Lucero – When You Found Me – CD-Review

Lucero 300

Review: Michael Segets

Lucero veröffentlicht seit über zwanzig Jahren völlig unbemerkt von mir Musik. Auf ein Dutzend Studio-Alben und drei Livemitschnitte blickt die Band aus Memphis, Tennessee, bereits zurück. 2008 brachte die Band sogar ein Album auf einem Major-Label – Universal Music – heraus.

„When You Found Me“ macht jedenfalls Lust, sich zukünftig auch mit deren Backkatalog auseinanderzusetzen. Bei den ersten Durchläufen fallen die kräftigen Gitarren und der mal volle, mal leicht kratzig-nasale Gesang des Frontmanns Ben Nichols angenehm auf.

Die Stimme könnte beim Opener „Have You Lost Your Way” vielleicht etwas weiter nach vorne ausgesteuert sein, aber dennoch entwickelt der Song mit seinem breiten, durch E-Gitarren erzeugten Klangteppich eine ansteigende Dynamik. Auch beim folgenden „Outrun The Moon“ wird eine Spannungskurve erzeugt, allerdings durch den einprägsamen Refrain. Die Instrumentalpassagen sind bei der ersten Single außerdem deutlich differenzierter.

Nach dem bereits gelungenen, rockigen Einstieg folgt ein erstes absolutes Highlight des Albums. Beim countryfizierten „Coffin Nails“ verzichtet Lucero auf dominante elektrische Gitarren und stellt den eindringlich gesungenen Refrain ins Zentrum. Die Band liefert einen starken Song ab, der Reckless Kelly ins Gedächtnis ruft.

„Pull Me Close Don’t Let Go” hingegen zieht mich nicht in seinen Bann. Die sphärischen Klänge und die oftmalige Wiederholung einer Textzeile lassen den Track eher dahinplätschern. Hier setzt Lucero – nach Angabe der Presseinformation – zum ersten Mal einen Synthesizer ein. Der ist ebenso auf „Good As Gone” zu hören. Der Track erlangt durch die Keys den Charme der achtziger Jahre und erinnert an das damalige New Age. Gleichwohl rockt der Song ebenso wie „All My Live”, der Anleihen beim Grunge hat. Lucero bedient sich also in der Rocktradition, ohne dass die Tracks wirklich retro klingen.

Nach Aussage von Nichols wollte er einen klassischen Rock-Sound für den Longplayer. Das von Matt Ross-Spang (Jason Isbell, Drive-By Truckers) produzierte Album löst diesen Anspruch ein, wobei die anderen Bandmitglieder Rick Steff (Keys), Brain Venable (Gitarre), Roy Berry (Schlagzeug) und John C. Stubblefield (Bass) ihren Anteil haben.

Das erdige „The Match“ geht in Richtung Roots Rock und liegt damit genau auf meiner musikalischen Wellenlänge. Eine Steigerung liefert noch der hervorragende Heartland-Knaller „Back In Ohio”. Bei der Abfolge der Gitarrenakkorde und bei den Klavierläufe kommt der Vergleich mit Nils Lofgrens Blütezeit in den Sinn. Eine kurze Saxophon-Passage gibt dem Sound einen zusätzlichen Drive. Das Jahr ist noch jung, aber der Titel wird es auf meinen persönlichen Best-Of-2021-Sampler sicher schaffen.

Mit seinen Zäsuren ist der kräftige Rocker „A City On Fire“ kompositorisch eindrucksvoll. Hardrock-hymnisch angehaucht schallt er wuchtig aus den Boxen. Der Text im Refrain wird im Wechsel von Nichols und dem Background seiner Mitstreiter gesungen. Am Ende setzt sich ein Klavier vor den kräftigen Rhythmus. Bekommen die Hörer hier die volle Breitseite, steht dazu der balladeske Titeltrack in deutlichem Kontrast. „When You Found Me“ erinnert wiederum an Reckless Kelly und schließt das Album ruhig und melodiös ab.

Nichols, der vor vier Jahren Vater einer Tochter geworden ist, greift seine Lebenssituation in einigen Texten auf. Mit der rockig-aggressiven Ausrichtung der Scheibe und anderen, leicht bitteren Lyrics kann sie allerdings nicht als zahm oder familientauglich bezeichnet werden.

Auf „When You Found Me“ verarbeitet Lucero eine breite Palette an Rockeinflüssen. Vielleicht zünden nicht durchgängig alle Songs, aber mit den außerordentlichen „Back In Ohio“ und „Coffin Nails“ spielt die Band in der obersten Liga des Heartland Rock beziehungsweise des Alternative Country mit.

Liberty & Lament – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Rock

Tracks:
01. Have You Lost Your Way
02. Outrun The Moon
03. Coffin Nails
04. Pull Me Close Don’t Let Go
05. Good As Gone
06. All My Live
07. The Match
08. Back In Ohio
09. A City On Fire
10. When You Found Me

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