Ich glaube für jeden, der sich anstellt, erfolgsorientiert Musik zu betreiben, ist die Royal Albert Hall so etwas, wie das Maß der Dinge, ähnlich vielleicht wie der Mount Everest für einen Bergsteiger. Von solchen Locations geht eine enorme Symbolkraft aus, wer es bis hier geschafft hat, zählt zu einem erlesenen Kreis, dem nicht jeder Hinz und Kunz angehört.
Für die aus Kentucky stammende Formation Black Stone Cherry hatte sich am 29. September 2021, im Jahr ihres 20-jährigen Bandjubiläums, und als krönender Abschluss ihrer Großbritannien-Tour, dieser lang gehegte Traum, erfüllt. Das Konzert des Quartetts im ausverkauften Rund an diesem Abend wurde dabei für ihre Fangemeinde als tolles BluRay-Do-CD-Package festgehalten (klasse gefällt mir besonders die Comic-artige-Illustration).
Nicht mehr dabei war Gründungsmitglied Jon Lawhon am Bass, Drumtechniker Jeff Boggs assistierte mit ein paar sporadischen Percussionzugaben. Im Prinzip verlief auch dieser Abend nach ähnlichem Schema, wie ich die Band bei ihrem Auftritt 2018 im Kölner E-Werk erlebt hatte. Lediglich im Innenraum ging es aus gutem Grund diesmal etwas gesitteter zu.
Ein ziemlich dynamischer Gig mit einer Mischung aus Southern-, Hard- und Heavy Rock-Anleihen, wobei die beiden E-Gitarristen Chris Robertson und der agile Wirbelwind Ben Wells (zum Teil auch mit Twins), die sich bei den Ansagen abwechselten, für das Südstaaten-Element und sich die Rhythmussektion, bestehend aus Dauerpolterer John Fred Young und Neu-Bassist Steve Jewell Jr., für den zumeist explosiv voran preschenden Charakter der Stücke, verantwortlich zeigte.
Auswirkungen auf die Setliste hatte natürlich das in der Zwischenzeit erschienene Album „The Human Condition„, das mit Tracks wie u. a. „In Love With Whe Pain“, „Again“ und „Ringin‘ In My Head“ repräsentiert wurde. Klar, dass an so einem außergewöhnlichen Abend, dann auch Klassiker und Fan-Favoriten wie „Cheaper To Drink Alone“, „Blind Man“, „Hell And High Water“, „Blame It On The Boom Boom“ und „White Trash Millionaire“ nicht fehlen durften.
Emotionalster Moment ist sicherlich, als Fronter Chris Robertson bei „Things My Father Said“ im Lichtermeer der Handys mit Tränen in den Augen seinem verstorbenen Vater dieses nicht mehr erlebte Karrierehighlight zu Teil werden ließ.
Auf der BluRay wird das Live-Material immer wieder mal kurz mit Interviews hinter den Kulissen (u. a. mit dem Vorsitzenden des Fanclubs), Aufnahmen von der Bühne und Archivaufnahmen, die die Band in ihren Anfängen zeigen, sowie mit Ausschnitten aus ihrer ersten UK-Tournee, unterhaltsam ergänzt.
Wer die Band in diesem Jahr wieder live in unseren Sphären erleben möchte, kann dies im Herbst bei folgenden geplanten Terminen umsetzen:
12.09. Köln – E-Werk 14.09. Hamburg – Markthalle 21.09. Berlin – Metropol 22.09. A-Wien – Arena 24.09. München – Tonhalle 27.09. CH-Zürich – Komplex 457 28.09. Stuttgart – LKA Longhorn
Mascot Records (2022) Stil: Rock
CD One: 01. Me And Mary Jane 02. Burnin‘ 03. Again 04. Yeah Man 05. In My Blood / Island Jam 06. Ringin‘ In My Head 07. Like I Roll 08. Cheaper To Drink Alone
CD Two: 01. Hell And High Water 02. Soulcreek 03. Devil’s Queen 04. Drum Solo 05. Things My Father Said 06. In Love With The Pain 07. Blind Man 08. Blame It on The Boom Boom 09. White trash Millionaire 10. Lonely Train 11. Peace Is Free
BluRay (Full Show): 01. Me And Mary Jane 02. Burnin‘ 03. Again 04. Yeah Man 05. In My Blood / Island Jam 06. Ringin‘ In My Head 07. Like I Roll 08. Cheaper To Drink Alone 09. Hell And High Water 10. Soulcreek 11. Devil’s Queen 12. Drum Solo 13. Things My Father Said 14. In Love With The Pain 15. Blind Man 16. Blame It On The Boom Boom 17. White Trash Millionaire 18. Lonely Train 19. Peace Is Free
Nach ihrem 2020‘er Album „Cry Out“ kommt nun am 24. Juni ihr neuestes Werk in die Läden. Dabei hat der Titel des Albums für die Sängerin durchaus eine symbolische Bedeutung. Mit „Progeny“, übersetzt „Nachkommenschaft“, möchte Kat Riggins ihren Eltern Anerkennung zollen und sie für die Werte und Erziehung, die sie ihr mit auf den Weg gegeben haben, ehren. Es ist ein Album mit zwölf sehr persönlichen Songs über Stärke, Freude, Frieden und auch Gott geworden.
Erscheinen wird das Werk wieder bei Mike Zitos Gulf Coast Records. Und natürlich ist er auch diesmal als Gitarrist mit dabei. Zur weiteren Unterstützung für Kat Riggins’ musikalisches Vorhaben kommen außerdem zahlreiche von Mike Zito handverlesene Musiker hinzu: Albert Castaglia als weiterer Gitarrist, der Rapper Busta Free, Matthew Johnson am Schlagzeug (u. a. Hadden Sayers, Sari Schorr, Vanja Sky), Doug Byrkit (Bassist bei Odds Lane), der Keyboarder Lewis Stephens (Mike Zito and Friends) und die Chicagoer Bluesgitarristin Melody Angel.
Die meisten Titel auf dem Album bewegen sich zwischen souligen Bluesballaden („Got To Be God“, „Cross The Line“ und „Sinkin‘ Low“), harten Bluesrock Krachern („Walk On“, „Warriors“, „Espresso“, „Promised Land“) und groovigen Fetzern („My City“und „40 25:40“), allesamt richtig gut.
Herausragend sind für mich persönlich allerdings drei andere Songs. „In My Blood“ ist ein radiotauglicher und fröhlich-schmissiger Shuffle mit Rock‘n‘Roll Attitude und hebt sich dadurch auffallend von den übrigen Nummern ab. Auch das Gospel-Zwischenspiel „Walk With Me Lord“, A-capella vorgetragen und mit Vogelgezwitscher garniert, ist wohltuend anders und regt zum Nachdenken an. Als dritter Titel im Bunde ist dann noch das langsame im Chicagostil gespielte „Woahman“ mit der noch jungen Bluesgitarristin Angel Melody, von der künftig bestimmt noch viel zu hören sein wird.
„Progeny“ ist also gelungenes, starkes Album auf dem Kat Riggins mit ihrer kraftvollen Stimme, begleitet von wunderbaren Musikern, Elemente des Blues, des Rock und auch des Soul mit einander verbindet und so ihren eigenen Stil vertieft und gekonnt weiterentwickelt. Mit „Progeny“ dürfte sich Kat Riggins endgültig einen Platz unter den besten zeitgenössischen Bluessängerinnen verdient haben.
Label: Gulf Coast Records Stil: Blues, Rock
Tracks: 01. Walk On 02. Sinkin‘ Low 03. Espresso 04. Got To Be God 05. Warriors 06. In My Blood 07. Walk With Me Lord (Interlude) 08. Promised Land 09. My City (Feat. Busta Free & Albert Castigliani) 10. Cross The Line 11. Woahman (Feat. Melody Angel) 12. Mama 13. 40 25:40
Es fällt manchmal schwer, die passenden Worte in einem Konzertbericht zu finden, wenn diese, aus welchem Grund auch immer, in fast leeren Clubs stattfinden. Deshalb zunächst einmal das Positive, der Bericht über ein hörenswertes Konzert der südafrikanischen Band Watershed und danach eine Beschreibung der Situation für Clubs, Veranstalter und Bands in der derzeitigen Situation.
Gerade einmal etwa 40 Besucher hatten sich im Dortmunder Musiktheater Piano eingefunden, als Florian Lohoff die Gäste mit einem kurzweiligen Programm unterhielt. Er hatte schon vorher Samples eingespielt, zu denen er dann live die Gitarre einspielte und sang. Aus produktionstechnischen (evtl. auch aus monetären) Gründen, war nur diese Form möglich. Dennoch wurde seine soulig-rockige Musik mit einigen Funkelementen sehr gut aufgenommen.
Gegen 21:00 Uhr begannen dann die vier Südafrikaner, die vor etwa 22 Jahren mit „Indigo Girl“ einen beachtlichen Erfolg in Deutschland hatten. Im Vordergrund stand dabei der Gründer und Songwriter der Band, Craig Warren Hinds, mit seiner markanten Stimme, welche zuweilen an die alten REM oder auch an Coldplay erinnerte.
Die Band spielte dabei ein Repertoire aus Ihrer Anfangszeit, wo natürlich „Indigo Girl“ der am meisten erwartete Song war, bis zum aktuellen Album „Elephant In The Room“. Das Quratett allerdings auf diesen einen Song zu reduzieren, würde den Südafrikanern nicht gerecht werden. So kamen die neuen Stücke, unter anderem der Titelsong „Elephant In The Room“, „Close To You“ oder „African Stars“ bei den Fans bestens an, was sich auch am lautstarken Applaus und teilweise tanzendemn Mitgehen zeigte.
Die eingestreuten Coversongs „I’m On Fire“ von Bruce Springsteen und der Leonard Cohen-Klassiker „Halleluja“ legten die Bandbreite Hinds mit seiner Stimme offen. Dazu kamen seine guten Fähigkeiten als Entertainer, an der Akustikgitarre und auch am Piano. Einige Songs performte er nur dezent begleitet von Gitarristen Gideon Botes, wie auch die erste Zugabe „Flashligt“.
Dabei zauberte er zuweilen träumerische Stimmungen ins Musiktheater Piano. Für mich war aber die Version von „Watch The Rain“, als letzter Song vor den Zugaben, der absolute Höhepunkt. Über mehrere Minuten spielte die Band eine groovende Endlosschleife, in der Bassist Quintin Askes und Drummer Howie Combrink ihre Rhythmusfähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis stellen. Der musikalisch eindrucksvolle Abend wurde durch die Fannähe der Band abgerundet, die sich noch weit nach dem Ende des Konzertes mit den Fans am Merchandisingtand unterhielt.
Wer auf der Tour die Möglichkeit haben sollte, ein Konzert der Südafrikaner zu besuchen, sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen und Band wie Veranstalter und Club zu unterstützen. Wer auf Musik im Stile von Bands wie REM oder Coldplay steht, wird mit einem Besuch mit Sicherheit nicht daneben liegen. Oft werden kleine Schätze auch in den Clubs gefunden, denen leider im Moment oft die Unterstützung der Musikfans fehlt.
Zum Abschluss möchte ich aber meine Gedanken zur Situation gerade der Clubs beschreiben. In den letzten Wochen besuchte ich recht viele Konzerte, vom Yard Club in Köln, über die Kulturrampe in Krefeld, das Zentrum Altenberg in Oberhausen, das Resonanzwerk in Oberhausen, dem Musiktheater Piano in Dortmund, aber auch größere Venues, wie die Mitsubishi Electric HALLE in Düsseldorf, die Live Music Hall und die Lanxess Arena in Köln, sowie die Arena in Oberhausen und das Grolsch Blues Festival in Schöppingen.
Nur Schöppingen und die Live Music Hall mit Larkin Poe waren ausverkauft und BAP sorgte beim Heimspiel für eine fast volle Lanxess Arena. Joe Bonamassa oder Whitesnke sorgten für halbwegs ordentliche Besucherzahlen, dass vermutlich zumindest kein Verlust gemacht wurde.
Von den anderen Clubs kann das nicht unbedingt gesagt werden, da diese zuweilen von nur 8–60 Gästen präsent waren, dass eine Mischkalkulation, mit der die Konzerte zumindest kostenneutral über die Bühne gehen, nicht greifen konnte. Wo kaum Besucher sind, geht auch kein Geld über den Tresen, was auch ein wichtiger Faktor ist, die Angestellten in den Clubs zu bezahlen.
Wenn die Bereitschaft, Konzerte in den kleinen bis mittleren Locations zu besuchen, sich nicht gravierend ändert, besteht durchaus die Gefahr, dass es manche Clubs bald nicht mehr geben wird. Ist aber auch gar nicht so schlimm. Dann kann man ja die unpersönlichen Konzerte in den großen Arenen besuchen, wo die meisten Besucher die Band am Horizont erahnen können und dafür zum Teil unverschämte Preise zahlen.
Die Basis für die Musik sind die kleinen Clubs, aus denen sich die besten Bands hocharbeiten. Genau diese Möglichkeit wird mit einen Clubsterben genommen werden. Aber auch egal, dann kann man sich manche Bands ja so lange anschauen, bis deren Mitglieder im Rollstuhl auf die Bühne geschoben werden.
Was ging vor einem Jahr für ein Jammer durch die Gemeinde der Musikfreunde. Solidarität mit der Clubszene wurde zumindest mündlich ausgesprochen und dass der Staat unterstützen müsse. Dann kam es in diesem Jahr wieder zu Konzerten unter 3G-Bedingungen und da hörte man von so einigen lauten Stimmen, dass sie unter der Bevormundung nicht mehr zu Konzerten gehen.
Nun ist die Situation, dass praktisch alle einschränkenden Faktoren beendet sind, mit dem Ergebnis, dass die kleinen Clubs und Hallen oft nur zu 10–30 % gefüllt sind und in vielen der genannten Clubs fast kein Konzert mehr kostendeckend stattfinden kann. Ich frage mich mittlerweile, was Clubs und Veranstalter tun können, um wieder für mehr Zuspruch in den Läden zu sorgen.
Es liegt jetzt auch an den Musikfreunden, die Wohlfühloase der eigenen Coach zu verlassen und das Risiko einzugehen, Clubkonzerte zu besuchen. Es gibt genügend Möglichkeiten, das potentielle Risiko einer Infektionserkrankung oder deren Folgen zu reduzieren. Wenn es mit den Besuchen der Clubs so weitergeht, braucht man sich über die Risiken von Infektionen in Clubs keine Gedanken mehr zu machen, da es diese Kulturform dann nur noch rudimentär gibt.
Man kann man sich ja dann gestreamte Konzerte im Wohnzimmer anschauen. Vielleicht gibt es dann auch noch die Möglichkeit, dass die Musiker die Streams digital unterzeichnen. Wenn es so weitergeht, kann der Refrain des Neil Young-Songs „Hey Hey My My Rock´n´Roll Will Never Die“ in die Kategorie der Fakenews eingeordnet werden.
Hank Williams Jr. ist einer der letzten wahren Haudegen, der Outlaw Country- und Southern Rock-Szene. Geboren unter der musikalischen Bürde, sich als Sohn eines der beliebtesten Country-Musiker der USA profilieren zu müssen, ist es ihm schon frühzeitig gelungen, aus dem Schatten des Vaters herauszutreten. MIt „Rich White Honky Blues“ veröffentlicht er nun sein sage und schreibe 57. Studioalbum!
Für den Protagonisten, der während der langen Zeit ja schon durch so einige Tiefen gegangen ist, laufen die 20er-Jahre bis dato auch nicht gerade glücklich. Erst die Tochter bei einem tödlichen Autounfall verloren, dann das Ableben seiner Ehefrau Mary Jane Thomas, mit der er 31 Jahre verheiratet war, das steckt auch ein Hank Williams jr. vermutlich nicht so einfach weg.
Wie sooft dient dann eine musikalische Verarbeitung des Schmerzes als beste Medizin. Und was ist da besser geeignet als der Blues. Auf der Scheibe interpretiert er in Zusammenarbeit mit dem Produzenten Dan Auerbach (The Black Keys), Klassiker aus seinen eigenen Fundus und von Genre-Größen wie Robert Johnson, Lightnin‘ Hopkins, R.L. Burnside, Muddy Waters und Big Joe Turner.
Wenn man den Begleitinfos Glauben schenken darf, muss Williams am ersten Tag der Aufnahmen ziemlich mies gelaunt im Studio aufgetaucht sein („Ich habe keine Lust auf diesen Scheiß!“). Als er allerdings dann dem Slide-Gitarristen Kenny Brown, den R.L. Burnside mal als „seinen Adoptivsohn“ bezeichnete, dem Bassisten Eric Deaton und dem Schlagzeuger Kinney Kimbrough, dem Sohn der North Mississippi Blues-Legende Junior Kimbrough, bei ihrem Treiben zuhörte, war der Ehrgeiz dann wohl doch geweckt (oder sein oft in den Songs zitiertes Alter Ego Thunderhead Hawkins hatte ein Machtwort gesprochen).
Neun der insgesamt zwölf Stücke sind dann auch Paradebeispiele dafür, wie der Blues in den Südstaaten von weißen Musikern interpretiert wird. Charismatischer Gesang, routinierte Rhythmusgebung in allen Variationen und Tempi sowie E-Gitarren bis zum Abwinken, hier besonders als Freudenfest für Liebhaber des Slidespiels, das so gut wie in jeden Track mehrfach integriert ist, sei es mit Fills oder Soli.
Vieles erinnert mich an die frühen Zeiten von ZZ Top (u. a. „Georgia Woman“, „Short Haired Woman“, „Rock Me Baby“ oder das „Dust My Broom“-ähnliche „TV Mama“), das Titelstück „Rich White Honky Blues“ hat was von „T For Texas“ (in der Skynyrd-Variante).
Aus dem Rahmen fallen der Opener „44 Special Blues“, wo Hank in Countrymanier ohne sonstige Beigaben nur zu Akustikgitarrenbegleitung singt, der einzige ‚modern‘ klingende Song „I Like It When It’s Stormy“, ein echtes Southern Rock-Highlight und zugleich mein Favorit des Werkes und am Ende mit „Jesus Will You Come By Here“ ein typischer Gospel, in dem Williams den Erlöser bittet, ihm Gnade zu schenken, um Trost und Vergebung zu säen.
„Rich White Honky Blues“ beweist eindeutig, dass Hank Williams Jr. auch im Blues seine Hausaufgaben gemacht hat. Nach mürrischem Anfang merkt man mit zunehmender Dauer, wie er von Song zu Song mehr Spaß entwickelt, zum instrumentellen Wirken seiner Mitstreiter, den gewohnt großen Zampano zu markieren. Das Werk wurde dann letztendlich in nur drei Tagen eingespielt. Von Musik scheint tatsächlich eine verdammt große Heilungskraft auszugehen…
NASH Icon Records (2022) Stil: (Southern) Blues
01. 44 Special Blues 02. Georgia Woman 03. My Starter Won’t Start 04. Take Out Some Insurance 05. Rich White Honky Blues 06. Short Haired Woman 07. Fireman Ring The Bell 08. Rock Me Baby 09. I Like It When It’s Stormy 10. Call Me Thunderhead 11. TV Mama 12. Jesus Will You Come By Here
In Rheinberg, meiner Heimatstadt, in der ich jetzt 56 meiner insgesamt 59 Lenze wohnhaft bin, war am letzten Wochenende Stadtfest, das Corona-bedingt, jetzt schon diverse Male abgesagt worden war. Verlass beim musikalischen Rahmenprogramm war, wie sooft in der Vergangenheit, wieder mal auf die Ideenlosigkeit der kulturell Verantwortlichen in diesem Ort, die sich, wie gewohnt, überwiegend auf Amateur-Coverbands fokussiert hatten.
Gottseidank, gibt es (natürlich auch in Rheinberg, wir haben mit dem Schwarzen Adler und dem to hoop zwei gute Clubs) genug Menschen, die entsprechende Synapsen zu solchen Dingen in ihrer DNA verankert haben, einer davon ist sicherlich Markus ‚Pille‘ Peerlings, der mit seiner liebevoll und kreativ geführten Kulturrampe in Krefeld, trotz begrenzter Mittel, immer wieder für ein, von Diversität und hochklassigem Niveau geprägtes Angebot mit seinem Namen steht.
So war an diesem Abend die Entscheidung leicht, denn das aus Toronto, Kanada, stammende Septett Bywater Call hatte sich nach ihrem begeisternden Auftritt vor knapp 2 1/2 Jahren wieder an gleicher Stätte angesagt. Also klarer Fall, klimaneutraler Fingerabdruck hin oder her, statt die bequeme Variante zu Fuß in Rheinbergs Innenstadt zu wählen, ab ins 25 km entfernte Krefeld.
Ehrlicher Weise muss ich attestieren, dass während des Gigs auch nicht alles ganz rund lief. Die Band wirkte am vorletzten Abend ihrer ausgiebigen Europa-Tournee etwas ausgelaugt, die Fronterin Meghan Parnell schien gesundheitlich angeschlagen (sie hüstelte immer wieder und klammerte sich oft an ihr Wasserglas), es gab kleinere technische und spielerische Pannen, was aber guten den Gesamteindruck des Gigs absolut nicht in Frage stellen soll.
Bywater Call eröffneten mit „One Before“ und spielten sich im weiteren Verlauf durch ein zweiteiliges Set, das schon mit Stücken aus ihrem demnächst erscheinenden neuen Album „Remain“ (vor Ort konnte man es schon am Merchandisingstand erwerben) gespickt war. Ihr jam-soul-rockiger, spielfreudiger Stil auf Basis einer stimmstarken Frontfrau, erinnerte natürlich immer wieder an die Tedeschi Trucks Band.
Basierend auf starker Rhythmusgrundlage durch Drummer Bruce McCarthy und Mike Meusel (mit markantem Groove) konnte sich der Rest der Musiker in den instrumentellen Zwischenteilen immer wieder mit Soli profilieren. Gitarrist Dave Barnes, der mich rein optisch eine eine Kreuzung aus Derek Trucks und Robert Habeck erinnerte, griff natürlich auf die Trucks-typischen Slide-Soli zurück, die beiden Blasmusiker Stephen Dyte und Julian Nalli hatten auch Spaß am Betätigen der vor ihnen stehenden Cowballs, die sie hier und da als perkussive Unterstützung für McCarthy einsetzten.
Meine Favoriten des Abends waren die schöne Ballade „Remain“ und der BC-Song mit dem bislang wohl höchsten Wiedererkennungswert „Silver Lining“. Am Ende sammelten die Musiker nochmals alle ihre Kräfte und erfüllten die lautstark geforderte Zugabe der begeistert mitgehenden Rampenbesucher mit „AM“, wo alle Involvierten nochmals namentlich vorgestellt wurden und sich mit ihren Kurzsoli ‚in eigener Sache zeigen‘ konnten.
Am Ende stellte sich, trotz der kleinen marginalen Beanstandungen, die Entscheidung, Bywater Call in der Kulturrampe zu besuchen, als richtig heraus. Man sollte kreativen Acts immer den Vorzug vor Coverbands geben. Und das kann man in diesen urigen Clubs wie der Rampe einfach am besten!
Line-up: Meghan Parnell (lead vocals, percussion) Dave Barnes (guitar, bgv) Alan Zemaitis (keys, percussion, bgv) Mike Meusel (bass, bgv) Bruce McCarthy (drums) Stephen Dyte (trumpet, percussion, bgv) Julian Nalli (saxophone, percussion)
Nach ihren ersten beiden, mit viel Lob bedachten Alben („Night Turns Into Day“, 2017 und „Born A Rebel“, 2020), bringen die Niederländer von „Sweet Bourbon“ nun ihr erstes, im September letzten Jahres, live eingespieltes Album „Slippery Slopes“ heraus.
Die neun Tracks des Albums sind, von einer Ausnahme abgesehen, bekanntes Material aus den beiden Vorgängeralben, lediglich „Just A Silly Dream“ ist offenbar neu hinzugekommen.
Auch im Line-Up der Band hat sich eigentlich nichts Neues getan, außer dass von den drei Backgroundsängerinnen der „Bourbonnettes“ Laura van der Vange diesmal nicht mit von der Partie ist. Und so spielen sich die sieben Holländer:innen gut gelaunt durch ihr Repertoire, mal mit leicht funkigem Bass („Cool Down“), teils bluesig-jazzig-rockig („Kicked Me Out“) oder fröhlich mit lieblichem Backgroundgesang („Asked You A Question“), aber immer mit einem oft furios agierenden Willem van der Schoof an der Hammondorgel. Ansonsten sei an dieser Stelle auf die eingangs genannten Reviews der Vorgängeralben hingewiesen.
Schade, dass sich bis auf „Just A Silly Dream“, das mit einem leichtfüßigen Akustikgitarrenintro beginnt, keine neuen Songs auf dem Live-Longplayer finden. Und sicherlich hätte es der „Live-Scheibe“ auch gut getan, wäre die Atmosphäre des Livekonzertes tontechnisch besser eingefangen worden. Bis auf die schnell ausgeblendeten Beifallsbekundungen am Schluss der Songs und die Ansagen des Fronters René van Onna ist eigentlich nichts davon zu merken, dass es sich bei der Scheibe tatsächlich um einen Livemitschnitt handelt.
Wer sich lediglich einen Überblick über das Wirken der Truppe verschaffen möchte, ist mit dem Album ganz bestimmt gut bedient. Für diejenigen aber, die bereits eines der beiden Vorgängeralben (oder sogar beide) im Schrank stehen haben, bietet die Scheibe allerdings kaum Neues.
Label: Bourbon Records Stil: Blues, Bluesrock
Tracks: 01. Kicked Me Out 02. Cool Down 03. 2nd Wallstreet 04. Asked You A Question 05. Muddy Footprints 06. Born A Rebel 07. Swan 08. Just A Silly Dream 09. Texas Woman
Zum mittlerweile 29. Mal war das Künstlerdorf Schöppingen im Münsterland Austragungsort des Grolsch Blues Festivals. Wie schon in den letzten Jahren gelang es den Initiatoren des Kulturrings Schöppingen ein exquisites Programm über das Pfingstwochenende auf die Beine zu stellen.
Am zweiten Tag, samstags, öffneten sich die Tore des Geländes pünktlich um 13:00 Uhr und als der Australier Juzzie Smith planmäßig um 14:00 Uhr den Konzertreigen begann, war das Gelände schon gut gefüllt und die meisten der Festivalcamoer hatten den Weg vom nahegelegenen Zeltplatz dorthin gefunden.
Bei strahlenden Sonnenschein legte der Australier eine feine folkige Einmannshow hin, die seinen Ursprung als Straßenmusiker erkennen ließ und viele der Besucher in den Stehplatzbereich vor der Bühne lockte. Aber auch aus den Bereichen, von denen die Fans das Konzert auf mitgebrachten Camingstühlen verfolgten, hatte man durch das relativ steil ansteigende Gelände eine perfekte Sicht auf die Bühne.
Schön war, dass jedem Künstler in Punkto Auftrittszeit mit 75 Minuten, unabhängig vom Bekanntheitsgrad, dieselbe Wertschätzung entgegengebracht wurde. Nachdem der Australier seinen Set beendet hatte, leerte sich schnell der Bereich vor der Bühne und die am Rande des Geländes liegenden Gastronomiestände, insbesondere der für die Getränke waren dicht umlagert.
Hier muss dem Veranstalter ein Kompliment gemacht werden, dass die großteils ehrenamtlichen Helfer für nur kurze Wartezeiten sorgten und sogar auf ein Pfand für die Mehrwegbecher verzichtet wurde, und der Nachwuchs des Kulturrings eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung gefunden hatte, diese immer wieder einzusammeln und zurück zum Getränkestand zu bringen.
Nach 30 Minuten Umbaupause, die über den gesamten Tag minutiös eingehalten wurden, betrat Bai Kamara jr. & The Voodoo Sniffers die Bühne. Die Multikultitruppe, um den in Brüssel lebenden Sohn eines Botschafters aus Sierra Leone, legte eine Mischung aus Jazz, Soul und Blues hin, die auch durch traditionelle Einflüsse afrikanischer Musik, die Zuschauer schnell in ihren Bann zog.
Flankiert von seinen beiden Gitarristen Julien Tassin und Tom Beardslee, die sich in der Rhythmus- und Soloarbeit abwechselten, hatte Kamara, der neben den Lead Vocals bei den meisten Songs mit der akustische Gitarre für einen vollen Sound sorgte, schnell für gute Stimmung bei den Besuchern gesorgt, was sich auch durch das rhythmische Mitgehen der Fans vor der Bühne zeigte.
Eine starke Grundlage für den Sound legte die Rhythmusarbeit der beiden afrikanischen Musiker Desiré Somé am Bass und Drummer Boris Tchango. Eine nette Geste der Band war, dass sie für die letzten Songs Juzzie Smith auf die Bühne baten, der die Songs mit der Mundharmonika bereicherte.
Um 17:30 Uhr betrat dann Jamiah Rogers mit seiner Band bei immer noch sommerlichen Temperaturen die Bühne. Der aus Chicago stammende Musiker sorgte mit seinem Auftritt dafür, dass die Stimmung nahezu den Siedepunkt erreichte.
Dass Jimmy Hendrix eines seiner großen Vorbilder ist, zeigte sich nicht nur daran, dass er zwei seiner Hits, unter anderem „Hey Joe“ coverte, sondern auch an seiner Art, wie er die Gitarre in verschiedensten Posen bearbeitete: Ob mit Zunge oder Zähnen die Saiten anzuschlagen oder diese zwischen den Beinen zu bespielen, schien er zuweilen eins mit seinem Instrument zu werden und zupfte sich zuweilen scheinbar in einen Rausch.
Unterstützt wurde er dabei von seinem Drummer Dionte McMusick und vom Bassisten Aidan Epstein, die mit ihren gut abgestimmten Sound dafür sorgten, dass sich der Bandleader auf der Bühne regelrecht austoben konnte und dabei so manchen Meter auf der Bühne zurücklegte.
Gegen Ende der Show, zeigte Jamiah Rogers noch, dass der Beatles-Song „Come Together“ auch als harte Bluesnummer im Stile eines Jimmy Hendrix begeistern kann. Nach 75 Minuten Vollgas auf der Bühne, mit einer zwischenzeitlichen Stärkung durch einen Becher Whiskey, beendete das Trio ein furioses Konzert, was so manchen staunenden Fan zurückließ und damit für die nachfolgenden Künstler die Messlatte hoch anlegte.
Der aufstrebenden kanadischen Multiinstrumentalistin Angelique Francis gelang es mit ihrer Band nach dem vorhergehenden furiosen Set von Rogers schnell die Fans mit ihrer soulig-bluesigen Musik, mit zuweilen funkigen Passagen, in den Bann zu ziehen.
Durchaus charmant war ihre Interaktion mit den Fans zwischen den Songs, dass sie die Besucher schon zu Beginn des Gigs regelrecht eingefangen hatte und im Stehplatzbereich im Takt der Musik mitgetanzt wurde. Bei den meisten Tracks spielte Francis wechselweise einen elektrischen Bass oder einen Kontrabass und nebenbei auch Mundharmonika.
Bei einem Song schnappte sie sich eine akustischen Gitarre und zeigte eine weitere Facette ihres instrumentellen Spektrums. Auch stimmlich konnte die junge Kanadierin mit einer großen auch souligen Bandbreite überzeugen. Unterstützt wurde sie von Kira Francis an der Posaune, Kharincia Francis am Saxofon, die auch beide Backgroundvoices beisteuerten und mit Tanzeinlagen die Besucher zum Mitgehen animierten.
Hier hatte ich allerdings den Eindruck, dass beide etwas lauter hätten abgemischt werden können, genau wie Gitarrist Dave Willianson, der mit feinen Soli glänzen konnte. Sobald aber der kräftige Gesang Francis einsetzte, kam er nur noch sehr schwer differenziert durch.
Dies ist aber ein Jammern auf hohem Niveau, es hätten aber noch einige Akzente gesetzt werden können. Ed Lister an den Keyboards untermalte die Musik in vielen Stücken, unterstützte aber auch mit der Trompete. Last but not least sei auch Drummer Kiran Francis, der „Oldie“ der Band, genannt, der mit seinem schnörkellosen Drumspiel gewissermaßen dafür sorgte, dass alles im Takt blieb. In der Form wird Francis im Genre Blues/Soul ihren Weg gehen wird, wobei sie in einem Song bewies, dass auch Kanadier den Reggae im Blut haben können.
Pünktlich um 21:00 Uhr betrat dann Ronnie Baker Brooks bei sich langsam senkender Sonne mit seinem Quartett die Bühne. Schnell sprang der Funke von der Band auf das Publikum über, welches dank der rockigen Bluesnummern nicht mit Applaus sparte.
Brooks glänzte mit etlichen Bluessoli und beieindruckte die Besucher mit seiner ausdrucksstarken kräftigen Stimme. Ihm wie auch seinen Begleitern war anzusehen, wie sie die Stimmung im Publikum regelrecht aufsaugten. Doch was wäre der Fronter ohne die Band. Keyboarder Daryl Coutts glänzte mit etlichen Soloeinlagen und legte oft einen milden Klangteppich über die Songs und unterstützte Brooks im Backgroundgesang.
Stark auch die Rhythmussektion um den zuweilen in sich gekehrt scheinenden Basser Phil Castleberry, der mit einer Ruhe und Entspanntheit seinen Tieftöner bearbeitete und Drummer Chris Singleton, der oft mit einem Lächeln im Gesicht die Drums beackerte.
Einer der stimmungsmäßigen Höhepunkte war, als Brooks sich in einem der letzten Songs seine Gitarre spielend von der Bühne ging, um sich in einer langen Runde ins Publikum zu begeben und erst nach einigen Minuten wieder auf der Bühne zurückzukehren. So kann Fannähe auch gelebt werden. Tricky war auch, den Rolling Stones-Klassiker „Satisfaction“ im Stile des Chicago Blues zu zelebrieren. Zum Sonnenuntergang beendete Brooks dann auch ein starkes Set und es begann der Umbau für den letzten Act des Tages.
Zu später Stunde, um Viertel vor Elf betrat die kanadische Band The Sheepdogs unter dem Applaus der Fans die Bühne. Gerade den eingefleischten Bluesfans mag deren Gitarrist Jimmy Bowskill ein Begriff sein, der vor Jahren auch schon bei Rufs Bluescaravan mitwirkte.
Die Kanadier, die durch eine, vor den Keyboards aufgehängte Fahne von Saskatchewan die besondere Verbundenheit zu ihrer Heimat zeigten, auf Bowskill zu reduzieren, wird der Band allerdings nicht gerecht. In den folgenden 75 Minuten entfernte sich das Festival vom eigentlichen Blues und es folgte ein Southern Rock-umwobenes Konzert mit Folk- und Blueseinflüssen, das von den Anwesenden aber enthusiastisch angenommen wurde, wodurch der Beweis erbracht wurde, dass die genannten Sparten sehr eng miteinander verbunden sind.
Optisch standen Gitarrist Ewan Currie, der für den Leadgesang verantwortlich war und Jimmy Bowskill mit variablen Gitarrensoli und vereinzeltem Leadgesang im Vordergrund. Alle anderen Musiker steuerten auch Backgroundgesang bei und sorgten so für tolle Harmoniegesänge.
Ryan Gullan gesellte sich mit seinen Bass immer wieder zu den beiden Frontern und legten den einen oder anderen fetten Basslauf, entsprechend posend auf die Bühne. Sam Corbett drumte sich mit einer Gelassenheit durch das Set und bewies, dass ein starker Drummer auch mit einem ruhigen Händchen glänzen und den Rhythmus angeben kann, um zwischendurch auch regelrecht zu explodieren.
Ein besonderer Moment war auch, als er den Platz mit Ewan Curries Bruder Shamus an den Keyboards tauschte. Shamus Currie, der ansonsten mit den Keyboards für einen vollen Sound sorgte, spielte aber zwischendurch neben den Keyboards noch die dritte Gitarre, was die große Flexibilität der beiden Musiker offenbarte.
Am Ende des Konzertes sorgte der frenetische Applaus der Besucher mit Zugabeforderungen dafür, dass die Kanadier noch einmal die Bühne betraten und nach Mitternacht eine letzte Nummer nachlegten. In der Form, die das Quintett an den Tag legte und auch schon in den bisherigen Alben aufzeigte, brauchen sich die Southern Rock-Fans um das Bestehen dieser Musiksparte keine Sorgen zu machen, wenn die Dinos der Szene langsam abtreten.
So fand ein toller Bluesabend einen würdigen Abschluss, an den sich manche der Anwesenden mit Sicherheit gerne zurückerinnern werden. Ein besonderer Dank gilt dem Veranstalter, dem Kulturring Schöppingen, der solch ein großartiges Festival mit seinen ehrenamtlichen Helfern auf die Beine gestellt hat, den großartigen Künstlern, den entspannten und umsichtigen Securitymitarbeitern, aber auch den Besuchern, die mit ihrem relaxten als auch begeisternden Verhalten, einen Beitrag am Gelingen dieses Tages hatten.
Man kann gespannt sein, wen die Veranstalter im nächsten Jahr aus dem Hut zaubern. Weiter so! Der Artikel entstand in Kooperation mit dem eclipsed ROCK MAGAZIN.
Line-up der Bands vom Samstag:
Juzzie Smith: Juzzie Smith – Gitarre, Harp, Vocals Bai Kamara jr. & The Voodoo Sniffers: Bai Kamara Jr. – Gitarre / Gesang Boris Tchango – Drums / backing vocal Julien Tassin – Gitarre / backing vocal Tom Beardslee – Gitarre / backing vocal Desiré Somé – Bass / backing vocal Jamiah Rogers: Jamiah Rogers – guitar vocals Aidan Epstein – Bass Dionte McMusick – Drums Angelique Francis: Angelique Francis – Kontrabass/Harmonika/akustische Gitarre/Gesang Ed Lister – Keyboards/Trompete Kharincia Francis – Bariton Saxophone Kira Francis – Posaune Dave Willianson – Gitarre Kiran Francis – Schlagzeug Ronnie Baker Brooks: Ronnie Baker Brooks – guitar, vocals Daryl Coutts – Keyboards, Vocals Chris Singleton – Drums Phil Castleberry – Bass The Sheepdogs: Ewan Currie – Gitarre, Gesang Jimmy Bowskill – Gitarre, Gesang Ryan Gullen – Bass Sam Corbett – Schlagzeug Shamus Currie – Posaune, Keyboards, Tambourine
Wie so oft bei Musik, die wir in diesem Magazin besprechen, hat der Protagonist die musikalischen Gene schon mit in die Wiege gelegt bekommen. Im Fall von Johnny Sansone durch den Vater, der Saxofonist in der Dave Brubeck Band gewesen war und diese Instrument auch dem Sohnemann schon mit acht Jahren ans Herz legte.
Johnny interessierte sich nach dem Besuch eines Howlin‘ Wolf-Konzerts aber mehr für die Gitarre und Mundharmonika, letztere studierte er dann auch intensiv, wobei Junior Wells und James Cotton als Vorbilder fungierten.
Der zunächst weit-gereiste Musiker wurde dann seit 1990 in New Orleans sesshaft und kann mittlerweile inklusive des jetzt aktuellen „Into Your Blues“ auf elf Studiowerke und und zwei Live-Platten verweisen.
Die neue Scheibe „Into Your Blues“ beginnt mit den beiden herrlich soulig-bluesigen „Into Your Blues“ und „Desperation“ (mit grandiosen E- und Saxofon-Soli), unterbrochen von der bissigen Rhythm And Blues-Nummer „Pay For This Song“, furios, driftet dann aber mit den Gastpräsenzen von Jason Ricci (da gibt es ein regelrechtes Harpduell der beiden Mundharmonika-Könner) und Little Freddie King (der nuschelt sich in Storytelling-Manier bei „Willie’s Juke Joint“ was zusammen) im weiteren Verlauf in einen routinierten, sehr stark von Sansones fiepigem Harpspiel geprägten Blues ab, mal mit swingenden („The Getaway“), als auch psychedelischen Elementen („New Crossroads“, „Single Room“).
Aufseher sind hier noch die einsetzenden weiblichen Backgroundvocals von Tifany Pollock bei „People Like You And Me“ und „Something Good Going On“. Mit dem aus dem Rahmen fallenden Instrumentalstück „Southern Dream“, eine Art Dialog von Akustik- und E-Gitarre, wird mit einem dezenten „Melissa“-Veranda-Flair ein relaxter Abschluss vollzogen.
Johnny Sansones elftes Album „Into Your Blues“ ist ein authentisches Album besonders für Harp-liebende Blues-Puristen. Mitgewirkt haben neben dem Hauptakteur gewiefte Musiker, die spürbar ihr Blues-Handwerk verstehen. Es wäre somit schön, wenn sich, ganz im Sinne des zweiten Tracks „Pay For This Song“, viele Leute dieses Werk zulegen würden.
Shorts Stack Records (2022) Stil: Blues
Tracks: 01. Into Your Blues 02. Pay For This Song 03. Desperation 04. Blowin‘ Fire 05. Willie’s Juke Joint 06. People Like You And Me 07. The Getaway 08. New Crossroads 09. Something Good Going On 10. Single Room 11. Southern Dream
„In meiner sechzehnjährigen Karriere war ich noch nie stolzer auf eine Reihe von Songs, weder textlich noch stilistisch. Sie haben Gewicht, aber sie sind nicht beschwert. Es ist eine traurige Platte, die einem ein gutes Gefühl gibt.“ Mit diesen Worten beschreibt BJ Barham sein neues Album „Chicamacomico“, das er mit seiner Band American Aquarium einspielte. Nun ist immer Vorsicht geboten, wenn Musiker über ihr aktuelles Werk sprechen. Tendenziell ist es stets das beste ihrer Karriere. Im Falle von „Chicamacomico“ bin ich aber geneigt, der Einschätzung von Barham zu folgen.
Mit der CD legt American Aquarium den insgesamt stärksten Longplayer der Bandgeschichte vor, bei dem jeder Song ein ziemlich hohes Niveau hält. Auf ihren früheren Veröffentlichungen finden sich zwar herausragende Songs, die als Einzeltitel die neuen Tracks toppen, als Gesamtwerk ist „Chicamacomico“ allerdings die erste Wahl aus dem Bandkatalog, auch wenn es mit seinen zehn Tracks nur auf eine gute halbe Stunde Spielzeit kommt.
Die Songtexte handeln von Verlust, Trennung und Abschied. Jede Textzeile wirkt authentisch und persönlich. Die aufgegriffenen Situationen, wie beispielsweise der Tod von Familienangehörigen oder das Ende von Beziehungen, durchlebt wohl jeder Mensch, daher haben die Texte etwas allgemeingültiges. Die Gefühle und Gedanken, an denen uns Barham teilhaben lässt, zeugen von einer hohen Sensibilität und einer schonungslosen Reflexivität. Diese wird beispielsweise bei „Little Things“ deutlich, wenn er davon singt, wie sich sein Selbstverständnis im Laufe der Zeit wandelte. Verstand er sich früher als Musiker mit Familie, fühlt er sich nun als Vater und Ehemann, der Musik macht. In den nuancierten Lyrics liegt ein Grund, warum Barham zu den besten Songwritern seiner Generation zählt.
Die Kraft der Musik, die helfen kann, mit dem Leiden an dem Schicksal umzugehen, beschwört er beim abschließenden „All I Needed“. Der Schlusstrack ist zugleich das rockigste Stück auf der CD. Bei „Built To Last“ schlagen American Aquarium ebenfalls kräftigere Töne an, ansonsten bewegt sich das Album in ruhigen Gefilden. Nicht nur thematisch, auch musikalisch stellt sich „Chicamacomico“ daher als sehr homogen dar. Die einzelnen Songs bleiben dennoch gut unterscheidbar, was vor allem an den eingängigen und ausgefeilten Refrains liegt. Unterstützung beim Songwriting holte sich Barham bei Lori McKenna und Hayes Carll.
Jeder Titel entwickelt seinen eigenen Reiz, der mit mehrmaligen Hören noch wächst. Daher bleibt es eigentlich überflüssig, einzelne hervorzuheben. Bei den ersten Durchläufen fallen „Little Things“ und „Wildfire“ auf. Mittlerweile sprechen mich der Titeltrack sowie „The First Year“ besonders an. Bei dem vorangegangenen Album „Lamentations“ (2020) fuhren American Aquarium bereits die Country-Einflüsse zurück. Auf „Chicamacomico“ sind sie minimiert – am deutlichsten noch bei „Just Close Enough“ durchscheinend – und auch die Pedal Steel ist insgesamt nicht mehr so dominant wie auf einigen früheren Werken. Gesanglich zeigt sich Barham auf der Höhe und setzt mit ihm überraschende Akzente („The Hardest Thing“).
Das Line-Up von American Aquarium weist wenig Kontinuität auf. Als derzeitige Mitglieder begleiten Zack Brown (Klavier), Bill Corbin (Bass), Colin DiMeo (Gitarre), Ryan Johson (Gitarre), Kevin McClain (Schlagzeug) und Whit Wright (Pedal Steel) Barham bei seinem Bandprojekt. Brad Cook löst Shooter Jennings, der beim sozialkritischen „Lamentations“ mitarbeitete, als Produzent ab.
Mit „Chicamacomico“ ist American Aquarium, der Band von BJ Barham, ein Geniestreich gelungen. Wie das Cover zunächst unscheinbar wirkend entwickelt jeder einzelne Song bei näherer Betrachtung Tiefe. Trotz der schweren Thematik, die um Verluste kreist, hat das Werk eine reinigende und befreiende Wirkung jenseits aller Durchhalteparolen. Die Konstanz der Songqualität macht „Chicamacomico“ zum bislang gelungensten Longplayer von American Aquarium und wahrscheinlich auch zum besten Americana-Album dieses Jahres.
Losing Side Records – Thirty Tigers/Membran (2022) Stil: Americana
Tracks: 01. Chicamacomico 02. Little Things 03. Just Close Enough 04. The First Year 05. Built To Last 06. Wildfire 07. The Things We Lost Along The Way 08. Waking Up The Echoes 09. The Hardest Thing 10. All I Needed
Was macht man so, wenn man als Musikerin während einer Pandemie zuhause sitzt? Anscheinend googelt man sich selbst. Patty Griffin jedenfalls durchforstete das Internet, speziell diverse Streaming-Dienste, nach Treffern ihrer Stücke. Vor allem Playlists von raren Tracks weckten ihr Interesse. Was sie dort fand, riss sie zwar nicht vom Hocker, inspirierte sie aber, sich ihr persönliches Archiv vorzunehmen. Dort stieß sie auf einige Songs, die in Vergessenheit geraten waren und von denen sie denkt, dass sie nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. So wurde der Grundstein zu „Tape – Home Recordings & Rarities“ gelegt.
Letztlich schafften es zehn Titel auf das Album. Sie stammen von Heimaufnahmen, teilweise mit Band, und einer Studio-Demosession in Nashville. Die Klangqualität ist vielleicht nicht durchgehend perfekt, aber Griffin kommt es auf das Gefühl an, das die Aufnahmen rüberbringen. Dieses bei einer Performance zu aktivieren, fällt ihr nach eigener Aussage alleine leichter als in einem Studio mit etlichen anderen, technikfixierten Personen. Viele Songs transportieren tatsächlich eine intime Stimmung, unabhängig davon, ob sie sich am Klavier oder der akustischen Gitarre begleitet.
Bei den Stücken, die mit dem Klavier eingespielt wurden, entwickelt „Night“ eine besondere Atmosphäre, wobei „Forever Shall Be“ und „Sundown“ ihm nicht viel nachstehen. Aus meiner Sicht verzichtbar wäre das instrumentelle „Octaves“ gewesen. Soundtechnisch eine Nuance schwächer erscheinen die Tracks mit akustischer Gitarrenbegleitung. Vom Song her gesehen überzeugt vor allem „Get Lucky“ und wurde zu Recht als erster ausgekoppelt. Gelungen ist ebenso die Ballade „Kiss Of A Man“, bei der deutlich wird, warum Griffin als renommierte Folksängerin und Songschreiberin gilt.
Das kurze und flottere „Strip Of The Night“ sowie „One Day We Could“ sorgen dafür, dass sich die Anzahl der durch Gitarre beziehungsweise Klavier begleiteten Titel die Waage hält. Hinzu kommen noch zwei mit Band eingespielte Stücke. „Don’t Mind“ sticht auf dem Album heraus. Der Blues lebt von der Orgel, die den Song dominiert. „Little Yellow House“ passt sich hingegen nahtlos in den Kanon der übrigen Balladen ein.
Die mehrfach ausgezeichnete Musikerin aus Maine arbeitete bereits mit Emmylou Harris, Robert Plant und Buddy Miller zusammen. Mit The Chicks geht Griffin diesen Sommer erneut auf Tour und beteiligt sich ebenso bei Rodney Crowells Songwriting Camp in Nashville. Während der Konzertreise durch die USA verkauft sie eine limitierte Edition von „Tape“ stilecht als Audiocassette. Die europäischen Fans werden es schwer haben, an dieses Sammlerstück zu kommen.
In Ergänzung und zur Komplettierung der Sammlung richtet sich „Tape – Home Recordings & Rarities“ in erster Linie an die langjährigen Fans von Patty Griffin. Aus ihrem Privatarchiv stellt sie zehn, zumeist auf die Begleitung durch Gitarre oder Klavier reduzierte Songs zusammen, die sie unverstellt von ihrer sensiblen Songwriter-Seite zeigen. Für diejenigen, die mit Griffins Werk nicht so vertraut sind, stellt der Griff zu ihrem Debüt „Living With Ghosts“ aus dem Jahr 1996 die bevorzugte Wahl dar.
Tracks: 01. Get Lucky 02. One Day We Could 03. Strip of Light 04. Don’t Mind 05. Sundown 06. Little Yellow House 07. Night 08. Kiss of a Man 09. Octaves 10. Forever Shall Be