Dr. John – Things Happen That Way – CD-Review

Review: Michael Segets

Malcolm John Rebennack Jr. verstarb am 6. Juni 2019. Als Dr. John sicherte er sich einen Platz in den Musikannalen. Der vielfach ausgezeichnete Musiker aus New Orleans ließ sich stilistisch nie genau festlegen. Er prägte die Bezeichnung Voodoo-Rock und widmete sich dem Blues, dem Funk und dem Jazz. Der Country spielte in seinem künstlerischen Schaffen kaum eine Rolle, allerdings hegte er schon länger den Plan, einen Longplayer aufzunehmen, bei dem er den Country als Inspirationsquelle nutzt.

Gut zwei Jahre nach seinem Tod erscheint nun „Things Happen That Way“, das quasi letzte Studioalbum von Dr. John. Sechs Coverversionen und vier Eigenkompositionen, die er meist in Zusammenarbeit mit seinem Gitarristen Shane Theriot schrieb, umfasst sein finales Werk. Obwohl Dr. John einige Klassiker des Country einspielt, ist der Longplayer letztlich eine Bluesscheibe, dessen Review vielleicht beim Kollegen Schneider in besseren Händen gewesen wäre.

„I’m So Lonesome I Could Cry“ lässt als einziges Stück deutlich erkennen, dass es aus der Country-Ecke stammt. Dr. John brummt mit tiefer Stimme den bekannten Text. Mit „Ramblin‘ Man“ berücksichtigt Dr. John einen weitere Song, der von Hank Williams stammt, und performt ihn schön erdig. Mit etwas gutem Willen kann die Interpretation des Titeltracks „Things Happen That Way“ ebenfalls noch dem Country-Genre zugeordnet werden. Der Song wurde zuerst von Johnny Cash veröffentlicht.

Obwohl auf dem Traditional „Gimme That Old Time Religion“ die Country-Ikone Willie Nelson mitsingt und ein Gitarrensolo beisteuert entpuppt sich die Version von Dr. John gleichfalls als Blues. Auch der Evergreen von Willie Nelson „Ain’t It Funny How Time Slips Away“ kann kaum mehr als Country bezeichnet werden. Mit seinem Klavier und der Bläsersektion interpretiert Dr. John ihn erstklassig, entspannt groovend. Lukas Nelson begleitet mit seiner Band Promise Of The Real Dr. John bei der Neueinspielung von „I Walk On Guilded Splinters“. Der Sohn von Willie wildert bei dem eher sphärisch angelegten Song in für ihn ungewohnten Regionen. Das Original nahm Dr. John bereits 1968 auf.

„End Of The Line“, einen der bekanntesten Songs von The Traveling Wilburys, transformiert Dr. John so, dass er sich deutlich von der ursprünglichen Version unterscheidet. Beibehalten hat er den mehrstimmigen Gesang im Refrain. Für diesen holte er sich Aaron Neville und Katie Pruitt ins Boot. Pruitt übernimmt auch bei „Holy Water“ zentrale Gesangsparts und rückt das Stück in Richtung Gospel. Der Track stammt ebenso wie die lockere Uptempo-Nummer „Sleeping Dogs Best Left Alone“ und das gleichförmige „Give Myself A Good Talkin‘ To“ aus der Feder von Dr. John.

Die durch die Songauswahl geschürte Erwartung, dass Dr. John posthum ein Country-Album vorlegt, erfüllt sich nicht. Er verwandelt stattdessen die ausgewählten Klassiker des Genres in Bluestitel, sodass sie sich nahtlos mit seinen Eigenkompositionen verbinden. Dr. John war ein kreativer Kopf, der unterschiedliche Musikrichtungen verarbeitete und in seinen eigenen Stil intergierte. „Things Happen That Way“ ist dafür ein letztes Zeugnis.

Rounder Records-Concord/Universal Music (2022)
Stil: Blues

Tracks:
01. Ain’t It Funny How Time Slips Away
02. Ramblin’ Man
03. Gimme That Old Time Religion
04. I Walk On Guilded Splinters
05. I’m so Lonesome
06. End Of The Line
07. Holy Water
08. Sleeping Dogs Best Left Alone
09. Give Myself A Good Talkin’ To
10. Guess Things Happen That Way

Dr. John
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Sunny Sweeney – Married Alone – CD-Review

Mit ihrem 5. Studiowerk „Married Alone“ serviert uns die aus Houston, Texas stammende Sunny Sweeney ein echtes Heartbreak-Album, was man auch schon auf den ersten Anblick der Titel erahnen kann. Sie setzt sich ungemein authentisch mit dem Vor und Danach ihrer zweiten Scheidung auseinander und tut dies auf ungemein erfrischende Weise. Da ist alles an den damit typisch verbundenen Gefühlen enthalten, aber auch immer mit einer Portion Humor und Selbstironie garniert.

Sweeney hat zehn der insgesamt zwölf Tracks mitkreiert, was dem Ganzen dann halt auch eine gewisse Glaubwürdigkeit verleiht. Produziert haben Beau Bedford und der vom geschätzten Kollegen Segets bereits intensiv begutachtete Paul Cauthen, die dem Werk die passende musikalische Brillanz verabreicht haben. Ganz stark, was die mit ihnen involvierten Musiker hier leisten.

Die Scheibe beginnt mit dem herrlichen, nach einem Frust-One-Night-Stand anmutenden Outlaw-Schunkler „Tie Me Up“, wo die Protagonistin am Ende selbstbewusst die Ansage macht: „You can tie me up, but baby, you can’t tie me down!“. Beim mit einem herrlichen Fleetwood Mac-Vibe unterlegten „Easy As Hello“ erklärt sie in geflügelten Worten warum das ‚Goodbye‘ nicht so einfach wie das ‚Hallo‘ ist. Einer meiner beiden Lieblingssongs des Lonplayers.

Ausgerechnet das zunächst paradox anmutende Titelstück „Married Alone“ stammt nicht aus ihrer Feder. Das von einer Freundin vorgestellte Stück gefiel ihr aber direkt so gut, dass sie sich sofort die Rechte sicherte. Für den Song gewann sie dann noch Vince Gill, der hier mal wieder harmoniegesangstechnisch Bitter-Süßholz der Extraklasse raspelt. Herrlich, wenn die beiden beim mit weinender Steel begleiteten Waltz-Schmachtfetzen „…there may be rings on our fingers, but we’re married alone“, im Gesang leicht versetzt, zusammen seufzen. 

Und so geht es dann im weiteren Verlauf, mal mit zünftigeren Nummern wie dem von Jim Lauderdale unterstützten „Someday You’ll Call My Name“ oder „Leaving is My Middle Name“ im schönen Wechsel mit traditionellen Countryheulern der Marke „How’d I End Up Lonely Again“, „A Song Can’t Fix Everything“ oder Still Here“ und einigen geschickt dazwischen gestellten Liedern als Verbindungsstücken, unterhaltsam weiter.

Toll ist hier das mit hallender Orgel und grummelden Bariton-E-Gitarren, western-mäßig beginnende, dann aber in einen poppigen Refrain mündende „Want You To Miss Me“ oder das mit Bläsern versetzte, bluesige „Wasting One On You“, die im Endviertel dann noch vom Neil Young (der wird auch namentlich im Song erwähnt) beeinflussten, grandiosen „All I Need“ (hier singt sie mit frecher Stimme zu blecherner E Gitarre und Banjo „…I need falling in love with you like a hole in my head…, you are all that I want, all that I don’t need“), noch getoppt werden. Ein Aspirant bei mir für den Song des Jahres.

Sunny Sweeney münzt mit ihrem neuen Werk „Married Alone“ negative Erlebnisse und Gefühle in positive Kreativenergie um und liefert ein absolutes Killer-Album ab, das am Ende auch ganz oben im Jahresranking liegen wird. Ihr und dem Produzentenduo Bedford-Cauthen sowie den Musikern ist eine wunderbare Balance zwischen traditionellen Coutnrysongs und modernen Roots-/New Countrytracks gelungen, ohne dabei primär die Charts im Blickwinkel zu haben. Es wäre ihr allerdings zu wünschen, dass es in Zukunft auch unter angenehmeren Umständen zu solchen Klasseleistungen kommen wird. Absolute  Kaufempfehlung!

Aunt Daddy Records (2022)
Stil: Country

Tracks:
01. Tie Me Up
02. Easy As Hello
03. Married Alone (feat. Vince Gill)
04. Someday You’ll Call My Name
05. How’d I End Up Lonely Again
06. A Song Can’t Fix Everything (feat. Paul Cauthen)
07. Want You To Miss Me
08. Wasting One On You
09. Fool Like Me
10. All I Don’t Need
11. Leaving is My Middle Name
12. Still Here

Sunny Sweeney
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Nikki Lane – Denim & Diamonds – CD-Review

Review: Michael Segets

Nach „Highway Queen” (2017) verspürte Nikki Lane erst mal keine Lust mehr, ein weiteres Album aufzunehmen. Stattdessen widmete sie sich Ihrem Vintage-Laden. Ganz vom Musikgeschäft sagte sie sich aber nicht los, sondern arbeitete in der Zwischenzeit mit einigen Künstlern wie Lana Del Rey und Brent Cobb zusammen. Vor zwei Jahren führte ein Telefonat zwischen ihr und Joshua Homme zu dem Plan, einen neuen Longplayer in Angriff zu nehmen. Mit Homme als Produzenten fühlte sich Lane motiviert, ihre schlummernden Ideen zu konkretisieren und in neue Songs zu gießen. Als Ergebnis finden sich auf „Denim & Diamonds“ nun zehn von Lane – teilweise in Kollaboration mit Homme, Gabe Simon und Alain Moschulski – geschriebene Stücke.

Homme stellte sein Pink Duck Studio im kalifornischen Burbank als Aufnahmeort zur Verfügung und engagierte mit Alain Johannes, Dean Fertita und Michael Shuman seine Bandkollegen der Queens of the Stone Age. Mit von der Partie sind ebenso Matt Helders (Arctic Monkeys), Carla Azar (Autolux, Jack White) und Matthew Pynn (Dwight Yoakam, Miley Cyrus). Die deutlichsten soundtechnischen Spuren hinterlässt Homme wohl auf dem Titeltrack. Insgesamt versuchte er Impulse in Richtung Rock’n Roll zu setzen.

Tatsächlich sind auf der Scheibe einige frische, gradlinige roots-rockige Nummern vertreten. Die klassischen Riffs auf „Born Tough“ sowie die beiden Singles „First High“ und „Black Widow“ sprechen da eine klare Sprache. Auch „Try Harder“ hat einen rockigen Einschlag, obwohl Lane den Song etwas langsamer anlegt. Mit seinem eingängigen Refrain geht er direkt ins Ohr und zählt ebenfalls zu den Beiträgen, bei denen die Qualität von Lanes Songwriting offenkundig ist.

Wurde Lane früher als moderne Vertreterin des Outlaw-Country gehandelt, die auch eine Affinität zum Rock hat, stehen die Verbindungen zum Country auf „Denim & Diamonds“ nicht im Vordergrund. Zwar klingen diese gelegentlich an, wie bei „Pass It Down“, aber lediglich mit „Good Enough“ hat ein reines Country-Stück den Weg auf das Album gefunden. Die countryfizierten Titel zählen ebenso wie das etwas dramatisch geratene „Chimayo“ allerdings nicht zu meinen Favoriten.

Die ruhigeren Songs sind eher dem Americana zuzuordnen. „Live/Love“ sticht durch die Mandoline heraus. Zudem punktet Lane hier erneut mit dem Refrain. Sie legt zudem mit „Faded“ eine wunderbar gefühlvolle Ballade vor. In einem Vers des Songs spricht sie davon, dass ihr Zerstörung im Blut liegt. Ob dies so ist, weiß ich natürlich nicht, aber Erwartungen und Konventionen scheinen sie wenig zu stören. Lanes Lebensweg verlief jedenfalls nicht gradlinig. Sie rieb sich an der Religion, die in ihrem Elternhaus eine Rolle spielte, verließ früh die Schule und versuchte sich als Designerin, bevor sie zur Musik fand.

Wenn man sich Lanes Portrait auf dem Cover ansieht, mit dem neckischen Hütchen, dem braven Pony auf der einen Seite und den knallroten Lippen, dem traurigen Blick der kalten blauen Augen auf der anderen Seite, dann lässt sich eine gewisse Widersprüchlichkeit nicht leugnen. Aber diese Widersprüchlichkeiten machen Menschen interessant und sind womöglich ein Antrieb dafür, Kunst zu schaffen.

In den Texten setzt sich Lane mit Widerständen in ihrer Jugend auseinander, die aber nicht nur schlecht war, wie sie sich bei „First High“ erinnert. Wer wünscht sich nicht selbst nochmal die großen Gefühle und Hoffnungen seiner Sturm-und-Drang-Zeit zurück? Wenn man dann wie Lane an Springsteen – beziehungsweise die 501 – denkt, muss sie zumindest teilweise glücklich gewesen sein.

Nikki Lane widersetzte sich dem Zwang des Musikbusiness, in kurzen Abständen Material auf den Markt zu werfen. So ließ sie sich fünf Jahre für „Denim & Diamonds“ Zeit. Das Album bietet eine ausgewogene Mischung aus starken Rocksongs, gefühlvollen Balladen und einer Prise Country. Wenn man in Lanes Fall von einem Comeback sprechen will, dann ist es gelungen.

New West Records (2022)
Stil: Rock/Americana

Tracks:
01. First High
02. Denim & Diamonds
03. Faded
04. Born Tough
05. Try Harder
06. Good Enough
07. Live/Love
08. Black Widow
09. Pass It Down
10. Chimayo

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New West Records
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Charley Crockett – The Man From Waco – CD-Review

Review: Michael Segets

Seit 2015 bringt Charley Crockett quasi jährlich ein neues Album mit Eigenkompositionen heraus und findet daneben noch Zeit, unter seinem alter ego „Lil‘ G. L.“ Coverprojekte umzusetzen. Auf seinem nunmehr elften Longplayer „The Man From Waco“ gewinnt Crockett seinem Sound eine neue Dimension ab. Er revolutioniert zwar nicht seinen Stil, aber die Scheibe klingt deutlich erdiger als die vorherigen. Crockett fährt Twang und Honky Tonk zurück und auch Slide und Steel Pedal kommen merklich reduzierter zum Einsatz. Dennoch bleibt unverkennbar, auf wessen Konto „The Man From Waco“ geht, wofür Crocketts außergewöhnlicher Gesang Garant ist.

Crockett, der seine Musik als Gulf And Western bezeichnet, orientiert sich diesmal weniger am klassischen Country, auch wenn einzelne Stücke wie „Name On A Billboard” an diesen anknüpfen. Zwar schöpft Crockett gelegentlich aus den Vollen, was Twang und Slide betrifft („Just Like Honey”), doch die Country-Nummern „Cowboy Candy“, „All The Way From Atlanta“ und „July Jackson“ sind wesentlich geerdeter. Besonders gelungen ist „Black Sedan“, dem Crockett, begleitet von Klavier, Percussion und Gitarren unterschiedlicher Klangfarben, eine interessante Soundvariation abgewinnt.

Die Stücke bewegen sich wie sonst auch zumeist im unteren bis mittleren Tempobereich, unterscheiden sich aber deutlich voneinander. Das semi-akustisch gehaltene „Time Of The Cottonwood Trees” sowie das etwas voller begleitete „Odessa” sind zwei ruhige, jedoch starke Songs. Besonders atmosphärisch ist „Horse Thief Mesa” durch die Background-Vocals. Schön staubig wirkt der Titeltrack, der mit seinen Trompeten in das Grenzgebiet zu Mexiko versetzt, so wie auch die Landschaft auf dem Albumcover nahelegt. Musik und Story könnten einem Westernfilm entstammen. Auf der Neueinspielung von „Trinity River“, das bereits auf „Stolen Jewel“ (2015) zu finden ist, und der Single „I’m Just A Clown” unterstützen die Bläser den Soul, den Crockett in die beiden Stücke legt.

Die gesamte Band spielte die Tracks quasi live im Studio mit nur wenigen Overdubs ein. Crockett entschied sich dazu, sie nicht weiter zu mastern – im Rückblick ein weiser Entschluss, der auch von dem Produzenten Bruce Robison getragen wurde. Stellten sich bei der hohen Veröffentlichungsdichte und den doch häufig ähnlichen Arrangements in letzter Zeit leichte Ermüdungserscheinungen ein, entwickelt das neue Werk einen rauen Charme, der sich von den vorherigen abhebt. Die Songs wurden zum Teil von Crockett alleine geschrieben, zum Teil in Kollaboration mit anderen Musikern. Einzelne Einschübe bei „Tom Turkey” sind Bob Dylans „Billy 4” von dem Soundtrack „Pat Garrett & Billy The Kid” entnommen.

Charley Crockett präsentiert seine Eigenkompositionen in einem ungewohnt ungeschliffenen und erdigen Arrangement. Der modifizierte Sound bringt die Qualität der Songs unverstellt zur Geltung, sodass „The Man From Waco“ um Längen abwechslungsreicher erscheint als Crocketts letzte Longplayer. Das neue Album stellt eine Zäsur in seiner beachtlichen Veröffentlichungsliste dar, daher darf man auf das nächste Werk gespannt sein, das sicherlich nicht lange auf sich warten lässt. Vielleicht bietet sich vorher die Gelegenheit, Crockett live zu sehen. Bislang sind zwei Konzerte im November mit den Spielorten Köln und Berlin angekündigt.

Son Of Davy – Thirty Tigers (2022)
Stil: Country, Soul

Tracks:
01. The Man From Waco Theme
02. Cowboy Candy
03. Time Of The Cottonwood Trees
04. Just Like Honey
05. I’m Just A Clown
06. Black Sedan
07. The Man From Waco
08. Trinity River
09. Tom Turkey
10. Odessa
11. All The Way From Atlanta
12. Horse Thief Mesa
13. July Jackson
14. The Man From Waco Theme
15. Name On A Billboard

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Thirty Tigers
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Wade Bowen – Somewhere Between The Secret And The Truth – CD-Review

Wade Bowen zählte schon immer zu meinen großen Lieblingskünstlern,auch über die Red Dirt-/Country Rock-Sparte hinaus. Der Texaner besticht durch seine tolle Stimme, die melodischen Songs, seine kreative Ader und eine gewisse Zuverlässigkeit beim Abliefern seiner niveauvollen Werke.

2019 hatte ich die große Ehre, ihn persönlich vor seinem Konzert im Blue Shell in Köln bei einem Interview, wo ich ihn auch erstmalig live sah, gegenüberzusitzen., wo sich der sympathische Charakter, den man schon automatisch aus seinen Songs ableitet, eindrucksvoll bestätigte.

Mit „Somewhere Between The Secret Aand The Truth“ legt er jetzt sein siebtes Studioalbum vor, das er erstmalig selbst produziert hat. An der Seite hatte er beim Songwriting viele Kollegen wie u. a. Eric Paslay, Heather Morgan, Randy Montana, Drew Kennedy oder Lori McKenna, die schon bei unzähligen CDs in meiner Sammlung, Garanten für tolle Lieder waren.

Die zierliche Lori McKenna, die ich vor sehr vielen Jahren in Utrecht im Rahmen der damaligen Blue Highway Festivals auch schon mal live erlebt habe, assistiert ihm beim Lead- und Harmoniegesang bei „A Beautiful World“ im Stile der typisch gemischten texanischen Duette der Marke Josh Abbott/Kacey Musgraves. Toller Song!

Dabei hatte Wade laut eigener Aussage zunächst eine längere Phase der kreativen Leere zu bewältigen. „Ich hatte länger eine große Antriebslosigkeit und wusste überhaupt nicht, wie ich damit umgehen sollte, bis mich auf einmal die große Lust des Schreibens wieder motivierte. Es war wie ein Neustart, der mir die Leidenschaft wieder zurückgab.

Ich wollte auch herausfinden, wo ich musikalisch stehe und hineinpasse. Das habe ich oft gemacht, bis ich manchmal den Faden verloren habe. Ironischerweise hatte ich durch die COVID-Pandemie die Chance meine Gedanken etwas ruhen zu lassen, um mich mehr auf das zu konzentrieren was ich wirklich möchte. Ich habe erneut rausgefunden wer ich als Songwriter, Sänger und Musiker sein möchte“.

Das Album zeigt Bowen dann auch wieder in Bestform. Zehn unwiderstehliche Ohrwürmer, mal in fluffig-eingängiger Red Dirt-Manier (man höre sich diese melodischen Songs wie den Opener „Everything Has Your Memory“, „The Secret To This Town“ oder „Say Goodbye“, bei dem ich mich schon mehrere Male selbst ertappt habe, wie ich den Refrain beim Fahren zur Arbeit im Auto nachsinge) oder im melancholischen Country-Storytelling (u. a. „Burnin’ Both Ends Of the Bar“) und mit „Honky Tonk Roll“ (mit herrlichem Billy Powell-Gedächtnis-HT-Pianogeklimper und starken Wah-Wah-Slide-Soli) und „She’s Driving Me Crazy“ zwei flotte launige Saloonfeger, die auch seine rockigen Seiten offerieren.

Herrlich wie er am Ende von „Honky Tonk Roll“ die Anziehungskraft der Honkytonk-Bars auf ihn zum Besten gibt: „… You can cuss me, you can judge me, you can hate me, you can love me, you can say I’m out of control, yeah, but I don’t give a damn, I’m on a hell of a honky tonk roll.“

Gegen Ende erhält er im Duett mit Vince Gill quasi dann noch einen musikalischen Ritterschlag, Letztgenannter gibt sich meist nur bei absoluten Klassekünstlern als Gast die Ehre. Ein wunderschöner, einfühlsam von beiden gesungener, Steel-getränkter Countryheuler dieses „A Guitar, A Singer And A Song“. 

Mit dem wunderbar eingängigen Titelsong „Somewhere Between The Secret And The Truth“, aus der Feder von ihm und Lori McKenna, schließt ein erneutes Meisterwerk des aus Waco stammenden Texaners. Für manchen hier in unseren Landen mag er noch ein unentdecktes Geheimnis sein, die Wahrheit ist, dass man sich mit diesem Wade Bowen schleunigst beschäftigen sollte. Ein weiteres Klassealbum von ihm!

Bowen Sounds/Thirty Tigers/Membran (2022)
Stil: Red Dirt / Country

Tracklist:
01. Everything Has Your Memory
02. Burnin’ Both Ends Of The Bar
03. Honky Tonk Rollt
04. The Secret To This Town
05. If You Don’t Miss Me
06. A Beautiful World feat. Lori McKenna
07. She’s Driving Me Crazy
08. Knowing Me Like I Do
09. It’s Gonna Hurt
10. Say Goodbye
11. A Guitar, A Singer And A Song feat. Vince Gill
12. Somewhere Between The Secret And The Truth

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Kimberly Kelly – I’ll Tell You What’s Gonna Happen – CD-Review

Wenn ich den Begleittext zu Kimberly Kellys Debüt beim einst von Toby Keith gegründeten Show Dog Nashville Label durchlese, stelle ich so einige Parallelen zu meinem persönlichen Werdegang fest. Ebenso wie diese bis dato immer ihre Musik in Verbindung mit einem Vollzeitjob gemacht hat, habe auch ich in der Blütezeit meines Lebens, als ich über gut zwei Dekaden zu den besten Tischtennisspielern in Deutschland zählte, eigentlich auch immer meinen Lebensunterhalt primär als Industriekaufmann verdient und heute, wo ich in großen Schritten der Sechzig entgegenrase ist so ein Musikmagazin ja auch nicht mal so nebenbei mit der linken Hand erledigt.

Solch Doppelbelastungen prägen einen Menschen ziemlich, so kann ich es zumindest aus meiner Erfahrung sagen. Man braucht ein enormes Maß an innerer Kraft, lernt mit den Ups und Downs des Lebens mehr denn je umzugehen und lässt sich, wenn es mal nicht so gut läuft, nicht so schnell unterkriegen. Man entwickelt dazu ein gewisses Durchsetzungsvermögen.

Darum geht es auch im Titel ihres Albums „I’ll Tell You What’s Gonna Happen“, den Kimberly von einer Billy Joe Shaver-Anekdote aufgriffen hat. Der drängte sich, der Legende nach, einst in eine Aufnahmesession von Waylon Jennings, nachdem der Star versucht hatte, die Aufnahme einiger seiner Songs zu verweigern.

Als er eine 100-Dollar-Note abwies, um zu verschwinden, sagte Shaver zu Jennings: „Ich werde dir sagen, was passieren wird. Entweder du hörst dir diese Songs an oder ich versohl dir den Hintern.“ Waylon willigte ein, sich einen anzuhören. Der Rest ist Geschichte in Form von Jennings‘ 1973er Album „Honky Tonk Heroes“, auf dem jeder Song bis auf einen von Shaver geschrieben wurde. Beide nicht mehr unter den Lebenden weilende Künstler sind Mitglieder der Country Hall Of Fame.

Die Protagonistin hat  eine wunderschön angenehme, wie auch ausdrucksstarke Stimme im Stile der großen Country-Chanteusen, wenn man sie in ihren Songs über Trennungsschmerz, Hoffnungen und Sehnsüchte singen hört, klingt das ungeheuer authentisch. 

Die Musik ist ganz nach dem Erfolgsprinzip der beliebten Neo-Traditionalisten/innen der 90er Jahre strukturiert.  Grummelnde Bariton-E-Gitarren, wiehernde Fiddles und weinende Steel-Gitarren geben den Ton an, Akustikgitarren und dezente Keys haben eher ausschmückenden Charakter. 

Da ist einiges an Honkytonk („Honky Tonk Town“, „Blue Jean Country Queen“ mit Steve Wariner samt schönen Bariton-E-Gitarren-Kurz-Solo als Gast, der Billy Joe Shaver-Stomper „Black Rose“ zum Ausklang) dabei, sowie ein paar typische melancholische, traditionell gehaltene Country-Schmachtfetzen wie „Some Things Have A Name“, „I Remember That Woman“, „Forget The Alamo“ (herrlich hier die einprägsam gesungene Refrainzeile „Forget The Alamo, Remember Me“), „Person That You Marry“ oder „No Thanks (I Just Had One)“.

Ein wenig Southern Soul gibt es bei „Don’t Blame It On Me“, atmosphärisches Midtempo bei der nostalgischen  Single „Summers Like That“ und zwei wunderschöne melodische Schunkler mit „Why Can’t I“ (mein Lieblingstrack des Werkes) und „First Fool In Line“.

Am Ende der Scheibe freut man sich zusammen mit der Texanerin, die mit dem Hit Songwriter Brett Tyler („Cold Beer Calling My Name“) verheiratet ist, über einen starken Einstand mit „I’ll Tell You What’s Gonna Happen“, und eine gelungene Wiederbelebung der 90er Jahre auf Niveau von Kolleginnen wie Reba McEntire, Pam Tsillis, Trisha Yearwood, Chely Wright, Linda Davis & Co. Ich sage euch, das wird bestimmt was werden, wenn das so weitergeht, mit dieser Kimberly Kelly!

Show Dog-Thirty Tigers/Membran (2022)
Stil: New Country

Tracks:
01. Honky Tonk Town
02. Some Things Have A Name
03. Summers Like That
04. Why Can’t I
05. I Remember That Woman
06. Blue Jean Country Queen (feat. Steve Wariner)
07. Don’t Blame It On Me
08. Forget The Alamo
09. Person That You Marry
10. No Thanks (I Just Had One)
11. First Fool In Line
12. Black Rose

Kimberly Kelly
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Jimmie Allen – Tulip Drive – CD-Review

Jimmie Allen ist nicht nur ein in der Country- und Pop-Szene gut vernetzter Musiker, sondern auch auch ein sehr familiärer Mensch. Erkennen kann man das an den bisherigen Titeln seiner zuvor veröffentlichten Alben.  Sein Debüt „Mercury Lane“ hebt den Namen der Straße hervor, in der er aufgewachsen ist. Der Nachfolger „Bettie James“ zollt seinen Großeltern Tribut (Bettie hieß seine Großmutter, James hieß sein Großvater), die für ihn eine immens wichtige Rolle im Leben gespielt zu haben scheinen.

Denn auch das aktuelle Album „Tulip Drive“, hat mit diesen zu tun, dort lebten diese nämlich bis zu ihrem Tode. Und zu guter Letzt beinhaltet das neue Werk auch noch mit der aktuellen Single „Down Home“ eine emotionale Aufarbeitung seiner Beziehung zu seinem verstorbenen Vater vor und nach dessen Tod. Seine TV-Premiere feierte die in den Medien hochgelobte Single in der „The Late Late Show“ bei US-Talkmaster James Corden.

Satte 17 Stücke umfasst der neue Longplayer, alle von Allen mit diversen aus dem Pop- und Nashville-Umfeld bekannten Co-Writern  wie u. a. Ashley Gorley, Zach Crowell,  Jesse Frasure, Brandon Day, Matt Jenkins, Jon Nite, Ross Copperman, geschrieben, und einer ebenso so großen Armada von Leuten wie Jason Evigan, Gian Stone, Ash Bowers , Vinny Venditto, Vic “BillboardKiller” Martin, Jesse Frasure, Keith Hetrick, Ilya Toshinskiy und Eric Torres zum Teil mit ihm selbst produziert.

Die Countrynote wird nur noch durch fein gespielte E-Gitarren (mit diversen schönen Kurz-Soli) und ein paar Alibi-Steel-Eingaben hochgehalten, der Hauptfokus ist mittlerweile klar in Richtung Pop mutiert. Das kann man auch klar an den Gastpräsenzen bei den Duetten ablesen, die sich ausschließlich aus dieser Sparte mit Interpreten CeeLo Green & T Pain, Katie Ohh, Aadyn und last but not least Superstar und Latino-Diva Jennifer Lopez beim, von beiden inbrünstig gesungenen „​On My Way““ rekrutieren.

Alle Songs bestechen durch eine gewisse sommerliche Leichtigkeit und eine angenehm ins Ohr fließende Melodik, so dass eine durchgehende Radiotauglichkeit attestiert werden kann. Fans von Acts wie u. a. Thomas Rhett, Old Dominion oder Brett Young & Co. sind hier an der richtigen Adresse.

Aus dem Rahmen fällt dabei „Pesos“, das die typische südamerikanische Lebensfreude im Samba-Manier (mit Mariachi-Trompeten im Hintergrund) perfekt widerspiegelt. Alle anderen Tracks von Jimmie Allens neuer CD laden geradezu zum relaxten Cruisen in einem Cabriolet bei seichten Temperaturen ein, und dabei muss man sich keinesfalls nur auf den „Tulip Drive“ beschränken…

Stoney Creek Records / BBR Music Group / BMG (2022)
Stil: New Country (Pop)

Tracklist:
01. Be Alright
02. What I’m Talkin Bout
03. Kissin You
04. ​Down Home
05. Settle On Back
06. Pesos (feat. CeeLo Green & T Pain)
07. Love In The Living Room
08. ​On My Way (feat. Jennifer Lopez)
09.Broken Hearted (feat. Katie Ohh)
10. Habits & Hearts
11. Right Now
12. Wouldn’t Feel Like Summer
13. Undo
14. Get You a Girl
15. Keep Em Coming
16. Every Time I Say Amen
17. You Won’t Be Alone (feat. Aadyn)

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Networking Media

Matt Horan – You Ain’t Country – Vinyl-Review

Review: Michael Segets

Mit seinem starken Solo-Debüt „Tears From The Mountain” sowie dem begeisternden Auftritt in der Kulturrampe letztes Jahr, hat sich Matt Horan in mein Herz gespielt. Entsprechend gespannt war ich auf den dort angekündigten Longplayer.

Während er auf seinem ersten Album als American Folk Singer stilsicher allein mit Gitarre oder Banjo unterwegs war, holte er sich für „You Ain’t Country“ die C.A.F. Band (Country As Fuck Band) ins Boot. Eine Band im Rücken zu haben ist für Horan nichts Neues. Über eine Dekade war er der Frontmann von Dead Bronco.

Dead Bronco nahm zwar eine Tribute-EP für Hank Williams auf, die Ausrichtung der Band ging aber eher in Richtung Punk oder Dark Folk. Nach der Auflösung der Band will Horan mit seinen Soloprojekten einen anderen Weg gehen. Auf seinem aktuellen Album kehrt er zu seinen Wurzeln, die im Country liegen, zurück.

Seinem Hang zum frühen Country lässt Horan zum Abschluss des neuen Werks freien Lauf. Mit Jodeln und Pedal Steel feiert er ihn mit der Ballade „Call To My Kin“. Dieser Beitrag setzt sicherlich einen Kontrapunkt zu den anderen Stücken, obwohl zuvor der Honky Tonk „Going Insane“ mit seinem Twang musikalisch ebenfalls eher traditionellen Bahnen folgt. „Cocaine Carolina“ kann gleichfalls in die Kategorie der Stücke eingereiht werden, die sich deutlich am Country klassischer Machart orientieren.

Der bereits von Johnny Cash eingespielte Song stellt das einzige Cover neben den neun Eigenkompositionen dar. Diese schlagen meist ein ordentliches Tempo – wie der Titeltrack – an, wobei auch einzelne langsame Beiträge („Paid In Blood“) eingestreut sind.

Weit entfernt von dem oftmals glattgebügelten Sound der Marke Nashville lässt uns Matt Horan an seiner Interpretation des Country teilhaben. Seine unmittelbare und raue Auslegung typischer Genre-Elemente, teilweise angereichert durch eine alternativ-punkige Attitüde, loten dessen Möglichkeiten aus. Tradition und Progressivität stehen nebeneinander und verschmelzen bei einigen Kompositionen. „You Ain`t Country“ hält somit spannende und intensive Hörerlebnisse bereit.

Dort, wo Horan spielerisch mit den Elementen des Country umgeht, läuft er zu Hochform auf. Der Opener „That’s Evil“ und „Appalachia“ sind zwei Uptempo-Nummern, die einen herrlich ungeschliffen, wild wirkenden Sound anschlagen. Einen maßgeblichen Anteil daran hat Horans Gesang. Mit ihm punktet er ebenso bei „Abilene“ und „Prodigal Son“.

Neben dem Eröffnungstrack zählt der letztgenannte Song zu meinen Favoriten auf dem Longplayer. Ebenfalls bemerkenswert ist „Conversing With The Devil“. Bei dem Song entfernt sich Horan rhythmisch weiter vom Country als bei den anderen Tracks und erzeugt dabei eine besonders dunkle Atmosphäre.

Für den Rhythmus der C. A. F. Band sind Fernando Chiquito an den Drums und Chus Cardin am Upright Bass verantwortlich. Gabi Perez steuert Pedal Steel und Dobro bei. Mit seinem hervorragenden Gitarrenspiel unterstützte Alex Atienza Horan bereits bei der zurückliegenden Tour.

Dead Bronco kündigte noch für Mai und Juni einige Konzerte in Europa – auch wieder in der Kulturrampe – an. Nach der plötzlichen Auflösung der Band wurden die Auftritte abgesagt. Wann Horan zukünftig den alten Kontinent besucht, bleibt daher offen. Der Weltenbummler lebte in den letzten Jahren hauptsächlich in Spanien. Als junger Familienvater verlagerte er seinen Lebensmittelpunkt nun allerdings zurück nach Davie, Florida. Zu wünschen wäre, dass er sich dennoch – gegebenenfalls mit der C. A. F. Band – bald wieder in unseren Gefilden blicken lässt.

Cowboy Trash Records (2022)
Stil: Country

Tracks:
01. That’s Evil
02. Going Insane
03. Prodigal Son
04. Abilene
05. Cocaine Carolina
06. Appalachia
07. Paid In Blood
08. You Ain’t Country
09. Conversing With The Devil
10. Call To My Kin

Matt Horan

49 Winchester – Fortune Favors The Bold – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Die Winchester Street im Russell County, Virginia, hat in der letzten Zeit ein größeres, mediales Interesse erfahren. Grund dafür ist die musikalische “Liebeserklärung” der Band 49 Winchester, die vor 8 Jahren in dem rund 2000 Einwohner zählenden Städtchen gegründet wurde und nun auf ihrem 4. Album “Fortune Favors The Bold” der entlegenen Heimat ein Denkmal setzt.

Doch der Reihe nach: Als 4 Nachbarschaftsfreunde 2014 begannen, gemeinsam Songs zu schreiben und unter dem Bandnamen 49 Winchester ihr Debüt-Album in Eigenregie veröffentlichten, folgten sie von Anfang an ihren eigenen Ideen. Diese konsequenten Independent-Jahre wurden mit den Alben “Wind” (2018) und “III” (2020) fortgesetzt, wobei zahlreiche Festivalauftritte und Tournee-Termine zunehmenden Erfolg brachten. Das führte schließlich dazu, dass die “rapidly rising band” nun bei New West Records ihren neuen Longplayer “Fortune Favors The Bold” released.

Die Vorab-Single “Annabel” kennzeichnet gleich von Beginn an den melodischen Sound von 49 Winchester, sowie das exzellente Story-Telling des Songwriters, Gitarristen und Sängers Isaac Gibson. Insgesamt gilt für alle Stücke: ein bodenständiger Alt-Country-Rock-Folk und Southern-Soul-Stil wird konsequent kombiniert. In der “Heimweh-Ballade” an seine Hometown in “Russell County Line” (“If you wonder where my heart is”) krönt Gibson seine Leidenschaft mit einem Gänsehaut-Poetic-Country-Feeling: ein Flaggschiff-Song! Neben dem Singer/Songwriter Gibson glänzen Chase Cafin (Bass), Bus Shelton (Electric-Guitar), Noah Patrick (Steel-Guitar), Don Eanes (Piano, Hammond B3, Keys) und Dillon Cridlin (Drums) auf dem neuen Album, das zusammen mit Stewart Myers in verschiedenen Studios produziert wurde.

Wiederentdeckte musikalische Traditionen zu integrieren und gleichzeitig die eigenen Songs zu behaupten, verwirklichen 49 Winchester auch im wunderbaren Southern Rock-Titel “All I Need” mit entsprechenden Skynyrd-Riffs, starken Hammond-Keys und passenden Gibson Lead-Vocals. Dass seine Stimme neben eigenen Akzenten ebenso ein John Fogerty-Muster drauf hat kann beim schnellen “Hillbilly Daydream” nacherlebt werden. Eine ebenso Story- und Refrain-orientierte Nummer ist “Damn Darlin’” (”Oh, Nashville you broken my heart”) – mit tollem Hammond-Solo, schöner Lyric-Bridge, sowie einer Erinnerung an Tom Petty-Variationen im neuen Gewand: ein Straight Banger!

Mit dem Titel-Song “Fortune Favors The Bold” folgt ein Mid-Tempo-Track, ein immer wieder herrlicher Hammond-Sound trifft auf klasse Vocal Begleitung und wird zielsicher zum Top-Song aufgebaut. Für den Country-Blues “Second Chance”, dürfte als Konzertausgabe sicher viel Live-Potenzial möglich sein; ebenso wie bei der eindrucksvollen Southern-Ballade “Neon”, die ihre Strahlkraft erst nach und nach entwickelt. Das letzte Stück “Last Call” wird zum schnellen J.J. Cale/CCR-Piano-Rock und rundet das Album als Rock’n’Roll “Oldie” Nummer perfekt ab.

49 Winchester haben mit ihrem 4.Album endgültig das Durchbruch-Release auf Klassiker-Niveau erreicht. Schon vor diesem Masterpiece hatten die Southern Rocker von Whiskey Myers die Zeichen der Zeit erkannt und 49 Winchester für die kommende Tour als Vorband gebucht. Auch dies bestätigt: “Fortune Favors The Bold”!

New West Records (2022)
Stil: Southern-Rock, New Country

Tracks:
01. Annabel
02. Man’s Best Friend
03. Russell County Line
04. All I Need
05. Hillbilly Daydream
06. Damn Darlin’
07. Fortune Favors The Bold
08. Second Chance
09. Neon
10. Last Call

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Aaron Raitiere – Single Wide Dreamer – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Wer das Glück hatte, auf der Songwriters Expo (2020) in Ventura, Kalifornien, Aaron Raitiere Solo mit Akustik-Versionen vorab zu erleben, bekam einen kleinen Vorgeschmack von “Single Wide Dreamer”, dem lang erwarteten, ersten Longplayer des hochtalentierten Singer/Songwriters. So eröffnet das Debüt-Album auch gleich mit drei Songs aus der Ohrwurm-Kategorie.

Das Titelstück hat Klassiker-Qualität, mit seinem Wortspiel-Refrain und typischen Sprechgesangs-Parts erinnert es an Songs von Kris Kristofferson und Johnny Cash. Die starken Refrain-betonten Lyrics in “Everybody Else” folgen dem Schema eines Geschichten-erzählenden melodischen Country-Titels. Diese Feel Good-Mentalität heimatlicher Verbundenheit verkörpert Raitiere ebenfalls in “For The Birds” – angeblich geschrieben am Tag nachdem sein Haus in Flammen aufging – ein flockig-lockerer Folk-Track mit starker E-Gitarre und coolem Text.

Aaron Raitiere, der über einen Uni-Abschluss in Geschichte verfügt, sieht sich auch in der Tradition berühmter Country-Künstler, wie Ramblin’ Jack Elliott und insbesondere Shel Silverstein, der in seinem grandiosen Songwriting als Wortspiel-Akrobat hohe “Hürden” setzte. Die Gute-Laune-Prägung herrlicher Story-Songs kommt bei “Cold Soup” und “At Least We Didn’t Have Any Kids” geradezu überlegen und songtechnisch hervorragend zur Geltung. Mit “Dear Darlin’” folgt danach ein genial-zerbrechlicher Love-Letter-Song: ein akustisches Sprechgesang Melodram, unschlagbarer Schreibkunst – einfach liebevoll gemacht!

Seine langjährige Erfahrung in der Gilde der sehr geschätzten Songschreiber in Nashville, hat erfolgreiche Tracks für Ashley McBryde, Midland, The Oak Ridge Boys, Shooter Jennings, Brent Cobb, Miranda Lambert und Anderson East – um nur einige zu nennen – hervorgebracht. Die letzten beiden (East und Raitiere sind seit 15 Jahren befreundet) haben sich als Produzenten von “Single Wide Dreamer” persönlich engagiert und with a little help from their friends (z. B. Bob Weir, Dave Cobb, Ashley Monroe, Waylon Payne) hat East Überzeugungsarbeit geleistet: “Friends thought I needed a record”, so Raitiere.

Entstanden sind insgesamt (leider nur) 12 Albumtitel (bei wesentlich mehr Material), aber alle sämtlich zündende Aufnahmen, wie das ausgefallen, experimentelle, an typische Lou Reed Passagen erinnernde “Your Daddy Hates Me” oder das etwas von Paul Simon inspirierte “Worst I Ever Had”, dessen Folk-Kleinod-Charakter trotz rauher Stimmlage musikalisch erhalten bleibt. Aaron Raitieres starke individuelle Handschrift wird auch in der Love-Song-Ballade “Tell Me Something True” durch seine immer wieder anpassungsfähigen Vocals betont und bringt nicht nur hier textlich eine Meisterleistung.

Der aus Dauville, Kentucky, stammende Songwriter ist seit 2000 in der Musikszene gerade wegen seiner anspruchsvollen, einfallsreichen Texte ein vielbeschäftigter Master of Fine Arts. Seine Gabe, Witz und Ironie in Feinheiten gestylt mit musikalischen Stilmitteln passgenau zu verbinden, zeigt eindeutig der Titel “You’re Crazy”. Zum frühen Johnny Cash Rockabilly-Country-Rock wird ein parodiehaft übertriebener Lee Hazlewood/Lovin Spoonful Medley geboten (Crazy, aber mitreißend). Das hohe Niveau der gesamten Aufnahmen wird zum Schluss dann noch mal getoppt: durch den ultimativen Country-Werbe-Song “Time Will Fly”. Wieder ein leichtfüßiger Refrain-getragener Country-Rock, der den Longplayer in all seinen Varianten erfasst und zu voll aufgedrehter Lautstärke verleitet: Ein absoluter Ausklang für ein Top-Album!

Wenn ein Meister seines Fachs die musikalische Schatzkiste öffnet, entsteht ein Album, wie “Single Wide Dreamer” von Aaron Raitiere. Eine ultimative Produktion, die jederzeit 5 Sterne verdient und für die der Singer/Songwriter erneut eine Music-Award-Nominierung verdient hätte.

Dinner Time Records (2022)
Stil: Country

Tracks:
01. Single Wide Dreamer
02. Everybody Else
03. For The Birds
04. Cold Soup
05. At Least We Didn’t Have Any Kids
06. Dear Darlin’
07. Your Daddy Hates Me
08. Worst I Ever Had
09. Can’t Rain All The Time
10. Tell Me Something True
11. You’re Crazy
12. Time Will Fly

Aaron Raitiere
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