Lucinda Williams – Good Souls Better Angels – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die Grande Dame der Americana- und Country-Music Lucinda Williams legt mit „Good Souls Better Angels” ein Album vor, das Kritiker lieben werden, bei dem jedoch fraglich ist, ob es Anklang beim breiten Publikum findet. Mit diesem Phänomen hatte Williams bereits in der Anfangszeit ihres musikalischen Schaffens zu kämpfen.

Vor über vierzig Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Longplayer, einen kommerziellen Durchbruch erzielte sie aber erst zwei Dekaden später mit „Car Wheels On A Gravel Road“ (1998). Auf die Musikerin bin ich erstmals durch ihr Duett mit Steve Earle „You’re Still Standing There“ aufmerksam geworden, das sich auf seiner CD „I Feel Alright“ (1996) findet. Ray Kennedy, der mit Earle das Produzententeam The Twangtrust bildet, produzierte sowohl Williams Erfolgsalbum als auch das neue „Good Souls Better Angels” mit. Seit der Jahrtausendwende bringt Williams regelmäßig neues Material heraus.

Unter ihren Kollegen ist die dreifache Grammy-Gewinnerin sehr beliebt, was ihre Vielzahl an Kollaborationen beweist. Sie veröffentliche Tracks mit ganz unterschiedlichen Künstlern wie Julian Dawson, Nanci Griffith, Bruce Cockburn, John Prine, Sue Foley, Colin Linden, Elvis Costello, Willie Nelson, North Mississippi Allstars, Michael Monroe, Amos Lee, Blackie & The Rodeo Kings und Tom Russel.

„Good Souls Better Angels” ist ein atmosphärisch finsteres, aber faszinierendes Album. Schien bei den früheren Longplayern diese Seite von Williams Songwriting immer wieder durch, verfolgt sie die dunklen Töne auf ihrer aktuellen CD nun konsequent. Sie bearbeitet in ihren Songs das Leiden an der Welt, Depressionen und psychische Belastungen auf der einen Seite, Durchhaltevermögen und Hoffnung auf der anderen. Inspiration holte sich Williams bei dem Werk von Leonard Cohen und Nick Cave. Die Tracks bewegen sich tatsächlich zwischen diesen musikalischen Polen.

Bei einem Drittel der Stücke zelebriert – bei „Good Souls” über siebeneinhalb Minuten – Williams einen getragenen, melancholischen Americana, der durch ihren Gesang rau und unmittelbar klingt. Mal singt sie leicht gebrochen („Big Black Train“, „When The Way Gets Dark”), mal leiernd („Shadows & Doubts“), aber immer passend und intensiv.

Bei „Man Without A Soul” legt sie etwas Samt in ihre Stimme, die sich hier stellenweise nach Tanita Tikaram anhört. Auf „Pray The Devil Back To Hell” klingt Williams hingegen wie ein weiblicher Tom Waits. Zusammen mit „Bad New Blues” spiegeln die beiden Stücke die bluesige Seite der Scheibe wider.

„You Can’t Rule Me“ eröffnet als treibend-rollender Blues Rock das Werk. In gemäßigtem Tempo rockt „Big Rotator”, härter geht es mit „Down Past The Bottom” zur Sache. Nicht nur bei den Rocksongs sind die starken Gitarren hervorzuheben, denen viel Raum auf dem Album gegeben wird. Kräftige Riffs, zerrende Rückkopplungen sowie angemessen lange Soli passen sich hervorragend in die Songs ein und ergänzen so den ungeschliffen wirkenden Gesang.

Einen beinah rotzigen Slang legt Williams bei dem experimentelleren „Wakin‘ Up“ an den Tag. Dieser – in Kombination mit expressiven Gitarren und unterlegt mit einem Rhythmus, der dem Hip Hop entliehen scheint – macht den Song zu einem besonders hervorstechenden auf dem Werk. Ebenso bemerkenswert ist „Bone Of Contention”, das Williams mit einer für sie ungewohnten Punk-Attitude performt, durch die ein Vergleich mit Patti Smith nicht fern liegt.

„Good Souls Better Angels” ist ein spannendes Meisterwerk der Amerikanerin. Mutig und souverän bewegt sich Lucinda Williams in Americana-, Rock- und Bluesgefilden. Neben ausgereiften Melodien machen kraftvolle Rhythmen und krachende Gitarren, verbunden durch den ausdrucksstarken und variationsreichen Gesang, das Album zur ersten großen Überraschung des Jahres.

Highway 20/Thirty Tigers (2020)
Stil: Americana, Rock, Blues/

Tracks:
01. You Can’t Rule Me
02. Bad News Blues
03. Man Without A Soul
04. Big Black Train
05. Wakin‘ Up
06. Pray The Devil Back To Hell
07. Shadows & Doubts
08. When The Way Gets Dark
09. Bone Of Contention
10. Down Past The Bottom
11. Big Rotator
12. Good Souls

Lucinda Williams
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Maddie & Tae – The Way It Feels – CD-Review

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Maddie & Tae alias Maddie Marlow und Taylor Dye waren mir schon vor fünf Jahren mit ihrem Debüt (Platz 7 in den US-, Platz 2 in den Country-Charts) positiv aufgefallen, aber wie das so ist in unserer heutigen schnelllebigen Zeit, einmal gehört, unter ‚M‘ vorne in der CD-Sammlung einsortiert und bis vor einigen Tagen nie wieder in den Player eingelegt.

In der Zwischenzeit ist zumindest aus Sicht der beiden Protagonistinnen, mit neuem Plattenvertrag bei Mercury Nashville seit 2018 wieder einiges an Dynamik in ihr Leben eingezogen. Mit den Singles „Friends Don’t“ und „Die From A Broken Heart“ meldeten sie sich in den Country-Charts zurück. Es folgten 2019 im April die dazu gehörige EP „One Heart To Another“ und on top im Oktober direkt das nächste Kurzwerk „Everywhere I’m Goin'“, beide jeweils aber nur in digitaler Form.

Auch in der Liebe glühten die Funken. Sowohl Maddie heirate ihren langjährigen High School-Freund Jonah Font, als auch Taylor konnte in Sachen Ehe mit dem Songwriter und Award-Gewinner Josh Kerr (Keith Urban, Brett Eldredge, Thomas Rhett) Vollzug vermelden.

Die zehn Tracks der beiden o. a. Werke befinden sich in leicht modifizierter Form auf dieser CD, dazu gibt es fünf brandneue Stücke, sodass man mit insgesamt fünfzehn Liedern auf eine ordentliche Spiellänge kommt. Diese wurden wieder allesamt von beiden Damen mit bekannten Songwritern wie Dave Barnes, Jordan Reynolds („My Man“), Deric Ruttan, Forrest Whitehead („“Drunk Or Lonely“), Laura Veltz, Josh Kerr („Write A Book“),Jon Nite („Water In His Wine Glass“) und Adam Hambrick („I Don’t Need To Know“) zusammen kreiert.

Bei „My Man“ handelt es sich um einen schön southern durchzogenen, souligen Groover (klasse Slide). Die beiden hochmelodischen sehr eingängigen „Drunk Or Lonely“ (Fleetwood Mac-Flair, schöne Tempo- und Atmosphärenwechsel) und „Write A Book“ (humorvoller Schunkler mit schöner E-Gitarrenbegleitung) dürften das größte Chartpotential aufweisen.

Das melancholische „Water In His Wine Glass“ ist das am zurückhaltendsten performte Stück. Hier stehen neben dem wunderbaren Gesang von den Beiden (insgesamt auch eine Wonne, den ihnen zuzuhören, wer eine Stevie Nicks mag, ist hier genau an der richtigen Stelle) eine klare Akustikgitarre und eine schön weinende Steel im Vordergrund.

Beim letzten der neuen Lieder „I Don’t Need To Know“ werfen sie nochmals alles an Emotionen in ihren formidablen Gesang. Eine schmissiges Midtempostück mit wunderbarem Powerrefrain.

Bei den bereits bekannten Liedern gefallen besonders die beiden southern-poppig angehauchten „Everywhere I’m Goin'“ (typisches E-Solo) und „Bathroom Floor“ (Banjountermalung) als Opener, das von der Gastpräsenz eines Dierks Bentley veredelte „Lay Here With Me“, das flockige „Friends Don’t“ (wieder herrliches Banjo, Slide-Solo) und das flippige „New Dog Old Tricks“ (erinnert ein wenig an HER) zum Abschluss.

Die von von Jimmy Robbins und Gitarrist Derek Wells in einem superklaren Sound produzierte Scheibe „The Way It Feels“ ist genau das richtige für Leute, die einen Faible für Acts wie u. a. Lindsey Ell, Carly Pearce, Kacey Mustgraves, Lady Antebellum, Little Big Town, The Wreckers & Co.besitzen.

Aufgrund der überaus geschmackvoll inszenierten Instrumentierung gibt es hier sehr schön organisch gehaltenen Countrypop (mit Country als Priorität), samt perfekter vokaler Darbietung (Lead- als auch Harmoniegesänge) der beiden Fronterinnen Maddie und Tae. Ihr neues Werk zu hören, fühlt sich insgesamt richtig gut an!

Mercury Nashville (2020)
Stil: New Country

Tracklist:

01. Everywhere I’m Goin‘
02. Bathroom Floor
03. My Man
04. Tourist In This Town
05. Drunk Or Lonely
06. One Heart To Another
07. Trying On Rings
08. Write A Book
09. Water In His Wine Glass
10. Die From A Broken Heart
11. Ain’t There Yet
12. Lay Here With Me
13. Friends Don’t
14. I Don’t Need To Know
15. New Dog Old Tricks

Maddie & Tae
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Universal Music

Andy Frasco & The U.N. – Keep On Keepin‘ On – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Als exzellenter Live-Entertainer, der seit über 12 Jahren mit bis zu 250 Shows jährlich unterwegs war, fühlte sich der US-amerikanische Keyboarder und Bandleader Andy Frasco seinem aufreibenden Lebensstil verpflichtet: mitreißenden Bühnenauftritten und begeisterten Fans.

Auf seinem neuen Longplayer „Keep On Keepin‘ On“ erzählt er nun von der anderen Seite des erfolgreichen Music-Business: Alkohol- und Drogensucht, Schlafentzug und Depressionen – Erkrankungen, die oft nur mit fremder Hilfe und ausgeprägtem Durchhaltevermögen überwunden werden können.

Frascos Talent, schöne Soul-, Funk- und Rock-Melodien im Stile der 60er und 70er Motown-Jahre zeitgemäß umzusetzen und mit persönlichen Erfahrungstexten gekonnt zu verbinden, wird bereits im Titelsong deutlich, der als Albumeinsteiger im Detroit-Sound, die therapeutische Botschaft „keep on“ klar vermittelt.

Mit der ebenfalls als Durchhalteparole zu verstehenden Soul-Nummer „I’ve Got A Long Way To Go“ modifiziert Frasco das Thema mentaler Langzeiterkrankungen und musikalischer Therapiehilfen. Überhaupt ist die neue Scheibe eine sehr persönliche und authentische Verarbeitung seiner psychischen Probleme, die durch seinen Einfallsreichtum in ein aufmunterndes Album, eine kraftvolle Antriebsfeder, verwandelt werden.

Er fühle sich, als wenn die gesamte Platte von Zuversicht in einer einsamen Zeit berichtet, so Frasco und singt im dritten Stück „Animals“ vehement gegen diese Vereinsamungs- und Alleinsein-Situation. Die immer wieder auch an andere „Leidensgenossen“ gerichteten Textpassagen („take a break“) im Song „Getaway“ oder in dem vermeintlich „alten“ Soul-Track „None Of Those Things“ („happiness will keep us free“) vermitteln den Charakter eines musikalischen „Weckruf-Projektes“, das mit dem letzten Stück „Better Day“ in experimenteller Weise einen Aufruf zu mehr Optimismus und Vitalität ausstrahlt.

Für den US-Amerikaner und seine Band ist es trotz der gesundheitlichen Krise der zweite bemerkenswerte Longplayer innerhalb eines Jahres. Seine Singer- Songwriter Qualitäten wurden bei Sounds of South seit der „Happy Bastards„-CD (2016) regelmäßig betont. Die jetzige Intention der auf dem CD-Cover deutlich sichtbaren Abkehr Frascos vom Konsum der „bunten Pillen“ finden Fans im Interview mit dem Starry Constellation Magazine vom 12.03.2020 zur neuen Scheibe.

Mit „Keep On Keepin‘ On“ haben Andy Frasco & The U.N. ein sehr gefühlvolles Album eingespielt, das ein leidenschaftliches Stimmungsbild gegen depressive Lebensphasen inszeniert. Es bietet eine ehrliches Selbstporträt als Orientierung in schwierigen Zeiten, einen musikalischen Ausweg im Soul-Funk-Rhythmus der altbewährten Art.

SideOneDummy Records (2020)
Stil: Soul-Rock, Jam-Rock

Tracklist:

01. Keep On Keeping On
02. I’ve Got A Long Way To Go
03. Animals
04. Getaway
05. Shine
06. Shine (Outro)
07. Love Is A Gun
08. None Of Those Things
09. Feel It In Our Bones
10. Good Maan
11. Better Day

Andy Frasco And The U.N.
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Starkult Promotion

The Proven Ones – You Ain’t Done – CD-Review

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Ich kann als mäßiger Blues (Rock)-Experte nur schwer abschätzen, in wie weit The Proven Ones 2018 mit ihrem Debütwrk „Wild Again“ hierzulande bleibenden Eindruck hinterlassen, geschweige denn, überhaupt zur Kenntnis genommen wurden.

Fest steht, dass das Quintett mit schillernden Leuten besetzt ist (man spricht in den Staaten sogar von einer Supergroup), die in Bands wie u. a. The Fabulous Thunderbirds, Ronnie Earl And The Broadcasters, The Radio Kings, The James Harman Band, Rod Piazza And The Mighty Flyers, The Mannish Boys oder Sugar Ray and the Bluetones ihr Können schon nachhaltig nachgewiesen haben. Nicht zu vergessen auch Präsenzen auf der Bühne oder im Studio bei John Lee Hooker, Big Mama Thornton, Chuck Berry, Big Walter Horton, Big Joe Turner, Otis Rush, Bo Diddley und diversen anderen Acts.

Bei The Proven Ones handelt es sich um die Herren Kid Ramos (guitars, vocals), Anthony Geraci (keys), Willie J. Campbell (bass), Jimi Bott (drums, percussion) und Brian Templeton (lead vocals, harmonica), die jetzt den Nachfolger „You Ain’t Done“ hinterherlegen. Kein geringer als der uns bestens bekannte Mike Zito hat an der Akustikgitarre und als Co-Produzent, auch noch seine Qualitäten mit eingebracht.

Beim Songwriting haben sich diesmal alle Musiker beteiligt. Dadurch gibt es mit dem latin-rockigen, in bester Santana-Manier performten „Nothing Left To Give“ (Geraci) oder dem zwischen Delta-Blues und New Orleans Dixie pendelnden „I Ain’t Good For Nothin'“ (Ramos) auch mal Ausflüge aus dem ansonsten sich durchziehenden südstaatlich angehauchten Blues Rock-Schema.

Nach einem kurzen gut einminütigen Spielerei-Intro geht es mit „Get Love“ sofort knackig los. Ein energiegeladener southern souliger Blues Rocker mit herrlicher Ramos-E-Gitarre, Piano, gurgelnder Orgel und zünftiger Bläserfraktion, wobei einem sofort JJ Grey und seine Mofro in den Sinn kommen.

Trompetenspieler Joe ‚Mack‘ McCarthy und Saxophonist Chris Mercer setzen dann auch im weiteren Verlauf immer wieder ihre Duftmarken. Auch die folgenden „Gone To Stay“ (schön punkige Drums), das Titelstück „You Ain’t Done“ (Stones goes Southern, herrliche Slide-Gitarre, klasse BGVs von LaRhonda Steele) und „Already Gone“ (Acapella-Intro, starker Gesang von Templeton, der bei oft Assoziationen mit Malford Milligan hervorruft) haben allesamt ordentlich ‚Wums‘.

Kommen wir zu meinen drei Favoriten, die etwas ruhigeren „Whom My Soul Loves“ (southern-souliger Ohrwurm im Duett von Templeton und der brillanten Gastsängerin Ruthie Foster), „Milinda“ (eine Art Symbiose aus „Sweet Melissa“ und „Layla“) und das flockig schunkelnde „She’ll Never Know“ (klasse E-Fills von Ramos, dazu ein Solo wie einst bei den Allman Brothers).

Der pianoträchtige Stampfer „Fallen“ und das an „Honky Tonk Woman“ reminiszierende „Favorite Dress“ (typischer Stones-E-Gitarrenrhythmus) lassen am Ende keine Wünsche offen, die prominenten Musiker werden ihren hohen Vorschusslorbeeren absolut gerecht. Somit wurde „You Ain’t Done“ eingehend auf bewährte Art überprüft und erhält letztendlich verdient das Sounds Of South-Gütesiegel. Absolut empfehlenswert!

The Proven Ones sind übrigens für das beliebte 29. Grolsch Blues-Festival in Schöppingen Ende Mai gebucht, ob es mit dem Auftritt klappt, ist aufgrund der bekannten Corona-Problematik allerdings erstmal Kaffeesatzleserei.

Gulf Coast Records (2020)
Stil: Blues Rock

01. Get Love (Intro)
02. Get Love
03. Gone To Stay
04. You Ain’t Done
05. Already Gone
06. Whom My Soul Loves
07. Milinda
08. Nothing Left To Give
09. She’ll Never Know
10. I Ain’t Good For Nothin‘
11. Fallen
12. Favorite Dress

The Proven Ones
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Gulf Coast Records

The White Buffalo – On The Widow’s Walk – CD-Review

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Review: Michael Segets

Manche werden The White Buffalo kennen, weil er einige Songs zu den Fernsehserien „Californication” und „Sons Of Anarchy” beisteuerte. Hinter The White Buffalo verbirgt sich Jake Smith, der dachte, dass ein Künstlername einprägsamer sei als sein eigener. Für sein zehntes Werk „On The Widow’s Walk“ konnte er Shooter Jennings für den Produzentenstuhl gewinnen. Das insgesamt stimmige Album wurde in weniger als einer Woche eingespielt.

Die Scheibe fängt mit „Problem Solution“ erdig rockend an. Smith nimmt in der Mitte des Stücks das Tempo raus, sodass ich beim ersten Hören dachte, dass er eine Bridge einstreut. Allerdings zieht sich die Passage dann bis zum Schluss hin. Der Titel hätte der beste auf der Scheibe werden können.

So rückt das aggressive „Faster Than Fire“ mit scheppernden Schlagzeug und quietschenden Gitarren auf den Spitzenplatz unter den flotten Stücken. Neben den beiden Songs, die als Double-A-Side-Single – einem mir bis dato unbekannten Format – erschienen sind, findet sich mit dem gradlinigen, rootsigen „No History“ ein dritter Rocker auf dem Longplayer.

Anders als die Single vermuten lässt, liegt der Schwerpunkt der CD auf gefälligen Balladen, bei denen The White Buffalo seinen geschmeidigen Bariton geschickt in Szene setzt. Sehr gefühlvoll („Sycamore”), manchmal ein bisschen pathetisch („The Drifter”), manchmal mit langgezogenem, schmachtendem Gesang („Cursive“) erzählt Smith seine Storys. Mein Favorit ist hier das mit Geigen untermalte „I Don’t Know A Thing About Love”. Wie bereits bei einigen vorangegangenen Tracks sitzt Shooter Jennings auch bei dem letzten Stück der Scheibe am Klavier.

Musikalisch vielleicht interessanter sind das reduzierte „River Of Love And Loss“ und die erste Video-Auskopplung „The Rapture“. Dieser Song verströmt eine dunkle Atmosphäre und entwickelt eine Spannung, die sich mit dem Einsatz krachender Gitarrenriffs und anschließendem Wolfsgeheul entlädt.

Das dramatische „Widow’s Walk“ lässt sich ebenso wie „Come On Shorty”, das hingegen locker und entspannt daherkommt, im unteren Midtempo verorten. Beides sind gelungene Nummern, die zeigen, dass sich The White Buffalo souverän zwischen sanft und rockig in allen Tempobereichen der Roots Music bewegt.

Der in Oregon geborene und in Kalifornien lebende Jake Smith – alias The White Buffalo – verfügt über eine angenehme Stimme, die auf „On The Widow’s Walk“ sehr gut zur Geltung kommt. Die überwiegende Anzahl der Titel sind Mainstream-taugliche Balladen, die gelegentlich einen leichten Country-Einschlag aufweisen. In dieser Kategorie landet The White Buffalo ein paar Treffer.

Wenn er das Tempo anzieht oder – wie auf seinem ersten Video – mutigere Töne anschlägt, liegt die Quote der bemerkenswerten Stücke höher. Die vorab ausgekoppelten Stücke gehören zu den Highlights des Albums, das als Gesamtwerk gut hörbar ist. Durch ein paar zusätzliche Kanten in manchen Songs hätte es jedoch noch an Kontur gewinnen können.

Snakefarm Records/Universal Music Group (2020)
Stil: Americana, Rock

Tracks:
01. Problem Solution
02. The Drifter
03. No History
04. Sycamore
05. Come On Shorty
06. Cursive
07. Faster Than Fire
08. Widow’s Walk
09. River Of Love And Loss
10. The Rapture
11. I Don’t Know A Thing About Love

The White Buffalo
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Snakefarm Records
HEAD OF PR

Rebel Guns – Steam & Steel – CD-Review

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„Long Live Rock’n Roll“ haben sich die fünf Bandmitglieder der Rebel Guns aus Biberach seit 2016 auf die Brust geschrieben und zwar die southern-rockige Variante davon.

Eine EP gleichnamigen Titels, abgemischt von Hans-Martin Buff (Scorpions, Prince), brachte sie immerhin schon ins Vorprogramme arrivierter Acts wie Bonfire oder Skinny Molly. Mit der Eigenproduktion „Steam & Steel“ folgt jetzt der erste lupenreine Longplayer der Oberschwaben.

Nach dem tragischen Ableben von ihrem Gitarristen und Gründungsmitglied Frank Ellinger, der noch auf dieser CD eine hervorragende Leistung abliefert (feuert aus allen rebellischen Gewehren viele variable und quirlige Soli),  entschloss man sich auf dessen expliziten Wunsch zum Weitermachen. Für ihn ist jetzt Marius Fiseli am Start.

REBEL Guns Promobild 2020Ihr überwiegend treibender Sound lehnt sich an Strukturen altbekannter Southern Bands wie hauptsächlich Molly Hatchet, zum Teil Doc Holliday, Skynyrd oder Blackfoot, allerdings oft kombiniert mit britischen Orgelklängen der Marke Deep Purple, The Who oder wie beim finalen „Six Bullets To A Halleluja“ in Richtung Doors.

Im ruhigeren Bereich gibt es mit „Dusty Roads“ und „Rebel Without A Cause“ zwei Stücke, bei denen Marshall Tuckers „Can’t You See“ dezent durchschimmert, ersteres mit einer Akustikgitarre, letztgenanntes mehr vom Piano getragen.

Die Whiskey-getränkte, aber sehr wenig variable Stimme von Fronter Sotchy Filipovic (Richtung Phil McCormack) passt ganz gut zum druckvollen instrumentellen Bandsound (übrigens alles sehr schön klar und transparent abgemischt). Er kann sich zudem mit ein paar Harp-Einlagen („Down The Drain“, „Rebel Without A Cause“) einbringen, schön Neil Young-mäßig bei „Dusty Roads“.

Die sporadischen weiblichen Backgroundvocals, die ich eigentlich ansonsten immer sehr gerne höre, sind auch nicht gerade was für vokale Ästheten (ziemlich nerviges Gequäke z. B. bei „Rebel Guns“).

Die Musik der Rebel Guns wird Leuten mit Vorlieben für o. a. Bands gefallen. Sie ist meiner Meinung nach, aber eher live-, als Wohnzimmer-kompatibel und somit überwiegend für Clubkonzerte, Bikertreffen, Stadtfeste, etc. geeignet, wo man in Bierlaune, auf gesangstechnische Feinheiten nicht mehr ganz so großen Wert legt.

Ich gehe aber davon aus, dass bei den Burschen auch in erster Linie, diese musikalischen Gemeinschaftserlebnisse, statt der Blick auf die große Karriere, als priorisierter Antrieb dienen.

Die Songs gehen wirklich gut ab, einige Tracks haben sogar auf Anhieb mit ihren Refrains Wiedererkennungswert („Down The Drain“, Rebel Guns“, „Bathroom Jesus“, „Burn“, „Long Live Rock’n Roll“).

Im September 2020, sofern die Corona-Geschichte hoffentlich vorüber sein wird, spielen die Rebel Guns im Vorprogramm der legendären kalifornischen Hard Rock-Band Little Caesar. Ihre „Steam & Steel“-CD kann über den Email-Kontakt der Band ‚rebel_guns@gmx.de‘ bestellt werden. Der Preis beträgt inkl. Versand 12.- Euro. Eine klare Empfehlung an alle SR-Fans, die vielleicht nicht ganz so pingelig sind wie ich!

Aktuelle Besetzung:
Frank Holl – drums
Sotchy Filipovic – vocals & harps
Chris Clemens – keys
Joe Horseling – bass
Marius Fiseli – guitar

Eigenproduktion (2020)
Stil: Southern Rock

Tracks:
01. Down The Drain
02. Rebel Guns
03. Boston Bourban Boys
04. Dusty Roads
05. Steam & Steel
06. Bathroom Jesus
07. Burn
08. Rebel Without A Cause
09. Long Live Rock’n Roll
10. Louisiana Ram Jam
11. Six Bullets To A Halleluja

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Ronnie Dunn – Re-Dunn – CD-Review

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Ich war noch nie ein Freund von groß angelegter Coverei. Einzelne Songs, wohl dosiert und eigenwillig umgesetzt, ist durchaus ok, aber ganze Alben oder noch schlimmer Bands, die sich komplett darauf spezialisiert haben, die Originale zu kopieren, selbst wenn es sogar in besserer Art (soll es ja auch geben) geschieht, werden in der Regel von mir boykottiert.

Für mich stellt das neue Kreieren von Musik die oberste Prio dar, als besonders frustrierend empfinde ich es, wenn solche (oft hervorragende) Acts, teilweise vor weniger als 50 Zuschauern ihre Künste zum Besten geben müssen, während tags darauf eine Coverband die Bude voll macht.

In diesem Fall bei Ronnie Dunn verhält es sich allerdings anders, obwohl er uns hier ein Doppelalbum mit ausschließlich Adaptionen anderer Künstler serviert.

Zum einen hat der Protagonist sowohl solo, aber auch vor allem unter seiner Mitwirkung beim New Country-Super-Duo Brooks & Dunn sein kreatives Können längst bei unzähligen Titeln unter Beweis gestellt, zum anderen, liefert er hier mit Nashville-Parademusikern wie u. a. Brent Mason, Jeff King, Kenny Greenberg, Jerry McPherson (alle Gitarren), Paul Franklin, Gary Morse (Pedal Steel), Mark Hill, Glenn Worf (Bass), Greg Morrow (Drums) und Charlie Judge (Keyboards), samt seiner Charakterstimme, überwiegend nicht ganz so abgenutzte Stücke, in einem absolut gelungenen New Country-Gewand ab.

So bleibt man z. B. vom in der Blues- und Southern Rock-Szene bevorzugten Stones-, Hendrix- und Led Zeppelin &Co.-Fundus und seinen üblichen Verdächtigten hier mal angenehmer Weise verschont.

Allein schon der Auftakt mit den vier herrlich umgesetzten Stücken wie „Amarillo by Morning“ (George Strait – grandioser Beginn), „Long Cool Woman (In A Black Dress)“ (Hollies-Feger), „That’s How I Got to Memphis“ (Tom T. Hall – absoluter Ohrwurm) und „It Never Rains in Southern California“ (Albert Hammond), deutet an, was machbar ist, wenn gute Musiker und Sänger, in einem temporär begrenzten Projekt, mit ganzer Seele aufgehen. Man merkt ihnen den ‚Bock‘ hier förmlich an.

Dunn offeriert beeindruckend, dass er so gut wie alles singen kann, die Musiker, dass sie wahre Wandlungskünstler zu sein scheinen. Gerade die immer wieder eingeflochtenen Gitarren- und Steel-Parts sind der reinste Ohrenschmaus.

Eigentlich untopbare Tracks wie wie Claptons „Wonderful Tonight“, „Against The Wind“ (Bob Seger) oder „Peaceful Easy Feeling“, begegnet Dunn auf Augenhöhe. Spannend sind vor allem die bis dato für eher wenig Country-kompatibel einzustufenden Stücke wie “How Long” (Ace mit Paul Carrack), „Showdown“ (ELO) oder „Im Not In Love“ (10CC), die aber absolut stilsicher geschultert werden und nun eine besondere (Country-)Note erhalten.

Als nicht ganz so gelungen empfinde ich lediglich Tom Pettys „I Won’t Back Down“, wo die 80-/90er-mäßigen Begleit-Synthies doch eher kontraproduktiv wirken. Im Prinzip aber der einzige Patzer.

Ronnie Dunns „Re-Dunn“ ist der perfekte Begleiter für den nächsten Roadtrip, aber auch zum Rumlümmeln auf dem Sofa. Ideal besonders für die nächste sommerliche Grillparty. Da bin ich mir sicher, dass es nach den ersten Liedern schon viele fragende Blicke der nicht Country-festen Anwesenden nach dem Künstler geben wird, bis das Rätsel um Ronnie Dunn letztendlich final aufgelöst sein wird.

Die schwer im Original zu bekommende Scheibe kann man bei Bärchen Records erwerben!

LWR (2020)
Stil: New Country

CD 1:
01. Amarillo by Morning
02. Long Cool Woman (In a Black Dress)
03. That’s How I Got To Memphis
04. It Never Rains in Southern California
05. How Long
06. Drinkin‘ Thing
07. Together Again
08. Peaceful Easy Feeling
09. Against The Wind
10. If You Don’t Know Me By Now
11. I Won’t Back Down
12. The Cowboy Rides Away

CD 2:
01. Showdown
02. Wonderful Tonight
03. Ashes By Now
04. That’s The Way Love Goes
05. I’m Not in Love
06. Brown Eyed Girl
07. You Don’t Know Me
08. Ridin‘ My Thumb To Mexico
09. A Showman’s Life
10. Good Time Charlie’s Got the Blues
11. Amie
12. I Can’t Help It (If I’m Still in Love With You)

Ronnie Dunn
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Bärchen Records

Eric Steckel – Grandview Drive – CD-Review

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Review: Gernot Mangold

Dass Eric Steckel mit gerade mal 30 Jahren zu einem der besten Bluesgitarristen zählt, hatte schon John Mayall erkannt. Nun diverse Jahre nach dem Lob Mayalls, einige Alben später und immer noch eher am Beginn einer Musikerkarriere, hat Steckel mit „Grandview Drive“ seinen mittlerweile siebten Longplayer herausgebracht. Mit diesem Werk untermauert der Musiker aus den Staaten seine Extraklasse.

Dies bezieht sich nicht nur auf seine Künste die Saiten der Gitarre zu beackern, er sticht auch durch exzellentes Songwriting hervor. Dabei bedient er nicht nur die Bluesfans, sondern beweist, dass man auch im Trio einen klasse Southern Rock bringen kann. Auf seiner eigenen Webseite wird sein Stil als Heavyblues bezeichnet, was auch nicht unpassend ist.

Zugegeben, auf dem Album kann er mehrere Gitarren übereinander einspielen und setzt auch das Piano gekonnt als harmonisches Instrument ein. Dass er die Songs aber auch zu dritt dynamisch und kraftvoll auf die Bühne bringen kann, hat er unlängst bewiesen, als er ein Programm im Dortmunder Musiktheater Piano spielte, wo knapp die Hälfte dieser CD auf der Setlist standen. Gekonnt ist eben gekonnt.

Nun aber zum Eigentlichen. Mit „Take My Love To Town“ geht es sofort southernrockig los. Knallharte Riffs, gemischt mit einer Prise Boogie und Blues, entwickelt sich ein harter Rocksong in Richtung Molly Hatchet mit diversen Soli, wo er sich nicht hinter den dementsprechenden Legenden zu verstecken braucht.

Bei „Dream For 2“ nimmt er zunächst den Fuß vom Gaspedal. Ruhig beginnend mit Pianoklängen folgt ein Rocksong, der mich im späteren Verlauf, wenn die Gitarrenarbeit, aber auch der Gesang einsetzen, an die Glanzzeiten Santanas zu Zeiten von „Inner Secrets“ erinnert.

Dass Eric Steckel auch den klassischen, eher ruhigen Blues in den Fingern und der Stimme hat, zeigt er beim passend betitelten „Same Old Blues“ Sich am Piano begleitend, zaubert er eine innige Stimmung, in die dann ein für ihn eher langsames Gitarrensolo, passend zur Grundstimmung, einsetzt.

Ein Kracher ist das hart rockende „Best Of You“, mit einem sehr virtuosen Solo Richtung Allman Brothers. Das neu aufgelegte „When Ignorence Turns To Bliss“ ist ein klasse Southern Song, der auch auf eine der alten Skynyrd-Platten gepasst hätte. Der an und für sich ruhige Grundrhythmus des Stückes wird dabei mehrfach von absolut furiosen Soli zerrissen.

Was Steckel dann aus dem Marshall Tucker-Klassiker „Can’t You See“ macht, ist dann wahre Extraklasse. Aus dem eher beschaulichen Original entfacht er in phasenweise einen Song mit knallharten Gitarrensoli.

Ruhiger wird es beim balladesken „Good Days, Bad Days“. Hier setzt Steckel auch unterstützend da Piano ein. In diesem verträumten Song zeigt er, dass er neben brachial und schnell, auch gefühlvoll seine Saiten bearbeiten kann. Sehr harmonisch und passend ist auch sein Gesang.

Mit Gitarrenriffs, die an Frees „All Right Now“ erinnern, beginnt „You Never Will“. Auch im weiteren Verlauf bleibt er auf der Free- oder Bad Company-Linie und zeigt, dass man deren Stil auch in die Moderne transportieren kann.

„Since I Been Loving You“ ist ein eher ruhiger Bluessong, in den er zunächst immer in Sequenzen kurz seine Gitarre aufjaulen lässt, bevor er sich zum Ende hin, in einem Gitarrengewitter entlädt, wobei er auch noch das Piano partiell einsetzt.

„Promised Land“ hat einen tollen Groove, in dem man sich ein klein wenig an die sehr positiven Songstrukturen des jungen Peter Frampton erinnern kann. Das Album schließt Steckel mit „Solid Ground“, einem harter Bluessong ab, in dem natürlich nicht das entsprechende Solo zum Ende des Songs fehlen darf.

Eric Steckel ist mit „Grandview Drive“ eine beeindruckende Platte gelungen, in dem er, bis auf die Drums, alle Instrumente selbst eingespielt hat und sich als Multiinstrumentalist präsentiert. Der Titel „Grandview Drive“, es gibt in eine gleichnamige Straße mit traumhaften Blick in Illinois, kann spätestens nach diesem Album auch auf Steckel angewendet werden.

Hier gibt es berechtigte Aussichten, dass ein begnadeter Gitarrist, sich im Blues, aber auch im Southern-Genre etablieren wird. Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen mit dem sympathischen Musiker, wenn die Welt sich nach Corona, wieder in gewohnten Bahnen dreht, um zu erleben, wie Mr. Fasthand die Gitarre erklingen lässt.

Eric Steckel – Gitarren, Piano, Bass, Gesang
Don Plowman – Drums, Percussion

Eric Steckel Music (2020)
Stil: Heavy Blues, Southernrock

Tracks:
01. Take My Love To Town
02. Dream For 2
03. Same Old Blues
04. Best With You
05. When Ignorence Turns To Bliss
06. Can`t You See
07. Good Days, Bad Days
08. You Never Will
09. Since I Been Loving You
10. Promised Land
11. Solid Ground

Eric Steckel
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Sam Hunt – Southside – CD-Review

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Sechs Jahre hat sich Sam Hunt für den Nachfolger zu seinem Bestseller „Montevallo“ (über 3 Millionen Verkäufe) und Sofort-Nr. 1-Album in den Country-Charts (immerhin auch direkt Platz 3 in den allgemeinen Billboards-Charts) Zeit gelassen. Mittlerweile hat seine Plattenfirma MCA vermutlich frei nach Woody Allen, „Mach’s noch einmal, Sam“, auf den fälligen zweiten Streich gedrängt.

Somit knüpft sein neues Werk mit dem Titel „Southside“, wen wundert es, natürlich genau an das bewährte Rezept an, die größtmögliche Schnittmenge zwischen radiotauglichem, beziehungsweise massenkompatiblem Country und Pop auszuloten und in den entsprechenden kommerziellen Erfolg umzumünzen.

Dabei fängt die Scheibe zu meiner Überraschung mit einem lupenreinem New Countrystück ohne jeglichen Schnickschnack an, das auch zu einem Garth Brooks blendend passen würde. Zach Chromwell und Josh Thompson dürfen sich neben dem Protagonisten für das Lied „2016“ in die Liste der beteiligten Co-Autoren eintragen. Die ist im weiteren Verlauf mit einer Vielzahl von weiteren prominenten Songschreibern wie u. a. Luke Laird, Shane McAnally, Josh Osborne, Ashley Gorley, Matt Jenkins, hochrangig besetzt. Sam Hunt ist wieder, wie schon beim Vorgänger, bei allen Liedern involviert.

Ab dem folgenden „Hard To Forget“ (bitte ganz schnell vergessen…) widmet er sich konsequent seinen, für ihn wohl typischen melodischen Soundspielereien, wo Loops, Beats, Synthies (selbst die Akustikgitarre hört sich oft künstlich an), mit countrytypischen Instrumenten wie Steel, Fiddle, Banjo und Mandoline, Piano und E-Gitarre, wohl-dosiert, immer alle Fraktionen im Blick, sehr geschickt kombiniert werden.

Für den gediegenen Countryhörer ist das und selbst für mich, wenn man ehrlich ist, Stoff, auf den man gut verzichten kann. Dabei spürt man irgendwie, dass der aus Cedartown, Georgia stammende frühere Football-Spieler auch jederzeit anders könnte, siehe „2016“oder auch das Southern Country-rockige „Let It Down“, wenn da nicht wieder diese gekünstelt klingenden Drum-Loops nerven würden.

Der Rest, bei dem man mit viel Wohlwollen noch die Stücke „Body Like a Back Road“ und „Breaking Up Was Easy in The 90’s“ als noch einigermaßen akzeptabel bewerten kann, ist eher bestens kalkulierter Mainstream-Pop mit ein bisschen Country. Nicht mein Ding, aber aus Sams Sicht natürlich legitim.

Immerhin kann man Leute wie Hunt zumindest als Brückenbauer zwischen Jung und Alt loben. Ihnen ist es vermutlich zu verdanken, dass bei uns auch viele jüngere Menschen sich für Countrymusik zu interessieren beginnen und auch die Konzerte immer zahlreicher aufsuchen.

Zu diesem Album mit dem eigentlich vielversprechenden Titel „Southside“ von Sam Hunt fällt mir ansonsten nicht mehr viel ein. Seine Jagd auf das zweite Nr. 1 Album hat begonnen und wird in den nächsten Tagen sicherlich auch dementsprechend von Erfolg gekrönt sein. Glückwunsch schon mal vorab Sam Hunt!

MCA Nashville (Universal) (2020)
Stil: Countrypop

01. 2016
02. Hard to Forget
03. Kinfolks
04. Young Once
05. Body Like a Back Road
06. That Ain’t Beautiful
07. Let It Down
08. Downtown’s Dead
09. Nothing Lasts Forever
10. People Like Us
11. Breaking Up Was Easy in The 90’s
12. Drinkin‘ Too Much

Sam Hunt
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Universal Music

Ashley McBryde – Never Will – CD-Review

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Im Nachgang zu Ashley McBrydes grandiosem zweiten Longplayer „Never Will“ ärgert es mich schon fast ein wenig, nicht auch ihr Debüt „Girl Goin‘ Nowhere“ zur Bemusterung erhalten zu haben. Schön, dass Warner Music mittlerweile die Bedeutung des wachstumsfreudigen Country-Marktes in Deutschland erkannt hat und in dieser Hinsicht aktiver zu werden scheint.

Die aus Arkansas stammende, 2007 nach Nashville übergesiedelte Künstlerin (so ein junger Bonnie Raitt-Typ), liebevoll von Eric Church als ‚whiskey-drinking badass‘ charakterisiert, heimste völlig zurecht zwei GRAMMY-Nominierungen, als auch die Auszeichnung als „New Female Artist of the Year“ bei den ACM Awards und „New Artist of the Year“ bei den CMA Awards, ein. Sicherlich kein schlechter Auftakt für eine Newcomerin.

Mittlerweile liegt jetzt der Nachfolger „Never Will“ zum Erwerb bereit. Im Prinzip wurde am bewährten Erfolgsrezept, die Protagonistin überwiegend an der ‚langen Leine‘ zu lassen, festgehalten. Star-Producer Jay Joyce, der erneut die Hauptverantwortung inne hatte, setzte allerdings McBryde und ihre Mitspieler in der Hinsicht unter Druck, dass er ein Höchstmaß an Spontanität einforderte, sprich, er machte klar, dass an dem Ergebnis der Songs nicht großartig herumgefeilt werden würde. Es sollte also, von Anfang an, bestmöglich ’sitzen‘.

Neun Stücke stammen aus der Feder von Ashley (als Co-Writer finden sich viele bekannte Namen wie u. a. Jeremy Bussey, Shane McAnally, Brandy Clark, Jeremy Spillman), lediglich das fantastische „Shut Up Sheila“ und das zunächst etwas gewöhnungsbedürftige, aber letztendlich doch sehr eingängige „Styrofoam“ (mit technischen Spielereien und partiellen rapmäßigem Sprechgesang) am Ende, stammen aus fremder Feder.

Die beiden Opener „Hang In There Girl“(E-Gitarre schön southern), das ernüchternde „One Night Standards“ und auch das Titelstück „Never Will“, bedienen den Hörer mit melodischem, aber sehr kraftvollen New Country (vor allem ausgelöst durch den bestimmenden Gesang McBrydes und das Powerdrumming von Quinn Hill, das mich an die Art von Chad Cromwell erinnert), der für’s Radio bestens prädestiniert ist.

Noch beeindruckender wird es allerdings, wenn die kommerziellen Aspekte zugunsten eines breitgefächerten, zum Teil auch unkonventionellen Songangebots, weitestgehend beiseite geschoben werden. Klasse das spirituell-psychedelisch angehauchte „Shut Up Sheila“ (fast wie Bad Companys einstiges „Seagull“, nur eben halt countryesk). Grandios hier besonders das mitreißende E-Gitarrensolo.

Mein Lieblingsstück ist der selbstironisch traditionell gestrickte, fluffige Countryschunkler „First Thing I Reach For“, wo McBryde einsichtig konstatiert, sich manchmal etwas selbst im Wege zu stehen, in dem sie singt „the first thing I reach for, is the last thing I need“.

Die folgenden Tracks wie „Voodoo Doll“ (Polterdrums, stadiontauglicher Refrain), „Sparrow“ (atmosphärische Ballade mit Powerrefrain), das großartige „Martha Devine“, „Velvet Red“ (Bluegrass-Note) und das bedrückende „Stone“ (reflektiert den Selbstmord ihres jüngeren Bruders), überzeugen mit authentischen, glaubwürdigen Texten (famos gesungen) und bestechender musikalischer Umsetzung.

Fazit: Ein fantastisches New Country-Album, vielseitig, mit einer Fronterin in vokaler Bestform und einer musikalisch versierten Umsetzung, auch ohne die sonst obligatorische Nashville-Studiomusikerriege. Schade, dass, wenn nicht noch ein Wunder passiert,  die geplante Tour im Fahrwasser von Luke Combs, wohl dem Corona-Virus zum Opfer fallen wird , sonst hätte  McBryde vermutlich schon frühzeitig den nächsten Step zu einer kommenden großen Hausnummern in Music City vollzogen. Wie dem auch sei, für mich persönlich das bisher beste New Country-Werk in diesem Jahr.

Warner Music Nashville (2020)
Stil: New Country

Tracks:
01. Hang In There Girl
02. One Night Standards
03. Shut Up Sheila
04. First Thing I Reach For
05. Voodoo Doll
06. Sparrow
07. Martha Devine
08. Velvet Red
09. Stone
10. Never Will
11. Styrofoam

Ashley McBryde
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