Ryan Peters – Songs For Old Souls – CD-Review

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Review: Michael Segets

Ryan Peters stammt aus dem Norden Michigans und lebt dort derzeit auch. Viel mehr Informationen konnte ich über den Mann, der mit „Songs For Old Souls“ sein Debüt veröffentlicht, im Netz nicht finden. Auf seiner facebook-Seite nennt er einige Hausnummern als musikalische Orientierung: Hank Williams, Johnny Cash, Waylon Jennings, Willie Nelson aus der Country-Sparte, Lynyrd Skynrd, The Band und jüngere Musiker wie Jason Isbell und Chris Stapleton. Deren Einflüsse klingen an der einen oder anderen Stelle des Albums auch an, ohne dass ich direkte Parallelen ziehen würde.

Wie das mit den Vergleichen auch sei: „Songs For Old Souls“ klingt angenehm vertraut und hält einige Highlights parat. Mein Favorit ist der Opener „Gotta Go“. Der kraftvolle Roots Rock mit einprägsamen Refrain überzeugt auf der ganzen Linie. Stark ist auch der Country-Rocker „Let Me Down Easy”. Unter den langsameren Titeln sticht „Nobody’s Dime“ mit einem tollen Southern-Flavour hervor, aber auch „Lighthouse“ weis mit seinem trocken stampfenden Rhythmus und gelungenem Gitarrensolo zu gefallen.

Die leicht angeraute Stimme von Ryan Peters ist vielleicht nicht unverwechselbar markant, aber sie passt prima zu den Songs der CD, die eine gelungene Mischung aus Balladen und schnelleren Midtempo-Stücken bietet. Das Pendel schlägt meist in Richtung Roots- oder Country-Rock aus, wobei Peters die Titel durchaus unterschiedlich arrangiert.

Nicht zuletzt durch den ausgiebigen Einsatz der Mundharmonika erhält „Railroad Village Blues”, bei dem Peters das Kleinstadtleben besingt, einen Country-Einschlag. Dieser kommt vor allem bei „Damned If I Don’t“ vollends zur Geltung. Dieser Song wird ebenso wie die insgesamt akustisch gehaltene Ballade „If He Got To Heaven” mit gehörig Slide untermalt.

„Living Too Fast” hat schöne Klavierpassagen und entwickelt wie auch „Before It Was Gone“ viel Drive, an dem der Gesang von Peters einen großen Anteil hat. In der zweiten Hälfte des Albums finden sich mit „Stab In The Dark“, „The Best Of Me“ und „Take Me Back“ noch drei solide, rockigere Titel, die sich mal durch melodiöse Gitarrenläufe, mal durch härtere Riffs auszeichnen.

Mit „Songs For Old Souls“ legt Ryan Peters ein vielversprechendes Debüt vor, das bodenständig und ehrlich klingt. Nach einem fulminanten ersten Teil finden sich im zweiten etwas schwächere Stücke, die aber immer noch gut hörbar sind. Einzelne Titel – wie „Gotta Go“ – begeistern vollständig, sodass man gespannt sein darf, was man zukünftig von dem Mann aus dem Great Lakes State hört.

Homestead Productions (2018)
Stil: Roots Rock / Country Rock

Tracks:
01. Gotta Go
02. Lighthouse
03. Railroad Village Blues
04. Let Me Down Easy
05. Nobody’s Dime
06. Living Too Fast
07. Before It Was Gone
08. Damned If I Don’t
09. Stab In The Dark
10. If He Got To Heaven
11. The Best Of Me
12. Take Me Back

Ryan Peters bei Facebook

Rich Webb – Le Rayon Vert – CD-Review

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Review: Michael Segets

Das Video zur ersten Single „Let It Rain” des Albums „Le Rayon Vert” von Rich Webb zeigt ein Konzert der besonderen Art. Auf alle Fälle machte es mich neugierig und Netinfect Promotion sendete mir ein Bemusterungsexemplar der CD.

Der genannte Rocksong eröffnet dann auch scheppernd mit einer Prise Garage, trockener Gitarre und coolem Gesang die Scheibe. Er ist das Highlight des Albums. Das Tempo der meisten Tracks ist langsam oder im mittleren Bereich angesiedelt und hält nicht die Power des Openers. Dafür überrascht Rich Webb mit schönen Melodien sowie mit Varianten im Songwriting und in der Instrumentalisierung.

„Stray Horse Canyon” ist so ein Song, der zunächst einfach anfängt, dann aber durch ein unerwartetes Saxophon mit Hörgewohnheiten bricht. Jon Webb spielt das Instrument und auch sonst bindet Rich Webb seine Familie beispielsweise im Background gelegentlich ein. Sein älterer Bruder David Eugene Webb ist der ständige Drummer der Band.

Die gelungenen Balladen „Our Love, It Don’t Live Here Anymore“ und „Letter To My Replacement (Whoever That My Be)” verzichten auf große Experimente. Sehr schön sind dabei die Akzente, die die E-Gitarren, die Percussion oder die Orgel setzen. Die Arbeit an den Tasteninstrumenten und Gitarren teilen sich Rich Webb und Phil Wakeman. Fest zur Band gehört zudem Bassist George-Savva Georgiou.

Beinah sphärische Klänge, Disharmonien und Brüche in der Melodie rückt „Stoner“ in Independent-Regionen. Mit dem sechs Minuten dauernden Stück kann ich mich nicht so recht anfreunden. Ähnlich geht es mir mit dem Ende von „Me And My Horse Trigger“. Der Track gipfelt in ein seltsamen Miteinander von Klavier, Bläsern und Percussion. Nahtlos geht der anfänglich gut hörbare Song in „The Good Life“ über. Auf diesem Titel, bei dem Webb einen Weg in Richtung Jazz einschlägt, dominiert das Piano und ein auffälliger Backgroundgesang.

Das kurze „The So Called Earl ( ) Palmer” kommt instrumental im dynamischen Big-Band-Sound daher. „Come Home Baby, Get A Job” ist über weite Teile ein sehr schönes Stück, dann baut Webb aber ein Akkordeon ein, das einen Dreivierteltackt aufnimmt und etwas von Zirkus- oder Karussell-Musik hat.

Mehrmals entziehen sich die Kompositionen der eindeutigen Klassifizierung. Von der Grundanlage sind die meisten Songs dem Americana zuzuordnen. Rich Webb greift darüber hinaus auf Elemente anderer Musikrichtungen zurück. Vielleicht gewinnen die musikalischen Innovationen nach mehrmaligen Hören, aber jemand wie ich, der sich für eher gradlinige Musik begeistert, wird wohl die Tracks lediglich in Auswahl hören.

Zu den Songs, die für mich und die meisten SoS-Leser wahrscheinlich passen, zählen die Coverversion von „Shaggy Dad“, die mit einer gehörigen Portion Twang und Slide-Guitar-Begleitung überzeugt, und „Shenandoah“. Der Song mit Violine, Banjo, Mandoline und Trommelwirbeln trifft sicherlich ins Herz der Americana-Fangemeinde.

Leuten, denen reine Americana-Musik musikalisch zu langweilig ist, sollten in das fünfte Album von Rich Webb herein hören. Es bietet für sie vielleicht interessante Varianten und Ausflüge in andere Genres. Aber auch diejenigen, die sie lieber traditionell mögen, werden auf „Le Rayon Vert“ fündig.

Rich Webb nahm „Le Rayon Vert“ in Frankreich und Deutschland auf. Der Australier holte ich als Mitproduzenten Howard Bargroff (Frankie Goes To Hollywood, Grace Jones) ins Boot. Das Mastering wurde von Pete Lyman (Tom Waits, Ben Harper, Chris Stapleton) übernommen.

Zu vermuten ist, dass die experimentellen Klänge bei Konzerten stärker in den Hintergrund treten. Da Rich Webb im Oktober durch Deutschland und die Schweiz tourt, kann man sich vor Ort ein Bild davon machen, ob meine Spekulation zutrifft.

All Killer Music (2018)
Stil: Americana and more

Tracks:
01. Let It Rain
02. Stray Horse Canyon
03. Our Love, It Don’t Live Here Anymore
04. Letter To My Replacement (Whoever That My Be)
05. Stoner
06. The So Called Earl ( ) Palmer
07. Shaggy Dad
08. Come Home Baby, Get A Job
09. Shenandoah
10. Me And My Horse Trigger
11. The Good Life

Rich Webb
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Netinfect
All Killer Music

Chris Stapleton – From A Room Volume 2 – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Vollbärtiger Mann mit Westernhut und Gitarre? Bei dieser Beschreibung wird vielen Musikfans in den USA zurzeit sicherlich als erstes Chris Stapleton in den Sinn kommen. Mit seinem mehrfach ausgezeichneten Debütalbum „Traveller“ (u. a. Album of the Year) hat er sich vor zwei Jahren direkt in der Spitze der Stars der Country-Szene festgesetzt. Seiner Produktivität hat der schlagartige Erfolg offensichtlich nicht geschadet. Seinem erst im Mai erschienen Album „From A Room: Volume 1“ lässt er nun bereits das Nächste folgen.

Auch für sein drittes Album, das leider nur neun Titel umfasst, hat sich Stapleton wieder den Produzenten Dave Cobb (u.a. Jason Isbell and The 400 Unit: The Nashville Sound) an die Seite geholt und verzichtet damit weitgehend auf musikalische Experimente.

Der gelungene Opener „Millionaire“ ist ein gefühlvolles Heartland Rock-Duett mit Ehefrau Morgane. Darauf folgt das wild drauflos stampfende „Hard Livin‘“ mit einer repetitiv dumpf-verzerrten Gitarre. Auf der schönen Midtempo-Ballade „Scarecrow In The Garden“, bereits als Vorabsingle veröffentlicht, sinniert Stapleton über das beschwerliche Farmerleben nordirischer Immigranten. Ein toller Übergang folgt mit „Nobody’s Lonely Tonight“, ein ruhiges, von dunkler Stimmung beherrschtes und von seiner starken, souligen Stimme getragenes Klagelied.

Das eher durchschnittliche „Tryin‘ To Untangle My Mind“ weckt Erinnerungen an seinen Hit „Tennessee Whiskey“. Die spärliche, minimal besetzte, Country-Folk Ballade „Simple Song“ offenbart erfreuliche narrative Ansätze. „Midnight Train To Memphis“, ein kraftvoller Hard Rock Song in Manier der „Black Keys“, mit eingängigem Gitarrenriff, ein eher untypischer Song, beweist aber, dass er nicht nur ruhige Töne kann, sondern auch harte, temporeiche Sounds.

„Drunkard’s Prayer“, ein langsamer, vor sich hin dümpelnder, traditioneller Country-Song, ist das schwächste Stück des Albums. Das abschließende hymnenartige „Friendship“, bereits in einer souligen R&B Version von Pops Staples aufgenommen, erfreut den Hörer in der Country-Roots-Fassung, als Lobgesang auf die Freundschaft.

Chris Stapleton bleibt sich treu, glänzt auf dieser Platte aber mit erfreulichen Storytelling-Qualitäten („Scarecrow In The Garden“, „A Simple Song“, „Friendship“) und macht in dieser Hinsicht einen Schritt nach vorne. Das neue Album des begnadeten Singer-Songwriters hat wieder einige Songs mit Ohrwurmcharakter zu bieten. Hoffentlich überrascht uns der 39-jährige noch vor dem Jahreswechsel, nach den neuen Aufnahmen, wieder mit Tour-Terminen in Deutschland.

Mercury Records (2017)
Stil: New Country

01. Millionaire
02. Hard Livin‘
03. Scarecrow In The Garden
04. Nobody’s Lonely Tonight
05. Tryin‘ To Untangle My Mind
06. A Simple Song
07. Midnight Train To Memphis
08. Drunkard’s Prayer
09. Friendship

Chris Stapleton
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Universal Music International

Chris Stapleton – From A Room Volume 1 – CD-Review

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Ich schreibe ja schon seit mittlerweile fast zwanzig Jahren CD-Reviews und ein Großteil davon war immer dem New Country-Bereich gewidmet gewesen. Ein über die Jahre gefühlter, unterschwelliger Begleiter war Chris Stapleton, zwar nicht rein musikalisch, allerdings auf geschätzt, unglaublich vielen Alben, meist als Co-Songwriter. Und in der Tat hat er ja auch so ziemlich für alles, was Rang und Namen hat, wie u. a. George Strait, Kenny Chesney, Luke Bryan, Tim McGraw und sogar für Popstern Adele als kreativer Ideengeber gewirkt.

Selbst auf dem neuen Jubileumsalbum der ebenfalls preisgekrönten Rascal Flatts, das demnächst hier besprochen wird, hat er mit „Vandalized“ schon wieder seine Finger mit im Spiel. Unterdrückt man mal seine ersten eigenen überschaubaren musikalischen Erfolge als reiner Musiker mit der Bluegrass-Band The SteelDrivers, ging es bei ihm aber erst 2015 mit dem Solo-Album „Traveller“ so richtig los, ja es brach mit den CMA-Awards, als er gleich drei Titel abräumte, fast schon ein richtiger Hype um seine Person aus.

Ob dem kauzigen, eher introvertiert wirkenden  Rauschebartträger der ganze Rummel so recht ist, wird er vermutlich nur selber wissen. „Traveller“ hat mich natürlich ebenfalls begeistert. Diese unaufdringlich instrumentierten Songs mit ihrer Melodik, dem hohen Wiederkennungswert und der starken Stimme des Protagonisten, sind schon wirklich faszinierend. So stieg die Spannung auf den Nachfolger in den letzten Wochen natürlich beträchtlich.

Jetzt ist sein neues Werk mit dem Namen „From A Room – Volume 1“ endlich da. Der Titel ‚Volume 1‘ suggeriert natürlich bereits, dass es weitere Auflagen geben wird und tatsächlich ist auch für Ende des Jahres die nächste Ausgabe geplant.

Was soll man sagen, die Scheibe ist klasse, aber auch von einer ergreifenden Schlichtheit geprägt! Das fängt mit dem nicht sonderlich visuell auffälligen Cover-Artwork an (nicht mal der Titel der Scheibe wurde auf dem Frontbild abgebildet, mit gerade mal neun, kompakt gehaltenen, kurzen Tracks, wurde die Maximalspielzeit einer CD nicht gerade ausgereizt, und die natürlich wieder bestechenden Songs, orientieren sich verständlicher Weise auch am sparsam instrumentierten Erfolgsrezept des Vorgängers.

Der vorab ausgekoppelte Opener „Broken Halos“ erinnert an den Titelsong des Debüts, beim folgenden Schwofer „Last Thing I Needed, First Thing This Morning“ (mit schön quäkender Mundharmonika, klasse Harmoniegesänge von seiner Frau Morgane), der einzigen Fremdkomposition, ist die spannende Frage, ob Chris einen ähnlichen Erfolg, wie einst 1983 Willie Nelson, mit dem Lied erzählen kann.

Kommen wir zu meinem Lieblingsstück: „Second One To Know“ ist der lebende beweis, dass Stapleton auch richtig (southern) rocken kann, klasse hier seine rotzige Stimme und sein E-Gitarren-Solo.  „Up To No Good Livin'“ ist ein steel-getränkter Slow-Waltz, wieder ist der Duettgesang des Ehepaars beeindruckend. ‚Reduktion‘ ist das Stichwort bezüglich des nur mit einer Akustikgitarre und Gesang konstruierten „Either Way“. Hier greift natürlich Stapletons grandiose Stimme, die sich dann auch brillant entfaltet.

Mit Stück 6 „I Was Wrong“ wechselt der Protagonist von der Countryschiene mehr auf die Bluesebene. Ein wunderbarer Slow-Blues voller Atmosphäre, tollen E-Gitarren und ergreifendem Gesang. Hier hast du wirklich, zumindest, was den Song betrifft, nix falsch gemacht, Chris!

Das ruhige „Without Your Love“ hätte auch gut auf Claptons damaliges „Ocean Boulevard 461“ gepasst. Tolle Nummer! Der Countryrock-Blues „Them Stems“ hat ein ähnlich rotzig freches Flair wie die eines Dan Bairds. Macht Laune. Bevor es jetzt zu überschwänglich wird, tritt Chris dann aber wieder auf die Bremse, um sich mit einem dezent introvertiert und psychedelisch-bluesig gehaltenen „Death Row“ wieder in seine Komfortzone zu begeben und gleichzeitig zu verabschieden.

Fazit: Das neue Album von Chris Stapleton „From A Room Volume 1“ ist schon richtig stark, aber nicht unbedingt auch ein Grund, vor Freude einen Doppelsalto mit dreifach angeschlossenem Flickflack zu machen. Bei allem Tamtam, das jetzt vermutlich wieder um seine Person veranstaltet wird, meine ich, dass man hier bei neun Stücken und nicht revolutionär neuer Musik, durchaus den Ball auf angepasster Höhe halten könnte. Und ich spekuliere mal, Chris persönlich wird das, von seinem Typus her, im Innersten, vermutlich auch ähnlich sehen. Trotzdem ist natürlich eine absolute Kaufempfehlung zu attestieren.

Mercury Records (2017)
Stil: New Country

01. Broken Halos
02. Last Thing I Needed, First Thing This Morning
03. Second One To Know
04. Up To No Good Livin‘
05. Either Way
06. I Was Wrong
07. Without Your Love
08. Them Stems
09. Death Row

Chris Stapleton
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Universal Music International