Charley Crockett – 10 For Slim – Charley Crockett Sings James Hand – Digital-Album-Review

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Review: Michael Segets

Charley Crockett ist anscheinend ein Arbeitstier. In den letzten sechs Jahren warf er neun Alben auf den Markt und das zehnte kündigte er noch für 2021 an. Auf seinem bislang erfolgreichsten Longplayer „Lil‘ G.L.‘s Blue Bonanza“ (2018) schlägt er bluesige Töne an, aber seine Domäne liegt im Country. Spätestens nach „The Valley“ (2019) und „Welcome To Hard Times“ (2020) kann Crockett zu den kreativen Köpfen und führenden Vertretern des New Traditional Country gezählt werden.

Sein Markenzeichen ist sein leicht metallischer Gesang, der einen hohen Wiedererkennungswert aufweist, auch wenn er Songs interpretiert, die nicht von ihm stammen. Für seine Cover-Alben legte sich Crockett mit Lil‘ G.L. ein Alter Ego zu. Während er bei seinen beiden bisherigen Longplayern, auf denen er sich Fremdkompositionen widmete, einen Streifzug durch den Honky Tonk beziehungsweise Blues unternahm, steht „10 For Slim“ ganz im Zeichen der Stücke von James Hand. Lil‘ G.L. präsentiert damit sein erstes Tribute-Album, das dem im letzten Jahr verstorbenen Country-Musiker gewidmet ist.

Aus der Bewunderung, die Crockett für den älteren Texaner empfand, erwuchs nach dem Kennenlernen schnell eine Freundschaft. Seine Verbindung zu Hand schildet Crockett in einem offenen Brief, der auf seiner Webseite nachzulesen ist. Eine gemeinsame Tour wurde zuerst durch Corona und dann durch den plötzlichen Tod von Hand verhindert. Zuvor versprach Crockett ihm allerdings, seine Stücke aufzunehmen. Dieses Versprechen löst Crockett nun mit „10 For Slim“ ein.

Der 1952 geborene James Hand machte zwar seit seiner Jugend Musik, veröffentlichte aber sein Debüt erst Ende der 1990er. Obwohl (Willie Nelson) in höchsten Tönen von ihm sprach und seine Musik lobend von der Kritik aufgenommen wurde, gelang Hand kein großer Durchbruch. So dürfte Hand nur eingefleischten Country-Fans ein Begriff sein. Mir war er bis heute jedenfalls nicht bekannt.

Nach meinen Recherchen bleiben die Interpretationen von Crockett nahe an den Originalen. Die meisten Songs bewegen sich im gemäßigten Tempo und sind tief im Honky Tonk und Country verwurzelt. Slide, Steel Pedal und Fidel prägen den Sound. Einen guten Eindruck der musikalischen Ausrichtung gibt die erste Single „Lesson In Depression“, obwohl dort keine Geige zum Einsatz kommt. Dafür ist sie bei „In The Corner“ prominent vertreten. Mit dem Tempo spielt das lockere „Floor To Crawl“, das sich damit von den anderen abhebt.

Die auffälligsten und meines Erachtens stärksten Titel auf dem Album sind der Boogie „Don’t Tell Me That“ mit klasse Bar-Piano und das dunkle, getragene „So Did I“. Zudem hat Crockett mit „Slim’s Lament“ das wohl letzte Werk von Hand für den Longplayer eingespielt. Kurz vor seinem Tod übermittelte Hand ihm eine erste Version des Stücks per Telefon.

Der Titel „10 For Slim – Charley Crockett Sings James Hand” ist Programm. Crockett gibt den Songs mit seinem markanten Gesang eine eigene Note mit, wobei sich die Cover deutlich an den Originalen orientieren. Gewohnt stilvoll würdigt Crockett die Musik seines Freundes und musikalischen Vorbilds James Hand.

Son Of Davy – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Country

Tracks:
01. Intro
02. Midnight Run
03. Just A Heart
04. In The Corner
05. Over There That’s Frank
06. Don’t Tell Me That
07. Lesson In Depression
08. Mighty Lonesome Man
09. So Did I
10. Floor To Crawl
11. Slim’s Lament

Charley Crockett
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Josh Turner – Country State Of Mine – CD-Review

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Review: Michael Segets

MCA Nashville bewies ein glückliches Händchen damit, Josh Turner unter Vertrag zu nehmen. Seit 2003 sind seine Alben und Singles regelmäßig in den amerikanischen Charts vertreten und belegen dabei häufig Spitzenpositionen und dies nicht nur in den Country-Listen. Über acht Millionen Verkäufe und zweieinhalb Billionen Streams sprechen für sich.

Nachdem er sich auf seinem letzten Longplayer „I Serve A Savior“ (2018) dem Gospel zuwandte, kehrt Turner nun zu seiner Domäne dem Country zurück. Dabei nimmt er sich einige Klassiker vor und holt sich zudem prominente Unterstützung. Bei der Playlist trifft Turner eine persönliche Auswahl und greift nicht auf die ganz großen Hits des Genres zurück.

Zwei Tracks stammen im Original aus den 1950ern: „The Caretaker“ von Johnny Cash sowie „Alone And Forsaken“ von Hank Williams. Bei dem letztgenannten, sehr stimmungsvollen Track ist Allison Moorer im Background zu hören. 1973 schrieb Kris Kristofferson „Why Me“. Den Walzer singt Turner im Duett mit dem Altmeister. Die anderen Stücke entstanden in den achtziger und neunziger Jahren.

Für die Neueinspielung von „I’ve Got It Made“ und „Forever And Ever, Amen“ gewann Turner mit John Anderson beziehungsweise Randy Travis die Musiker, die Songs zuerst aufnahmen. Titel von Waylon Jennings („Good Ol’ Boys”), Alan Jackson („Midnight in Montgomery”) und Bruce Robison/George Strait („Desperately”) covert Turner ebenfalls, womit sich die Riege der auf dem Werk berücksichtigten Countrygrößen nochmal steigert. Damen sind etwas insgesamt unterrepräsentiert. Das Trio Runaway June hat allerdings einen großartigen Auftritt bei „You Don’t Seem To Miss Me“.

Der Beitrag zählt wie das flotte „I Can Tell By The Way You Dance” zu meinen Favoriten. Der Song von Vern Gosdin wurde von Turner ebenso wie „I’m No Stranger To The Rain“ und „Country State Of Mine” öfter live gespielt. Mit dem Titeltrack verbindet Turner ein besonderes Bühnenerlebnis in Georgia, das er zusammen mit Chris Janson hatte. Deshalb holte er für die Albumaufnahme des Stücks von Hank Williams auch Janson hinzu.

Die radiotauglichen Songs bewegen sich überwiegend in einem mittleren Tempobereich. Mit seiner angenehmen Stimme, die wie für Country-Nummern gemacht scheint, performt Turner sie souverän. Dabei verzichtet er auf große Innovationen, sondern verneigt sich vor seinen Inspirationsquellen, indem er die Traditionen des Genres in leicht modernisierter Form wieder aufleben lässt.

Das Who-Is-Who der Country-Szene gibt sich auf „Country State Of Mine“ unter der Federführung von Josh Turner die Ehre. Dieser Umstand sowie die perfekt auf den Mainstream in Nashville abgestimmte Produktion werden Turners Erfolgsgeschichte fortschreiben. Der Sound ist voll und klar von Kenny Greenberg produziert. Das Begleitheft lässt mit den Texten und einigen Fotos, die Turner zusammen mit den Gesangspartnern oder Songwritern zeigen, keine Wünsche offen.

MCA Nashville (2020)
Stil: New Traditional Country

Tracks:
01. I’m No Stranger To The Rain
02. I’ve Got It Made (fest. John Anderson)
03. Why Me (feat. Kris Kristofferson)
04. Country State Of Mine (feat. Chris Janson)
05. I Can Tell By The Way You Dance
06. Alone And Forsaken (feat. Allison Moorer)
07. Forever And Ever, Amen (With Special Guest Randy Travis)
08. Midnight in Montgomery
09. Good Ol’ Boys (Theme From The Dukes Of Hazzard)
10. You Don’t Seem To Miss Me (feat. Runaway June)
11. Desperately (feat. Maddie & Tae)
12. The Caretaker

Josh Turner
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