Todd Snider – First Agnostic Church Of Hope And Wonder – CD-Review

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Review: Michael Segets

Von der Kritik wird häufig gelobt, wenn Musiker sich in neue Gefilde vorwagen und so ihre musikalische Bandbreite erweitern. Für den Künstler ist es sicherlich auch wichtig, mit neuen Einflüssen zu experimentieren und die Ausdruckformen zu variieren. Für mich als Rezipienten frage ich mich manchmal, warum etwas, das gut ist, verändert werden soll. Aber vielleicht gehöre ich ja auch zu einer Minderheit, wenn ich denke, dass drei Akkorde für einen guten Song prinzipiell ausreichen, solange er eine Stimmung und Message transportiert.

Todd Snider behält die Qualität seiner Texte bei „First Agnostic Church Of Hope And Wonder“ bei, schlägt aber neue musikalische Wege ein. Snider experimentiert mit einer Spielart des Schlagzeugs, die dem Funk entliehen und auch im Reggea anzutreffen ist. Auf der Suche nach einem Drummer, der diesen als Fatback bezeichneten Stil beherrscht, stieß er auf Robbie Crowell. Das Spiel mit dem Rhythmus prägt dann auch die CD, was bereits beim Einstieg deutlich wird. „Turn Me Loose (I’ll Never Be the Same)“ kommt als bluesiger Jam mit Funk-Einschlag daher.

Bei den beiden folgenden Tracks „The Get Together“ und „Never Let A Day Go By“ frönt Snider dem Sprechgesang, wenn auch in zwei unterschiedlichen Varianten. Auf die Spitze treibt er ihn bei „Agnostic Preacher’s Lament“. Bereits auf seinem Album aus dem Jahr 2019 „Cash Cabin Sessions Vol. 3“ streute Snider eher gesprochene Songs ein, von denen ich kein Fan bin. Der Folkeinschlag dieser CD findet mit „Sail On, My Friend” seine Fortsetzung, wobei der entspannte Titel sehr schön mit einer Mundharmonika einsteigt. Die erste Single täuscht über die Grundausrichtung des neuen Werks allerdings etwas hinweg.

In die gleiche Kerbe wie die Anfangsstücke schlägt „That Great Pacific Garbage Patch“ sowie der Abschluss „The Resignation Vs. The Comeback Special” – beide angereichert durch experimentellere Instrumentalpassagen. Nahezu durchgängig fällt der Backgroundgesang auf, den Snider selbst beisteuert. Snider spielt ebenso die meisten Instrumente. Lediglich Robbie Crowell ist für das Schlagzeug und Percussion engagiert. Tchad Blake leistet zudem noch Feinarbeit, z. B. durch die Tuba bei „Handsome John“. Durch die Tuba erhält der Titel, der hauptsächlich durch das Klavier getragen wird, eine sakrale Atmosphäre, zumal Snider hier auf Schlagzeug oder Percussion verzichtet. Mit der Ballade erinnert Snider an John Prine, den er lange kannte und für den er einige Shows eröffnete. Der Track stellt den Höhepunkt des Albums dar.

Daneben ist noch „Battle Hymn Of The Album“ auf der Habenseite zu verbuchen. Den Song schrieb Snider mit John Carter Cash. Die der Marschmusik entliehenen Trommelwirbel, zusammen mit dem Call And Response zwischen Lead- und Backgroundgesang, heben den Track von den anderen ab. Unruhige Rhythmen, das abrupte Beenden sowie das Runter- und wieder Hochsteuern dominieren neben klangtechnischen Spielereien den Gesamteindruck von seinem neuen Werk.

Todd Snider hat herausragende Songs in seinem Repertoire, auch wenn die meisten Alben von ihm nicht durchgängig begeistern. „First Agnostic Church Of Hope And Wonder” bildet da keine Ausnahme. Dass er sich verstärkt Elementen aus dem Funk zu- und von der Roots Musik abwendet, mag progressiv sein, führt aber dazu, dass insgesamt die Anzahl seiner Treffer sinkt.

Aimless Records – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Americana and more

Tracks:
01. Turn Me Loose (I’ll Never Be The Same)
02. The Get Together
03. Never Let A Day Go By
04. That Great Pacific Garbage Patch
05. Handsome John
06. Sail On, My Friend
07. Battle Hymn Of The Album
08. Stoner Yodel Number One
09. Agnostic Preacher’s Lament
10. The Resignation Vs. The Comeback Special

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