Charley Crockett – Music City USA – CD-Review

Review: Michael Segets

Bereits mit dem Erscheinen des Tributes für James Hand im März kündigte Charley Crockett ein weiteres Album an. „Music City USA“ lies tatsächlich nur ein halbes Jahr auf sich warten. Sechzehn Eigenkompositionen sind auf dem Werk vertreten, das auch als Doppel-LP herauskommt.

Es läuft gut für Crockett: mehr als 50 Millionen Streams, Nominierung bei den diesjährigen Americana Music Association Awards und ein Platz in der aktuellen Museumsausstellung der Country Music Hall of Fame. Warum also umsatteln? Crockett reitet sein Pferd weiter, ganz nach dem Motto „Run Horse Run“, seiner Single von „Welcome To Hard Times“ (2019). Seine Fans werden daher von „Music City USA“ nicht enttäuscht.

Wenn Crockett nicht im Studio aufnimmt, tourt er unermüdlich und tritt bei Festivals auf. Ein Live-Album von ihm steht allerdings noch aus. Das rastlose Umherreisen durchzieht thematisch seine Lieder. Sobald er angekommen ist, packt ihn die Sehnsucht und er zieht weiter. Filmisch setzt Crockett dies in der Videotrilogie seiner ersten Singles „I Need Your Love”, „Round This World“ und „I Won’t Cry“ gekonnt in Szene. Mit verhältnismäßig wenig Aufwand, aber in stilvollen Bildern, erzählt er dort seine Geschichten.

Dem Country ist das romantische Fernweh und der Aufbruch zu neuen Ufern inhärent, daher wundert es nicht, dass Crockett hier seine Domäne setzt. Verschiedentlich als New Traditional Country bezeichnet, verwendet Crockett selbst den Ausdruck Gulf & Western für seine Musik. In melodiösen und oft unaufgeregten Bahnen zelebriert Crockett seine Songs. Dabei bedient er sich auch anderer Musikstile als dem Country. „This Foolish Game” ist ein Blues, bei dem Bläser eingesetzt werden. Diese fallen auch bei „I Won’t Cry” auf, der wie „I Need Your Love“ in Richtung Soul oder R&B geht.

Die meisten Stücke folgen aber in ihrer Machart mit Slide, Twang, Steel Pedal und gelegentlicher Geige traditionellen Pfaden der Country-Musik. Sie sind fast durchgängig im mittleren Tempobereich mit minimalen Variationen angesiedelt, wodurch sich auf Dauer leichte Ermüdungserscheinungen einstellen, obwohl die Titel für sich genommen durchaus gelungene Genrebeiträge darstellen. Rhythmische Abwechslung bringen das flotte „Round This World“, der Walzer „Just So You Know” und das im Sprechgesang vorgetragene „Only Game In Town”. „Skip A Rope” hebt sich durch den tiefen Gesang von den anderen Tracks ab und setzt so einen bemerkenswerten Schlusspunkt.

Mit „Music City USA“ festigt Charley Crockett sein Image als von Sehnsucht getriebener Vagabund. Seine Ader für den Country klassischer Machart lebt er ausgiebig aus. Die Mehrzahl der Songs kann einen so durch die endlos erscheinenden Weiten des mittleren Westens begleiten. Interessanter sind die Stücke, bei denen Crockett den Rhythmus und die stilistische Ausrichtung variiert. Dann läuft er erneut zu Hochform auf, wie die Singles beweisen.

Son Of Davy – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Country

Tracks:
01. Honest Fight
02. I Need Your Love
03. The World Just Broke My Heart
04. Are We Lonesome Yet
05. This Foolish Game
06. Round This World
07. Music City USA
08. Just So You Know
09. Lies And Regret
10. I Won’t Cry
11. Smoky
12. Muddy Water
13. 518
14. Only Game In Town
15. Hanger On
16. Skip A Rope

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Charley Crockett – 10 For Slim – Charley Crockett Sings James Hand – Digital-Album-Review

cover Charley Crockett - 10 For Slim - Charley Crockett Sings James Hand 300

Review: Michael Segets

Charley Crockett ist anscheinend ein Arbeitstier. In den letzten sechs Jahren warf er neun Alben auf den Markt und das zehnte kündigte er noch für 2021 an. Auf seinem bislang erfolgreichsten Longplayer „Lil‘ G.L.‘s Blue Bonanza“ (2018) schlägt er bluesige Töne an, aber seine Domäne liegt im Country. Spätestens nach „The Valley“ (2019) und „Welcome To Hard Times“ (2020) kann Crockett zu den kreativen Köpfen und führenden Vertretern des New Traditional Country gezählt werden.

Sein Markenzeichen ist sein leicht metallischer Gesang, der einen hohen Wiedererkennungswert aufweist, auch wenn er Songs interpretiert, die nicht von ihm stammen. Für seine Cover-Alben legte sich Crockett mit Lil‘ G.L. ein Alter Ego zu. Während er bei seinen beiden bisherigen Longplayern, auf denen er sich Fremdkompositionen widmete, einen Streifzug durch den Honky Tonk beziehungsweise Blues unternahm, steht „10 For Slim“ ganz im Zeichen der Stücke von James Hand. Lil‘ G.L. präsentiert damit sein erstes Tribute-Album, das dem im letzten Jahr verstorbenen Country-Musiker gewidmet ist.

Aus der Bewunderung, die Crockett für den älteren Texaner empfand, erwuchs nach dem Kennenlernen schnell eine Freundschaft. Seine Verbindung zu Hand schildet Crockett in einem offenen Brief, der auf seiner Webseite nachzulesen ist. Eine gemeinsame Tour wurde zuerst durch Corona und dann durch den plötzlichen Tod von Hand verhindert. Zuvor versprach Crockett ihm allerdings, seine Stücke aufzunehmen. Dieses Versprechen löst Crockett nun mit „10 For Slim“ ein.

Der 1952 geborene James Hand machte zwar seit seiner Jugend Musik, veröffentlichte aber sein Debüt erst Ende der 1990er. Obwohl (Willie Nelson) in höchsten Tönen von ihm sprach und seine Musik lobend von der Kritik aufgenommen wurde, gelang Hand kein großer Durchbruch. So dürfte Hand nur eingefleischten Country-Fans ein Begriff sein. Mir war er bis heute jedenfalls nicht bekannt.

Nach meinen Recherchen bleiben die Interpretationen von Crockett nahe an den Originalen. Die meisten Songs bewegen sich im gemäßigten Tempo und sind tief im Honky Tonk und Country verwurzelt. Slide, Steel Pedal und Fidel prägen den Sound. Einen guten Eindruck der musikalischen Ausrichtung gibt die erste Single „Lesson In Depression“, obwohl dort keine Geige zum Einsatz kommt. Dafür ist sie bei „In The Corner“ prominent vertreten. Mit dem Tempo spielt das lockere „Floor To Crawl“, das sich damit von den anderen abhebt.

Die auffälligsten und meines Erachtens stärksten Titel auf dem Album sind der Boogie „Don’t Tell Me That“ mit klasse Bar-Piano und das dunkle, getragene „So Did I“. Zudem hat Crockett mit „Slim’s Lament“ das wohl letzte Werk von Hand für den Longplayer eingespielt. Kurz vor seinem Tod übermittelte Hand ihm eine erste Version des Stücks per Telefon.

Der Titel „10 For Slim – Charley Crockett Sings James Hand” ist Programm. Crockett gibt den Songs mit seinem markanten Gesang eine eigene Note mit, wobei sich die Cover deutlich an den Originalen orientieren. Gewohnt stilvoll würdigt Crockett die Musik seines Freundes und musikalischen Vorbilds James Hand.

Son Of Davy – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Country

Tracks:
01. Intro
02. Midnight Run
03. Just A Heart
04. In The Corner
05. Over There That’s Frank
06. Don’t Tell Me That
07. Lesson In Depression
08. Mighty Lonesome Man
09. So Did I
10. Floor To Crawl
11. Slim’s Lament

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