Ian Noe – Between The Country – CD-Review

Noe_300

Review: Michael Segets

Auf Ian Noes Facebook-Seite findet sich eine akustische Version von Bruce Springsteens „Born In The USA“, bei der er den Song gelungen und eigenständig interpretiert. Nicht nur deshalb habe ich den jungen Singer/Songwriter aus Beattyville, einem kleinen Dorf in Kentucky, direkt ins Herz geschlossen. Der gewichtigere Grund dafür liegt in der herausragenden Outlaw-Ballade „Letter To Madeline“, die mich beim ersten Hören gepackt hat und mich seitdem nicht mehr loslässt. Tragischer Text, stimmige Gitarrenbegleitung und der Background-Gesang von Savannah Conley, der an den richtigen Stellen einsetzt, machen den Song zu einem intensiven Erlebnis.

Auch bei den anderen Stücken auf „Between The Country“ glänzt Noe mit poetischen Texten, die er mit eingängigen Melodien versieht. Mit wenigen Mitteln erzeugen sie viel Atmosphäre. Die Wurzeln in der Storyteller-Tradition amerikanischer Folk-Singer scheinen auf der CD deutlich durch. Noes Songs erinnern bei den Videos seiner Solo-Performances an die frühen von Bob Dylan.

Mit Band eingespielt treten die Bezüge zwar etwas in den Hintergrund, sie sind aber auf „Barbara’s Song“, „If Today Doesn’t Do Me In“ oder dem Titeltrack „Between The Country“ immer noch hörbar. Vor allem bei dem letztgenannten Stück zahlt sich der Einsatz der Band aus, da sie dem Refrain eine besondere Dynamik verleiht.

Die Qualität des Songwritings hätte sicherlich auch ermöglicht, ein akustisches Folk-Album aufzunehmen. Die Entscheidung, dies nicht zu tun, sondern die Möglichkeiten einer breiteren Instrumentierung zu nutzen, war gut. So gewinnt „Loving You“ durch die Klavierbegleitung von Adam Gardner, der auch den Bass beisteuert, sowie die Percussion des Schlagzeugers Chris Powell. Auf „Junk Town“ singt Savannah Conley nochmals stimmungsvolle Harmonien. Dave Cobb unterstützt Noe zudem mit akustischer und elektrischer Gitarre.

Mit Cobb holte sich Noe einen renommierten Produzenten ins Boot, der bereits mit Jason Isbell, Shooter Jennings, Chris Stapleton, Colter Wall und Whiskey Myers zusammenarbeitete. Die Songs des Longplayers wurde auf den Punkt in Szene gesetzt, sodass sie sich auf die Kraft der Kompositionen konzentrieren.

Der Hall, mit dem Stimme und Gitarre bei „Dead On The River (Rolling Down)“ versehen sind, lässt Assoziationen zu Neil Young aufkommen. Der Titel zählt ebenso wie der düstere Drogen-Song „Meth Head“ und das mit leichtem Country-Einschlag versehene „Irene (Ravin‘ Bomb)“ zu meinen Favoriten, die dem eingangs gefeierten „Letter To Madeline“ nur wenig nachstehen.

Ian Noe legt nach der EP „Off The Mountaintop” (2017) mit „Between The Country” seinen ersten Longplayer vor. Mit seinem Debütalbum zählt Ian Noe für mich zu den Newcomern des Jahres. Die zehn Tracks auf „Between The Country“ fügen sich zu einem stimmigen Werk zusammen, das die Singer/Songwriter-Tradition atmet und diese in einem zeitgemäßen Update fortführt.

Das unaufgeregte Arrangement der schönen Melodien in Verbindung mit den lyrischen Texten prägt sämtliche Stücke der CD, die einige hervorstechende Titel bereithält. „Between The Country“ kann sich daher mit den Klassikern des Genres messen und weckt die Hoffnung, dass Ian Noe zukünftig noch viele Geschichten zu erzählen hat.

National Treasury Recordings/Thirty Tigers (2019)
Stil: Americana

Tracks:
01. Irene (Ravin‘ Bomb)
02. Barbara’s Song
03. Junk Town
04. Letter To Madeline
05. Loving You
06. That Kind Of Life
07. Dead On The River (Rolling Down)
08. If Today Doesn’t Do Me In
09. Meth Head
10. Between The Country

Ian Noe
Ian Noe bei Facebook
Thirty Tigers
Oktober Promotion

Little Steven And The Disciples Of Soul – Summer Of Sorcery – CD-Review

LS_300

Review: Michael Segets

Seit seinem Comeback mit „Soulfire“ vor zwei Jahren arbeitet Little Steven unermüdlich. Zwei Tourneen, die ihn auch durch Europa führten, ein dazugehöriges Live-Boxset und unlängst eine Doppel-BD zeugen von seinem ungeheuren Tatendrang. Daneben blieb ihm noch Zeit, ein neues Studioalbum zu produzieren.

Mit „Summer Of Sorcery“ knüpft Little Steven, der die konzeptionelle Anlage seiner Alben gerne variiert, stilistisch an das vorherige an. Der Longplayer bietet horn- und guitar-driven Rock mit Soul-, Funk- und Blues-Einflüssen, wie ihn sonst wohl derzeit niemand performt.

Die ersten Töne des Openers „Communion“ erinnern an „She’s The One“ seines Freundes und musikalischen Wegbegleiters Bruce Springsteen. Danach erhält der Song einen eigenen Charakter durch stampfenden Rhythmus mit Tempowechseln, soulige Bläser-Intermezzi, Gitarrensolo und Vokalpassage, sodass Little Steven mit ihm einen beeindruckenden Auftakt hinlegt.

Das Album schließt mit einem weiteren Highlight, das ebenfalls Assoziationen zu Springsteens Hymnen weckt. Der achtminütige Titeltrack „Summer Of Sorcery“ beginnt mit akustischer Gitarre und durchläuft anschließend einige Spannungsbögen, wobei er mit dem Einsatz eines Saxophon seinen Höhepunkt erreicht. Zwischen fulminanten Auftakt und Finale liegen stilistisch sehr abwechslungsreiche Songs.

Hinter dem Album steht die Idee, den Soundtrack zu einem zauberhaften Sommer zu liefern. Anders als auf den meisten seiner bisherigen Veröffentlichungen greift Little Steven keine politischen Themen auf. Stattdessen, will er die Energie einfangen, die ein Sommeranfang mit all seinen Möglichkeiten eröffnet. Dabei orientiert er sich an der Musik, mit der er aufgewachsen ist. Sehr deutlich wird das bei dem Rock ’n Roll „Soul Power Twist“, der die 1960er Jahre wieder lebendig werden lässt.

Old Fashion – was ist verkehrt daran? So lautet eine frei übersetzte Textzeile von „Love Again“. Hört man den starken Song, fällt die Antwort leicht: nichts. Schön entspannt und dennoch durch kraftvolle Bläser getrieben, entwickelt er einen wundervollen Soul. Der Titel könnte auch auf den frühen Alben von Southside Johnny vertreten sein, an denen Little Steven tatkräftig mitwirkte. Vergleichbares gilt für „Our Own“, bei dem der Backgroundchor einige für die Frühzeit des Rock ’n Roll typische Doo Wops beisteuert.

Dem Midtempo-Song „Gravity“ – bei dem der harmonische Wechselgesang mit den weiblichen Chorstimmen hervorzuheben ist – gibt Little Steven einen Funk-Einschlag, der auch auf dem rockigeren „Vortex“ zu hören ist. Mit „I Visit The Blues“ unternimmt Little Steven einen Ausflug in den Bluesrock. Während er auf „Soulfire“ Funk- und Bluesrock-Titel gecovert hatte, stammen sämtliche Titel auf „Summer Of Sorcery“ aus seiner eigenen Feder.

Mit Ausnahme von „Education“ sind alle Songs neu. „Education“ veröffentlichte Little Steven bereits auf „Revolution“ (1988). Anders als auf der Originalversion ersetzt er die poppige und elektronische Instrumentalisierung durch die handgemachte Begleitung seiner Disciples Of Soul. Die Neuinterpretation gewinnt durch die Unterstützung der großen Band.

Der volle Sound, den Little Steven mit seinen Disciples Of Soul im Rücken erzeugt, macht sich auch auf dem straight gespielten „Superfly Terraplane“ bezahlt. Die bereits vorab veröffentlichte Single gehört zu meinen Favoriten der Scheibe.

Die Bandbreite, mit der Little Steven den musikalischen Sommer einleitet, ist enorm. Neben Rock, Soul, Funk und Blues integriert der einstündige Longplayer bei „Party Mambo!“ ebenso lateinamerikanische Rhythmen. Die Affinität des Musikers zu Lateinamerika kam beispielsweise schon bei dem Duett mit Ruben Blades bei „Bitter Fruit“ zum Ausdruck, das sich auf „Freedom – No Compromise“ (1987) findet.

Gesanglich überrascht Steven van Zandt – alias Little Steven – auf „Suddenly You“. Die Stimme ist ungewohnt tief, sodass ich mir anfänglich nicht sicher war, ob er wirklich selbst ins Mikro singt. Bemerkenswert ist hier zudem die gelungene Begleitung durch Percussion und Trompete.

Little Steven ist in einer unglaublich produktiven Phase, in der er unterschiedliche musikalische Stilrichtungen aufsaugt und in dem stimmigen Album „Summer Of Sorcery“ einfängt. Im Vergleich zu früheren Veröffentlichungen integriert Little Steven mehr Instrumentalpassagen in sein Werk.

Bei seinem kreativen Songwriting nutzt er die Möglichkeiten, die ihm die große Besetzung der Disciples Of Soul eröffnet. Er gibt seinen Begleitmusikern Raum, ihre Fähigkeiten auszuspielen. „Summer Of Sorcery“ ist ein origineller Longplayer, bei dem sich Little Steven auf die Anfänge des Rocks besinnt, diese in seiner unverwechselbaren Art interpretiert und modernisiert.

Wer die beiden letzten Touren mit der 14-köpfigen Begleitband verpasst hat, bekommt Ende Mai beziehungsweise Anfang Juni nochmal die Gelegenheit, Little Stevens Energie live zu erleben, wenn er mit seinen Disicples Of Soul in Berlin und Hamburg spielt. Ich habe mir allerdings eine Karte für seinen Auftritt in Brüssel am 7. Juni besorgt.

Universal/Wicked Cool Records (2019)
Stil: Rock and more

Tracks:
01. Communion
02. Party Mambo!
03. Love Again
04. Vortex
05. A World Of Our Own
06. Gravity
07. Soul Power Twist
08. Superfly Terraplane
09. Education
10. Suddenly You
11. I Visit The Blues
12. Summer Of Sorcery

Little Steven
Little Steven bei Facebook
Universal Music

Ryan Bingham – American Love Song – CD-Review

Bingham_300

Review: Michael Segets

Fünfzehn neue Stücke stellt Ryan Bingham auf „American Love Song“ vor. Persönliche Erfahrungen und gesellschaftskritische Stellungnahmen verpackt er in unterschiedliche Facetten der Roots-Music. So steht „Beautiful And Kind“ ganz in der Tradition der Folk-Sänger a la Pete Seeger oder Woody Guthrie. Dem Blues frönt er mit „Hot House“ und „Got Damn Blues“, das sich am Ende in Richtung Gospel entwickelt. Rockige Töne schlägt Bingham bei „Nothin‘ Holds Me Down“ und beim Rolling Stones infiltrierten „Pontiac“ an.

Die überwiegende Anzahl der Titel lässt sich dem weiten Feld des Americana zurechnen, wobei Bingham mit dessen Ingredienzien spielerisch umgeht. Auf „Lover Girl“ ist mal eine Steel Guitar zu hören, auf „Time For My Mind“ schlägt er einen Rhythmus an, der beinah an die Karibik erinnert. Mehrere Stücke werden von dem leidenden Gesang Binghams getragen. „Stones“ beginnt sanft, entwickelt aber eine Dynamik, die mitnimmt. Dagegen fällt das klagende und etwas überladene „Blue“ etwas ab.

Mit dem vorab herausgegebenen „Wolves“ hat Bingham alles richtig gemacht. Bei der akustisch gehaltenen Ballade kommt sein eindringlicher Gesang besonders gut zur Geltung. Ebenso vollständig überzeugt „What Would I’ve Become“, das er nicht weniger intensiv, aber mit mehr Drive spielt. Ein weiterer Favorit ist der rumplige Opener „Jingle And Go“ mit dominantem Bar-Piano, das für einen Umtrunk in einer lauten Kneipe bestens geeignet erscheint.

Deutliche Worte zur Lage der Nation findet Bingham auf „Situation Station“. Er setzt auf die verbindende Kraft der Musik und wendet sich gegen Aus- und Abgrenzung, die er in Amerikas Politik verstärkt wahrnimmt. Auch „America“ schlägt inhaltlich in eine ähnliche Kerbe. Sein ausdrucksstarker Gesang wird hier von einer gleichmäßigen, sanften akustischen Gitarre untermalt. Bingham gibt sich dabei mahnend, aber nicht resignativ. Der Song könnte auch von Bruce Springsteen geschrieben sein.

Zum Abschluss des Albums würdigt Bingham mit „Blues Lady“ die starken Frauen seines Landes. Dabei hat er seine verstorbene Mutter ebenso wie Janis Joplin oder Aretha Franklin vor Augen.

Zusammen mit dem Co-Produzenten Charlie Sexton (Bob Dylan, Arc Angels, Sue Foley) bewegt sich Bingham sicher in den Spielarten der Roots Musik. Er komponiert tolle Songs, bei dem Texte und Musik stimmen. Vielleicht halten einzelne Titel nicht ganz die hohe Qualität des insgesamt starken Albums, bei der Anzahl der Stücke fällt das aber kaum ins Gewicht.

Axster Bingham Records/Thirty Tigers/Alive (2019)
Stil: Americana and more

Tracks:
01. Jingle And Go
02. Nothin‘ Holds Me Down
03. Pontiac
04. Lover Girl
05. Beautiful And Kind
06. Situation Station
07. Got Damn Blues
08. Time For My Mind
09. What Would I’ve Become
10. Wolves
11. Blue
12. Hot House
13. Stones
14. America
15. Blues Lady

Ryan Bingham
Ryan Bingham bei Facebook
Oktober Promotion
Thirty Tigers

Bruce Springsteen – Springsteen On Broadway – CD-Review

Spring_300

Review: Michael Segets

Aus meiner Begeisterung für Bruce Springsteens Musik habe ich nie einen Hehl gemacht. Sie begleitet mich seit meiner Jugend und hat meinen musikalischen Geschmack entscheidend geprägt. Mit Spannung erwarte ich daher jede neue Veröffentlichung von ihm.

Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft bringt der Boss mit „Springsteen On Broadway“ ein Doppelalbum heraus. Statt seine Autobiographie „Born To Run“, die – wie ich zu meiner Schande gestehen muss – noch eingeschweißt im Regal steht, allein in reinen Lesungen zu verbreiten, betrat Springsteen Neuland und konzipierte eine Vortragsform, die das gesprochene und gesungene Wort miteinander verbindet.

Von Oktober 2017 bis zum Abschluss der mehrfach verlängerten Veranstaltungsreihe am 15. Dezember 2018 gab Springsteen an 236 ausverkauften Abenden Einblicke in Stationen seines Lebens. Als Ort wählte er das Walter Kerr Theater in New York. Die undatierten Aufnahmen stammen vermutlich von unterschiedlichen Bühnenshows.

Entsprechend der Grundidee folgt auf eine erzählende Passage ein musikalischer Beitrag, wobei es auf der zweiten Scheibe zwei Ausnahmen („The Rising“ und „Land of Hope and Dreams“) gibt, bei denen Springsteen auf die begleitenden Worte verzichtet. Auf den CDs sind die Lieder von den Geschichten gesplittet, sodass sie einzeln angewählt werden können.

Insgesamt macht der gesprochene Anteil der Intros circa 65 Minuten aus, die Musik liegt bei etwa 75 Minuten. Die Rechnung stimmt nur annäherungsweise, da Springsteen vor allem bei „Growin‘ Up“ oder „Tenth Avenue Freeze-Out“ längere Gesprächsanteile in die Songs einflechtet.

Eine Besonderheit bei Konzerten von Springsteen lag vor allem in der früheren Phase seiner Karriere darin, dass seine Erzählungen im Hintergrund musikalisch untermalt wurden. Dadurch erzeugte er eine besondere Stimmung, die dann in den folgenden Song transportiert wurde. Gerade am Übergang von gesprochener Einführung und Einsatz der Band wurden so großartige Momente erzeugt. Ich denke da beispielsweise an das explosive „War“ oder die klagende Mundharmonika bei „The River“ des Live-Boxsets von 1986. Solch intensive Augenblicke höre ich auf „Springsteen On Broadway“ nicht.

Dennoch erzählt Springsteen oftmals berührend – mal amüsant, mal nachdenklich – von seinem Aufwachsen in New Jersey, von Begegnungen mit Menschen, die ihn und seine Musik geprägt haben, und von den Schattenseiten des American Dreams, um dann einen musikalischen Kommentar aus seinem Repertoire zu spielen.

Da die Auftritte am Broadway als persönliche Rückschau angelegt sind, verwundert es nicht, dass Springsteen keine neuen Titel anstimmt. Bei der Songauswahl liegt der Schwerpunkt auf Stücken der siebziger und achtziger Jahre, wobei die Longplayer „Born To Run“ („Thunder Road“, „Born To Run“ und „Tenth Avenue Freeze-Out“) und „Born In The USA“ („My Hometown“, „Born In The USA“, „Dancing In The Dark“) jeweils mit dreien vertreten sind. Unterrepräsentiert erscheinen die 1990er Jahre.

Lediglich „The Ghost of Tom Joad“ stammt aus diesem Jahrzehnt, sieht man von „The Wish“ ab, das zwar auf „Tracks“ (1998) erstmals veröffentlicht wurde, aber im Jahr 1987 entstand. Von seinen Alben seit der Jahrtausendwende finden sich „Long Time Comin‘“, „The Rising“ und „Land of Hope and Dreams” auf „Springsteen On Broadway”.

Mit Gitarre, Klavier und Mundharmonika stemmt Springsteen die Show. Bei „Tougher Than the Rest” und „Brilliant Disguise” vom Album „Tunnel Of Love“ unterstützt ihn seine Frau Patti Scialfa. Akustische Versionen einzelner Songs performte Springsteen öfter, aber bislang ist kein Solo-Konzert, beispielsweise von seiner „The Ghost of Tom Joad“-Tour oder von der „Devils & Dust“-Tour, regulär erschienen. Daher bietet „Springsteen On Broadway“ auch musikalisch durchaus etwas Neues.

Vor allem „Dancing In the Dark” weiß im aktuellen Gewand zu gefallen. Auf den vorherigen offiziellen Live-CDs finden sich „The Wish“, „My Father’s House“ und „Brilliant Disguise“ nicht – soweit ich richtig recherchiert habe. Die Live-Mitschnitte seiner Konzerte, die Springsteen über seine Homepage anbietet, habe ich allerdings nicht alle gesichtet.

Das Doppelalbum richtet sich in erster Linie an Fans, denen Springsteen sein originelles Konzept als Mix von biographischen Erinnerungen und entsprechend ausgewählter Songs zugänglich macht. Die Beurteilung, wie die alternativen Interpretationen im Vergleich zu den bekannten abschneiden, sei dem Hörer überlassen. Angemessener ist es wahrscheinlich, die Retroperspektive als Gesamtkunstwerk zu betrachten.

Der Rockgigant präsentiert sich jedenfalls als Mensch, der seine Hoffnungen sowie die Bitternisse des Lebens musikalisch imposant verarbeitet. Mich ermahnen die Anekdoten auf „Springteen On Broadway“ dazu, mir endlich seine Autobiographie vorzunehmen und auch die älteren Werke nochmal geschlossen durchzuarbeiten.

Auf Netflix ist der Film „Springsteen On Broadway“ zu streamen. Den Soundtrack in der Standard-Edition, die im Digipack mit einem halb transparenten Schuber schön aufgemacht ist, gönnt sich wahrscheinlich jeder eingeschworene Fan sowieso zu Weihnachten. Klüger wäre es vermutlich trotzdem abzuwarten, welche weiteren Versionen, möglicherweise in Kombination von Bild- und Tonträgern, noch herauskommen.

Smi Col/Sony Music (2018)
Stil: Folk/Americana

Tracks:
CD 1
01. Growin‘ Up (Introduction)
02. Growin‘ Up
03. My Hometown (Introduction)
04. My Hometown
05. My Father’s House (Introduction)
06. My Father’s House
07. The Wish (Introduction)
08. The Wish
09. Thunder Road (Introduction)
10. Thunder Road
11. The Promised Land (Introduction)
12. The Promised Land

CD 2
01. Born In the U.S.A. (Introduction)
02. Born In the U.S.A.
03. Tenth Avenue Freeze-Out (Introduction)
04. Tenth Avenue Freeze-Out
05. Tougher Than the Rest (Introduction)
06. Tougher Than the Rest
07. Brilliant Disguise (Introduction)
08. Brilliant Disguise
09. Long Time Comin‘ (Introduction)
10. Long Time Comin‘
11. The Ghost of Tom Joad (Introduction)
12. The Ghost of Tom Joad
13. The Rising
14. Dancing In the Dark (Introduction)
15. Dancing In the Dark
16. Land of Hope and Dreams
17. Born to Run (Introduction)
18. Born to Run

Bruce Springsteen
Bruce Springsteen bei Facebook
Sony Music

Robert Connely Farr & The Rebeltone Boys – Dirty South Blues – CD-Review

Farr_300

Review: Michael Segets

Robert Connely Farr lebt in Vancouver, Kanada, und spielt seit fast zehn Jahren bei der Alternative-Country-Band Mississippi Live & The Dirty Dirty. Der Titel seines Solo-Debüt „Dirty South Blues“ ist gleichzeitig Programm. Das Album prägt der Blues, dem Robert Connely Farr einen Southern-Hauch mitgibt. Diese Kombination wirkt spannend, da sie in so konsequenter Form selten auftritt.

Die Inspiration zu dem Album erhielt Robert Connely Farr durch die Begegnung mit Jimmy „Duck” Holmes. Auf einer Reise in seinen Geburtsort in Mississippi freundete er sich mit dem Blues-Veteranen an. Robert Connely Farr lernte so den – mir bis dato unbekannten – Bentonia-Bluesstyle von Henry Stuckey, Skip James und Jack Owens kennen.

Als Verneigung vor diesen Einflüssen covert Robert Connely Farr „Hard Time Killin’ Floor Blues” von Skip James. Aus der direkten Zusammenarbeit mit Jimmy „Duck” Holmes entstand „Just Jive“. Der Boogie mit Bar-Piano, das wie die anderen Keys von Michael Ayotte gespielt wird, ist der schnellste Track auf der Scheibe.

Die anderen Songs stammen aus Robert Connely Farrs eigener Feder. Dem Titel des Longplayers entsprechend sind „Blue Front Café”, „Cypress Tree Blues” und „Hey Mr. Devil“ im Blues verwurzelt. Bei „Ode To The Lonesome” steht die helle und klare Gitarre in einem Spannungsfeld zu der teilweise mit etwas Hall unterlegten Stimme von Robert Connely Farr.

Das meines Erachtens stärkste Stück ist „Dirty South Blues“. Evan Ushenko läuft hier an der elektrischen Gitarre zur Hochform auf. In dem Text bezieht Robert Connely Farr ebenso wie bei „Magnolia“ Stellung zu wohl gerade im Süden der Vereinigten Staaten präsenten Geisteshaltungen und latentem Rassismus.

Zum Ende von „Magnolia“ liefert Kyle Harmon am Schlagzeug eine expressive Einlage. Seine Percussion tritt bei „Lady Heroin” besonders in Erscheinung. Tyson Maiko am Bass vervollständigt die Rhythmus-Section der Rebeltone Boys.

Neben den schon erwähnten „Dirty South Blues“ und „Just Jive“ sorgt „Yes Ma’am“ für Abwechslung auf dem bluesdominierten Album. Die lockere Ballade würde auch gut auf eine Country-CD passen.

Produziert hat Leeroy Stagger, der sich im Roots Rock beziehungsweise Alternative Country – u. a. auch durch die Zusammenarbeit mit Tim Easton und Evan Phillips – bereits einen Namen gemacht hat.

In der Fachpresse werden Parallelen zwischen „Dirty South Blues“ und Veröffentlichungen von Steve Earle, Bruce Springsteen oder The Bottle Rockets gezogen. Ich bin bei solchen Vergleichen eher vorsichtig. Unbestritten dürfte sein, dass Robert Connely Farr ein konzeptionell eigenständiges Werk geschaffen hat. Es schlägt eher ruhigere Töne an, entwickelt dabei aber eine hohe Intensität.

Eigenproduktion (2018)
Stil: Southern Blues

Tracks:
01. Ode To The Lonesome
02. Dirty South Blues
03. Blue Front Café
04. Hard Time Killin’ Floor Blues
05. Magnolia
06. Lady Heroin
07. Just Jive
08. Cypress Tree Blues
09. Yes Ma’am
10. Hey Mr. Devil

Robert Connely Farr & The Rebeltone Boys
Robert Connely Farr & The Rebeltone Boys bei Facebook

John Hiatt – The Eclipse Sessions – CD-Review

Hiatt_300

Review: Michael Segets

Obwohl ihm die ganz großen Verkaufszahlen bisher verwehrt blieben, zählt John Hiatt doch zu den renommierten amerikanischen Singer-Songwritern, dessen Stücke von vielen Künstlern aufgenommen wurden. Rosanne Cash, Eric Clapton und B. B. King, David Crosby, Bob Dylan, Willie Nelson, Bonnie Raitt, Bob Seger sowie Bruce Springsteen reihen sich in die Liste der Interpreten seiner Songs ein.

Musikalisch bewegt sich Hiatt auf seinen Veröffentlichungen zwischen Folk Rock und Heartland Rock mit Einflüssen von Blues und Americana. Am bekanntesten dürfte seine Single „Have A Little Faith In Me” (1987) sein. Mit seiner Scheibe „Walk On“ hat er 1995 ein (unterschätztes) Meisterwerk abgeliefert. Von der Kritik hoch gelobt ist sein „Spätwerk“. Seit 15 Jahren veröffentlicht er bei New West beständig neue Alben.

Im Sommer vergangenen Jahres zog sich Hiatt mit Bassist Patrick O’Hearn und Schlagzeuger Kenneth Blevins in das Heimstudio von Kevin McKendree zurück, um als Trio „The Eclipse Sessions“ innerhalb von wenigen Tagen einzuspielen. McKendree produzierte den Tonträger, steuerte selbst noch einige Keys bei und holte seinen Sohn Yates für eine ergänzende E-Gitarre hinzu. Herausgekommen ist ein typisches John-Hiatt-Album.

Die CD beginnt mit zwei starken Midtempo-Stücken. Die Anlage von „Cry For Me“ erinnert mich an Songs von Warren Zevon, was vielleicht auch an der Klavierbegleitung liegt. Das rootsige, mit gleichmäßigem Rhythmus unterlegte „All The Way To The River“ punktet durch Hiatts Gesang und schöne E-Gitarrenpassagen. An Intensität wird es nur noch durch das herausragende „Nothing In My Heart“ übertrumpft. Hier stellen sich bei mir Assoziationen zu Gurf Morlix ein.

Dabei ist die markante Stimme von Hiatt natürlich ein Alleinstellungsmerkmal. Diese kommt vor allem bei den akustisch angelegten „Aces Up Your Sleeve“ und „Hide Your Tears“ ebenso wie auf dem bluesigen „I Like The Odds Of Loving You“ zur Geltung. Wenn Hiatt höher singt, wie auf „Outrunning My Soul” oder „One Stiff Breeze”, wirkt das eher ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig. Dennoch entwickeln die Stücke – wenn man ihnen eine Chance gibt – bei mehrmaligen Hören ihren Reiz.

Eine groovende Uptempo-Nummer liefert Hiatt mit „Poor Imitation Of God“. Yates McKendree setzt hier und bei „Over The Hill” gelungene Akzente mit seiner elektrischen Gitarre. Harmonisch klingen „The Eclipse Sessions“ mit „Robber’s Highway” aus.

Im Vorfeld der Sessions überlegte John Hiatt, ob er eine Solo-Scheibe aufnehmen soll und sich lediglich mit akustischer Gitarre begleitet. Man weiß nicht, was dabei herausgekommen wäre. Auf „The Eclipse Sessions“ hat er sich für die Begleitband entschieden und das Ergebnis lässt sich gut hören. Wie auf den meisten Werken von John Hiatt finden sich wieder einige hervorstechende Titel, die durch den Drive, die die größere Instrumentalisierung erzeugt, profitieren.

New West (2018)
Stil: Folk Rock

Tracks:
01. Cry To Me
02. All The Way To The River
03. Aces Up Your Sleeve
04. Poor Imitation Of God
05. Nothing In My Heart
06. Over The Hill
07. Outrunning My Soul
08. Hide Your Tears
09. I Like The Odds Of Loving You
10. One Stiff Breeze
11. Robber’s Highway

John Hiatt
John Hiatt bei Facebook
New West Records
Rough Trade

Brian Fallon – Sleepwalkers – CD-Review

Fallon_300

Review: Michael Segets

Bruce Springsteen adelte den ebenfalls in New Jersey geborenen Brian Fallon, als er ihn bei seinem Konzert im Hyde Park 2009 auf die Bühne holte. Zuvor trat Fallon als Frontmann von The Gaslight Anthem in Erscheinung. Mit „Handwritten“ (2012) lieferte die Band ein Rockalbum ab, das zu den besten der letzten Dekade gehört. Zwischenzeitlich ruht das Bandprojekt und 2016 veröffentlichte Fallon sein erstes Solowerk „Painkiller“. Nun legt er „Sleepwalkers“ nach, das tendenziell rockiger als sein Debüt ausfällt.

Die beiden ersten Titel des Longplayers wurden vorab herausgebracht und spiegeln die Grundatmosphäre des Werks wider, auf dem es Brian Fallon dank seiner charakteristischen Stimme sowie guten Texten schafft, Gefühle wie Angst, Trotz oder Hoffnung zu verarbeiten und mit den Mittel des Rock auszudrücken. „If Your Prayers Don’t Get To Heaven” legt mit klarem Rock ’n Roll-Rhythmus locker los, wobei Fallon mit seinen stimmlichen Vibes dem Stück seinen Stempel aufdrückt, sodass unverkennbar ist, aus wessen Feder es stammt. Rockig schließt „Forget Me Not“ an. Der klasse Refrain ist eingängig und einzelne rausgeschriene Textzeilen machen den Song zusätzlich interessant.

Auch auf „Come Wander With Me“ transportiert Fallons Gesang Emotionen, die Aggression und Verletzlichkeit zugleich zum Ausdruck bringen. Nicht weniger intensiv ist „Etta James“, bei dem das Tempo etwas heruntergefahren wird. Das Lied um die vor sechs Jahren verstorbene Sängerin klingt am Ende sanft aus und leitet so passend zu „Her Majesty’s Service“ über. Die Nummer weist Tempowechsel auf, ist aber insgesamt im oberen Midtempo-Bereich zu verorten. Sie wirkt schön eingängig, zumal Fallon das raue Kratzen aus seiner Stimme herausnimmt.

„Proof Of Life“ beginnt mit einem irischen Einschlag. Ohne Kitsch baut Brian Fallon hier mehrstimmige Passagen und helle akustische Gitarrentöne in den langsamen Song ein. Bei „Little Nightmares“ packt Fallon wieder die E-Gitarre aus. Das dominierende Schlagzeug, das auch bei den vielen anderen Titeln auffällt, nimmt mit stampfendem Rhythmus richtig Fahrt auf und wird bei Konzerten für viel Bewegung im Publikum sorgen.

Die Bläser auf dem Titelstück „Sleepwalkers“ erzeugen ein Motown-Feeling. Besonders gelungen sind dabei die stilleren Phasen mit den anschließenden Steigerungen des Tempos. Danach folgen noch zwei Rockstücke. „My Name Is The Night“ bietet überraschende Gitarrensequenzen und Fallon bringt mit Hauchen und Schreien sein emotionales Repertoire zum Ausdruck. Bei „Neptune“ kommen Keys zum Einsatz, die den Sound gegenüber dem der anderen Songs leicht variieren. Die Orgel prägt auch „Watson“, das im mittlerem Tempo das Ende des Longplayers vorbereitet. Zum Abschluss unternimmt Fallon noch mit dem akustisch gehaltenen „See You On The Other Side“ einen Ausflug in den Folk.

Brian Fallon liefert mit „Sleepwalkers“ ein homogenes Rockalbum auf hohem Niveau ab, das vor allem auf druckvolle Rhythmen setzt. Es lebt von seiner markanten Stimme und seinen Qualitäten als Songwriter. Fallon hält dabei die Fahne des Heartland Rocks hoch und tritt so mit einem eigenständigen Sound in die Fußstapfen des Bosses.

Island Records/Universal (2018)
Stil: Heartland Rock

01. If Your Prayers Don’t Get To Heaven
02. Forget Me Not
03. Come Wander With Me
04. Etta James
05. Her Majesty’s Service
06. Proof Of Live
07. Little Nightmares
08. Sleepwalkers
09. My Name Is The Night
10. Neptune
11. Watson
12. See You On The Other Side

Brian Fallon
Brian Fallon bei Facebook
Universal Music

Little Steven – Soulfire – CD-Review

Little Steven_Soul.300

Review: Michael Segets

Steven van Zandt, alias Little Steven, ist ein Urgestein in der Musikbranche. Vor allem als kopftuchtragendes Mitglied der E Street Band von Bruce Springsteen wurde er international bekannt. 1982 startete er seine Solo-Karriere mit „Men Without Women“. Diesem Album folgten in den Achtziger Jahren noch drei weitere. 1999 meldete er sich mit „Born Again Savage“, das auf seinem eigenen Wicked-Cool-Label erschien, nochmal zurück.

Zwischenzeitlich widmete er sich der Schauspielerei als Mafiosi in „The Sopranos“ und „Lillyhammer“. Seit Jahren produziert er Alben junger Bands, moderiert seine Radio-Show ‚Little Steven’s Underground Garage‘ und tourt mit Springsteen.

Nun veröffentlicht Little Steven mit „Soulfire“ sein erstes Solo-Album in diesem Jahrtausend. Wer jedoch nach so langer Pause neues Songmaterial erwartet hat, wird weitgehend enttäuscht. Steven van Zandt wirft eher einen Blick zurück und spannt den Bogen von den 1970er Jahren, die von der Zusammenarbeit mit Southside Johnny und den Asbury Jukes geprägt waren, bis zu den neueren Arbeiten für Bands seines Labels. Die CD bietet acht von ihm (mit-)geschriebene Songs, die bereits andere Künstler veröffentlicht haben, zwei Coverversionen und zwei Erstveröffentlichungen.

Nach seiner politischen Phase, die ihn vom Rock’n’Roll in Richtung Pop entfernte, kehrt der Sechsundsechzigjährige nun zu seinen musikalischen Anfängen zurück. Sechzehn Musiker und sechs Backgroundsängerinnen unterstützen ihn dabei. Das Album bietet energiegeladene Rocksongs, die an die besten Zeiten Little Stevens anknüpfen. Der Little Stevens Frühwerk kennzeichnende Einsatz der Horn-Section prägt auch die aktuelle CD. Der mehrstimmige Gesang der Backgroundsängerinnen, wohl als Hommage an die frühe Phase des Rock’n’Roll gedacht, nimmt manchen Songs den ungeschliffenen Charme, der seine Alben aus der ersten Hälfte der 1980er Jahren charakterisiert, integriert sich aber nahtlos in den zumeist satten Klangteppich der Arrangements.

Mit dem Titelstück „Soulfire“ legt die CD rockig los und gibt das Grundtempo des Albums vor. Das hymnenhafte „I’m Coming Back“ reißt von Anfang an mit. Die Bläser-Abteilung mit den beiden alten Weggefährten Stan Harrison (Tenor Saxophon) und Eddie Manion (Bariton Saxophon) von den Asbury Jukes gibt dem Song enormen Schwung.

Bei „Blues Is My Buisness“ covert Little Steven eine Blues-Rock-Nummer, die aus der Feder von Kevin Bowe und Todd Cerney stammt. Durch die – für die Verhältnisse von Little Steven – langen Soli von Gitarre und Orgel, den mehrstimmigen Gesang und das Spiel zwischen Chor und Lead Vocals gelingt es ihm tatsächlich, ein authentisches Blues-Feeling aufkommen zu lassen, ohne dass er seine Wurzeln, die nun mal im Rock liegen, verleugnet. Little Steven liefert mit „I Saw The Light“ wiederum einen geradlinigen, bislang unveröffentlichten, Rocksong ab.

Das etwas langsamere „Some Things Just Don’t Change“ baut geschickt einen Spannungsbogen auf und gewinnt zunehmend an Intensität. „Love On The Wrong Side Of Town“, das Little Steven zusammen mit Bruce Springsteen geschrieben hat, wurde wie das vorangegangene Stück ursprünglich von Southside Johnny und den Asbury Jukes aufgenommen. Beide Songs gehören unter den Kompositionen von Little Steven zwar nicht zu meinen Favoriten, sind aber gut arrangiert und den ursprünglichen Versionen mindestens ebenbürtig.

„The City Weeps Tonight“ erinnert an die Schnulzen der Fünfziger oder Sechziger Jahre. Das bis dato unveröffentlichte Stück ist mit Doo Wop überfrachtet. Der mehrstimmige Backgroundgesang verleiht dem Song eine ziemliche Süße und für den schmachtende Gesang von Little Steven muss man schon in einer sehr speziellen Stimmung sein. In den ersten zwei Minuten steigt „Down And Out In New York City“ mit ungewohnt jazzigen Klängen ein, die auch später immer wieder durchscheinen. Little Steven gibt der Funk-Nummer von James Brown dann aber einen rockigen Einschlag, bei dem der mitreisenden Chorus das Highlight darstellt.

„Standing In The Line Of Fire“ galoppiert mit seinem treibenden Rhythmus, bei dem Schlagzeuger Rich Mercurio ganze Arbeit leistet, direkt in den Sonnenuntergang. Die staubtrockene Gitarre könnte einen Italowestern begleiten. Das als Single ausgekoppelte „Saint Valentine’s Day“, zeichnet sich durch den coolen Gesang von Little Steven aus, der durch den etwas reduzierteren Klangteppich voll zur Geltung kommt. Die Version seines Klassikers „I Don’t Wanna Go Home“ unterscheidet sich mit dem Einsatz der akustischen Gitarre von der Live-Performance beim Rockpalast 1982, ist deshalb aber nicht weniger gelungen. Den Abschluss der CD bietet mit „Ride The Night Away“ nochmal eine straight gespielte Rocknummer, die durch die Bläser viel Drive erhält.

Die anfängliche Befürchtung, dass die CD ein zusammengewürfeltes Konglomerat von Zweitverwertungen seiner Songs darstellt, bestätigt sich nicht. „Soulfire“ ist ein persönliches Album, bei dem sich Little Steven auch vor der Musikrichtungen seiner Jugend verneigt, die er bislang nicht in seinen Soloprojekten verarbeitet hatte. Als einer der Heroen meiner Jugendzeit löst Little Steven bei fast allen Songs das ein, was man von ihm erhoffen kann: kraftvolle, sorgfältig komponierte und arrangierte Rockmusik von einer großartigen Begleitband mit Herz gespielt und mit Leidenschaft gesungen.

Versteht man das Album als Zwischenbilanz und nicht als abschließende Werkschau, bleibt zu hoffen, dass Little Steven trotz seiner vielfältigen Betätigungsfelder den Blick wieder auf seine musikalische Solo-Karriere richtet und weitere Alben in Angriff nimmt, denn sein Feuer brennt noch.

Wicked Cool Records/Universal (2017)
Stil: Rock

01. Soulfire
02. I’m Coming Back
03. Blues Is My Buisness
04. I Saw The Light
05. Some Things Just Don’t Change
06. Love On The Wrong Side Of Town
07. The City Weeps Tonight
08. Down And Out In New York City
09. Standing In The Line Of Fire
10. Saint Valentine’s Day
11. I Don’t Wanna Go Home
12. Ride The Night Away

Little Steven
Little Steven bei Facebook
Universal Music

Stolen Rhodes – Bend With The Wind – CD-Review

Stolen_bend_300

Man muss heute nicht unbedingt aus dem Süden der USA stammen, um guten Southern Rock zu spielen. Die Kalifornier Robert Jon & The Wreck z. B. haben das in letzter Zeit eindrucksvoll bewiesen und zählen mittlerweile eindeutig zur Speerspitze des Genres und haben so manchem arrivierten Act der Sparte längst den Rang abgelaufen.

Auch Stolen Rhodes, ein Quartett, ursprünglich gegründet in Monmouth County, New Jersey, samt ihrer Mitglieder um Multi-Instrumentalist und Bandleader Matt Pillion (vocals, guitars, keys, saxophone), sowie Kevin Cunningham (guitars, vocals, dobro), Dan Haas (bass, vocals) und Eric Skye (drums, vocals), scheint sich auf diesem Terrain ebenfalls pudelwohl zu fühlen und bringt mit ihrem neuen Longplayer „Bend With The Wind“ sehr viel frischen Wind in die Szene.

Erfahrungen hat man bei Events wie der ‚Simple Man Cruise‘ oder als Support von Lynyrd Skynyrd, der Marshall Tucker Band oder Blackberry Smoke mittlerweile zu Genüge gesammelt.

Das neue Werk startet direkt mit zwei Krachern („Sunshine Prophet“ – Gute Laune-Uptempo-Nummer, „Good Time Charlie“ – satter Southern Boogie) ordentlich durch. Auch das Tucker-umwehte, atmosphärische „Devil From Above“ (mit typischem MTB-E-Solo, raunzende Orgel) weiß zu überzeugen.

Auf „Preacherman“ (Boogie mit furiosem Sax-Solo) und „So Long“ (gluckerndes E-Piano, Dobro, Harp) lassen sie auch keinen Zweifel an einer gewissen existierenden Country-Affinität. Balladen-Freunde kommen bei den beiden sehr melodiösen „Save Me“ und „Makin‘ Money“ auf ihre Kosten. In Zeilen wie „There’s too much makin‘ money, but not enough makin‘ love“ weißt Pillion schonungslos auf eines der vielen Grundübel unserer Zeit hin.

„Nowhere Fast“ (dezentes Bad Co.-Flair) und „Get On Board“ (Slide-trächtig, ABB-/Skynyrd-Note Richtung „Voodoo Lake“) bedienen die Klientel der klassischen Rockbands vergangener Tage. Am Ende huldigt man dann noch den großen ‚Boss‘ mit einer 7-minütigen, Saxofon-trächtigen Fassung seines „Rosalita (Come Out Tonight)“. Launig, gut gespielt, aber im Gesamtkontext eher fremd wirkend, was den guten Gesamteindruck des Albums aber keines Falls schmälern soll.

Die Produzenten David Ivory (dieser hat laut O-Ton der Musiker großen Einfluss auf die Band, was speziell die Songgestaltung angeht) und sein Assistent Joe Lam haben einen guten Job gemacht und Pillions Gesang (erinnert stark an Chris Thompson) sowie die instrumentellen Leistungen des Vierers sehr schön transparent herausgearbeitet.

„Bend With The Wind“ von den Stolen Rhodes reiht sich nahtlos in den Reigen der vielen starken Southern Rock-Neuveröffentlichungen des Jahres 2016 ein. Ein absolut empfehlenswertes Album. Teenage Head Music hat die Band aus diesem Grunde richtiger Weise auch unter ihre Fittiche genommen und eine Tour für 2017 angekündigt. Da kommt doch schon mal einiges an Vorfreude auf!

Eigenproduktion (2016)
Stil: (Southern) Rock

01. Sunshine Prophet
02. Good Time Charlie
03. Devil From Above
04. Preacherman
05. Save Me
06. Nowhere Fast
07. Get On Board
08. Makin‘ Money
09. So Long
10. Rosalita (Come Out Tonight)

Stolen Rhodes
Stolen Rhodes bei Facebook
Teenage Head Music