Chris Murphy – Two Rivers Crossing – EP-Review

Review: Michael Segets

Fast zwanzig Solo-Alben oder EPs veröffentlichte Chris Murphy bereits und auf ebenso vielen von anderen Musikern wirkte er mit. Dennoch kann ich mich nicht an einen Berührungspunkt mit ihm erinnern. Dass er vor Kurzem bei dem niederländischen Label Friendly Folk Records unterschrieben hat, trägt sicherlich dazu bei, seinen Bekanntheitsgrad in Europa zu steigern. Dort erschien im vergangenen Jahr „Sovereign“, auf dem mehr als zwei Dutzend Musiker mitspielten. „Two Rivers Crossing“ bildet dazu das Kontrastprogramm.

Allein mit seiner Geige präsentiert Murphy auf der EP sechs Tracks und gibt so einen Eindruck von seinen Solo-Shows, die er im Oktober quer durch die Niederlande gibt. Da die Violine nun nicht unbedingt für Soloperformances prädestiniert ist, brachte ich dem Werk zuerst eine gewisse Skepsis entgegen. Murphy beherrscht sein favorisiertes Instrument jedoch perfekt und gewinnt ihm durch Streichen und Zupfen etliche Klangvariationen ab. Auf einzelnen Stücken setzt Murphy ein paar dezente Loops für den Rhythmus ein, ansonsten sind die Songs Gesang und Geige pur – und das funktioniert.

Das witzige, locker gespielte „Early Grave“ thematisiert eine toxische Beziehung und wurde zu Recht als Single gewählt. Dunkler erscheint „Into The Past“. Der Titel der EP ist dem ersten Vers des Songs entnommen. Die angenehme Stimme von Murphy und die eingängigen Refrains tragen die beiden Stücke. In den gestrichenen Passsagen wirkt das folgende „Complete Surprise“ beinahe schon klassisch. Der Rhythmus hingegen rückt den Titel jedoch eher in eine karibische Richtung. Die Mischung ist interessant, liegt aber nicht vollständig auf meiner Linie.

Das getragene „Long Ago“ überzeugt allerdings wieder rundum. „Wolfes Of Laredo“ steht textlich und musikalisch deutlich in der amerikanischen Folk-Tradition. Murphy, der aus der Nähe von New York stammt und sowohl italienische als auch irische Vorfahren hat, schließt sein Werk mit dem instrumentalen „Shantallow“ ab. Hier treten seine keltischen Wurzeln zutage. Als seine Inspirationsquellen, die auf der EP auch an der ein oder anderen Stelle durchscheinen, gibt Murphy den Mississippi Delta Blues, Folk, Bluegrass sowie die Latin Music an. Die 25 Minuten Spielzeit lassen dementsprechend auch keine Langeweile aufkommen.

Chris Murphy unterhält über die gesamte EP hinweg sehr gut. Überraschend abwechslungsreich gestaltet er die sechs Songs auf „Two Rivers Crossing“ nur mit seiner Geige und seiner Stimme. Die Strukturen der Stücke orientieren sich zwar an bewährten Mustern, durch das mutige, minimalistische Arrangement gelingt Murphy allerdings ein außergewöhnliches Werk, das man durchaus in seiner Sammlung haben sollte.

Friendly Folk Records (2022)
Stil: Folk

Tracks:
01. Early Grave
02. Into The Past
03. Complete Surprise
04. Long Ago
05. The Wolves Of Laredo
06. Shantallow

Chris Murphy
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