Ryan Bingham – Watch Out For The Wolf – EP-Review

Review: Michael Segets

Ryan Bingham befindet sich zuletzt in einem eher langsamen Veröffentlichungsmodus. Vier Jahre liegen zwischen „Fear And Saturday Night“ (2015) und „American Love Song“ (2019). Nach weiteren vier Jahren meldet er sich nun mit der EP „Watch Out For The Wolf“ zurück. Untätig war er in der Zwischenzeit aber nicht, so spielte er bei der Fernsehserie „Yellowstone“ eine Nebenrolle und steuerte zusammen mit Nikki Lane einen hervorragenden Beitrag zum Tribute für Billy Joe Shaver bei.

Entstanden ist sein aktuelles Werk in der Einsamkeit einer Berghütte in Montana. In diese hatte sich Bingham mit zwei Gitarren, Mandoline und Keyboard zurückgezogen. „Watch Out For The Wolf“ lässt sich als musikalische Version eines Selbstfindungstrip a la „Into The Wild“ verstehen. Zurückgeworfen auf sich allein sind so sieben Songs fernab jeglicher Lagerfeuerromantik entstanden. Bingham spricht davon, in der Abgeschiedenheit der Natur emotionale und spirituelle Erfahrungen gemacht zu haben, die ihn veränderten. Jenseits des persönlichen Wertes eines solchen Experiments, überzeugt auch das musikalische Ergebnis fast durchgängig.

Im Opener „Where My Wild Things Are“ thematisiert er den Rückzug in die Natur, bei dem die Lasten der Vergangenheit zwar mitgetragen werden, aber in weite Ferne rücken. Mit einem gleichmäßigen Rhythmus rollt der Song vor sich hin, getragen von Binghams sonorem Gesang. Dabei entwickelt er eine Aufbruchsstimmung, die langen Autofahrten eigen ist. „Shivers“ erscheint ebenfalls atmosphärisch dicht, nicht zuletzt, weil Bingham hier viel Leid in seine Stimme legt. Es erzielt mit Hilfe des Keyboards eine hypnotische Wirkung und erinnert an die letzten Scheiben von Paul Cauthen. Mit den elektronischen Klängen übertreibt Bingham etwas bei „Automated“. Zwar ähnlich wie die beiden anderen angelegt, spricht der Track mich überhaupt nicht an. Dass der Rhythmus aus der Retorte stammt, fällt bei ihm besonders auf. Ein echtes Schlagzeug hätten den Songs insgesamt sicherlich gut getan. Ob aber Bingham Schlagzeug spielen kann, weiß ich nicht, und zudem wäre es ein logistisches Problem geworden, dieses in die Waldhütte zu schaffen.

Nach dem eher getragenen Einstieg in die EP setzt das rockige „Instrumental“ eine Zäsur. Danach folgen zwei starke Titel, bei denen Bingham zur Mandoline greift. Beim Aufbau des country-rockigen „River Of Love“ kommt Steve Earle als Vergleichspunkt in den Sinn. Während Bingham hier seine elektrische Collins-Gitarre sprechen lässt, steht bei „Devil Stole My Style“ eine alte Gibson im Zentrum der Begleitung. Er setzt bei dem Stück einen Hall-Effekt ein, sodass der Song nicht als rein akustisch gelten kann. Der Hall intensiviert dabei die Wirkung von Binghams ausdrucksstarkem Gesang.

Den Abschluss bildet „This Life“, mit dem „Watch Out For The Wolf” inhaltlich zu einem optimistischen Ende geführt wird. Bingham setzt hier mit seinen Pfeifeinlagen einen Akzent und greift damit ein Element des ersten Song wieder auf. Der Konzeptcharakter der EP wird damit unterstrichen.

Insgesamt kann das Soloprojekt „Watch Out For The Wolf” von Ryan Bingham als ein gelungenes Experiment bezeichnet werden. Mit Gitarren, Mandoline und Keyboard ausgerüstet spielte er im Alleingang in der Abgeschiedenheit einer Waldhütte sieben Songs ein und übernahm auch deren Produktion sowie die Abmischung. Die EP zeigt also Bingham pur, wobei er sich nicht allzu weit von seinen bisherigen Veröffentlichungen entfernt.

The Bingham Recording Company/Thirty Tigers/Membran (2023)
Stil: Americana

Tracks:
01. Where My Wild Things Are
02. Automated
03. Shivers
04. Instrumental
05. River Of Love
06. Devil Stole My Style
07. This Life

Ryan Bingham
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Logan Halstead – Dark Black Coal – CD-Review

Review: Michael Segets

Gerade mal 18 Lenze zählt Logan Halstead und legt ein Singer/Songwriter-Album vor, das jedem Routinier zur Ehre gereichen würde. Im Wesentlichen auf akustische Gitarre, Geige und Gesang konzentriert ist „Dark Black Coal“ ein minimalistisches Album geworden, das bei jedem Durchlauf weiter wächst.

Vor drei Jahren veröffentlichte Halstead den Titelsong, der mehrere Millionen Klicks im Internet verbucht. Durch Arlo McKinley wurde er endgültig in die Riege der aufstrebenden Songwriter aufgenommen, indem sie zusammen „Back Home“ performen. Als Inspirationsquellen führt Halstead Sturgill Simpson und Cole Chaney, dessen „The Flood“ auf dem Longplayer seinen Platz gefunden hat, an. Von Richard Thompson interpretiert Halstead „1952 Vincent Black Lightning“. Ansonsten stammen die Stücke aus seiner eigenen Feder. Lawrence Rothman (Amanda Shires, Margo Price, Courtney Love) übernahm die Produktion des Debütalbums.

Steve Earle setzte mit „Ghost Of West Virginia“ (2020) dem Leben in der amerikanischen Bergbauregion ein Denkmal. Halstead verbrachte seine Kindheit eben dort in Comfort, einem Ort mit wenigen hundert Einwohnern. Er kennt also das Leben mit dem Kohlestaub, fernab vom Glanz der Großstätte, aus eigener Erfahrung. In dieser eher trist erscheinenden Umgebung bleiben wohl nicht viele Freizeitaktivitäten für Heranwachsende. Ein Glück für die Musikwelt, dass Halstead zur Gitarre griff. Er erzählt biographisch geprägte Geschichten, die stellvertretend für viele Menschen stehen, die sich mit harter Arbeit durchschlagen und von einer besseren Zukunft träumen.

Der Einstieg in das Album ist phänomenal: „Good Ol‘ Boys With Bad Names“. Am Ende findet sich ein Edit des Tracks. Ich höre keine großen Unterschiede, aber es macht überhaupt nichts, den kurzen Song zweimal in einem Durchlauf zu hören. Weitere Highlights sind die bereits vorab veröffentlichten „Man’s Gotta Eat“ sowie das intensive „Coal River“. Zum Kreis meiner Favoriten zählt auch der an klassische Folksinger wie Woody Guthrie erinnernde Track „Far From Here“. Einzelne Titel aus dem Gesamtwerk herauszuheben, wird ihm eigentlich nicht gerecht. So stellt auch die erste Single „Kentucky Sky“ ebenso einen sehr gelungenen Song dar.

Der Longplayer erscheint homogen. Dennoch gibt es einige Nuancen zu entdecken. So mischt sich beispielsweise bei „Uneven Ground“ mal eine Mandoline ein, bei „Bluefoot“ eine Mundharmonika. Einen verhältnismäßig leichten Rhythmus schlägt Halstead bei „Mountain Queen“ an. So stellen sich keine Abnutzungserscheinungen ein, wie sie bei akustischen Folkalben gelegentlich auftreten.

Pur und unverstellt präsentiert der junge Logan Halstead sein Debüt „Dark Black Coal“, das musikalisch und textlich von einer außerordentlichen Reife zeugt. Ein vergleichbar starkes Erstlingswerk in reiner Folkmanier hat es in den letzten Jahren – vielleicht Jahrzehnten – nicht gegeben. Wenn es da keine Auszeichnungen und Preise regnet, …

Logan Halstead Records/Thirty Tigers – Membran (2023)
Stil: Folk

Tracks:
01. Good Ol’ Boys With Bad Names
02. The Flood
03. Man’s Gotta Eat
04. Dark Black Coal
05. Mountain Queen
06. Kentucky Sky
07. Coal River
08. Far From Here
09. 1952 Vincent Black Lightning
10. Uneven Ground
11. Bluefoot
12. Good Ol’ Boys With Bad Names (Edit)

Logan Halstead
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Various Artists – Stoned Cold Country. A 60th Anniversary Tribute Album to The Rolling Stones – CD-Review

Review: Michael Segets

2022 jährte sich die Gründung der Rolling Stones zum sechzigsten Mal. Anlässlich dieses Jubiläums findet sich auf „Stoned Cold Country“ das Who-Is-Who des Country ein, um sich vor der legendären Band zu verneigen. Viele Songs der Stones sind in das kulturelle Bewusstsein eingegangen und gehören zur Sozialisation dazu, egal welche Musikrichtung man favorisiert.

Die Stones prägten nicht ausschließlich den Rock, sondern strahlten mit ihrem Werk in weitere Bereiche der populären Musik aus. Produzent Robert Deaton verfolgte daher die Idee, eine Hommage aus Sicht des Country auf die Beine zu stellen. Dafür versammelte er gestandene und aufstrebende Musikerinnen und Musiker der Szene, die nun mit ihren eigenen Versionen von Stones-Klassikern auf „Stoned Cold Country“ vertreten sind.

Vielleicht überrascht es auf den ersten Blick, dass bei einem Tribute zum Sechzigsten nicht die gesamte Schaffenszeit bei der Songauswahl berücksichtigt wurde. Die neu interpretierten Titel decken lediglich eine Periode von eineinhalb Dekaden ab. Stimmig gewählt ist der Opener des Samplers „(I Can’t Get No) Satisfaction“ – performt von Ashley McBryde – als erster Nummer-1-Hit der Stones in den USA, dem Heimatland des Country. Der Track aus dem Jahr 1965 stellt zugleich das älteste Stück dar, das für den Longplayer ausgewählt wurde. „Miss You“ (1978) ist das jüngste, das von Jimmy Allen gesungen wird.

Das Konzept des Jubiläumsalbums erhebt also nicht den Anspruch einer repräsentativen Werkschau der Stones durch die Brille des Country, sondern verfolgt die Idee, dass die jeweiligen Musiker die Titel aussuchen, die für sie besondere Bedeutung besitzen. Dass dabei überwiegend die Wahl auf die Klassiker der Rolling Stones fiel, verwundert dann schließlich doch nicht. Zugleich wird deutlich, dass die Band vor allem in den sechziger und siebziger Jahren Maßstäbe setzte, die bis heute nachwirken. Ihre Songs dieser Zeit üben einen weitaus größeren Einfluss auf nachfolgende Musikergenerationen aus als die späteren Werke. Besonderen Nachhall findet „Sticky Fingers“ (1971) auf dem Tibute. Marcus King wählt von der Scheibe die aufgekratzte Nummer „Can`t You Hear Me Knocking“, Maren Morris und Little Big Town die Balladen „Dead Flowers“ beziehungsweise „Wild Horses“.

Die Versionen auf der Compilation orientieren sich deutlich an den Originalen, die stets sofort wiederzuerkennen sind. Es wird nicht krampfhaft versucht, die Songs völlig neu zu erfinden. Stattdessen covern die Musiker die Klassiker mit ihren Mitteln und in ihrem Stil. Insgesamt hört man natürlich mehr Slide, Geige oder Mandoline, sodass die Song vom Classic Rock in den Roots Rock übertragen werden.

Newcomer Elvie Shane liefert eine beeindruckende Version von „Sympathy For The Devil“ ab. Weiterhin finden sich eine Handvoll Musiker, die noch nicht in der Interpretenskala von SoS auftauchen. Zu diesen gehört auch Koe Wetzel, der mit „Shine A Light“ das Album beschließt. Zu den weniger bekannten Interpreten zählt The War And Treaty, die zusammen mit den Brothers Osborne die erste Single „It’s Only Rock ’N‘ Roll (But I Like It)“ bestreiten. Vielleicht überrascht die Beteiligung von Elle King („Tumbling Dice“). Ihre ersten Single-Erfolge sind ja nicht unbedingt dem Country zuzuordnen, allerdings zeigt sie mit ihrem aktuellen Longplayer „Come Get Your Wife“ eine beachtenswerte Wendung zum New Country.

Eher zu erwarten war die Mitwirkung von Steve Earle („Angie“). Earle mischt ja gerne bei Tribute-Alben mit, beispielsweise bei denen für Billy Joe Shaver oder Neal Casal. Dabei sind seine Beiträge stets hörenswert. Darüber hinaus finden sich weitere alte Bekannte wie Brooks & Dunn („Honky Tonk Women“) und Eric Church („Gimme Shelter“) für die Zusammenstellung ein.

Da die Qualität der musikalischen Interpretationen durchweg hoch ist, erscheint es unangemessen, einzelne besonders hervorzuheben. Dennoch sei auf die Titel der Zac Brown Band und von Lainey Wilson hingewiesen. Die Version von „Paint It Black“ der Zac Brown Band übertrifft in meinen Ohren das Original. Lainey Wilson gewinnt „You Can’t Always Get What You Want“ eine neue, wunderbar ausgewogene Facette ab.

Eine beachtliche Riege von Country-Musikerinnen und -Musikern nimmt sich den Hits der Rolling Stones aus den sechziger und siebziger Jahren an. Solche Klassiker zu interpretieren, stellt eine Herausforderung dar, die sämtliche Beiträge meistern. Den Musikern gelingen eigenständige Versionen, bei denen der Respekt vor dem Original mitschwingt. Mit genretypischer Instrumentalisierung und erdigem Sound entsteht so eine Hommage, die die Stones-Songs in den Roots Rock transformiert.

Erstklassige Songs und erstklassige Musikerinnen und Musiker – was soll da auf „Stoned Cold Country“ schon schiefgehen? Die Interpreten aus der Country-Szene beweisen, dass sie rocken können. So bleibt das Tribute-Album vielleicht nicht nur eine Retroperspektive und Verneigung vor den Rolling Stones, sondern gibt ihnen einen Impuls, auch zukünftig die Verbindung von Rock und Country zu suchen.

New West Records – Redeye/Bertus (2023)
Stil: New Country / Roots Rock 

Tracks:
01. (I Can’t Get No) Satisfaction – Ashley McBryde
02. Honky Tonk Women – Brooks & Dunn
03. Dead Flowers – Maren Morris
04. It’s Only Rock ’N’ Roll (But I Like It) – Brothers Osborne & The War And Treaty
05. Miss You – Jimmy Allen
06. Tumbling Dice – Elle King
07. Can’t You Hear Me Knocking – Marcus King
08. Wild Horses – Little Big Town
09. Paint It Black – Zac Brown Band
10. You Can’t Get Always What You Want – Lainey Wilson
11. Sympathy For The Devil – Elvie Shane
12. Angie – Steve Earle
13. Gimme Shelter – Eric Church
14. Shine A Light – Koe Wetzel

New West Records
Redeye Worldwide
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Various Artists – Live Forever – A Tribute To Billy Joe Shaver – CD-Review

Review: Michael Segets

2020 verstarb Billy Joe Shaver mit 81 Jahren. Über fünf Dekaden hinweg veröffentlichte er Alben, aber breite Anerkennung fand er erst im Rentenalter. Dabei hatte er bereits in den 1970ern Hits für Waylon Jennings geschrieben und auch andere Größen des Musikbusiness wie Elvis Presley, Bob Dylan, Johnny Cash, Kris Kristofferson oder Emmylou Harris nahmen seine Stücke auf.

Der texanische Songwriter prägte den Outlaw Country und so ist es nur folgerichtig, dass es sich namhafte Künstler auf dem Tribute finden, die diesem Subgenre besonders zugeneigt sind. Shavers Songwriting dient aber auch Musikern anderer Spielrichtungen des Genres immer noch als Inspirationsquelle. „Live Forever“ kann als ehrgeiziges Programm gelten, aber Shaver hat seine Spuren hinterlassen, denen die Musiker auf dem Tribute gerne folgen.

Willie Nelson ist gleich mit zwei Beiträgen vertreten. „Live Forever“, der wohl bekannteste Titel von Shaver, wird von ihm im Duett mit Lucinda Williams gesungen und eröffnet das Album. Später folgt noch das flotte „Georgia On A Fast Train“. Während Nelson zu den Urgesteinen gehört, ist mit Steve Earle ein Outlaw der zweiten Generation vertreten. „Ain’t No God In Mexico“ wird von ihm in seiner unverwechselbaren Art performt.

Rodney Crowell und George Strait sind ebenso renomiert, stammen aber aus einer anderen Ecke des Genre. Crowell steuert die reduziert begleitete Ballade „Old Five And Dimers Like Me“ bei. Strait setzt bei dem traditionsverbundenen „Willy The Wandering Gypsy And Me“ ebenfalls auf eine dezente Instrumentalisierung. Neben den bereits angegrauten Recken findet sich eine Riege von jüngeren, aber ebenfalls etablierten Musikern der Szene ein. Nathaniel Rateliff schunkelt mit dem von Waylon Jennings mitverfassten „You Asked Me To“ gemächlich über die Prairie und Miranda Lambert behauptet beschwingt „I’m Just An Old Chunk Of Coal (But I’m Gonna Be A Diamond Someday)”.

Ausgewogen ist die circa hälftige Verteilung von Sängerinnen und Sängern. Edie Brickell („I Couldn’t Be Me Without You“) sowie Allison Russell („Tramp On Your Street”) spiegeln mit ihren gefühlvollen Interpretationen den balladesken Grundtenor des Samplers wider. In diesen passt sich ebenso „Ragged Old Truck“ von Margo Price und Joshua Hedley ein.

Charlie Sexton, Co-Produzent des Albums, begleitet mehrere Songs mit seinen Künsten an der Gitarre. Jason Isbell übernimmt diesen Part bei seiner Frau Amanda Shires. Shires‘ Version des Klassikers „Honky Tonk Heroes“ zählt zu den schwungvolleren Tracks auf dem Tribute. Getoppt wird er noch von dem rauen und kraftvollen „Ride Me Down Easy“, bei dem sich Ryan Bingham und Nikki Lane richtig ins Zeug legen.

Die Hommage an Billy Joe Shaver ist als Mehrgenerationen-Projekt angelegt. Von Willie Nelson über Steve Earle bis hin zu Nikki Lane reicht die Bandbreite der Vertreter des Outlaw Country, die den Songs von Shaver eine Stimme geben. Die Interpretationen auf dem Sampler „Live Forever“ geben einen umfassenden Eindruck, wie Shavers Songs nachwirken und bis heute Country-Musiker sämtlicher Stilrichtungen inspirieren.

New West Records – Redeye/Bertus (2022)
Stil: Country

Tracks:
01. Live Forever – Willie Nelson feat. Lucinda Williams
02. Ride Me Down Easy – Ryan Bingham feat. Nikki Lane
03. Old Five And Dimers Like Me – Rodney Crowell
04. I’m Just An Old Chunk Of Coal (But I’m Gonna Be A Diamond Someday) – Miranda Lambert
05. I Couldn’t Be Me Without You – Edie Brickell
06. You Asked Me To – Nathaniel Rateliff
07. Willy The Wandering Gypsy And Me – George Strait
08. Honky Tonk Heroes – Amanda Shires feat. Jason Isbell
09. Ain’t No God In Mexico – Steve Earle
10. Ragged Old Truck – Marco Price feat. Joshua Hedley
11. Georgia On A Fast Train – Willie Nelson
12. Tramp On Your Street – Allison Russell

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Redeye Worldwide
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John Fullbright – The Liar – CD-Review

Review: Michael Segets

Wurde bereits bei dem letze Woche erschienenen Comeback von Niki Lane davon gesprochen, dass eine fünfjährige Pause zwischen zwei Alben im Musikgeschäft bereits eine lange Zeit sind, meldet sich nun John Fullbright nach der kleinen Ewigkeit von acht Jahren mit „The Liar“ zurück. Der Singer/Songwriter kann selbst nicht richtig erklären, warum der neue Longplayer so lange auf sich warten ließ. Veränderte Lebensumstände wie der Umzug von dem 130-Seelen-Dorf Bearden nach Tulsa mit seinen über 400.000 Einwohnern, mögen dabei eine Rolle gespielt haben. Ganz untätig in musikalischer Hinsicht war Fullbright jedoch nicht. So steuerte er drei Tracks zu dem Sampler „Back To Paradise. A Tulsa Tribute To Okie Music“ bei.

Letztlich hat es einen äußeren Anstoß gebraucht, damit Fullbright ein weiteres Album aufnimmt. Nach Steve Ripleys (The Tractors) Tod spielte seine Frau Charlene mit dem Gedanken, das gemeinsame Studio zu verkaufen. Bevor das Studio in unbekannte Hände übergeht, trommelte Fullbright eine Reihe von Musikern aus der Szene in Oklahoma zusammen – unter ihnen der ebenfalls auf dem erwähnten Tribute vertretene Jesse Aycock sowie Aaron Boehler, Paul Wilkes, Stephen Lee und Paddy Ryan.

Dieser Umstand förderte dann auch eine neue Art, wie Fullbright bei seiner Musikproduktion operiert. War früher das Verfassen von Songs für ihn wohl ein isolierter und mühsamer Prozess, ging er nun lockerer an die Sache und verließ sich auf die spontane Kreativität im Zusammenspiel mit der Band. „The Liar“ stellt daher das Ergebnis eines kooperativen Vorgehens dar, das Fullbright von seinen selbstgesetzten Zwängen befreite. Neben neuen und bisher unfertigen Stücken bearbeitete er auch älteres Material. So findet sich „Unlocked Doors“ bereits auf „Live At The Blue Door“ (2009).

Gleich zu Beginn steigt das Album mit den beiden Highlights „Barden, 1645“ und der Single „Paranoid Heart“ ein. Die Presse-Infos rücken den letztgenannten Song in die Nähe von Tom Petty. Ich höre eher Parallelen zu Jason Isbell. Wenn schon Referenzpunkte angeführt werden, dann sei erwähnt, dass „Social Skills“ von der Struktur an den frühen Steve Earle erinnert. Der Titel hebt sich von dem balladesken Grundton des Werks etwas ab.

Das Album umfasst hauptsächlich langsame Stücke. Auf „Stars“ begleitet sich Fullbright lediglich selbst am Klavier. Bei „Safe To Say“ dominiert die Orgel, bevor die Band dezent einsteigt. Der abschließende Rausschmeißer „Gasoline“ gibt seinen Mitstreitern allerdings mehr Raum. Eine eigene Dynamik erhalten die Songs oftmals durch Fullbrights Gesang, sodass keine Langeweile aufkommt. Variationen bringt er zudem dadurch in sein Werk, dass er sich gelegentlich am Country („Where We Belong“, „Blameless“) oder am Blues („The Liar“, „Poster Child“) orientiert.

Nach langer Wartezeit erscheint mit „The Liar“ ein Lebenszeichen von John Fullbright, auf dem der Songwriter mit einer Band im Rücken unverkrampft aufspielt. Im Zentrum steht aber weiterhin Fullbright an seinem Klavier. Die überwiegend ruhigen Tracks, zum Teil ausdrucksstark gesungen, eignen sich dabei sowohl zum konzentrierten Zuhören als auch zur Untermalung eines entspannten Abends.

Blue Dirt Records – Thirty Tigers (2022)
Stil: Americana

Tracks:
01. Bearden, 1645
02. Paranoid Heart
03. Stars
04. The Liar
05. Unlocked Doors
06. Where We Belong
07. Social Skills
08. Lucky
09. Blameless
10. Poster Child
11. Safe To Say
12. Gasoline

John Fullbright
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Todd Snider – Live: Return Of The Storyteller – CD-Review

Review: Michael Segets

Wie vieles, was Todd Snider so produziert, hat der Titel „Return Of The Storyteller“ eine gewisse Doppelbödigkeit. Zum einen ist er eine Referenz an Sniders früheres Live-Album „The Storyteller“ (2011), zum anderen spielt er auf die Zeit nach der Hochphase der Pandemie an, in der nun wieder Konzerte möglich sind. In Sniders One-Man-Show blitzt immer wieder sein Sinn für Humor auf. Schon der erste Blick auf die Tracklist, die mit „Big Finish“ beginnt und mit „Opening Statement“ endet, offenbart seine teils skurrilen Gedankengänge.

Vierzehn weitere Songs umfasst der Zusammenschnitt mehrerer Auftritte aus der jüngeren Zeit, angereichert durch zahlreiche Zwischenbemerkungen und Anekdoten. Snider präsentiert sich dabei tatsächlich als Storyteller. Da die längeren erzählenden Passagen auf der CD einzeln gesplittet sind, können diese leicht weggelassen werden, wenn man sich bei mehrmaligen Hören auf die Musik konzentrieren möchte.

Die Auswahl der Stücke umfasst die gesamte Schaffensperiode von Snider. Angefangen bei „Alright Guy“ von seinem Debüt aus dem Jahr 1994, bis hin zu Titeln seiner beiden letzten Longplayer „Cash Cabin Sessions, Vol. 3“ (2019) und „First Agnostic Church Of Hope and Wonder“ (2021). Meine Favoriten dieser Alben finden sich auch auf der aktuellen Live-Scheibe wieder: „Like A Force Of Nature“, das im Studio mit Jason Isbell im Duett gesungen wurde, und „Handsome John“, mit dem Snider John Prine ehrt.

Sniders Inspirationsquellen sind vielfältig. Wer hätte gedacht, dass der ehemalige republikanische Vorsitzende der US-Notenbank Alan Greenspan den Anstoß für „In Between Jobs“ gab? Snider erinnert darüber hinaus an mehrere verstorbene Songwriter. Auch wenn sich keine Werke von John Prine, Jerry Jeff Walker, Neal Casal, Johnny Cash oder Colonel Bruce Hampton in der Interpretenskala von SoS finden, so sind sie dort doch präsent. Man denke an das Tribute „Highway Butterfly: The Songs Of Neal Casal“, auf dem auch Snider mitwirkte, oder an „Jerry Jeff“ von Steve Earle. Die Geschichten, die Snider zum Besten gibt, sind kurzweilig und amüsant. Insgesamt nehmen sie allerdings viel Raum ein.

Die Songs werden durch die Ausführungen von Snider in ein nicht gekanntes Licht gerückt. Zudem verändert sich die Wirkung der nun mit Gitarre und Mundharmonika interpretiert Stücke. Von seiner letzten CD, die mit ihrem funkigen Einschlag nicht so recht überzeugte, sind „Sail On, My Friend“ sowie „Turn Me Loose (I’ll Never Be The Same)” entnommen. Vor allem der letztgenannte Titel gewinnt in seiner akustischen Live-Version. Einen repräsentativen Eindruck von Sniders Performance vermittelt die erste Single „Just Like Old Times“, die im Original von „The Devil You Know” (2006) stammt. Weitere Anspieltipps sind „Play A Train Song” und „Too Soon To Tell”.

Bei Tood Sniders „Live: The Return Of The Storyteller” ist der Titel Programm. In Singer/Songwriter-Manier zieht Snider einen akustischen Querschnitt durch sein fast dreißigjähriges musikalisches Schaffen. An seinen Erinnerungen und Erlebnissen dieser Zeit lässt er in teils ausführlichen und amüsanten Anekdoten die Hörer teilhaben, sodass die Musik fast schon in den Hintergrund tritt.

Label: Aimless Records – Thirty Tigers/Membran (2022)
Stil: Singer/Songwriter

Tracks:
01. Big Finish
02. [Col. Bruce Hampton Ret.]
03. Turn Me Loose (I’ll Never Be The Same)
04. [East Nashville]
05. Play a Train Song
06. [Old Man Shakes Fist at Sky]
07. Too Soon to Tell
08. Like a Force of Nature
09. [John Prine]
10. Handsome John
11. [Hard Luck Love Song]
12. Just Like Old Times
13. [Speakneck Speedball]
14. Roman Candles
15. The Very Last Time
16. Sail on, My Friend
17. [Being Outdoors]
18. Ballad of the Devil’s Backbone Tavern
19. Alright Guy
20. [Free Bird]
21. [Sock Water]
22. Just Like Overnight
23. [Alan Greenspan]
24. In Between Jobs
25. [Where Will I Go]
26. Working on a Song
27. Opening Statement

Todd Snider
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Ian Noe – River Fools & Mountain Saints – CD-Review

Review: Michael Segets

„Letter To Madeline“ von Ian Noes Debütalbum „Between The Country“ (2019) tönt regelmäßig durch meine Lautsprecher. Nun präsentiert der Songwriter ein Duzend neuer Stücke, die über die letzten zwei Jahre verstreut entstanden und aufgenommen wurden. „River Fools & Mountain Saints“ festigt seinen Ruf als aufstrebender Songwriter.

Mit der lyrischen Qualität seiner Texte nimmt Noe einen Spitzenplatz unter den Storytellern seiner Generation ein. Wie der Titel schon nahelegt, spielt er mit Dualismen und entwirft damit stimmige und stimmungsvolle Charakterzeichnungen seiner Protagonisten. Narren und Heilige und alle dazwischen vom Kriegsveteranen bis zur Dealerin bevölkern seine Texte.

Inspiration holt er sich dabei von den Menschen des ländlichen Kentucky sowie von der bergigen Landschaft seiner Heimat. Naturgewalten, Isolation und Einsamkeit – nicht zuletzt wegen der Pandemie – zählen daher zu seinen Themen. Noe selbst bezeichnet sein Albums als romantisch, da es bei ihm um Befreiung geht. Allerdings muss man schon sehr genau auf die Lyrics achten, um optimistische Zwischentöne wahrzunehmen. Die meisten Songs wirken eher getragen. Stilistisch changieren sie zwischen Folk und Outlaw-Country, also irgendwo zwischen Bob Dylan und Steve Earle.

Das Album steigt mit der ersten Single „Pine Grove (Madhouse)“ ein. Der eingängige Track zählt zu den opulenter instrumentalisierten Stücken des Longplayers. Die zweite Auskopplung „River Fool“ ist typischer für den Teil seiner Songs, der einen Country-Einschlag aufweist. Wie bei „Strip Job Blues 1984“ ist eine Geige präsent, bei „Lonesome As It Gets“ eine Pedal Steel. Dies sind allesamt gute Nummern, die aber im Verlauf der CD noch getoppt werden.

Ein Song, der mich direkt überzeugt, ist „Tom Barrett“. Obwohl er unaufgeregt und gleichmäßig erscheint, entwickelt er eine dichte Atmosphäre. Dies schafft er durch die Orgel im Hintergrund und das gedämpfte Schlagzeug. „Ballard Of A Retired Man“ ist noch eine Spur ruhiger. Mit seinen starken sprachlichen Bildern lässt er einen in einer wehmütigen Stimmung zurück. „Appalachia Haze“ und „One More Night“ legt Noe ebenfalls akustisch und fast minimalistisch an. Beim letztgenannten Song überrascht der Einsatz eines Waldhorns. Noe gelingt mit ihm erneut eine wunderbar gefühlvolle Ballade.

Die elektrische Gitarre wird dann bei „POW Blues“ und dem besonders starken „Burning Down The Prairie“ ausgepackt, die zwischen Country Rock und Outlaw Country liegen. Mit den beiden Songs zeigt sich Noe nochmal von einer neuen Seite, die dem Gesamtwerk zugutekommt. Abwechslung in die Begleitung bringt zudem das Klavier bei „Mountain Saint“. Derry DeBorja (Jason Isbell And The 400 Unit ) konnte Noe für die Keyboards gewinnen. Bemerkenswert sind zudem die unterschiedlichen Klangfarben, die das Schlagzeug im Verlauf des Longplayers erzeugt.

Den Abschluss der CD bildet das Medley „Road May Flood/It’s A Heartache“. Der Hit von Bonnie Tyler hat nichts mehr von seinem Bombast, allerdings unterlegt Noe den Song passagenweise mit orchestralen Streichern. Diese bleiben aber unaufdringlich, was zeigt, dass Noe die Kunst beherrscht, seine Songs zwar instrumental auszubauen, aber nicht zu überladen.

Mit „River Fools & Mountain Saints” etabliert sich Ian Noe als hervorragender Songwriter. Das Hinhören auf die Texte und die musikalischen Nuancen lohnt sich. Die ruhigen Songs entwickeln eine atmosphärische Tiefe, in die man sich gerne hineinziehen lässt. Die rockigen und countryfizierten Titel bieten dazu einen gelungenen Ausgleich, damit Depressionen nicht aufkommen.

Lock 13 Records/Thirty Tigers – Membran (2022)
Stil: Folk, Country

Tracks:
01. Pine Grove (Madhouse)
02. River Fool
03. Lonesome As It Gets
04. Strip Job Blues 1984
05. Tom Barrett
06. Ballard Of A Retired Man
07. Mountain Saint
08. One More Night
09. POW Blues
10. Burning Down The Prairie
11. Appalachia Haze
12. Road May Flood/It’s A Heartache

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Hayes Carll – You Get It All – CD-Review

Review: Michael Segets

Der mehrfach ausgezeichnete Hayes Carll bringt nach zwei Jahren den Nachfolger zu „What It Is“ heraus. „You Get It All“ knüpft nahtlos an seine vorherige Scheibe an. Sie bietet wieder feine Songs mit sensiblen Texten, die mehrmals mit einer Prise scharfzüngigem Humor gewürzt sind. Insgesamt gelingt Carll ein Album, das das hohe Niveau noch konstanter als der Vorgänger hält. Einen Vergleich mit Musikern wie John Prine, Hank Williams, Jr. oder Randy Travis braucht er nicht zu scheuen.

Carll sieht seine musikalischen Wurzeln im Country, was am Anfang der CD augenfällig wird. Der zusammen mit den Brothers Osborne geschriebene Opener „Nice Things“, der Titeltrack mit besonders eingängigem Refrain oder auch das klassisch anmutende „Any Other Way“ zeigen, dass er die Spielregeln des Genres beherrscht. Er performt die Stücke erdig, gradlinig und locker heraus. Vor allem in der ersten Hälfte des Longplayers kommen Geige und dezenter Slide zum Einsatz. Dabei trifft Carll genau das richtige Maß.

Im hinteren Abschnitt des Albums setzt der Texaner dann verstärkt auf die Begleitung durch das Klavier („If It Was Up To Me“), teilweise ergänzt durch eine Orgel („The Way I Love You“), oder arrangiert einzelne Tracks etwas opulenter („Leave It All Behind“). Insgesamt dominieren die Balladen auf dem Werk. Textlich bewegend ist „Help Me Remember“. Aus der Perspektive eines an Demenz leidenden Mannes schildert er dessen Ängste und seinen Kampf um Identitätswahrung. Musikalisch bringt das Duett mit Brandy Clark, die „In The Mean Time“ mitkomponierte, Abwechslung.

„To Keep From Being Found“ überrascht durch seinen rockigen Einschlag. Der Country-Rocker im Geist der 80er mit Bar-Piano und flotter elektrischer Gitarre unterbricht die eher getragene Stimmung der Balladen. Eine expressive E-Gitarre hört man auf dem bluesigen „Different Boats“. Zu den Highlights des Albums zählt sicherlich der Outlaw-Country „She’ll Come Back To Me“. Nach der atmosphärischen Einstimmung durch eine akustische Gitarre setzt ein stampfender Rhythmus ein, der ins Blut geht. Die Geigen-Passage erinnert leicht an den Soundtrack von Gangstagrass zu der Fernsehserie „Justified“.

Bei manchen Songs können Ähnlichkeiten hinsichtlich des Songwriting-Stils mit Steve Earle ausgemacht werden. Der Vergleich mag vielleicht auf wenig Gegenliebe bei Carll stoßen, da seine Ehefrau Allison Moorer, die die CD co-produzierte und auch bei „If It Was Up To Me“ beteiligt war, dessen ehemalige Partnerin war. Aber der Hardcore-Troubadour ist ja musikalisch keine schlechte Referenz.

Mit „You Get It All“ lässt Hayes Carll dem vorangegangenen „What It Is” ein mindestens ebenbürtiges Werk folgen. Zwischen Country und Americana spielt Carll seine Stärken aus, die in seinem Songwriting sowie in den pointierten Texten liegen. Die Melodien scheinen ihm mühelos von der Hand zu gehen. Die Titel wirken selbst bei schweren Themen unverkrampft und unverstellt.

Dualtone Records (2021)
Stil: Americana, Country

Tracks:
01. Nice Things
02. You Get It All
03. Help Me Remember
04. Any Other Way
05. Different Boats
06. In The Mean Time
07. She’ll Come Back To Me
08. To Keep From Being Found
09. Leave It All Behind
10. The Way I Love You
11. If It Was Up To Me

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Taylor McCall – Black Powder Soul – CD-Review

Review: Michael Segets

Das Cover von Taylor McCalls „Black Powder Soul” mit dem untoten Gunslinger hat mich direkt angesprochen. In einem Interview sagt McCall, dass der Mann auf dem Titelbild sein Inneres visualisiert – jemanden, der seinen Dämonen entgegentritt. Zu erwarten wäre bei der Aufmachung und dem Titel eine Scheibe, die sich einen Schritt neben den üblichen Konventionen des Countrygenres bewegt. Auf seinem Debütalbum zeigt sich McCall musikalisch von mehreren Seiten, wobei der Country entgegen der Vorannahme eine untergeordnete Rolle spielt.

Zum einen bewegen sich seine Songs in Singer/Songwriter-Bahnen. Wie auf „Man Out Of Time“ reicht auch auf „White Wine“ eine reduzierte Begleitung aus, um eine leicht wehmütige Stimmung zu erzeugen. McCalls schön angeraute Stimme kommt bei dem erdigen „So Damn Lucky“ besonders zur Geltung. Dieses Highlight unter den ruhigen Stücken punktet mit einer Mundharmonika-Passage. Eine Orgel untermalt das melodiöse „Wide Open“. Hier mischt sich ein bisschen Country mit hinein. Bereits „Red Handed“ weicht mit seiner expressiven Instrumentaleinlage vom typischen Singer/Songwriter-Stil ab. Erneut überzeugen Stimme und Gesang von McCall.

Die zweite Gruppe von voller instrumentierten Songs ist aggressiver und meist am Rock angelehnt. Beim dunklen Titelstück setzt nach dem Gitarrenintro zuerst der Gesang, dann Percussion und Schlagzeug ein, was eine gelungene Spannungskurve erzeugt. Vor dem stampfenden Rhythmus liegt die mit etwas Hall versehene Stimme von McCall. Der Song gipfelt in einem krachenden Gitarrenpart, der zwar nicht als filigran zu bezeichnen ist, sich aber prima in das Stück einpasst. „Hells Half Acre“ wartet ebenfalls mit härteren Riffs auf, die in einen Call-And-Response-Modus mit dem Gesang treten.

Neben den beiden Stücken gehört das mit gospelmäßigem Chor begleitete „Surrender Blues“ zu den Highlights der CD. Zu diesen ist das – vor allem im Refrain – an Steve Earle erinnernde „Highway Will“ ebenfalls zu zählen. Mit den Lyric-Videos zu „Highway Will“ und „So Damn Lucky“ pickt McCall zwei starke Stücke heraus.

Wurden bislang die Titel, die in der Singer/Songwriter-Tradition stehen, von denen mit breiterer Band im Rücken unterschieden, treten bei den letztgenannten weitere Facetten zutage. „Crooked Lanes“ spiegelt mit seinem fast hecktischen Rhythmus, der von einem trockenen Schlagzeug und Percussion getrieben wird, eine rockige Seite wider, bei „South Of Broadway“ machen sich Einflüsse des Blues bemerkbar. Diese treten im neunminütigen „Lucifer“ noch deutlicher hervor. Das Gesamtwerk entzieht sich so eindeutigen Genrezuordnungen.

Der in South Carolina aufgewachsene McCall brachte sich autodidaktisch das Gitarrenspiel bei, nachdem er mit sieben Jahren sein erstes, von seinem Vater gebaute Instrument bekommen hatte. Der begeisterte Angler machte diese Leidenschaft zwischenzeitlich zum Beruf, bevor er eine Karriere im Musikbusiness anvisierte. Besonders wichtig war es McCall, seinen Großvater auf seinem ersten Longplayer zu ehren. Dieser ist auf dem Gospel „Old Ship Of Zion“ zu hören, der als Prelude und Outro das Album rahmt.

Auf „Black Powder Soul“ von Taylor McCall stehen Americana, Rock und Blues nebeneinander und verschmelzen in einigen Tracks so ineinander, dass ein abwechslungsreiches und originelles Debüt entstanden ist. Die Scheibe hat Tiefe und gewinnt bei jedem Durchlauf weitere Schichten. McCalls Stimme und Songwriting lassen auf weitere Werke hoffen.

Black Powder Soul Music – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Americana/Rock and more

Tracks:
01. Old Ship Of Zion Prelude
02. Black Powder Soul
03. Red Handed
04. White Wine
05. Crooked Lanes
06. Hells Half Acre
07. Man Out Of Time
08. Surrender Blues
09. South Of Broadway
10. Wide Open
11. Highway Will
12. So Damn Lucky
13. Lucifer
14. Old Ship Of Zion Outro

Taylor McCall
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Oktober Promotion

Willie Nile – The Day The Earth Stood Still – CD-Review

Review: Michael Segets

Woher nimmt der 73jährige die Energie, am laufenden Band Alben herauszubringen, auf denen er wie ein Jungspund rockt? Mit „The Day The Earth Stood Still“ veröffentlicht Willie Nile den vierten Longplayer in den letzten fünf Jahren. Seit seinem Debüt im Jahr 1980 stehen jetzt zwanzig Tonträger im Katalog, wenn die Live-CDs und seine EP mitgezählt werden. Dabei kam es nach dem zweiten Album zu Rechtsstreitigkeiten, die seine musikalische Karriere erst einmal ausbremsten. Nach zehnjähriger Abstinenz meldete sich Nile erst Anfang 1990er zurück. Mit „Streets Of New York“ startete er dann 2006 richtig durch. Seitdem scheint seine Produktivität keine Grenzen mehr zu kennen.

Nach „New York At Night“ (2020), einem Stimmungsbild seiner Wahlheimat, wendet sich Nile nun in seiner scharfzüngigen Art wieder politischen und sozialkritischen Themen zu. Er knüpft damit an „Children Of Paradise“ (2018) an, was sich auch im Stil der Covergestaltung zeigt.

Willie Nile macht auf „The Day The Earth Stood Still” wieder sein Ding. „Where There’s A Willie, There’s A Way” ist daher das Programm der CD. Der Song weist Anleihen bei The Clash auf und sollte dementsprechend laut gehört werden. „Off My Medication” lässt es ebenso richtig krachen. Wofür die Jugend Aufputschmittel braucht, erreicht man im Alter wohl bereits, wenn die Medikamente weggelassen werden. „Sanctuary“ rockt hingegen in melodiöseren Bahnen. Bei „Expect Change“ und „Time To Be Great” setzt Nile die eingeschlagene Richtung fort. Ein Schelm, wer die Titel als Abgesang auf die Ära Trump sieht.

„The Justice Bell For John Lewis” würdigt den im letzten Jahr verstorbenen, afro-amerikanischen Bürgerrechtler und Kongressabgeordneten der Demokraten. Anfänglich auf Klavierbegleitung reduziert entwickelt der Song später hymnische Züge. Neben den zeitgeschichtlichen Bezügen greift Nile aber auch die Liebesthematik auf, die wohl zeitlos ist. Dies tut er beim Midtempo-Stück „Way Of The Heart“ sowie beim über weite Passagen akustisch gehaltenen „I Will Stand“. „I Don’t Remember You“ hat vor allem im Einstieg einen Country-Einschlag. Die harmlos wirkende Melodie versieht Nile mit einem wunderbar bissigen Text.

Auf dem Longplayer sind also wieder einige äußerst gelungene Willie-Nile-Werke zu hören. Zu meinen Favoriten zählen der Titelsong, der zu den besten gehört, die sich auf seinen letzten Werken finden, sowie „Blood On Your Hands“, das durch die Beteiligung von Steve Earle zusätzlichen Reiz gewinnt.

Willie Nile liefert in schneller Folge hochwertige Alben ab. „The Day The Earth Stood Still” reiht sich ohne Qualitätsverlust in seine Veröffentlichungen der letzten Jahre ein. Nile spielt mit leichten Modifikationen seines Sounds, wobei dessen Wiedererkennungswert erhalten bleibt. Insgesamt gelingt ihm so eine abwechslungsreiche Scheibe, auf der die kräftig rockenden Songs den Gesamteindruck prägen.

River House Records/Indigo (2021)
Stil: Rock

Tracks:
01. The Day The Earth Stood Still
02. Sanctuary
03. Where There’s A Willie, There’s A Way
04. Blood On Your Hands
05. The Justice Bell For John Lewis
06. Expect Change
07. I Don’t Remember You
08. Off My Medication
09. I Will Stand
10. Time To Be Great
11. Way Of The Heart

Willie Nile
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