Sammy Brue – Crash Test Kid – CD-Review

cover Sammy Brue - Crash Test Kid_300

Review: Gernot Mangold

Sammy Brue ist hierzulande noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. Nun ist der junge, aus Oregan stammende Musiker auf dem Weg dies zu ändern. Schon im zarten Alter von 10 Jahren begann er selbst Songs zu schreiben und benannte in der Vergangenheit Woody Guthrie als einen Künstler, der ihn sehr beeinflusste.

Mit „Crash Test Kid“ bringt er nun das dritte Album seiner noch jungen Karriere heraus, durfte sich aber im Frühjahr schon dem europäischen Publikum im Vorprogramm von Marcus King beweisen. Ich war selbst beim Konzert in der Kölner Kantine, kurz vor dem Coronacrash vor Ort und durfte erleben, wie Sammy Brue alleine, nur mit Akustikgitarre den Fans vor dem Marcus King-Gig, die Zeit mit einem erfrischenden Auftritt verkürzte.

Der eigentliche Höhepunkt für ihn, was auch seine Qualität untermalt, war, dass Marcus King ihn zum Neil Young-Klassiker „Down By The River“ im Zugabenteil mit auf die Bühne holte und sich dort auch Gesangparts mit ihm teilte.

Brue_ColNun aber zum neuen Album „Crash Test Kid“. Brue legt ein 11 Stücke umfassendes Werk vor, in welchem Americana- und Folk-Elemente überwiegen. Diese bringt der junge Musiker, passend zum Titel des Albums, mit jugendlicher Unbeschwertheit,  crashend und dynamisch auf die Platte. Schon den ersten Song „Gravity“ präsentiert locker, fast erzählend mit peppigen Zwischenpassagen. Ein einfacher schöner Folksong, in dem die Stimme und die akustische Gitarre in Vordergrund stehen.

Mit „Die Before You Live“ nimmt die Platte dann Fahrt auf. Stilistisch bleibt er auf seiner Grundlage Americana/Folk. Ein sehr einprägsames Songwriting begeistert, wobei es mich zuweilen an die alten Waterboys erinnert, was ich in dem Zusammenhang als Kompliment sehe.

Ähnlich geht es zunächst bei „Teenage Mayhem“ weiter, wobei schon nach kurzer Zeit auch durch die einsetzenden Begleitinstrumente richtig Schwung in den Song kommt. Ein furioser dynamischer Track, der zuweilen auch mit punkigem Einschlag rüberkommt. Für mich als Fan der alten New Model Army einer der Highlights des Albums, der live die Fans zum Tanzen bringen wird.

Mit „True Believer“ wird es in der Art alter amerikanischer Songwriter wieder ruhiger. „Pendulum Thieves“, wieder etwas schneller gespielt, zeugt auch davon, wie der junge Sammy Brue alle Instrumente harmonisch vereint und es ihm gelingt, eingängige Harmoniestrukturen zu erzeugen.

In „Crash Test Kid“, dem Titelsong, erzählt er eine Geschichte, wo er in den meisten Zeit nur vom Piano beleitet wird und durch später einsetzende Streichinstrumente ein fast schon orchestraler Sound erreicht wird, der auch in eine Rockoper passen würde. „Megawatt“ ist ein eingängiger gut tanzbarer leicht poppiger Folkrocksong.

„Fishfood“ ist erneut ein punkig angehaucht, der stimmlich fast anklagend daherkommt und je weiter er voranschreitet, an Dynamik zunimmt.
In „Skatepark Doomsday Blues“ ist das Grundelement passend zum Titel, der Blues, der in einigen Passagen Erinnerungen an „House Of The Rising Sun“ weckt. Ein tolles Songwriting, wo, ob bewusst oder unbewusst, auch auf Traditionelles zurückgegriffen wird, was für mich aber in keinen Fall einen Makel darstellt.

Auch bei „What You Give“ kann man zuweilen im Unterton „My Generation“ raushören. Der Song erinnert mich in weiten Passagen an damalige britische Größen aus der Zeit der Kinks oder The Who, transferiert in das heutige Americana. Zum Ende der Platte malt Sammy Brue mit „Paint It Blue“ noch einmal einen einfühlsames Folklied, um sein neues Werk eher bedächtig abzuschließen.

Fazit: Dem jungen Amerikaner Sammy Brue ist mit „Crash Test Kid“ ein starkes Folk-Americana Album gelungen, was bestätigt, dass mit ihm ein neuer Stern in diesem Musikgenre aufgegangen sein könnte. Man darf gespannt sein, wie es mit der Karriere des jungen Künstlers, auch in Europa, weitergeht. Im Frühjahr bewies er, dass er es auch live kann. Schön wäre, wenn er in absehbarer Zeit die Möglichkeit bekommt, sich dann mit Begleitband auf den hiesigen Bühnen zu präsentieren.

New West Records (2020)
Stil: Folk, Rock, Americana

Tracklist:
01: Gravity
02: Die Before You Live
03: Teenage Mayhem
04: True Believer
05: Pendulum Thieves
06: Crash Test Kid
07: Megawatt
08: Fishfood
09: Skatepark Doomsday Blue
10: What You Give
11: Paint It Blue

Sammy Brue
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Marcus King – El Dorado – CD-Review

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Gerade mal Anfang Zwanzig, bringt der aus Geenville, South Carolina, stammende Marcus King mit „El Dorado“, bereits schon das vierte Album auf den Markt.

Neu ist, dass er hier jetzt ganz unter eigener Fahne firmiert und die Musik noch stärker auf seine Vorstellungen fixiert zu haben scheint.

Dafür hat er sich mit dem Songwriter, Sänger und Gitarrist von The Black Keys, Dan Auerbach, zusammengetan, der die neuen zwölf Stücke in seinem eigenen Studio in Nashville, mit eingespielt und produziert hat. Auch mit dabei prominente Musiker wie u. a. Gene Chrisman (drums) und Bobby Woods (keys).

Im Prinzip, soweit ich die beiden anderen bisher hier reviewten Alben noch im Sinn habe, ist der größte Unterschied das Weglassen der Bläserelemente. Die Musik bewegt sich wieder in einem breiten Rahmen aus Country-, (Southern) Soul-, Gospel, R &B, Blues- und Rock-Ingredienzien, allerdings harmonisch ineinander greifend, umwittert meistens von ein gewissen Retro-Charme.

Getragen wird sie von Kings eigenwilliger, hell-raspeliger Stimme und seinem feinen Gibson-ES-E-Gitarrenspiel. Bei den countresken Sachen wie u. a. „Young Man Dream“, „Sweet Marionna“ , „Beautiful Stranger“ oder „Too Much Whiskey“ (ziemlich unverhohlen abgekupfert bei Charlie Daniels‘ „Trudy“) hört man die Pedal Steel wimmern, bei letztgenanntem kommt auch eine Harp zum Einsatz. Zuweilen finden auch retromäßige Streicher in ausgewählte Tracks („Break Me“, „No Pain“).

Ansonsten spielen (E-) Piano und Organ für die atmosphärische Note eine große Rolle, die Backgroundsängerinnen sorgen für einiges an Gospel- und Soul-Flair.

Richtig gerockt wird beim stampfenden „The Well“ (erinnert an die Band Of Heathens), „Say You Will“ (psychedelische Note, saustarkes E-Gitarrensolo) und „Turn It Up“ (hat was von den alten Free).

Mein persönlicher Favorit des Werks ist der wunderbare Blues-Schwofer „Wildflowers & Wine„.

Wie bereits erwähnt, passt alles sehr gut zusammen. Trotzdem hat man auf „El Dorado“ bei Marcus King, wie einst bei den Jägern nach dem Goldland in Südamerika,  noch den Eindruck eines Suchenden nach dem richtigen Weg.

Fest steht aber schon jetzt, dass ihm angesichts seines außerordentlichen Talents, eine goldene musikalische Zukunft bevorsteht. Wir werden ihn live demnächst in der Kölner Kantine anchecken, wo er am 05. März auftreten wird.

Fantasy Records (2020)
Stil: Blues Rock, Southern Rock, Country, Soul

01. Young Man Dream
02. The Well
03. Wildflowers & Wine
04. One Day She Is Here
05. Sweet Mariona
06. Beautiful Stranger
07. Break
08. Say You Will
09. Turn It Up
10. Too Much Whiskey
11. Love Song
12. No Pain

The Marcus King Band
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