The Jayhawks – Sanctuary Park – CD-Review

Review: Michael Segets

Sechs Jahre sind seit dem letzten Lebenszeichen der Jayhawks vergangen. Zwischenzeitlich verfolgte Frontmann Gary Louris seine Solo-Karriere. Während auf „XOXO“ (2020) auch andere Bandmitglieder Songs beisteuerten, hat Louris in Sachen Songwriting auf „Sanctuary Park“ das Heft wieder in die Hand genommen. Alle Songs stammen von ihm.

Das Quartett aus den beiden Gründungsmitgliedern Gary Louris (Gitarre) und Marc Perlman (Bass) sowie den später hinzugestoßenen Karen Grotberg (Keys) und Tim O’Reagan (Drums) macht im Vergleich zu dem durchwachsenen „XOXO“ wieder Boden gut. Die Pop-Einflüsse lassen sich zwar auch auf dem aktuellen Album nicht verleugnen, aber sie sind nicht dominant. Herauszuhören sind sie auf dem Opener und zugleich ersten Single „Keeping Our Heads Above Water“ und dem folgenden „Kingston Girl“.

The Jayhawks bedienen sich verstärkt bei anderen Musikrichtungen. „Mr. Lincoln” versprüht den Flair der Sixties und geht in Richtung Westcoast. Eine lockere Country-Nummer („Leap Of Faith“) wird eingestreut, bei der Todd Lumley (Akkordeon) und Produzent Bob Ezrin (Ukulele) als Gastmusiker mitwirken. Mit „Always And A Day“ rockt die Band mal straight forward. Zum Abschluss gibt es mit dem akustisch gehaltenen „Rowing The Boat“ ein sehr schönes Folk-Stück.

Mehrstimmiger Gesang kennzeichnen seit jeher die Jayhawks. Gelungen ist er als a cappella beim Einstieg von „Hands Upon The Wheel“, auf dem später Mike Johnson mit seiner Steel Pedal einsteigt. An manchen Stellen erscheint – beispielsweise bei dem ansonsten runden Track „Familiar Strangers“ – das gemeinsame Dubidu zu aufdringlich. Auch sonst treten gelegentlich Passagen in den Songs auf, die mich nicht ansprechen wie etwa die Bridge bei „American Midnight“. An anderen Beiträgen gibt es nichts auszusetzen gibt. Das Titelstück „Sanctuary Park“, auf dem Louris seine Gitarre mal in Szene setzt, oder das sommerliche „It’ll Be Alright Tonight“, nochmal mit Unterstützung von Johnson, zählen zu ihnen.

Mit „Sanctuary Park“ reichen The Jayhawks an ihre Klassiker nicht heran. Im Vergleich zu dem vorangegangenen Album, ist dem neuen Werk allerdings eine Steigerung zu attestieren. Insgesamt überzeugt die neue CD nicht durchgängig, sondern bietet sich wieder an, um in Auszügen genossen zu werden.

Sham/Thirty Tigers – Open (2026)
Stil: Rock and more

Tracks:
01. Keeping Our Heads Above Water
02. Kingston Girl
03. Mr. Lincoln
04. Hands Upon The Wheel
05. Leap Of Faith
06. American Midnight
07. Always And A Day
08. Sanctuary Park
09. Familiar Strangers
10. It‘ll Be Alright Tonight
11. Rowing The Boat

The Jayhawks
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

J Schlueter – The Other Mile – CD-Review

Review: Michael Segets

Es gibt ja unterschiedliche Motivationen und Anlässe Musik zu machen. Für Jörn Schlüter scheint ein persönliche Krise den Ausschlag gegeben zu haben, die Songs für „The Other Mile“ zu schreiben. Normalerweise liefert er Stücke für seine Band Someday Jacob, nun fasst er die vor zwei Jahren quasi in einem Fluss entstandenen Tracks auf seinem Solo-Debüt zusammen.

Während der Entstehung der Titel hörte Schlüter häufig „Comes A Time“ (1978) von Neil Young, welches ihn inspirierte, auf seinem Album eher mit zurückhaltenden Arrangements zu arbeiten. An manchen Stellen der Kompositionen und des Gesangs lässt sich auch eine gewisse Nähe zum Altmeister feststellen. Akustische Gitarren, begleitet von Schlagzeug und Bass, für die er Matthias Meusel und Stephan Gade ins Boot holte, prägen das Werk. Mit Eric Heywood (Son Volt, The Jayhawks, Tift Merritt) gewann Schlüter noch einen versierten Mitstreiter an der Pedal Steel. Gerade in der ersten Hälfte des Longplayers bei „Dissociate“ oder „Used To Love To Dance“ trägt Heywood endscheidend zum Sound und zur Stimmung der Stücke bei. Besonders viel Raum nimmt die Pedal Steel auf „Complicated“ ein.

Mit „Springtime“ unterbricht Schlüter erstmals den getragenen Grundtenor des Albums, auf dem die meisten Beiträge im unteren bis mittleren Tempo angesiedelt sind. Das Schlagzeug tritt dort deutlich hervor und die Geschwindigkeit wird dezent angezogen. Später folgt „Fly Blind“, das eine Spur rockiger ist. Dazwischen finden sich das Titelstück mit Harmoniegesang in manchen Passagen sowie das sanfte „Consolation Prize“. Vor dem letztem Titel „Win Me Over“, das den Kreis zum Anfang des Longplayers („Portal“) schließt, ist das rhythmisch auffälligste Stück „Ready Set Go“ platziert. Nicht zuletzt durch die Percussion versetzt der Track an die amerikanisch-mexikanische Grenzregion.

Musik ist ja bekanntlich besonders geeignet, Grenzen zu überwinden und die modernen Kommunikationsmittel erleichtern den internationalen Austausch. In dem Bremer Studio-Nord, das nur einen Steinwurf von Schlüters Wohnung liegt, wurde „The Other Mile“ aufgenommen. Die Files fanden dann den Weg über den Atlantik nach Chicago zum Produzenten Tom Schick (Wilco, Norah Jones). Gemastert wurden sie von Stephen Marsh (Jeff Tweedy).

J Schlueter „The Other Mile“ bietet moderne Singer/Songwriter-Kost mit Anleihen bei Neil Young. Die CD verläuft insgesamt in ruhigen Bahnen. Sie vereint gute Lieder ohne Ausrutscher, unmittelbar eingängige Ohrwürmer sind allerdings nicht vertreten. So bietet sich das Album eher für eine introspektive Stunde an, die ohne viel äußere Aufregung auskommt.

Hey!blau Records (2026)
Stil: Singer/Songwriter

Tracks:
01. Portal
02. Complicated
03. Dissociate
04. Used To Love To Dance
05. Springtime
06. The Other Mile
07. Consolation Prize
08. Fly Blind
09. Ready Set Go
10. Win Me Over

J Schlueter
Hey!blau Records
Oktober Promotion

Gary Louris – Dark Country – CD-Review

Review: Michael Segets

Nach eigener Aussage ist „Dark Country“ ein Liebesbrief an seine Frau und sein bislang persönlichstes Werk. Der Frontmann von The Jayhawks wandelt auf seiner dritten Solo-Veröffentlichung auf Singer/Songwriter-Pfaden und legt ein reduziert instrumentalisiertes Werk vor, bei dem die poppigen Elemente, die zuletzt auf „XOXO“ (2020) der Jayhawks deutlich hervortraten, keinen Platz finden. In Gänze wirkt das neue Album deutlich dunkler, als man es von einer Liebeserklärung erwarten würde. Inhaltlich drehen sich die Songs um Beziehungen und deren Krisen. „Dark Country“ erscheint dabei weniger eingängig als das vorangegangene Solo-Werk „Jump For Joy“ (2021).

Die akustische Gitarre ist das bevorzugte Instrument, mit dem Louris seine Songs begleitet („Redefining Love“, „Better To Walk Than To Run“). Manche Titel sind etwas sperrig („Dead Porcupine”). Bei anderen zeigt sich Louris von einer sanfteren Seite („Living On My Phone“, „Listening To Bobby Charles”, „Helping Hand“). Insgesamt verläuft das Album in ruhigen Bahnen, wobei nur vereinzelt – wie bei „Two Birds“ – etwas mehr Schwung hineinkommt.

Der in Ohio aufgewachsene und mittlerweile in der Nähe von Montreal lebende Songwriter läuft zur Hochform auf, wenn er Klavier und Mundharmonika einsetzt. Das erste Highlight „Getting Older“ eröffnet den Longplayer. Die Single erinnert stellenweise an Neil Young zu „Harvest“-Zeiten. Diese Assoziation kommt auch später bei „Blow’ Em Away” auf. Das zweite Highlight stellt „By Your Side” dar. Hier gelingt es Louris, viel Gefühl zu transportieren, was durch das Streicher-Arrangement von Eleanor Whitmore (The Mastersons) unterstützt wird. Hingegen sind die Streicher auf dem von Pathos getragenen Abschluss des Albums „Perfect Day“ für meine Verhältnisse zu dominant.

Louris hat sich in den letzten Jahrzehnten ein beachtliches Renommee als Songwriter – sei es mit den Jayhawks, mit Golden Smog oder auch solo – erarbeitet. Er schrieb Stücke für The Chicks und die Tedeschi Trucks Band und kollaborierte mit einer Vielzahl von Musikerinnen und Musikern. Das aktuelle Werk ist stringenter als seine letzte Arbeit mit den Jayhawks, reicht aber an sein vorheriges, hoch gelobtes Solo-Werk nicht heran.

Auf „Dark Country“ gibt es ein paar Titel, die das Ansehen, das Gary Louris als Songwriter genießt, rechtfertigen. Nach mehrmaligem Hören des Gesamtwerks springt der Funke aber nicht durchgängig über. Die meisten Titel bleiben nicht länger im Gedächtnis. Das Album bietet sich dafür an, die Sahnehäubchen herauszupicken.

Sham – Thirty Tigers/Membran (2025)
Stil: Singer/Songwriter

Tracks:
01. Getting Older
02. Couldnt Live A Day Without You
03. Dead Porcupine
04. By Your Side
05. Living On My Phone
06. Blow’ Em Away
07. Redefining Love
08. Better To Walk Than To Run
09. Listening To Bobby Charles
10. Two Birds
11. Helping Hand
12. Perfect Day

Gary Louris
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Grant-Lee Phillips – Lightning, Show Us Your Stuff – CD-Review

Grant_300

Review: Michael Segets

Auf dem vor zwei Jahren erschienen „Widdershins“ schlug Grant-Lee Phillips noch rockige Töne an. Mit „Lightning, Show Us Your Stuff” wendet er sich ausschließlich dem Americana zu, wie er es bereits auf „The Narrows“ getan hatte. Im Unterschied zu dem 2016er-Album klingt das neue Werk etwas weniger erdig und insgesamt zahmer.

Phillips verzichtet diesmal weitgehend auf die gewollten Brüche mit den Hörgewohnheiten und Überraschungen in seinen Kompositionen. Gleich geblieben ist sein markanter Gesang. Der Rolling Stone kürte Phillips 1995 – als er noch mit Grant Lee Buffalo unterwegs war – zum besten männlichen Sänger.

Besonders intensiv ist sein Gesang auf „Leave a Light On“. Der Song gehört zu meinen Favoriten auf der CD, nicht zuletzt aufgrund der dezenten Einsätze von Danny T. Levin, der auch sonst mit unterschiedlichen Blasinstrumenten (Euphonium, Trombonium, Coronet) den Sound einiger Stücke aufwertet.

Als weitere Musiker verpflichtete Philips Bassistin Jennifer Condos (Stevie Nicks, Bruce Springsteen) und Schlagzeuger Jay Bellerose (Willie Nelson, Alison Krauss, Robert Plant). Die Rhythmusgruppe leistet hervorragende Arbeit und gibt den Titeln, wie „Ain’t Done Yet“, nochmal einen besonderen Drive. Schließlich ist Gitarrist Eric Heywood (Son Volt, The Jayhawks) mit von der Partie. Heywood steuert auch die Pedal Steel bei, die vor allem „Lowest Low“ prägt.

Über den kreativen Prozess des Songschreibens reflektiert Phillips auf „Drawing The Head”. Bei „Walking In My Sleep“ orientierte er sich nach eigener Aussage am Folk der 1930er Jahren. Manche Songs trug Phillips schon längere Zeit mit sich herum, bis er sie nun fertig stellte. Die beiden Balladen „Mourning Dove“ und „Coming To“ fanden ihre Anfänge um 2013, also in der Phase seines Umzugs von Los Angeles nach Tennessee.

Der scheppernde Blues-Stampfer „Gather Up“ erinnert noch an den früheren Wohnort, an dem er die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. Bei ihm kommt nämlich die Band Los Lobos in den Sinn, die aus LA stammt. Der Song hebt sich durch seinem rauen Sound von den anderen Beiträgen ab und ist für mich das Highlight der Scheibe.

Phillips legt ein Album vor, auf dem die Songs mit der eben erwähnten Ausnahme eher ein ruhiges Tempo anschlagen. Manchmal versetzt er sich in seinen Texten in andere Personen und spiegelt so indirekt seine eigenen Empfindungen („Straight To The Ground“), manchmal verarbeitet er unmittelbar persönliche Erfahrungen („Sometimes You Wake Up In Charleston”). Insgesamt sind die Inhalte weniger politisch als auf seinem vorherigen Werk, aber Phillips zeigt sich als sensibler Beobachter, der seine Eindrücke in poetische Zeilen kleidet, sodass das genaue Zuhören oder Mitlesen der Texte durchaus lohnt.

Auf „Lightning, Show Us Your Stuff” finden sich weniger schrägere Töne, die viele frühere Alben von Grant-Lee Phillips prägen. Mit seinem ausdrucksstarken Gesang sowie den gehaltvollen Texten bleibt er sich aber treu. Seine Fans werden daher nicht enttäuscht und möglicherweise gewinnt er mit seinen eingängigeren Balladen neue hinzu.

Die Reihenfolge der Tracks auf dem Besprechungsexemplar weicht von der ab, die bei manchen Anbietern im Internet aufgeführt wird.

Yep Roc Records, Redeye/Bertus (2020)
Stil: Americana

Tracks:
01. Ain’t Done Yet
02. Drawing The Head
03. Lowest Low
04. Leave A Light On
05. Mourining Dove
06. Sometimes You Wake Up In Charleston
07. Gather Up
08. Straight To The Ground
09. Coming To
10. Walking In My Sleep

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Bertus

The Jayhawks – XOXO – CD-Review

Jayh_300

Review: Michael Segets

„Hollywood Town Hall“ zählt zu den Meilensteinen des Alternative Country. Das 1992er Album steht als einziges der Jayhawks in meinem CD-Regal. In manche der nachfolgenden Alben hörte ich nur noch sporadisch rein. The Jayhawks entfernten sich mit den Jahren tendenziell von der Roots Music und gingen in eine poppigere Richtung. „XOXO“ läutet dahingehend keine Wende kein. Neu ist hingegen, dass die Bandmitglieder neben Frontmann und Gitarrist Gary Louris nun mehr in Erscheinung treten.

Karen Grotberg (Keys), Marc Perlman (Bass) und Tim O’Reagan (Drums) sind alle mit eigenen Kompositionen auf dem neuen Werk vertreten und übernehmen auch die Lead Vocals. Grotberg zeichnet für die beiden Balladen „Ruby“ und „Across My Field“ verantwortlich, bei denen dann entsprechend das Klavier die Begleitung dominiert. Perlman steuert den folkorientierten Titel „Down The Farm“ bei.

Für die schnelleren Töne ist O’Reagan („Society Paper“) zuständig. Bei dem straighten „Dogtown Days“ rockt er mit stampfendem Rhythmus los. Neben dem Opener „This Forgotten Town“, bei dem er sich mit Louris am Mikro abwechselt, stellt es das stärkste Stück auf dem Album dar. Die Jayhawks haben die beiden Songs als Singles ausgekoppelt und damit die richtige Entscheidung getroffen.

Ebenfalls auf das Konto von Louris und O‘Reagan geht „Little Victories“, bei dem Louris exzellente Arbeit an der Gitarre leistet. „Living In A Bubble“, das entfernt an die Beatles erinnert, und „Homecoming“ verfasste Louris im Alleingang. Die Songs sind ziemlich poppig geraten und vor allem das letztgenannte Stück fällt mit seinen hohen Gesangseinlagen sowie dem experimentellen Ende ab. Auch mit dem süßlich beginnenden „Illuminate“ kann ich mich nicht so richtig anfreunden. Die Midtempo-Nummer „Bitter Pill“ und der folkige Abschluss „Looking Up Your Number“ hinterlassen dann aber nochmals einen positiven Eindruck.

The Jayhawks präsentieren sich auf „XOXO“ als Band mit gleichberechtigten Mitgliedern. Durch den wechselenden Leadgesang verfolgen sie ein Konzept, das in dieser Konsequenz bei den US Rails schon bestens funktioniert. Der ausgiebige Einsatz mehrstimmiger Harmonien ist den beiden Truppen ebenso gemeinsam. Vom Sound sind sie aber bei den meisten Titel meilenweit voneinander entfernt.

Die zwei ersten Tracks bilden einen starken, erdigen Einstieg, danach bewegt sich „XOXO“ überwiegend in etwas überladenen Pop-Rock-Gefilden. Dabei finden sich ein paar gelungene Titel, daneben aber auch anstrengendere Arrangements. Beim letzten Song, im Wesentlichen auf die Begleitung durch die akustische Gitarre reduziert, zeigen die Jayhawks dann doch nochmal ihr Händchen für gefühlvolle Melodien. Statt es in Gänze durchlaufen zu lassen, bietet sich das Album also dafür an, sich die Highlights herauszupicken.

Sham Records – Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Rock/Pop

Tracks:
01. This Forgotten Town
02. Dogtown Days
03. Living In A Bubble
04. Ruby
05. Homecoming
06. Society Pages
07. Illuminate
08. Bitter Pill
09. Across My Field
10. Little Victories
11. Down To The Farm
12. Locking Up Your Number

The Jayhawks
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