
Review: Michael Segets
Lange hat man nichts mehr von Amy Grant gehört. Vor zehn Jahren gab es noch ein Weihnachtsalbum, dann war bis „The Me That Remains“ weitgehend Funkstille. Nach schweren gesundheitlichen Problemen, unter anderem aufgrund eines Unfalls, verschoben sich die Prioritäten. Die sechsfache Grammy-Preisträgerin kann es nach fünfzig Jahren im Musikgeschäft etwas ruhiger angehen. Als Teenager stieg Grant mit christlicher Musik ein, bevor sie über diese Sparte hinaus Bekanntheit erlangte. Sie erzielte vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika Millionenverkäufe im zweistelligen Bereich.
Ihre religiöse Überzeugung kommt bei „Beautiful Lone Companion“ sehr deutlich zum Ausdruck und auch bei anderen Titeln („Please Don’t Make Me Beg“, „(Nothing Like A) Sunny Day“) spielt diese bei einzelnen Textzeilen hinein. Die überwiegende Zahl der zehn Eigenkompositionen wendet sich aber anderen Themen zu, die für die Songwriterin biographisch bedeutsam sind. Die Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit („The Other Side Of Goodbye“) oder die Frage nach Identität und Veränderung („The Me That Remains“), die sich Grant nach ihrem Unfall stellte, berühren dabei das Allgemeinmenschliche ebenso wie die Krisen in Beziehungen („‘Til We Get It Right“) oder die Dankbarkeit für Freundschaften („Friend Like You“).
Das Coverartwork wurde von Wayne Brezinka gestaltet. Die Collage zeigt Gegenstände und Dokumente von Grants (Familien-) Geschichte. Das Bild spiegelt damit Elemente wider, die wohl das ausmachen, was ihr Leben prägte. Mit dem Alter wechselt die Perspektive auf die eigene Person und das Selbstverständnis wandelt sich, wie Grant in einem Interview formuliert:„Je älter ich werde, desto bewusster wird mir, dass wir alle lange genug leben, um zu sehen, wie verschiedene Versionen von uns selbst sterben.“
Musikalisch verfolgt Grant zusammen mit dem Produzenten Mac McAnally ein Konzept, das sich an der Singer-Songwriter-Tradition orientiert. Die proklamierte Reduktion des Sounds erweist sich in der Umsetzung als relativ. Grant hat stets eine verlässliche Band im Rücken, sodass das Album nicht minimalistisch wirkt. Die Songs sind zweifellos gut komponiert und performt. Für meinen Geschmack erscheinen die Arrangements insgesamt etwas zu glatt, sodass es keine großen Überraschungen gibt, die aufhorchen lassen.
Grant steigt mit „The 6th Of January (Yasgur’s Farm)” ein, bei dem sie den Geist von Woodstock beschwört. Nach dem dynamischen Duett mit Ruby Amanfu „How Do We Get There From Here“ folgt die runde Midtempo-Nummer „Please Don’t Make Me Beg“. Weniger überzeugt „The Saint“, bei dem mich das leblos wirkende Schlagzeug stört. Nicht zuletzt dadurch bekommt das Stück einen deutlichen Einschlag in Richtung Pop.
Gelungener sind wiederrum die beiden Balladen „Beautiful Lone Companion“ sowie „The Me That Remains”, die haupsächlich durch ein Klavier begleitet werden und in Gänze zurückhaltender instrumentiert erscheinen. Aus dem Gesamtkonzept fallen „‘Til We Get It Right“ sowie „(Nothing Like A) Sunny Day“ heraus. Hier unternimmt Grant Ausflüge in poppige Spielarten des Soul und Reggae. Bei den letzten beiden Tracks holt sie sich nochmal Unterstützung durch Gastsänger:innen. Vince Gill singt bei „Friend Like You“ mit, Sarah Cannon und Corrina Gill bei „The Other Side Of Goodbye“.
Grant definiert sich mit „The Me That Remains” nicht grundsätzlich neu, sodass sie mit dem aktuellen Werk wahrscheinlich an ihre früheren Erfolge anknüpft. Das Mainstream-taugliche Album ist professionell arrangiert, wobei nichts dem Zufall überlassen wurde. Die Eingängigkeit – um nicht Gefälligkeit zu sagen – geht tendenziell auf Kosten der Intensität. So hätten die Songs ihr Potential durch eine stringent reduzierte Produktion weiter ausschöpfen können. Dennoch erweist sich Grant mit ihren Texten und Kompositionen als ernstzunehmende Singer/Songwriterin.
Amy Grant Productions – Thirty Tigers/Open (2026)
Stil: Singer/Songwriter
Tracks:
01. The 6th Of January (Yasgur’s Farm)
02. How Do We Get There From Here (feat. Ruby Amanfu)
03. Please Don’t Make Me Beg
04. The Saint
05. Beautiful Lone Companion
06. The Me That Remains
07. ‘Til We Get It Right
08. (Nothing Like A) Sunny Day
09. Friend Like You (with Vince Gill)
10. The Other Side Of Goodbye (with Sarah Cannon & Corrina Gill)
