Peter Parcek – Mississippi Suitcase – CD-Review

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Von Buddy Guy wurde er bei einer Backstage-Visite, als Peter Parcek sich eine herumliegende Gitarre schnappte und losspielte, mit dem Satz „You’re as bad as Eric Clapton, and I know Eric Clapton“ geadelt.

Der in Boston lebende Gitarrist und Songwriter bringt jetzt mit „Mississippi Suitcase“ seinen dritten Longplayer auf den Markt, nachdem er mit den Vorgängern „The Mathematics Of Love“ und „Everybody Wants To Go To Heaven“ von der Kritikerschaft für seine außergewöhnlichen Gitarrenkünste, bereits in höchsten Tönen gelobt wurde.

Für mich persönlich, der zwar schon viel Blues Rock in seinem Leben gehört hat, ist Parcek allerdings bisher noch ein absolut unbeschriebenes Blatt. Der Protagonist bietet auf den insgesamt 11 Tracks, drei Eigenkompositionen, die er am Anfang (Stück 1 – „The World Is Upside Down“- ein Peter Green-beeinflusster psychedelischer Slide-Blues Rocker), in der Mitte (Stück 6 – „Mississippi Suitcase (Slight Return)“ – ein typischer Blues Club Song mit E-Gitarren-Orgel-Schwerpunkten) und am Ende (Stück 11 – „A Head Full Of Ghosts“ – ein atmosphärisches, dezent progressives E-Gitarren-Instrumental mit Green-/Pink Floyd-Flair) folgerichtig platziert hat.

Dazwischen hat er in zwei Vierer-Blöcken, Songs aus vielen Epochen der Musikgeschichte ausgewählt, die auf ihn einen besonders bleibenden Eindruck hinterlassen haben, wie z. B. Peter Greens bei John Mayalls Bluesbreakern veröffentlichtes „The Supernatural“ (für Parcek war das Herangehen nach eigenen Worten ‚a mountain to climb‘) oder der Beatles-Song „Eleanor Rigby“, den er hier in einer reinen Instrumentalversion serviert.

Highlights sind aus meiner Sicht die gelungene Umsetzung von Dylans „Beyond Here Lies Nothin“ aus 2009, die hier auch mit viel Peter Green-Esprit- und Gefühl daherkommt, das claptoneske, Harp-verzierte (Micky Raphael) „Life’s A One Way Ticket“ (mit zusätzlicher E-Gitarrenpräsenz von Luther Dickinson) und der lässig gespielte Velvet Underground-Klassiker „Waiting For The Man“ (ebenfalls sehr slide-trächtig, mit sphärischen Orgelklängen von Promigast Spooner Oldham, und am Ende mit wildem E-Gitarren-Geschwurbel).

Der Vergleich Guys mit Mr. Slowhand kommt nicht von ungefähr. Handwerklich ist Parcek ebenfalls in der Lage, alles aus einer E-Gitarre herauszuholen, was geht, vor allem das Einsetzen von Effekten diversester Art in den Soli, ist teilweise atemberaubend, jedoch auf Dauer auch etwas anstrengend. Ein Greg Koch fällt mir da vielleicht als technische Referenzgröße ein. Aber besonders in vokalen Dimensionen liegt er sehr in der Nähe des britischen Gitarrengotts, mehr sogar noch beim kürzlich verstorbenen Peter Green. Grundsätzlich, so glaube ich, könnte Peter mit seinem Können in Rockbands jeder Couleur mitwirken, sicherlich auch problemlos im Southern Rock.

„With my new „Mississippi Suitcase“, Ive tried to create an album that’s timeless and yet entirely in the moment – an album that could get as deeply under the skin of the listener as it got under mine. I had to dig into my soul and face adversity to do it, and sometimes play through the pain, but it was worth it, and every note on the album comes straight from the heart.“ Dies vom Künstler selbst zur Intention.

Fazit: Peter Parcek beweist auf „“Mississippi Suitcase“, dass er alle Veranlagungen hat, ein Spitzen-Bluesmusiker zu werden, was bis jetzt fehlt, sind wohl die Songwriterqualitäten der Altmeister, unsterbliche Sachen zu kreieren. Das wird künftig wohl der übergeordnete Maßstab sein, wenn man zu den ganz Großen zählen will, wobei es letztendlich die Frage ist, ob Parcek das überhaupt möchte.

Eigenproduktion (2020)
Stil: Blues Rock

Tracklist:
01. The World Is Upside Down
02. Everybody Oughta Make a Change
03. Beyond Here Lies Nothin
04. The Supernatural
05. Life’s A One Way Ticket
06. Mississippi Suitcase (Slight Return)
07. Eleanor Rigby
08. Until My Love Come Down
09. She Likes To Boogie Real Low
10. Waiting For The Man
11. A Head Full Of Ghosts

Peter Parcek
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Eamonn McCormack – 28.08.2020, Kantine-Biergarten, Köln – Konzertbericht

MC_Haupt

Konzerte in Corona-Zeiten zu veranstalten, bedeutet für alle Beteiligten, vom Veranstalter, über die Künstler, bis hin zu den Besuchern, dass man sich an bestehende Regelungen hält muss, dass diese zumindest im derzeit möglichen Rahmen stattfinden können.

Markus Neu und seinem Team von der Kantine haben es geschafft, bereits diverse Open Air-Konzerte im dortigen, weitläufigen Biergarten, durchzuführen.

An diesem Abend machte Eamonn McCormack, der zurzeit eigentlich nur eine Solo-Akustik-Tour macht, in der Kantine Halt. Zum Glück gelang es Marcus Neu weit im Vorfeld, den mittlerweile in Hessen lebenden Iren McCormack davon zu überzeugen, in Köln mit Band aufzutreten, da die Bühne und die Location unter Berücksichtigung aller Auflagen dies möglich macht.

So stießen an diesem Abend mit Edgar Karg am Bass, der aus Bielefeld anreiste und Max Jung-Poppe an den Drums, der den Weg aus Gießen gefunden hatte, und am selben Abend wieder zu seiner hochschwangeren Frau zurückfuhr, hinzu.

Es entwickelte sich im Verlauf ein ganz besonderer Abend für die etwa 80 Besucher. Erstmals stellte Eamonn mit seiner Band das im Winter eingespielte und im Frühjahr veröffentlichte Album „Storyteller“ live vor. Es handelte sich somit praktisch um ein verspätetes Release-Konzert und das ohne Eintrittspreis, sondern nur mit umhergehendem Hut in der Pause zwischen den zwei Sets, in denen fast das komplette Werk präsentiert wurde.

Kurz vor acht Uhr betrat Marcus mit dem besagten Hut auf dem Kopf die Bühne, gab ein paar Anekdoten zu früheren Auftritten Eamonns im Yardclub zum Besten, erklärte noch ein paar Regeln, auch wie man sich beim angesagten Regen verhalten solle, um Corona-konform zu bleiben, was zum Glück aber ausblieb. Der Wettergott war mit der Band und den Besuchern und bis auf einige Tropfen, blieb es trocken.

„From Town To Town“ vom 2017er Album „Like There’s No Tomorrow“ war ein gut gewählter Opener in dem er direkt einen Song vorlegte, bei dem klar erkennbar war, wessen Geistes Kind Eamonn ist. Blues Rock im Stile seines Vorbildes Rory Gallagher war hier direkt präsent.

Mit dem rockigen „Gypsy Woman“ und dem anklagenden bluesigen „Help Me Understand“ folgten die ersten Stücke des aktuellen Albums, welche gut beim Publikum ankamen. Dies war bei den weitgehend bluesaffinen Besuchern auch nicht zu erwarten, da es das Album in mehreren europäischen Ländern in den Bluescharts bis zur Nummer 1 geschafft hatte, was der sympathische McCormack in einer Ansage zu einem der Songs nicht ohne Stolz erwähnte.

Nach „Heal My Faith“ vom gleichnamigen Album von 2012 spielte die Band ein Rock’n’Roll-Medley, in welchem er einige Songpassagen abänderte und den Corona-Virus aufforderte, endlich zu verschwinden.

Nach dem Medley, wurden mit „With No Way Out“, einem fast zornig vorgetragenen Bluessong und „Cowboy Blues“ wieder zwei neue Lieder vorgestellt. Im letzteren ließ er Country und Blues ein klein wenig verschmelzen, um letztendlich doch bei seiner Leidenschaft, dem Blues zu landen.
Nach „A Night In The Life Of An Old Blues Singer“ und dem Gallagher-geprägten „That’s Rock’n’Roll“ beendete Eamonn mit Band den verdientermaßen mit viel Applaus bedachten ersten Set.

In der Pause, stand er am Merchandising-Stand bereit, um CDs zu verkaufen und zu signieren, aber auch um Gespräche mit den Fans zu führen. Dabei zeigten sich alle diszipliniert und zogen wie es sich in der derzeitigen Situation gehört, den Mund/Nasenschutz auf. Die Geduld, die Eamonn McCormack bei diesen Gesprächen an den Tag legte sorgten dafür, dass Marcus Neu schon leicht nervös wurde und freundlich und charmant darum bat, nach der Show die Verkaufsaktivitäten weiterzuführen, da es sonst zu spät mit Set 2 würde.

Gesagt, getan, die Band betrat die Bühne und legte direkt zu Beginn des zweiten Sets für mich einen der Höhepunkte des Konzertes hin. Bei „The Great Famine“ besang Eamonn gefühlvoll, manchmal fragend, warum es in seiner Heimat Irland im 18. Jahrhundert zu einer großen Hungerkatastrophe kam, die nicht nur für viele Tote sorgte, sondern auch zu einer Flucht aus dem Land, insbesondere auch nach Amerika führte.

Freundlich, wie er ist, fragte er dann, ob er denn ein Liebeslied spielen dürfe. Zugegeben, eine rhetorische Frage auf die es nur die Antwort ja geben konnte. Im gefühlvollen ruhigen „Every Note I Play“ besang er zum einen den Alltag im Hotelzimmer auf einer Tour aber auch wie er bei jeder Note, die er spielt, an seine Frau denkt.

Nach dem rockigen „When You Cross The Line“ ging die Präsentation der neuen Songs weiter. In “Cold Cold Heart“ und „South Dakota Bound“ ließ er ein wenig Boogie und Southern Flair einfließen, besondere Akzente setzte er, wie in allen Stücken, mit eingestreuten und zum Teil ausufernden Soli.

Nach dem älteren „Lousy Day“ wurde es noch einmal bedächtig und Eamonn brachte die Zuhörer mit „In A Dream“ sprichwörtlich zum Träumen. Dies war aber nur die Ruhe vor dem Sturm. Mit dem rockenden „Make My Move“, wären die Besucher normalerweise in Bewegung versetzt worden, wenn Sie sich nicht an die bestehenden Regeln zu  halten hätten gemusst und es wurde das Finale-Furioso eingeläutet, welches mit dem Gallagher Klassiker „Shadow Play“ einen würdigen Abschluss hatte.

Animiert durch lautstarke Zugabe Forderungen ließen sich die Drei nicht lange bitten und legten mit „Moving On“ und „Johnny Be Good“ noch zwei würdige Zugaben nach, um nach etwa zwei Stunden Spielzeit ein restlos zufriedenes bis begeistertes Publikum zurückzulassen. Im Anschluss stand man dann noch für das hier kostenlose Meet and Greet bereit.

In den Gesprächen war immer wieder herauszuhören, wie McCormack begeistern konnte, aber auch, wie seine beiden jungen Mitstreiter ein wichtiger Bestandteil dieses gelungenen Abends waren. Die beiden studierten Musiker, Max Jung-Poppe, am Schlagzeug und Edgar Karg am Bass trafen jeden Ton und gaben mit ihrer starken Rhythmusarbeit Eamonn McCormack letztendlich die Grundlage, seine Stärken als Gitarrist auszuleben.

Keiner der Beteiligten wird bereut haben, den Weg in die Kantine gefunden zu haben. Damit schließe ich auch die drei Musiker ein, denen anzusehen war, mit welcher Freude sie endlich mal wieder ihre Musik live präsentieren konnten. Ein besonderer Dank auch an Marcus Neu und die Mitarbeiter in der Kantine, die mit ihrer freundlichen Art, den Rahmen für diesen Blues Rock-Abend legten.

Line-up:
Eamonn McCormack (lead vocals, electric guitars)
Eddy Karg (bass)
Max Jung-Poppe (drums)

Text und Bilder: Gernot Mangold

Eamonn McCormack
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Kantine, Köln

Willie Nile – New York At Night – CD-Review

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Review: Michael Segets

Willie Nile lässt weiterhin die Fahne des Rock ‘n Roll wehen! Zwei Jahre nach „Children Of Paradise“ kommt der Zweiundsiebzigjährige erneut mit zwölf Eigenkompositionen um die Straßenecke, die in New York liegt, der Heimatstadt von Nile. Während Nile bei früheren Werken auch politische und soziale Missstände thematisierte, dreht sich „New York At Night“ um das Leben, Lieben und Sterben in dieser Stadt.

Vor vierzig Jahren veröffentlichte Nile seinen ersten Longplayer. Nicht zuletzt aufgrund juristischer Streitigkeiten geriet seine Karriere zwischenzeitlich ins Stocken. Aufmerksam bin ich auf den Musiker 2006 geworden, als ich seine CD „Streets Of New York“ hörte. Die folgenden Platten „House Of A Thousand Guitars“ (2009) und vor allem „The Innocent Ones“ (2010) gehören zu den besten Rockalben, die die erste Dekade des Jahrtausends hervorgebracht hat. Mit seiner Live-Show, die ich im Rahmen seiner „American Ride“-Tour erlebte, spielte er sich endgültig in mein Herz.

Ob Nile nochmal den Sprung über den Atlantik macht, bleibt fraglich. Auf „New York At Night“ finden sich allerdings viele Stücke, die live bestimmt sehr gut funktionieren wie das hymnische „Lost And Lonely World“. Die Scheibe geht insgesamt ein hohes Tempo. Nile beherrscht den gradlinigen Gitarrenrock perfekt, hat dabei das Gespür für eingängige Melodien und Refrains und drückt den Songs durch seinen markanten Gesang einen unverwechselbaren Stempel auf.

Die Anlage der Songs liegt zum Teil zwischen Joan Jett & The Blackhearts („New York At Night“, „Surrender The Moon“) und Tom Petty & The Heartbreakers („The Backstreet Slide”). Neben dem Midtemposong „Doors Of Paradise”, der leicht poppige Anflüge hat, finden sich – zum Beispiel mit „The Fool Who Drank The Ocean“ – auch Beiträge mit härteren Riffs. Klassischer Heartland wird mit „Downtown Girl“ und dem bereits 2003 entstandenen „Run Free“ geboten.

Klavierakkorde leiten „A Little Bit Of Love“ ein. Die Pianobegleitung steht zudem bei „The Last Time We Made Love“ im Vordergrund und erinnert an die Lieder auf „If I Was A River“. Anders als auf seinem puristischem Konzeptalbum von 2014 setzt dann aber am Ende eine elektrische Gitarre ein. Mit „Under The Roof“ ist eine weitere Ballade auf dem Longplayer vertreten, die allerdings von akustischer Gitarre getragen wird.

Den mitreißenden Opener „New York Is Rockin‘“ schrieb Nile zusammen mit Curtis Stigers, der den Titel bereits 1995 auf „Time Was“ veröffentlichte. Nile arbeitete während seiner Karriere mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, so mit Lucinda Williams, Bruce Springsteen, Ringo Starr oder Ian Hunter. Auch auf der letzten CD von Patricia Vonne ist Nile mit einem Stück vertreten.

Das neue Lebenszeichen von Willie Nile überzeugt wie der Vorgänger „Children Of Paradise“ mit temporeichem, gitarrenorientiertem Rock. Das von Nile entworfene Stimmungsbild fängt den pulsierenden Rhythmus der amerikanischen Metropole ein, wobei er gelegentlich ruhigeren Momenten ihren Raum gibt. „New York At Night“ ist so abwechslungsreich wie die Großstadt und lädt dazu ein, in die Atmosphäre einzutauchen und sich treiben zu lassen.

River House Records (2020)
Stil: Rock

Tracklist:
01. New York Is Rockin’
02. The Backstreet Slide
03. Doors Of Paradise
04. Lost And Lonely World
05. The Fool Who Drank The Ocean
06. A Little Bit Of Love
07. New York At Night
08. The Last Time We Made Love
09. Surrender The Moon
10. Under This Roof
11. Downtown Girl
12. Run Free

Willie Nile
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Aidan Knight – Same – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die drei Alben des kanadischen Songwriters Aidan Knight wurden von der Kritik hoch gelobt. Besonders sein letztes Werk „Each Other“ fand dort Anklang. Seit dessen Veröffentlichung im Jahr 2016 ist einiges im Leben von Knight passiert: Er zog zwischenzeitlich nach Berlin und zurück nach Kanada, ist Vater geworden und sein Lebenswandel wurde insgesamt solider.

Knight durchlebte in diesen Jahren allerdings depressive Phasen und fängt seine Stimmungen in zwölf Momentaufnahmen ein, die er auf dem selbstbetitelten Album zusammenführt. Wie unter diesen Voraussetzungen zu erwarten, sind die Songs durchweg getragen. Dabei zeigen manche seiner Videos, wie beispielsweise das aktuelle „Veni, Vedi, Vici“, durchaus einen Sinn für skurrilen Humor.

Die Musik von Aidan Knight wird als experimental Folk bezeichnet und beworben. Dem Folk bin ich ja zugeneigt, aber wie sich auch hier wieder einmal zeigt, bin ich für Experimente nur in begrenztem Umfang begeisterungsfähig.

„Julia In The Garden“ ist ein sanftes, leicht poppiges Stück, das durch Tonartwechsel sowie einige Einsprengsel von E-Gitarre und Keys die Struktur variiert. Das folgende „La La“ fängt ebenfalls eingängig an, endet aber mit einem ziemlich schrägen und langgezogenen Finale. Den vorangegangenen Songs ähnlich, aber weniger süßlich und vor allem in einer Linie durchgespielt ist „Sixteen Stares”, mit dem das Album eine positive Wendung nimmt.

Einprägsam ist das bereits erwähnte „Veni, Vedi, Vici“, bei dem die quietschende Gitarre besonders auffällt. Fast zahm wirkt demgegenüber „Mary Tuns The Pillow”. Der Folkanteil in Knights Musik steht bei „Slacker II“ deutlich im Vordergrund. Ein melodisches Gitarrensolo führt den Titel zu einem kräftigen Abschluss. Mit akustischer Gitarre und Streichen wird „St Kierans” begleitet. Bei dem Track verzichtet Knight auf weitere Arrangements, was eine gewisse Ruhe in den Longplayer bringt.

Einen volleren Klangteppich breitet er dann wieder bei „Houston TX“, „Rolodex“ und „Renovations“ aus, ohne sich in progressiven Spielereien zu verlieren. „These Days“ bietet zum Abschluss eine Ballade, die ausschließlich mit einem Klavier instrumentalisiert ist. Neben „Slacker II“ stellt der Song das Highlight des Longplayers dar.

Die Titel, auf denen Aidan Knight mit reduzierteren Arrangements arbeitet, zeigen seine Songwriter-Qualitäten. Manche opulenter instrumentalisierte Stücke entwickeln zwar eine eigene Atmosphäre, entfernen sich aber weit von dem, was sich sonst auf den Plattentellern von Sounds-Of-South-Fans dreht.

Seine kreativen Einfälle werden Liebhaber der Roots-Musik oder des Alternative Country wohl nicht recht zu würdigen wissen. Aidan Knights gleichnamiges Album wird eher ein Publikum ansprechen, das für experimentelle Kompositionen empfänglich ist.

Full Time Hobby/Rough Trade (2020)
Stil: Experimental Folk

Tracks:
01. Julia In The Garden
02. La La
03. Sixteen Stares
04. Veni, Vedi Vici
05. Mary Tuns The Pillow
06. Slacker II
07. St Kierans
08. Houston TX
09. Rolodex
10. Renovations
11. These Days

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The Allman Betts Band – Bless Your Heart – CD-Review

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In den Staaten ist die Almman Betts Band schon eine große Nummer, dort füllt sie bereits große Hallen und Stadien. Bei uns in Deutschland konnten die Sprösslinge von Gregg Allman und Dickey Betts, Devon Allman und Duane Betts und ihre Bandkumpanen Barry Duane Oakley, John Ginty, Johnnv Stachela, R. Scott Bryan und John Lum, aus dem bestehenden Promi-Bonus, trotz hervorragender Leistungen, noch keinen richtigen Nutzen ziehen.

An unserer Unterstützung hat es jedenfalls nicht gemangelt, ich glaube mit Fug und Recht behaupten zu können, dass kein anderes Magazin so intensiv über sie berichtet hat wie wir. CD-Reviews (natürlich auch zu ihrem starken Debüt „Down To The River„), Konzertberichte aus Köln und Dortmund 2018 (noch als Devon Allman Project, aber nahezu in gleicher Besetzung wie aktuell) und Köln 2019 (sehr ernüchternd: statt der gebuchten Kantine, war gerade mal der kleine anliegende Yard Club einigermaßen gefüllt) stehen da zu Buche, jetzt die Kritik zu ihrem neuen Werk „Bless Your Heart“.

Für die Einspielung der größtenteils von Devon, Duane und Stoll Vaughan (auch bei „Down To The River“ schon erheblich involviert) in Tourbussen und Hotelzimmern entstandenen neuen Tracks ging es in die Muscle Shoals Sound Studios in Alabama (zusätzliche Aufnahmen gab es noch in Memphis und St. Louis), produziert hat Grammy-Preisträger Matt Ross-Spang.

Während der Erstling noch mit nur neun Stücken ein wenig geizte, bekommt man jetzt auf „Bless Your Heart“ mit 13 Tracks und satten 72 Minuten Spielzeit, eine geballte Ladung feinsten Southern Rocks, selbst redend in der Tradition der berühmten Väter, allerdings aber auch mit viel eigenem neuen Elan und Espirit.

Den Leadgesang teilen sich wieder Devon und Duane überwiegend brüderlich (mit leichtem Vorsprung für Devon), zum ersten Mal darf allerdings auch der dritte Allman Brothers-Sohnemann Barry Duane Oakley ans Frontmikro bei „The Doctor’s Daughter“, einem progressiven Song voller Pink Floyd-, Beatles- und Eagles-Reminiszenzen. Gut finde ich, dass nicht ständig gewechselt wird, sondern meist in Zweier-Blöcken vom gleichen Fronter gesungen wird.

Devon eröffnet mit dem famosen, ebenfalls etwas progressiv und sehr atmosphärisch angehauchten „Pale Horse Rider“ und legt einen ganz tollen „Carolina Song“ nach (Stimmungswechsel, surrendes Slide, klasse Backgroundvocals von Ex-Skynyrd-Sternchen Susan Marshall, Shannon McNally und Reba Russell).

Duane Betts steigt mit dem launigen „King Crawler“ ein. Der mit Saxofoneinlagen von Art Edmaiston durchzogene Feger erinnert an einen Bruce Springsteen auf einem Southern-Trip. Klasse! Das folgende „Ashes Of My Lovers“ mit quäkender Harp von Jimmy Hall könnte man wohl in jedem Soundtrack eines Neo-Westerns unterbringen.

Ein Freudenfest für die Fans von ABB-Jam-Instrumentalstücken wie „High Falls“, „Jessica“, „Pegasus“, etc. bietet das 12-minütige „Savannah’s Dream“ mit allen Zutaten wie einer markanten E-Hookline, Slide, Twins, Piano, Orgel, pumpender Bass und furioses E-Solo zum kräftigen Drum-/Percussion-Teppich, und am Ende wieder der Rückkehr zur E-Hookline. Auch die Sohnemänner können es. Ein echtes Träumchen, großartig!

Devon übernimmt wieder bein stonesken Schunkler „Airboats & Cocaine“ (schöner Text von einem Mädchen, dass in die falsche Familie geboren wurde und ihrem in der Schmugglerszene tätigen Mann) und beim überragenden, Gänsehaut-erzeugenden „Southern Rain“ (saustarker Ginty an der Orgel, Falsetto-Gesang im Refrain).

Duane ist dann wieder bei „River Runs“, einer schönen Countrynummer mit ABB-Touch zur Stelle. „Magnolia Road„, das ein bisschen an eine Southern-Ausgabe von „Country Roads“ erinnert, wird dann gesangstechnisch brüderlich geteilt.

Devon steht danach wieder „Should We Ever Part“, einem Slide- und Orgel-durchzogenen Southern Blues in der Tradition seines Vaters Gregg, vor. Beim herrlichen „Much Obliged“ imitiert er dann sogar Johnny Cash in sehr gelungener augenzwinkernder Manier. Auch der Rausschmeißer ist ihm vorbehalten. „Congratulations“ heißt es dann zu Gintys Grand-Pianospiel und Orgelhall. Ein schöner, dezent pathetischer Ausklang.

Die Allman Betts Band präsentiert sich auf „Bless Your Heart“ als musikalische Einheit und in kreativer Höchstform. Das Album bietet von Stoff im Geiste der Vorfahren, über Southern Rock und eigenen Noten, alles, was das Herz begehrt. Ich wüsste wirklich nicht, was ihre Väter, vor allem in der Endphase besser gemacht hätten. Eine Must-Have-Scheibe sowohl für alle Allman Brothers-Enthusiasten, als auch Southern Rocker der jüngeren Generation.

„Wir haben uns definitiv künstlerisch als auch selbst herausgefordert und das Spektrum auf allen Ebenen erweitert. Wir wollten etwas erreichen, das weiter und tiefer geht“, so Duane Betts. Und Allman fügt hinzu: „Ich hoffe, dass die Leute bei ‚Bless Your Heart‘ eine Band hören, die verliebt darin ist, eine Band zu sein.“ Das kommt in jedem Fall rüber, Mr. Allman! Congratulations an die gesamte Allman Betts Band.

BMG Rights Management (2020)
Stil: Southern Rock

01. Pale Horse Rider
02. Carolina Song
03. King Crawler
04. Ashes Of My Lovers
05. Savannah’s Dream
06. Airboats & Cocaine
07. Southern Rain
08. River Runs
09. Magnolia Road
10. Should We Ever Part
11. The Doctor’s Daughter
12. Much Obliged
13. Congratulations

The Allman Betts Band
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Colter Wall – Western Swing & Waltzes And Other Punchy Songs – CD-Review

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Review: Michael Segets

Colter Wall hält die Tradition des Country hoch. Auf seinem dritten Longplayer „Western Swing & Waltzes And Other Puncky Songs“ greift er tief in die Schatzkiste der Country-Musik und bereichert sie mit eigenen Stücken, die sich nahtlos neben den Klassikern einfügen. Thematisch kreist das Werk standesgemäß um das raue Leben und die harte Arbeit der Cowboys.

Der älteste Titel „I Ride An Old Paint Leavin‘ Cheyenne“ stammt aus dem Jahr 1927, welcher zuvor beispielsweise von Johnny Cash aufgenommen wurde. Ein weiterer Klassiker ist „Cowpoke“, den Stan Jones („Ghost Riders In The Sky“) geschrieben hat. Der Track wurde im Original von Eddy Arnold, später von Rex Allen und in einer poppigen Version von Glen Campbell eingespielt. Mit ihrem Dreivierteltakt lösen die beiden Songs das Versprechen des Albumtitels auf Walzer ein.

Swing bieten die Eigenkompositionen „Western Swing & Waltzes“, „High & Mighty“ und „Rocky Mountain Rangers“. Zu den anderen Punches gehört das im Sprechgesang vorgetragene „Talkin‘ Prairie Boy“ sowie „Houlihans At The Holiday Inn“, bei dem Wall seinen Gesang nuanciert modelliert.

Die Highlights des Werks stellen die Coverversionen von „Big Iron“ (Monty Robbins) sowie „Diamond Joe“ (Jake Elliott) dar. Während das erste durch seinen Twang besticht, hat das zweite eine wunderbare Begleitung durch Geige und Backgroundgesang. „Diamond Joe“ steht bei der jungen Generation der Country-Musiker anscheinend hoch im Kurs. Charley Crockett hat es ebenfalls entdeckt und in sein Repertoire eingefügt.

Nachdem Wall schon mit Dave Cobb bei seinem Debütalbum (2017) zusammenarbeitete, übernahm er nun zum ersten Mal die Produktion eines Longplayers selbst und wählte routinierte Mitstreiter aus. Neben Jason Simpson, seinem langjährigen Weggefährten am Bass, gehören Schlagzeuger Aaron Goodrich und Patrick Lyons (Steel Pedal, Dobro, Mandoline) zur Bandbesetzung. Jake Groves kommt mit der Mundharmonika beispielsweise bei „Henry And Sam“ ausgiebig zum Zuge. Als Gastmusiker konnte Wall Emily Gimble und Doug Moreland gewinnen.

Colter Wall verfügt über eine tiefe Stimme, die ihn für den Country prädestiniert. Dank ihr umschifft er die Sentimentalität, die manchen traditionellen Songs dieses Genes anhaftet. „Western Swing & Waltzes” lässt dessen gute alte Zeit im besten Sinne wieder aufleben. Das Album wirkt pur, unverstellt und gerade heraus, wie man sich einen Western und seine Helden vorstellt.

Dass Colter Wall mit einfachen Mitteln komplexe Stimmungen erzeugen kann, bewies er bereits auf seiner EP „Imaginary Appalachia“ (2016), die für mich immer noch das kreative Referenzwerk des Kanadiers bleibt.

La Honda Records – Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Country

Tracks:
01. Western Swing & Waltzes
02. I Ride An Old Paint Leavin’ Cheyenne
03. Big Iowa
04. Henry And Sam
05. Diamond Joe
06. High & Mighty
07. Talkin’ Prairie Boy
08. Cowpoke
09. Rocky Mountain Rangers
10. Holihans At The Holiday Inn

Colter Wall
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Thirty Tigers
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Various Artists – Back To Paradise. A Tulsa Tribute To Okie Music – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die Großstadt Tulsa in Oklahoma hatte von den 1950ern bis in die 1970er eine sehr lebendige Musikszene, die einen eigenen Sound entwickelte. Der Tulsa Sound hat tiefe Spuren in der Rock-Musik hinterlassen und die Entstehung des Alternative Country oder des Red Dirt beeinflusst. Berühmtester Vertreter dürfte JJ Cale sein. Eric Clapton, der dessen Stücke coverte, machte sich auch diese spezielle Spielart zu eigen, obwohl er bekanntlich nicht aus Tulsa stammt.

Die örtliche Musiklandschaft wurde maßgeblich durch Leon Russell geprägt, der äußerst aktiv im Bereich des Pop und Rock mit etlichen Größen zusammenarbeitete. Ihm gehörte das Paradise Studio, das allerdings seit 1978 nicht mehr als solches genutzt wurde. Rick Huskey sorgte dafür, dass das Studio nicht verfiel und ermöglichte nun zwanzig Musikern aus dem Raum Tulsa, den Sampler „Back To Paradise. A Tulsa Tribute To Okie Music“ einzuspielen. Im Februar diesen Jahren – also noch vor den Corona-Einschränkungen – wurde die Session realisiert, wobei die Songs meist live ohne große Nachbearbeitung aufgenommen wurden. Die Compilation umfasst 17 Stücke mit über 70 Minuten Spielzeit.

Das Album würdigt die maßgeblichen Vertreter des Tulsa Sounds. So finden sich neben zwei Songs von JJ Cale und einem von Leon Russell auch welche von Steve Ripley, David Teegarden oder auch Jesse Ed Davies. Die Interpreten der Stücke waren mir durchweg nicht bekannt, machen ihre Sache aber sehr gut.

Paul Benjaman covert fünf Tracks. Neben den erwähnten Titeln von JJ Cale („I’ll Make Love To You Anytime”, „Ride Me High”) rockt er entspannt ganz im Sinne von Clapton „Helluva Deal” und „Misery Kickin‘ In“. Den Geist der siebziger Jahre atmet das krönende Abschlussstück „Mona Sweet Mona“. John Fullbright ist mit drei Songs vertreten und zeigt dabei die Spannbreite des Tulsa Sounds vom bluesigen „Crossing Over“, über das lockere Midtempo bei „If The Shoe Fits“ bis zum Boogie „Jealous Man“.

Jesse Aycock performt ebenfalls drei Songs. Die beiden sanften, countryfizierten Balladen „Rock N Roll Gypsies“ und „Tulsa County“ sowie als Kontrastprogramm das stampfende „Black Cherry“ gehen auf ihr Konto. Einen deutlichen Country-Einschlag hat ebenfalls „Blind Man“ von Dustin Pittsley, der mit „Can’t Jive Enough“ ein zweites Mal zum Zuge kommt. Aus derselben Ecke, aber in einer rockigeren Ausrichtung, kommt auch der Beitrag von Jacob Tovar („I’m Gonna Get To Tulsa“).

Auffällig sind „Tramp“, das von Branjae hauptsächlich in einem Sprechgesang vorgetragen wird, sowie das Duett „I Yike It“ von Charlie Redd und Briana Wright, das funky Töne anschlägt. Schließlich findet sich noch das von Dwight Twilley geschriebene „I’m On Fire“ auf der Scheibe. Twilley stammt zwar ebenfalls aus Tulsa wird aber nur am Rand dessen Sound zugerechnet. Sein Stück singt Sarah Frick, womit Musikerinnen circa ein Drittel der Stücke interpretieren.

Insgesamt überwiegen die gemäßigt rockenden Töne auf der Scheibe, die man von Clapton rund um „After Midnight“ kennt. Darüber hinaus gibt „Back To Paradise. A Tulsa Tribute To Okie Music” auch anderen, weniger bekannten Spielarten des Tulsa Sounds Raum. Für musikgeschichtlich Interessierte bietet der Sampler die Möglichkeit, eine Bildungslücke in Sachen Tulsa Sound zu schließen. Aber auch ohne diese Ambitionen bekommt man mit der Compilation eine Stunde gute Musik mit Retro-Charme geboten.

Horton Records (2020)
Stil: Tulsa Rock

Tracks:
01. I’ll Make Love To You Anytime – Paul Benjaman
02. Crossing Over – John Fullbright
03. Tramp – Branjae
04. Rock n Roll Gypsies – Jesse Aycock
05. I Yike It – Charleie Redd & Briana Wright
06. Helluva Deal – Paul Benjaman
07. Black Cherry – Jesse Aycock
08. Blind Man – Dustin Pittsley
09. If The Shoe Fits – John Fullbright
10. I’m On Fire – Sarah Frick
11. Tulsa County – Jesse Aycock
12. Ride Me High – Paul Benjaman
13. I’m Gonna Get To Tulsa – Jacob Tovar
14. Misery Kickin’ In – Paul Benjaman
15. Jealous Man – John Fullbright
16. Can’t Jive Enough – Dustin Pittsley
17. Mona Sweet Mona – Paul Benjaman

Horton Records

Dede Priest & Johnny Clark’s Outlaws – 20.08.2020, Schlachtgarten, Krefeld – Konzertbericht

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Es war der Moment, auf den ich seit dem 05.03.2020 sehnsüchtig gewartet habe. Das war nämlich der letzte Tag, an dem ich dieses Jahr ein Konzert besucht habe. Da hatte die Marcus King Band schon im Zuge erster Coronafälle in Köln noch einen saustarken Gig abgeliefert. Ab da, außer CD- und EP-Reviews, gähnende Leere in unserem Magazin.

Die Kulturszene, besonders in unseren bevorzugten Sphären, wurde von der Politik sträflich im Stich gelassen (wen wundert es bei Politikern der Marke Jens Spahn?), die Rede von Verzweiflung bis zum Bangen um die nackte Existenz grassierte allerorts, von den Betreibern, Veranstaltern bis hin zu den Künstlern selbst.

Mittlerweile gibt es erste dezente Bemühungen, mit ganz kleinen Schritten, auch im Konzertgeschehen, unter Einhaltung von Auflagen, wieder Fuß zu fassen. „Kein Rock ’n‘ Roll ist auch keine Lösung“ meinte Kuturrampenchef Markus ‚Pille‘ Peerlings‘ und tat sich mit Schlachtgarten-Betreiber Kolja Amend zusammen, um langsam wieder erste Gigs zu veranstalten.

An diesem Abend des 20. Augusts hatte sich die texanisch-niederländische Combo Dede Priest & Johnny Clark’s Outlaws angesagt, ein wunderbarer Act, um wieder ins Geschehen hineinzufinden. Also machten sich Kollege Gernot und ich zeitgemäß nach Krefeld auf, um aus der für uns neuen Location zu berichten.

Es waren maximal 99 Besucher zugelassen, deren Grenze auch knapp unter Maximum erreicht wurde. Alle mussten sich brav registrieren und sich in bestimmten Situationen an die Maskentragpflicht halten. Ansonsten konnte man sich unter Einhaltung der Abstandswahrung ohne Maske an seinem Platz bewegen. Schön wieder mal die vielen bekannten Gesichter zu sehen, die sonst in der Rampe oder bei Gigs der Bluesszene anzutreffen sind, aber auch einige neue Leute. Insgesamt ein schönes und angenehmes Ambiente.

Um 20:00 ergriff Pille (Kompliment übrigens für den Kinnbart!) das Mikro zur Ansage, kurze Zeit später kamen Dede, Johnny & Co. auf die Bühne, um mit dem rhythmischen „Did You Plan To Leave Me Now“ und „Wade In The Water“, den drückend schwülen Temperaturen angemessen, südstaatlich-blues rockig einzuheizen.

Die charismatische Texanerin, ganz in schwarz gekleidet, wieder mit den obligatorischen fingerlosen Handschuhen agierend, lief von Anbeginn zu Höchstform auf. Sowohl mit grandioser Stimme (die vorbeirauschenden Züge im abendlichen Hintergrund hatten gegen sie absolut keine Chance, geräuschmäßig Paroli zu bieten), starkem E-Gitarrenspiel (ihre vielen quirligen Soli immer mimisch/stimmlich mitbegleitend) als auch raunzender Violine (herrlich, wenn sie oft in bester Domina-Manier den Bogen bestimmend in die Luft hielt), der sie sogar Wah-Wah-Töne entlockte, animierte sie die Audienz immer wieder zu teils staunenden Beifallsbekundungen.

Aber auch Johnny Clark gab auf seiner Stratocaster und Gibson Les Paul (die kam meistens bei Songs mit Slide-Parts zum Einsatz) einen starken Counterpart ab. Ab und zu, wie u. a. beim schönen Hendrix-Cover „Hey Joe“ oder „Alaska“ übernahm er auch die schön rauchig gesungenen Lead Vocals. Die Rhythmusfraktion mit Ray Oostenrijk und Leon Toonen konzentrierte sich unaufgeregt, gänzlich auf ihren Job.

„You Are Love“, „Crocuses“, „Drinkin‘ Again“, das slow-bluesige „What It Is Ain’t What it Ain’t“, „Vermillion Allure“ und das eine Pause einläutende „Flowers Under The Bridge“ hinterließen bei mir besonderen Eindruck im immer noch schwül-warmen Krefelder Schlachtgarten, der eher einer Location in den Bayous Louisianas glich.

Schwarze Wolken und sporadisch runter fallende Tropfen während der 10-minütigen Unterbrechung, erzeugten ein paar angstvolle Blicke gen Himmel, wurden aber von der stimmlichen Urgewalt Priests samt Androhung eines „Texas Hurricane“ schnell zum Weiterziehen ‚überzeugt‘. Mit Tracks wie u. a. dem bereits erwähnten „Alaska“, dem abermals swampigen „Lynched At The Crossroad“, (Dede singt phasenweise durch ein Megafon), dem countryesken „Strawberry Party“ und dem Abschluss des Hauptteils „Cotton Candy“, steigerte sich Stimmung im Publikum kontinuierlich, sodass es um 22:00 Uhr noch in die Verlängerung ging.

Nach dem stimmungsvollen Freddie King-Cover „Palace Of The King“ und dem herrlichen „Spinning Down“ (Dede und Johnny mit Wechselgesang, sägende Fiddle) als Finale erhoben sich die Leute zu stehenden Ovationen. Man merkte allen Beteiligten die herabfallende Last an, die sich in den vergangenen Monaten in den meisten Köpfen angehäuft hatte.

Von der Dame an der Getränkeausgabe, dem Licht- und Tontechniker, der Band Dede Priest & Johnny Clark’s Outlaws, den engagierten Organisatoren Pille und Kolja, über die diszipliniert agierenden Besucher, trugen alle zu einem denkwürdigen Abend mit toller Musik bei, der hoffentlich peu à peu wieder in die kulturelle Normalität zurückführt. Rock ’n‘ Roll ist von daher immer eine Lösung!

Line-up:
Dede Priest (lead vocals, electric guitar, fiddle)
Johnny Clark (electric guitar, vocals, lead vocals)
Ray Oostenrijk (bass)
Leon Toonen (drums)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

Dede Priest
Johnny Clark & The Outlaws
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Schlachtgarten Krefeld
Kulturrampe Krefeld

The Rhyolite Sound – Mojave Gold – CD-Review

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Review: Michael Segets

Das neue Country- und Southern-Rock-Label Whiskey Preachin‘ Records von Tony Sexton und Reinhard Holstein (Glitterhouse Records, Stag-O-Lee Records) machte bereits mit dem tollen Sampler „Whiskey Preachin’ – Volume 1” Anfang des Jahres auf sich aufmerksam. Zum Auftakt stellte das Label zwölf frische Bands vor, die hierzulande noch weitgehend unbekannt sind. Unter den Newcomern befand sich auch The Rhyolite Sound. Die Band setzt nun das Programm von Whiskey Preachin‘ mit dem rundum gelungen „Mojave Gold“ fort.

Die Combo tritt mit drei Gitarristen (Larry Reha, James Caselton, Erik Alesi), Bass (Chris Davis) und Schlagzeug (AJ Palluck) an. Den Leadgesang übernimmt meist Larry Reha mit seiner tiefen Stimme, manchmal wechselt Erik Alesi ans Mikro. Das Quintett aus Las Vegas feierte 2017 sein Debüt mit „Desert Honky Tonk“ (2017), wobei der Titel zugleich den Sound der Band ausdrücken soll.

Der liegt irgendwo zwischen Southern mit einer Prise Country beziehungsweise umgekehrt. Auf alle Fälle klingt er erdig und staubig, also atmosphärisch richtig nach der Mojave Wüste. Ob sich der Bandname The Rhyolite Sound auf ein Vulkangestein oder auf die Geisterstadt nördlich von Las Vegas bezieht, bleibt offen. Passen würde beides.

„On Stolen Time“ stimmt als starker Roots Rock hervorragend auf die folgenden Titel ein. Das hohe Niveau des Openers hält die CD nahezu durchgängig bis zum fulminanten Abschluss „I Think Too Much When I Drink To Much“, der als countryfizierter Southern Rock mit lang ausklingendem, leicht psychodelisch angehauchten, instrumentalen Ende überzeugt.

Dazwischen liegen die am Southern Rock orientierten Beiträge „Ain’t No Outlaw“, das mit wunderbaren Harmoniegesang unterfüttert ist, und das stampfende, mit feinen Gitarren versehene „The Road To Losing My Mind“. Direkt ins Tanzbein gehen „Magaritas And Cocaine“ und der Boogie „Downtown“, bei dem die Frankie Moreno am Klavier die Band unterstützt. In Richtung Country schlägt die Nadel bei der Ballade „He Can Have Her” und dem Honky Tonk „Trainwreck“ aus. Joel Ferguson und Ian Clark an der Pedal Steel Guitar beziehungsweise Geige sorgen für die genretypische Instrumentalisierung.

Die Songs wurden von Reha meist zusammen mit Bandkollegen geschrieben. Darüber hinaus finden sich zwei Cover auf dem Album. „Why You Been Gone So Long“, bei dem die Gitarren einen leicht funkigen Einschlag haben, stammt von Mickey Newbury. Aus dem Dire Straits-Stück „Setting Me Up“ machen The Rhyolite Sound eine erstklassige Country-Nummer mit treibendem Rhythmus. Der Track war bereits auf der oben erwähnten Compilation vertreten.

The Rhyolite Sound präsentieren ein kurzweiliges Werk, das das Beste von Country und Southern vereint. „Mojave Gold“ legt die Messlatte für die folgenden Musiker des Labels ziemlich hoch. Wenn Sexton und Holstein weiterhin solche Bands wie „The Rhyolite Sound“ ins Programm nehmen, stehen den Fans des Roots Rocks und seinen angrenzenden Musikrichtungen goldene Zeiten bevor. „Mojave Gold“ gehört in die Kategorie Pflichtkauf, weil The Rhyolite Sound ein wirklich gutes Album vorlegen und das ambitionierte Vorhaben von Whiskey Preachin‘ Records, Independent-Musiker aus Amerika hierzulande bekannt zu machen, unbedingt förderungswürdig ist.

Den Longplayer gibt es in limitierter Stückzahl auf (farbigem) Vinyl, auf CD und digital. Das mp3-Album ist anscheinend durch den lockeren Country-Rocker „There I Go“ ergänzt.

Whiskey Preachin’ Records/Indigo (2020)
Stil: Southern Rock, Country

Tracks:
01. On Stolen Time
02. Magaritas And Cocaine
03. He Can Have Her
04. Ain’t No Outlaw
05. Why You Been Gone So Long
06. The Road To Losing My Mind
07. Setting Me Up
08. Trainwreck
09. Downtown
10. I Think Too Much When I Drink Too Much

The Ryolite Sound
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Whiskey Preachin’

The Georgia Thunderbolts – Same – EP-Review (digital)

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Grundsätzlich ist es ja zu begrüßen, wenn junge Bands, gerade aus unserer Lieblingsgattung, schon frühzeitig von arrivierten Labels, wie in diesem Fall der Mascot Label Group (u. a. Joe Bonamassa, Beth Hart, Kenny Wayne Sheperd, Black Stone Cherry), unter Vertrag genommen werden.

Ron Burman, Leiter der Firmensparte Nord-Amerika, sah die Band live und nahm sie sofort unter seine Fittiche. Burman sagt dazu: „Ich habe eine starke Affinität zu großartigem Southern Rock, da ich in Jacksonville, Florida aufgewachsen bin. Als ich The Georgia Thunderbolts zum ersten mal hörte, wurde ich sofort von ihrem kraftvollen, authentischen, bluesigen Southern Rock und den tollen Songs angezogen. Als ich sie dann später in Nashville live gesehen habe, war ich total überwältigt. Ich hatte buchstäblich Gänsehaut und wusste, dass wir sie unter Vertrag nehmen müssen. Ich erwarte tatsächlich Großes von dieser Band. The Georgia Thunderbolts sind eine so starke Rockband und ihr Sänger TJ Lyle hat einen so unverwechselbaren Stil.“

Ähnliches hatten wir ja vor einem Jahr in unserem Review zu ihrer in Eigenproduktion entstandenen grandiosen CD „Southern Rock From Rome“ (die Band stammt aus Rome im Staate Georgia) bereits konstatiert und diese im Rückblick 2019 zur Newcomer-CD des Jahres deklariert.

Was mich ein wenig irritiert ist, warum man jetzt zum Start eine digitale EP mit nur fünf Tracks auf den Markt bringt, wobei dann noch drei Stücke („Looking For An Old Friend“, „Lend A Hand“ und „Set Me Free“) bereits auf o. a. CD enthalten sind. Diese scheint allerdings mittlerweile aus den offiziellen Verkaufskanälen verschwunden zu sein.

So beschränke ich mich hier auf die zwei restlich verbliebenen „So You Wanna Change The World“ und „Spirit Of A Workin‘ Man“, die das variantenreiche und variable Songwriting des Quintetts, bestehend aus TJ Lyle (vocals, harp, piano), Riley Couzzourt (guitar), Logan Tolbert (guitar), Zach Everett (bass, vocals, keyboards) und Bristol Perry (drums) konsequent fortführen und schon allein den Erwerb der EP rechtfertigen.

Erstgenanntes mit ambitioniertem Text/Titel lässt sofort Reminiszenzen an die Musik von Lynyrd Skynyrd, 38 Special, Johnny Van Zant (frappierende stimmliche Ähnlichkeiten zu TJ Lyle) zu ihren Anfangstagen aufkommen, aber auch gewisse Bezüge zu den bereits heute amtierenden Platzhirschen Blackberry Smoke. Klasse hier die integrierten Trommelwirbel von Bristol Perry, aber auch die beiden schönen E-Gitarren-Soli.

„Spirit Of A Workin‘ Man“ bezeichnet das Georgia-Kollektiv als ihre Hymne. Fronter Lyle hierzu: „Wenn Du einen starken Glauben und Geist hast, kannst du nach besseren streben und auch in schweren Zeiten durchhalten. Die Lektion die im Song verborgen ist, dass du den kleinen Mann nicht unterkriegst und das jeder ein Mitspracherecht hat.“ „Ich beziehe den Song gerne auf unsere Band als Ganzes“, erläutert Gitarrsist Riley Couzzourt. „Wir sind alle bescheiden aufgewachsen und sind im Grunde genommen immer noch bescheiden. Wir werden bis zum Ende immer bescheiden bleiben. Wir wurden zu Arbeitern erzogen und das sind wir.“ Musikalisch überzeugen hier vor allem die Stimmungswechsel, sowohl in Lyles emotionalem Gesang, als auch in den E-Gitarrenparts (Hookline/Soli).

Somit klare Empfehlung, sich auch dieses Werk von The Georgia Thunderbolts zuzulegen, und eben nicht nur für Leute, die diese Band noch nicht kennen. Ich würde mich persönlich allerdings sehr freuen, wenn die Mascot Label Group der Band schon bald entsprechende Freiräume für eine richtige CD mit komplett neuem Material gewährleisten würde. An Kreativität dafür, dürfte es den Burschen sicherlich nicht mangeln.

Gerne darf sie die Jungs, sobald der Corona-Spuk hoffentlich vorbei ist, dann auch zu uns nach Europa auf Tour schicken. The Georgia Thunderbolts sind wie u. a. The Allman Betts Band, The Steel Woods, Brent Cobb, The Trongone Band, Robert Jon & The Wreck) ein weiterer beeindruckender Beweis dafür, dass der Southern Rock sich keine Sorgen um seinen Nachwuchs machen braucht. Auf eine tolle Zukunft!

Mascot Label Group (2020)
Stil: Southern Rock

01. Looking For An Old Friend
02. So You Wanna Change The World
03. Lend A Hand
04. Spirit Of A Workin‘ Man
05. Set Me Free

The Georgia Thunderbolts
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Mascot Label Group