Will Hoge – My American Dream – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

In Zeiten weitgehender sozialer Umwälzungen in den USA hat die Auseinandersetzung mit der politischen Ausrichtung des Landes auch in der Musikszene Einzug gehalten. Protestsongs gegen Donald Trump von Eminem („Campaign Speech“), Bruce Springsteen & Joe Grushecky („That’s What Makes Us Great“) oder Ryan Adams („Doomsday“) sind auch in den Charts erfolgreich.

Die zum Teil konservativ geprägte Country-Szene hielt sich bislang aus dem Politikfeld eher zurück. Will Hoge hingegen, ist einer der wenigen Stars des Country-Business, die immer wieder ihre politische Meinung auf Platten und im Social Media-Bereich zum Ausdruck bringen. Grund genug für Hoge in turbulenten Zeiten jetzt eine neue Scheibe zu veröffentlichen.

Auslöser für die Produktion dieses Longplayers war das Schulmassaker von Parkland, Florida. Als Vater von zwei Kindern war Hoge besonders von diesem Amoklauf betroffen und wollte seine Kritik gegenüber den bestehenden Waffengesetzen auch öffentlich äußern. Die Angst und die Sorge um seine Söhne (11 und 7 Jahre alt) und seine Ehefrau, die als Lehrerin arbeitet, trieb Hoge zum Schreiben.

Die Themen dieses Protest-Albums, mit denen Hoge sich auf „My American Dream“ auseinandersetzt, sind aber vielschichtiger und betreffen nicht nur die unzureichenden Waffengesetzte, sondern auch die Arbeit der Grenzpolizei, die Korruption in der Politik, die Armut breiter Bevölkerungsteile und das vernachlässigte Bildungssystem. Themen, die regelmäßig in den USA u.a. von Neil Young, Rich Hopkins oder Billy Bragg in England aufgegriffen werden.

Die schöne Akustik-Ballade „Thoughts and Prayers“ war der erste Song, den er fertiggestellt hatte und der als Vorab-Single erfolgreich war. Der Opener-Track „Gilded Walls“ ist mit klaren Vorwürfen und Aufforderungen an die Politik gespickt: “It’s clear you don’t care about the folks down here. Indside your Gilded Walls.“ Auf „Stupid Kids“ unterstützt er die Parkland Schüler-Bewegung, die sich gegen die laschen Waffengesetze richtet („Keep your feet marching. Raise up your voice don’t quit. Keep doin‘ what you’re doin‘. Keep being stupid kids“).

„Still A Southern Man“ ist ein nachdenklicher Song über seine Kindheit, als er in der Schule regelmäßig mit Rassismus konfrontiert wurde. In den Stücken „My American Dream“ und „The Illegal Line“ befasst sich Will Hoge mit der Einwanderungsproblematik und den Arbeitsverhältnissen in den USA und versetzt sich in die Charaktere von Betroffenen, ähnlich wie es Bruce Springsteen 1995 auf „Ghost Of Tom Joad“ getan hatte.

Der „Wut-Track“ auf der Platte ist der letzte Song „Nikki’s A Republican Now“, der durch seinen aufwühlenden Sound nachwirkt und von der Machart an den Musik-Aktivisten Tom Morello erinnert.

Das Album verkörpert Hoges Trauer und Wut über die bestehenden sozialen und politischen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten. Immer wieder singt er sich den Frust und seine Unzufriedenheit von der Seele und adressiert seine Lieder an Politik und Regierung. „My American Dream“ ist daher nicht nur ein musikalisches Ausrufezeichen, sondern vielmehr auch ein politisches Statement eines besorgten und engagierten Künstlers.

EDLO Records (2018)
Stil: Alternative Country / Southern Rock

01. Gilded Walls
02. Stupid Kids
03. Still A Southern Man
04. Oh Mr. Barnum
05. Thoughts & Prayers
06. My American Dream
07. The Illegal Line
08. Nikki’s A Republican Now

Will Hoge
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Oktober Promotion

Gordie Tentrees & Jaxon Haldane – Grit – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die beiden Kanadier Gordie Tentrees und Jaxon Haldane standen in den letzten vier Jahren über 500 Mal zusammen auf einer Bühne, daher ist es nur konsequent, ein gemeinsames Album zu veröffentlichen. Die zwölf Stücke auf „Grit“ wurden bei fünf Konzerten in ihrem Heimatland mitgeschnitten und geben einen Vorgeschmack auf das, was bei ihrer Tour durch Deutschland im April zu erwarten ist. Die Multiinstrumentalisten haben sich dem Bluegrass beziehungsweise Alternative Country verschrieben.

Beeindruckend ist die Anzahl der gespielten Instrumente. Tentrees wechselt zwischen akustischer Gitarre und Dobro. Er sorgt zudem mit Snare tambourine und Porch board bass für den Rhythmus. Auf einigen Stücken bläst Tentrees zudem noch in die Mundharmonika. Dass sich die Performance nicht nach Straßenmusikern anhört, ist der Begleitung durch Haldane mit unterschiedlichen Cigar box guitars und Banjo zu verdanken. Auf „Holy Moly“ greift Haldane zur Singenden Säge.

Während „Armand“ und „Junior“ gemeinsam geschrieben wurden, stammt die überwiegende Anzahl der Songs von Gordie Tentrees, der auch die Lead vocals singt. Lediglich auf dem Cover von Willie P. Bennetts „Willie’s Diamond Joe“ übernimmt Jaxon Haldane, wobei er die Sache sehr gut macht. Mit „I Don’t Have A Gun” von Will Kimbrough und Tommy Womack findet sich noch eine weitere Coverversion auf der Scheibe.

Die meisten Songs bewegen sich im unteren bis mittleren Tempobereich. Eine Ausnahme ist „Sideman Blues“, bei dem Haldane auf seinem Banjo Gas gibt. Die einzelnen Stücke sind für sich genommen hörenswert, wobei in den Texten interessante Geschichten entworfen werden. Das Werk im Ganzen wirkt aber eher gleichförmig und lässt einen gewissen Spannungsbogen vermissen.

Dennoch finden sich einige Highlights auf der CD. „29 Loads of Freight”, das Titelstück des Debütalbums von Gordie Tentrees aus dem Jahr 2004, ist besonders hervorzuheben. Tentrees schrieb es gemeinsam mit der kanadischen Alternative Country-Ikone Fred Eaglesmith. Besonders sticht auch „Bottleneck To Wire” heraus, das Jaxon Haldane mit seiner Lap steel cigar box guitar untermalt. Bemerkenswert ist zudem „No Integrity Man“, das aus der Feder von Charlie Parr stammen könnte.

Konzertatmosphäre entwickelt das Album kaum. Lediglich durch den Applaus zwischen den Tracks hört man, dass sie vor Publikum eingespielt wurden. Auf ihren Gigs sorgt die Vielzahl der eingesetzten Instrumente sicherlich für Abwechslung. Bei dem Longplayer stellen sich, obwohl sich einige der Songs abheben, auf Dauer leichte Ermüdungserscheinungen bei mir ein. Dies mag daran liegen, dass ich kein eingefleischter Bluegrass-Fan bin.

Wer Freude an dieser Richtung handgemachter Musik hat und die Klangvariationen der unterschiedlichen Saiteninstrumente entdecken möchte, sollte schauen, dass er die CD in die Finger bekommt oder ein Konzert des Duos besuchen.

Greywood Records/Timezone Distribution (2018)
Stil: Bluegrass/Alternative Country

01. Armand
02. 29 Loads of Freight
03. Craft Beards & Man Buns
04. Junior
05. Bottleneck To Wire
06. I Don’t Have A Gun
07. No Integrity Man
08. Willie’s Diamond Joe
09. Lost
10. Sideman Blues
11. Holy Moly
12. Wasted Moments

Gordie Tentrees & Jaxon Haldane
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Greywood Records

Sarah Shook & The Disarmers – Years – CD-Review

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Review: Michael Segets

Bei der aus einem streng religiösen Elternhaus stammenden, bekennenden bisexuellen Atheistin und Bürgerrechts-Aktivistin Sarah Shook kann man kaum glauben, dass der Nachname ihr tatsächlicher Familienname ist. Sie rüttelt mit ihren Texten und dem Auftreten in ihren Videos an den Grundfesten traditionsverwurzelter Amerikaner. Protest und Provokation kleidet sie dabei in zumeist gefällige Country-Rhythmen.

Ihre Unabhängigkeit postuliert Sarah Shook auf „Good As Gold“, der radiotauglichen Single des Albums. Die zweite Vorabauskopplung „New Way To Fail“ bietet Phil Sullivan an der Pedal Steel viel Raum, Twang zu entwickeln. „Over You“ kommt fast schon poppig im mittleres Tempo daher. Die Pedal Steel zeigt dann aber doch, aus welcher musikalischen Ecke Sarah Shook & The Disarmers kommen.

Nach dem eher konventionellen Beginn steigert sich die CD. Blues-angehaucht ist „The Bottle Never Lets Me Down” in dem Shooks Gesang in sämtlichen Tonhöhen überzeugt. Eric Peterson an der E-Gitarre steuert ein Solo zu dem gelungenen Track bei. Mit dem flotten „Parting Words“ nimmt Shook wieder die Kurve in Richtung lupenreinen Country und bleibt mit „What It Takes“ auf der eingeschlagenen Route, wobei der Song einen raueren Outlaw-Charme versprüht.

„Lesson“ ist eine coole Nummer, die eine 1960er-Atmosphäre einfängt. Sie stellt die musikalisch innovativste des Albums dar. Aber auch das schnelle und eingängige „Damned If I Do, Damned If I Don’t” macht richtig Spaß.

Mit „Heartache In Hell“ findet sich eine trotzige Herzschmerz-Ballade auf dem Longplayer. Der raus genölte Gesang, teilweise mit gehörig Vibration in der Stimme, bringt viel Gefühl rüber, ohne süßlich zu wirken. Den Abschluss des Albums bildet „Years“. Bei der gewöhnlichenr Countrynummer überzeugen die gebotenen Stimmvariationen Shooks nicht wirklich und auch ein Rhythmuswechsel rettet das schwächere Titelstück nicht.

Sarah Shook hat sich bereits mit „Sidelong“ (2015) auf den Weg gemacht, als weibliche Version in die Fußstapfen des Hardcore-Troubadours Steve Earle zu treten. Dass sie gute Country-Songs schreiben kann, die sich an der klassischen Machart orientieren, zeigt sie auch auf „Years“ sehr deutlich. Besonders gelungen sind aber die Stücke, auf denen sie für einen Schritt von diesem Pfad abweicht.

Der ‚Angry Young Woman‘ mangelt es nicht an Selbstbewusstsein, daher bleibt zu wünschen, dass sie ihr Profil nicht nur in ihren Texten, sondern auch in den Kompositionen weiter ausschärft und zukünftig noch mehr Punk-Attitüde in den Country trägt.

Bloodshot/Rough Trade (2018)
Stil: Country

O1. Good As Gold
02. New Way To Fail
03. Over You
04. The Bottle Never Lets Me Down
05. Parting Words
06. What It Takes
07. Lesson
08. Damned If I Do, Damned If I Don’t
09. Heartache In Hell
10. Years

Sarah Shook & The Disarmers
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Bloodshot Records

Vaudeville Etiquette – 03.03.2017, Blue Notez, Dortmund – Konzertbilder

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Line-up:
Tayler Lynn (lead vocals, percussion)
Bradley Laina (lead vocals, guitar)
Matt Teske (pedal steel)
Aaron Walters (bass)
Bryce Gourley (drums)

Bilder: Peter Schepers

Vaudeville Etiquette
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Blue Notez Dortmund

American Aquarium – Support: Tim Easton – 03.03.2017, Krefeld, Kulturrampe – Konzertbericht

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Gut einen Monat nach dem starken Auftritt der Stolen Rhodes war es mal wieder an der Zeit, unsere geliebte Kulturrampe in Krefeld aufzusuchen, mit Tim Easton und den talentierten North Carolina-Jungs von American Aquarium galt es, in unseren Breitengraden, hochkarätige Insidermusik aus dem Alternative Country-, Roots-, Americana- Bereich, zu begutachten.

Der weit gereiste, mittlerweile in Nashville ansässige Singer/Songwriter Tim Easton bestritt mit einem starken Solo-Auftritt das Vorprogramm. Seine tolle rauchige, warmherzige Stimme, die mich an Leute wie J. J. Cale, Will Hoge und Russell Smith erinnerte, sein quirliges Akustikgitarrenspiel (auch in Slide-Manier), sowie diverse plustrige Harp-Einlagen, verpackt in eine humorvolle und sympathische Performance, kamen beim Krefelder Publikum bestens an.

Mit unterhaltsamen Stücken wie u. a.  „Elmore James“, „Special 20“, „Black Dog“, „Don’t Lie“, „Next To You“  oder dem brandneuen „The Old New Straitsville Blues“ zog er die anwesenden Leute unweigerlich auf seine Seite. Klar, dass er da nochmal für eine Zugabe ran musste, die mit Dylans „Watcha Gonna Do“, bei der er die Audienz mit Fuß-Stampfen und Klatschen als Percussion-Unterstützung involvierte, ihren launigen Abschluss fand. Eine tolle Leistung von Tim Easton!

Für die Burschen von American Aquarium lief der Tag dagegen alles andere als rund. Am Berliner Flughafen war ihr Gepäck zunächst verschwunden, was eine erhebliche Wartezeit zur Folge hatte (ich habe gar nicht mitbekommen, dass der BER schon in Betrieb ist…). Als am Ende die Sachen doch noch aufgefunden wurden, ging’s mit einer rasanten Höllenfahrt in Richtung Westen, um den ersten Gig der bevorstehenden Tour noch rechtzeitig antreten zu können.

Beim Opener „Wolves“ knarzte und fiepte dann noch das Mikro von Bandleader BJ Barham. Der verstand die Welt nicht mehr und war zu Anfang richtig angenervt. Nach ein paar Instruktionen in Richtung Mischpult, hatte sich dann beim folgenden „Southern Sadness“ die Lage beruhigt und das Quintett, mit den weiteren Musikern  George Hage, Bill Corbin, Kevin McClain und Whit Wright fand sich allmählich in den Gig herein.

BJ Barham, der im Stile der großen amerikanischen Musik-Geschichtenzähler wie Bob Dylan, Bruce Springsteen, Gram Parsons, Steve Earle & Co., als die kreative Person des Fünfers, fast ausnahmslos die Zügel in der Hand hatte, sowie Whit Wright, der immer wieder zwischen Keyboard und seiner Pedal Steel hin und her wechselte, waren die Personen, die im Prinzip die Hauptakzente setzten.

Die Rhythmusfraktion mit Bill Corbin und Kevin McClain verrichtete brav ihre Arbeit, der E-Gitarrist George Hage (auch Mitglied bei Jack The Radio) kam erst gegen Ende bei Tracks wie „Jacksonville“, „Losing Side of 25“ und „Man I’m Supposed To Be“ (atmosphärisches Bariton-Spiel) stärker zum Zuge.

Nachdem Barham bereits in der Mitte mit Stücken wie „The Unfortunate Kind“, „America Tobacco Company“ und „O‘ Lover“ ein Solo-Intermezzo hingelegt hatte, absolvierte er mit dem bissigen „Burn.Flicker.Die“ und einem Cover zu Ehren des kürzlich verstorbenen Guy Clark „She Ain’t Going Nowhere“ auch den Zugabenteil im Alleingang.

Da hätte man sich gerne vielleicht doch nochmal die komplette Band zum Abschluss mit einem Kracher, evtl. dazu mit integrierter Vorstellung der Mitglieder gewünscht. Auch ein paar Songansagen und sporadische Interaktion mit den Leuten hätte vermutlich etwas mehr Stimmung gebracht (die aber keineswegs schlecht war).

Fazit: Ein eher ruhiger Abend mit mit einem überzeugenden Auftritt des kauzigen Tim Easton und einem steigerungsfähigen Tournee-Auftakt von American Aquarium, der mir persönlich zu sehr im Zeichen ihres omnipräsenten Fronters stand. Da muss bei den nächsten Stationen doch etwas mehr Geschlossenheit demonstriert und auch das Publikum mehr ‚abgeholt‘ werden. Entschuldigend sind allerdings die oben erwähnten Umstände mit zu berücksichtigen, so ein stressiger Tag nach langem Flug hinterlässt einfach Spuren. Bei den kommenden Gigs geht da auf jeden Fall noch was!

Line-up:
BJ Barham (lead vocals, acoustic guitar)
George Hage (electric guitar)
Bill Corbin (bass)
Kevin McClain (drums)
Whit Wright (keys, pedal steel)

Tim Easton (lead vocals, acoustic guitar, harp)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

American Aquarium
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Tim Easton
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Teenage Head Music
Kulturrampe Krefeld

Chuck Prophet & The Mission Express – 12.02.2017, Wesel, Karo – Konzertbericht

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Ich möchte zunächst mal ein Kompliment an den Karo-Chef Mathias Schüller aussprechen. Er schafft es, nicht nur zur Freude meinerseits,  seit vielen Jahren immer wieder tolle musikalische Acts in sein ‚Wohnzimmer‘ zu holen. Mit der Rockmusiklegende Chuck Prophet samt The Mission Expresss ist ihm ein weiterer echter Husarenstreich für kleines Eintrittsgeld gelungen.

Das fachkundige Publikum dankte es ihm mit einer nahezu ausverkauften Location und einem rundem Abend, bei dem sämtliche Anwesenden ihren Spaß hatten. Es lag natürlich auch am bestens aufgelegten und sympathischen Protagonisten, der sich trotz seiner beeindruckenden musikalischen Vita, von der spartanischen Räumlichkeit mit seinem Probenraum-Charakter, für seine Verhältnisse unbeeindruckt zeigte, ja sogar samt seiner Mitstreiter offensichtlich richtig ‚Bock‘ hatte, ordentlich Gas zu geben.

Für mich war es die zweite Begegnung mit dem einstigen Green On Red-Mitglied. Ich hatte ihn mal 2006 beim Blue Highways-Festival, damals im großen Saal des Utrechter Musiekcentrum Vredenburg vor größerer Kulisse erlebt. Nicht nur der vergangenen Zeit geschuldet, war dieser Abend im Vergleich natürlich an Intensität nicht zu toppen, hier in Wesel konnte man dem Musiker ja quasi fast beim Spielen auf die Schulter klopfen. Das ist dann ja auch immer der Reiz, die solche Orte wie das Karo ausmachen.

Als Support hatte noch für eine halbe Stunde der Singer/Songwriter Max Gomez mit seiner Akustikgitarre den Alleinunterhalter gegeben. Der Bursche aus New Mexico erinnerte mich irgendwie an einen akustisch agierenden John Mayer. Er spielte typischen Stoff in der Tradition von Leuten wie Townes Van Zant & Co., was ihm am Ende viel Applaus und eine Zugabe einbrachte.

Chuck und seine Mitspieler Stephanie Finch, James DePrato, Vicente Rodriguez und Kevin White stiegen mit dem melodisch flockigen Titelstück ihrer brandneuen CD „Bobby Fuller Died For Your Sins“ ein, das dann im weiteren Verlauf mit Songs wie dem pettyesken „Bad Year For Rock And Roll“, dem rockigen „Alex Nieto“ (Finch mit schönem HT-Piano), „Jesus Was A Social Drinker“ (Chuck erstmals mit Akustikgitarre), dem Alan Vega gewidmeten „In The Mausoleum“, dem Stampfer „Coming Out in Code“ und der Ballade „We Got Up and Played“ sehr umfangreich vorgestellt wurde.

Mit dem Chuck Berry-Track „Ramona Say Yes“ und der ersten Interaktion mit dem Karo-Publikum „Temple Beautiful“ hatte das Quintett bereits zu Anfang Stimmung in die Bude gebracht. Prophet führte ganz im Stil eines großen charismatischen Bandchefs, das Publikum wie auch seine Mitspieler durch das Programm. Er weiß genau, wie man eine kollektiv gute Chemie erzeugt und aufbaut.

Das atmosphärische „You Did (Bomp Shooby Dooby Bomp)“ mit grandiosem Prophet E-Solo war mein persönliches Highlight im ersten Abschnitt. Über das stoneske „Ford Ecoline“, dem emotionalen Leonard Cohen-Cover „Iodine“ ging es mit „Summertime Thing“ (mit einem an Marshall Tuckers „Can’t You See“ erinnernden Schlussteil), „Countrified Inner City Technological Man“ (klirrendes Slide-Solo vom stark spielenden DePrato), dem abermals launigen „Wish Me Luck“ (wieder grandioses Prophet E-Solo) und „Willie Mays Is Up At Bat“ (Chuck und James mit Twin-Zusammenspiel) zum Abschluss des Hauptteils in musikalische Regionen, die in unserem Magazin natürlich gerne gehört werden.

Der zu dem Zeitpunkt schon fast euphorisiert wirkende Bandlleader holte zum stürmisch eingeforderten Nachschlag dann o. a. Max Gomez als schöne Geste zur Unterstützung mit auf die Bühne. Mit „Let Her Dance“, dem The Fall-Cover „Mr. Pharmacist“ und „You And Me Baby (Holding On)“ gab es dann noch mal satte drei Zugaben.

Chuck Prophet und sein Mission Express sorgten mit ihrer gut gelaunt und lebensnah performten Mischung aus Rock, Pop, Punk (dezent), Country- und Southern Rock für zwei Stunden beste Unterhaltung. Auf bessere Art und Weise kann man ein Wochenende eigentlich nicht ausklingen lassen (wenn Montags die Arbeit nur nicht wär…) Ein wunderschöner Abend im Karo, an dem es am Ende eigentlich nur Gewinner gab. Danke nochmals an Mathias für die Akkreditierung.

Line-up:
Chuck Prophet (lead vocals, guitars)
Stephanie Finch (keys, percussion, bgv)
James DePrato (guitar, bass, bgv)
Vicente Rodriguez (drums, , keys, bgv)
Kevin White: (bass guitar)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

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Karo Wesel

Wilco – Ashes Of American Flags – DVD-Review

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Manchmal ist es als Online-Redakteur gut, seinen Intuitionen Folge zu leisten. So bei der Kult umwobenen Chicagoer Band Wilco, über die ich zwar schon viel gelesen habe (im Feuilleton der von mir abonnierten Tageszeitung werden oft Scheiben von ihnen und aus ihrem musikalischen Dunstkreis besprochen), an die ich mich trotz interessanter Kritiken aber nie so richtig herangetraut habe. Ihr Hang zu Klangexperimenten hatte mich immer davon abgeschreckt. Mittlerweile habe ich aber schon des öfteren mal Sachen aus dem Indie-, Roots- und Alternative Country-Bereich im Player liegen, so dass sich die Hemmschwelle deutlich verringert hat.

Jetzt erschien mir die Zeit reif zu sein, mich an ein Review heranzuwagen, als sich ihre neue DVD „Ashes Of American Flags“ in unserem Angebotstool befand. Ohne es wirklich zu wissen, hatte ich (eigentlich als Vertreter harmonischer Klänge) es ins Kalkül gezogen, dass sie gerade bei einer Live-Präsentation, den Geschrammel-Anteil vermutlich nicht allzu intensiv in den Vordergrund stellen würden. Damit sollte ich im Großen und Ganzen recht behalten.

Die DVD wurde an fünf verschiedenen Locations in fünf verschiedenen Staaten (Cain’s Ballroom, Tulsa, OK – Tiptina’s, New Orleans, LA – Mobile Civic Center, Mobile, AL – Ryman Auditorium, Nashville, TN – 9. 30 Club, Washington,DC) gefilmt. Veröffentlicht wurde sie in den Staaten am so genannten Music Store Day (18. April), der den vielen kleinen Plattenläden im Lande zu größerer öffentlicher Aufmerksamkeit verhelfen soll. Gerade Wilco-Frontmann Jeff Tweedy engagiert sich hier sehr stark, der (wie wir wohl alle) diese Läden quasi als Anlaufpunkt und Antriebsfeder für sich sah, sich mit Musik zu beschäftigen, bzw. auch aktiv zu betreiben.

Apropos Jeff Tweedy. Er steht ganz klar, trotz seiner hervorragend instrumentell agierenden Mitstreiter (vor allem der sich mit seiner eigenwilligen Schlagtechnik voll verausgebende Drummer Glenn Kotche, der unkonventionell spielende Lead-Gitarrist Nels Cline, Tweedy-Langzeit-Kumpel John Stirratt, Mikael Jorgensen und der vielseitige Pat Sansone), im Mittelpunkt dieser Dokumentation. Er wirkt in seiner juvenilen, dezent introvertiert wirkenden Charismatik schon jetzt wie eine geistesverwandte Mischung aus Johnny Cash, Van Morrison und Bob Dylan. Er besitzt neben seinen außergewöhnlichen Songwriterqualitäten eine in den Bann ziehende Stimme und Gestik. Dazu spielt er auch hervorragend Gitarre.

Das ausgewählte Songmaterial bietet schwerpunktmäßig einen Querschnitt ihrer letzten Alben „Sky Blue Sky“, „A Ghost Is Born“ und dem damals gefeierten „Yankee Hotel Foxtrot“ (Wilco kauften dem Label aufgrund strategischer Differenzen die Rechte für dieses Werk ab, um es dann mit großen Erfolg nach eigenen musikalischen Vorstellungen zu veröffentlichen). Die Musik ist über weite Phasen sehr eingängig und angenehm präsentiert (z.B. das soulige „Impossible Germany“ oder das beim Proben gefilmte, balladeske „Wishful Thinking“). Lediglich Clines manchmal kreischend gespielte Solopassagen (u.a. bei „Handshake Drugs“) und einige Synthie-unterstützte, psychedelisch anmutende Momente („Side With Seeds“, „Via Chicago“) unterbrechen die vorwiegend im Vordergrund stehende musikalische Harmonie (in einem zeitlich aber vertretbaren Rahmen).

Komischerweise gefällt mir der Extrateil sogar noch besser als der Hauptpart, weil hier die Countrynote doch ein wenig deutlicher in den Vordergrund gerückt wird. Bei „I’m The Man Who Loves You“ darf man sich an einem Honky Tonk-Piano erfreuen, beim Steel-untermalten „It’s Just That Simple“ erhält Basser John Stirratt Gelegenheit, seine gesanglichen Qualitäten und auch sein Akustikgitarrenspiel unter Beweis zu stellen (Tweedy bedient dafür im Gegenzug den viersaitigen Tieftoner). Auch Bläsereinsätze (wie bei „The Late Greats“ und „Hate It Here“) sind durchaus mit Wilco-Stücken wunderbar in Einklang zu bringen (passender Weise in New Orleans mit eingebracht).

Fazit:  Das von Brendan Canty und Christoph Green gefilmte Wilco-Dokument „Ashes Of American Flags“ macht beim Anschauen (u.a. auch noch mit atmosphärischen Landschafts- und Städteimpressionen, sowie einigen Statements und Backstage-Aufnahmen der Musiker aufgepeppt) und vor allem beim Zuhören großen Spaß. Nicht nur der brillante Klang weiß zu überzeugen, auch die Songauswahl und ihre interessante musikalische Umsetzung begeistert. Im Gegensatz zu vielen anderen Acts kann der Rezensent (auch Tweedys Ausstrahlung sei Dank) den Kultstatus von Wilco mittlerweile gut nachvollziehen. Ein wirklich beeindruckender Konzertfilm über eine extravagante Band! Klasse!

Nonesuch Records (2009)
Stil: Rock / Alternative Country

01. Ashes Of American Flags
02. Side With The Seeds
03. Handshake Drugs
04. The Late Greats
05. Kingpin
06. Wishful Thinking
07. Impossible Germany
08. Via Chicago
09. Shot In The Arm
10. Monday
11. You Are My Face
12. Heavy Metal Drummer
13. War On War

Extras.
14. I’m The Man Who Loves You
15. Airline To Heaven
16. It’s Just That Simple
17. At Least That’s What You Said
18. I Am Trying To Break Your Heart
19. Theologians
20. Hate It Here

Wilco
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Nonesuch Records
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