Paul Thorn – Never Too Late To Call – CD-Review

Review: Michael Segets

1997 veröffentlichte A&M Records Paul Thorns ersten Longplayer. Thorn verabschiedete sich danach von dem Major-Label und bringt seine Musik seitdem in Eigenregie heraus, wobei ihm sein langjähriger Freund Billy Maddox durchgängig zur Seite steht. „Never Too Late To Call“ reiht sich so nahtlos in das bisherige Werk von Thorn ein – soweit ich sie überblicke. In meinem Regal befinden sich seine drei erfolgreichsten Alben, die es in den US-Charts in die Top 100 geschafft hatten: „Pimps And Preachers“ (2010), „What The Hell Is Going On?“ (2012) sowie „Too Blessed To Be Stressed“ (2014).

2018 folgte noch ein Album mit Gospel-Covern, bei dem u. a. Bonnie Bishop mitwirkte. Auf dem nun vorliegenden „Never Too Late To Call“ sind nun wieder Eigenkompositionen versammelt, an denen Thorn die letzten sieben Jahre arbeitete. Thorn, der für seine persönlichen Texte bekannt ist, greift glückliche Beziehungen auf, die trotz ihrer Schwierigkeiten Bestand haben. Seine neue CD wirkt daher vielleicht eine Nuance gesetzter und zahmer als seine bisherigen.

Folglich finden sich einige ruhige Stücke auf der Scheibe, die mit dem akustisch gehaltenen Folk „Two Tears Of Joy“ beginnt. „What I Could Do“ und „Goodbye Is The Last Word“ sind konventionell gehaltene Balladen mit dezenter Begleitung. Ambivalent stellt sich „Apple Pie Moonshine“ dar. Gut gefällt dort der etwas rau-kratzige Gesang, Abstriche ergeben sich aus den langgezogenen Uh-Hu’s im Refrain. Ähnliche lautmalerische Ausflüge unternimmt Thorn ebenso bei „Sapalo“. Der vom Blues infiltrierte Track sorgt mit seinem akzentuierten Rhythmus zwischen den Balladen am Anfang des Albums allerdings für Abwechslung.

Die thematische Ausrichtung des Longplayers und die situierte Lebensphase Thorns kommen im Duett mit seiner Frau Heather („Breaking Up For Good Again“) sowie in „Sapphire Dream“, das er gemeinsam mit seiner Tochter Kitty Jones singt und geschrieben hat, zum Ausdruck. Seiner verstorbenen Schwester, die rund um die Uhr für ihn erreichbar war, ist „It’s Never Too Late To Call“ gewidmet,. Der sensible, dem Album seinen Namen gebende Song hat etwas von Steve Earle. Unabhängig davon, ob man diese Verbindung wahrnehmen möchte, stellt das Stück das Highlight unter den Balladen dar.

In der zweiten Hälfte des Albums zieht Thorn das Tempo mit einigen Tracks an. Der gradlinige Heartland-Rocker „Here We Go“ liegt ziemlich genau auf meiner Linie. Bei „You Mess Around Get A Buzz“ kommt mal eine kräftige elektrische Gitarre zum Zuge, womit Thorn beweist, dass er nicht weichgespült ist. Der Abschluss „Holy Hotty Toddy“ verpackt eine Prise Humor in einen lockeren Rocker mit rundem Refrain.

Thorn trat als Support für einige Größen des Musikgeschäfts auf, so für John Prine, Robert Cray, Bonnie Riatt oder Toby Keith. Für die Produktion seines Longplayers gewann er Matt Ross-Spang (Jason Isbell, Will Hoge, Lucero, Arlo McKinley). Wie sein aktuelles Werk einschlägt, bleibt abzuwarten. Verdient hätte Thorn, dass es an die Erfolge vom Beginn der letzten Dekade anknüpft.

Auf „Never Too Late To Call” von Paul Thorn dominieren die ruhigeren Töne. Unter den Balladen entwickeln der Titeltrack sowie die Duette mit Frau und Tochter den größten Reiz. Zusammen mit den eingestreuten Rockstücken gelingt ihm so ein Album, das zu weiten Teilen überzeugt.

Tracklist:
01. Two Tears Of Joy
02. It’s Never Too Late To Call
03. Sapalo
04. Breaking Up For Good Again
05. What I Could Do
06. Here We Go
07. Apple Pie Moonshine
08. Sapphire Dream
09. You Mess Around & Get A Buzz
10. Goodbye Is The Last Word
11. Holy Hottie Toddy

Paul Thorn
Paul Thorn bei Facebook
Oktober Promotion

Lauren Anderson – Love On The Rocks – CD-Review

Anderson_300

Review: Jörg Schneider

Die Chicagoerin Lauren Anderson durfte mit ihrem ausdrucksstarken Gesang bereits Konzerte von Beth Hart, Samantha Fish, Walter Trout und Mike Zito, der auch auf ihrem Album in einem Song als Gastgitarrist zu hören ist, eröffnen. Zudem wurde sie bereits 2015 von den Midwest Music Awards zur Sängerin des Jahres gekürt.

Ihr zweites Album „Love On The Rocks“, das nun am 06. August erscheint, hat Lauren Anderson in Eigenregie produziert und veröffentlicht. Es enthält neun feine, zumeist ruhige, Songs. Immer getragen von ihrer kraftvollen, warmen Altstimme.

Gleich zu Beginn stellt sie in dem leicht gospelig anmutenden A-Capella-Stück „Keep On“ ihre stimmlichen Qualitäten unter Beweis, lediglich unterstützt durch den Takt vorgebendes Klatschen und harmonische Background Vocals, während in dem Titelsong „Love On The Rocks“ die verletzliche Seite ihre Stimme zum Ausdruck kommt. Ähnlich auch das folgende „Back To Chicago“ mit Mike Zito als Gastgitarrist und einem schönen Gitarrensolo im letzten Drittel des Titels. „The Way I Want“ ist eine eingängige Midtempo-Nummer mit lakonisch wirkendem Gesang von Anderson.

Das ebenfalls ruhige „Holdin‘ Me Down“ überrascht mit einem orientalisch klingenden Intro, welches sich wiederkehrend durch den gesamten Song zieht. Lediglich die Titel „Just F***ing Begun“ und „I‘m Done“ sind beiden einzigen Stücke, die etwas härter zur Sache gehen. Der erstgenannte Song ist sehr rhythmisch, untermalt mit kompromisslos treibenden Drums. Im Gegensatz dazu steht „I‘m Done“ mit seinen funkigen Gitarreneinlagen und einem abrupten Ende.

Das Album endet dann mit zwei etwas längeren, ruhigen Songs: „Stand Still“ eher balladesk, nachdenklich und „Your Turn“ ist ein melodiöser, schöner Slowblues mit Geigen und Pianobegleitung.

Auf ihrem Album vereint Lauren Anderson gekonnt Elemente von Blues, Rock und Soul und findet damit ihren eigenen Stil. Insbesondere als Sängerin hinterlässt sie einen bleibenden Eindruck. Nicht ganz so rau und whiskygeschwängert wie Janis Joplin, dennoch ausdrucksstärker als Joss Stone und mitunter auch an Layla Zoe erinnernd, immer gefühlvoll und verführerisch. Wir dürfen auf mehr gespannt sein.

Label: Independent
Stil: Blues/Americana

Tracks:
01. Keep On
02. Love On The Rocks
03. Back To Chicago
04. The Way I Want
05. Holdin‘ Me Down
06. Just F***ing Begun
07. I‘m Done
08. Stand Still
09. Your Turn

Lauren Anderson
Lauren Anderson bei Facebook

Jonathon Long – Parables Of A Southern Man – CD-Review

Viertes Album von Jonathon Long, sein zweites unter den Fittichen von Samantha Fish und ihrem Wild Heart Records-Label. „Parabels Of A Southern Man“ liefert zwölf neue ‚Erzählungen‘ des aus Baton Rouge stammenden Künstlers, die nicht nur textlich, sondern natürlich in erster Linie musikalisch anregen.

Gerade dieses Werk zeigt, dass man nicht, wie oft in Nashville praktiziert, die ganz große Masse an Edel-Musikern auffahren muss, um einen dicken Wurf zu landen. Hier genügt ein kleines, aber ungemein feines Trio, bestehend aus Nicholas David an den Keys (Organ/Piano), Bassist Charlie Wooton (Ex-Royal Southern Brotherhood) und Scott Graves an den Drums, um dem vokal als auch saitentechnisch brillierenden Protagonisten perfekt seine ‚Bühne‘ zu bereiten.

Allein der swampig angehauchte Opener „Madison Square Garden“ in bester Allman Brothers/Marshall Tucker-Gangart, in dem Long seinen Traum besingt, in dieser Kult-Location irgendwann mal auftreten zu dürfen, wird jeden Southern Rock-Fan der guten alten 70er-Schule, ins freudige Schwelgen an damalige Zeiten bringen.
Auch das folgende, voller Inbrunst und Selbstzweifeln vorgetragene „The Ride“ lässt OutlawsSkynyrd-Assoziationen zwischen „Ghost Riders“ und „The Last Rebel“ aufblitzen. Fantastischer Song!

Dass es Long auch fröhlich kann, offeriert er im folgenden, in Bakersfield-Manier flott groovenden Boogie „My Kind Of Woman“. Herrlich hier sein quirliges E-Bariton-Spiel und Graves‘ Kombination aus Stick-Tippel- und Uptempodrumming als Rhythmusgebung. Long begeistert mich auf diesem Werk neben seinen filigranen Gitarrenkünsten vor allem mit seinem variablen und emotional jederzeit mitgehenden Gesang, der je nach Song zwischen Leuten wie Marcus King, Doug Gray, Ronnie Dunn oder Mark Wystrach (Midland) pendelt.

Klasse beispielsweise „Pain“ und „All I Need“ (herrlich hier das unkonventionelle flippig-verspielte E-Gitarrenintro), so würden beide Songs demnach zum Beispiel auch gut ins Midland-Repertoire passen. Zum Schmunzeln bringt mich das flotte Drum- und E-Gitarren-getriebene „Dangerous“, das Ende der Achtziger Jahre wohl vermutlich gefährlich nahe dran gewesen wäre, in einer Miami Vice-Folge verbrieft zu werden. „Landline“,“My Kind Of Crazy“ und „That Ain’t Love“ bringen dagegen seine wunderbar southern-soulige Seite ins Spiel, tolle Ohrwürmer, wieder mit einfühlsamen Keys- und Gitarrenparts.

Dass Long seit frühsten Jahren ein Kind des klassischen Blues ist (er gewann ja schon mit 22 Jahren den „King of the Blues“-Award für den besten „unsigned blues guitar player“ in den USA), verdeutlicht eines der ganz großen Highlights des Werkes „Savior’s Face“. Ein Hammer-Slow Blues voller Dramatik mit grandiosen Orgelklängen von Davis und Longschem Gesangstemperament und E-Gitarrenkönnen. Erinnert mich ein wenig an die Art zu Bluesen eines Lee Roy Parnell. Ein Stück wie geschaffen als potentieller Cover-Kandidat eines Joe Bonamassa!

Somit fragt man sich am Ende von „Parabels Of A Southern Man“ unweigerlich, was Jonathon Long eigentlich noch besser machen kann, um eines Tages den im Opener gehegten Traum verwirklichen zu können. Einen großen Teil der Lösung beantwortet er sich quasi aus meiner Sicht in seinem zweiten Stück („The Ride“) selbst: Sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, an sich stetig arbeiten, sich hinterfragen und verbessern. Also rastlos bleiben, aber dabei immer auch auf seine innere Stimme hören. Im übertragenen Sinne in letzten Zeile des Liedes zusammengefasst: „The answer is to ride!“

Wild Heart Records (2021)
Stil: Southern Rock

Tracks:
01. Madison Square Garden
02. The Ride
03. My Kind Of Woman
04. Pain
05. Landline
06. All I Need
07. Dangerous
08. Savior’s Face
09. My Kind Of Crazy
10. That Ain’t Love
11. Cheap Romance
12. Jenny

Jonathon Long
Jonathon Long bei Facebook
Bärchen Records

Clay Walker – Texas To Tennessee – CD-Review

cover Clay Walker - Texas to Tennessee 300

Review: Stephan Skolarski

Als der US-amerikanische Country Sänger Clay Walker 1993 seine Debut-Single „What’s It To You“ veröffentlichte, war es die erste von sechs Number One Chart-Erfolgen in wenigen Jahren. Die 90er blieben auch für seine damaligen fünf Alben eine erfolgreiche Zeit, da sich alle mindestens 52 Wochen bis unter die ersten Zehn platzieren konnten. Geradezu ein Longplayer mit besonderer Ausdauer war die „Greatest Hits“-Ausgabe, die mit 92 Wochen in den Country-Listen verzeichnet wurde.

Das folgende Jahrzehnt brachte für die Alben (u.va. „A Few Questions“, Position 3 in 2003) weitere hohe Platzierungen. Eine MS-Erkrankung beeinträchtigte jedoch Clay Walkers musikalische Aktivitäten, die nach längerer Pause 2019 mit der „Long Live The Cowboy“-CD nicht die erwartete Resonanz erhielten.

Ein kurzer Rückblick auf diese Erfolgsgeschichte verdeutlicht die Ausgangssituation für das nun vorliegende Comeback-Album „Texas To Tennessee“, welches am 30. Juli erscheint. Clay Walker knüpft mit seiner neuen Scheibe an die damaligen Erfolge an und macht mit „smooth-bore country music“ dort weiter, wo die alten Songs und die jetzigen in Übereinstimmung musikalische Ausprägungen entfalten.

Dieser 90er „classic sound“ findet sich daher „steel-guitar“ und „fiddle“-gerecht einheitlich aufbereitet, in den meisten der zehn Songs wieder, die von Walker im Co-Writing mitkomponiert wurden. So sind z.B. „Anything To Do With You“, oder „I Just Wanna Hold“ und „You Look Good“ emotionale und teilweise melancholische Country-Stücke, die ihre Lyrics als glaubwürdige Message vermitteln möchten.

Der bereits vorab veröffentlichte Top-Song „Need A Bar Sometimes“ fängt diese Stimmung gekonnt ein und wurde inzwischen zum Erfolgstrack der neuen Scheibe. Mit dem bisweilen sehr smarten Titelstück „Texas To Tennessee“ und dem Rock-Guitar betonten „One More“ könnten weitere Hit-Singles folgen. Für Walker-Fans sicher stets ein zeitloser Country-Sound, pure music, die ihre eigene „Schönheit“ immer wieder selbst bestätigt.

Das in Galveston, Tx. und Memphis, Tn., entstandene Album „Texas To Tennessee“ bringt Clay Walker wieder zurück auf altbewährte musikalische Pfade. Es ist eine gelungene Comeback-Produktion im Sinne des romantischen Cowboy-Image entstanden, die für viele Enthusiasten des Genres keine verklärte Realität darstellt, aber leider mit ca. 30 Minuten Spielzeit etwas zu kurz ausgefallen ist.

Show Dog-Thirty Tigers (2021)
Stil: Country

Tracks:
01. Anything To Do With You
02. Need A Bar Sometimes
03. Catching Up With An Old Memory
04. Country Side
05. Cowboy Loves A Woman
06. Texas To Tennessee
07. I Just Wanna Hold You
08. Loving You Then
09. You Look Good
10. One More

Clay Walker
Clay Walker bei Facebook
Oktober Promotion

Los Lobos – Native Sons – CD-Review

cover Los Lobos - Native Sons 300

Review: Michael Segets

Just another band from East L. A. – so bezeichneten sich Los Lobos selbst, dabei besteht für die Wölfe kein Grund zur Bescheidenheit. Spätestens mit ihrem internationalen Superhit „La Bamba“ sind sie über die Grenze ihrer Heimatstadt hinaus bekannt. Dennoch ist die Band in der kalifornischen Metropole tief verwurzelt und besinnt sich mit „Native Sons“ auf die musikalischen Einflüsse, die sie prägten. Bis auf den Titeltrack, der eine Eigenkomposition darstellt, covern Los Lobos eben die Bands und Musiker, die eng mit L. A. verbunden sind.

Seit den 1980ern gelten Los Lobos als Inbegriff des Tex-Mex und haben dem Tejano mit ihrem eigenständigem Sound einen Stempel aufgedrückt. In der Folgezeit erweiterte die Band ihre Bandbreite, sodass die musikalische Richtung ihrer Alben kaum abzusehen ist. „Kiko“ (1992) gilt unter Kritikern als ein Höhepunkt unter den Veröffentlichungen, wobei „The Neighborhood“ (1990), mit den Gastmusikern Levon Helm und John Hiatt, bereits den Aufbruch zu neuen Ufern markierte.

In der letzten Dekade tourten sie mit Neil Young, der Tedeschi Trucks Band und den North Mississippi Allstars, bevor es um die Combo stiller wurde. Mit „Native Sons“ melden sich Los Lobos nun wieder zurück, allerdings ohne neues Eigenmaterial zu präsentieren, sieht man von dem Titelsong ab. Dass die Mannen aus L. A. bei ihren Covern den jeweiligen Songs eigene Facetten und einen veränderten Klang mitgeben können, haben sie ausgiebig auf mehreren Tribute-Alben bewiesen und so hört sich „Native Sons“ ganz nach Los Lobos an.

„Never No More“ von Percy Mayfield und „Flat Top Joint“ von Dave Alvin (The Blasters) sind im Stil des klassischen Rock ’n Roll gehalten. Ein hohes Tempo geht auch „Farmer John“. Der Song ist bereits auf diversen Live-Mitschnitten von Los Lobos zu finden. Einzelne Tracks haben einen Funk-Einschlag („Love Special Delivery“), gehen in Richtung R&B („Misery“) oder kombinieren beides („The World Is A Ghetto“). Wie häufig bei den Longplayern von Los Lobos finden sich zudem spanische Titel auf „Native Sons“, die beim Uptempo oft einen zirzensischen Eindruck hinterlassen oder leicht in schmalzige Regionen abdriften. Der Salsa „Los Chucos Suaves” und das schmachtende „Dichoso” bilden da keine Ausnahme.

Die Band um David Hidalgo liefern darüber hinaus Versionen von Musikern ab, die eher ins SoS-Spektrum fallen. Von Jackson Browne interpretieren sie „Jamaica Say You Will “ und von Stephen Stills „Bluebird/For What It’s Worth”. Die beiden Songs von Stills sind auf CD oder LP als Medley gespielt, auf der digitalen Ausgabe sind sie als Einzeltitel getrennt. Gelungen ist auch „Sail On, Sailor”, das durch die Beach Boys bekannt ist. Als Abschluss der CD gibt es das Instrumentalstück „Where Lovers Go“, das als Rausschmeißer seit langer Zeit von Los Lobos live erprobt ist.

Der spezielle Sound von Los Lobos wird nicht zuletzt durch das Saxophon von Steve Berlin geprägt. Steve Berlin, der Mitte der 1980er der Band beitrat, hat sich mit seinem Instrument und als Produzent einen Namen gemacht. So unterstützte er beispielsweise Sheryl Crow, Joan Osborne und The Suitcase Junket. Los Lobos holten für „Native Sons“ einige Gastmusiker mit an Bord und David Hidalgo Junior sitzt bei der Hälfte der Stücken am Schlagzeug.

So bunt schillernd wie man sich das Leben in L.A. vorstellt, ist auch die Liebeserklärung „Native Sons“ von Los Lobos an ihre Heimatstadt ausgefallen. Bei der Auswahl der Coverversionen greifen David Hidalgo, Steve Berlin und ihre Mitstreiter unterschiedliche musikalische Stile auf. Gemeinsam ist den Songs nicht nur, dass sie von Musikern stammen, die die Szene in L. A. prägten, sondern auch, dass sie durch den typischen Sound von Los Lobos zusammengeschweißt werden.

New West Records/Pias-Rough Trade (2021)
Stil: Rock and more

Tracks:
01. Love Special Delivery
02. Misery
03. Bluebird/For What It’s Worth
04. Los Chucos Suaves
05. Jamaica Say You Will
06. Never No More
07. Native Son
08. Farmer John
09. Dichoso
10. Sail On, Sailor
11. The World Is A Ghetto
12. Flat Top Joint
13. Where Lovers Go

Los Lobos
Los Lobos bei Facebook
Oktober Promotion

Ralph de Jongh Band – 25.07.2021, Kantine Open Air Bühne (Freideck), Köln – Konzertbericht

Jongh_haupt

Mit Ralph de Jongh, meinem erst zweiten Live-Gig in diesem Jahr – gut, so viele Möglichkeiten gab es ja aus den bekannten Pandemie-Gründen auch noch nicht – war an diesem Sonntag Abend einer der persönlichen Lieblinge von ‚Kantinen-Macher‘ Marcus Neu auf der Open Air Bühne, beziehungsweise dem schönen Freideck der Kölner Location, vorstellig.

Marcus nutzte bei seiner Ansage auch noch mal die Gelegenheit, die Werbetrommel für die nächsten anstehenden Gigs zu rühren und erhielt dabei sprechkräftige  Unterstützung von unserem Fotografen Gernot, der den gut 90 anwesenden Leuten, den Dienstag stattfindenden Paulie Cerra Band-Auftritt, aufgrund seiner begeisterten Erfahrung im Krefelder Schlachtgarten einige Tage zuvor, wärmstens ans Herz legte.

Kaum hatte der niederländische Protagonist (in schrillem 70er-typischen Outfit) seine Lieblingsposition auf dem bereitgestellten Stuhl mit einer Resonator-Gitarre eigenommen, ging es um 19:40 Uhr los mit einem unterhaltsamen Reigen durch seinen schier unendlich erscheinenden Song-Fundus. Ralph sprühte selbst sitzend förmlich vor Tatendrang. Zwischenzeitlich performte er auch im Liegen und im Knien.

Aufgrund seiner frappierenden stimmlichen Ähnlichkeit zu Mick Jagger durchzog den Verlauf natürlich immer ein unterschwelliges Stones-Retro-Flair, wobei von (Delta) Blues bis Rock (dezent auch Southern) und Rock’n’Roll durchaus viele Facetten gestreift wurden.

Dabei hatten sowohl die beiden Background-Sängerinnen Moon Anderson und Ylvalie Dik, viele Gelegenheiten, sich vokal einzubringen, als auch der gute Leadgitarrist Chiron Schut (erinnerte rein äußerlich ein wenig an Dickey Betts in jungen Jahren) mit diversen schönen Soli (z. T. Marke Clapton, auch southern-geslidet) und Bassist Nico Heilijgers, der bei „Dirty Rock And Roll“ seinen großen Auftritt hatte. Ja, schon fast in Ted Nugent-Manier wurde das erste sehr starke Set um 20:45 Uhr beendet.

Nach einer viertelstündigen Pause, in der Marcus den Hut zwecks Gagen-Einsammlung rum gehen ließ (diesmal mit befriedigendem Ergebnis), und bei Teilen des Publikums die Frage auftauchte, ob Ralph denn auch im Stehen spielen könne (was in der Endphase dann von ihm bewiesen wurde), konnte das hohe Niveau der ersten Stunde leider nicht mehr gehalten werden und es zogen sich Längen ein. Ein Problem war dabei der schwierige Wiedererkennungswert als auch der mangelnde Bekanntheitsgrad der Tracks. Hier muss de Jongh in Zukunft bei uns vielleicht in Sachen Setlist noch etwas nachjustieren.

So machten sich in der zweiten Hälfte beim Publikum auch deutliche Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Ralph verfing sich etwas in seinem eigenen Enthusiasmus und ließ quasi außer Acht, dass um 22:00 Uhr aus Gründen Nachtruhe-Einhaltung, der Gig beendet werden musste. So gab es keinen Zugabenteil und ein recht abruptes Ende.

Insgesamt war es aber ein Auftritt der Ralph de Jongh Band mit viel Herzblut und positiver Ausstrahlung, der am Ende von den Anwesenden mit einigem Applaus und so manchem Kauf der Merchandise-Artikel honoriert wurde. Ganz zum Schluss gab es dann auch noch das obligatorische Band-Foto für unsere VIP-Galerie.

Line-up:
Ralph de Jongh – lead vocals, guitars
Arie Verhaar -drums
Chiron Schut – guitars
Nico Heilijgers – bass, vocals
Moon Anderson -backing vocals, percussion
Ylvalie Dik – backing vocals

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

Ralph de Jongh
Ralph de Jongh bei Facebook
Kantine, Köln

Paulie Cerra Band – 23.07.2021, Schlachtgarten, Krefeld – Konzertbericht

Cer-haupt

An einem schönen Sommerabend stand Paulie Cerra mit seiner Band auf der Bühne des Krefelder Schlachtgartens. Nachdem der Vorverkauf bis eine Woche vor dem Konzert eher träge verlief, entschlossen sich doch einige Fans der gepflegten Bluesmusik kurzfristig zu erscheinen, sodass der Schlachtgarten dann letztlich mit etwa 110 Besuchern recht gut besucht war.

Nach einer kurzen Bandankündigung durch Pille Peerlings bahnte sich das Quartett unter dem Applaus der Fans den Weg mitten zwischen den Tischreihen, was ein bisschen an einen Einzug von Gladiatoren erinnerte.

Hier handelte es sich aber eher um einen Einmarsch von Spitzenköchen der Bluesmusik, die in den folgenden etwa 140 Minuten Spielzeit etwas ganz besonderes präsentierten. Blues gespickt mit einer Prise Soul und einigen Spitzen von Funk. Da aber auch das Auge den Geschmack indirekt beeinflusst, zauberte der Lichttechniker des Schlachtgartens ein Bühnenlicht, was für so eine kleine Location schon beeindruckend ist. Damit sorgte er dafür, dass das bereitete musikalische Menü von der Bühne auch visuell bei den Gästen bestens ankam.

Cerra, vielen auch bekannt als Saxophonist von Joe Bonamassa (da haben wir ihn auch schon in Köln und Düsseldorf erlebt), zeigte seine spielerischen Qualitäten auch an den Keyboards und glänzte mit einer beeindruckenden Stimmbreite. Neben seinem spielerischen Können war er ein toller als Entertainer zwischen den Songs, wobei er auch stets darauf bedacht war, seine Band ins rechte Licht zu stellen.

An erster Stelle stand dabei Billy Haynes, der Bassist, der Tina Turner in den Anfangsjahren ihrer Solokarriere begleitete. Dass Haynes den Bass sitzend spielte tat der Qualität keinen Abbruch und die spielerische Leichtigkeit und die positive Stimmung, die er auf die Bühne brachte, waren schon beeindruckend. Neben dem Bass unterstützte er Cerra auch noch in einigen Songs als Backgroundsänger.

Aber auch Drummer Alvino Bennett wurde mehrfach hervorgehoben. Er flog zuweilen mit einer Leichtigkeit über die Drums, konnte aber auch, wenn es gewollt war, energisch hervorpreschen.

Last but not least Ben Forrester an der Gitarre. Der jüngste aus der Band, mit Cowboyhut und Feder, zeigte an seiner Gibson Les Paul, warum ihn Cerra für die Tour mit ins Boot genommen hatte. Ob fingerpickend, slidend oder in bester Blues-, zuweilen auch in Southern-Manier, zelebrierte der Könner seine E-Gitarren-Soli regelrecht.

Das Arrangement des ganzen Konzertes mit Songs, zumeist aus der Feder Cerras stammend, wobei das letzte Album „Hell & High Water“ größtenteils durchgespielt wurde, sorgte auch im Publikum für eine Stimmung, wie ich sie bei einem Konzert im Schlachtgarten bisher noch nicht erlebt habe. Von verträumt, bis hin zu enthusiastisch mitgehend waren alle Parameter vertreten. Besonders die letzten Songs wurden vom Publikum stehend mit Szenenapplaus begeistert abgefeiert.

Nachdem die Band nach dem letzten Song gebührend verabschiedet wurde und sich wieder den Gang durchs Publikum gebahnt hatte, kam Cerra nochmals auf die Bühne, um sich solo am Piano noch einmal zu verabschieden.

Nachdem dann Ceras endgültig die Bühne verlassen hatte, zog Kolja Amend vom Schlachtgarten noch einmal ein kurzes Resümee, in dem er seine Gefühle zu dem Konzert zum Ausdruck brachte. Ein Satz sagt dabei alles: „Ich habe immer noch eine Gänsehaut“.

Wer Paulie Cerra mit seiner Band auf der Tour noch erleben will, muss sich sputen, da sie sich zum Ende neigt. Es lohnt sich absolut, solch musikalische Hochkaräter, auch wenn sie bei Topstars ’nur‘ in der ‚zweiten Reihe‘ spielen, als eigenständigen Topact zu erleben.

Line-up:
Paulie Cerra – lead vocals, keys, saxophone
Ben Forrester – guitar
Billy Haynes – bass
Alvino Bennett – drums

Text und Bilder: Gernot Mangold

Paulie Cerra
Paulie Cerra bei Facebook
Schlachtgarten Krefeld
Kulturrampe Krefeld

The Bardogs – Southern Soul – CD-Review

Bardogs_300

Manchmal werden selbst musikerfahrene Menschen wie meinereiner doch wirklich noch überrascht. Southern Rock aus Indonesien! Das mutet für mich erstmal fast so exotisch an, wie ’ne Reggae-Truppe aus Grönland. Aber da ja Musik bekanntlich keine Grenzen kennt und es in diesem Metier eher auf Können und Leidenschaft für die Sache ankommt, kommt es da durchaus oft zu angenehmen Überraschungen.

Und The Bardogs, bestehend aus den gut zu merkenden Namen Aulia Rahman (guitars, vocals), Weldy Tua Pangaran (guitars), Deni Hidayat (bass, vocals),
Romi Zirwanda (drums) und Jason Latuasan (keys) zählen nach den obligatorischen Hördurchgängen im Vorfeld eines Reviews zweifellos zu diesen.

Die Burschen haben nach ihrer finalen Zusammenfindung ihren residenziellen Fokus, dank der dortig bestehenden Internationalität, auf die Insel Bali gelegt. Hier machte man sich in angesagten Locations wie dem Pretty Poison Club, Deus Ex Machina, Old Man’s oder Single Fin schnell einen Namen und versuchte 2018 nach dem Debütwerk, auch in Frankreich, in Form einer Tour, erste Verbindungen mit dem europäischen Kontinent herzustellen.

BD-TextIhr neues Werk „Southern Soul“ hat eindeutig das Potential, die Band auch in globaler Hinsicht voranzubringen. Jeder der gerne Southern Rock aus dem Dunstkreis der Allman Brothers (mit den daraus resultierenden weiteren Verästelungen à la Tedeschi Trucks Band, Gov’t Mule, Allman Betts Band) gerne hört, wird seine helle Freude an den Burschen haben. Besonders das an Duane Allman erinnernde, markant klirrende Slide-Spiel wird als immer wiederkehrendes Trademark bei diversen Tracks eingesetzt.

Auch viele quirlige, genre-typische E-Gitarren-Soli (oft auch mehrfach songintern, sporadisch in Twin-Manier) gehören zum Standardrepertoire der Barhunde. ABB- und Jam-Freunde werden beispielsweise bei Tracks wie dem „Southbound“-nahen „Ain’t Gonna Look Back“ und dem „Whipping Post“-umwehten „Misunderstood“ bestens auf ihre Kosten kommen.

Überrascht hat mich vor allem die Stimme von Aulia Rahman, die für mich Ähnlichkeiten mit der von Ed Jurdi von der Band Of Heathens aufweist und bei eingängigen und sehr melodischen Songs wie „Colorado„, „After Midnight“ oder „Loving You“ auch für dementsprechendes Flair sorgt.

Klasse gefällt mir auch das Keyboard-Spiel Jason Latuasan, der die gesamte Variationsbreite seines Tastenkönnens (Orgel, E-Piano, HT-Piano) sehr einfühlsam mit einbringt und einen nicht unerheblichen Beitrag zum ansehnlichen Gesamtwerk leistet. Für mich der heimliche Star des Quintetts.

Fazit: The Bardogs lassen mit „Southern Soul“ (zum Piepen das völlig SR-untypische, orientalisch geprägte Frontcover) keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihr Herz für den Southern Rock schlägt. Sie greifen dabei, wie so viele Newcomer dieser Zeit, alte Strukturen auf und verwandeln diese mit viel kreativem Gespür in neue Eigenkompositionen. Mit dieser Musik voller Herzblut haben sie das Zeug sowohl bei uns in ganz Europa, als auch in den Staaten mit offen Armen aufgenommen zu werden. Selamat datang!

Label: Bad Repuation (2021)
Stil: Southern Rock Rock

Tracks:
01. Sail Away
02. Step Back
03. Reality
04. It’s Over
05. Ain’t Gonna Look Back
06. Colorado
07. Corona
08. Misunderstood
09. After Midnight
10. Loving You (Bonustrack)

The Bardogs
The Bardogs bei Facebook
Two Side Moon Promotions

Son Volt – Electro Melodier – CD-Review

cover Son Volt - Electro Melodier 300

Review: Michael Segets

Nach dem hochgelobten „Union“(2019) setzt Son Volt nun den eingeschlagenen Weg fort. Die Band liefert mit „Electro Melodier“ erneut ein Americana-Album ab, bei dem sie diesmal jedoch öfter Ausflüge in rockigere Gefilde nimmt. Wie auf dem vorangegangenen Werk sind neben dem Bandleader und Sänger Jay Farrar Mark Spencer (Keyboards, Steel Guitar), Chris Frame (Guitar), Andrew Duplantis (Bass) und Mark Patterson (Drums) mit von der Partie.

Das fünfundzwanzigste Bandjubiläum, das 2020 zu feiern gewesen wäre, hatte sich Jay Farrar anders vorgestellt. Corona hat so manche Pläne durchkreuzt, aber da gerade die Tour zu „Union“ abgeschlossen war, stand sowieso die Arbeit an neuen Songs an, für die er sich nun mehr Zeit nahm.

Farrar wollte diesmal einen unpolitischen Longplayer in Angriff nehmen. Seine sozialkritische Ader konnte er jedoch nicht ganz unterdrücken. Mit „Living In The USA“ stellt sich Farrar in die Tradition von Bruce Springsteens „Born In The USA“ oder Neil Youngs „Rockin‘ In A Free World“. Ganz so rockig geht es dann bei Son Volt nicht zur Sache, dennoch setzt der Song ein Ausrufezeichen auf der Scheibe.

Ein weiterer Titel mit politischer Aussage stellt „The Globe“ dar, der zusammen mit „The Globe Prelude“ quasi in zwei Versionen vertreten ist. Der Track ähnelt dem Opener und ersten Auskopplung „Reverie“ von Tempo und Anlage. Beide sind gradlinig und erdig. Dazwischen schiebt sich „Arkey Blue“, dessen Intro und Outro mit härterer Gitarre und kraftvollem Schlagzeug für Son Volt eher ungewöhnlich ist. Im Vergleich dazu plätschert der Mittelteil etwas dahin. Insgesamt startet die CD allerdings dynamisch.

Danach fährt Farrar das Tempo zurück. „Diamonds And Cigarettes“, bei dem Laura Cantrell die Harmonien beisteuert, sowie „Lucky Ones“ thematisieren eine dauerhafte, lang währende Liebe. Farrar ist seit einem Vierteljahrhundert anscheinend glücklich verheiratet. Auf dem reduziertesten, folkähnlichen „War On Misery“ steht seine Stimme, bei der oftmals ein leicht leidender Unterton mitschwingt, im Zentrum.

In dem hinteren Drittel des Albums legt sich Mark Spencer mit der Steel Guitar ins Zeug. Die Ballade „Sweet Refrain“ hält, was der Titel verspricht. „Rebetika“ und „The Levee Of Down“ gehen durch den Slide stärker in Richtung Country. Beim Abschluss „Like You“ sticht die Key-Begleitung hervor, für die ebenfalls Spencer verantwortlich zeichnet. Neben den ruhigeren Tracks finden sich mit dem gelungenen Roots-Rocker „These Are The Times“ und dem als Hommage an Led Zeppelin zu verstehenden „Someday Is Now“ Songs mit einem rockigeren Einschlag auf dem Longplayer.

Son Volt präsentiert mit „Electro Melodier“ eine ausgewogene Mischung aus Americana, Rock und Country. Obwohl es von der Grundausrichtung mit dem vorangegangenen „Union“ vergleichbar ist, wirkt das neue Album so etwas abwechslungsreicher. Konstanz beweist Jay Farrar mit seiner Band weiterhin durch seine gefeilten, sozialkritischen Texte. Für August und September sind 16 Konzerttermine in den Vereinigten Staaten angekündigt, um das neue Material live zu präsentieren. Son Volt ist mit „Electro Melodier“ auch diesbezüglich zurück im Rhythmus.

Transmit Sound/Thirty Tigers (2021)
Stil: Americana

Tracks:
01. Reverie
02. Arkey Blue
03. The Globe
04. Diamonds And Cigarettes
05. Lucky Ones
06. War On Misery
07. Living In The USA
08. Someday Is Now
09. Sweet Refrain
10. The Levee On Down
11. These Are The Times
12. Rebitika
13. The Globe Prelude
14. Like You

Son Volt
Son Volt bei Facebook
Thirty Tigers
Oktober Promotion

Roger Chapman – Life In The Pond – CD-Review

Chappo_300

Beim Name Roger Chapman kommt in mir immer so ein wenig Sentimentalität hoch. Er ist auch ein Musiker, mit dem man unweigerlich sozialisiert wurde, ich vor allem durch seine schweißtreibenden Rockpalast-Auftritte. Seine Family-Zeit habe ich kaum zur Kenntnis genommen, das „Red Card“-Album der Streetwalkers, war damals tonträger-mäßig mein erster Berührungspunkt.

Der Hauptgrund für meine Gefühlsregungen ist allerdings mein erster Live-Review als Online-Musik-Redakteur und das ist jetzt gut zwanzig Jahre her, als all dieser digitale Wahnsinn mit seinen Suchmaschinen, Onlinehändlern und Social-Media-Kanälen, noch als reine Science-Fiction anmutete. Roger Chapman trat am 27.04.2001 in der knapp 150 Meter von uns zu Hause entfernten Rheinberger Stadthalle auf, als Support spielte der damalige niederländische Jungspund und Newcomer Julian Sas.

Jetzt in diesen heutigen kaum noch zu durchschauenden Zeiten, erreichte mich sein neuestes Werk „Life In The Pond“ auf ziemlich verrückte Weise und mit vermutlich verheerender Klimabilanz. Eigentlich ja unter deutscher Flagge bei Ruf Records produziert, erhielt ich es aber von einer uns verbundenen Agentur aus Amerika zugesendet, die uns seit Beginn immer wieder mit Blues (Rock)-Highlights bemustert.

Eines kann man zu „Life In The Pond“ schon vorweg konstatieren: Obwohl Roger Chapman mittlerweile stramm auf die Achtzig zugeht, merkt man ihm sein hohes Alter auf diesem Werk überhaupt nicht an. Seine Stimme klingt wie anno dazumal, rotzig, angriffslustig und nach wie vor energiegeladen. Auch wenn er nur in produktionstechnischer, kompositorischer und gesanglicher Hinsicht in den Credits erwähnt ist, gehe ich davon aus, dass die sporadischen Harp- und Saxofon-Einlagen auch von ihm entstammen.

Für das Werk hat er sich mit zwei alten Bekannten zusammengetan: John ‚Poli‘ Palmer aus der Family-Zeit, der hier mitproduziert und -komponiert hat und sich an den Keys, sowie beim Sequencing, den Overdubs und Vibs eingebracht hat und Ex-Shortlist-Mitspieler Geoff Whitehorn, der sein E-Gitarren-Können in Songs wie „The Playtime Is Over“ (da scheinen neben ihm auch noch Gary Twigg, Paul Hirsh und John Lingwood mitzuwirken), „Green As Guacamole (GAG)“ und „Collar Turned Up“ einfließen lässt.

Chapman hat ja immer betont, dass er sich mehr zur amerikanischen als zur seiner heimatlichen Musik hingezogen fühlt. Auch hier ist tendenziell ein leichter Hang zu New Orleans-typischem Flair sichtbar, was ich sich in den Keys Palmers (viel HT-Geklimper, Akkordeontupfer), aber auch in einigen integrierten Bläsersätzen (wie auch immer die erzeugt wurden) widerspiegelt.

Mein persönlicher Favorit ist hier auf jeden Fall das southern-rockige „The Playtime Is Over„, klasse! Die CD insgesamt hat viel Abwechslung zu bieten. Bei den hypnotisch-psychedelisch stampfenden Harmoniegesängen in „Nightmare #5“ („I been workin‘ – I been workin'“) kommt man sich fast vor wie in einer Chain Gang.

Sehr atmosphärisch wird die reinigende Wirkung des Regens von Chapman in „After The Rain“ in Szene gesetzt. Spielt man den vielen Gebeutelten der aktuellen Flutkatastrophen besser nicht vor. Klasse der schön der feierliche Mendelssohnsche Beginn zu „Having Us A Honey Moon“, das allerdings der Eheschließung eher Humor mit einer gewissen Skepsis entgegensetzt. Der Kernsatz dieses fröhlichen Songs lautet: „We don’t need to have a wedding to having us a honeymoon“.

Das in Hooters-Manier gebrachte „Green As Guacamole (GAG)“ begeistert mit einem wunderbar einprägsamen Refrain und Chapmans toll auf den Punkt gebrachten Kritik an unseren heutigen Entscheidungsträgern, um wen auch immer es sich hierbei handeln mag. „Are we as green as guacamole, To these two-faced hypnocrats, Are we as green as guacamole, Do we believe these bag o‘ rats?“ keift der Protagonist empört. Da hat wohl jeder, nebst der heutigen scheinheiligen Politikermischpoke jeder Couleur, sicherlich auch in anderen Bereichen so seine persönlichen Favoriten…

Mit „Collar Turned Up“ (rockt und shuffelt nochmal klasse) und „Naughty Child“ (mit schöner globaler Kritik) werden am Ende nochmals zwei finale Glanzpunkte gesetzt.

Roger Chapman meldet sich mit „Life In The Pond“ zurück, als wär die Zeit stehen geblieben. Eine echte Energieleistung für so ein Alter. Der Brite röhrt, krächzt und rotzt wie zu seinen besten Zeiten. Dazu packt das Album (auch dank Palmer und Whitehorn) sowohl musikalisch als auch textlich. Ich verneige mich zutiefst vor ihm und sage: „Chapeau, Chappo!“

Label: Ruf Records / Chappo Music
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. Dark Side Of The Stars
02. The Playtime Is Over
03. Nightmare #5
04. Rabbit Got The Gun
05. After The Rain
06. Having Us A Honey Moon
07. Snake
08. On Lavender Heights
09. Green As Guacamole (GAG)
10. Collar Turned Up
11. Naughty Child

Roger Chapman
Ruf Records