Christopher Griffiths – Midlife Pop Crisis – EP-Review

Griff

So langsam schlägt die Corona-Geschichte auch bei mir auf’s Gemüt. Neben dem Tod der Mutter vor einigen Wochen, einigen sehr schlimmen gesundheitlichen Dingen im privaten Umfeld, läuft hauptberuflich, aufgrund der Tatsache, dass meine Firma überwiegend ihr Geld (somit auch ich) mit der Vermarktung von Messemedien verdient, außer ein bisschen Home-Office, so gut wie gar nichts. Auf diesem Gebiet ist es noch völlig ungewiss, wann da wieder Messen von Rang wieder stattfinden, im Moment wird eine nach der anderen abgesagt oder bestenfalls ins nächste Jahr verschoben.

Ich will jetzt noch nicht klagen, im Moment kann ich mich mit dem wohl erarbeiteten Kurzarbeitergeld, noch ohne nennenswerte Einschränkungen über Wasser halten. Ein Lichtblick, dass ich jetzt dadurch die Gelegenheit habe, mit unserem über 16 Jahre alten Labrador Django, noch eine viel intensivere Zeit zu verbringen. Trotzdem fehlen einem doch mittlerweile die vielen Begegnungen und Gespräche, die man sonst mit anderen Menschen hatte. Und da wären wir dann auch beim Musikbusiness.

In dieser Hinsicht geht ja bekanntlich auch bei uns, außer ein paar Alben-Reviews und Bewegen in sozialen Netzwerken, ebenfalls recht wenig. Vor allem die Konzertbesuche, die immer ein schöner Ausgleich waren, vermisst man immens.

Auch hier hofft man inständig, dass die Politik endlich das Umfeld aus Clubbesitzern, Musikern, Veranstaltern, Agenturen, Labels etc. nennenswert unterstützt und passable Lösungen für ein Fortbestehen der Szene bietet. Allerdings wird einem da Angst und Bange. Oder kann sich jemand etwa vorstellen, dass beispielsweise ein gelackter Karrierist wie unser Gesundheitsminister Jens Spahn oder ein Karnevalsjeck der Marke Armin Laschet, jemals einen unserer geliebten Rockmusikclubs von innen gesehen haben?

Und auch mein Lieblingsverein Rot-Weiss Essen wird wegen des vorzeitigen Saisonabbruchs wieder nicht aufsteigen! Gründe also genug, um schnurstracks in eine Midlife-Crisis hineinzuschliddern.

Gefreut habe ich mich neulich aber über eine E-Mail von der Agentur Kaylor Girl Promotions, zu der ich sporadisch immer mal wieder sehr netten Kontakt in Sachen der Band Sister Hazel habe. Deren Chefin Mary Ann Kaylor, bat mich doch ein paar Gedanken über den Musiker Christopher Griffiths nieder zu schreiben, der mit „Midlife Pop Crisis“ jetzt als Debüt, eine 4-Song-EP veröffentlicht. Dem möchte ich hiermit natürlich gerne nachkommen.

Griffiths lebt in Nashville und hat diese Tracks während einer Corona-bedingten Quarantäne in seinem heimischen Schlafzimmer kreiert und eingespielt. „I wanted to do something fun and danceable. But all I had was my guitar, bass, Moog, and laptop,“ so der Protagonist zu seinem Werk. Aus ganzen 35 Tracks ist dann letztendlich ein Quartett übrig geblieben.

Als Referenzen hat der Multiinstrumentalist bisher einen Juno-Award für seine Songwriting-Beteiligung auf Crystal Shawandas „Just Like You“ und das Mitwirken als Bassist auf Will HogesMy American Dream“ und auch dem in Kürze folgenden „Tiny Little Movies“ (Besprechung demnächst im SoS) vorzuweisen.

Wer jetzt hofft, die vier auserkorenen Stücke gingen in Richtung der beiden zuvor erwähnten Künstler und deren Art Musik zu machen, kann sich das ganz schnell abschminken. Griffiths hat hier eine lupenreine, überwiegend fröhlich powernde Pop-EP kreiert (Andy Frasco fällt mir spontan als Anhaltspunkt im weitesten Sinne ein), wo fiepende Synthies und Drum-Loops den Takt vorgeben. Alle Stücke sind melodisch und tanzbar, selbst das einzig langsamere Lied „Painted Smile“ ist dann für eine Art Bewegung in Trance-ähnlicher Manier geeignet.

Dass Christopher sicherlich auch ganz anders kann (und sich persönlich auf kein Genre festgelegt sieht), deutet er zwischenzeitlich immer mal an, wenn er mit der E-Gitarre dazwischen shuffelt oder wie beim Opener „Dream My Adidas“ seinem Paradeinstrument, dem Bass, mal zu stärkerer Aufmerksamkeit verhilft. Klasse hier sein verspieltes Gezupfe zum Ausklang der Nummer.

Die vier Songs kann man sich bei Bedarf auf Christopher Griffiths‘ Homepage vollständig anhören. Ob sie dann erfolgreich als Mittel gegen eine Midlife-Crisis eingesetzt werden können, oder lediglich zu Aufbesserung der Laune oder wie auch immer dienen, muss jeder für sich selbst beurteilen…

Eigenproduktion (2020)
Stil: Pop

01. Dream My Adidas
02. Incredible Lie
03. Painted Smile
04. Without A Beat

Christopher Griffiths
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Kaylor Girl Promotion

Kip Moore – Wild World – CD-Review

cover Kip Moore - Wild World_300

Seit 2012 fruchtet jetzt schon die Zusammenarbeit von MCA Nashville und dem aus Georgia stammenden Kip Moore. Dabei sind in den acht Jahren immerhin vier Alben und zwei EPs zustande gekommen. Mit „Wild World“, seinem vierten Longplayer, startet der vom einstigen Hallodri zum nachdenklichen Songwriter gereifte Musiker nun einen erneuten Versuch, im Alben-Bereich mal die Chartspitze zu erklimmen, nachdem er mit allen anderen Werken diese nur knapp verfehlt hatte.

Die Hauptintention zu „Wild World“ war laut Moore zumindest jedoch eine andere: „Ich weiß, dass es im Moment eine beunruhigende Zeit für viele Menschen ist, und deshalb hoffe ich, dass diese Musik auch nur einer Person etwas Frieden bringen kann“, sagt Moore. „Ich versuche, Musik zu machen, die die Menschen unverfälscht erreicht – etwas, das sie leicht und einfach begleitet, aber gleichzeitig auch einen großen Wert für sie hat, und ich denke, „Wild World“ ist eine Darstellung dessen, was ich sehe. Das Leben ist ein verrückter, wilder Ritt. Aber es kann so einfach sein, wenn wir nach den richtigen Dingen suchen, und ich denke, das ist im Moment wichtiger denn je.“

Wie das seine unzähligen Landsleute sehen, die jetzt dank der Corona-Pandemie unverschuldet ihren Job verloren haben und sich vor den Trümmern ihrer nackten Existenz befinden, steht dabei allerdings vermutlich auf einem anderen Blatt Papier. Die werden wohl zur Zeit weniger mit der Lebenssinnfindung zu tun haben, als damit danach zu suchen, woher die Knete für die nächsten Raten fürs abzuzahlende Eigenheim oder die Mieten für die Wohnung herkommen.

Seinen neuen Longplayer kam man in der Tat aber recht unbeschwert hören. Der ehemalige Golfspieler setzt wieder auf eingängigen Pop („Hey Old Lover“  mit Smokie-Note) mit einem dezenten Southern-Einschlag („Southpaw“, „Sweet Virginia“) und etwas keltischem Heartland-Flair („Fire And Flame“, „She’s Mine“). Country entdecke ich auf diesem Album so gut wie garnicht, trotzdem stellt sich das Werk zumindest nicht unter das Diktat des unbedingten Charterfolgs, koste es, was es wolle, wie bei Kollegen der Marke Sam Hunt, Thomas Rhett, Chase Rice & Co., Hauptsache die Verkaufszahlen stimmen.

Die Lieder sind allesamt mit schönen Melodien und unterschiedlichen Stimmungslagen versehen. Tatsächlich spürt man immer einen Hauch von Nachdenklichkeit und dezenter Introvertiertheit in Moores Gesang. Der Stoff kommt äußerst sympathisch rüber. Teilweise erinnert mich die Scheibe an die für viele vermutlich unbekannte CD „Blue“ des leider nicht mehr unter uns weilenden Musikers Blue Miller (auch Gibson Miller Band).

Moore legt mit den ersten vier Stücken bärenstark los (wunderbar der Auftakt mit dem in Richtung Bob Seger gehenden „Jamie Blu“, klasse auch der Titelsong „Wild World“, der keine Cover-Version von Cat Stevens‘ Welthit ist, aber ähnlich markant ins Ohr geht) , um sich zwischendurch dann mal Auszeiten im Reiche der Beliebigkeit zu gönnen und dann mit weiteren starken Tracks wie „Grow On You“ (Marke Kid Rock, teilweise wie alte Slade), „Sweet Virginia“ (emotionaler Southern Soul Song) oder „South“ (tolles E-Gitarrensolo als Outro) aufhorchen zu lassen.

In den Begleit-Credits lernte Kip Moore laut eigener Aussage auch eine andere Seite des Erfolgs kennen: das lange Unterwegssein, die körperliche und emotionale Ermüdung und den nie endenden Stress, ‚relevant‘ zu bleiben.
Seines neues Werk „Wild World“ wird dazu beitragen, so meine ich es zumindest, dass Kip Moore auch in dieser derzeitigen wilden Welt relevant bleibt.

MCA Nashville/Universal Music (2020)
Stil: Southern Pop

01. Janie Blu
02. Southpaw
03. Fire And Flame
04. Wild World
05. Red White Blue Jean American Dream
06. She’s Mine
07. Grow On You
08. Hey Old Lover
09. More Than Enough
10. Sweet Virginia
11. South
12. Crazy For You Tonight
13. Payin‘ Hard

Kip Moore
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Universal Music

Blackwater Conspiracy – Two Tails & The Dirty Truth of Love & Revolution – CD-Review

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Nordiren in Sounds Of South! Was zunächst vielleicht paradox klingt, erhält seine Legitimation nicht nur beim Betrachten des Coverbildes ihres neuen Werks mit dem klangvollen Titel „Two Tails & The Dirty Truth of Love & Revolution“, das man auch auf jeder Country- und Southern-Scheibe platzieren könnte. Spätestens nach dem Hören wird man feststellen, dass sich die Briten, auch wenn sie maßgeblich vom Stil her, eher den Poser-Rockbands der 80er/90er-Jahre nahe stehen, zumindest manchen Interpreten unseres geliebten Genres durchaus verbunden fühlen.

Nach ihrem ebenfalls gelungenen Debüt „Shootin‘ The Breeze“ von 2017 knüpfen die Herren Phil Conalane (lead vocals, rhythm guitar), Brian Mallon (lead guitar, vocals), Kevin Brennan (Keys, vocals), Kie McMurray (bass, vocals) und Fionn O’Hagain (drums, percussion) jetzt nahtlos mit dem Zweitwerk an das zuvor Geleistete an.

Mit Sänger Phil Conalane, der vokal wie eine Mischung aus Bon Scott, Spike und Tom Keifer klingt, hat der Fünfer dabei ein echtes Ass im Ärmel. Gitarrist Brian Mallon lässt viele quirlige Soli ab und gibt manchem Song auch einen dezenten Southern-Teint (z. B. das hymnische Intro bei „All Wired Wrong“ oder seine Slide-Wischer bei „Take It On The Chin“) in Richtung der Black Crowes, Dan Baird oder Kid Rock.

Als Nordire ist man wahrscheinlich schon genetisch auf Krawall gebürstet, somit sind die meisten Tracks auch flott abgehende Rocker. Für eine gewisse Entschleunigung sorgt dann immer wieder der sehr variable Keyboarder Kevin Brennan, eine Art ruhender Pol im Kollektiv, wenn er das Honkytonkklimpern mal außen vor lässt.

Den Blick strikt nach vorne gerichtet, findet die CD auch mit dem Opener „Goodbye to Yesterday“, … „say hello to tomorrow“ (heißt es weiter), dann mit ordentlich Wums in die Spur. „Soul Revolutionaries“, „Just Like A Silhouette“, Tattooed & Blonde“, „Take It On The Chin“ oder das finale „Atlanta Smile“ sind weitere knackige Rocksongs mit hohem Spaßfaktor und bleiben dabei trotzdem immer sehr melodiebetont.

Ein paar schöne Balladen wie “ All Wired Wrong“, „In Another Lifetime“ oder „She Gets Me High“ mit teils hymnischen Ansätzen sind natürlich ebenfalls vertreten.

Wer Platten wie die Debüts der Quireboys „A Bit Of What You Fancy“, Georgia Satellites und der Black Crowes „Shake Your Moneymaker“, „Born Free“ von Kid Rock, AC/DCs „Highway To Hell“ oder Cinderellas „Long Cold Winter“ und „Still Climbing“ u. a. in seiner Sammlung hat, der wird auch an „Two Tails & The Dirty Truth of Love & Revolution“ seine helle Freunde haben.

Übrigens ist das Quintett schon mit einigen, uns sehr gut bekannten Acts wie Kris Barras, Joanne Shaw Taylor oder Tyler Bryant & The Shakedown zusammen aufgetreten, es wäre sicherlich wünschenswert, diese Band, wenn die Normalität hoffentlich mal wieder eingekehrt ist, dann auch mal bei uns begrüßen zu dürfen. Wir sagen von daher vorfreudig in Sachen Blackwater Conspiracy „hello tomorrow…“!

Bulletproof 20/20 Records (2020)
Stil: Rock

01. Goodbye to Yesterday
02. All Wired Wrong
03. Soul Revolutionaries
04. Tattooed & Blonde
05. In Another Lifetime
06. Take It On The Chin
07. The Healing (You & I)
08. Bird In A Coalmine
09. Just Like a Silhouette
10. She Gets Me High
11. Atlanta Smile

Blackwater Conspiracy
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Florida Georgia Line – 6-Pack – EP-Review

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So richtig Spaß bereitet in diesen Zeiten selbst das Reviewen von Neuerscheinungen nicht. Oft verläuft es in den Tagen des Mobile Offices über nervige Streamings oder im günstigeren Fall mit Downloads, also nichts mit Original-CD in die Anlage einschieben und schön dabei im Booklet rumstöbern und die Texte beim Hören mitzuverfolgen, sprich, sich intensiv mit dem Gesamtprodukt auseinanderzusetzen.

Da im Moment in der Musikbranche die Konzerteinnahmen und die damit verbundenen Merchandise-Verkäufe wegbrechen, gibt es zur Zeit gefühlt überproportional viele EP-Veröffentlichungen. Deren Vorteil ist natürlich, dass man diese in kürzeren Abständen publik machen kann, also ein probates Mittel, um ‚im Gespräch‘, beziehungsweise, wie es Kip Moore neulich formulierte, ‚relevant‘ zu bleiben.

Auch die sonst wirklich nicht mit Songs geizenden Florida Georgia Line, alias Tyler Hubbard und Brian Kelley, schieben jetzt mit „6-Pack“, wie es der Titel schon suggeriert, so ein Teil mit sechs neuen Stücken in die Corona-Lücke.

Dabei ziehen sie natürlich innerhalb von nur knapp 18 Minuten alle Register ihres bis dato so genial funktionierenden Erfolgsrezeptes: Gut eingängiges, trinkfreudiges („Beer: 30“), einsichtiges („Ain’t Worried Bout It“ mit tollen Southern Rock-E-Gitarren), schmusig-balladeskes („Second Guessing (From Songland)“), heimatliches („Countrside“) und mutmachendes-patriotisches („U.S. Stronger „, „I Love My Country“) Songmaterial, überwiegend geschrieben von den beiden Protagonisten mit einer ganzen Armada von namhaften Co-Autoren (allein bei „“Second Guessing (From Songland)“ waren es gleich zehn Kompositeure!).

Serviert mit den bewährten Zutaten wie Bro-Country typischen Sprecheinlagen, Harmoniegesängen, ein bisschen Pop und Southern Rock wie beim letzten Track (Banjo, E-Gitarren). „Countryside“ und „U.S. Stronger“ sind dabei für mich dabei die aussichtsreichsten Nr.-1-Hit-Kandidaten.

Das „6-Pack“ (klasse Cover mit den bunten Bierdosen) von Florida Georgia Line funktioniert, wie es halt so ist mit einem 6-Pack, das man in 18 Minuten wegzischt. Man ist schnell beschwipst, temporärer euphorisiert und fühlt sich ein wenig von den Alltagssorgen abgelenkt. In dieser Zeit haben Tyler Hubbard und Brian Kelley damit ein weiteres Mal vermutlich den Nerv ihrer Klientel getroffen und gleichzeitig ihren Zweck, im Major-Geschehen präsent zu bleiben, bestens erfüllt.

Big Machine Label Group (2020)
Stil: New Country

01. Beer:30
02. Ain’t Worried Bout It
03. Second Guessing (From Songland)
04. Countryside
05. U.S. Stronger
06. I Love My Country

Florida Georgia Line
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Universal Music

Reckless Kelly – American Jackpot / American Girls – CD-Review

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Review: Michael Segets

Für Freunde des Southern Way of Music ist der diesjährige Mai tatsächlich ein Wonnemonat, in dem sich einige alte Bekannte zurückmelden. Nach American Aquarium, Jason Isbell & The 400 Unit, Robert Jon & The Wreck sowie Steve Earle & The Dukes gibt nun auch Reckless Kelly ein Lebenszeichen von sich – und das direkt im Doppelpack.

Vergangenes Jahr erschien zwar das digitale Live-Album „Bulletproof Live“, doch das letzte Studiomaterial wurde vor fast vier Jahren auf „Sunset Motel“ veröffentlicht. Es war also wieder Zeit, ein Studio anzumieten. Willy Braun, der zusammen mit seinem älteren Bruder Cody und dem Schlagzeuger Jay Nazz Reckless Kelly 1996 gründete, übernahm die Rolle des Produzenten und „American Jackpot“ wurde zügig und deutlich schneller eingespielt als zuvor kalkuliert. Die übrige gebuchte Studiozeit nutzte die Band, um zusätzlich „American Girls“ unter Dach und Fach zu bringen.

Während „American Jackpot“ einen homogenen und durchkonzeptionierten Eindruck erweckt, punktet „American Girls“ mit stilistischer Varianz und rockigeren Tönen. Die Stücke auf beiden Scheiben überzeugen schon beim ersten Durchlauf, legen aber beim mehrmaligen Hören noch weiter zu.

Willy Braun wollte ein Album machen, dass die Verbundenheit mit seinem Heimatland einfängt. Dieses Vorhaben setzt er mit „American Jackpot“ um, ohne übermäßig politisch oder plakativ zu sein. Indem er sich aber gegen Anti-Immigrations-Parolen wendet, scheint aber doch etwas Sozialkritik durch.
Dabei ließ er sich durch das Gedicht „The New Colossus“ von Emma Lazarus inspirieren, das in den Sockel der Freiheitsstatur eingraviert ist.

Auf „North American Jackpot“ und „Goodbye Colorado“ verarbeitet er diese Anregung. Die beiden Titel bilden den Auftakt und Abschluss der ersten CD. Vor allem der letztgenannte glänzt durch seine Kombination von Piano und Mandoline, die von Cody Braun gespielt wird.

Die Stimmung unterschiedlicher Landschaften ihres Heimatlandes thematisiert die aus Idaho stammende Band auf „Thinkin‘ ‘Bout You All Night“. Ein Stück amerikanischer Geschichte lassen Reckless Kelly bei „Grandpa Was A Jack Of All Trades“ vorbeiziehen, wobei durch den Slide ein Hauch von Country mitschwingt.

Für einzelne Gesangsparts haben Willy und Cody Braun ihren Vater Muzzie und für die Mundharmonika ihren Onkel Gary engagiert. Dass der Familie Braun die Musik im Blut liegt, beweisen auch die beiden jüngeren Brüder Micky und Gary, die als Micky And The Motorcars unterwegs sind.

Meine Favoriten auf „American Jukebox“ sind die Hommage an Tom Petty „Tom Was A Friend Of Mine“ und die Balladen „Put On Your Brave Face Mary“ sowie „42“, das Bukka Allen mit einer Ballpark-Orgel begleitet. Richtig Spaß macht auch der Good Old Rock’n Roll „Mona“, bei dem Bob Seger grüßen lässt.

Ein rockiger Rhythmus, für den neben Drummer Jay Nazz Bassist Joe Miller verantwortlich zeichnen, treibt „Company Of Kings“. Elektrische Gitarre und die von Eleanor Whitmore (Steve Earle &The Dukes) arrangierten Geigen sind hier miteinander verwoben und ergänzen sich auf originelle Weise. In den Folk-Rocker „Another New Year’s Day“ bauen Reckless Kelly die Melodie des Silvesterklassikers „Auld Lang Syne“ („Nehmt Abschied, Brüder“) ein und zeigen so ein weiteres Mal ihre Kreativität.

„American Jackpot“ bringt das Kunststück fertig, ein harmonische Gesamtbild zu entwerfen und dennoch musikalisch abwechslungsreich zu sein. Während der Sound auf dieser CD durchgängig erdig ausgerichtet ist, wird er auf „American Girls“ stellenweise opulenter – so auf dem Titeltrack, der in den Gitarrenpassagen an die frühen REM erinnert, oder „Miss Marissa“.

Auch der Opener „I Only See You With My Eyes Closed“ klingt voll, nicht zuletzt durch die zusätzliche Gitarre von Charlie Sexton (Bob Dylan, Arc Angels, Ryan Bingham). An dem Song hat ebenso wie an „Lonesome On My Own“ Jeff Crosby mitgeschrieben.

Wie bereits erwähnt, zeigen Reckless Kelly ihre rockigere Seite auf „American Girls“. Diese reicht vom Roots Rock („All Over Again (Break Up Blues)“) über Heartland (“Don’t Give Up On Love”) bis zum Tex Mex (“Lost Inside The Groove”). Der Tex-Mex-Titel führt die Tradition von Doug Sahm (Texas Tornados) fort, was nicht verwundert, wenn man weiß, dass der Anstoß für den Song von dessen Sohn Shawn kam.

Mit dem starken „No Dancing in Bristol“ greifen Reckless Kelly auf den Irish Folk zurück. Das Duett „Anyplace Is Wild“ zwischen Willy Braun und Suzy Boggus könnte als Soundtrack zu einem Western dienen und zählt zu den Highlights der zweiten CD. Ein amüsantes Detail bei ihm ist, dass die Musiker mit Sporen stampften, um den Klang eines Tamburins zu erhalten. Das bunte Potpourri auf „American Girls“ rundet das ruhige „My Home Is Where Your Heart Is“ ab.

Den beiden Scheiben des Doppelalbums jeweils einen eigenen Titel zu geben, ist gut nachvollziehbar. „American Jackpot“ ist eine stimmige und stimmungsvolle Sache geworden, bei „American Girls“ überwiegt die Freude am Rock und der Roots Music, mit welcher sich Reckless Kelly von einem engen konzeptionellen Rahmen lösen. Die gemeinsame Veröffentlichung entbindet von der Entscheidung, wonach einem mehr der Sinn steht, denn beide Longplayer haben für sich genommen Klasse. Mit dem Doppelschlag erinnern Reckless Kelly daran, dass sie ganz vorne im Roots-Rock-Regal stehen sollten.

No Big Deal Records/ThirtyTigers-Membran (2020)
Stil: Roots Rock

Tracks:
American Jackpot
01. North American Jackpot
02. Thinkin‘ ‚Bout You All Night
03. Tom Was A Friend Of Mine
04. 42
05. Mona
06. Another New Year’s Day
07. Grandpa Was A Jack Of All Trades
08. Put On Your Brave Face Mary
09. Company Of Kings
10. Goodbye Colorado

American Girls
01. I Only See You With My Eyes Closed
02. American Girls
03. All Over Again (Break Up Blues)
04. Miss Marissa
05. Lonesome On My Own
06. Anyplace That’s Wild
07. Lost Inside The Groove
08. No Dancing In Bristol
09. Don’t Give Up On Love
10. My Home Is Where Your Heart Is

Reckless Kelly
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Thirty Tigers
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Jordan Davis – Almost Maybes – EP-Review

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Bei Jordan Davis haben wir bisher so gut wie alle alle reviewtechnischen Möglichkeiten, die sich bisher ergaben, in vollem Umfang genutzt. Ok, allzu viele waren es jetzt nicht. Es gab seine erfolgreiche Debüt-CD „Home State“ (Platz 6, drei Top-10 Single-Platzierungen), allerdings, auch die Gelegenheit, ihn live zu begutachten, als er im Vorprogramm von Old Dominion in der Kölner Live Music Hall, im Trio eine wirklich passable Vorstellung abgab.

Jetzt legt der aus Shreveport, Louisiana, stammende rauschebärtige Musiker (im November 2019 Vater einer Tochter geworden) mit „Almost Maybes“ eine sechs Stücke umfassende EP nach, erneut produziert von Paul DiGiovanni.

JD_KolnDie Hälfte der Lieder („Almost Maybes“ (mit netten weiblichen Harmoniegesängen, Reggae-tauglichen Drum-Loops), „Ruin My Weekend“ (flockiger euphorischer Lovesong), „Little Lime“… in a lotta tequila – heißt es hier in Jimmy Buffett-Manier), kommen im fingerschnippenden Gute-Laune-Gewand, wo man sich gerade in den jetzigen Zeiten vorm geistigen Auge die nächste Strandbar herbeisehnt, um bei gekühlten Getränken und wärmenden Temperaturen, Sonne, und Meeresanblick unbeschwert genießen zu können.

Das andächtig pianountermalt vorgetragene „Church In A Chevy“ (sakraler Ohoh-Harmoniegesang), das im Singer-Songwriter-Erzählstil gebrachte „Detours“ (bester Song des Werks, Akustik- Steel-, E-Gitarren geben den Ton an) und das erfolgversprechende Duett mit Popsternchen Julia Michaels „Cool Anymore“ (immerhin mit hymnischen E-Gitarrensolo) fahren den Puls eher wieder in normale Bahnen.

Die EP „Almost Maybes“ von Jordan Michaels bietet eine kurzweilige Momentaufnahme seines aktuellen Kreativkönnens. Er bleibt ohne Wenn und Aber, sich und seiner melodiebetonten, eher poppig orientierten Art treu, die er auch schon auf „Home State“ offeriert hatte. Alles sehr schön eingängig, aber auch etwas sehr stromlinienförmig, um so richtig tiefgreifenden Eindruck zu hinterlassen.

MCA Nashville (2020)
Stil: New Country Pop

01. Almost Maybes
02. Church In A Chevy
03. Ruin My Weekend
04. Little Lime
05. Detours
06. Cool Anymore (ft. Julia Michaels)

Jordan Davis
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Universal Music

Steve Earle & The Dukes – Ghost Of West Virginia – CD-Review

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Review: Michael Segets

Steve Earle, Country-Outlaw der zweiten Generation, meldet sich mit „Ghost Of West Virginia” wieder zu Wort. In seinen Texten greift er regelmäßig gesellschaftliche und politische Themen auf, die gerade bei konservativen Kreisen in Amerika heftige Reaktionen auslösten, denkt man beispielsweise an seinen „John Walker’s Blues“.

Auf seinem zwanzigsten Album setzt er sich mit dem Bergbau in West Virginia auseinander. Earle lehnt zwar den Energiegewinn aus fossilen Brennstoffen ab, versucht aber, sich in die Mentalität der Bevölkerung dieser Kohleregion einzufühlen, um so die Basis für einen Dialog zu schaffen, der auf der gegenseitigen Toleranz unterschiedlicher Sichtweisen beruht. Vor allem der Minenunfall von Upper Big Branch im Jahr 2010, bei dem 29 Männer ihr Leben verloren, hat sich in das kollektive Gedächtnis West Virginias eingebrannt. In „It’s About Blood“ nennt Earle alle Namen der Verunglückten, die auch auf dem Cover zu lesen sind.

Seinem Tribute „Guy“ (2019), eine Hommage an seinen verstorbenen Freund und Mentor Guy Clark, lässt Earle nun also ein weiteres Konzeptalbum folgen – diesmal aber mit zehn Eigenkompositionen. Bei diesen erweist er sich ein weiteres Mal als Meister seines Faches. Trotz der offenen Sozialkritik scheint in den lyrischen Zeilen eine Menschenfreundlichkeit durch, die man Earle – denkt man an seine wilden Zeiten – früher nicht zugetraut hätte.

In seinen Texten erweckt Earle schlüssige Figuren mit ihren Träumen und Fehlern zum Leben, ohne sie bloßzustellen. Earle zeigt sich als sensibler Beobachter und gereifter Songwriter, der vor kritischen Tönen nicht zurückschreckt, dabei aber ein tiefes Verständnis für die Menschen aufbringt.

Das Werk beginnt mit dem vokalen Gospel „Heaven Ain’t Goin‘ Nowhere“, das die Kraft eines klassischen Spiritual verströmt. Äußerst stimmungsvoll steht dort seine rau-kratzige Stimme in Kontrast zu dem mehrstimmigen Chor, der den Refrain singt.

Den Abschluss des Albums bildet die typische Steve-Earle-Ballade „The Mine“ mit eingängigen Textzeilen und frischer Geigenbegleitung. Zwischen den beiden Highlights finden sich acht abwechslungsreiche Stücke auf der kurzweiligen Scheibe. Dabei ist die Kürze der CD, deren Laufzeit keine halbe Stunde umfasst, der einzige Kritikpunkt.

Das von einem Banjo getriebene und mit Geige sowie E-Gitarre begleitete „Devil Put The Coal In The Ground“ entwickelt einen vollen Sound. Ähnlich dunkle Atmosphäre verströmen „Black Lung“ – bei dem Earles Mandoline zur Geltung kommt – und das schon erwähnte „It‘s About Blood“. Der ungeschliffene Klang der Songs in Verbindung mit Earles markantem Gesang machen sie zu meinen weiteren Favoriten auf dem Longplayer.

„Time Is Never On Our Side” und „If I Could See Your Face Again” schlagen sanftere Töne mit poetischen Texten an. Beim letztgenannten Titel überlässt Earle Eleanor Whitmore die Vocals. Auf früheren Alben finden sich zwar Duette, beispielsweise mit Lucinda Williams, Maria McKee (Lone Justice) oder seiner Ex-Ehefrau Allison Moorer, aber dass Earle den Gesangspart vollständig abtritt, ist ein Novum. Dies passt jedoch in das Gesamtkonzept des Werkes, da der Song die Perspektive der Witwe eines Minenarbeiters einnimmt.

Wenn es um den Kampf zwischen Mensch, Maschine und Gestein geht, darf natürlich die Legende um John Henry nicht fehlen. Diese wurde schon mehrfach musikalisch verarbeitet. Earles Song „John Henry Was A Steel Drivin’ Man” hat Ähnlichkeit mit dem Pete Seeger Klassiker „John Henry“, der spätestens durch das Cover von Bruce Springsteen bekannt sein dürfte. Charley Crockett verarbeitet unlängst ebenfalls die Geschichte des Hünen bei „9 Pound Hammer“.

Seine Wurzeln im Country offenbart Earle bei „Union, God And Country“ und auch der Boogie „Fastest Man Alive” weist Anleihen bei diesem Genre auf. Die schnelleren Stücke sorgen für zusätzliche Abwechslung auf dem Longplayer.

Steve Earle gelingt mit „Ghost Of West Virginia“ ein Konzeptalbum, auf dem sich der unterschiedliche Sound der Einzeltitel in Verbindung mit hervorragenden Texten zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügt. Der Fünfundsechzigjährige legt mit seinem Werk die Messlatte für die jüngere Generation an Songwriter musikalisch und inhaltlich hoch.

New West Records/Pias – Rough Trade (2020)
Stil: Outlaw Country

Tracks:
01. Heaven Ain’t Goin’ Nowhere
02. Union, God And Country
03. Devil Put The Coal In The Ground
04. John Henry Was A Steel Drivin’ Man
05. Time Is Never On Our Side
06. It’s About Blood
07. If I Could See Your Face Again (featuring Eleanor Whitmore)
08. Black Lung
09. Fastest Man Alive
10. The Mine

Steve Earle
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New West Records
Pias – Rough Trade
Oktober Promotion

Kenny Chesney – Here And Now – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Erfolg als ‚Markenzeichen‘ zu ‚installieren‘ und immer wieder neu aufzulegen, ist in fast 25 Jahren Musikbusiness nur wenigen Künstlern gelungen. Kenny Chesney ist so ein Charakter, dessen musikalisches Talent, gepaart mit Performer-Qualitäten und persönlichen Marketing-Strategien, seit langen Jahren sein Publikum begeistert.

Doch dies erklärt nicht allein die erstklassigen Auftritte des US-amerikanischen Country-Sängers, der gerade in einer sehr schwierigen Zeit seine neue Scheibe „Here And Now“ veröffentlicht hat. Zu einem Zeitpunkt, der andere Künstler und ihre Labels zu Pausenzeichen und Zurückhaltung zwingt, legt Chesney im Vertrauen auf seine Popularität und begeisterte Resonanz der Fans dennoch eine lebenslustige und zugleich warmherzige Platte vor.

Das von seinem erfahrenen Produzenten Buddy Cannon in Kooperation mit Ross Copperman entstandene 19. Album, wirkt wie eine Ansammlung von Highlights, die ihre eigene Qualität von Beginn an nicht verbergen müssen. Schon der Einsteiger „We Do“ wirkt wie eine Hymne an seine Fan-Gemeinde, ein rockiger Stadionsong mit Aufforderung zur Party und der eindeutigen Refrain-Frage „Who Gets To Live Like We Do?“, die von seiner „No Shoes Nation“, – der Kenny Chesney-Fan-Base – lautstark beantwortet wird.

Auch als zweiter Kracher ist der Titelsong „Here And Now“ ein schnelles Rock-Stück, das seine positive Verwandtschaft mit alten Bachman-Turner-Overdrive-Kunststücken munter unter Beweis stellt.

Die typische Country-Geschichte folgt in „Every One She Knows“, über eine Frau, die in ihrem eigenen Lebensstil verfangen letztendlich den Fortschritt der Zeit verpasst und allein altert. Überhaupt sind es immer wieder die typischen Lebenssituationen, die Chesney stilsicher in seinen Texten aufgreift und damit alltägliche Probleme der „kleinen“ und „großen“ Leute beschreibt, wie z. B. in „Wasted“, über die Erinnerungen eines Rockstars.

Chesneys Stärke ist es dabei regelmäßig, seine Fans in diese Erzählungen einzubinden und Vertrauen in die Echtheit und Glaubwürdigkeit seiner Songs aufzubauen. Er berichtet auch mal im Walzertakt („Knowing You“), warmherzig und vorsichtig über jemanden, den man gerne gekannt hat und den man sehr vermisst.

Ein weiterer, schöner Höhepunkt ist die Hommage an den guten, alten Tom Petty, der im Stück „Heartbreakers“ wie neu geboren daher kommt und als Southern-Klassiker inszeniert wurde. Überhaupt ist die auffallende Perfektion des Albums, der Wechsel von vermeintlich typischen Country-Nummern und ansprechenden „Gute Laune“-Songs im Stile von „Happy Does“ hervorragend geeignet, die Fans generationenübergreifend mitzunehmen; ein Beispiel ist der einfühlsame Track „Tip Of My Tongue“ mit Ed Sheeran als Co-Writer. Kein Wunder also, dass die Single bereits vor Monaten als Pre-Release erfolgreich war.

Auch tiefschürfende Momente in der Ballade „You Don’t Get To“ klingen nicht als übertriebene Emotionen, sondern bestätigen ausdrucksstark Chesneys Image als Kumpel-Typ, der unbestritten authentisch und diesmal akustisch im Mitsing-Highlight „Beautiful World“ wieder in die lebensfrohe Phase einsteigt. Dass er mitunter ebenso ein Herz für Leute entwickelt, die ihr Geld auf hoher See verdienen ist bei der minimal instrumentierten, aber zärtlichen Ehrung in „Guys Named Captain“ nicht nur schön und glaubwürdig anzuhören, es vermittelt gleichfalls den Eindruck eines ganz persönlichen Ausklangs des Longplayers.

Kenny Chesney hat mit „Here And Now“ ohne Zweifel sein nächstes Number-One Album vorgelegt. Die Grundaussage seiner hochklassigen Songs verleiht der Country Musik gerade in Zeiten von Social Distancing das Ansehen einer über die Krisenzeit hinaus wirkenden Come Together (No Shoes) – Nation.

Warner Music (2020)
Stil: New Country

01. We Do
02. Here And Now
03. Everyone She Knows
04. Wasted
05. Knowing You
06. Heartbreakers
07. Someone To Fix
08. Happy Does
09. Tip Of My Tongue
10. You Don’t Get To
11. Beautiful World
12. Guys Named Captain

Kenny Chesney
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Oktober Promotion

Renee Hose – The Other Side – CD-Review

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Review: Jörg Schneider

Renee Hoses Leidenschaft für Musik begann schon sehr früh. Bereits als vierjährige brachte sie sich das Klavierspielen bei. Kein Wunder, schließlich stammt sie aus einer musikalisch veranlagten Familie in Baltimore. In den achziger Jahren tourte die Pastorentochter mit einer christlichen Rockband namens CrossRoads und 1993 gewann sie sogar einen Songwriting-Wettbewerb auf einem Musikfestival in Delaware.

Aus privaten Gründen folgte eine rund 12 Jahre andauernde musikalische Pause. Nach der Trennung von ihrem Ehemann beschloss Renee Hose zu ihren musikalischen Wurzeln zurückzukehren. Mit ihrer Band Relentless Fire und ihrem Duo „Acoustic Fire“ ist sie heute ein gern gesehener Gast in lokalen Clubs und Bars.

Nun legt sie ihr erstes Soloalbum vor, produziert von Renees Sohn Nathan in den Attic Studios in Harrisburg. Mit dabei ist Steve McWilliams, ihr langjähriger Leadgitarrist, der auch in ihrer Band Relentless Fire in die Saiten greift. Mit acht Tracks ist ihr Erstlingswerk allerdings nicht allzu opulent ausgefallen.

Dafür geht es mit dem Titelsong „The Other Side“ sofort richtig zur Sache, ein kraftvoller Song, in dem sich bombastische Rockklänge mit etwas ruhigeren Passagen, getragen von Renees Alt-Stimme, abwechseln. Gegen Ende des Tracks können dann auch noch Steve McWilliams virtuose Gitarrenkünste bewundert werden.

„Smokescreen“ besticht durch eine, den Song dominierende kräftige Basslinie, die sich wie ein sich wiederholendes Motiv durch gesamten Titel zieht, auch hier untermalt von Steves Leadgitarre. Im gleichen Hardrock-Stil präsentiert sich ebenfalls „Hell Fire And Holy Water“ mit dröhnenden, stampfenden Basslinien und teils feiner Leadgitarre im Hintergrund.

Die nun folgenden fünf Songs des Albums stehen in krassem Gegensatz zu den ersten drei Hardrock-Stücken. Nicht nur, dass es alles sehr melodiöse Stücke sind, ihre Spieldauern bewegen sich auch fast alle im fünf Minutenbereich oder sogar darüber. „Down Easy“ ist z. B. ein herrlich bluesiges Teil mit leichten Countryeinflüssen, während der Song „Content“ mit Pianountermalung luftig und blumig daher kommt und zum Träumen einlädt.

Eine ruhige Ballade ist „Be Careful“. Mit dem Refrain „Be Careful what you do, God is watching you“ regt der religiös angehauchte Song zum Nachdenken und zur inneren Einkehr an. Das Stück „Ever Present“, beschäftigt sich mit unvergänglicher und immer präsenter Liebe. Es ist ein nahezu reines Pianostück mit zarten Streichern im Hintergrund. Akustische Gitarrenklänge, dezente Percussion und natürlich Renee Hoses einfühlsame Stimme bilden nach gut 35 Minuten Musikgenuss die tragenden Elemente von „Never Cease To Amaze Me“, dem Schlussstück des Albums.

Insgesamt beweist Renee Hose mit ihrem Debütalbum ihre vielfältigen musikalischen Fähigkeiten, wobei ihre Ausflüge in die Rockgefilde an sich nicht schlecht sind, die ruhigen bluesig-ballarden-artigen Stücke aber ehrlicher und authentischer rüber kommen. Vielleicht liegt es ja ihrer sauberen Stimme, die für harten Rock oder Blues Rock einfach nicht ‚dreckig‘ genug klingt. Aber das ist wie vieles im Leben ja auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Eigenproduktion (2020)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. The Other Side
02. Smokescreen
03. Hell Fire And Holy Water
04. Down Easy
05. Content
06. Be Careful
07. Ever Present
08. Never Cease To Amaze Me

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SUSU – Panther City – EP-Review

SuSu2

Review: Michael Segets

Im letzten Jahr rockte The Liza Colby Sound mit einem wilden Mix aus Led Zeppelin und Tina Turner die europäischen Bühnen. Frontfrau Liza Colby kam Anfang dieses Jahres direkt mit ihrem neuen Bandprojekt SUSU zurück und legte mit Kia Warren als kongenialen Partnerin noch eine Schippe drauf. Die mit freizügigen Outfits gewürzte Bühnenshow und die extravagante Mischung aus Indie und Classic Rock fand begeisterten Zuspruch und die Mundpropaganda wirkte: Obwohl noch keine Tonträger in den Regalen standen, waren einige Konzerte sehr schnell ausverkauft. Corona bereitete der Supernatural-Tour jedoch ein jähes Ende, daher bleibt jetzt erst einmal nur, sich mit der Debüt-EP der Band zu trösten.

„Panther City“ bietet fünf Tracks, die die musikalische Spannweite von SUSU abbildet. Der Opener „Work Song“ lässt den Rock der siebziger Jahre mit entsprechend ausgiebigen Instrumentalpassagen wieder aufleben. Auch zum Abschluss gibt es mit „Slow Death“ nochmal eine rockige Nummer, bei der sich die beiden Damen mit ihrem Soul in der Stimme am Mikro prima ergänzen.

Langsamer ist das dennoch kraftvolle „It Can’t Be Over“. Die dunklen Gitarren unterstützen die Dynamik des Refrains, sodass das Stück schnell ins Ohr geht. Höhepunkt der Scheibe ist aber „Break You”, das eine fast schon hypnotische Wirkung entfaltet. Der Grundrhythmus des Stückes ist sehr gleichförmig, die treibenden Akkorde einer akustischen Gitarre in Kombination mit dem faszinierenden – stellenweise unterkühlt wirkenden – Gesang entwickeln allerdings eine besondere Stimmung, in die man gerne eintaucht.

Von den anderen Titeln hebt sich „Rolling Calf“ dadurch ab, dass Rhythmus und Keys Reggae-Atmosphäre versprühen. Da schlagen die karibischen Wurzeln der beiden Damen durch. Liza Colby hatte bereits ihre Affinität zum Reggae bei „Wild About You“ bewiesen, das sie zusammen mit Johnny Burgos aufnahm.

Kia Warren ist die Frontfrau von Revel In Dimes und lebt ebenso wie Liza Colby in New York. Den Grundstein für SUSU legte die zeitweise Vereinigung von Revel In Dimes mit The Liza Colby Sound zu Revel Sound im Jahr 2017. Dass sich Warren und Colby entschlossen, die Zusammenarbeit zu intensivieren, war eine gute Idee.

Sowohl auf der Bühne als auch im Studio harmonieren die beiden Damen. Im Vergleich mit der letzten Veröffentlichung von The Liza Colby Sound „Object To Impossible Destination“ erscheint das Songwriting auf „Panther City“ einen Deut abwechslungsreicher und einprägsamer. SUSU bietet auf ihrer EP frische Frauenpower, die den Rock der Siebziger in attraktiver Form modernisiert.

Eigenproduktion (2020)
Stil: Rock

Tracks:
01. Work Song
02. Rolling Calf
03. It Can’t Be Over
04. Break You
05. Slow Death

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