SUSU – Panther City – EP-Review

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Review: Michael Segets

Im letzten Jahr rockte The Liza Colby Sound mit einem wilden Mix aus Led Zeppelin und Tina Turner die europäischen Bühnen. Frontfrau Liza Colby kam Anfang dieses Jahres direkt mit ihrem neuen Bandprojekt SUSU zurück und legte mit Kia Warren als kongenialen Partnerin noch eine Schippe drauf. Die mit freizügigen Outfits gewürzte Bühnenshow und die extravagante Mischung aus Indie und Classic Rock fand begeisterten Zuspruch und die Mundpropaganda wirkte: Obwohl noch keine Tonträger in den Regalen standen, waren einige Konzerte sehr schnell ausverkauft. Corona bereitete der Supernatural-Tour jedoch ein jähes Ende, daher bleibt jetzt erst einmal nur, sich mit der Debüt-EP der Band zu trösten.

„Panther City“ bietet fünf Tracks, die die musikalische Spannweite von SUSU abbildet. Der Opener „Work Song“ lässt den Rock der siebziger Jahre mit entsprechend ausgiebigen Instrumentalpassagen wieder aufleben. Auch zum Abschluss gibt es mit „Slow Death“ nochmal eine rockige Nummer, bei der sich die beiden Damen mit ihrem Soul in der Stimme am Mikro prima ergänzen.

Langsamer ist das dennoch kraftvolle „It Can’t Be Over“. Die dunklen Gitarren unterstützen die Dynamik des Refrains, sodass das Stück schnell ins Ohr geht. Höhepunkt der Scheibe ist aber „Break You”, das eine fast schon hypnotische Wirkung entfaltet. Der Grundrhythmus des Stückes ist sehr gleichförmig, die treibenden Akkorde einer akustischen Gitarre in Kombination mit dem faszinierenden – stellenweise unterkühlt wirkenden – Gesang entwickeln allerdings eine besondere Stimmung, in die man gerne eintaucht.

Von den anderen Titeln hebt sich „Rolling Calf“ dadurch ab, dass Rhythmus und Keys Reggae-Atmosphäre versprühen. Da schlagen die karibischen Wurzeln der beiden Damen durch. Liza Colby hatte bereits ihre Affinität zum Reggae bei „Wild About You“ bewiesen, das sie zusammen mit Johnny Burgos aufnahm.

Kia Warren ist die Frontfrau von Revel In Dimes und lebt ebenso wie Liza Colby in New York. Den Grundstein für SUSU legte die zeitweise Vereinigung von Revel In Dimes mit The Liza Colby Sound zu Revel Sound im Jahr 2017. Dass sich Warren und Colby entschlossen, die Zusammenarbeit zu intensivieren, war eine gute Idee.

Sowohl auf der Bühne als auch im Studio harmonieren die beiden Damen. Im Vergleich mit der letzten Veröffentlichung von The Liza Colby Sound „Object To Impossible Destination“ erscheint das Songwriting auf „Panther City“ einen Deut abwechslungsreicher und einprägsamer. SUSU bietet auf ihrer EP frische Frauenpower, die den Rock der Siebziger in attraktiver Form modernisiert.

Eigenproduktion (2020)
Stil: Rock

Tracks:
01. Work Song
02. Rolling Calf
03. It Can’t Be Over
04. Break You
05. Slow Death

SUSU
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Travis Denning – Beer’s Better Cold – EP-Review

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Newcomer-Time in Nashville! Mit dem aus Warner Robins, Georgia, stammenden Travis Denning, schickt sich wieder ein vielversprechender junger Wilder an, im Mekka der Countrymusik, Fuß zu fassen.

Entdeckt von Singer/Songwriter und Produzent Jeremy Stover (u. a. Emerson Drive, Lonestar, Jack Ingram) hat der junge Bursche bei Mercury Nashville einen Major-Vertrag ergattert und veröffentlicht mit „Beer’s Better Cold“ sein Debüt, allerdings nur eine EP (und nur digital erhältlich). Zuvor hatte er bereits mit den Singles „David Ashley Parker From Powder Springs” (hier leider nicht vertreten) und „After A Few“ (Top-15 – atmosphärischer Groover mit markanter Slide-Linie – Andy Griggs-Flair) erste Charterfolge feiern dürfen.

Neben seinem Songwriting-Talent (er hat hier fünf der sechs Tracks in Kooperation mit bekannten Leuten wie Justin Weaver, Matt Jenkins, Scooter Carusoe, Ashley Gorley, Shane Minor, Rhett Akins mitgeschrieben) beeindruckt Travis vor allem mit seiner, für sein Alter, schon recht reif und rau wirkenden Stimme, die mich stark an die von Frankie Ballard erinnert.

Die Hälfte der Stücke behandelt hier das Thema Alkohol, allerdings in diversen Stimmungslagen. Während der Opener „Where That Beer’s Been“ als launiger swampiger Southern Country-Powersong im Stile eines Kip Moore daherkommt, sind die bereits erwähnte Single „After A Few“ und das megastarke Titellied „Beer’s Better Cold“ (bester Song des Kurzwerks) im eher melancholischen ruhigeren Bereich angesiedelt.

Die restlichen Tracks „ABBY“, „Tank Of Gas And A Radio Song“ und das abschließende „Sittin‘ By A Fire“ (mit Akustikgitarre und Piano) gefallen ebenfalls durch ihre Melodik, und die gewohnt starke Instrumentierung (tolle Gitarren und Keys) und transparente Aussteuerung. Letztgenannter Song setzt Dennings markante Stimme nochmals exzellent in Szene.

Fazit: Ein durchgehend tolle und abwechslungsreiche EP, die sehr schön die Ballance zwischen Pop, Rock und Country hält, sodass man das Wort ‚Country‘ hier guten Gewissens aussprechen darf. Man fragt sich lediglich, warum man nicht direkt ‚Nägel mit Köpfen‘ gemacht und das erwähnte „David Ashley Parker From Powder Springs” sowie noch drei weitere Lieder dazugepackt hat, um direkt mit einem Longplayer an den Start zu gehen. Wie dem auch sei, ein kaltes Bier auf Travis Denning, er hat blendende Aussichten, demnächst in Nashville ordentlich Karriere zu machen!

Mercury Nashville (2020)
Stil: New Country

01. Where That Beer’s Been
02. After A Few
03. ABBY
04. Tank Of Gas And A Radio Song
05. Beer’s Better Cold
06. Sittin‘ By A Fire

Travis Denning
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Universal Music

Jason Isbell And The 400 Unit – Reunions – CD-Review

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Review: Michael Segets

Drei Jahre sind seit dem letzten Studioalbum „The Nashville Sound“ von Jason Isbell And The 400 Unit ins Land gegangen. In der Zwischenzeit war Isbell nicht untätig. So erschien der Konzertmitschnitt „Live From The Ryman“ (2018), die CDs „Jason Isbell And The 400 Unit“ sowie „Here We Rest“ wurden remastered und wieder auf den Markt geworfen. Darüber hinaus unterstütze Isbell Todd Snider und Josh Ritter auf ihren aktuellen Alben.

Nun erscheint „Reunions“ mit neuem Songmaterial. Wie für „The Nashville Sound“ und die Produktion der Reissues engagierte er Dave Cobb (Shooter Jennings, Chris Shiflett, Ian Noe, Bonnie Bishop, The Secret Sisters) und begab sich zusammen mit seiner Stammband The 400 Unit wieder in das RCA Studio A in Nashville. Der Titel „Reunions“ erscheint dahingehend passend. Er bezieht sich allerdings nicht auf die Wiedervereinigung mit seinen Kollegen, sondern auf alte, bislang unverarbeiteter Beziehungen.

Diese Geister der Vergangenheit holt Isbell hervor und stellt sich ihnen. Gedanken an vergangene Situationen mit Eltern, Kindern, Freunden und Liebhaberinnen ziehen in den Songs vorbei. Ebenso betrachtet er retroperspektiv seine Gefühlswelt, bevor der Erfolg einsetzte, und spürt dabei der Frage nach, wie er zu der jetzigen Person geworden ist. Insgesamt ist „Reunions“ also ein persönliches Werk geworden, bei dem Isbell die Politik außen vor lässt.

Mit „Reunions“ legt Jason Isbell einen überdurchschnittliche Longplayer vor, auf dem kein Titel abfällt. Um ihn als ganz großen Geniestreich zu bezeichnen, sind die herausragenden Ohrwürmer allerdings etwas zu spärlich gesät. Dies mag daran liegen, dass Isbell selten mit der Wiederholung eingängiger Refrains arbeitet. Eine Ausnahme bildet der Roots Rocker „It Gets Easier“, der sich unmittelbar in die Gehörgänge einbrennt.

Markant ist auch der Opener „What’ve I Done To Help“, bei dessen Refrain ein leichter Hall in der Stimme mitschwingt, der mich seltsamerweise an Simply Red erinnert.

Der Sound auf der CD wirkt voller und instrumental mehrschichtiger als auf früheren Veröffentlichungen. Isbell orientierte sich bei ihm nach eigener Aussage an The Smith und The Cure. Diese Verbindungen hätte ich nicht unbedingt als erstes gezogen. Am ehesten sind Parallelen bei dem dunklen „Be Afraid” zu hören, das zudem mit einem starken Finale punktet.

Die Abmischung von Cobb fängt Isbells Stimme differenziert ein. Der Klang seiner Stimme mag sich auch dadurch leicht verändert haben, dass er mit dem Rauchen aufgehört hat. Wie dem auch sei, beim Gesang präsentiert sich Isbell für seine Verhältnisse sehr variabel.

Dies kommt vor allem auch den langsameren Stücken zugute. Die reduzierte Ballade „St. Peter’s Autograph” gehört dabei ebenso wie das leicht Country-angehauchte „Letting You Go“, das mit stimmungsvoller Begleitung durch Klavier und Geige versehene „River“ sowie „Only Children“ zu den rundum gelungenen Beiträgen auf der Scheibe.

Im Background unterstützen David Crosby und Jay Buchanan (Rival Sons) als Special Guests Jason Isbell And The 400 Unit. Die Band zeigt sich bei der Umsetzung der Songs gewohnt souverän und eingespielt. Besonders hervorzuheben ist die Gitarrenarbeit von Sadler Vaden, der erst kürzlich mit seinem Solowerk „Anybody Out There?“ auf sich aufmerksam machte. Seine elektrische Gitarre setzt bei den rockigeren Stücken wie „Running With Our Eyes Closed“ und besonders bei „Overseas“ wunderbare Akzente.

Mit „Reunions” untermauert der vierfache Grammy-Gewinner seinen Ruf als einer der aktuell interessantesten Songwriter. Mögen die Songs thematisch die Vergangenheit aufarbeiten, führt die Spurensuche doch zu einem leicht veränderten Sound, der eine größere Klangtiefe als die früheren CDs erreicht. Hinsichtlich der Variabilität seines Gesangs legt Isbell ebenfalls deutlich zu.

Das Album stellt insgesamt keine Revolution in der musikalischen Entwicklung von Jason Isbell And The 400 Unit dar, zeigt jedoch einen evolutionären Fortschritt, dem man gerne folgt.

Southeastern Records/Thirty Tigers (2020)
Stil: Americana, Rock

Tracks:
01. What’ve I Done To Help
02. Dreamsicle
03. Only Children
04. Overseas
05. Running With Our Eyes Closed
06. River
07. Be Afraid
08. St. Peter’s Autograph
09. It Gets Easier
10. Letting You Go

Jason Isbell
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Hot Country Knights – The K Is Silent – CD-Review

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Die Hot Country Knights sind 2015 von Dierks Bentley als Spaß-Projekt ins Leben gerufen worden. Intention war es, Country-Musik der 90er-Jahre als Live-Act zu parodieren, beziehungsweise zu covern.

Bentley spielt dabei als Leadsänger sein Alter Ego Douglas ‚Doug‘ Douglason und wird dabei von den Musikern Bassist Trevor Travis, Gitarrist Marty Ray ‚Rayro‘ Roburn, Umhängekeyboard- und Fiddle-Spieler Terotej ‚Terry‘ Dvoraczekynski, Pedal Steeler Barry Van Ricky und Monte Montgomery am Schlagzeug/Percussion begleitet.

Mittlerweile ist aus dem eigentlichen Live-Projekt deutlich mehr geworden, nun zeigt man auch die kreative Seite. Das erste Album mit dem zweideutigen Titel „The K Is Silent“ (das ‚K‘ wird ja im Englischen im Wort ‚Knights‘ nicht ausgesprochen – übrig bliebe dann gedacht ‚Hot Country Nights‘) ist nun fertig.

In diesen Coronavirus-bedingten, schwermütigen Zeiten ist die spaßige Musik der Hot Country Knights wirklich Balsam auf die geschundene Musikseele. Bei den zehn Tracks in bester Manier der Brooks, Blacks, Jacksons, Murphys, Brooks & Dunns, Stewarts & Co. hebt sich der Stimmungspegel unweigerlich und man vergisst für ein paar Momente seine Alltags-Sorgen.

Beim Auftakt und namensgebendem Song „Hot Country Knights“ wird zunächst mal der Name zu knackigem Drum-Rhythmus gleich zweifach buchstabiert, dann folgt ein flotter Country Rock-Schunkler bei dem sich alle maßgebenden Instrumente wie Fiddle, Steel, Piano/Organ, E-Gitarre einbringen können.  Das gleiche vom Anfang zum besseren Einprägen am Ende nochmals. Bentley, ähm Douglason, dessen Stimme ich zu Beginn seiner Karriere immer ziemlich ‚knochig‘ fand, hat sich im Laufe der Jahre richtig toll weiterentwickelt.

Beim launigen Uptempostück „Pick Her Up“ („in a pick up truck“ geht es weiter) gibt es mit Reibeiesenstimmensänger Travis Tritt, Duettunterstützung von einer weiteren 90er-Ikone. Klasse hier das Instrumentalfinish nach kurzer Pause, wo man eigentlich schon das Ende des Liedes erwartet hatte.

Auch sehr schön ist die melancholische, zunächst Akustikgitarren-untermalte Trucker-Ballade „Asphalt“. Literarisch hochwertig die Zeile „It ain’t my fault, it’s that asphalt“. Toll eingeflochten auch die atmosphärisch unterstützenden Instrumente wie Fiddle, Steel und Piano und die pathosgetränkten Harmoniegesänge. Zum Piepen im wahrsten Sine des Wortes die Pfeiferei am Ende.

Der „Moose Knuckle Shuffle“ tut was seine Name andeutet, er ‚knuckelt und shuffelt‘ unwiderstehlich (erneut mit diversen Instrumentenfills und Soli). Erinnert stark an Musik von David Lee Murphy.

Ein Schelm wer denkt, dass beim dramatisch in Szene gesetzten „Then It Rained“ bei Garth Brooks‘ „The Thunder Rolls“ ordentlich abgekupfert wurde.

„Wrangler Danger“ rockt wieder stadion-tauglich, „Mull It Over“ mit seinem dezenten Eagles-Flair ist ein melodischer Schwofer. Bei „Kings Of Neon“ (auch wieder schönes Wortspiel) rocken nicht die Kings Of Leon, sondern die Hot Country Knights (famose Fiddle-Steel-E-Gitarren-HT-Piano-Solo-Kombi), das die Leuchtrohre ins Flackern geraten.

Beim vorletzten Song „You Make It Hard“ seufzen sich Douglason und Terri Clark gegenseitig die Schmachtfetzen zu, um dann in herzzerreißenden Harmoniegesängen zusammenzufinden.

Um den letzten Track, das live performte „The USA Begins With US“, nachvollziehen zu können, muss man wohl als Ami geboren sein. Erst wirbt Bentley für Toleranz und Gleichheit (gefolgt von lauten USA-USA-Rufen) und dann wird zwischendurch mal gegen China gewettert (aufgeheizte Buh-Rufe gefolgt von lauten USA-USA-Rufen…), um dann zu Marschtrommeln und eingespielten Präsidenten-Zitaten der Patriotismus-Orgie noch die Krone aufzusetzen. Da muss ich leider  passen.

Fazit: Bis auf das Abschlussstück eine runde, lockere Sache, die die glorreichen Zeiten des New Country stimmungsvoll aufleben lässt. Die ‚Heißen Country Ritter‘ sind zweifellos ein gelungenes Projekt, von dem man gerne mehr hört.

Capitol Nashville (2020)
Stil: New Country

Tracklist:
01. Hot Country Knights
02. Pick Her Up
03. Asphalt
04. Moose Knuckle Shuffle
05. Then It Rained
06. Wrangler Danger
07. Mull It Over
08. Kings of Neon
09. You Make It Hard (mit Terri Clark)
10. The USA Begins With US

Hot Country Knights
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Universal Music

Robert Jon & The Wreck – Last Light On The Highway – CD Review

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Review: Gernot Mangold

Mit „Last Light On The Highway“ bringen die Southern Rocker aus Kalifornien nun bereits ihr achtes Album auf den Markt. Schon die letzten Scheiben und Liveauftritte in der Vergangenheit haben gezeigt, dass die Band mittlerweile zu den absoluten Highlights des Southern Rock gehören. Nicht umsonst hat ein Joe Bonamassa die Band im letzten Jahr mit auf die Blues Cruise genommen, hat sich doch die Klasse der Band sogar bis zu ihm herumgesprochen.

Gespannt haben die Fans deshalb auf das Nachfolgealbum von „Take Me Higher“ gewartet, wobei die Kalifornier in Sachen Kreativität absolut nicht als faul zu bezeichnen sind und man, wie oft bei anderen, Jahre auf neue Musik warten muss.

In „Last Ligt On The Highway“ überzeugt die Combo aus Orange County in jeder Hinsicht. Neben dem tollen Songwriting, in dem die Bandbreite neben Southern Rock über Balladen, sowie bluesige Songs mit County reicht, kommt natürlich die musikalische Leistung aller Bandmitglieder zum Tragen.

Unterstützung haben sie sich dabei in einigen Tracks von Gastmusikern geholt, sodass zum Teil Bläser den Songs eine besondere Würze geben, aber auch weiblicher Backgroundvocals, den ohnehin oft vorgetragenen Harmoniegesang noch einmal aufpeppen. Robert Jon überzeugt neben dem Gitarrenspiel mit seiner kraftvollen klaren Stimme, die er aber auch gefühlvoll in ruhigen Songs wie „One Last Time“ einsetzt.

Steve Maggiora, der umtriebige Keyboarder baut immer wieder Honkytonkpassagen in die Soli ein und gibt dem Sound eine absolute Fülle. Schön auch sein Intro zur Ballade „Tired Of Drinkin Alone“, wobei dies auch das prägende Instrument des Songs ist und die anderen Musiker erst im späteren Verlauf ihre Anteile haben. Vom Stil her erinnert der Song in Phasen auch an die alten REO Speedwaggon.

Klasse natürlich die Gitarrenarbeit des jungen Henry James, der den Songs in seinen Soli eine Würze gibt, die zuweilen in Passagen an die legendären Allman Brothers erinnert.

Dass die Band mit Andrew Espantman, dem Wirbelwind an den Drums und Warren Murrel am Bass über eine exzellente Rhythmusfraktion verfügt, zieht sich durch das ganze Album, wobei sie von dynamisch und treibend bis hin zu dezent unterstützend, je nach Bedarf, den Sound mitprägen.

Es ist schwer aus einem Werk ohne Längen oder Schwächen Stücke besonders hervorzuheben. Deshalb nur soviel, was zu Beginn mit dem brillant harmonischen Southern Rock-Song „Oh Miss Carolina“ beginnt, bei dem man sich mit geschlossenen Augen die Weiten der Prärien vorstellen kann, bis zum abschließenden „Last Light On The Highway“ in zwei Parts, in dem psychedelische Pianotöne mit krachenden Gitarren wechseln, wird der Hörer in den Bann der Band gefangen.

Man kann sagen, dass „Last Light On The Highway“ das bisher kompletteste Album der Band ist und für mich eines der besten Southern Rock-Alben der letzten Jahre ist. Manch alte Southern Rock-Band singt davon, dass der Southern Rock niemals sterben wird. Robert Jon & The Wreck beweisen dies mit dem neuen Werk nachdrücklich. Von daher absoluter Tipp, nicht nur für Genre-Fans.

Empfehlenswert wird es sein, die Band live zu besuchen, wenn sie die neuen Songs präsentieren und mit Sicherheit noch einige Solopassagen mehr in die Songs einbauen werden.

Eigenproduktion (2020)
Stil: Southern Rock

Tracks:
01. Oh Miss Carolina
02. Work It Out
03. Can`t Stand It
04. Tired Of Drinking Alone
05. Do You Remember
06. This Time Around
07. Don`t Let Me Go
08. One Last Time
09. Gold
10. Last Light On The Highway Pt. 1
11. Last Light On The Highway Pt. 2

Robert Jon And The Wreck
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Teenage Head Music

Grant Dermody – My Dony – CD-Review

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Review: Jörg Schneider

Eric Bibb hält Grant Dermody für den gegenwärtig besten Bluesharp-Spieler überhaupt und mit seinem nun vorliegenden vierten Album „My Dony“ stellt der Blueser sein Können eindrucksvoll einmal mehr unter Beweis.

Dermodys neue Scheibe entstand durch eine Zusammenarbeit mit Dirk Powell, einem der renommiertesten Musiker aus dem Bereich der traditionellen Fiddle und Banjo Musik. Aber keine Angst, irische Töne, wie man jetzt leicht vermuten könnte, tauchen auf der Scheibe absolut nicht auf. Powell ist zusätzlich nämlich auch ein klasse Gitarrist und Pianospieler. Grants Mundharmonika-Stil und eingängiger Gesang gepaart mit Powells multi-instrumentalen Fähigkeiten verleihen den insgesamt 13 Songs auf diesem Album ein authentisches Bluesfeeling.

Viele Stücke auf „My Dony“ wurden zwar von Powell komponiert, aber auch Klassiker, z. B. von den Bluesbreakers und anderen Größsen des traditionellen Blues, sind darunter. Alle neu arrangiert und mit eigener Note erfrischend dargebracht. Dabei reicht die Bandbreite von tiefstem, schwarzen Blues über von im Chicago Stil beeinflussten Songs bis hin zu gospeligen Titeln. Für Abwechslung ist also gesorgt, so dass die Scheibe nie langweilig wird und man sie gern ein zweites und drittes Mal hintereinander anhört.

Der Titelsong „My Dony“, ein wehmütiger Old-School-Blues von Dirk Powell, gegen Ende angereichert mit Gitarrenlicks, die Ohrwurmqualitäten besitzen, gibt einen ersten Vorgeschmack auf das, was die restlichen Tracks des Albums noch so zu bieten haben. Leicht chicagomässig beschwingt präsentiert sich nachfolgend „One Step At A Time“ (im Original von Clifton Chenier).

Very british ist dann die nächste Nummer „It Hurts To Be In Love“, ein alter Song der Bluesbreakers, hier jetzt cool und rhythmisch arrangiert und John Lee (Sonny Boy) Williamson hätte wahrscheinlich pure Freude, könnte er seinen „Springtime Blues“ in Dermodys Version hören, ein raffinierter Mix aus Chicago- und Deltablues Elementen mit swampiger Atmosphäre, auch hier wieder mit kristallklaren Gitarrenlicks versehen.

„Real Time Man“ ist ein grooviger, gut tanzbarer, an John Lee Hooker erinnernder, Boogie, den Dermody selbst komponiert hat. Aus der Feder von Dirk Powell stammt dann wiederum „Too Late To Change Your Mind“, eine Hommage an den großartigen R. L. Burnside, slow und schwermütig eben, sparsam und clean gespielt.

Der funkige, coole „Corner Strut“, gemeinsam von Dermody und Powell komponiert, läutet dann die Scheibenhalbzeit ein. Ruhiger und absolut relaxed versucht „I Can‘t Turn Back Time“ die Balance zwischen Traurigkeit und dem Willen weiterzumachen zu finden. „Great Change“ startet zunächst recht ruhig mit zarten Background Vocals, entwickelt sich im weiteren Verlauf allerdings zu einem flotten Gospel.

Stampfend wie eine alte Lokomotive kommt „Morning Train“ daher und bietet ein interessantes Zwiegespräch zwischen Grant Dermody an der Bluesharp und Corey Ledet am Akkordeon. Leicht gospelig, in erster Linie wegen der eingängigen Gesangsstimmen im Hintergrund, ist auch das anfangs schwermütig klagende „Come On Sunshine“, während in „35-59“ ein wenig Rockabilly Feeling aufblitzt. Einen würdigen Abschluss des Albums bildet schließlich der „Hometown Blues“. Es bietet Harpsequenzen wie man sie sich wünscht, gepaart mit chicagomässig angehauchten Gitarrenklängen.

Insgesamt ist „My Dony“ ein starkes und abwechslungsreiches Bluesalbum, insbesondere natürlich für Freunde der klassischen Bluesharp, die Dermody in Perfektion beherrscht. Einen besonderen zusätzlichen Reiz steuert schließlich noch Dirk Powell an der E-Gitarre bei. Seine teilweise glasklaren Licks mit Anleihen beim Chicagoblues und Rockabilly sind einfach klasse. Auf jeden Fall gehört diese 5-Sterne-Scheibe in den Plattenschrank eines jeden Bluesfans.

Thunder River Recordings (2019)
Stil: Blues

Tracks:
01. My Dony
02. One Step At A Time
03. It Hurts To Be In Love
04. Springtime Blues
05. Real Time Man
06. Too Late To Change Your Mind
07. Corner Strut
08. I Can‘t Turn Back Time
09. Great Change
10. Morning Train
11. Come On Sunshine
12. 35-59
13. Hometown Blues

Grant Dermody
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Worth & Strain – Rhududu Session Vol. 2 – EP-Review

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Review: Stephan Skolarski

Das ein „elterliches Wohnzimmer“ für die Aufzeichnung einer Folk-Blues-Session geradezu ein idealer Ort sein kann, hat Christopher Worth unter Mitwirkung seines Kumpels David Jacobs-Strain inzwischen bewiesen.

Als beide im Dezember letzten Jahres die „Rhududu“-Session auf dem gleichnamigen, privaten Anwesen in Portland, Oregon, spielten und der erste Teil im Januar 2020 als EP herauskam, war eigentlich schon klar, dass es einen Nachfolger, also Volume 2, geben würde.

Die nun vorliegende, weitere sechs Stücke umfassende Fortsetzung, der teilweise vor Publikum produzierten EP, ist ein pures Klangvergnügen und dies nicht nur für Folk-Blues-Begeisterte mit akustischer Vorliebe.

Die „Living-Room“ Atmosphäre der vertrauten und stilvollen Würde des Landhauses hinterlässt ihre Spuren in den Stücken der beiden Song-Poeten. Der Indie-Folk und Bohemian-Blues von Worth und die akzentuierte Slide-Gitarren-Kunst von Jacobs-Strain beeindrucken durch einen feinfühligen Sound, dessen Klangwirkung schon den ersten Titel „A Certain Light“ – im Duett-Gesang und das folgende „Featherweight“ sprichwörtlich „schweben“ lassen.

Die Folk-Blues-Nummer „Rainbow Junkies“ ist in dieser Verbindung ein unbedingter Anspieltip, der mit dem fast 6-minütigen Blues „Ain’t No Better Way“ eindrucksvoll fortgesetzt wird. Das feine Song-Writing der beiden US-Amerikaner kommt bei „Broken Bell“ und dem anschließenden „Hang On“ zum Abschluss nochmals ausdrucksstark zur Geltung und rundet die Aufnahme formvollendet ab.

Die EP „Rhududu Sessions Vol. 2“ ist der zweite Teilabschnitt einer dynamischen Zusammenarbeit von Christopher Worth und David Jacobs-Strain, ein intimes Wohnzimmer-Set gespickt mit Spielfreude und harmonischer Eleganz.

Rola Music (2020)
Stil: Indie-Folk, Blues

Tracklist:

01. A Certain Light
02. Featherweight
03. Rainbow Junkies
04. Ain’t No Better Way
05. Broken Bell (live)
06. Hang On

Christopher Worth
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David Jacobs-Strain
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Rola Music

Laura Cortese & The Dance Cards – Bitter Better – CD-Review

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Review: Michael Segets

Seit ihrem ersten Album probierte sich Laura Cortese in den vergangenen sechzehn Jahren sowohl mit minimalistischer als auch mit großer Bandbesetzung aus. Ursprünglich im Indie-Folk beheimatet wendet sich die Sängerin und Violinistin auf „Bitter Better“ einer poppigen Spielart des Americana zu und nutzt dafür das Potential der Dance Cards.

Geigen und Cello prägen zusammen mit den Keys beziehungsweise dem Synthesizer von Sam Kassirer, der zudem das Album produzierte, den Sound des Longplayers. Die Streichinstrumente werden manchmal gezupft oder dienen als zusätzliche Percussion. Sie stehen gelegentlich in einem dramatischen Kontrast zu den leichten Tönen von Kassirers Instrumenten, dennoch kommt es zu keinen Brüchen in den Songs. Diese verströmen zumeist eine luftig-poppige Atmosphäre.

Dabei behandelt Cortese durchaus ernste Themen. Zu diesen gehören der Krieg („Younger Man“) oder auch die Besorgnis über die politische Entwicklung in den Vereinigten Staaten („Daylight“). Die in San Francisco geborene Cortese zog vor Kurzem nach Brüssel. Mit der Mentalität in Belgien, das im Übrigen die höchste Selbstmordrate Westeuropas aufweist, hatte sie Startschwierigkeiten. Sie erlebte dort Phasen der Einsamkeit, die sie bei „Where The Fox Hides“ verarbeitet.

Vielleicht war diese Isolation auch ein Grund dafür, dass sie hinsichtlich des Songwritings neue Wege ging. In weitaus größerem Maße als bisher bezog Cortese die Band mit in den Schaffensprozess ein und auch bei den Arrangements der Stücke wirkten die anderen Musiker intensiver mit. Aus über vierzig Stücken wurden schließlich elf für „Bitter Better“ ausgewählt.

Die erste Single „Treat You Better“ ist ein feiner Popsong, der die musikalische Richtung der CD gut wiedergibt. Tanzbare Nummern („Dreaming“) finden sich neben eingängigen langsameren Songs („How Long“). Manchmal wirken Keys und Synthesizer zu aufdringlich, wobei auch die insgesamt schwächere zweite Auskopplung „Corduroy Jacket” sowie „When We Rocked” gelungene Passagen haben.

Deutlich besser greifen Streicher und elektrische Instrumente bei „From The Ashes“ ineinander. Der ruhige Song, der thematisch die Brände in Kalifornien behandelt, gefällt mit seinem mehrstimmigen Refrain. Auch „Talk To Me” weist einen starken Harmoniegesang auf, wobei Cortese dort die Anteile von Keys und Synthesizer weiter zurückfährt. Neben diesen beiden Titeln zählt „Typhoon” zu meinen Favoriten. Cortese zaubert hier einen lockeren Westcoast-Americana ohne großen technischen Klangteppich.

Americana meets Pop: Laura Cortese & The Dance Cards kombinieren Streicher und Keys auf eine ungewöhnliche Weise. Der neuartige Sound von „Bitter Better“ funktioniert über weite Strecken. Wenn sich die Band näher am Americana bewegt, tritt das gute Songwriting besonders zutage. Auch bei den anderen Stücken finden sich eingängige Melodien, die für den geneigten Sound-Of-South-Leser den Blick über den Tellerrand in Richtung Pop lohnend erscheinen lassen.

Compass Records Group (2020)
Stil: Americana, Pop

Tracks:
01. Treat You Better
02. Corduroy Jacket
03. From The Ashes
04. Where The Fox Hides
05. Dreaming
06. How Long
07. Younger Man
08. Talk To Me
09. Typhoon
10. When We Rocked
11. Daylight

Laura Cortese
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Compass Record Group

Voltage – It’s About Time – CD-Review

Seit ich 2017 die niederländische Band Voltage mit ihrem fulminanten Zweitwerk „Around The Bend“ entdeckt habe, ist einiges passiert. Ein Jahr später hatten wir das Vergnügen, das Quartett in Weert auch auf ihre Live-Qualitäten überprüfen zu können, wobei es auch hier auf ganzer Linie zu überzeugen wusste.

Nach Beendigung dieses Abschnitts ersetzte Ruard Sanders den bisherigen Lead-Gitarristen Gijs Heijnen und Voltage beschränkten sich bis vor geraumer Zeit zunächst darauf, ihr Live-Wesen als Tom Petty-Coverband zu pflegen.

Währenddessen haben Bandleader Dave Vermeulen und Sanders allerdings die vorhandenen Freiräume genutzt, um neues Songmaterial zu kreieren. Ab dem 1. Mai wird ihr nun fertiggestelltes neues Werk „It’s About Time“ käuflich zu erwerben sein (siehe Voltage-Homepage).

Zunächst fällt das schlichte, in matter Optik gehaltene Klappdigipak mit einer mystisch anmutenden Wald- und Wiesenlandschaft in der Morgendämmerung (auf Vorder- und Rückseite ineinander übergehend), als geschmackvolles Cover angenehm ins Auge. Es beinhaltet ein 16-seitiges, überwiegendes Schwarz-/weiß-Einsteck-Booklet mit allen Texten zu den Songs sowie Bildern der Beteiligten aus dem Studio in Eindhoven. Produziert hat die Band das Album zusammen mit Gabriel Peeters.

Vermeulen und Sanders haben das Songwriting auf eine neue Ebene gebracht. Während „Around The Bend“ durchgängig von geradlinigen, locker ins Ohr fließenden Tracks ohne allzu große Schnörkel geprägt war, sind die neuen Stücke, wesentlich variantenreicher, verschachtelter, atmosphärischer und viel intensiver ‚konstruiert‘.

Hauptsächlich verantwortlich hierfür ist das ungemein Slide-trächtige E-Gitarrenspiel von Sanders, das den Liedern eine Art neuen Stempel aufsetzt. Vermeulens gewohnt starker (erfrischend ’nicht-europäisch‘-klingender) Gesang, erweckt zwar nach wie vor, wie zum Beispiel u. a. beim Opener „The Last Time“ oder bei „A Good Thing Is Comin'“, Assoziationen zu Charlie Starr von Blackberry Smoke und deren Musikstil, das Portfolio des insgesamt elf Tracks umfassenden Werks umschließt aber eine deutlich umfangreichere Bandbreite.

Ordentlich gerockt wird bei Krachern wie „One More High To Survive The Low“ (Skynyrd-3Steps-Note), dem polternden „Born For Runnin‘ Without You“ oder dem flammenden „The House Is On Fire“, pettyeske Mitbringsel/Eingebungen aus der Coverphase entdeckt man bei den eingängigen und Akustikgitarren-untermalten „She’s Gone Like The Wind“ und „I’m Still Waving Goodbye“.

Letztendlich sind es aber Sachen wie das wild-entschlossene Titelstück „It’s About Time“, das Allman Brothers-umwehte „Wild And Blue“ (schon jetzt mit 50.000 Aufrufen ein absoluter Streaming-Erfolg), der schroffe, delta-bluesige „Mill Blues“ und das finale, psychedelische „The Victim“ (klingt wie eine Session aus Allman Brothers, Led Zeppelin und Bad Company in den Siebzigern mit einem mitreißend wütenden Vermeulen-Gesang), die das Quartett aus Brabant auf ein neues Qualitätslevel gehievt haben. Regelrecht packender Stoff!

Wer sich mit dieser starken Southern Rock Band noch nicht beschäftigt hat, für den wird es höchste Zeit, dies mit „It’s About Time“ und den beiden anderen Longplayern der Niederländer endlich nachzuholen! Voltage bilden mit den spanischen Red Beard eindeutig die Speerspitze des europäischen Southern Rocks und brauchen auch den Vergleich mit US-Größen der Sparte wahrlich nicht zu scheuen. Absolute Kaufempfehlung!

Line-up:
Dave Vermeulen (lead vocals, guitars)
Kai Liebrand (bass, vocals)
Bart Candel (drums, percussion)
Ruard Sanders (guitars)

Eigenproduktion (2020)
Stil: Southern Rock

01. The Last Time
02. One More High To Survive The Low
03. A Good Thing Is Comin‘
04. It’s About Time
05. Wild And Blue
06. The Mill Blues
07. Born For Runnin‘ Without You
08. She’s Gone Like The Wind
09. I’m Still Waving Goodbye
10. The House Is On Fire
11. The Victim

Voltage
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American Aquarium – Lamentations – CD-Review

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Review: Michael Segets

BJ Barham gehört zu den wohl talentiertesten Storytellern seiner Generation. Oftmals mit Bruce Springsteen verglichen zeigt der Bandleader von American Aquarium in seinen Texten, dass er politisch und sozial das Herz auf dem rechten Fleck hat. Mittlerweile glaubhafter als der Boss gibt Barham den Gedanken und Gefühlen der arbeitenden Bevölkerung eine Stimme. Dabei besitzt er die Fähigkeit, empathisch deren Perspektive zu übernehmen und so nachvollziehbare Psychogramme zum Leben zu erwecken. Dies verbindet ihn beispielsweise mit Steve Earle.

In anderen Stücken zeigt Barham eine scharfe Selbstbeobachtung und arbeitet frühere Lebensstationen – wie seine Alkoholabhängigkeit – und aktuelle Situationen – wie seine Rolle als junger Vater – auf. Inhaltlich lamentiert Barham mit „Lamentations“ auf hohem Niveau.

Musikalisch bleibt sich American Aquarium treu. Ohne große Experimente reiht sich die CD in die bisherigen Veröffentlichungen der Band ein. Wenn American Aquarium sonst dem Country tendenziell nähersteht als dem Rock, sind dessen Einflüsse diesmal weniger vordergründig.

„Six Years Come September“ und „A Better South“ sind die countryfiziertesten Nummer auf dem Album. Die Pedal Steel wimmert auch auf einigen anderen Songs wie auf dem stimmungsvollen „How Wicked I Was“ oder der starken ersten Single „The Long Haul“. Slide und Pedal Steel setzt Barham sowieso gerne zur Untermalung ein. Auf „Lamentations“ fährt er deren Einsatz aber im Vergleich zu früheren Longplayern zurück, was den Songs zu Gute kommt.

Wenn Barham und seine Jungs das Tempo anziehen, liefert die Band stets mitreißende Stücke ab. „The Luckier You Get“, die zweite Vorabauskopplung, ist so ein toller Song auf der Scheibe, der – um nochmal einen großen Namen zu nennen – an Tom Petty erinnert. Bei dem Roots Rocker „Starts With You“ kommen die Braun Brüder von Micky And The Motorcars beziehungsweise Reckless Kelly in den Sinn, was für die Qualität des Titels spricht.

Ebenfalls zu den flotteren Stücken zählt „Brightleaf Burley“, dem Barham nochmal einen leichten Country-Einschlag mitgibt. Mit dem längeren instrumentalen Ausklang, ein vergleichbarer findet sich auch bei dem Opener „Me + Mine (Lamentations)“, bringt Barham eine neue Variation in sein Songwriting, die mir bislang auf den Werken von American Aquarium nicht so deutlich aufgefallen ist.

Eine fast intime Stimmung erzeugt die Klavierbegleitung zu Beginn von „The Day I Learned To Lie To You“. Mit dem Einsetzen der kompletten Band gewinnt das Stück dann an Dynamik. Die Songs tragen die typische Handschrift von American Aquarium, bleiben aber voneinander unterscheidbar, sodass „Lamentations“ die Spannung durchgehend aufrechterhält. Neben sanfteren Titeln sind ebenso kraftvoll arrangierte wie das hervorragende „Before The Dogwood Blooms“ vertreten.

Kurz bevor ich American Aquarium 2017 live sah, wurde die Band nahezu komplett umgebaut und vor allem in den letzten Jahren herrschte wenig Kontinuität in der Besetzung. Seit der Gründung von American Aquarium 2005 begleiteten circa 30 Musiker im Wechsel den Frontmann und Songschreiber BJ Barham. Während Gitarrist Shane Boeker schon auf „Things Change“ (2018) mit von der Partie war, sind Alden Hedges (Bass), Rhett Huffman (Keys), Neil Jones (Pedal Steel) sowie Ryan Van Fleet (Schlagzeug) neu hinzugestoßen.

Auf jeder CD von American Aquarium finden sich tolle Stücke. Da bildet auch „Lamentations“ keine Ausnahme. Darüber hinaus überzeugt der Longplayer als homogenes Gesamtwerk und ist hinsichtlich Songwriting und Produktion, bei der Shooter Jennings mitmischte, eine Nuance ausgereifter als beispielsweise der Vorgänger „Things Change“. Neben den kürzlich erschienen Scheiben von Brian Fallon und Lucinda Williams beweist BJ Barham mit seinem durchweg empfehlenswerten Bandalbum, wie abwechslungsreich das Americana-Genre sein kann.

New West Records/Pias – Rough Trade (2020)
Stil: Americana, Rock/

Tracks:
01. Me + Mine (Lamentations)
02. Before The Dogwood Blooms
03. Six Years Come September
04. Starts With You
05. Brightleaf Burley
06. The Luckier You Get
07. The Day I Learned To Lie To You
08. A Better South
09. How Wicked I Was
10. The Long Haul

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