Joanne Shaw Taylor – The Blues Album – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

In Sachen Blues-Rock aus Großbritannien ist die Musikerin Joanne Shaw Taylor mittlerweile eine Ausnahmeerscheinung. Die 1986 geborene Singer-Songwriterin veröffentlicht mit „The Blues Album“ nun ihren achten Longplayer seit 2009 und gilt als die erfolgreichste britische Gitarristin des Genres. 2002 von Dave Stewart (Eurythmics) entdeckt, sind Stevie Ray Vaughan, Albert Collins und Jimi Hendrix Taylors musikalische Vorbilder, die erahnen lassen, welche persönliche Dynamik mit vier British Blues Awards belohnt wurde.

Auch Starblueser Joe Bonamassa hat endlich seine offene Bewunderung für die elegante Spielweise der Blues-Lady in einen großartigen Support umgesetzt. Als Mentor und Produzent (hier zusammen mit Josh Smith) steht sein Name direkt auf dem Front-Cover. Aufgenommen in den Oceanway Studios, Nashville, erscheint die Platte auf Bonamassas eigenem Independent Label KTBA Records, eine Auszeichnung der besonderen Art.

Die Scheibe bietet überwiegend zehn seltene Cover-Songs und ein Rock-Jam-Instrumental und interpretiert Blues-Klassiker u.a. von Albert King, Little Richard, Magic Sam und Little Milton, in graziler, aber auch energiegeladener Leichtigkeit. Den Anfang macht der Peter Green Fleetwood Mac Song „Stop Messin‘ Round“, verfeinert durch Reese Wynans Piano-Work, gefolgt vom funkigen Soul-Blues „If That Ain’t A Reason“ (Little Milton).

Die feine Otis-Rush-Nr. „Keep On Lovin ‚Me“ brilliert als powervolles Glanzstück der Scheibe, sicher ein Juwel in seiner vorliegenden Version. Bonamassas Hilfe bei der Auswahl der oft weniger bekannten Songs, wie „If You Gotta Make A Fool of Somebody“ (Ray Clark 1961) oder „Don’t Go Away Mad“ (Little Village), zeigt die herausragende Kenntnis im Umgang mit Songperlen. „Don’t Go Away Mad“ überrascht in einer Duett-Interpretation des eher schnellen Rock-Songs und weckt damit die Aufmerksamkeit für gute, alte Titel im neuen Gewand.

„Wir wollten eine stark Vocal-zentrierte Blues-Platte aufnehmen, die Joannes riesiges Talent vorsichtig in ein anderes Licht rückt“, so Bonamassa. „Joanne ist eine großartige Sängerin“ und er meint damit nicht nur Titel wie „Can’t You See What You’re Doing To Me“ (Albert King), mit leidenschaftlicher E-Gitarre und beeindruckenden Vocals eingespielt. Dies gilt ebenso für „Let Me Down Easy“ (Little Milton), das eine stimmgewaltige Joanne Shaw Taylor – gesanglich nicht weit entfernt von Janis Joplin – und eine ebenso elegante Saitenfertigkeit beinhaltet.

Die Aufforderung zum Tanz kommt beim Shuffle „Two Time My Lovin’“ ebenso wenig zu kurz und wird beim herrlichen Abschlusstrack „Three Time Loser“ mit Honky Tonk Piano nochmals wiederholt. Die Musiker um Joe Bonamassa glänzen in der gesamten Bandbreite der Songpalette und bieten in gewohnter Perfektion eine hervorragende Kooperation mit Joanne Shaw Taylor, die im Übrigen wie selbstverständlich zu den in gewisser Weise neu aufgelegten alten Bluessongs ihre eigene 1966er Esquire Junior Gitarre spielt.

Mit „The Blues Album“ ist es Joanne Shaw Taylor erneut gelungen, eine mitreißende und interessante Platte vorzulegen. Getragen von der Spielfreude, u.a. basierend auf der intuitiven Zusammenarbeit mit Blues-Hero Joe Bonamassa, ist ein herausragender Blues-Sampler entstanden. Joanne Shaw Taylor etabliert sich damit einmal mehr als UK’s Number One Blues-Rock-Lady.

KTBA Records (2021)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. Stop Messin‘ Round
02. If That Ain’t A Reason
03. Keep On Lovin‘ Me
04. If You Gotta Make A Fool Of Somebody
05. Don’t Go Away Mad feat. Joe Bonamassa
06. Scraps Vignette
07. Can’t You See What You’re Doing To Me
08. Let Me Down Easy
09. Two Time My Lovin‘
10. I Don’t Know What You’ve Got feat. Mike Farris
11. Three Time Loser

Joanne Shaw Taylor
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Another Dimension

Vanja Sky – 19.09.2021, Schlachtgarten, Krefeld – Konzertbericht

An einem schönen Spätsommernachmittag besuchte Vanja Sky mit ihrer Band den Schlachtgarten. Kurz vor 17 Uhr kündigte Pille Peelings von der Kulturrampe die mittlerweile in Hamburg lebende Kroatin an und unter dem Applaus der etwa 70 Besucher betrat die Band die Bühne, und es sollte ein Konzert folgen, das einige Überraschungen parat haben sollte.

Ein Blickfang war natürlich die junge Kroatin mit ihrer langen blonden Mähne, gekleidet mit einer Gepardenhose, kniehohen Stiefeln und einem fast bis zum Boden reichenden schwarzen Mantel sowie einer trendigen Sonnenbrille im ersten Set.

Im Mittelpunkt der Setlist stand ganz klar das 2020 erschienene Werk „Woman Named Trouble“. Passend leitete der erste Song des Albums „Rock’n’Roll Train“ das Konzert ein, in den die Besucher sprichwörtlich von Anfang an einstiegen. Vanja und Band spielten in den zwei etwa 45-minütigen Sets fast das komplette aktuelle Album.

Schon bei der Ansage des folgenden „All Night“ vom Debutalbum „Bad Penny“ hatte eine bestens aufgelegte Vanja mit ihrem natürlichen Charme die Zuschauer eingefangen und schnell nutzten einige die Möglichkeit, im nicht bestuhlten Bereich vor der Bühne entsprechend eines Rockkonzerts mitzugehen. Im Vergleich zum letzten Konzert in 2019, das ich besucht hatte, präsentierte sich das Quartett noch homogener und gefestigter.

Die Basis für den wieder einmal bestens abgemischten Sound im Schlachtgarten legten Drummer Hanser Schüler, der auch am längsten mit Vanja Sky zusammen spielt und Bassist Artjon Feldtser, mit ihrem, je nach Bedarf, druckvollen oder aber auch dezenten zurückhaltenden Spiel.

Zudem unterstützte Feldtster die stimmlich bestens aufgelegte Vanja Sky bei den Backing Vocals und nutze die Pausen zwischen den Songs, um einmal als Intro die Melodie von „Eleanor Rigby“ einzuspielen oder vor den Zugaben erst mal den Platz vom Drummerkollegen Schüler zu blockieren. Im Vordergrund stand neben Sky Robert Wendt, der die Besucher ein ums andere Mal mit seinen Soli, auch in bester Southern Rock Manier, begeisterte.

Vanja Sky selbst hat auch einen großen Schritt gemacht. Vokal hat sie sich weiterentwickelt, was sich auch in Songs zeigt, wo sie die Gitarre beiseite legt und sich ganz auf ihre Stimme verlässt.

Im ersten Set waren die Highlights das southernrockende „Hard Times“ und der starke Bluessong „Crossroads Of Life“, wo Sky scheinbar richtig abgebogen zu sein scheint. Als letzten Song im ersten Set spielte die Band eine beeindruckende Version von „To Love Somebody“, wo vor allem das Zusammenspiel von Wendts Gitarre und Skys Stimme die Zuschauer gefiel.

Ihre Liebe zu den Fans zeigte Sky, als sie während des Songs die Bühne verließ und als Geschenke verpackte Lollys an alle Zuschauer verteilte. Mit diesem musikalischen, wie auch menschlichen Highlight wurde der erste Set beendet.

Nach etwa 20 Minuten Pause nahm die Band auf Hockern Platz und es folgte eine mutige Nummer. Rory Gallaghers „Shadow Play“ wurde als Akustiksong gespielt und es zeigte sich, dass dieser eigentlich fast schon hardrockende Kracher auch in dieser ruhigen Spielform seine Klasse hat.

So verleitete das Stück mit dem filigranen Gitarrenspiel Wendts und der harmonischen Stimme Skys die Besucher zum Träumen und mehrfach schienen die Musiker gen Himmel zu schauen, was wohl Rory zu dieser Variante sagen würde. Kaum war der letzte Ton verstummt, nutzte Bassist Artjon Feldtser die Chance, das Wort zu ergreifen.

Er schilderte, was das für ein besonderer Tag ist, da dies auch Vanjas Geburtstag sei. Das animierte die Zuschauer stimmgewaltig mit „Happy Birthday“ zu gratulieren, was, wenn ich es richtig gesehen habe, für Tränen der Rührung bei Sky sorgte.

Als Dankeschön folgte dann ein tolles Akustikcover der Black Crowes-Nummer „Girl From A Pawn Shop“. Danach wurden die Hocker auf Seite gestellt, Sky fragte eher rhetorisch, ob das begeisterte Publikum jetzt Lust auf Rock’n’Roll hat und mit „Devil Woman“, „Voodoo Mama“ und „Lets Go Wild“ wurde es auch wild, bis der Peter Green-Klassiker „Oh Well“ bluesig einen der Highlights einläutete.

Eine Version von „Simple Man“, welche sich nicht vor dem Original zu verstecken braucht, zeigte eindrucksvoll die Extraklasse eines Robert Wendt an der Gitarre, aber auch die Stimmgewalt der jungen Kroatin. Das Ende des Sets war die Erinnerung den Rock’n’Roll nicht zu vergessen mit dem gleichnamigen Titel auf Englisch, wo sich die Band noch einmal regelrecht austobte.

Kaum hatte die Band die Bühne verlassen, setzten lautstarke Zugabeforderungen ein und es folgte noch ein rockiges „I Don`t Need No Doctor“ und „Call Me If You Need Me“ und begeisternde knapp 100 Minuten lagen hinter der Band und den Besuchern.

Nach dem Konzert nahmen sich alle Musiker auch noch die Zeit zum Plausch mit den Zuschauern und so fand ein tolles Geburtstagskonzert einen schönen Abschluss. In der Form ist von Vanja Sky und ihrer Band noch einiges und nicht nur für die eingefleischten Bluesfans zu erwarten. Vanja Rocks!

Line Up:
Vanja Sky – Lead vocals, electric guitar, slide guitar
Robert Wendt – Electric guitar, slide guitar
Artjom Feldtser – Bass, vocals
Hans Jakob Schüler – Drums

Text und Bilder: Gernot Mangold

Vanja Sky
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Kulturrampe, Krefeld
Schlachtgarten, Krefeld

Taylor McCall – Black Powder Soul – CD-Review

Review: Michael Segets

Das Cover von Taylor McCalls „Black Powder Soul” mit dem untoten Gunslinger hat mich direkt angesprochen. In einem Interview sagt McCall, dass der Mann auf dem Titelbild sein Inneres visualisiert – jemanden, der seinen Dämonen entgegentritt. Zu erwarten wäre bei der Aufmachung und dem Titel eine Scheibe, die sich einen Schritt neben den üblichen Konventionen des Countrygenres bewegt. Auf seinem Debütalbum zeigt sich McCall musikalisch von mehreren Seiten, wobei der Country entgegen der Vorannahme eine untergeordnete Rolle spielt.

Zum einen bewegen sich seine Songs in Singer/Songwriter-Bahnen. Wie auf „Man Out Of Time“ reicht auch auf „White Wine“ eine reduzierte Begleitung aus, um eine leicht wehmütige Stimmung zu erzeugen. McCalls schön angeraute Stimme kommt bei dem erdigen „So Damn Lucky“ besonders zur Geltung. Dieses Highlight unter den ruhigen Stücken punktet mit einer Mundharmonika-Passage. Eine Orgel untermalt das melodiöse „Wide Open“. Hier mischt sich ein bisschen Country mit hinein. Bereits „Red Handed“ weicht mit seiner expressiven Instrumentaleinlage vom typischen Singer/Songwriter-Stil ab. Erneut überzeugen Stimme und Gesang von McCall.

Die zweite Gruppe von voller instrumentierten Songs ist aggressiver und meist am Rock angelehnt. Beim dunklen Titelstück setzt nach dem Gitarrenintro zuerst der Gesang, dann Percussion und Schlagzeug ein, was eine gelungene Spannungskurve erzeugt. Vor dem stampfenden Rhythmus liegt die mit etwas Hall versehene Stimme von McCall. Der Song gipfelt in einem krachenden Gitarrenpart, der zwar nicht als filigran zu bezeichnen ist, sich aber prima in das Stück einpasst. „Hells Half Acre“ wartet ebenfalls mit härteren Riffs auf, die in einen Call-And-Response-Modus mit dem Gesang treten.

Neben den beiden Stücken gehört das mit gospelmäßigem Chor begleitete „Surrender Blues“ zu den Highlights der CD. Zu diesen ist das – vor allem im Refrain – an Steve Earle erinnernde „Highway Will“ ebenfalls zu zählen. Mit den Lyric-Videos zu „Highway Will“ und „So Damn Lucky“ pickt McCall zwei starke Stücke heraus.

Wurden bislang die Titel, die in der Singer/Songwriter-Tradition stehen, von denen mit breiterer Band im Rücken unterschieden, treten bei den letztgenannten weitere Facetten zutage. „Crooked Lanes“ spiegelt mit seinem fast hecktischen Rhythmus, der von einem trockenen Schlagzeug und Percussion getrieben wird, eine rockige Seite wider, bei „South Of Broadway“ machen sich Einflüsse des Blues bemerkbar. Diese treten im neunminütigen „Lucifer“ noch deutlicher hervor. Das Gesamtwerk entzieht sich so eindeutigen Genrezuordnungen.

Der in South Carolina aufgewachsene McCall brachte sich autodidaktisch das Gitarrenspiel bei, nachdem er mit sieben Jahren sein erstes, von seinem Vater gebaute Instrument bekommen hatte. Der begeisterte Angler machte diese Leidenschaft zwischenzeitlich zum Beruf, bevor er eine Karriere im Musikbusiness anvisierte. Besonders wichtig war es McCall, seinen Großvater auf seinem ersten Longplayer zu ehren. Dieser ist auf dem Gospel „Old Ship Of Zion“ zu hören, der als Prelude und Outro das Album rahmt.

Auf „Black Powder Soul“ von Taylor McCall stehen Americana, Rock und Blues nebeneinander und verschmelzen in einigen Tracks so ineinander, dass ein abwechslungsreiches und originelles Debüt entstanden ist. Die Scheibe hat Tiefe und gewinnt bei jedem Durchlauf weitere Schichten. McCalls Stimme und Songwriting lassen auf weitere Werke hoffen.

Black Powder Soul Music – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Americana/Rock and more

Tracks:
01. Old Ship Of Zion Prelude
02. Black Powder Soul
03. Red Handed
04. White Wine
05. Crooked Lanes
06. Hells Half Acre
07. Man Out Of Time
08. Surrender Blues
09. South Of Broadway
10. Wide Open
11. Highway Will
12. So Damn Lucky
13. Lucifer
14. Old Ship Of Zion Outro

Taylor McCall
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

The DogRocket Blues Band – Rusty Train – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Was machen eigentlich zwei Flugzeugpiloten, ein Produktingenieur und ein Immobilienverwalter, wenn sie in ihrer Freizeit Langeweile haben? Ganz einfach, sie machen Musik, insbesondere Blues, kommen in einer Band namens „The DogRocket Blues Band“ zusammen und nehmen ein Album auf. Genau das haben Bill Kesel (Pilot, Gründer der Band, Leadsänger und Keyboarder), Joe Custer (Trucker und Pilot im Ruhestand, Bassist), Mike Jacobs (Immobilienverwalter, Gitarrist) und David Matherly (Produktingenieur, Schlagzeuger) gemacht.

„Rusty Train“ ist also das Erstlingswerk dieser vier Männer, obwohl es die Band mit wechselnder Besetzung bereits seit 2008 und mit dem jetzigen Line-up seit 2019 gibt. Als Hobbymusiker hatten sie ihre ersten öffentlichen Auftritte erst kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Da danach nicht mehr an Auftritte zu denken war, ging Kesel mit seinen Leuten in ein Tonstudio und die Truppe jammte drauf los. So entstand das vorliegende, erste Album der Band. Laut Kesel zwar nicht sehr professionell, aber mit wahnsinnig viel Spaß produziert. Mit dem Album wollen die DogRockets nun ihren Bekanntheitsgrad ein wenig steigern und nicht mehr nur für kleinere Events und Privatparties engagiert werden.

Insgesamt enthält die Scheibe zehn Songs, allesamt von Kesel in den letzten 30 Jahren geschrieben und musikalisch vor allem von Junior Brown, einem Country-Gitarristen und von der kalifornischen Alternative-Rockband Cake beeinflusst.

„Press On“ (ein gefälliger Blues) und „In My Heart“ (mit leichten Country-Einflüssen) sind wohl mit die ältesten von Bill Kesel komponierten Stücke. Auch der Slowblues „Only Man“ weist dezente Country-Elemente auf und der Titelsong „Rusty Train“ scheint von Junior Brown inspiriert worden zu sein, während das etwas flottere „Magic Kingdom“ stilistisch eher an Cake erinnert.

Die übrigen Tracks haben alle einen bluesig-funkigen Anstrich, nicht zuletzt durch das oftmals dominante Keyboardspiel des Bandleaders Kesel und kommen daher recht oldschool daher. Insgesamt sind die Songs zwar nicht schlecht, aber für meinen Geschmack alle ein wenig zu clean arrangiert und auch gesanglich ist da sicherlich noch Luft nach oben.

Wäre es die Scheibe einer professionellen Band, würde ich sagen, dass das besser geht. Aber für Amateurmusiker ohne große Live- und Studioerfahrung ist das Album doch erstaunlich gut geraten. Nicht unbedingt ein Must-Have, bei dem es sich lohnt, auf jede Note und jeden Takt zu achten, aber als musikalische Untermalung ist es absolut ok.

Zum Schluss sei noch das Geheimnis um den abstrusen Namen der Band gelüftet. Mitnichten haben die Jungs irgendwelche verbotenen Substanzen geraucht, vielmehr war „DogRocket“ der Spitzname eines von Kesel geflogenen Flugzeuges ….

Label: Dogmatic Studios (2021)
Stil: Blues

Tracks:
01. My Big Man
02. Only Man
03. Press On
04. Rusty Train
05. Psalm Blue
06. What Is A Man
07. Right Thing
08. Magic Kingdom
09. In My Heart
10. Bitter Town Blues

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Thorbjørn Risager & The Black Tornado – 17.09.2021, Schwarzer Adler, Rheinberg – Konzertbericht

Mann-o-mann, da haben Thorbjørn Risager & The Black Tornado bei ihrem Auftritt in der Vierbaumer Blueskultstätte ihrem Namen aber alle Ehre gemacht! Mit weit mehr als gefühlten 12 musikalischen Windstärken fegten sie am Freitag Abend durch den Schwarzen Adler und versetzten das zahlreich erschienene Publikum (knapp die Hälfte des eigentlichen Fassungsvermögens, demnach ausverkauft nach Corona-Statuten) in helle Begeisterung. Und endlich gab es zurecht auch wieder mal ‚Vor-Corona‘-zeitliche Stimmung.

Dabei verlief es im Vorfeld alles andere als rund.  Die für 15:00 Uhr bestellte Firma, die etatmäßig dafür sorgt, dass sämtliche Kabel exakt dort sitzen, wo sie hingehören, um für ein optimales Sounderlebnis zu sorgen, hatte schlichtweg den Termin verwechselt. Statt Vorfreude mit der entsprechenden Endorphin-Ausschüttung hieß es bei Ernst Barten den in die Höhe schießenden Blutdruck halbwegs im grünen Bereich zu halten.

Gegen 18:30 Uhr stand dann ‚kurz vor knapp‘ ein Ersatz zur Verfügung und mit Hilfe von Risager-Bassist Søren Bøjgaard wurde es dann ‚gerichtet‘. Folge war natürlich ein verspäteter Soundcheck, der gegen 20:00 Uhr, dem eigentlich geplanten Beginn, eine lange Warteschlange quer durch den Gastrobereich des Adlers auslöste.

Angesichts der Geschehnisse waren die 25 Minuten Verspätung aber leicht zu verschmerzen, vor allem, wenn man in der Retrospektive ein Resümee des Konzerts zieht, denn das war facettenreicher, energiegeladener Blues Rock vom aller Feinsten.

Ich hatte das Septett zuletzt vor gut vier Jahren an gleicher Stelle erlebt, somit an diesem Abend zum ersten Mal mit dem ’neuen‘ Gitarristen Joachim Svensmark. Der wirkte rein äußerlich wie ein Überbleibsel aus der Grunge-Szene, ein wenig Kurt Cobain ähnelnd, und hat wohl als einziger keine Anzugspflichtklausel in seinem Vertrag stehen. Der spielte sich nach verhaltenem Beginn im Verlauf des Gigs in einen wahren Rausch und setzte wie seine Mitspieler auch, viele tolle unterschiedliche Akzente, wie zum Beispiel das Intro mit dem Geigenbogen in Jimmy Page-Manier bei „Never Givin‘ In“.

Der Bandleader, wie immer im eleganten Anzug und mit Schlägerkappe bekleidet, setzte neben der musikalischen Qualität natürlich auch wieder stark auf die Interaktion mit dem Publikum. So vollzog er alle Ansagen in deutscher Sprache und auch Drummer Martin Seidelin (überragend) sowie die Bläserfraktion mit Hans Nybo und Peter W Kehl (beide auch wieder mit Harmoniegesängen und Percussion involviert) durften bei einer Song-Ansage ihre Deutschkenntnisse zum Besten geben.

Das kam natürlich gut an und machte es der Band leicht, die Audienz zu vielen Klatschrhythmen und auch zu einer satten Mitsingaktion bei „Rock’n’Roll Ride“ zu animieren. Gespielt wurde in zwei Sets. Als am Ende des ersten Teils, der auch zwei Songs aus der Risager-Balsgaard-Duo-Kooperation enthielt („The Way You Make Me Feel“, „Insomniac Boogie“), „Hold My Lover Tight“ mit einer Urgewalt (auch dank Seidelins furiosen Trommelattacken) durch den Saal  krachte, dachte man schon, dass hier nach nichts Besseres mehr kommen konnte.

Gut gefielen mir auch die zum Durchatmen geeigneten, stark und atmosphärisch gespielten Balladen wie „Burning Up“, „Through The Tears“(beide Set 1) und I Used To Love You“ (Set 2), in denen Thorbjørn meist mit einfühlsamen Doppelsoli an seiner Les Paul neben seinem starken Gesang glänzte.

Besagtes „“Rock’n’Roll Ride“ erwies sich als idealer Einstieg für Set 2 , um direkt wieder Fahrt aufzunehmen. „In The Back Of My Mind“ (Balsgaaad mit HT-Piano-Solo, Svensmark an der Dobro), das grandiose progressiv-psychedelische „Never Givin‘ In“, „Over The Hill“ (schön retro), „Last Train“ (Publikum klatscht rhythmisch mit), das E-Gitarren-lastige „Maybe It’s Alright“ (zwei klasse Soli von Svensmark  zum Teil im Clapton-Stil) hießen die weiteren Tracks bis zum furiosen Southern Rock-Abschluss „All I Want“, das von Risager, Svensmark und dem wieder wirbelnden Seidelin in episch, „Freebird“-artige Dimensionen gehievt wurde.

Alles, was das Publikum dann wollte, war natürlich noch weiterer Nachschlag, der mit dem launig-tanzbaren Schunkler „Baby Please Don’t Go“ erfüllt wurde. Ernst Barten war (auch schon nach „“Hold My Lover Tight“) anzusehen, wie die Last des stressigen Tages von seinen Schultern fiel. Er und alle Anwesenden hatten wohl einer der besten Live-Darbietungen dieses Jahres beiwohnen können.  Thorbjørn Risager & The Black Tornado in der Form ihres Lebens!

Line-up:
Thorbjørn Risager (lead vocals, electric guitar)
Joachim Svensmark (electric guitars, percussion, vocals)
Emil Balsgaard (keys)
Søren Bøjgaard (bass, synthie)
Martin Seidelin (drums, percussion, vocals)
Hans Nybo (saxophone, percussion, vocals)
Peter W Kehl (trumpet, percussion, vocals)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

Thorbjørn Risager & The Black Tornado
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Schwarzer Adler Rheinberg

Little Caesar, 16.09.2021, Musiktheater Piano, Dortmund – Konzertbericht

Nachdem vor zwei Wochen das Musiktheater Piano nach fast einem Jahr Coronapause wieder die Tore geöffnet hatte, waren am heutigen Sonntag die Los Angeles Hardrocker Little Caesar erstmals hier in Dortmund zu Gast. Das Setup war mit dem Gig auf dem Freideck der Kantine vom 14.09.21 vergleichbar und wurde im dazugehörigen Review schon besprochen.

Wenn man beide Konzerte nebeneinander stellt, zeigte sich, dass die Intensität in Dortmund um einiges größer war. Die Hauptgründe, bei vergleichbaren Zuschauerzahlen, waren vermutlich der klarer abgemischte und lautere druckvollere Sound, sowie, dass das Konzert unbestuhlt war. Zudem durften die Dortmunder Lokalmatadoren von Markk 13 die Wartezeit der Gäste verkürzen.

Was den Stammgästen mit Sicherheit aufgefallen ist, dass das Piano in der konzertfreien Phase nicht nur einen neuen Anstrich und überarbeitete Böden bekommen hat, sondern das ohnehin vorhandene Flair durch drei Kronleuchter im Konzertsaal noch einmal aufgehübscht wurde.

Ein klein wenig wird man durch die Leuchter an das Fillmore East erinnert, was durch die alten Konzertplakate der legendären Grateful Dead an den Wänden unterstützt wird.

Dem Musikfan sei angeraten in die Konzertankündigungen der nächsten Wochen zu schauen, das Schmuckkästchen wartet mit einigen Highlights auf. Am nächsten Samstag z. B. wird Thorbjørn Risager & The Black Tornado zu Gast sein. Was einen da erwarten wird, kann im morgigen Konzertbericht aus dem Schwarzen Adler nachgelesen werden.

Line-up:
Ron Young (lead vocals)
Mark Tremalgia (electric guitar, vocals)
Pharao Barrett (bass, vocals)
Brian Irving (drums)
Loren Moulinare (electric guitar, vocals)

Text und Bilder: Gernot Mangold

Little Caesar
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Teenage Head Music
Musiktheater Piano Dortmund

Little Caesar, 14.09.2021, Open Air Bühne (Freideck), Kantine, Köln – Konzertbericht

Deutschland-Auftakt der Europa-Tournee von Little Caesar. Zum ersten Mal gab das Quintett um Bandleader Ron Young sein Stelldichein im Kölner Kantinen-Areal, sprich der dort anliegenden Open Air Bühne am sogenannten Freideck. Ich persönlich habe die Truppe aus Los Angeles bis jetzt zwar einige Male live gesehen, aber immer nur in der kleinen Krefelder Kulturrampe, die soundtechnisch aufgrund der Lautstärke dabei jedes mal so ziemlich an ihre Grenzen gebracht wurde. Deshalb war ich sehr gespannt, wie die Musik diesmal auf dem weitläufigen Gelände rüberkommen würde.

Der Wettergott kam der Bitte vom Klassiker ihres ersten Albums „I Wish It Would Rain“ nur eine knappe halbe Stunde vor Konzertbeginn auf der Hinfahrt von Rheinberg nach Köln nach, während des gut 90 Minuten währenden Gigs durfte man sich über trockene Verhältnisse bei sehr angenehmen Temperaturen freuen. Auch die gute Besucherzahl (Kantinenmacher Marcus Neu hatte da im Vorfeld etwas Bedenken) trug von daher zu besten Voraussetzungen bei.

Pünktlich um 19:30 Uhr betraten Ron Young, Mark Tremalgia, Pharao Barrett, Loren Moulinare und Brian Irving (der etatmäßige Drummer Tom Morris musste aus familiären Gründen passen) die große Bühne und legten mit „Drive It Home“, wie bei Little Caesar gewohnt, direkt einen ordentlichen Hard Rock-Drive vor.

Auch an diesem Abend zeigte sich, welch hohe Bedeutung das damals umjubelte Major-Debüt von 1990 und zugegebener Maßen immer noch beste Werk, für die Setlist der Band spielt. „Rock-N-Roll State Of Mind“, „Hard Times“, „Wrong Side Of The Tracks“, „Chain Of Fools“, besagtes „I Wish It Would Rain“, „Down-N-Dirty“ und „In Your Arms“ bildeten das starke Grundgerüst, um die Fangemeinde mit dem typischen Wechsel aus launig hart rockenden Nummern und den eingestreuten schmalzfreien Balladen, in beste Stimmung zu versetzen.

Highlights bis dahin sicherlich der Zwischenschrei von Ron Young beim Aretha Franklin-Cover „Chain Of Fools“, als Beweis für die immer noch starke Stimme des Bandleaders, an dem ein Joe Cocker sicherlich seine Freude gehabt hätte. Schön auch, als bei „Down-N-Dirty“ im Bridge die ja eigentlich vom Sänger gepachteten „Can’t you see, Can’t you see“-Zeilen von einem Zuschauer spontan übernommen wurden, was alle Anwesenden (inklusiv Band) sichtlich amüsierte und so zur lockeren Gesamtatmosphäre beitrug.

Young gab sich wie gewohnt kommunikativ (vielleicht schon etwas zu überdreht an diesem Abend), die Pfunde, die beim eh schon spindeldürren Wirbelwind Loren Moulinare (der wieder mit seiner durchgeknallten Mimik und Agilität ein absoluter Aktivposten) verlorengegangen zu sein schienen, hatten sich wohl bei Bassist Pharao Barrett angesiedelt, der mit pumpenden Bassläufen, guten Harmoniegesängen und auch einem Leadvocal-Einsatz bei der zweiten Zugabe „Every Picture Tells A Story Happy“ mittlerweile eine gewichtige Rolle, nicht nur von der imposanten Statur her, im LC-Line-up einnimmt.

Mark Tremalgia spielte die meisten Soli auf seiner Les Paul (leider nicht immer transparent rauszuhören), Ersatz-Drummer Brian Irving fügte sich mit wuchtigem Spiel ganz flüssig ein, als wäre er schon immer dabei gewesen.

„Mama Tried“ vom momentan aktuellen Album „8“ finalisierte den Hauptteil, zwei Zugaben holte die mittlerweile stehende Audienz noch raus. Vor dem launigen „Vegas“ (klasse die Zeilen „Too stupid for New York, Too ugly for Hollywood) als erster Zugabe, ebenfalls auf „8“ vertreten, verteilte Ron wie gewohnt (siehe dazu auch unser Interview von 2016), Spitzen gegen das eigene Land, in dem er auf die immer noch weit verbreitete Bildungsarmut hinwies.

Hier führte er an, dass es in den Staaten ernsthaft sehr viele Menschen gibt, die New York für das Ende der Welt halten. Ok, wenn es statt geografisch, metaphorisch gemeint wäre, könnte man es auch als scharf skizzierte Ironie interpretieren (angesichts dessen, was diese Beton-Megastädten an Negativem um den ganzen Globus verbreiten), aber in der Tat scheint es sich wohl um ersteren Sachverhalt zu handeln…

Wie dem auch sei, der Little Caesar-Gig bot insgesamt 1 1/2 Stunden beste Hard Rock-Unterhaltung, wenn es jetzt noch gelingen würde, den Sound mal einwandfrei hinzukriegen, dann können sich alle, die die nächsten Stationen besuchen, auf eine tolle Show freuen.

Line-up:
Ron Young (lead vocals)
Mark Tremalgia (electric guitar, vocals)
Pharao Barrett (bass, vocals)
Brian Irving (drums)
Loren Moulinare (electric guitar, vocals)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

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Teenage Head Music
Kantine Köln

Carly Pearce – 29: Written In Stone – CD-Review

Der Stachel sitzt tief bei Carly Pearce. Gerade mal acht Monate dauerte ihre Ehe mit dem Country-Musikkollegen Michael Ray. Dann war Schluss, Scheidung, das war’s. Dazu kam auch noch der Tod ihres früheren Produzenten busbee. Also alles andere als schöne Zeiten für die aus Kentucky stammende Künstlerin.

Wie heißt es so schön: Musik ist die beste Medizin, um solche Dinge aufzuarbeiten und wo hat das nicht größere Tradition als im Country. Zweifelsohne haben die Geschehnisse einen äußerst kreativen Prozess bei Pearce ausgelöst. Mit gleich 15 Songs voller Selbstreflexion und natürlich auch vielen Seitenhieben in Richtung des Ex-Partners werden die eigenen Wunden geleckt, aber auch wieder zum Blick nach vorne genutzt.

Sie und die beiden Produzenten Shane McAnally und Josh Osborne haben sich daher von ihrem zuletzt praktizierten, mainstreamig-ausgerichteten Stil wieder mehr zu ihren bluegrassigen, traditionellen Country-Roots hingewendet, was sich bei der Thematik dieses ‚Konzept‘-Albums auch anbietet.

“I ain’t a coal miner’s daughter, But I’ve sung it all my life/ I ain’t been a widow, But I’ve been an ex-wife/ And I hear your truth, And I feel your pain/ Now I know why you sang that way…” heißt es stellvertretend in „Dear Miss Loretta“, wo es dann auch noch vokale Unterstützung von Ikone Patty Loveless gibt. Weiteren Beistand erhält sie beim schönen „Never Wanted to Be That Girl“ von Ashley McBryde.

Und so dominieren auch die traditionell-typischen Countryinstrumente  wie Mandoline, (kratzige) Akustik- und E-Gitarre (oft Slide und Bariton), weinende/heulende Fiddle, knarzende Dobro (omnipräsent) und Steel zu Carlys oft verletzlichem Gesang, eindeutig die Szenerie. Drums/Percussion, Bass und Keys wirken eher als dezentes Beiwerk.

Hier kann Carly sich ganz auf das Können der involvierten Nashville-Parade-Musiker verlassen, die einfach wissen, wie man in einer solchen Stimmung, beziehungswiese Thematik, spielen muss. Die Scheibe erinnert mich rein musikalisch von der Art her ein wenig an Kathy MatteasRight Out Of Nowhere„.

Allein der Schlagabtausch am Ende von „Easy Going“ zwischen Ilya Toshinskys Akustikgitarre, Jenee Fleenors Fiddle und Josh Mathenys Dobro sind schon den Kauf des Werkes wert. Weitere Highlights in einem in sich geschlossenen Werk, sind die beiden, mit einem lässigen E-Gitarrenrhythmus shuffelnden „Your Drinkin‘, My Problem“ und „Liability“.

‚Leiden mit Carly‘ ist so das gefühlte Motto auf dem 15-teiligen Country-Gefühlstripp „29: Written In Stone“. Die Lebenserfahrung sagt natürlich am Ende auch, dass die Schuld meist nicht nur auf einer Seite zu suchen ist. Interessant wäre sicherlich mal zu wissen, was Michael Ray über die Scheibe zu sagen hat…

Big Machine Records (2021)
Stil: New Country

01. Diamondback
02. What He Didn’t Do
03. Easy Going
04. Dear Miss Loretta
05. Next Girl
06. Should’ve Known Better
07. 29
08. Never Wanted to Be That Girl
09. Your Drinkin‘, My Problem
10. Liability
11. Messy
12. Show Me Around
13. Day One
14. All The Whiskey In The World
15. Mean It This Time

Carly Pearce
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Universal Music

Colin Linden – bLOW – CD-Review

Review: Michael Segets

Im zarten Alter von elf inspirierte ein Gespräch mit Howlin‘ Wolf den jungen Colin Linden, sich der Musik zu verschreiben. In den letzten fünfundvierzig Jahren hat er dann auch Fußstapfen in der Musikgeschichte hinterlassen. Auf über 500 Longplayern wirkte er als Gitarrist und Sänger mit. Als Produzent kann er auf rund 140 Veröffentlichungen zurückblicken. Er spielte zusammen mit Bruce Cockburn, Bob Dylan, Gregg Allman und John Prine und produzierte Alben von Sue Foley und Keb‘ Mo‘, um nur einige zu nennen. Seit einem Vierteljahrhundert ist Linden als Mitglied von Blackie And The Rodeo Kings aktiv. Mit der Band und auch als Solokünstler heimste er einige Nominierungen und Trophäen der Juno Awards und einen Grammy ein. Unter seinem eigenen Namen liegt nun der vierzehnte Longplayer „bLOW“ vor. (Und nein, mir ist kein Fehler mit der Umstelltaste unterlaufen.)

Auf ihm widmet sich Linden dem Electric Blues, bei dem die E-Gitarren im Vordergrund stehen. Die Stücke orientieren sich teilweise an klassischen Größen wie Bo Diddley („4 Cars“) oder John Lee Hooker („Boogie Let Me Be“), wobei sie modern und zeitgemäß wirken. Aber auch aktuelle Anlässe bilden die Grundlage seiner Songs. Mit dem Titeltrack „Blow“ (diesmal in der konventionelle Schreibweise gelistet) greift er auf seine Erlebnisse während eines Tornados zurück. Schwere Stürme suchen Amerika in den letzten Jahren ja regelmäßig heim. Den Lockdown während der Pandemie bearbeitet Linden auf „Honey On My Tongue“.

Der Bluesrock dominiert die Scheibe. Dabei lässt Linden die Gitarrensaiten ausgiebig vibrieren. „Ain’t No Shame“ ist so ein gitarrengetriebener Beitrag. Daneben setzt er auch gerne die Hammond-B3-Orgel ein wie bei dem mit einem melodiösen Refrain versehenen „When I Get To Galilee“. Ein Piano klimpert auf „Angel Next To Me“ im Hintergrund und bringt so nochmal eine neue Note in den Sound. Linden groovt mal locker („Until The Heat Leaves Town“), mal etwas dunkler – beispielsweise bei dem Roadhouse Blues „Houston”. Straight forward geht „Right Shoe Wrong Foot“, allerdings deutlich erdiger als die anderen Songs, da den kratzigen und expressiven Gitarren weniger Raum gegeben wird. Ganz anders ist da „Change Don’t Come Without Pain“. Hier zelebriert Linden den Blues in Reinform über sieben Minuten und schöpft die Möglichkeiten der elektrischen Gitarre aus.

Linden zeigt eine gewisse Affinität zu Film und Fernsehen. Beim Soundtrack für „O Brother Where Are Thou“ wirkte er ebenso mit wie bei der Fernsehserie „Nashville”. Für ein weiteres Fernsehprojekt, nahm er einige Stücke auf, die dann den Grundstock für „bLOW“ legten. Den Gedanken, ein elektrifiziertes Bluesrock-Album zu machen, trägt Linden schon lange mit sich herum – vielleicht schon seit 1982, dem Jahr aus dem das Foto stammt, das das Cover ziert. Nun war wohl die richtige Zeit für die Realisation des Projekts gekommen, zumal der Longplayer als erste Veröffentlichung auf dem neuen Label Imprint von Lucinda Williams erscheint.

Colin Linden setzt mit „bLOW“ ein lang gehegtes Vorhaben in die Tat um. Er stellt ein kraftvolles Bluesrock-Album vor, das einerseits als Hommage an die Urväter des Blues verstanden werden kann, andererseits bewegt es sich auf der Höhe der Zeit. Seine Erfahrungen ausspielend und mit viel Energie aufspielend unternimmt er einen Streifzug durch die Facetten des Genres. Dabei lässt er nichts anbrennen.

Zuletzt kann das Geheimnis um den Albumtitel noch gelüftet werden: Die Schreibweise geht auf Lindens kleinen Neffen zurück, als dieser einen Entwurf für ein Cover zeichnete.

Highway 20 – Thirty Tigers (2021)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. 4 Cars
02. Ain’t No Shame
03. Until The Heat Leaves Town
04. Angel Next To Me
05. Boogie Let Me Be
06. When I Get To Galilee
07. Blow
08. Change Don’t Come Without Pain
09. Right Shoe Wrong Foot
10. Houston
11. Honey On My Tongue

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Larkin Poe & Nu Deco Ensemble – Paint The Roses: Live In Concert – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Bereits in den 1960er Jahren haben Rockbands (u. a. Deep Purple) Orchester-Kooperationen in Live-Konzerten eingespielt. Das ist auch heute noch oft eine Herausforderung für alle Beteiligten (siehe z. B. Metallica: „S&M“ (1999) und S&M2 (2020), Kiss (2003)). Etwas leichter hatten es die beiden US-Bluesrockerinnen von Larkin Poe, die über eine klassische Grundausbildung (Violine und Piano) verfügen. Trotzdem muss die außergewöhnliche Performance mit dem Nu Deco Ensemble für Megan und Rebecca Lovell eine neue Erfahrung gewesen sein. Ihre erste Live-Aufnahme „Paint The Roses“ wurde während eines Gast Auftrittes am 12. Dezember 2020 im North Beach Bandshell, Miami Beach, Florida, anlässlich einer Live-Stream-Show des renommierten Orchesters aufgezeichnet und enthält überwiegend Songs ihres Billboard Blues Charts Nr. 1-Albums „Self Made Man“.

Die Einleitung von „Paint The Roses“ beginnt allerdings mit der alten Gospel-Nummer „Sometimes“ von Folk-Ikone Bessie Jones, traditionell rhythmusintensiv und im Mittelteil durch die orchestrale Bläserbegleitung modern ausgestaltet, jedoch unverändert eine Roots-Rock-Reminiszenz. Als weiteres Highlight folgt das Medley „Back Down South/Blue Sky“ mit dem Allman Brothers-Track als grandioser Orchester Interpretation, einer vehementen Southern-Rock-Betonung und einem Dankeschön an die großen Brüder der „kleinen“ Schwestern. Das innovative Orchesterpassagen auch mit älteren Lovell-Songs großartig harmonisch übereinstimmen, beweist „Mad As A Hatter“ aus dem Jahre 2012 mit nahezu experimenteller Ausrichtung – jedoch passend zu den bewegenden Lyrics der ursprünglichen Folk-Blues-Nummer.

Durch die Orchestrierung erhalten die Larkin Poe Stücke neue Ausdrucksstärke und außergewöhnliches Klangvolumen; das Nu Deco Ensemble beweist seine eigene, bemerkenswerte und teilweise extravagante Inszenierung der Kompositionen durch die klassische Note. Tracks, wie „Every Bird That Flies“ und „Self Made Man“ wachsen als Folge der Orchester-Aufarbeitung in kraftvollen Live-Versionen über sich hinaus. Die spannende und begeisternde Aufzeichnung des Larkin Poe-Gastkonzertes ist leider mit nur 30 Minuten etwas kurz geraten, wobei der erhebliche, künstlerisch musikalische Aufwand für die Instrumentalisierung dieser orchestralen Begleitung von sieben Stücken nicht zu unterschätzen sein dürfte.

Der Live-Longplayer „Paint The Roses“ bietet ein Klassik-Blues-Rock-Ereignis der besonderen Art, oder wie es Megan Lovell im American Songwriter Interview ausdrückt: „This event feels like a homecoming to us“. Larkin Poe knüpfen mit ihrem neuen Album an erfolgreiche Orchester-Rock Releases der letzten Jahrzehnte an.

Tricki-Woo Records/Proper/Bertus (2021)
Stil: Blues, Klassik

Tracks:
01. Sometimes
02. Back Down South/Blue Sky
03. Mad As A Hatter
04. Danger Angel
05. Tears Of Blue To Gold
06. Every Bird That Flies
07. She’s A Self Made Man

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