Colter Wall – Imaginary Appalachia – EP-Review

CW

Review: Michael Segets

„Imaginary Appalachia“ wurde ursprünglich 2015 auf Vinyl und als Download herausgebracht. Nach dem selbstbetitelten Debüt-Album von Colter Wall aus dem letzten Jahr liegen die sieben Tracks der EP jetzt auch als Silberling vor.

Die sparsam instrumentierten Songs leben von der dunklen Stimme Colter Walls, die an einigen Stellen sehr stark an die von Johnny Cash erinnert. Gelegentlich setzt Wall interessante Intros ein – ebenfalls ein Element, das ihn mit dem ‚Man In Black‘ verbindet. Die Parallelen treten bei „Johnny Boy’s Bones“, einem klassischen Country-Titel im mittleren Tempo, besonders deutlich zutage. Das Stück geht unmittelbar ins Ohr und wirkt trotz der bekannten Ingredienzien frisch.

Für die wunderschöne Ballade „Caroline“ möchte man sich einen Schaukelstuhl auf die Terrasse stellen und auf einen Sommerabend warten. Weiblicher Harmoniegesang begleitet zeitweise Walls Stimme und gibt dem Werk eine zusätzliche Wärme.

Mit wenigen Mitteln, seiner Stimme und Gitarre, zaubert Wall eine dichte Atmosphäre auf „Living On The Sands“. Etwas Zittern im Gesang reicht aus, um einen starken und bewegenden Song hervorzubringen. Ähnliches gelingt ihm bei „Nothin’“, bei dem Anflüge von Hall-Effekten eingesetzt werden. Eingängiger und mit Schlagzeug unterlegt, aber nicht weniger packend, ist „Sleeping On The Blacktop“.

Die drei Titel transportieren eine ursprüngliche Energie, die „Ballad Of A Law Abiding Sophisticate“ so nicht zu bieten hat. Wall legt hier eine gehörigen Portion Vibration in seine Stimme. Etwas Twang und viel leidende Geige ergänzen diese, heben das Stück aber nicht über das Mittelmaß hinaus. Zum Abschluss nimmt Colter Wall eine Kurve in Richtung Blues. Das macht er ordentlich, aber „The Devil Wears A Suit And Tie” entwickelt nicht die Intensität der anderen reduzierten Songs.

Das erste musikalische Lebenszeichen von Colter Wall durch die Veröffentlichung als CD nochmal in Erinnerung zu rufen, ist sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass es „Sleeping On The Blacktop“ auf den Soundtrack zum Neo-Western Hell ‚Or High Water‘ (mit Jeff Bridges als Texas Ranger) geschafft hat. Wall präsentiert sich mit „Imaginary Appalachia“ als unverbrauchter und ungeschliffener Musiker. Auch wenn nicht jeder Song ein Volltreffer ist, bleiben doch einige herausragende Titel im Gedächtnis.

Gerade dort, wo Colter Wall sich auf Gesang und Gitarre konzentriert, zeigt er sein Potential als Sänger und Songwriter, der sich – anders als auf seinem Debüt-Album – noch nicht auf den ausgetretenen Pfaden eines schwülstigen Country bewegt.

Thirty Tigers/Young Mary’s Record Co. (Alive) (2015/2018)
Stil: Country

01. Sleeping On The Blacktop
02. Johnny Boy’s Bones
03. Caroline
04. Living On The Sands
05. Ballad Of A Law Abiding Sophisticate
06. Nothin‘
07. The Devil Wears A Suit And Tie

Colter Wall
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