei „You Don’t Seem To Miss Me“.

Der Beitrag zählt wie das flotte „I Can Tell By The Way You Dance” zu meinen Favoriten. Der Song von Vern Gosdin wurde von Turner ebenso wie „I’m No Stranger To The Rain“ und „Country State Of Mine” öfter live gespielt. Mit dem Titeltrack verbindet Turner ein besonderes Bühnenerlebnis in Georgia, das er zusammen mit Chris Janson hatte. Deshalb holte er für die Albumaufnahme des Stücks von Hank Williams auch Janson hinzu.

Die radiotauglichen Songs bewegen sich überwiegend in einem mittleren Tempobereich. Mit seiner angenehmen Stimme, die wie für Country-Nummern gemacht scheint, performt Turner sie souverän. Dabei verzichtet er auf große Innovationen, sondern verneigt sich vor seinen Inspirationsquellen, indem er die Traditionen des Genres in leicht modernisierter Form wieder aufleben lässt.

Das Who-Is-Who der Country-Szene gibt sich auf „Country State Of Mine“ unter der Federführung von Josh Turner die Ehre. Dieser Umstand sowie die perfekt auf den Mainstream in Nashville abgestimmte Produktion werden Turners Erfolgsgeschichte fortschreiben. Der Sound ist voll und klar von Kenny Greenberg produziert. Das Begleitheft lässt mit den Texten und einigen Fotos, die Turner zusammen mit den Gesangspartnern oder Songwritern zeigen, keine Wünsche offen.

MCA Nashville (2020)
Stil: New Traditional Country

Tracks:
01. I’m No Stranger To The Rain
02. I’ve Got It Made (fest. John Anderson)
03. Why Me (feat. Kris Kristofferson)
04. Country State Of Mine (feat. Chris Janson)
05. I Can Tell By The Way You Dance
06. Alone And Forsaken (feat. Allison Moorer)
07. Forever And Ever, Amen (With Special Guest Randy Travis)
08. Midnight in Montgomery
09. Good Ol’ Boys (Theme From The Dukes Of Hazzard)
10. You Don’t Seem To Miss Me (feat. Runaway June)
11. Desperately (feat. Maddie & Tae)
12. The Caretaker

Josh Turner
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MCA Nashville
Universal Music

Charley Crockett – Welcome To Hard Times – CD-Review

Crock_300

Review: Michael Segets

Nach seinem letztjährigen Album „The Valley“ mit anschließender Europatour, in der er auch in der Krefelder Kulturrampe einen Stopp einlegte, bringt Charley Crockett nun fünfzehn neue Songs heraus. „Welcome To Hard Times“ schließt nahtlos an den vorherigen Longplayer an. Melodische Country-Nummern, überwiegend im mittleren Tempobereich, denen er mit seinem markanten Gesang seinen Stempel aufdrückt, stehen im Vordergrund der neuen CD.

Crockett arbeitet wie gewohnt mit Pedal Steel, Twang und Slide („Heads You Win”, „Tennessee Special”). Dabei gibt er manchen Stücken eine bluesige Note („Fool Somebody Else“), legt Soul in seine Stimme („Don’t Cry“) oder bedient sich beim R&B („Rainin’ In My Heart“). Wie für seine Kompositionen üblich, überschreiten sie nur selten drei Minuten. Auch wenn kein absoluter Ohrwurm wie „Jamestown Ferry“ sofort identifizierbar ist, hält der Longplayer doch einige Leckerbissen parat.

Das entspannte Titelstück „Welcome To Hard Times“, mit dem das Werk beginnt, zählt ebenso wie das getriebene „Run Horse Run“ zu ihnen. Die Videos zu den zwei vorab ausgekoppelten Songs versprühen eine entsprechende Western-Atmosphäre. Äußerst gelungen und vielleicht die bemerkenswertesten Tracks sind die beiden Walzer „Lilly My Dear“ und „Blackjack County Chain“. Beim ersten schunkelt sich Crockett erdig durch den Dreivierteltakt, beim zweiten schlägt er eine tiefe Tonlage mit entsprechend dunkler Stimmung an.

Von dem gemächlichen Midtempo der klassischen Countrysongs „The Man That Time Forgot” und „The Poplar Tree” weicht Crockett bei „Paint It Blue” sowie „Oh Jeremiah“ nur geringfügig nach oben ab. Mit „Wreck Me” und „When Will My Trouble End” finden sich dann auch langsamere Stücke auf der CD.
Mit der letztgenannten Ballade schließt sich der thematische Kreis, der mit dem Opener angerissen wurde.

Die Inhalte drehen sich um Outlaws, Spieler und Verlierer, also um genretypische Figuren und deren schwere Zeiten beziehungsweise Krisen. Daran hätte Johnny Cash ebenso wie an Crocketts Musik sicherlich seine Freude gehabt und vielleicht sogar den einen oder anderen Beitrag gecovert. Einige von Crocketts Songs hätten es verdient, so gewürdigt zu werden.

Von anderer Seite hat Charley Crockett allerdings schon Anerkennung erfahren: Seinem Bluesalbum „Lil G.I.‘s Blue Bonanza“ (2018) gelangen hohe Platzierungen in amerikanischen Charts und in der englischen Country-Presse wurde „The Valley“ zum Album des Jahres gekürt.

Charley Crockett revolutioniert den Country auf „Welcome To Hard Times““ nicht, aber er interpretiert ihn stilsicher auf seine Weise und gewinnt ihm so neue Facetten ab. Der Retro-Charme seiner Melodien in Kombination mit der außergewöhnlichen Intonation seines Gesangs macht ihn zu einem kreativen Vorreiter des New Traditional Country.

Son Of Davy – Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Country

Tracks:
01. Welcome To Hard Times
02. Run Horse Run
03. Don’t Cry
04. Tennessee Special
05. Fool Somebody Else
06. Lilly My Dear
07. Wreck Me
08. Heads You Win
09. Rainin’ In My Heart
10. Paint It Blue
11. Blackjack County Chain
12. The Man That Time Forgot
13. The Poplar Tree
14. Oh Jeremiah
15. When Will My Trouble End

Charley Crockett
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Nick Lowe – Lay It On Me – EP-Review

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Review: Michael Segets

Der englische Musiker und Produzent Nick Lowe taucht bestimmt irgendwo in der gut sortierten Rocksammlung auf, selbst wenn dort kein Album von ihm vertreten ist. Als Bassist bei Little Village veröffentlichte er mit John Hiatt, Ry Cooder und Jim Keltner 1982 ein Album. Er spielte mit einer Vielzahl von Künstlern und Bands wie Dave Edmunds, Rockpile, John Lee Hooker, Tanita Tikaram, Blackie And The Rodeo Kings oder Wilco.

Seine Songs wurden von etlichen Interpreten aufgenommen. Seine Exfrau Charlene Carter, Johnny Cash, Diana Ross, Linda Ronstadt, The Mavericks, George Thorogood, Rod Stewart, Simple Minds – um nur einige zu nennen – gehören dazu. Auch seine Liste als Produzent ist lang. Beispielsweise Werke von Graham Parker, Dr. Feelgood, The Fabulous Thunderbirds oder von The Pretenders wurden von ihm betreut. Vor allem mit Elvis Costello arbeitete er über acht Alben hinweg zusammen. Dieser machte den von Lowe geschriebenen Song „(What`s So Funny ‘Bout) Peace, Love And Understanding” zu einem Hit.

In der Musikszene hat der einundsiebzigjährige Lowe unabhängig von seinen sechzehn eigenen Alben also deutliche Spuren hinterlassen. Vor sieben Jahren veröffentlichte er seinen bislang letzten im Studio eingespielten Longplayer. 2018 folgte die EP „Tokyo Bay“. Mit der EP „Lay It On Me“ gibt Lowe nun erneut ein Lebenszeichen von sich.

Gemeinsam mit den Los Straitjackets spielte er drei Songs ein. Die beiden Eigenkompositionen „Lay It On Me Baby” und „Don’t Be Nice To Me” ergänzt „Here Comes That Feeling”, das von Dorsey Burnette geschrieben und durch die Version von Brenda Lee bekannt wurde. Im Stil des 50er Jahre Rock ’n Roll gehalten und mit einer Prise Soul gewürzt verströmen die Stücke einen angenehmen Retro-Charme.

Schließlich findet sich noch eine instrumentale Interpretation von „Venus“ auf der EP. Dem Song von Shocking Blue, der durch Bananarama in den Achtzigern ein Revival erlebte, geben Los Straitjackets einen Surf-Rock-Anstrich. Den Titel hat Lowe lediglich produziert.

Mit seinen knapp zwölf Minuten stellt „Lay It On Me” ein kurzes Vergnügen dar. Die Fans von Nick Lowe wird das neue Material aber dennoch freuen. Die unverkrampften Songs sind wunderbar geeignet, einen lockeren und entspannten Sommerabend auf der Terrasse einzuläuten.

Yep Roc Records (2020)
Stil: Rock

Tracks:
01. Lay It On Me Baby
02. Don’t Be Nice To Me
03. Here Comes That Feeling
04. Los Straitjackets – Venus

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Yep Roc Records
Redeye Worldwide

Various Artists – Whiskey Preachin‘ – Volume 1 – CD-Review

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Review: Michael Segets

Es gehört wohl eine ordentliche Portion Idealismus dazu, in Europa ein Plattenlabel zu gründen, dass sich auf Independent-Country und Southern Rock-Musik aus den USA spezialisiert. Mit Tony Sexton und Reinhard Holstein fanden sich zwei Enthusiasten, die mit Whiskey Preachin‘ Records diese Idee in die Tat umgesetzt haben. In das Projekt des Südengländers Tony Sexton klinkte sich Reinhard Holstein mit seinen Erfahrungen als Urheber von Glitterhouse Records und Stag-O-Lee Records ein.

Mit dem Sampler „Whiskey Preachin‘ – Volume 1“ stellen die beiden zwölf Bands vor und geben so einen Vorgeschmack auf das zukünftige Programm. Der Untertitel der Kompilation lautet „21st Century Honky Tonk For The Outlaw Dancefloor“, der die Auswahl der Tracks treffend umreißt. Auch wenn der Begriff Honky Tonk hier weit ausgelegt wird, gehen die Titel ins (Tanz-)Blut. Konsequenter Weise gibt es keine Balladen auf der Zusammenstellung.

Stattdessen finden sich mit „(If I Knew What I Had To Give Up) I Never Would Have Fallen In Love” von Cray And The Boys ein knackiger Rock’n Roll sowie zwei runde Boogies, die von Weldon Henson („Sleep All Day”) beziehungsweise Ted Russel Kamp („Get Off The Grid”) stammen. Alle drei Songs haben einen schön rootsigen Sound, wobei „Kool & Lonesome“ von Mayeux & Broussard in die gleiche Kerbe schlägt, aber für mich aufgrund der ausdrucksstarken Lead Vocals die Nase vorne hat.

Auf „Whiskey Preachin‘ – Volume 1“ sind drei gleichmäßig verteilte Tracks mit weiblichem Frontgesang vertreten. Das flotte und freche „Rat City Bound” von Darci Carlson ist klasse, nicht nur aufgrund der tollen Mundharmonica. Kristina Murray steht mit ihrem „Lovers & Liars“ dabei in nichts nach. Der an Penelope Houston erinnernde Song hat einen Underground-Charme und entwickelt damit ebenfalls Drive. Kathryn Legendre, die dritte Dame im Bunde, steuert eine Country-Nummer („Going Crazy”) mit gehörigem Twang bei. Twang versprüht ebenso „Arcadian Thruway“ der Eleven Hundred Springs. Durch Geige und Steel Guitar löst das Stück den versprochenen Honky Tonk ein.

Die Songs auf dem Sampler bewegen sich überwiegend zwischen erdigem Rock und rockigem Country. In Richtung Country schlägt die Nadel bei dem mit einprägsamen Refrain versehenen „C. C. Waterback“ von The Reeves Brothers aus. Die Beiträge „Jesus, Jail or Texas” (James Scott Bullard) und das überaus gelungene Dire Straits-Cover „Setting Me Up” (The Rhyolite Sound) können in die Outlaw-Linie von Johnny Cash oder Waylon Jennings eingeordnet werden.

Den Anfang der auf Whiskey Preachin’ Records veröffentlichten Bandalben macht „Mojave Gold“ von The Rhyolite Sound, die sich mit ihrem Song – der mit treibenden Rhythmus und rockigen Gitarreneinlagen glänzt – wärmstens empfehlen. In den Startlöchern befindet sich auch der selbstbetitelte Longplayer von Ole Wiskey Revival. Die Band ist mit „Ramblin’“ auf der Kompilation vertreten und überzeugt dort durch die starke Gitarrenarbeit.

Während „Whiskey Preachin‘ – Volume 1“ ausschließlich auf Vinyl erscheint, sind die nächsten Alben auch als CD angekündigt. Vor allem diejenigen, die auf Vinyl schwören, sollten die Augen offen halten, da ein begrenzter Teil der Auflage in farbigem Material produziert wird. Ich habe mich jedenfalls bereits für den Newsletter auf der Homepage angemeldet, damit keine Neuerscheinung des Labels an mir vorbeiläuft.

Tony Sexton und Reinhard Holstein sind angetreten, um die verborgenen Juwelen des Outlaw Underground ans Tageslicht zu fördern. Wie „Whiskey Preachin‘ – Volume 1“ zeigt, stellt das ein äußerst lohnendes Unterfangen für die Freunde des Southern Sounds dar. Der erste Sampler des Labels ist dabei mehr als nur ein Appetizer, sondern für sich genommen eine ziemlich unterhaltsame Scheibe mit unverbraucht klingenden Neuentdeckungen.

Whiskey Preachin’ (2020)
Stil: Country, Country Rock, Southern Rock/

Tracks:
01. Mayeux & Broussard – Kool & Handsome
02. James Scott Bullard – Jesus, Jail or Texas
03. Kathryn Legendre – Going Crazy
04. Eleven Hundred Springs – Arcadian Thruway
05. The Rhyolite Sound – Setting Me Up
06. Darci Carlson – Rat City Bound
07. Ole Whiskey Revival – Ramblin’
08. The Reeves Brothers – C. C. Waterback
09. Kristina Murray – Lovers & Liars
10. Ted Russel Kamp – Get Off The Grid
11. Weldon Henson – Sleep All Day
12. Cray And The Boys – (If I Knew What I Had To Give Up) I Never Would Have Fallen In Love

Whiskey Preachin’