Hayseed Dixie, Support: Wally, 14.06.2019, Musiktheater Piano, Dortmund – Konzertbericht

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Unterhaltung pur, gestern Abend im Musiktheater Piano in Dortmund! Just in dem Moment, wo das Unternehmen, in dem ich seit fast 30 Jahren gerne gearbeitet habe, mich im letzten Viertel meines Berufslebens, Mantra-artig mit Sekten-mäßig anmutenden Weiterbildungen und neu errichteten ‚Open Spaces‘ (Großraumbüros…), auf die wunderbaren Vorzüge und Chancen der Digitalisierung (ohne jegliche kritische Hinterfragung) einzuschwören gedenkt, gleicht so ein Konzert wie aus der guten linearen alten Zeit der Rockmusik, ganz viel Balsam für die geschundene Seele.

Die Bluegrassrocker von Hayseed Dixie sorgten mit ihren eigenwillig semi-akustisch countrifizierten Covernummern bekannter Genre-Klassiker, vermischt mit ein paar Eigenkompositionen und deutschem Liedgut(!), für einen launigen Einstieg ins Wochenende.

Der Auftakt war allerdings dem talentierten Mannheimer Musiker André Wahlhäuser, alias Wally, vergönnt, der in Tradition von Musikern wie Niedecken, Stoppok oder Maahn, in lockerer und oft selbst-ironischer Manier, die Begebenheiten des monogamen Künstlerlebens in seinen deutschsprachigen Songs reflektierte. Er präsentierte dabei aus seiner aktuellen EP „Unter deinem Licht“, authentisch wirkende Tracks wie „Sag‘ mir wann der Flieger geht“, „Du bist der Teufel“ oder „Alles kommt, nix geht… Mehr“.

Als Unterstützung assistierte ihm bei einem Song, die Frontfrau der Berliner Deutsch Rock-Combo Bonsai Kitten, Tiger Lilly Marleen. Launiger Höhepunkt seiner Performance war der „Kackvogel vorm Fenster“, der den Protagonisten, nach durchzechter Nacht, mit seinem Gezwitscher am Fenster in den frühen Morgenstunden, um den wohl verdienten Schlaf brachte. Ein versierter Musiker (auch mit guter Gitarrenarbeit bei gleichzeitiger Fußperkussion), mit dem Herz am rechten Fleck und schöner Kontrast zu den heutigen, Medien-protegierten Weichspülern à la Foster & Co.

Als in der kurzen Umbauphase eine Wanne mit reichhaltig Eis und Bierflaschen befüllt wurde und anschließend Mandolinenspieler Hippy Joe Hyma in seinem urigen Hosenanzug, der scheinbar nur noch von den vielen aufgenähten Stickern zusammengehalten wird, samt Whiskeyflasche und seinen Mitstreitern John Wheeler, Tim Carter und Jake ‚Bakesnake‘ Byers (eine imposante holzfällerartige Erscheinung mit Händen so groß wie Klodeckel) die Bretter des Pianos betraten, konnte man schon die beschwingte, feucht-fröhliche Richtung des Abends antizipieren.

Das um die Jahrtausendwende zunächst als AC/DC-Coverband konzipierte Quartett, gab dann auch ein furioses Feuerwerk bluegrassig-rockiger Nummern bekannter Größen wie AC/DC, Black Sabbath, Aerosmith, Journey (stark „Don’t Stop Believin'“), Toto, Motörhead, Queen (herrlich eigenwillige Version), Survivor, etc., zum Besten, überzeugte allerdings auch mit Stücken aus eigener Feder wie u. a. „Kirby Kill“, „Tolerance“ oder dem melodischen „I’m Keeping Your Poop (In A Jar)“, das zu meinem Lieblingsstück des Abends avancierte.

Klasse auch „Woah Woah“, bei dem Tim Carter, der mit filigranem Banjo-Spiel, sowohl für die musikalische Brillanz der Truppe stand, als auch im weitesten Sinne den ruhenden Pol abgab, einmalig die Lead Vocals übernahm. Die hatte natürlich maßgebend die einzige Konstante der Band, John Wheeler, inne, der vor allem mit seinen deutschen Sprachkenntnissen und Liedern wie u. a. „Schnaps, das war sein letztes Wort“ oder „Die richtige Zeit für Schwarzbier“, sowie seiner sympathischen, kommunikativen und mitnehmenden Art, beim gesangssicheren Publikum punktete.

Die Stücke lebten natürlich auch von den fortwährenden Solo-Kombinationen mittels Banjo und Mandoline, die nahezu in jedem Track eingestreut wurden. Dabei fegte der positiv-verrückt erscheinende immer Grimassen-schneidende Hippy Joe Hymas mehrfach wie ein Derwisch von der Bühne durch die Audienz von Dortmunds Parade-Location.

Als im langen Zugabenteil Songs wie „T.N.T“, „Corn Liquer“, „Walk This Way“, „Hihway To Hell“ (mit integrierten „Free Bird“, „Tiny Dancer“ und „Eternal Flames“) fast Medley-artig ineinander griffen, gab es im begeistert mitgehenden Publikum schon längst kein Halten mehr. Eine einzigartige Hayseed Dixie-Party, bei der gesungen, getrunken und begeistert abgerockt wurde. So muss Live-Unterhaltung aussehen.

Kompliment an die Herren Wheeler, Carter, Hymas und Byers, die sich nach dem Konzert auch noch für den persönlichen Kontakt ausgiebig am Merchandising-Stand Zeit nahmen (lustiger Weise sogar gesanglich während des Gigs angekündigt) und am Ende für das Foto mit unserem Logo nochmals auf die Bühne des Pianos zurückkehrten. Insgesamt eine tolle Sause mit Hayseed Dixie. Eine Band, die man live erlebt haben sollte. Exponentiell hohe Ausschüttung von Glückshormonen garantiert!

Line-up Wally:
André „Wally“ Wahlhäuser – Lead vocals, semi acoustic guitar, percussion
Tiger Lilly Marleen – Vocals

Line-up:
John Wheeler (alias Barley Scotch) – Lead vocals, semi acoustic guitar, vocals
Tim Carter – Banjo, vocals, lead vocals
Hippy Joe Hymas – Mandoline
Jake ‚Bakesnake‘ Byers – Bass, vocals

Bilder: Gernot Mangold
Bericht: Daniel Daus

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Musiktheater Piano
3Dog Entertainment

The Sheepdogs – 10.06.2019, Yuca Club, Köln – Konzertbericht

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Nach einem starken Auftritt als Support der Rival Sons im Frühjahr kamen die Sheepdogs im Rahmen der eigenen Tour wieder in die Domstadt. Als Location wurde der Yuca Club in Köln-Ehrenfeld gewählt, was sich in mehrerlei Hinsicht als gute Entscheidung erwies.

Der mit etwa 180-200 Besuchern gut gefüllte Club in einem Bogen unter dem Ehrenfelder Bahnhof, hatte genau die richtige Größe und auch das Ambiente, mit dem erst in diesem Jahr fertiggestellten Außengelände samt mediterranen Flair, zeigte sich als Kleinod in der vielfältigen Kölner Clubszene.

Nach einem etwa 30-minütigen Auftritt der Londoner Band Creatures, deren eigenwilliger Beatmusik-Sound, z.T. mit psychedelischen Doors-ähnlichen Einschlägen, vom Publikum, wohlwollend aufgenommen wurde, betraten die Sheepdogs nach einer relativ kurzen Umbaupause die Bühne, die recht spartanisch ausgeleuchtet war.

Dafür zauberten die Kanadier aber einen vollen klaren Sound in die Halle unter den Bahngleisen. Die Band machte auch visuell deutlich, woher sie kommt. Über den Keyboards hing eine große Flagge des kanadischen Prairie-staats Sascatchewan.

Schon mit dem ersten Song „Who“ zeigte die Band in welche Richtung sich der Abend gestalten sollte. Mit zwei Gitarren, Keyboards, Drums und Bass wurde ein klasse Southern-Song auf die Bretter gelegt und die Halle war im Sturm erobert.

Im Mittelpunkt standen dabei Ewan Currie, der zu den meisten Tracks den Leadgesang beisteuerte, sowie mit starken Rhythmus- und Solo-Gitarrenspiel glänzte und Jimmy Bowskill, der in nahezu jedem Lied furiose Gitarrensoli einstreute.

Interessant waren dabei die verschiedenen Charaktere der beiden. Während Currie, passend mit Jeans und „Holzfällerhemd“ gekleidet, mit scheinbar stoischer Ruhe und Gelassenheit als Sänger glänzte und zum einen oder anderen Song eine kurze Anekdote beitrug, schien Bowskill insbesondere bei den Soli auf der Bühne zu explodieren und dabei seine goldfarbene Gibson wie ein Derwisch zu bearbeiten.

Ein Highlight war dabei gegen Ende des Sets, als er offenbarte, dass man zum Sliden keinen Bottleneck benötigt. Eine Flasche Bier tut es im Notfall auch, wobei Bowskill vermutlich die schäumende Wirkung der fast vollen Bierflasche zu unterschätzen schien. Sei es Drum, kurz nach dem Konzert schnappte sich Jimmy ein Tuch und säuberte den Gitarrenhals gründlich.

Aber auch die anderen Bandmitglieder sollten nicht außer Acht gelassen werden. Ryan Gullen am Bass, der wild hin und her wippend sein Instrument gekonnt bearbeitete, sorgte mit Sam Corbett an den Drums für eine starke Rhythmussektion. Beide unterstützten zudem mit passenden harmonischen Backgroundgesang.

Last but not least erzeugte Shamus Currie an den Keyboards in vielen Songs ein Southern-Flair der besonderen Klasse, wobei er zum Teil klanglich untermalte, aber auch tolle Soli in die Halle zauberte.

In einem Konzert, in der alle Schaffensphasen der letzten 8 Jahre gebührend in der Setlist berücksichtigt waren, jagte ein Highlight das nächste, und mehrfach wurde vom Sound her deutlich, dass die Allman Brothers unter anderen zu den Vorbildern der Band gehörten.

Es fällt schwer, einige Stücke aus diesem starken Gig hervorzuheben. Besondere Momente waren aber, als Shamus Currie die Keyboards an seinen Bruder übergab und bei „I Ain`t Cool“ und „Help Us All“ offerierte, dass auch eine Posaune geeignet ist musikalische Leadparts im Southernrock beizusteuern.

Ganz stark auch das im Allman-Stil fast schon beschwingt gespielte „Southern Dreams“ und die in ein Countrygewand gekleidete Hommage an Ihr Heimatland „Up In Canada“ mit tollen Harmoniegesängen, wechselweisen Soloparts der beiden Gitarristen und des Keyboarders. .Mit „Feeling Good“ legten die Sheepdogs einen fulminant stampfenden Rocksong hin, der auch in jedes BTO Konzert gepasst hätte.

Als man dachte, besser geht es nicht mehr, setzten die Kanadier mit „Nobody“ zum Ende des Sets noch einen oben drauf. Ewan Currie und Jim Bowskill brachten zunächst einen fast tänzelnden Sound auf die Bühne, den Shamus Currie an den Keyboards untermalte, um nach einiger Zeit als dritter Gitarrist mitzuwirken, wobei sich die Drei über mehrere Minuten mit einem Solo nach dem anderen duellierten.

Der Song hat auf jedem Fall das Zeug zu einer Art Hymne der Band zu werden. Danach verließ das Quintett unter tosendem Applaus die Bühne, um nach kurzer Zeit für zwei Zugaben zurückzukehren.

Den Anfang machte “The Way It Is“, gefolgt von der einzigen Covernummer des Abends, „Ramblin`Man“ von den Allman Brothers. Hier glänzte zunächst Bowskill als Leadsänger und zeigte, dass er im Gitarrenspiel auf einer Ebene mit den Größen der Southernrock Szene einzuordnen ist.

In den knapp 100 Minuten bewiesen die Sheepdogs, dass sie sich weder hinter den Veteranen des Southern Rocks, wie Lynyrd Skynyrd & Co., noch hinter den zur Zeit angesagten Acts wie z. B. Blackberry Smoke zu verstecken brauchen.

Wenn es der Band gelingt, insbesondere in dieser Besetzung die Spielfreude und ihr Charisma zu konservieren, braucht man um die Zukunft des Southern Rock keine Angst zu haben und es wird noch einige magische Liveabende geben, dann vermutlich aber in größeren Locations.

Ich möchte mich an dieser Stelle auch noch einmal herzlich bei Jimmy Bowskill bedanken, den ich beim Rival Sons-Gig, kennengelernt hatte, und mich dort schon zur heutigen Veranstaltung einlud und mich auf die Gästeliste setzte.

Nach dem Konzert nahm er sich nicht nur Zeit für das Erfüllen zahlreicher Autogrammwünsche, sondern hatte noch genügend Zeit mit Marcus Neu, den er schon mehrere Jahre kennt und mir über das vorausgegangene Konzert zu fachsimpeln. Es ist immer wieder schön, solch gut gelaunte bodenständige Musiker zu erleben, die sich auch nach dem Konzert noch auf die Fans einlassen.

Lobenswert war auch der gut ausgesteuerte differenzierte Sound, sowie das sehr sympathische Personal des Yuca Clubs. Das Einzige was etwas fehlte, war ein bisschen mehr Licht, sodass man das quirlige Gitarrenspiel und die Fingerfertigkeit der Musiker visuell noch besser hätte beobachten können. Dies ist nicht falsch zu verstehen und Jammern auf hohen Niveau, es war ein klasse Konzertabend und der würdige Abschluss eines schönen Pfingstwochenendes.

Ewan Currie – Guitar and lead vocals
Ryan Gullen – Bass and backing vocals
Sam Corbett – Drums and backing vocals
Shamus Currie – backing Vocals and keys
Jim Bowskill – Guitar and backing vocals

Text und Bilder: Gernot Mangold

The Sheepdogs
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Yuca Club Köln

Kyla Brox – Pain & Glory – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

In die elterliche Blues-Band hineinzuwachsen und das Talent und die Leidenschaft für die Kunst der richtigen Töne zu entwickeln, ist sicherlich nur ganz wenigen Kindern von klein auf als Werdegang in die musikalische Wiege gelegt worden.

Dass die englische Blues-Sängerin Kyla Brox diese Erfahrungen schon bis ins Teenageralter sammeln konnte und mit „Pain & Glory“ bereits das neunte Album eingespielt hat, ist daher fast eine natürliche Folge der hervorragenden Ausbildung dieser frühen Begabungen.

Gleichzeitig konnte die über Jahrzehnte erprobte Entfaltung gesanglicher- und Songwriter-Fähigkeiten nicht verborgen bleiben und wurde leider erst 2018 in England und 2019 in Europa mit dem Blues Challenge Award belohnt. Auszeichnungen, die nicht nur Insidern den längst überfälligen Aufstieg von Kyla Brox offenbarten.

Und genauso klingt das aktuelle Album: Eine Herausforderung von 15 Eigenkompositionen und einem besonderen Songcover, die 60 Minuten feine und abwechslungsreiche Blues Unterhaltung bietet, – immer stilsicher in den Bereichen Soul, R&B, Blues Rock, Gospel und Pop.

Einen ersten Beweis hierfür liefert der Einsteiger-Track „For The Many“ ab, als volles Programm im Big Band Blues. Beim folgenden Titelsong „Pain & Glory“, einem langsamen Soul-Blues mit satten Bläser-Sätzen wird die Erkenntnis mehr als bestätigt, dass Kylas Stimme im Vordergrund der Arrangements die eigentliche Power und Eleganz auf allen Stücken ausmacht; so auch beim gefühlvoll swingenden R&B-Sound auf „Sensitive Soul“ und dem geradezu groovenden „Bluesman’s Child“, in mitreißender Song-Dynamik unverkennbar und im Text autobiographisch.

Die Wechselwirkung der sehr unterschiedlichen Songideen ist bemerkenswert und reicht vom funkigen Soul-Stück „Let You Go“ im Stile einer jungen Aretha Franklin, hin zu „Devils Bridge“, einem kurzen, ca. 2-Minuten-Track à la Sade. Über den typischen Blues-Rock mit erfrischendem Harmonika-Solo in „Bloodshot Sky“, bis zum traditionellen R&B-Shuffle inklusive altbewährtem Saxophon folgt die weitere Auswahl.

Eine schöne Piano-Ballade „Choose Life“ fehlt ebenso wenig, wie der Swing-Blues in „Top Of The World“ als effektvolle Variante. Und überall ist Kyla Brox in ihrem Element mit begeisterungsfähiger Stimmgewalt und temperamentvoller Blues-Power, wie im ausdrücklich zu nennenden Top-Stück „Don’t Let Me Fall“, das zwischen Soul und Pop angesiedelt ist und durch Paul Farrs E-Gitarre in ein rockendes Erlebnis gesteigert wird.

Dass die Ausstattung des Paperbacks ein schönes Poster, Texte enthält und selbstverständlich alle Bandmitglieder genannt werden ist eine willkommene Zugabe der insgesamt „runden“ Produktion.

Kyla Brox hat mit ihrem neuen Longplayer „Pain & Glory“ eine facettenreiche Blues-Platte abgeliefert, die durch ihre Liebe zur Musik offenkundig glänzt. Wer sich sogar traut, Leonard Cohen zu covern und ein 7-Minuten-Kunstwerk vom Song „Hallelujah“ anzubieten, zeigt überzeugendes Selbstvertrauen und eine vielseitige Persönlichkeit.

Pigskin Records (2019)
Stil: Blues

Tracklist:
01. For The Many
02. Pain & Glory
03. Sensitive Soul
04. Bluesman’s Child
05. Bloodshot Sky
06. Choose Life
07. Devil’s Bridge
08. In The Morning
09. Compromise
10. Let You Go
11. Away From Yesterday
12. Lover’s Lake
13. Don’t Let Me Fall
14. Manchester Milan
15. Top Of The World
16. Hallelujah

Kyla Brox
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Brooke Lynn Promotion

Chris Shiflett – Hard Lessons – CD-Review

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Review: Michael Segets

Chris Shiflett bringt mit „Hard Lessons” bereits sein viertes Studioalbum seit 2010 heraus. Bekannt dürfte er vor allem als Gitarrist der Foo Fighters sein. Der Sound von Shiflett unterscheidet sich allerdings deutlich von dem der Band um Dave Grohl. Er klingt erdiger und weniger aggressiv. Deutliche Rhythmen und differenzierte Gitarrenarbeit prägen Shifletts Songs, die eher dem Heartland Rock zuzuordnen sind.

Shifletts Longplayer überzeugt vom ersten bis zum letzten Titel. Die Scheibe wirkt entspannt, hat aber dennoch Biss. Shiflett muss nichts mehr beweisen und spielt unverkrampft auf. Dabei trifft er mit seinem guitardriven Roots Rock souverän das richtige Tempo.

Obwohl die Tracks allesamt gelungen sind, begeistert mich der Opener „Liar’s Word“ am meisten. Das mit einem Southern-Hauch versehene „The Hardest Lessons“ ist ebenso hervorragend. Nur um Nuancen dahinter folgen „Welcome To Your First Heartache“, „Weak Heart“ und „Marfa On My Mind“, die durch ihre eingängige Struktur überzeugen.

Shiflett bietet aufs Wesentliche reduzierte Rocksongs, bei denen sein Gitarrenspiel für unaufdringliche, jedoch gelungene Akzente sorgt. Als Gastgitarristen holt er sich für die erste vorab veröffentlichte Single „This Ol‘ World“ Laur Joamets (Sturgill Simpson) hinzu.

„Fool’s Gold“, „I Thought You’d Never Leave“ sowie „Leaving Again“ sind tendenziell einen Tick langsamer als die anderen Titel, gehen aber ebenfalls direkt ins Ohr. Die Country-Rock-Nummer „The One You Go Home To“ sticht auf der ansonsten homogenen Tracklist heraus. Das Duett mit Elizabeth Cook entwickelt einen genretypischen Twang, zu dem Paul Franklin (Vince Gill, Dire Straits) die Pedal Steel beisteuert.

„Hard Lessons“ wurde von Dave Cobb (Jason Isbell, Shooter Jennings, Chris Stapleton, Colter Wall, Whiskey Myers), der zuletzt mit dem vor zwei Wochen erschienen Debüt-Album von Ian Noe hervorragende Arbeit ablieferte, klar und auf den Punkt produziert. Die Aufnahme des Albums erfolgte im RCA Studio A in Nashville.

Shiflett rekrutierte mit Chris Powell (Brent Cobb) und Brian Allen (Jason Isbell) eine erfahrene Rhythmus-Section sowie für den Feinschliff Keyboarder Michael Webb (Ashley Monroe, Eli Young Band) und Backgroundsängerin Kristen Rogers (Anderson East, Lori McKenna).

Die kurzen Gitarreneinlagen integrieren sich stets prima in die jeweiligen Song. Lediglich bei dem instrumentalen Abschluss „The Hardest Lessons (Reprise)“ lässt Shiflett seinen Fingern freien Lauf. Das Stück wird langsam hochgesteuert und endet mit einem Lachen.

Dafür hat Shiflett auch allen Grund. Ihm ist mit „Hard Lessons“ ein erfrischendes Album gelungen, das man getrost durchlaufen lassen kann. Einziger Wehmutstropfen ist, dass es bereits nach einer guten halben Stunde verklungen ist.

East Beach Records & Tapes/Thirty Tigers/Alive (2019)
Stil: Rock

Tracks:
01. Liar’s Word
02. This Ol’ World
03. Welcome To Your First Heartache
04. The Hardest Lesson
05. The One You Go Home To
06. Fool’s Gold
07. I Thought You’d Never Leave
08. Weak Heart
09. Marfa On My Mind
10. Leaving Again
11. The Hardest Lessons (Reprise)

Chris Shiflett
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Ash Wilson Trio – 08.06.2019, topos, Leverkusen – Konzertbericht

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Der Name der britischen Familie Wilson taucht, was unsere Live-Berichterstattungen in der ersten Jahreshälfte betrifft, jetzt bereits schon zum dritten Male auf. Zunächst sorgte Ashley mit seinem fulminanten E-Gitarrenspiel für die Würze bei Sari Schorrs Auftritt in Dortmund, dann legte Bruder Philip mit seiner Drum-Power die Grundlage bei Laurence Jones‘ starker Performance in Arnheim und jetzt war wieder Ashley in eigener Sache unterwegs und machte im Rahmen einer Einladung für das 20. Fürther New Orleans-Festivals, quasi als Generalprobe, noch einen Stop als Ersatz für den erkrankten Ben Poole, im Leverkusener topos.

Das Verhältnis in der britischen Blues Rock-Szene scheint von einem hohen Maß an Kollegialität gezeichnet zu sein, immer wieder erleben wir eine Durchmischung der diversen Acts, man hilft sich untereinander. So konnte Ash jetzt seine hier bisher eher etwas weniger bekannten Fronter-Qualitäten, mit dem viel auch als Produzent beschäftigten und umtriebigen Wayne Proctor (u. a. King King, Ben Poole, Ryan McGarvey) am Schlagzeug und Bassist Steve Amadeo (Ian Parker, Aynsley Lister), in exquisiter Umgebung präsentieren, wobei sein erstes Soloalbum „Broken Machine“, nebst einem brandneuen Song („I’m Gonna Get You“) und ein paar Cover-Nummern, natürlich den Löwenanteil inne hatte.

Der Teil der Leute, der dem Treiben der Frankfurter Fußball-Mafia in Weißrussland vor der Glotze an diesem Abend die kalte Schulter gezeigt hatte, sollte sein Kommen nicht bereuen. Die drei Burschen lieferten ein Lehrstück in Sachen moderner Interpretation des Blues Rock-Genres ab, das sich vor allem durch instrumentelle Finesse, Spielfreude und Teamgeist auszeichnete, sprich, die Freude im Kollektiv zu Performen, war omnipräsent.

Ash Wilson, der bis auf eine Ausnahme („Words Of A Woman“) mit einer mintgrün-weißen Stratocaster ‚unterwegs‘ war, stieg samt seiner beiden Begleiter, mit dem psychedelisch-umwehten „Peace And Love“ (klasse hier direkt seine Zwischengesangspassage ohne Mikro) in den Gig ein. „World’s Gone Crazy“ (70er-Flair), das shufflig groovende „The Revalator“, die beiden Peter Green-angehauchten „The Hitcher“ und „The Whiskey Blues“ (ganz stark!), sowie der Titeltrack des besagten Albums (mit dezenten David Gilmour-Kurz-Fills), erzeugten zurecht reichhaltigen Applaus der Anwesenden.

Der Protagonist sorgte mit seiner sympathischen und kommunikativen Art (sagte viele Stücke an und gab auch, wie zum Beispiel vor „Words Of A Woman“, kleine Anekdoten zur Entstehung Preis) für eine ausgezeichnete Atmosphäre und ließ zum Teil atemberaubende quirlige Soli vom Stapel. Wayne Proctor zeichnete sich durch sein bewährtes Feingefühl am Schlagzeug aus, das sich von angebrachter Zurückhaltung, bis zu Gas geben in der entsprechenden Situation, abbildete. Steve Amadeo erwies sich dabei als kongenial zupfender Rhythmus-Partner, nicht zuletzt erkennbar bei seinem fulminanten Solo bei „Out Of Time“ im zweiten Abschnitt des Gigs.

Der brachte auch, wie schon zuvor, mit Stücken wie unter anderen dem rockigen „Show Me How To Love You“, den sehr gut gecoverten „Drivin South“ (Hendrix-Instrumentalnummer) und „Real Mutha For Ya“ (Johnny Guitar Watson), dem ebenfalls funkigen „Lonely Room“, bis zum abschließenden „Queens Of The Stoneage-Song „Make It Wi Chu“ (mit launiger Publikums-Mitsing-Interaktion), ein hohes Maß an Qualität an den Tag, und legte in der Intensität sogar noch zu.

Trotz der anstrengen Anreise von der Insel und dem bevorstehenden Festival sam Fahrt dorthin, schonte sich das Trio nicht und bewies mit „Oh Well/Green Manilishi“ in der Zugabe, nochmals seine Empathie für Greensches Wirken als wichtiger Einflussgeber der Szene.

Am Ende signierte Ashley noch seine an die Frau, beziehungsweise an den Mann gebrachten CDs, redete bei einem Gläschen Rotwein, noch ein Weilchen mit uns und stand mit den Kollegen natürlich auch für das obligatorische SoS-VIP-Bild Spalier. Ein toller Abend mal wieder in Leverkusens Musik-Kultstätte! Auch die Besucher in Fürth dürfen sich heute auf filigrane Blues Rock-Kost vom Feinsten freuen.

Line Up:
Ashley Wilson – Lead vocals, electric guitar
Steve Amadeo – Bass
Wayne Proctor – Drums

Bilder: Gernot Mangold
Facebook-Video: Klemens Kübber
Text: Daniel Daus

Ash Wilson
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Lukas Nelson & Promise Of The Real  – Turn Off The News (Build A Garden) – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die alten Country-Legenden geben allmählich den Staffelstab weiter an die nächste Generation. Zu denken wäre da an Waylon und Shooter Jennings, Steve und Justin Townes Earle oder Willie und Lukas Nelson. Die Söhne führen zwar einerseits die Traditionslinien ihrer Väter fort, schlagen aber andererseits ihre eigenen musikalischen Wege ein, sind mittlerweile selbst schon im Musikgeschäft etabliert und haben sich bereits einige Reputation erarbeitet.

Lukas Nelson konnte durch seine Mitwirkung an dem Film „A Star Is Born“ sowie dem dazugehörigen Soundtrack zuletzt einen großen Erfolg verbuchen. Nach der Zusammenarbeit mit Lady Gaga und Bradley Cooper bringt Lukas Nelson mit seiner Band Promise Of The Real nun ein neues Studioalbum „Turn Off The News (Build A Garden)” an den Start, auf dem einige bekannte Gäste mitwirken, so Shooter Jennings, Sheryl Crow, Kesha, Lucius und Neil Young.

Vor allem mit Neil Young arbeiten Lukas Nelson & Promise Of The Real eng zusammen. Sie begleiten das kanadische Rockurgestein auf seinen Touren und spielten mit ihm neben einem Live-Album auch zwei Longplayer im Studio ein. Die enge Verbundenheit zu Young äußert sich zudem im Namen der Band, der einer Textzeile aus dessen Song „Walk On“ entliehen ist.

Lukas Nelson wählt mit der Single „Bad Case” einen rockigen Einstieg in die CD, an den das Titelstück anschließt. „Turn Off The News (Build A Garden)” hat – wie viele seiner Songs – einen einprägsamen Refrain. In manchen Passagen ist es etwas opulent, sodass mir die alternative akustische Version, die sich als Bonus auf dem Silberling findet, noch mehr zusagt. Bei ihr wird umso deutlicher, dass Lukas Nelson ein talentierter Songschreiber ist.

Im Mittelteil des Longplayers finden sich mit „Civilized Hell“, dem ruhigen „Simple Life“ und dem sommerlichen „Lotta Fun“ einige gelungene, sorgfältig arrangierte Titel. Wenn Nelson „Save A Little Heartache” trällert oder den Gesang bei „Mystery“ in die Länge zieht, geht der Gestaltungsdrang allerdings mit ihm durch. Dabei sind auch in diesen Songs gute Ansätze vorhanden, beispielsweise die Gitarrenlicks seines Vaters Willie. Bei „Where Does Love Go” ist zu hören, dass sich Lukas Nelson an der Musik von Roy Orbison orientiert. Er fängt deren leicht schwülstige Atmosphäre treffend ein.

Beim Durchhören des Albums treten bei den im Midtempo gehaltenen Tracks leichte Ermüdungserscheinungen ein. Die Tendenz hier und da einige musikalische Schlenker einzubauen, die zwar technisch gekonnt, letztlich aber austauschbar sind, spülen die Titel manchmal etwas weich. Bestes Beispiel dafür ist „Stars Made Of You”, das – wäre es auf Deutsch gesungen – einen Platz in der Schlagerparade haben könnte.

Gegen Ende der CD landet Nelson allerdings noch einige Treffer. Vor allem der Rocker im Southern-Style „Something Real“ ragt hervor. Aber auch das sich zu einem furiose Finale steigernde „Out In LA“ sowie der Bonus-Track „Consider It Heaven“ wissen zu überzeugen.

Lukas Nelson hätte bei der Produktion von „Turn Off The News (Build A Garden)“ mehr auf die Kraft seines Songwritings vertrauen können. Das Arrangement einiger Stücke nimmt ihnen etwas von der Wirkung, die möglich gewesen wäre. Manche Titel sind in ein ziemlich gefälliges Gewand gekleidet und ragen damit nicht aus dem Mainstream heraus. Die reduzierten Balladen erscheinen weniger glatt und deuten das Potential der Band an, die dort größeres Profil zeigt. Im oberen Tempobereich, wenn Lukas Nelson & Promise Of The Real die Zügel loslassen, liefert die Band feinen Rock ab.

Fantasy Records/Universal Music (2019)
Stil: New Country/Rock

Tracks:
01. Bad Case
02. Turn Off The News (Build A Garden)
03. Where Does Love Go
04. Save A Little Heartache
05. Lotta Fun
06. Civilized Hell
07. Mystery
08. Simple Life
09. Out In LA
10. Something Real
11. Stars Made Of You
12. Turn Off The News (Build A Garden) (Accoustic) (Bonus Track)
13. Consider It Heaven (Bonus Track)

Lukas Nelson
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Fantasy Records
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Keb‘ Mo‘ – Oklahoma – CD-Review

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Eines muss man dem Blues-/Blues Rock-Genre ja lassen. Es ist nach wie vor, was gute Veröffentlichungen angeht, eine musikalische Bank. Da ich trotzdem nicht der ausgewiesene Experte bin, muss ich zu meiner eigenen Schande mal wieder gestehen, dass ein bereits gestandener, mehrfach Grammy-dekorierter Musiker wie Keb‘ Mo’, bisher an mir vorübergegangen ist.

Schön, dass sich jetzt die Gelegenheit ergab, sein neustes Werk „Oklahoma“, mal unter die Lupe zu nehmen. Keb‘ Mo‘, oder bürgerlich Kevin Roosevelt Moore, ist schon seit den 1970er Jahren aktiv, u. a. spielte er für Papa John Creach und die Monk Higgins Band.

1980 floppte sein erstes Album, sodass er sich erst 1994 wieder unter dem jetzigen Namen an potentielle Käuferschichten seiner Kreationen wagte. Aber seit dieser Zeit läuft es. Mo‘ ist bei den Grammy-Awards Dauergast und konnte mit seinen Werken „Just Like You“, „Slow Down“, „Keep It Simple“ und „TajMo“ (zusammen mit Taj Mahal) den Titel für das beste zeitgenössische Bluesalbum einheimsen.

Auch „Oklahoma“, wo er sich beim gleichnamigen Titelsong mit den Besonderheiten des Wirbelsturm-geplagten Staates und seinen Menschen, in künstlerischer Form auseinandersetzt, dürfte gute Chancen besitzen, für diverse Auszeichnungen vorgesehen zu werden.

Mir gefällt vor allem die musikalische Bandbreite die Keb‘ in sein Songspektrum, das sich natürlich überwiegend auf einem Bluesfundament aufbaut, einfließen lässt, und auch countrytypischen Instrumenten wie Fiddle und Lap Steel („Oklahoma“), oder Mandoline („Don’t Throw It Away“) und Dobro (beim deltabluesigen „Ridin‘ On A Train), nicht den Zugang verwehrt.

Ganz stark ist direkt der coole swampige Opener „I Remember You“, der ein wenig an den guten Tony Joe White reminiszieren lässt, nicht zu vergessen, das  J.J. Cale-typische E-Solo, das sofort einen weiteren Bezug zum Albumtitel hervorruft.

Zu erwähnen sind neben Mo‘s charismatischem Gesang, auch die illustren Gäste wie Robert Randolph (Lap Steel auf „Oklahoma“), Taj Mahal (Harp bei „Don’t Throw It Away“ und „I Should’ve“), Rosanne Cash beim souligen „Put A Woman In Charge“ (Co-vocals), Christian-/Latin-Pop Star Jaci Velasquez (Co-vocals bei „This Is My Home“) und seine Ehefrau Robbie Brooks Moore, die am Ende vokal auf der Cello-unterlegten,  für heiratswillige Musikerpärchen, bestens geeigneten Hochzeitshyme, „Beautiful Music“, mitschmachtet.

Produziert hat den sehr schön klar und transparent klingenden Longplayer Colin Linden (Blacky And The Rodeos). Keb‘ Mo’s neuer Silberling „Oklahoma“ überzeugt auf allen Ebenen. Ob auch wieder Grammy-geschmückt oder nicht, gibt es für mich nur ein Kurz-Fazit: Just Beautiful Music!

Concord Records (Universal Music) (2019)
Stil: Blues & More

Tracks:
01. I Remember You
02. Oklahoma
03. Put A Woman In Charge
04. This Is My Home
05. Don’t Throw It Away
06. The Way I
07. Ridin‘ On A Train
08. I Should’ve
09. Cold Outside
10. Beautiful Music

Keb‘ Mo‘
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Oktober Promotion

Hollis Brown – Ozone Park – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Die Motive des Albumcovers sind schon eindeutige Hinweise dafür, in welche Richtung die musikalische Reise auf diesem Longplayer gehen könnte. Ein wohlklingender und bunter Stilmix aus US-Rocksounds der vielfältigen 60er und 70er erwartet einen hier. Das klingt nach überbordendem Retro-Charakter, ist jedoch ein heißer Anwärter auf eines der besten Alben des Jahres.

Dabei haben sich Hollis Brown auch bei ihrem Bandnamen von einem Song der 1960er Jahre inspirieren lassen; dem unverwüstlichen Folk-Track „The Ballad of Hollis Brown“ von Bob Dylan (1964). Die vier Bandmitglieder aus dem New Yorker Stadtbezirk Queens sind schon seit zehn Jahren in der Musikszene aktiv und verweisen nun mit dem Album „Ozone Park“ auf ihre urbanen Wurzeln und den gleichnamigen Stadtpark in ihrer Gegend.

Die bisherigen fünf Studioalben sind alle einfallsreiche „Kreationen“ – dies gilt auch für das komplexe Coverwerk „Gets Loaded“ von 2014, als sie nach einem Tribut Konzert zu Ehren von Lou Reed und Velvet Underground den LP-Klassiker „Loaded“ neu einspielten.

„Ozone Park“ beginnt abwechslungsreich mit ansteckenden Americana- und Indie-Folk-Passagen, die bei „She Don’t Love Me Now“ ihren Höhepunkt erreichen. Schon nach den ersten Tracks dürften Fans von Kurt Vile oder der schwedischen Aufsteiger-Combo Jetbone voll auf ihre Kosten kommen. Leichter Summer-Esprit im modernen Maroon 5-Gewand wird dann noch durch „Stubborn Man“ weiterverfolgt.

Es gibt viele kleine musikalische Elemente und Puzzlestücke, die das Album ausmachen und die man teilweise erst beim mehrfachen Hören entdeckt. Und obwohl die Heimat der bekennenden 60er und 70er-Jahrzehnte Musikfans die Ostküste der USA ist, so kann man doch auch vielfältige Eagles-California-Sound bzw. West Coast-Einflüsse aufspüren.

„Do Me Right“ erschafft eine erfrischende und zugleich melancholische Atmosphäre wie sie zuletzt z.B. The War On Drugs auf „A Deeper Understanding“ (2017) vollbringen konnten. Aus dem melodischen 80’s-tinged Gitarren-Rock geht es über zum psychedelisch austarierten Klangkunstwerk „After The Fire“, das in seinen knapp 90 Sekunden bestens dafür geeignet ist, um die ersten vier hervorragenden Stücke des Albums gehaltvoll auf sich wirken zu lassen.

„Forever In Me“ ist tiefsinnig gestaltet und „Someday Soon“ windet sich sehnsuchtsvoll in Wilco’scher Gelassenheit. „The Way She Does It“ ist in seiner harmonischen Ausstrahlung einfach grenzenlos ansteckend, wird aber ohrenbetäubend vom Garage-Rock-lastigen „Bad Mistakes“ im Black Keys-Stil abgelöst.

„Ozone Park“ von Hollis Brown“ ist eines der kreativsten und lebendigsten Alben 2019. Eine farbenfrohe Klangpallette aus 60’s-80’s Rock und spielfreudigen Elementen macht diese LP zu einer der großen Überraschungen in diesem Jahr. Und um es mit dem letzten Song der Scheibe auf den Punkt zu bringen: „Go For It“. Nimmt das Album in eure Sommer-Playlist auf!

Provogue (Mascot Label Group) (2019)
Stil: Americana, Roots-Rock, Alternative Rock

01. Blood From A Stone
02. Stubborn Man
03. She Don’t Love Me Now
04. Do Me Right
05. After The Fire
06. Fovever In Me
07. Someday Soon
08. The Way She Does It
09. Bad Mistakes
10. Go For It

Hollis Brown
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Catfish – Burning Bridges – CD-Review

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Review: Jörg Schneider

Die noch junge britische Bluesrocktruppe hat seit ihrer Gründung das mittlerweile dritte Album vorgelegt. Bereits die ersten beiden Scheiben „So Many Roads“ (2015) und „Broken Man“ (2017) erreichten auf Anhieb internationale Anerkennung. Letzteres wurde gar von der Independant Blues Broadcasters Association zum Album des Jahres 2017 gewählt.

Catfish, das sind der 24-jährige Frontmann und Gitarrist Matt Long, sein Vater Paul Long an den Keyboards, Adam Pyke am Tieftöner und Kevin Yates an den Drums. Den Gesang steuern Vater und Sohn gleichermaßen bei, wobei Matt Longs Bassstimme und Pauls tenorartige Stimmlage einen markanten Kontrast bilden. Tolle Unterstützung im Background gibt dazu es von Alice Armstrong.

Apropos Musikstil: Catfish präsentiert sich auf dem neuen Album absolut nicht als reinrassige Blues- oder Bluesrockband, weshalb mir auch eine Klassifizierung der Scheibe als Blues oder Blues Rock schwerfällt. Vielmehr verarbeiten die vier Musiker auch Einflüsse aus dem Metal-Bereich, besonders deutlich zu hören auf „The Root Of All Evil“ und „Under The Gun“.

Aber auch der Opener „Up In Flames“, der sich zu einer immer bedrohlicher werdenden Soundkulisse entwickelt, geht tendenziell in diese Richtung und fegt den Zuhörer mit seinem gewaltigen Bombastsound hinweg.

Regelrecht melödiös sind allerdings die einfühlsame Bluesballade „Ghosts“ und das sehr, sehr schöne „One More Chance“, auf dem nur die beiden Longs mit Piano und Gesang zu hören sind. Für mich der beste Track auf dem gesamten Album.

Die bluesige Seite der Band kommt kommt am ehesten auf „Soulbreaker“ mit A-Capella-Intro und Rootsanleihen sowie dem triefenden Slowblues „Archangel“ oder dem gewaltigen „Too Far To Fall“ zum Ausdruck. Elemente des Blues Rock blitzen in „Break Me Down“ und „The Big Picture“ auf.

Insgesamt hinterlässt das komplette Album den Zuhörer aber wohl eher in einer düstern und schweren Gemütslage. Zum wilden Abfeiern ist es daher aus Sicht des Rezensenten nicht geeignet und vom Genuss des Silberlings bei depressiver Verstimmung wird daher dringend abgeraten (smiley). Daran kann auch der letzte, leicht spacig-epische, aber auch basslastige, 10 Minuten-Song „Exile“ als Finale wenig ändern.

Die British Blues Rock-Award-Gewinner-Band Catfish beschreitet auf ihrem neuen Werk „Burning Bridges“, nicht alltägliche Pfade für dieses Gefilde. An den schweren Düstersound muss man sich allerdings zunächst gewöhnen.

Eigenproduktion (2019)
Stil: Blues Rock And More

01. Up In Smoke
02. Break Me Down
03. Ghosts
04. The Root Of All Evil
05. Soulbreaker
06. Too Far To Fall
07. Archangel
08. The Big Picture
09. Under The Gun
10. One More Chance
11. Exile

Catfish
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Doyle Bramhall II, 01.06.2019, Musiktheater Piano, Dortmund – Konzertbericht

DB_Haupt

Pünktlich zum meteorologischen Sommeranfang stiegen die Temperaturen im Ruhrgebiet auf entsprechende Werte. Trotz des guten Wetters und der Konkurrenz durch das Champions League-Finale, füllte sich das Piano ab 20:00 Uhr merklich, dass die Besucher den Liveclub zu etwa zwei Drittel füllten.

Um 20:30 Uhr betrat Bramhall, im Gegensatz zum letzten Konzert in Dortmund, wo er mit einer 5-Mann Band auftrat, diesmal in klassischer Dreierbesetzung auf. Im Publikum sah man auch das eine oder andere Eric Clapton-Shirt, auch als Hinweis auf die Qualität Bramhalls, der ja in verschiedensten Bands als Musiker mitwirkte, unter anderem auch bei Roger Waters und besagtem Mr. Slowhand, zu dessen Band er auch nach dem Dortmunder Konzert hinzustoßen wird, um ihn auf der anstehenden Europatour zu unterstützen.

Entsprechend groß waren auch die Erwartungen der Fans. Soviel schon einmal vorweg genommen, sie sollten nicht enttäuscht werden. Doyle Bramhall II mit dunkler Jeans, schwarzem T-Shirt, Hut mit breiter Krempe und Federn und einer Sonnenbrille bekleidet, seine Mitstreiter im Look der 60er bis 80er Jahre, sollten in der Show den Anwesenden stilgerecht zeigen, dass Musik, die ihre Wurzeln in dieser Zeit hatte, etwas aufgepeppt, immer noch attraktiv sein kann.

Mit „Problem Child“ vom Album „Welcome“ wurde das Publikum willkommen geheißen. Schon hier zeigte sich, dass Bramhall und seine zwei Mitstreiter auch in kleiner Besetzung einen voluminösen Sound auf die Bretter des schmucken Piano zaubern können. Man konnte der Band hier schon die Spielfreude anmerken. Die stressige Anreise mit Staus und Soundscheck, der noch andauerte, als sich die Pforten des Piano schon geöffnet hatten und die Besucher noch in der Kneipe verweilen mussten, ehe der Saal etwas verspätet dann geöffnet wurde, schien wie weggeflogen.

Mit der southern-umhauchten Ballade „So You Want It To Rain“ zeigte Bramhall bereits seine Extraklasse an der halbakustischen Gibson, später an verschiedenen Fender-Modellen. Auch Adam Minkoff am Bass, feste Größe als Bramhall-Mitstreiter und Chris St.Hilaire an den Drums, konnten schon hier die Anwesenden begeistern. Bramhall überzeugte hier, aber auch in vielen anderen Songs, nicht durch Saitenhexerei, wo manche Gitarristen versuchen Geschwindigkeitsrekorde im Saitenanschlag aufzustellen, sondern durch ausgefeilte Spieltechnik und absolut gefühlvolles, auf den Punkt gebrachtes Spiel.

Dies zeichnete auch die beiden Begleiter aus, wo das Schlagzeug nicht als Trommelbude zweckentfremdet wurde, sondern St. Hilaire seine Drumsticks mit Bedacht einsetzte, um in schnelleren Phasen, auch eine große Dynamik zu entwickeln. Adam Minkoff mit ganz starken Bassplel rundete den Sound gekonnt ab.

Schön waren auch die Harmoniegesänge der drei, die als belebendes Stilelement, gekonnt eingesetzt wurden. Dies kam auch beim Paradestück, dem bluesigen „November“ vom „Rich Man“ Album zum tragen, wo Adam Minkoff den Bass bei Seite legte und sich den Keyboards widmete.

Danach folgten mit „Love And Pain“, „Everything You Need“ und „Searchin‘ For Love“, drei Songs des aktuellen Albums „Shades“, von dem Bramhall selbst sagt, dass ihm damit das Werk gelungen ist, in dem er alles verknüpft wurde, was für ihn bedeutsam ist. Alles drei sehr gefühlvolle blues-soulig-emotionale Songs.

Dabei offerierte der slow gespielte Blues „Searching For Love“ eindrucksvoll, warum Bramhall seit 2000 festes Bestandteil der Clapton Band ist und auch einen Anteil am Songwriting und der Produktion hat. Diese ‚Liebe‘ zu Doyles Musikstil ging sogar soweit, dass Clapton, Bramhall-Songs auf seinen Studioalben coverte.

Nachdem er in diesem Stück sprichwörtlich nach Liebe gesucht hatte, fand er diese im folgenden „Izabella“, einem Hendrix-Cover (es muss ja nicht immer „Hey Joe“ oder „Purple Haze“ sein). Jimmy,  der bildlich neben der Bühne auf einem großen Bild an der Wand hängt, schaute Doyle Bramhall in Hochform genüsslich zu, wie er mit Band seine Musik wieder zum Leben erweckte.

Mit „The Veil“ einer ruhigen Ballade, dem bluesigen „Mama Can’t You Help Me“,  von „Rich Man“, deutete Bramhall an, dass er zumindest in musikalischer Hinsicht, ein reicher Mann ist. Einmal mehr starkes Songwiting, über die meist filigranen spielerischen Fähigkeiten braucht nichts mehr erwähnt zu werden, aber auch gesanglich mit differenzierenden Stimmlagen war sein Können omnipräsent. Interessant war, wie in einer Zwischenpassage von allen Dreien die Melodie von „Walk On The Wildside“ gesanglich intoniert wurde. Einfach passend zu einem von guter Laune geprägten Konzert.

Mit „Angel“ einem der schönsten Hendrix-Songs, war der emotionale Höhepunkt des Abends erreicht. Nach diesem sehr gefühlvollen Track, wurde es mit „Hands Up“ rauher, eingeläutet von Minkhoff mit einem starken Basssolo, während Bramhall und St. Hilaire dem Spiel nebeneinander sitzend lauschten, was zum Ende hin psychedelisch, fast Doors-ähnlich ausuferte und das Finale Grande einläutete.

Doyle kündigte einen Lovesong an und mancher der Besucher rieb sich zunächst verwundert die Augen. Schon beim ersten Anschlag der Gitarre fand ich mich ein paar Jahrzehnte zurückversetzt. Nachdem Matthias Johannson das Trio an den Keyboards zum Quartett erweitert hatte, folgte eine starke, vom Punk der Stooges umwehte Version des Klassikers „I Wanna Be Your Dog“. Eine absolut positive Überraschung im Set.

Als Zugabe gab es dann noch eine losgelöste Version der Beatles-Nummer „She Said“, die auch hart interpretiert wurde und das begeisterte Publikum nach 90 Minuten intensiver Livemusik in das restliche Wochenende schickte.

Bramhall ließ es sich trotz des engen Terminkalenders und der anstehenden Reise in Richtung Clapton nicht nehmen, am Merchandise-Stand nicht nur vorbei zu schauen. Er nahm sich alle Zeit, den zahlreichen Foto-und Autogrammwünschen bestens gelaunt und auch humorvoll nachzukommen. So hatte der Abend einen runden Abschluss gefunden und die Fans konnten entweder zufrieden beschwingt den Heimweg antreten oder noch auf ein paar Absacker in der gemütlichen Kneipe des Pianos verweilen.

Ein besonderer Dank wieder an Jenny Dore und 3Dog Entertainment für die Akkreditierung, aber auch an das gesamte Team des Pianos, das eine, wie immer, gastfreundliche Atmosphäre schaffte. Ein Freund von mir, der das erste Mal mit im Piano war, sagte auf der Rückfahrt, dass er selten einen Laden mit solch einem Flair und  einem dem Gast so zugewendeten Personal gesehen hat. Er, wie auch Doyle Bramhall II, werden vermutlich/hoffentlich nicht das letzte Mal dort gewesen sein, sodass Livemusik, dort wo sie ursprünglich hingehört, auch in Zukunft weiterleben wird.

Line-up:
Doyle Bramhall II (Lead vocals, electric guitar, vocals)
Chris St. Hilaire Cole (Drums, vocals)
Adam Minkoff (Bass, keys, vocals)

Text und Bilder: Gernot Mangold

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