Micky & The Motorcars – Long Time Comin’ – CD-Review

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Review: Michael Segets

Für „Long Time Comin‘“ haben sich Micky & The Motorcars fünf Jahre Zeit gelassen. Nach Einschätzung von Gary Braun, dem älteren Bruder von Frontmann Micky, ist das Album besonders gelungen und er hofft, dass man sich die Zeit nimmt, es ganz durchzuhören. Ich habe mir die Zeit genommen und es mehrfach durchlaufen lassen. Gary hat Recht: Die Scheibe ist richtig gut geworden.

„Long Time Comin‘“ klingt ganz nach Micky & The Motorcars, ist aber einen Tick interessanter als das vorangegangene Studioalbum „Hearts From Above“ (2014). Dies mag auch daran liegen, dass sich Gary Braun stärker am Songwriting beteiligte und auch häufiger die Lead Vocals übernimmt. Hat er bislang nur gelegentlich diese Aufgaben erfüllt und sich stattdessen hauptsächlich auf das Gitarrenspiel konzentriert, sind die Anteile zwischen den Brüdern nun ausgeglichen.

Auch bei der Bandbesetzung gab es eine Veränderung. Während Joe Fladger (Bass) und Bobby Paugh (Schlagzeug) weiterhin mit von der Partie sind, ersetzt Pablo Trujillo Dustin Schafer an der Gitarre. Darüber hinaus rekrutierte Produzent Keith Gattis für das Projekt einige Studiomusiker, mit denen er schon lange zusammenarbeitet.

In typischer Micky & The Motorcars-Manier eröffnet „Road To You“ den Longplayer rockig im oberen Midtempo. Danach folgt ein erstes Highlight. Das lockere „Rodeo Girl“, das Micky und Gary gemeinsam schrieben, überzeugt auf ganzer Linie mit trockenem Schlagzeug, eingängigem Refrain und kurzen Gitarrensoli. Einen ausgeprägten Rhythmus und coolen Refrain weist auch „Stranger Tonight“ auf. Das Stück mit herrlich knarziger Gitarrenpassage entwickelt allerdings eine etwas düsterere Atmosphäre und trifft damit genau meinen Geschmack.

Einen außergewöhnlichen Titel stellt „Lions Of Kandahar“ dar. Er entführt inhaltlich und klanglich in den Nahen Osten. Bei dem Anti-Kriegs-Song drängt sich ein Vergleich mit dem Altmeister Steve Earle nahezu auf. Aus der Ich-Perspektive wird der Abschied eines Soldaten von der Familie und die Ankunft in Afghanistan geschildert. Anders als zuletzt bei „The Tillman Song“ von Leslie Stevens diente jedoch keine konkrete Person als Vorlage.

Die langsameren Stücke sind durchweg stimmungsvoll. „Run Into You“ und „All Looks The Same“ begleitet eine Mundharmonika – beim ersten eher dezent, beim zweiten steht sie stärker im Vordergrund. „Hold This Town Together“ ist eine gefühlvolle, Slide-unterlegte Heartland-Ballade, die im Andenken an den verstorbenen Freund und ersten Bassisten der Band Mark McCoy verfasst wurde.

Insgesamt herrscht ein gemäßigt rockender Ton auf dem Longplayer vor, der mal entspannter („Alone Again Tonight“), mal treibender („Break My Heart“) ist. Bei „Thank My Mother’s God“ und „Long Time Comin‘“, das mit Klavierakkorden eine weitere Soundnuance einbringt, mischen sich Country-Elemente in den Roots Rock von Micky & The Motorcars.

Die Band hat schon seit ihrer ersten Veröffentlichung im Jahr 2003 gute Musik gemacht. Dabei gelangen ihnen zwar einige einprägsame Titel, oftmals war der direkte Wiedererkennungswert oder die Unterscheidbarkeit der einzelnen Songs aber weniger gegeben. Auf ihrer neuen Scheibe präsentieren sich Micky & The Motorcars deutlich variabler und die Einzelbeiträge gewinnen mehr Konturen. In Sachen Songwriting kann daher ein deutlicher Sprung nach vorne verzeichnet werden.

Nicht nur musikalisch, auch textlich hat die Band zugelegt. Das Spannungsfeld von Vertrautheit und Geborgenheit auf der einen Seite sowie die Sehnsucht nach neuen Erfahrungen und der Schmerz über erlittene Verletzungen auf der anderen Seite fangen die Verse poetisch ein.

Mit „Long Time Comin‘“ melden sich Micky & The Motorcars eindrucksvoll zurück. Gereift und souverän beweist die Band um Micky und Gary Braun, dass sie eine Institution in Sachen Roots Rock ist. Durch dieses Album treten sie endgültig aus dem Schatten von Reckless Kelly, der Band ihrer Brüder Cody und Willy.

Thirty Tigers (2019)
Stil: Roots Rock/

Tracks:
01. Road To You
02. Rodeo Girl
03. Alone Again Tonight
04. Lions Of Kandahar
05. All Looks The Same
06. Thank My Mothers’s God
07. Break My Heart
08. Run Into You
09. Stranger Tonight
10. Hold This Town Together
11. Long Time Comin’

Micky & The Motorcars
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Allison Moorer – Blood – CD-Review

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Review: Michael Segets

Mit „Blood“ legt Allison Moorer jetzt ihr zehntes Studio-Album vor. Ursprünglich aus der Country-Ecke kommend erhielt sie für ihren Beitrag zum Film-Soundtrack „Der Pferdeflüsterer“ eine Oscar-Nominierung. Bekannt dürfte Moorer vor allem auch durch ihre Kooperationen mit Kid Rock und Steve Earle – mit dem sie einen Sohn hat – sein. Vor zwei Jahren brachte sie „Not Dark Yet“ zusammen mit ihrer älteren Schwester Shelby Lynne heraus. Moorer co-produzierte den Longplayer „What It Is“ von Hayes Carll, den sie vor kurzem heiratete.

Musikalisch und privat führte Allison Moorer ein bewegtes Leben. Dieses verarbeitet sie in ihrem Buch „Blood“, das nahezu zeitgleich mit dem Album erscheint. Prägend war das traumatische Ereignis ihrer Kindheit, als sie und ihre Schwester miterlebten, wie ihr Vater zuerst ihre Mutter und dann sich selbst erschoss.

Als Moorer fühlte, dass sie ihre Erinnerungen und Fragen nicht nur in epischer, sondern auch in lyrischer beziehungsweise musikalischer Form ausdrücken musste, entstanden die meisten Songs parallel zu ihrem Buch. Bis auf „I’m The One To Blame“, das von Shelby Lynne und Franklin Moorer geschrieben wurde, stammen alle Stücke aus der Feder von Allison Moorer. „Cold Cold Earth“ erschien allerdings bereits als Hidden-Track auf ihrem zweiten Album „The Hardest Part“ (2000).

„Blood“ ist insgesamt ein ruhiger Longplayer. Wie bei dem wunderbar sanften Titelstück steht bei der Begleitung meist die akustische Gitarre im Zentrum. Manchmal kommen dezente Streicher zum Einsatz („Set My Soul Free“), bei „Nightlight“ eine melodiöse Trompete. Etwas voller instrumentiert sind „Bad Weather“ und „The Ties That Bind“.

„All I Wanted (Thanks Anyway)“ erhält mit kräftigem Schlagzeug eine rockige Note. Beim kratzigen „The Rock And The Hill“ dreht Moorer richtig auf. Der Roots-Rocker mit eingängigem Refrain setzt einen starken Kontrapunkt zu den Balladen. Nach jeweils drei langsameren Songs sind die beiden Tracks zudem geschickt auf dem Album angeordnet.

Zum Abschluss setzt sich Moorer ans Klavier und begleitet sich bei „Heal“ sehr stimmungsvoll. Diese Instrumentalisierung bringt nochmal Abwechslung, wobei sich der von Mary Gauthier coverfasste Titel nahtlos in die Atmosphäre des Longplayers einfügt.

Auf dem autobiographischen „Blood“ gibt Allison Moorer Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. In zumeist ruhigen Tönen erzählt sie ihre Geschichten, denen man gerne lauscht. Beim ersten Hören wirken die sorgfältig arrangierten Songs zunächst puristischer als sie sind. Eher als Folkalbum konzipiert überrascht es zudem durch zwei rockige Titel, von denen „The Rock And The Hill“ für Southern-Freunde besonders interessant ist.

Autotelic Records/Thirty Tigers (2019)
Stil: Folk, Americana

Tracks:
01. Bad Weather
02. Cold Cold Earth
03. Nightlight
04. The Rock And The Hill
05. I’m The One To Blame
06. Set My Soul Free
07. The Ties That Bind
08. All I Wanted (Thanks Anyway)
09. Blood
10. Heal

Allison Moorer
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Chris Knight – Almost Daylight – CD-Review

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Review: Michael Segets

„Enough Rope“ (2006) war das erste Album, das ich von Chris Knight in Händen hielt. Darauf finden sich „Jack Blue“ und „Dirt“ – zwei Songs, die seitdem auf meiner All-Time-Playlist weit oben rangieren. Mit Spannung erwartete ich daher „Almost Daylight“, für das sich Chris Knight sieben Jahre Zeit lies. Das Warten hat sich gelohnt. Chris Knight beweist erneut, dass er mit Recht zu den renommiertesten Songwritern Amerikas gehört.

Hinsichtlich der Texte steht der Mann aus Slaughters, einem 250-Seelen-Dorf in Kentucky, in der Heartland-Linie eines Bruce Springsteens oder John Mellencamps. Die Lyrics kreisen oft um einfache Leute, die sich aufgrund der widrigen Umstände auf der Verliererseite des Lebens wiederfinden.

Dabei schlägt Knight durchaus sozialkritische Töne an, wenn er beispielsweise das Vorgehen von Konzernen anprangert, die ohne Rücksicht auf Menschen und Umwelt ihren Profit maximieren. Da spricht er anscheinend aus Erfahrung: Als studierter Agrarwissenschaftler hatte er beruflich mit den Auswirkungen des Bergbaus zu tun, bevor er mit bereits 38 Jahren sein erstes Album veröffentlichte.

Musikalisch steht er Mellencamp – oder auch Steve Earle – etwas näher als Springsteen. Die Songstrukturen und die Grundtempi folgen meist eher dem Folk, die oftmals volle Instrumentalisierung mit kräftigem Schlagzeug und E-Gitarren sowie eingängige Refrains weisen aber in Richtung Rock. Mit „Almost Daylight“ bewegt sich Knight somit in den Regionen seiner bisherigen Veröffentlichungen. In der Gesamtschau gelingt ihm allerdings ein Album, das zu den besten seiner Karriere zählt.

Ein gelungener Titel reiht sich an den nächsten. Getragen werden die Songs von Knights angerauter Stimme, in der stets ein Hauch von Leid und Gebrochenheit mitschwingt. Dabei versprüht sie aber so viel trotzige Kraft, dass kein Stück in die Gefahr gerät, depressiv oder gar schmalzig zu klingen.

Obwohl der Longplayer durchweg eine hohe Qualität hat, sticht „The Damn Truth“ hervor. Dass uns Lügen und fake news täglich entgegenschlagen, prangert Knight – verpackt in einen lyrischen Text mit erstklassigem Refrain – bei diesem Song an.

Knights Stimme wird durch die erdige Begleitung optimal unterstützt. Gelegentlich ist eine Mundharmonika zu hören, wie auf dem Titeltrack oder „I Won’t Look Back“, die meisten Songs erhalten aber durch die elektrische Gitarre und das akzentuierte, trockene Schlagzeug ihr Prägung.

Sehr schöne Riffs finden sich auf dem Opener „I’m William Callahan“, noch eindrucksvoller kommen die Gitarrenparts bei „Crooked Mile“, „Trouble Up Ahead“ und „Everybody’s Lonely Now“ zur Geltung. Dan Baird (The Georgia Satellites, The Yayhoos) steuert kongenial die Gitarren bei. Darüber hinaus war er auch beim Songwriting des zuletzt genannten Stücks sowie bei „Go On“, dem textlich optimistischsten Beitrag auf der CD, beteiligt.

Weitere Unterstützung holte sich Knight bei Lee Ann Womack, die ihn am Mikro auf „Send It On Down“ begleitet, wodurch sich die Soundvarianz auf dem Longplayer erhöht. Zusammen mit John Prine performt Knight dessen „Mexican Home“. Mit „Flesh And Bone“ von Johnny Cash covert Knight einen weiteren Titel. Alle anderen hat Knight (mit-)geschrieben.

Als Produzenten konnte Knight wieder Ray Kennedy gewinnen, der zusammen mit Steve Earle als The Twangtrust viele Alben des Hardcore Troubadours herausbrachte. Steve Earle und John Prine nennt Knight zwar als prägende Inspirationsquellen seiner Musik, er braucht sich aber längst nicht mehr hinter den Altmeistern zu verstecken.

Ich habe in den letzten Monaten einige gute Alben gehört und besprochen – „Almost Daylight“ übertrifft sie. Chris Knights Comeback stellt einen heißen Anwärter auf die Scheibe des Jahres dar. That’s the damn truth.

Drifters Church Productions/Thirty Tigers (2019)
Stil: Folk Rock

Tracks:
01. I’m William Callahan
02. Crooked Mile
03. I Won’t Look Back
04. Go On
05. The Damn Truth
06. Send It On Down
07. Almost Daylight
08. Trouble Up Ahead
09. Everybody’s Lonely Now
10. Flash And Bone
11. Mexican Home

Chris Knight
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Oktober Promotion

Garry Tallent – More Like Me – CD-Review

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Review: Michael Segets

Garry Tallent hat als Gründungsmitglied der E Street Band längst einen festen Platz in der Musikgeschichte. Schon vorher begleitete er als Bassist Bruce Springsteen. Sein musikalisches Schaffen auf die Rolle als beständiger – eher unauffälliger – Sidekick vom Boss zu beschränken, wäre aber nicht angemessen. Tallent arbeitete nämlich auch mit anderen Weltstars zusammen wie Sting oder Ian Hunter.

Ebenso spielte er mit Musikgrößen, die der Sound-Of-South-Fangemeinde vielleicht näher stehen: Steve Earle, Emmylou Harris, Buddy Miller und Jim Lauderdale sind einige von ihnen. Für Julian Dawson, Steve Forbert, Duane Jarvis und Greg Trooper produzierte er Alben.

Obwohl nahezu seit einem halben Jahrhundert im Musikgeschäft involviert, stellt „More Like Me“ nach „Break Time“ (2016) erst das zweite Solowerk von Garry Tallent dar. Mit seinem Debüt zeigt sich der Musiker in Interviews nicht hundertprozentig zufrieden, obwohl dafür gar kein Grund besteht. Bereits auf „Break Time“ performt Tallent guten Rock’n Roll. Dahingehend hat sich auch bei „More Like Me“ nichts geändert. Gleichgeblieben ist ebenso seine angenehme, leicht angeraute Stimme.

Neu ist, dass er sich auf der aktuellen CD konsequent konzeptionell an dem Rock’n Roll der sechziger Jahre orientiert. Für diesen schlägt Tallents Herz, was seine riesige Sammlung alter LPs und Singles beweist.

Der Bezugspunkt zu dieser Dekade scheint bereits beim Opener „Above the Rain“ durch, wird aber beim folgenden „If It Ain’t One Thing (It’s Another)“ ganz offensichtlich. Die für diese Zeit typische Begleitung durch Keyboards und Harmoniegesängen findet sich nicht nur hier, sondern auch bei anderen Songs (u. a. „Tell The Truth“, „No Sign of Love“). Auf „Too Long“ wird sie zusätzlich durch hand clapping stilgerecht angereichert.

Vom Songwriting bewegen sich die Titel, die im Schnitt bei circa drei Minuten liegen, ebenso in klassischen Bahnen. Ohne Experimente oder lange Instrumentalphasen rockt Tallent im Wohfühlbereich. Lediglich mit „Oh, No (Another Song)“ streut er eine Ballade mit Akkordeon ein, das im Wechselspiel mit der Gitarre das Stück trägt.

In der zweiten Hälfte des Albums wird der Gitarreneinsatz forciert. Dort finden sich auch die stärksten Stücke. „Sinful“ weist klasse Anleihen am Bluesrock auf. „Dirty Rotten Shame“ und „One Good Reason“ gehen direkt ins Ohr. Höhe- und Abschlusspunkt stellt schließlich der Titeltrack „More Like Me“ dar.

„More Like Me“ macht Lust, mehr von Garry Tallent zu hören. Der Longplayer ist eine runde Sache geworden, auf dem Tallent seine favorisierte Musik aus der Hochzeit des Rock’n Roll feiert. Der fast siebzigjährige Musiker beweist damit erneut, dass er mehr ist als eine Fußnote zu Bruce Springsteen.

An dieser Stelle sei allerdings eine Fußnote angeführt: Viele Dank an Dino Gollnick von Redeye Worldwide, der schnell und unkompliziert die Besprechung ermöglichte!

D’Ville Record Group/Redeye Worldwide (2019)
Stil: Rock

Tracks:
01. Above the Rain
02. If It Ain’t One Thing (It’s Another)
03. Oh, No (Another Song)
04. Tell the Truth
05. Too Long
06. No Sign of Love
07. Sinful
08. Dirty Rotten Shame
09. One Good Reason
10. More Like Me

Garry Tallent
Redeye Worldwide

Lukas Nelson & Promise Of The Real  – Turn Off The News (Build A Garden) – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die alten Country-Legenden geben allmählich den Staffelstab weiter an die nächste Generation. Zu denken wäre da an Waylon und Shooter Jennings, Steve und Justin Townes Earle oder Willie und Lukas Nelson. Die Söhne führen zwar einerseits die Traditionslinien ihrer Väter fort, schlagen aber andererseits ihre eigenen musikalischen Wege ein, sind mittlerweile selbst schon im Musikgeschäft etabliert und haben sich bereits einige Reputation erarbeitet.

Lukas Nelson konnte durch seine Mitwirkung an dem Film „A Star Is Born“ sowie dem dazugehörigen Soundtrack zuletzt einen großen Erfolg verbuchen. Nach der Zusammenarbeit mit Lady Gaga und Bradley Cooper bringt Lukas Nelson mit seiner Band Promise Of The Real nun ein neues Studioalbum „Turn Off The News (Build A Garden)” an den Start, auf dem einige bekannte Gäste mitwirken, so Shooter Jennings, Sheryl Crow, Kesha, Lucius und Neil Young.

Vor allem mit Neil Young arbeiten Lukas Nelson & Promise Of The Real eng zusammen. Sie begleiten das kanadische Rockurgestein auf seinen Touren und spielten mit ihm neben einem Live-Album auch zwei Longplayer im Studio ein. Die enge Verbundenheit zu Young äußert sich zudem im Namen der Band, der einer Textzeile aus dessen Song „Walk On“ entliehen ist.

Lukas Nelson wählt mit der Single „Bad Case” einen rockigen Einstieg in die CD, an den das Titelstück anschließt. „Turn Off The News (Build A Garden)” hat – wie viele seiner Songs – einen einprägsamen Refrain. In manchen Passagen ist es etwas opulent, sodass mir die alternative akustische Version, die sich als Bonus auf dem Silberling findet, noch mehr zusagt. Bei ihr wird umso deutlicher, dass Lukas Nelson ein talentierter Songschreiber ist.

Im Mittelteil des Longplayers finden sich mit „Civilized Hell“, dem ruhigen „Simple Life“ und dem sommerlichen „Lotta Fun“ einige gelungene, sorgfältig arrangierte Titel. Wenn Nelson „Save A Little Heartache” trällert oder den Gesang bei „Mystery“ in die Länge zieht, geht der Gestaltungsdrang allerdings mit ihm durch. Dabei sind auch in diesen Songs gute Ansätze vorhanden, beispielsweise die Gitarrenlicks seines Vaters Willie. Bei „Where Does Love Go” ist zu hören, dass sich Lukas Nelson an der Musik von Roy Orbison orientiert. Er fängt deren leicht schwülstige Atmosphäre treffend ein.

Beim Durchhören des Albums treten bei den im Midtempo gehaltenen Tracks leichte Ermüdungserscheinungen ein. Die Tendenz hier und da einige musikalische Schlenker einzubauen, die zwar technisch gekonnt, letztlich aber austauschbar sind, spülen die Titel manchmal etwas weich. Bestes Beispiel dafür ist „Stars Made Of You”, das – wäre es auf Deutsch gesungen – einen Platz in der Schlagerparade haben könnte.

Gegen Ende der CD landet Nelson allerdings noch einige Treffer. Vor allem der Rocker im Southern-Style „Something Real“ ragt hervor. Aber auch das sich zu einem furiose Finale steigernde „Out In LA“ sowie der Bonus-Track „Consider It Heaven“ wissen zu überzeugen.

Lukas Nelson hätte bei der Produktion von „Turn Off The News (Build A Garden)“ mehr auf die Kraft seines Songwritings vertrauen können. Das Arrangement einiger Stücke nimmt ihnen etwas von der Wirkung, die möglich gewesen wäre. Manche Titel sind in ein ziemlich gefälliges Gewand gekleidet und ragen damit nicht aus dem Mainstream heraus. Die reduzierten Balladen erscheinen weniger glatt und deuten das Potential der Band an, die dort größeres Profil zeigt. Im oberen Tempobereich, wenn Lukas Nelson & Promise Of The Real die Zügel loslassen, liefert die Band feinen Rock ab.

Fantasy Records/Universal Music (2019)
Stil: New Country/Rock

Tracks:
01. Bad Case
02. Turn Off The News (Build A Garden)
03. Where Does Love Go
04. Save A Little Heartache
05. Lotta Fun
06. Civilized Hell
07. Mystery
08. Simple Life
09. Out In LA
10. Something Real
11. Stars Made Of You
12. Turn Off The News (Build A Garden) (Accoustic) (Bonus Track)
13. Consider It Heaven (Bonus Track)

Lukas Nelson
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Fantasy Records
Oktober Promotion

Justin Townes Earle – The Saint Of Lost Causes – CD-Review

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Review: Michael Segets

Mit 37 Jahren längst den Kinderschuhen entwachsen, ist es wohl das Schicksal von Justin Townes Earle immer wieder mit seinem Vater Steve Earle verglichen zu werden. Dies soll hier nicht geschehen, denn die beiden gehen musikalisch schon längst getrennte Wege – auch wenn sie derzeit auf dem gleichen Label veröffentlichen.

Auf seinem neunten Studioalbum „The Saint Of Lost Causes” bleibt Justin Townes Earle seiner favorisierten Musik treu. Bei der einen Hälfte der Songs schlägt das Pendel stärker in Richtung Blues aus, bei der anderen bedient sich Earle der klassischen Zutaten des Americana. Genau auf der Grenze liegt der Titelsong, der den Longplayer eröffnet.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Titel, auf denen sich Earle dem Blues zuwendet: Dezent aber fein instrumentalisiert erzählt „Appalachian Nightmare” von einem Verlierer, der auf die schiefe Bahn gerät. Damit greift Earle ebenso wie bei dem flotten „Ain’t Got No Money“ auf ein gängiges Thema des Genres zurück. Sein eindrucksvolles Storytelling rückt dadurch in den Vordergrund, dass er die instrumentale Begleitung auf den Punkt bringt und keine unnötigen Effekte einbaut.

Gleiches gilt für „Don’t Drink The Water”. Das Stück variiert allerdings das Tempo, indem es in seinem Verlauf mit scheppernden Schlagzeug, Bluesgitarre und Mundharmonika-Sprengseln Fahrt aufnimmt. Auf das Schlagzeug verzichtet Earle bei „Say Baby”. Hier gibt eine akustische Gitarre den Rhythmus vor.

Einen langsamen Boogie mit etwas Swing performt Earle mit „Pacific Northwestern Blues“. einen schnelleren – ganz im Stil der guten alten Zeiten des Rock ’n Roll – unter Einsatz eines Backgroundchors im Refrain mit „Flint City Shake It“. Bei seinen bluesinfiltrierten Stücken bewegt sich Earle überwiegend im oberen Tempobereich des Genres.

Die Americana-Titel des Albums sind tendenziell langsamer. „Mornings In Memphis” und „Frightened By The Sound” erinnern an Jackson Browne, „ Over Alemada” an American Aquarium. Besonders die beiden letztgenannten Songs sind starke Vertreter der Musikrichtung. Während der Slide bei den Titeln die typische Atmosphäre erzeugt, ist er mir auf „Talking To Myself“ etwas zu aufdringlich.

Die Gleichförmigkeit von „Ahi Esta Mi Nina“ lenkt die Aufmerksamkeit wiederum auf die Lyrics, die bis auf den titelgebenden Vers auf Englisch gesungen sind. Wie bei den anderen Songs lohnt sich ein genaues Hinhören auf die poetischen Zeilen. Obwohl sich nur wenige Songs direkt im Ohr festsetzen, entwickeln sie Tiefe und Intensität, wenn man das Album mehrfach durchlaufen lässt.

Im Americana-Bereich sind in diesem Jahr bereits einige interessante Veröffentlichungen erschienen, denkt man beispielsweise an die neuen CDs von Ryan Bingham, Hayes Carll, Son Volt oder Josh Ritter. Justin Townes Earles „The Saint Of Lost Causes” setzt diese Reihe fort, unterscheidet sich von diesen durch die deutlichere Akzentsetzung auf den Blues. Sowohl unter den bluesorientierten als auch unter den Americana-Titeln finden sich einige Nuggets, die es zu entdecken gilt. Die volle Wirkung erzielen die Songs, wenn man sich die Muße nimmt, den Texten zu folgen.

Pias/New West Records (Rough Trade) (2019)
Stil: Americana, Blues

Tracks:
01. The Saint Of Lost Causes
02. Ain’t Got No Money
03. Mornings In Memphis
04. Don’t Drink The Water
05. Frightened By The Sound
06. Flint City Shake It
07. Over Alemada
08. Pacific Northwestern Blues
09. Appalachian Nightmare
10. Say Baby
11. Ahi Esta Mi Nina
12. Talking To Myself

Justin Townes Earle
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Oktober Promotion

Robert Connely Farr & The Rebeltone Boys – Dirty South Blues – CD-Review

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Review: Michael Segets

Robert Connely Farr lebt in Vancouver, Kanada, und spielt seit fast zehn Jahren bei der Alternative-Country-Band Mississippi Live & The Dirty Dirty. Der Titel seines Solo-Debüt „Dirty South Blues“ ist gleichzeitig Programm. Das Album prägt der Blues, dem Robert Connely Farr einen Southern-Hauch mitgibt. Diese Kombination wirkt spannend, da sie in so konsequenter Form selten auftritt.

Die Inspiration zu dem Album erhielt Robert Connely Farr durch die Begegnung mit Jimmy „Duck” Holmes. Auf einer Reise in seinen Geburtsort in Mississippi freundete er sich mit dem Blues-Veteranen an. Robert Connely Farr lernte so den – mir bis dato unbekannten – Bentonia-Bluesstyle von Henry Stuckey, Skip James und Jack Owens kennen.

Als Verneigung vor diesen Einflüssen covert Robert Connely Farr „Hard Time Killin’ Floor Blues” von Skip James. Aus der direkten Zusammenarbeit mit Jimmy „Duck” Holmes entstand „Just Jive“. Der Boogie mit Bar-Piano, das wie die anderen Keys von Michael Ayotte gespielt wird, ist der schnellste Track auf der Scheibe.

Die anderen Songs stammen aus Robert Connely Farrs eigener Feder. Dem Titel des Longplayers entsprechend sind „Blue Front Café”, „Cypress Tree Blues” und „Hey Mr. Devil“ im Blues verwurzelt. Bei „Ode To The Lonesome” steht die helle und klare Gitarre in einem Spannungsfeld zu der teilweise mit etwas Hall unterlegten Stimme von Robert Connely Farr.

Das meines Erachtens stärkste Stück ist „Dirty South Blues“. Evan Ushenko läuft hier an der elektrischen Gitarre zur Hochform auf. In dem Text bezieht Robert Connely Farr ebenso wie bei „Magnolia“ Stellung zu wohl gerade im Süden der Vereinigten Staaten präsenten Geisteshaltungen und latentem Rassismus.

Zum Ende von „Magnolia“ liefert Kyle Harmon am Schlagzeug eine expressive Einlage. Seine Percussion tritt bei „Lady Heroin” besonders in Erscheinung. Tyson Maiko am Bass vervollständigt die Rhythmus-Section der Rebeltone Boys.

Neben den schon erwähnten „Dirty South Blues“ und „Just Jive“ sorgt „Yes Ma’am“ für Abwechslung auf dem bluesdominierten Album. Die lockere Ballade würde auch gut auf eine Country-CD passen.

Produziert hat Leeroy Stagger, der sich im Roots Rock beziehungsweise Alternative Country – u. a. auch durch die Zusammenarbeit mit Tim Easton und Evan Phillips – bereits einen Namen gemacht hat.

In der Fachpresse werden Parallelen zwischen „Dirty South Blues“ und Veröffentlichungen von Steve Earle, Bruce Springsteen oder The Bottle Rockets gezogen. Ich bin bei solchen Vergleichen eher vorsichtig. Unbestritten dürfte sein, dass Robert Connely Farr ein konzeptionell eigenständiges Werk geschaffen hat. Es schlägt eher ruhigere Töne an, entwickelt dabei aber eine hohe Intensität.

Eigenproduktion (2018)
Stil: Southern Blues

Tracks:
01. Ode To The Lonesome
02. Dirty South Blues
03. Blue Front Café
04. Hard Time Killin’ Floor Blues
05. Magnolia
06. Lady Heroin
07. Just Jive
08. Cypress Tree Blues
09. Yes Ma’am
10. Hey Mr. Devil

Robert Connely Farr & The Rebeltone Boys
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The Bottle Rockets – Bit Logic – CD-Review

Review: Michael Segets

„Bit Logic“ von The Bottle Rockets – die seit den 1990er-Jahren zu meinen Favoriten zählen – steht nun in den Regalen. Der Band gelingt erneut eine runde Scheibe, die sehr gut unterhält. Der Longplayer wirkt durch das gemäßigte Tempo der meisten Songs durchgängig entspannt. Auf härtere Gitarrenriffs und treibende Rocksongs verzichtet die Band diesmal weitgehend. Dennoch klingt „Bit Logic“ ganz nach The Bottle Rockets und fügt sich nahtlos in ihr Gesamtwerk ein.

Bandleader Brian Henneman versteht es wie kaum ein anderer, Alltagssituationen zu erfassen und musikalisch auf den Punkt zu bringen. Er wirft den Blick auf die kleinen Dinge des Lebens, denen man meist zu wenig Aufmerksamkeit schenkt („Human Perfection“), oder die, die man immer wieder aufschiebt, obwohl sie einem wichtig sind („Maybe Tomorrow“).

Henneman schrieb sehr gute Songs über den Arbeitseinstieg am Wochenbeginn, das frühe Aufstehen oder die Erschöpfung am Feierabend – also über die Probleme, mit denen sich Menschen der Mittelschicht halt so rumschlagen. Diesmal greift er mit „Highway 70 Blues“ beispielsweise die Gedanken auf, die im Verkehrschaos unter Termindruck so kreisen.

Hennemans Songminiaturen – kein Stück kommt über dreieinhalb Minuten Spielzeit – sind nicht oberflächlich, sondern oftmals verbindet er Witz, Wortspiele und Ironie mit ernsteren Fragen. So thematisiert der vorab ausgekoppelte Titelsong „Bit Logic“ die Digitalisierung, mit der man heute allerorts konfrontiert ist. Sie schafft eine neue Art der Realität, mit der sich ebenfalls die Leute auseinandersetzen (müssen), die noch ohne Computer, Internet und Co. aufgewachsen sind. Diesen Wandel in der Lebenswelt verdeutlicht das Albumcover. Es ziert ein verpixelter Cowboy, der an Clint Eastwood in der Dollar-Trilogie aus den 1960er-Jahren erinnert.

Auf „Lo-Fi“ beschäftigt sich Henneman inhaltlich mit den Medien seiner Kindheit und auf „Bad Time To Be An Outlaw“ mit der Musikindustrie und den Weg, den er eingeschlagen hat.

Neben den Midtempo-Nummern wie „Doomsday Letter“ und „Stovall’s Grove“ finden sich ebenfalls die beiden durchaus poetischen, akustisch gehaltenen Balladen „Saxophone“ und „Silver Ring“ auf dem Album. Einen deutlichen Country-Einschlag haben „Hnotty Pine” sowie „Way Down South“.

Als Produzenten holten The Bottle Rockets wieder Eric Ambel (The Del Lords, The Brandos, Dan Baird, Steve Earle) ins Boot. Seit der Bandgründung vor über 25 Jahren sind Frontmann Brian Henneman und Schlagzeuger Mark Ortmann mit von der Partie. Am Anfang des neuen Jahrtausends stießen Gitarrist John Horton und Bassist Keith Voegele dazu. Die länger als eine Dekade andauernde Konstanz in der Bandbesetzung macht sich auf der CD und wohl auch auf den Konzerten bezahlt.

The Bottle Rockets touren zwar häufig, unternehmen aber selten den Sprung über den Atlantik. Ihre Auftritte in Deutschland sind daher selten, obwohl eine ihrer Live-CDs in Heilbronn mitgeschnitten wurde. The Bottle Rockets fehlen eigentlich als einzige auf meiner Konzertliste von den Bands, die ich unbedingt mal auf der Bühne erleben möchte. Bis dahin tröstet mich zumindest ihr 13. Album „Bit Logic“.

Blue Rose Records (2018)
Stil: Roots Rock

Tracks:
01. Bit Logic
02. Highway 70 Blues
03. Lo-Fi
04. Maybe Tomorrow
05. Bad Time To Be An Outlaw
06. Saxophone
07. Human Perfection
08. Hnotty Pine
09. Way Down South
10. Doomsday Letter
11. Stovall’s Grove
12. Silver Ring

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