Woher nimmt der 73jährige die Energie, am laufenden Band Alben herauszubringen, auf denen er wie ein Jungspund rockt? Mit „The Day The Earth Stood Still“ veröffentlicht Willie Nile den vierten Longplayer in den letzten fünf Jahren. Seit seinem Debüt im Jahr 1980 stehen jetzt zwanzig Tonträger im Katalog, wenn die Live-CDs und seine EP mitgezählt werden. Dabei kam es nach dem zweiten Album zu Rechtsstreitigkeiten, die seine musikalische Karriere erst einmal ausbremsten. Nach zehnjähriger Abstinenz meldete sich Nile erst Anfang 1990er zurück. Mit „Streets Of New York“ startete er dann 2006 richtig durch. Seitdem scheint seine Produktivität keine Grenzen mehr zu kennen.
Nach „New York At Night“ (2020), einem Stimmungsbild seiner Wahlheimat, wendet sich Nile nun in seiner scharfzüngigen Art wieder politischen und sozialkritischen Themen zu. Er knüpft damit an „Children Of Paradise“ (2018) an, was sich auch im Stil der Covergestaltung zeigt.
Willie Nile macht auf „The Day The Earth Stood Still” wieder sein Ding. „Where There’s A Willie, There’s A Way” ist daher das Programm der CD. Der Song weist Anleihen bei The Clash auf und sollte dementsprechend laut gehört werden. „Off My Medication” lässt es ebenso richtig krachen. Wofür die Jugend Aufputschmittel braucht, erreicht man im Alter wohl bereits, wenn die Medikamente weggelassen werden. „Sanctuary“ rockt hingegen in melodiöseren Bahnen. Bei „Expect Change“ und „Time To Be Great” setzt Nile die eingeschlagene Richtung fort. Ein Schelm, wer die Titel als Abgesang auf die Ära Trump sieht.
„The Justice Bell For John Lewis” würdigt den im letzten Jahr verstorbenen, afro-amerikanischen Bürgerrechtler und Kongressabgeordneten der Demokraten. Anfänglich auf Klavierbegleitung reduziert entwickelt der Song später hymnische Züge. Neben den zeitgeschichtlichen Bezügen greift Nile aber auch die Liebesthematik auf, die wohl zeitlos ist. Dies tut er beim Midtempo-Stück „Way Of The Heart“ sowie beim über weite Passagen akustisch gehaltenen „I Will Stand“. „I Don’t Remember You“ hat vor allem im Einstieg einen Country-Einschlag. Die harmlos wirkende Melodie versieht Nile mit einem wunderbar bissigen Text.
Auf dem Longplayer sind also wieder einige äußerst gelungene Willie-Nile-Werke zu hören. Zu meinen Favoriten zählen der Titelsong, der zu den besten gehört, die sich auf seinen letzten Werken finden, sowie „Blood On Your Hands“, das durch die Beteiligung von Steve Earle zusätzlichen Reiz gewinnt.
Willie Nile liefert in schneller Folge hochwertige Alben ab. „The Day The Earth Stood Still” reiht sich ohne Qualitätsverlust in seine Veröffentlichungen der letzten Jahre ein. Nile spielt mit leichten Modifikationen seines Sounds, wobei dessen Wiedererkennungswert erhalten bleibt. Insgesamt gelingt ihm so eine abwechslungsreiche Scheibe, auf der die kräftig rockenden Songs den Gesamteindruck prägen.
River House Records/Indigo (2021) Stil: Rock
Tracks: 01. The Day The Earth Stood Still 02. Sanctuary 03. Where There’s A Willie, There’s A Way 04. Blood On Your Hands 05. The Justice Bell For John Lewis 06. Expect Change 07. I Don’t Remember You 08. Off My Medication 09. I Will Stand 10. Time To Be Great 11. Way Of The Heart
Erfolgreiche und talentierte Musiker haben in der Regel den großen Vorteil mit ebenso erfolgreichen und angesagten Produzenten zusammenarbeiten zu können. Anderson East ist nicht erst seit seinem Durchbruch mit dem Vorgänger „Encore“ 2018 in diese Kategorie einzuordnen. East und seine Band haben weltweit ausverkaufte Shows gespielt (wir durften seinem energiegeladenen Gig in Köln beiwohnen) und waren zu Gast u. a. bei angesagten TV-Shows wie „Jimmy Kimmel Live!“ (ABC), „The Late Show with Stephen Colbert“ (CBS), „CBS This Morning Saturday“, „TODAY“ und „Late Night with Seth Meyers“ (NBC) oder „Austin City Limits“ (PBS).
Bei „Encore“ und auch auf „Delihah“ zuvor hatte er bereits mit dem in diesen Zeiten omnipräsent erscheinenden Producer Dave Cobb bereits hervorragend zusammengearbeitet. Da ist es natürlich irgendwie klar, dass man dieses funktionierende Konstrukt auch für das neue Werk „Maybe We Never Die“ beibehalten möchte, zumal beide seither auch labeltechnisch miteinander verflochten sind.
Dass Cobb, der dafür bekannt ist, besonders auf die stimmliche Ausstrahlung seiner Protagonisten fokussiert zu sein, immer mal für eine Überraschung gut ist, zeigt sich besonders auf diesem Werk. Auch hier merkt man sofort, dass er eindeutig die vokale Präsenz von East in den Vordergrund stellt und stimmlich wieder eine tolle Leistung aus ihm ‚herausgekitzelt‘ hat, aber der Sound und die Stimmung des Werkes differieren zum Vorgänger erheblich.
Wir bewegen wir uns zwar wieder klar in der Gattung Soul, dennoch hat man das Gefühl sich in ganz anderen Sphären zu befinden. Während auf „Encore“ alles auf ein warmes southern-souliges Flair mit typischen Bläser-Arrangements ausgerichtet war (wie ich sie auch vom Gig in der Domstadt in Erinnerung habe), durchziehen jetzt kühl, kammermusikartig, ja teilweise hypnotisch wirkende Loop-, Synthie-, String- und mollgetränkte Piano-Sequenzen die nach wie vor melodischen Tracks, die aber aus meiner Sicht eher in hippen neon-beleuchteten Tanzclubs in New York zur ihrer wahren Entfaltung kommen würden.
Man höre sich mal das von einem groovenden, disco-mäßigen Gitarren- und Bass-Rhythmus geführte „Drugs“ an, dass durch Andersons Falsetto-Gesang fast in Bee Gees-Gefilden wildert. Beim starken Opener „Maybe We Never Die“ beißen sich warmer Strophengesang und falsetto-artiges Kreischen im Refrain förmlich. Trotzdem ein toller Song. Auch der trance-artig (be)rauschende „Jet Black Pontiac“ bohrt sich tief in das Musik-Langzeit-Gedächtnis.
Teilweise meint man auch, einen modernen Mick Hucknell (Simply Red) vor sich zu haben („Madelyn“, „Hood Of My Car“, „If You Really Love Me“). Faszinierend auch das abschließende „Interstellar Outer Space“, bei der Easts emotionale Gesangs-Gala-Vorstellung zu sakral anmutendem Glockengeläut immer wieder von künstlich elfenhaft-piepsigen ‚Aahs‘, wie aus einer anderen Galaxie, durchzogen wird.
Über das Album sagt der in Alabama geborene und in Nashville-lebende Singer-Songwriter: „Ich wollte mit dieser Platte etwas Einzigartiges schaffen. Ein Stück Musik, das in seiner Gesamtheit weiß, wo es steht und dennoch den Blick hinter den Vorhang wagt. Ich bin sehr stolz auf die Entstehungsgeschichte und das Endergebnis. Meine große Dankbarkeit gilt den Menschen, die ihre wundervollen Talente eingesetzt haben und dieses Album zu dem gemacht haben, was es ist. “
Am Ende sind es aber vor allem die eingängigen Refrains bei allen Liedern und die konsequente, musikalisch stimmige Machart, die das Werk „Maybe We Never Die“ von Anderson East zu etwas besonderem und gut hörbarem machen. Es hat schon, wenn man sich darauf einlässt, große Klasse, was Cobb und er da kreiert haben. Zu suchen hat es, wenn man allerdings ehrlich ist, in diesem Magazin so gut wie garnichts. Deshalb nur an recht variabel-ausgelegte Leute unter unserer Klientel zu empfehlen.
Elektra/Low Country Sound (Warner Music) (2021) Stil: Soul
01. Maybe We Never Die 02. Lights On 03. Madelyn 04. Drugs 05. I Hate You 06. Hood Of My Car 07. Falling 08. Jet Black Pontiac 09. Like Nothing Ever Happened 10. If You Really Love Me 11. Just You & I 12. Interstellar Outer Space
Weil sich Indoorveranstaltungen weiterhin problematisch gestalten, ergab sich für den Essener Hard Rock-Tempel Turock die Möglichkeit, einige Konzerte open air in der Dubois Arena in Essen-Borbeck zu veranstalten. Die ursprünglich als Boxarena in den 50er-Jahren wie ein Amphitheater gebaute Location gab einen schönen äußeren Rahmen, wobei der einzige kleine Nachteil die Bühne war, die ebenerdig ist, sodass die Zahl der Sitzmöglichkeiten im inneren Raum aufgrund von Sichtbeeinträchtigungen nur sehr begrenzt war.
Dafür war auf den relativ steilen Rängen genügend Platz, um das Konzert zu verfolgen. Pünktlich um 19:00 Uhr betraten die aus Berlin kommenden Bonsai Kitten die Bühne und legten direkt rockig los. Im Mittelpunkt standen die Sängerin Tiger Lilly Marleen, die mit ihrer extrovertierten Art mit glitzernden Outfit schnell den Zugang zum Publikum fand und Gitarrist Andre „Wally“ Wahlhäuser mit einigen rockenden Soli.
Bassist Spoxx und Drummer Marc Reign sorgten für die nötige Rhythmusgrundlage in dem etwa 40-minütigen Auftritt, in dem die Band zum Großteil Songs des aktuellen Albums „Love And Let Die“ präsentierten. Zum Ende des D-A-D-Konzertes stand die ganze Band geduldig und gut gelaunt noch den Besuchern für Smalltalk, Fotos oder das Zeichnen von Fanartikeln zur Verfügung. Sehr sympathisch und fanfreundlich war dabei beim Verkauf der Vinylalben der Hinweis, dass die fürs Auge schönen, aber etwas teureren farbigen Vinyls in der Soundqualität schlechter wären, als die klassisch schwarze Pressung.
Nach einer etwa 40 minütigen Umbaupause betraten dann die vier Dänen unter dem Applaus der Fans die Bühne. Nach einer kurzen Begrüßung durch Fronter Jesper Binzer, in der er zum Ausdruck brachte, dass er froh sei, das erste Konzert im Ausland seit Beginn von Corona zu haben, legten D-A-D direkt los wie Danish Dynamite.
Den relativ weiten Abstand von der Bühne zum Publikumsbereich überbrückten die Binzer-Brüder immer wieder, indem sie die Bühne verließen und direkt vor den Zuschauern spielten, was natürlich von den Fans dankbar aufgenommen wurde. Jesper Binzer trug eine, einer Paradeuniform ähnelnde, blaue Jacke mit gelben Ornaten und bildete so mit seiner Gibson Flying V einen optischen Blickfang und brachte mit seiner symphatischen Art und teilweise deutschen Ansagen direkt das Publikum hinter sich.
Sein Bruder Jacob, ganz in schwarz gekleidet und seinem markanten Hut, glänzte mit vielen Soli und seiner fast schon stoischen Ruhe, mit welcher er seine verschiedenen Gitarren, meist eine Gibson Les Paul, bearbeitete. Stig Pedersen war wie so oft natürlich ein optisches Highlight. Eine enge rote Hose, Plateau-Stiefel, die in noch einmal um etwa 10 cm größer machten, eine schwarze Jacke, die statt eines Kragens wild nach oben stehende Federn hatte und dazu natürlich die selbstgebauten zweiseitigen Tieftöner, wobei er sich diesmal auf nur fünf Varianten beschränkte.
Wie so meist begann er mit dem Bass mit Plexiglascorpus, um nach einigen Songs auf den oberen Teil des hinteren Kotflügel eines Oldtimers mit Rückbeleuchtung zu wechseln. Später durfte dann noch der Bass, wo Korpus und Kopf der Gitarre vertauscht waren, bestaunt werden und zum Abschluss gab es den legendären Raketenbass, diesmal leider ohne pyrotechnische Effekte. Erstaunlich war, mit welcher Sicherheit sich Stig auf seinen Stiefeln auf der Bühne bewegte und dabei nicht an Posen sparte.
Laust Sonne, wie gewohnt mit einem Anzug, beackerte die Drums, welche er im späteren Verlauf trotz Aufforderung Jesper Binzers nicht zerstörte.D-A-D gestalteten die Setlist so, dass nahezu alle Schaffensphasen der Band sich wieder fanden. Schon früh im Programm wurden die Besucher mit „Jihad“ auf Betriebstemperatur gebracht und auch das wieder ins Programm aufgenommene „Helpyourselfish“ begeisterte die Anwesenden. Passend dazu trug Pedersen einen Gitarrengurt mit den legendären Fischgräten, welche aus dem D-A-D Emblem, dem Büffelkopf, gebildet ist.
Das bluesige „A Prayer For The Loud“ vom gleichnamigen aktuellen Album zeigte, dass D-A-D auch dieses Genre beherrscht, wobei Jesper Binzer dies optisch fast wie ein Gebet zelebrierte. Danach gab sich ein Klassiker nach dem anderen die Hand und sorgte dafür, dass die Stimmung nicht abflaute. Ob „Riding With Sue“ oder das psychedelische „Monster Philosophy“ und die den Hauptteil abschließenden hardrockenden Nummern „Rim Of Hell“, „Bad Craziness“ und „Evil Twin“: Alle zeigten, warum D-A-D seit Jahrzehnten eine treue Fangemeinde haben, denen manchmal auch eine Anfahrt von über 600 km nicht zu weit ist.
Nach lautstarken Zugabeforderungen ließen die vier Dänen die Fans nicht lange warten und legten noch drei furiose Zugaben nach, wobei, wie nicht anders zu erwarten, der ‚motherfuckende‘ Tag danach („Sleeping My Day Away“) und das abschließende „It’s After Dark“ den krönenden Abschluss bildeten. Bei „Sleeping My Day Away“ konnte Jesper Binzer noch einmal mit famosen Gitarreneinlagen glänzen und bei „It`s After Dark“ zeigt Stig Pedersen, dass er auch gesanglich einiges zu bieten hat. Beide verabschiedeten sich im passenden dunkelblauen Licht sich dann abwechselnd vom Publikum.
Es gab danach noch einige weitere Zugabeforderungen, aber jedem müsste klar sein, dass nach „It’s After Dark“ nichts mehr kommen kann und darf. Dieser Song ist schon gleich einem Ritual der Abgesang auf jedem Konzert von D-A-D, und das darf nach etwa 100 Minuten Vollgas auch so sein!
Manch einer wartete vergeblich auf „Laugh And A Half“ oder „Grow Or Pay“ oder „I Won`t Cut My Hair“ und was da noch alles hätte kommen können. Aber ist es nicht viel schöner, wenn nicht immer dieselben Songs gespielt werden, sondern innerhalb des Repertoires mal getauscht wird, sodass nicht, wie bei einigen Bands, über Jahrzehnte praktisch das gleiche Konzert gespielt wird.
Fazit: Der Liebe Gott hatte vermutlich das Gebet zum Lautsein zu Beginn des Konzertes erhört und dafür gesorgt, dass das Wetter bis nach dem Konzert sommerlich warm geblieben ist, und ich die ersten Regentropfen erst auf der Windschutzscheibe hatte, als ich das Stadtgebiet von Essen verlassen hatte.
So ergab sich für die Fans ein rundum gelungener Konzertabend, in einer netten Location, in der auch für das leibliche Wohl gesorgt wurde, mit zwei Bands, die einfach Bock machen und selbst auch Freude haben, ihre Songs präsentieren zu dürfen.
Ein besonderer Dank gilt neben den Musikern und den Technikern für Sound und Licht dem Team des Turock für den reibungslosen und entspannten Ablauf, sowie Dragon Productions, hier besonders an Jörg Düsedau, für die wie immer problemlose Korrespondenz vor dem Konzert bezüglich einer Fotoerlaubnis, aber auch während des ganzen Abends (in dem Sinne Moin nach Hamburg, bis zum nächsten Mal).
Lea McIntosh wuchs in schwierigen Verhältnissen mit Drogen, Gewalt und kriminellem Chaos auf. Diese Erfahrungen thematisiert sie zwar nicht auf ihrem ersten Blues-Album „Blood Cash“, welches in den nächsten Tagen in den Handel kommt, einen leicht düsteren Einfluss scheinen sie teilweise aber dennoch zu haben. Insgesamt umfasst die Scheibe sieben feine Originalsongs, die sie zusammen mit ihrem Gitarristen Travis Cruse komponiert und geschrieben hat. Unterstützt werden die beiden von Myron Dove (Bass), Deszon Claiborne (Schlagzeug), Eamann Flynn (Keyboards) und Andy Just (Mundharmonika).
Der Titelsong „Blood Cash“ besticht einerseits durch Leas raue und zugleich warme Alt-Stimme, aber ebenso auch durch Travis Cruses rotziges Gitarrenspiel auf der Akustikgitarre. Zusammen mit der frech gespielten Mundharmonika ergibt dies einen schnörkellosen, dreckigen Old-School-Blues-Sound. Ganz anders der folgende, über fünf Minuten lange und Soul beeinflusste Track „Blue Stoned Heart“ der einen tollen, leicht jazzigen Gitarrenpart im Mittelteil enthält.
Bei „Tennessee Hurricane“ handelt es sich um eine melodische, balladeske Bluesnummer, angereichert mit sphärischen, psychedelischen Gitarrenklängen. Auch in „Fantasy Woman“ schimmern soulige Elemente durch, wobei Lea McIntoshs warme Stimme mitunter, besonders am Ende des Songs, einen recht lasziven Eindruck vermittelt, wenn sie nahezu beschwörend den Songtitel refrainartig wiederholt. Der flotte Groove von „Purple Suede Boots“ geht unmittelbar in die Beine, nicht zuletzt auch wegen der von Andy Just furios und treibend gespielten Mundharmonika.
Mit „Soul Stripper“ gibt es dann den einzigen Slowblues auf der Scheibe, sehr melodiös und einmal mehr getragen von Leas kräftiger, aber einfühlsamen Stimme. Das spritzig-funkige „The Fire Is Coming“ beendet schließlich das überaus abwechslungsreiche Debütalbum der aus der Gegend von San Francisco stammenden Sängerin.
Für ein Erstlingswerk ist das Album verdammt gut geraten. Alle Kompositionen überzeugen durch Leas authentische, kräftige und zugleich warme Stimme, aber auch durch das kongeniale Gitarrenspiel von Travis Cruse. Schade nur, dass lediglich sieben Songs den Weg auf die Scheibe gefunden haben. Gerne würde man mehr von ihr hören. Aber da geht in Zukunft bestimmt noch so einiges. Wir dürfen also sehr gespannt sein und freuen uns schon jetzt auf das Nachfolgealbum.
Label: Shark Park Records Stil: Soul, Blues
Tracks: 01. Blood Cash 02. Blue Stoned Heart 03. Tennessee Hurricane 04. Fantasy Women 05. Purple Suede Boots 06. Soul Stripper 07. The Fire Is Coming
Hierzulande ist James McMurtry noch nicht so richtig über den Status des Geheimtipps hinausgekommen. Während der letzten fünfzehn Jahren konnte der Texaner in den Vereinigten Staaten allerdings seine Alben in diversen Charts platzieren. Seine Werke werden nicht nur von Kritikern hoch gelobt, sondern auch Kollegen wie John Mellencamp, der McMurtrys Debütalbum „Too Long In The Wasteland“ (1989) produzierte, und Jason Isbell sowie Schriftsteller Stephen King würdigen sein Songwriting.
Nach McMurtrys letztem Album „Complicated Game“ (2015) folgt nun „The Horses And The Hounds“. Um es vorweg zu nehmen: Das Album rangiert ganz weit oben unter den diesjährigen Neuerscheinungen. McMurtry liefert kraftvolle Songs, die klare Strukturen und eingängige Refrains mit formidablem Storytelling verbinden. Das Gefühl, von den Mitmenschen, von der Regierung, von dem Leben betrogen worden zu sein, durchzieht dabei das Werk ebenso wie das Eingeständnis eigener Unzulänglichkeiten. You can’t be young and do that – so lautet ein Vers der ersten Auskopplung „Canola Fields” und steht zugleich für das reife Songwriting von McMurtry.
Mit dem Opener „Canola Fields“ und dem folgenden „If It Don’t Bleed“ trifft McMurtry mitten ins Schwarze. Die erdigen Songs gehen unmittelbar ins Ohr und ins Herz. Besondere Intensität entwickelt ebenso „Decent Man“. Wie es McMurtry schafft, soviel Energie zu erzeugen bleibt dabei ein Rätsel. Der Gesang, der Chorus, der Rhythmus, die eingestreuten Gitarrensoli, der Text – sie greifen ineinander, sodass alles passt.
Bei „Operation Never Mind“ wird McMurtry politisch, indem er darauf hinweist, dass die Wahrnehmung von Kriegen heutzutage medial gesteuert wird und wir in der Regel auch nur das über sie wissen, was wir erfahren sollen. McMurtry sagt über sein Album, dass sich manche Gitarren nach Warren Zevon anhören. Tatsächlich werden Assoziationen zu dem 2003 verstorbenen Musiker besonders bei diesem Song geweckt.
Mit „Jackie“ schlägt McMurtry ruhigere Töne an. Das mit einem Cello unterlegte, sensible Stimmungsbild zeichnet ein tragische Frauenschicksal nach. Ein weiteres Portrait, das einem verstorbenen Freund gewidmet ist, malt „Vaquero“. Den Refrain der Ballade singt McMurty auf Spanisch. Den tempomäßigen Gegenpol bildet der gradlinige Rocker „What’s The Matter“. Beim Titelsong „The Horses And The Hounds” erhält David Grissom an der Gitarre die Gelegenheit sich mit härteren Riffs und zwei kurzen Soli auszuleben. Sehr schön ist auch der Background Gesang von Betty Soo und Akina Adderley. Die beiden Damen werten ebenso das textlastige „Ft. Walton Wake-Up Call“ auf.
Der Abschluss „Blackberry Winter” beginnt mit folgender Zeile: I don’t know what went wrong. Das Album hingegen bietet keinen Anlass für Selbstzweifel. McMurtry hat alles richtig gemacht. Einzig der Grund, warum das Album als Doppel-LP mit einer blanken Seite herauskommt, erschließt sich mir nicht. Die A-Seite ist durchgängig mit vier hochkarätigen Songs bestückt und auch auf den beiden anderen Seiten ist mit „Decent Man“ und „The Horses And The Hounds” jeweils ein ausgezeichneter Titel vertreten. Die anderen Stücke fallen lediglich im Vergleich mit den zahlreichen Delikatessen etwas ab, sind aber allesamt gute Kost.
Die musikalische Qualität garantieren die Begleitmusiker. McMurty hat für das Werk einige Veteranen der Szene zusammengetrommelt: David Grissom (John Mellencamp, Joe Ely, Storyville), Kenny Aronoff (Bob Dylan, John Fogerty, Jon Bon Jovi, Meat Loaf, Lynryd Skynyrd), Charlie Sexton (Arc Angels, Lucinda Williams, Shawn Colvin) Bukka Allen (Joe Ely, Alejandro Escovedo). Ross Hogarth (Melissa Etheridge, Van Halen) übernahm die Produktion und Abmischung.
James McMurtry zeigt einmal mehr, dass er zu den vorzüglichsten Songschreibern Amerikas gehört. Durch den erdigen Sound und die ausgefeilten Refrains ist ihm ein beeindruckendes Album gelungen, bei dem der Titeltrack „The Horses And The Hounds” sowie die ersten fünf Songs zurzeit in Dauerschleife laufen.
New West Records – PIAS-Rough Trade (2021) Stil: Roots Rock
Tracks: 01. Canola Fields 02. If It Don‘t Bleed 03. Operation Never Mind 04. Jackie 05. Decent Man 06. Vaquero 07. The Horses And The Hounds 08. Ft. Walton Wake-Up Call 09. What‘s The Matter 10. Blackberry Winter
Die Dinge laufen gut für Dan + Shay alias Dan Smyers und Shay Mooney. Eigentlich schon von Beginn an. Das Duo setzte seit Beginn seiner Gründung und dem Gang nach Nashville konsequent auf eine doppelgleisige Country- und Pop-Strategie in Verbindung mit einem gewissen Boygroup-Charme.
Als der Plattenvertrag mit Warner unterzeichnet war, die Single „19 You + Me“ sowohl in den Country- als auch in den allgemeinen Charts einschlug, dazu noch das Debüt-Album „Where It All Began“ 2014 Platz 1 und 6 erreichte, geriet alles Folgende quasi zum Selbstläufer, auch wenn das nächste Werk „Obsessed“ 2016 ’nur‘ Platz 2 bzw. 8 erbrachte.
Immerhin rückte 2018 ihr, nach sich selbst betitelter Silberling „Dan + Shay“ mit den Grammy-gekrönten Nr.1-Singles „Tequila“ und „Speechless“ die Dinge wieder ins Lot (Platz 1/6). 2019 folgte mit der Single „10,000 Hours“ und Kooperation mit Justin Bieber der nächste Nr.-1 Streich und Streaming-Superlativ. Der R&B-trächtige Song ist auf diesem, gerade frisch erschienenen Longplayer „Good Things“ natürlich auch vertreten.
Das neue, zunächst erstmal digital veröffentlichte Werk (CD ab 17. September) beinhaltet, wie nicht anders zu erwarten, nach dem Motto ‚Never change a winning team‘, eine rigorose Fortführung ihres Erfolgsrezeptes mit eingängigem Pop und ganz dezenten Country-Tüpfelchen (eigentlich mit der ‚Lupe‘ zu suchen), natürlich serviert von der Supergarde der Country-Studio-Musiker-Szene wie u. a. Bryan Sutton, Gordon Mote, Jimmie Lee Sloas, Ilya Toshinsky, Derek Wells, Nir Z, Charlie Judge, und Aubrey Haynie. Der formulierte Anspruch dürfte diesmal auch das Knacken der Pole-Marke in den allgemeinen Album-Charts implizieren.
Immerhin muss den beiden Protagonisten attestiert werden, dass sie es nicht, trotz ihres mittlerweiligen Status, wie so manche Kollegen, leicht machen, sondern weiterhin ihre Erfolgssongs aus der eigenen Feder (mit diversen Co-Writern) generieren. Toll in jedem Fall natürlich auch der passende Gesang (vornehmlich von Mooney) und die perfekt sitzenden Vokalharmonien (ergänzt noch von weiteren Klasse-Leuten wie Vicki Hampton, Robert Bailey oder Wendy Moten).
Vom eröffnenden Titelsong „Good Things„, über das mit leichtem Reggae-Teint versehene „Steal My Love“ (mit Steel-ähnlichen Drums…), dem smooth-souligen „You“ (mit gospeligen Harmonies, mein Lieblingstrack), vielen, mit prägnanten Refrains versehenen Stücken wie „Body Language“ (schön hier die Tracy Chapman-mäßige Akustikgitarren-Eröffnung), „Irresponsible“ (mit Mandoline und Violinen), „Lying“ (mit zarter Dobro), „Glad You Exist“ (Akustikgitarren- und Piano-geführter Schunkler), dem bereits erwähnten Bieber-Kracher „10,000 Hours“ gipfelt das ganze, schön zu hörende Pop-Konglomerat im abschließenden „I Should Probably Go To Bed„, wo es mit beatlesken, Queen- und ELO-verdächtigen Ingredienzien, ziemlich auf die Spitze getrieben wird.
Am Ende fragt man sich wie so oft bei solch vergleichbaren 99-prozentigen Pop-Scheiben, was solche Musik eigentlich für die Country-Charts autorisiert? Gibt es da eigentlich konkrete Regeln? Oder reicht es einfach nur in Nashville zu produzieren und die dortigen Musiker einzubeziehen? Müssen typische Instrumente vertreten sein? Wer entscheidet das überhaupt? Fragen über Fragen…
Ich glaube, bevor ich mir jetzt stundenlang bis in die Nacht hinein darüber den Kopf zermartere, folge ich lieber dem genannten Abschluss-Titel „I Should Probably Go To Bed“ von Dan + Shay zu ihrem nächsten mutmaßlichen neuen Nr.1-Album und sollte dann wohl doch besser zu Bett gehen…
Warner Music (2021) Stil: New Country
01. Good Things 02. Steal My Love 03. You 04. Body Language 05. Give In To You 06. Irresponsible 07. Lying 08. One Direction 09. Let Me Go Over Her 10. Glad You Exist 11. 10,000 Hours (feat. Justin Bieber) 12. I Should Probably Go To Bed
The Cold Stares sind ein Duo aus Indiana, bestehend aus Chris Tapp (Saiteninstrumente, Keyboards, Vocals) und Brian Mullins (Drums, Percusssion). Beide haben eine bewegte und teils düstere Lebensgeschichte hinter sich und insbesondere Chris Tapp war wohl nie auf Rosen gebettet. So ist es naheliegend, dass sich ihre Erfahrungen auch in den zwölf Songs ihres neuen Albums „Heavy Shows“ wiederspiegeln, welches nun am 13. August in die Läden kommt.
In den Staaten sind die beiden keine Unbekannten mehr, sind sie doch in der Vergangenheit u. a. bereits mit den Rival Sons und der 70’er Jahre-Rocktruppe Grand Funk Railroad aufgetreten.
Bis auf eine Ausnahme („In The Night Time“) sind alle Tracks des Albums roh, heavy und basslastig. In den übrigen Songs brettern Tapp und Mullins knallhart durch die Rock ’n’ Roll-, oder besser gesagt Hard-Rock-Gefilde, in denen sich auch schon Led Zeppelin oder Black Sabbath seinerzeit ausgetobt hatten, angereichert mit Blues, Desert Rock, Garage und einem Schuss Gothic. Insofern ist ihr Album durchaus auch als eine Reminiszenz an vergangene Zeiten zu sehen.
Gleich der Opener „Heavy Shows“, der schwierige Beziehungen behandelt und an den Sound von Black Sabbath erinnert, legt den Grundstein für die weitere musikalische Reise auf dem Longplayer. Auch mit „40 Men Dead“, einer Geschichte über einen amoklaufenden Kriegsheimkehrer, geht es punkig-wüstenrockig weiter. In „Take This Body From Me“ geht es um verbotene Liebe und „Hard Times“ thematisiert das Pech, welches einen im Leben verfolgen kann.
Auch „In The Night Time“ schwelgt in vergangenen Sounds, die Keyboardsequenzen wecken Erinnerungen an den Oldie-Hit „Green Onions“ von „Booker T and The MG’s“ und ist von dem „Tag der Toten“, einem mexikanischen Fest, inspiriert. Andere Songs beschäftigen sich mit der Suchtproblematik („Save You From You“), emotionaler Folter (das Led-Zeppelin-artige „Prosecution Blues“) und Manipulation („Election Blues“).
Über das Album sagt Chris Tapp selbst, dass er versucht, seine Geschichten mit dem Blick eines Edgar Allen Poe oder eines William Faulkners zu erzählen und auch visuelle Eindrücke vor dem geistigen Auge hervorzurufen. Die Songs beleuchten damit sehr authentisch und ehrlich verschiedene Aspekte und Abgründe des menschlichen Daseins.
„Heavy Shoes“ ist ein starkes Album, das vor allem die Freunde einer rohen und härteren Gangart mit Anleihen aus vergangenen Hard Rock-Zeiten ansprechen wird.
Label: Mascot Label Group Stil: Rock, Blues
Tracks: 01. Heavy Shoes 02. 40 Dead Men 03. Take This Body From Me 04. Hard Times 05. In The Night Time 06. Strange Light 07. Prosecution Blues 08. It’s A Game 09. Save You From You 10. You Wanted Love 11. Election Blues 12. Dust In My Hands
Drittes Album von Parmalee beim BBR Group-Unterlabel Stoney Creek Records, bei dem auch u. a. Lindsay Ell und Jimmie Allen unter Vertrag sind. Mit dem auch bei uns reviewten „Feels Like Carolina“ im Jahr 2013 begann quasi die Erfolgsgeschichte des aus North Carolina stammenden, Platin-ausgezeichneten Quartetts, bestehend aus den Brüdern Matt (lead vocals/guitar) und Scott Thomas (drums), ihrem Cousin Barry Knox (bass) und ihrem langjährigen Freund Josh McSwain (keys, guitar), die mittlerweile fast 500 Millionen On-Demand-Streams im Country-Radio vorweisen kann.
2010 erlangte die Band tragische Berühmtheit, als sie nach einem Auftritt in ihrem Tourbus überfallen wurde und Drummer Scott Thomas bei der daraus resultierenden Schießerei die Angreifer zwar mit seinem Gewehr außer Gefecht setzen konnte, dabei aber selbst lebensgefährlich verletzt wurde.
Das neue Werk „For You“, das von Hauptsongwriter Matt Thomas (mit diversen Co-Autoren) thematisch ganz in das Zeichen der Liebe gesetzt wurde, könnte jetzt den endgültigen Durchbruch bedeuten. Mit der vorab ausgekoppelten Single „Just The Way“ in Kollaboration mit dem bekannten Trap-Künstler Blanco Brown (Trap ist eine Unterkategorie des Hip-Hops) geht es ganz steil in Richtung Pole-Platzierung in den Charts (zur Zeit Platz 3 in den Billboard Hot Country Songs, Nr. 1 in den Airplay-Charts). Ich persönlich hätte hier allerdings lieber eine Zusammenarbeit mit Chad Kroeger präferiert, das Lied, wie auch das später folgende „I See You“ haben aus meiner Sicht in ihrer Machart durchaus potentiellen Nickelback-Charakter.
Die restlichen Tracks beeindrucken in erster Linie durch ihre eingängige Melodik, die mit ihren schönen Akustik- und E-Gitarren, Piano- und Steel-Tupfern auf der einen Seite, und durchgängig verwendeten Loops und einer gewissen Glätte und Beliebigkeit auf der anderen, sowohl in Country- als auch in Pop-Gefilden gefallen möchte.
Hier erweist sich vermutlich auch das schöne Duett von Matt mit Model, Tiktok- und Instagram-Star Avery Anna als auch die Einbindung von Michael Fitzpatrick (alias FITZ And The Tantrums; die Band trug den Titelsong zur 11. Staffel der RTL-Dschungelcamp-Serie bei…) beim Bro-Country-umwobenen „Greatest Hits“, als sehr hilfreich.
Zu meine Favoriten zählt das textlich und auch musikalisch launig konzipierte „I’ll Take The Chevy“ mit schön einfach mitsingbaren und amüsanten Zeilen wie „You wear the Gucci, I’ll wear the carhart, you watch The Housewives, I’ll watch the NASCAR, You drive the highway, I’ll sling the mud, you sip the Champagne, I’ll drink the Bud“. Wird vermutlich ein Dauerbrenner auf den noch vermeintlichen folgenden Partys in diesem Jahr (ich denke hier insbesondere an die in den Staaten beliebten Springbreak-Events), sofern es die Pandemie-Lage wieder erlaubt.
Mit dem hochmelodischen Titeltrack „For You“ inklusiv seines reumütigen Charakters (gut geeignet, um im Kerzenschein bei der Liebsten zu punkten/Wiedergutmachung zu avisieren), gelingt den Burschen zusammen mit Producer David Fanning am Ende dazu noch ein echt emotionaler Ohrwurm, der eindeutig aufzeigt, dass männliche Wesen, nicht nur, wie oben beschrieben, simpel, sondern durchaus auch sensibel strukturiert sein können.
Somit überwiegend mehr ein Album für den leichten Hörgenuss und sehr zielgerichtet für die Chart-relevante jüngere Klientel, als für den tiefgründigeren Country-Liebhaber ausgelotet. Trotzdem insgesamt natürlich sehr gut gemacht!
Stoney Creek Records (2021) Stil: New Country
01. Only You 02. Just The Way (mit Blanco Brown) 03. Backroad Girl 04. Take My Name 05. I Do 06. Miss You Now 07. Greatest Hits (feat. Fitz) 08. Better With You 09. Forget You (feat. Avery Anna) 10. Alone Like That 11. I See You 12. I’ll Take The Chevy 13. For You
Wer denkt nicht von Zeit zu Zeit an die eigene Jugend zurück und an das, was man damals so verzapft hat? Die aus Kentucky stammende Sängerin und Songwriterin Leah Blevins gibt uns mit „First Time Feeling“ einen Einblick in ihre Vergangenheit, wobei die zeitliche Distanz zur Jugendphase bei ihr noch nicht besonders groß ist. Die zurückliegenden Jahre waren wohl wild und einige Hindernisse säumten ihren Selbstfindungsprozess. Nach der Scheidung ihrer Eltern fand sie Halt bei ihren Großeltern. Von ihrer Familie schon früh musikalisch gefördert, zog es sie nach Nashville.
Blevins siedelte schließlich nach Dallas um, wo Paul Cauthen sie unter seine Fittiche nahm. Zusammen mit Blevins und Beau Bedford produzierte Cauthen ihr Debütalbum. Das starke „Believe“ schrieben alle drei gemeinsam. Bedford und Cauthen steuern zudem die Gitarren auf dem Opener „Afraid“ bei. Das Arrangement des Stücks trägt dabei die Handschrift von Cauthen.
Der Beat sowie die R&B-Elemente, mit etwas Disco-Feeling gepaart, erinnern an sein „Room 41“. „Mountain“, das er ebenfalls mitkomponierte, ist hingegen als klassische Americana-Ballade – einschließlich Geigenpassage und Backgroundchor – angelegt.
Insgesamt schlägt Blevins auf ihrem Longplayer ruhige Töne an. Ihr heller Sopran passt in das Americana-Genre und im Zusammenspiel mit den harmonischen Melodien weckt er nostalgische Gefühle. Dass dieser Retro-Eindruck gewollt ist, zeigt das Coverbild. „First Time Feeling“ wirkt wie ein Klassiker und geht unmittelbar ins Ohr. Auch „Beautiful Desaster“ dreht sich um die Liebe, allerdings um eine bereits gescheiterte. Der Track ist atmosphärisch daher etwas dunkler. Beide Songs sind hervorragend, wobei der letztgenannte für mich noch um eine Nasenlänge vorne liegt.
Beziehungen bearbeitet Blevins ebenso in den anderen Songs. So wirft sie bei „Magnolias“ ein Schlaglicht auf ihre ehemalige Familiensituation. Meist steht aber das Verhältnis zu einem Partner im Fokus. Dabei durchzieht stets ein Riss die Beziehung – sei es bei „Clutter“ oder „Mexican Restaurant“ und selbst bei dem eigentlich optimistisch angelegten „Little Birds“. Gründe für diesen Bruch liegen in ihrer sensiblen Wahrnehmung und ihrem kritischen Selbstbild.
Ihre Selbstreflexivität kleidet Blevins in poetische Verse, was ihr besonders eindrucksvoll bei „Fossil“ gelingt. Der Titel ist im Hintergrund mit sanft hallender Gitarre versehen, was nochmal auf den Mitproduzenten Cauthen hindeutet. Meist wurden die ersten Takes für die Veröffentlichung ausgewählt, weil in diesen wohl die Spontanität und unmittelbare Intensität von Blevins Gesang am besten zur Geltung kam.
Leah Blevins „First Time Feeling“ zeigt eine junge Frau, die auf ihre Jugendjahre von einem erwachsenen, selbstreflexiven Standpunkt aus zurückblickt. Wie unlängst bei Morgan Wade bestechen viele von Blevins Texte durch ihre authentisch wirkende Schonungslosigkeit sich selbst gegenüber.
Es scheint, dass sich eine frische Generation von Musikerinnen mit einem neuen Selbstbewusstsein Gehör verschafft. Mit eingängigen Melodien bleibt Blevins meist den Traditionen der Americana-Szene verhaftet, scheut sich aber nicht, diese bei manchen Songs neu zu interpretieren, wobei sie auf die Erfahrung von Paul Cauthen und Beau Bedford zählen konnte.
Crabtree – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Americana
Tracks:
01. Afraid
02. Beautiful Disaster
03. First Time Feeling
04. Little Birds
05. Fossil
06. Magnolias
07. Clutter
08. Believe
09. Mexican Restaurant
10. Mountain
Nachholtermin des am 04. Juli ausgefallenen Konzerts. Als wenn die Veranstalter und Clubbesitzer durch die Pandemie nicht schon genug gebeutelt wären, musste der für den Termin geplante Kai Strauss & The Electric Blues All Stars-Gig dann auch noch wegen massiver Wasserschäden in Folge der sintflutartigen Regenfälle dieser Tage abgesagt werden.
Dazu fällt mir spontan der nahezu philosophisch tiefgründig anmutende Spruch von Rot-Weiss Essen-Mittelstürmer-Legende Jürgen ‚Kobra‘ Wegmann ein: „Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu…“
Mittlerweile ist der Schlachtgarten dank großen Engagements der Betreiber und Helfer in die bekannt heimelige Location zurück verwandelt, erste Konzerte haben schon wieder stattgefunden und auch der Kai Strauss-Auftritt sollte an diesem Abend jetzt realisiert werden. Immerhin spielte diesmal wenigstens das Wetter mit (auch wenn für einen Abend Anfang August recht kühl).
Zu Beginn betraten nach der Ansage von Mitveranstalter Markus ‚Pille‘ Peerlings zunächst die schick in Schwarz gekleideten Electric Blues All Stars die Bühne und spielten sich mittels eines Instrumentals in ihren Rhythmus. Hier ließ Mit-‚Alpha‘-Musiker Tommy Schneller, der sich aber im weiteren Verlauf ganz uneigennützig in den Dienst des Gesamtensembles stellte, ein erstes starkes Saxofon-Solo ab. Zum Ausklang stieß dann der Protagonist mit seiner blitzeblanken silber-weißen Stratocaster und einem End-Solo mit in den Gig ein.
Was mir direkt gut gefiel, war, dass Strauss sich insgesamt sehr kommunikativ gab und fast vor allen Stücken kleine kurze (bluestypische…) Anekdoten zum Besten gab. Das trug neben der engagierten musikalischen Gesamtleistung auch zur guten Stimmung erheblich bei.
Während seine Rhythmus-Fraktion, bestehend aus dem ultra-cool zupfenden Kevin DuVernay am Bass und Alex Lex am Schlagzeug sich konzentriert der Taktgebung widmete, hatten die drei restlichen Musiker Jens Buschenlange an der Trompete, Keyboarder Nico Dreier (bekannt auch für seine Mitwirkung bei den Bluesanovas – überwiegend mit Orgel- und punktuell mit Piano-Einlagen) und Schneller viele Gelegenheiten, ihre Solo-Künste feil zu bieten. Strauss, sich hier dann aber doch ganz als Platzhirsch zeigend, konterte im direkten Anschluss, so gut wie immer mit seinen quirligen Soli an seinem Paradegerät.
Das Kollektiv spielte im Verlauf ein zweiteiliges Set, inklusiv Tracks aus Kais eigener Feder (mit Hauptaugenmerk auf seinem aktuellen Album „In My Prime“) und diversen Stücken bekannter Blues-Ikonen, zu denen der mit fünf gewonnenen German Blues Awards dekorierte Westfale im Laufe seiner 30-jährigen Karriere eine besondere Beziehung entwickelt hat. Auch wenn sich Strauss als bekennender Fan des Texas Blues outete, und seine Stimme der von Devon Allman sehr ähnelte, stand der Haupt-Fokus doch eher auf den Bläser- und traditionell-ausgelegten Spielarten des Genres (Chicago- und Rhythm And Blues) , die man eher in den etwas nördlicheren und östlicheren Teilen der Staaten präferiert.
Die gute Stimmung im Publikum erreichte dann ihren Höhepunkt, als Strauss beim wahnsinnig starken Slowblues „Hard Life“ für’s ausgedehnte Solo ins Kiesbett vor der Bühne des Schlachtgartens wanderte, im Willie Dixon-Klassiker zu Ehren von Buddy Guys 85. Geburtstag „Let Me Love You Baby“ ein Solo mit der Gitarre hinter seinem Hintern als Showeinlage darbot und beim finalen, furios den Hauptteil abschließenden „Got To Be Some Changes Made“ (aus der Feder von Albert King), auch noch claptoneske Talente offenbarte.
Klar, dass diese letzte Klasse-Nummer den Wunsch im Publikum auslöste, lautstark nach einem Nachschlag zu verlangen. Da ließ sich das Sextett natürlich nicht lange bitten und erfüllte diesen mit einem schönen schunkeligen Instrumental , bei dem sich alle vier nochmals an ihren Instrumenten in eigener Sache ‚zeigen‘ konnten.
Insgesamt somit ein unterhaltsamer und kurzweiliger Abend im Krefelder Schlachtgarten, der eindeutig untermauerte, warum Kai Strauss in der nationalen und internationalen Bluesszene großes Renommee genießt. Ein tolle, mitnehmende und sehr sympathische Werbung für den Blues und den Schlachtgarten als erlebenswerte Live-Open-Air-Location! Vielen Dank an die Organisatoren Kolja und Pille samt Helferschaft, wobei auch der tolle Sound und die hervorragende Bühnenbeleuchtung nicht unerwähnt bleiben sollten.
Line-up: Kai Strauss – lead vocals, electric guitar Tommy Schneller – saxophone Nico Dreier – keys Jens Buschenlange – trumpet Kevin DuVernay – bass Alex Lex – drums
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