Vanesa Harbek – 27.10.2022 – to hoop, Rheinberg – Konzertnachlese

Im Rahmen der „Visiones“-Tour spielte Vanesa Harbek mit ihrer Band auch im Rheinberg Alpsrayer to hoop vor. Mittlerweile ist es Sami Durak gelungen, das to hoop als Konzertstätte für Bluesmusiker in Rheinberg zu etablieren. 

Die leider zu wenigen Besucher sollten ihr Kommen an dem Abend allerdings nicht bereuen. Immmer noch ist es für Veranstalter in der Region oft schwierig, Zuschauer in die Clubs zu locken, während Konzerte von Harbek in den Tagen zuvor in den Niederlanden recht gut besucht waren.

Mit ihren Begleitmusikern, Martin Engelien am Bass und Thomas Lieven an den Drums, legte sie zwei etwa 50 minütige Sets hin, bei denen ihr aktuelles Album „Visiones“ natürlich im Mittelpunkt stand. Gespickt wurden die eigenen Songs noch durch stark interpretierte Covervisionen wie „Oye Como Va“ oder „Proud Mary“, die zum Ende hin die Fans zu stehenden Ovationen veranlassten.

Neben ihrem Fähigkeiten an der Gitarre zeigte Harbek bei zwei Songs, dass sie auch eine ausgezeichnete Trompeterin ist und so zusätzliche Akzente in die Stücke setzte. Stilistisch bewegte sie sich vom Blues bis hin in Richtung Flamenco, wo auch ihre heimatlichen Wurzeln, insbesondere bei den auf spanisch gesungenen Songs, zum Vorschein kam.

Nach der Tour wird es direkt ins Studio gehen, wo das nächste Album eingespielt wird und man das Motto sehen kann, nach der Tour ist vor der Tour. Man darf gespannt sein, was die Argentinierin im nächsten Jahr präsentieren wird. Nach dieser Vorstellung in Alpsray wird sie bestimmt wieder ein gern gesehener Gast sein.

Es bleibt zu hoffen, dass dann mehr Musikfans den Weg ins to hoop finden werden und die Mühen von Sami Durak belohnt werden, Kultur in Rheinberg zu erhalten. Wer auf Bluesmusik steht, sollte öfters mal auf der Seite des to hoop nachschauen, es wird in den nächsten Monaten einige Überraschungen geben.

Line-up:
Vanesa Harbek – guitars, trumpet, lead vocals
Martin Engelien – bass, vocals
Thomas Lieven – drums

Text und Bilder: Gernot Mangold

Vanesa Harbek
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to hoop

Russell Dickerson – Same – CD-Review

Russell Dickerson mit seinem nach ihm selbst benannten 3. Longplayer! Der aus Union City, Tennessee stammende studierte Musiker ist aber eher ein Single-Spezialist, wie es bisherige Stücke der Marke „Yours“ (3-fach Platin), „Blue Tacoma“ (2-fach Platin), „Every Little Thing“ (Platin) und „Love You Like I Used To“ (Platin) eindrucksvoll aufzeigen.

Typisch für ihn, sind dann auch 13 der 15 Stücke genau in diesem Format angelegt. Lediglich die beiden letzten Tracks „Drink To This“ (hier gibt es mal zwei schöne, etwas längere Dann Huff-E-Soli) und das Vaterfreuden suggerierende  „Just Like Your Mama“ weichen mit um die 5 Minuten Spielzeit vom allgemeinen Schema ab.

Russell hat bei allen Songs als Co-Writer und -Produzent fungiert, desweiteren haben ihm Leute wie Zach Crowell, Casey Brown, Josh Kerr, Ben Johnson, Alysa Vanderheym und bereits besagter Dann Huff an den Reglerknöpfen assistiert.  

Die Scheibe bietet modernen New Country, der diverse Stile wie u. a. Country, Pop, R&B, Heartland- und Christian Pop-Rock musikalisch geschickt und gekonnt unter einem Dach vereint und dazu textlich auch genau das bietet, was der eher konservativ gestrickte  Amerikaner beim Hören so präferiert.

Der erste Versuch, in die Erfolgsspuren der oben angeführten Vorgänger treten, wird mit „She Likes It“, einem von bluesiger E-Gitarre und slowem Groove begleiteten R&B-Track, unternommen, bei dem Russell mit coolem Gesang aufführt, was seine Liebste so alles an ihm mag.

Und so kommt man insgesamt eine überwiegend  bekömmliche Scheibe zu hören, die man eher schön im Hintergrund abspielen lassen kann (bei mir läuft sie auf meinem 45-minütigen Weg zur und von der Arbeit aus im Auto), eine gewisse Tiefgründigkeit lässt sie eher vermissen. Den nächsten großen Singlewurf kann ich derzeit auch noch nicht entdecken. Stoff für Fans, die von eher moderneren Interpreten wie Chase Rice, Florida Georgia Line, Sam Hunt, Thomas Rhett & Co. angetan sind.

Triple Tigers/Membran (2022)
Stil: New Country

01. Blame It On Being Young
02. Sorry
03. She Likes It
04. I Still Believe
05. Big Wheels
06. I Remember
07. I Wonder
08. God Gave Me A Girl
09. All The Same Friends
10. Beers to the Summer
11. She’s Why
12. 18
13. Over and Over
14. Drink To This
15. Just Like Your Mama

Russell Dickerson
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Oktober Promotion

Grant Dermody – Behind The Sun – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Grant Dermody, sicherlich einer der besten amerikanischen Blues-Mundharmonika-Spieler, frönt auf seinem neuesten Album „Behind The Sun“ ganz und gar dem Blues, wie er in den Südstaaten gespielt wird. Außerdem ist es die dritte Zusammenarbeit mit Dirk Powell, dem wohl besten US-amerikanischen Fiddle-, Banjo- und Akkordeonspieler.

Gemeinsam mit ein paar weiteren Größen der Musikszene aus Lafayette, Louisiana, hat die Truppe ein wahrliches Meisterwerk des traditionellen Blues geschaffen. Es umfasst 15 Songs, neun davon sind Originaltunes, bei den übrigen Stücken handelt es sich um Klassiker von Muddy Waters und Melodien von u. a. Kim Wilson, Otis Rush und Jimmy Reed.

Mit „Trouble No More“ startet die Scheibe sofort voll durch und fesselt den Zuhörer gleich zu Beginn mit einer packenden Hookline und kraftvollem Mundharmonikagetöse. Und auch „Don‘t Boss Me“, ein von Rick Estrin geschriebener, fröhlicher Boogie-Woogie, verursacht Zuckungen in den Beinen, ebenso wie der flotte, von Kim Wilson stammende, Tanzflächenshuffle „Learn To Treat Me Right“ gegen Ende der Scheibe.

Dazwischen bewegen sich die Songs zwischen tief schwarzem Südstaatenblues (Dermodys Eigenkomposition „Forgive Me“ oder Muddy Waters‘ „Louisiana Blues“) und gefühlvollem Slowblues („Mourning Dove“), wobei die Bandbreite auch den Chicagostyleblues („Clotilda‘s Got Soul‘) und zwei Instrumentals umfasst: „Lost John“ stampft wie eine von einer Bluesharp angetriebene Lokomotive und das einminütge Zwischenspiel „Mr. Jeff“ besteht nur aus Percussion und Mundharmonika. „Tell Me“ und „She Come Running“ hingegen sind zwei eingängige Midtempo-Bluesnummern, wobei der zweite Song durch ein längeres Harp- und Gitarrenintro geprägt ist, das sich wiederkehrend durch den Song zieht.

Besonders hervorzuhebende Songs sind allerdings das eigenwillige „Footsteps In The Hall“, das wunderschöne Jimmy Reed-Cover „Honest I Do“ mit Country- und Americanaelementen sowie „Time Ain‘t Due“ mit einer puren Harp Eingangssequence, gefolgt von wunderbarem A-Capella-Gesang mit Dermody und den beiden schwarzen Sängerinnen Teka Briscoe und Ahyris Navarre. Nach knapp einer Stunde Spielzeit endet der Longplayer schließlich mit dem Deltablues „So Many Roads“.

Für Anhänger des unverfälschten, traditionellen Blues ist Grant Dermodys neue Scheibe eindeutig ein „Must Have“. Sie macht richtig gute Laune und man kann sich beim Zuhören förmlich in der Musik verlieren. Für mich ist sie eine der besten, wenn nicht sogar die beste Bluesscheibe in diesem Jahr. Daher eine absolute Kaufempfehlung!

Eigenproduktion (2022)
Stil: Blues

Tracks:
01. Trouble No More
02. Don‘t Boss Me
03. Forgive Me
04. Lost John
05. Clotilda‘s Got Soul
06. Louisiana Blues
07. Footsteps In The Hall
08. Tell Me
09. Mourning Dove
10. She Come Running
11. Honest I Do
12. Time Ain‘t Due
13. Mr. Jeff
14. Learn To Treat Me Right
15. So Many Roads

Grant Dermody
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Ally Venable Band – 03.11.2022 – to hoop, Rheinberg – Konzertbericht

Texas Honey‚ Ally Venable zum Auftakt ihrer Europa-Tournee im to hoop in Rheinberg-Alpsray! Besitzer Sami Durak hat ohne Zweifel  das in Rheinberg existierende Blues-Vakuum erkannt und sich hier durch kontinuierliche und gute Arbeit, in letzter Zeit eindeutig die aktuelle Hoheit gesichert.

Und so war das ehemalige Bürgerzentrum für einen Donnerstag Abend auch recht ordentlich gefüllt. Viele Blues-Experten wollten sich das momentane musikalische Treiben, der durch den Rufschen Blues Caravan (wir hatten sie 2019 in Dortmund begutachtet) bekannten Sängerin und Gitarristin aus dem Lonestar-State, nicht entgehen lassen.

Die langhaarige Protagonistin kam nach Samis feuriger Eingangsrede gewohnt hochgestiefelt und in knappem Lederfummel mit ihren beiden Mitstreitern Isaac Pulido (drums) und Elijay Bedford (6-string bass) auf die Bühne und ließ es in Set 1 so richtig abgehen.  Eine knallharte Blues Rock-Performance, wobei das Wort ‚Rock‘, und zwar in der härteren Manier, das Geschehen bestimmte.

Was das Mädel allein schon im Bill Withers-Cover „Use Me“ zum Auftakt an krachenden Riffs und Soli abfeuerte, war schon atemberaubend und richtungsweisend für die ersten 50 Minuten des Gigs. Einen erheblichen Anteil hatte allerdings auch der noch recht jugendlich wirkende Drummer Isaac Pulido, der aber ebenfalls mit vielen deftigen Poltereilagen für viel Dampf im texanischen Blues Rock-Kessel sorgte.

Mit den folgenden Stücken „Hard Change“, „Sad Situation“ und „Heart of Fire“ stand dann ihr aktuelles gleichnamiges Album im Mittelpunkt des Geschehens (zwischendurch gab es noch das von Wah_Wah-Soli durchzogene „Real Gone“), bevor mit der Bessie Smith-Nummer (die Dame ist eines der großen Blues-Vorbilder von Ally)  „Back Water Blues“ (mit tollem Gesangs- und E-Gitarrenintro von Ally) im etwas traditionelleren Stil die Pause eingeläutet wurde.

Dort eilte sie sofort zum CD-/LPs-Verkaufen und -Signieren Teil 1, im zweiten Set ging es mit „Road To Nowhere“, dem herrlichen Slowblues „Comfort in My Sorrows“ und „Bring On The Pain“ doch etwas gemäßigter zu. Der Vorteil war, dass hier dann auch Allys stimmliche Qualitäten mehr in den Vordergrund treten konnten. Eine wirklich gelungene und auch schwungvoll gestaltete Version vom B.B. King-Schinken „The Thrill is Gone“ mit „Miss You“-Kurz-Intermezzo führte schon zum Schlussstück des Hauptteils.

Da wurde dann mit dem Instrumental „Lenny“ einer weiteren texanischen Blues Rock-Größe, Stevie Ray Vaughan, ausgiebig die Ehre erwiesen und alle drei Beteiligten konnte sich an ihren Arbeitsgeräten nochmals ausgiebig ‚zeigen‘. Stark hier vor allem die sphärische Mittelpassage.

Mit frenetischem Applaus wurde mit dem in Blues-Kreisen gern gecoverten „Going Down“ dem Trio dann noch eine furiose Zugabe herausgelockt. Da hielt es die junge Texanerin nicht mehr auf der Bühne und nach Einzelpassagen ihrer Mitstreiter gab es dann noch ein Gitarrensolo im Stile einer Table-Blueserin auf dem Tisch inmitten ihrer begeisterten Audienz. Charmeur Sami half ihr dann ganz gentleman-like wieder herunter zum Boden.

Apropos ‚Texas Honey“: Der Song, einer meiner Lieblingstitel von ihr, war der einzige, der mir an diesem Abend ein wenig gefehlt hatte. Dafür hatte Ally dann aber am Ende auch noch Zeit für das obligatorische SoS-VIP-Bild mit Sami und dem Magazin-Chef persönlich. Insgesamt eine sehr überzeugende Leistung zum Tourstart der Ally Venable Band. Danke, Honey!

Line-up:
Ally Venable – electric guitars, lead vocals
Elijah Bedford  – bass
Isaac Pulido – drums

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

Ally Venable
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to hoop
Ruf Records

Emily Nenni – On The Ranch – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

“On The Ranch” heißt das neue Album der US-amerikanischen Singer/Songwriterin Emily Nenni. Sie reflektiert darauf die Zeit eines längeren Aufenthalts, den sie für einen Job in Colorado verbrachte. Nenni hat nach ihrem erfolgreichen Independent-Debüt-Longplayer “Hell Of A Woman” (2018) nun die neue Scheibe bei New West Records veröffentlicht.

Die inzwischen in Nashville lebende Künstlerin konnte schon im Jahre 2020 mit dem Titel-Track ihrer EP “Long Gone” über 1 Million Streams verzeichnen und schrieb die Recordings des vorliegenden Albums zusammen mit Produzent und Gitarrist Mike Eli.

Der rasante Einstieg gelingt mit “Can Chaser”, ein Country Rock’n’Roll, hervorragend und führt über den typischen Country-Rock “Useless” zum Titel-Song des Longplayers, der 1.Single “On The Ranch”, die im Traditional-Style und schönen Dobro-Parts eine Liebhaber-Nummer des Genres werden kann.

Überhaupt bringt die Scheibe eine unerwartet weitreichende Stil-Retrospektive in herrlichen Song-Kreationen, u. a. “In The Mornin’“, das z. B. an Steelers Wheel anlehnt. Von Old School-Country-Stücken, die in “Leavin” und “Matches” starke Pedal Steel-Saiten hervorbringen, bis zu “Gates Of Hell” sind ebenso moderne, wie in Ansätzen alternative Power-Titel (“Get On With It”) vielseitig arrangiert.

Immer wieder erinnert der Sound auch an legendäre Country-Ladies, wie Loretta Lynn oder Dolly Parton, die Nanni scheinbar mühelos, aber beeindruckend, neu interpretiert. Dass überraschend plötzlich der alte Abba-Song “Does Your Mother Know” als erfrischende Country-Version auftaucht, spricht für die mutige Produktion.

Auch bei ihren Country-Kollegen wird Emily Nenni offenbar als kommendes Talent und neue Stimme (charismatisch, selbstbewusst und abwechslungsreich) anerkannt. Sie geht bereits mit Kelsey Waldon (in den Staaten) und mit Joshua Hedley (in Australien) auf Tournee. “I’m a honky-tonk girl who’s just getting started”, so Nenni über ihr Album “On The Ranch”: dem ist angesichts der stets sehr swingenden und catchy-tuned Newcomer-Edition nichts mehr hinzuzufügen!

Normaltown Records/New West Records (2022)
Stil: Country

Tracks:
01. Can Chaser
02. Useless
03. On The Ranch
04. Leavin’
05. In The Mornin’
06. Matches
07. Gates Of Hell
08. Does Your Mother Know
09. The Rooster And The Hen
10. Get On With It

Emily Nenni
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V2 Promotion

Joost de Lange Band – Hypnotized – CD-Review

Review: Gernot Mangold

Die in Antwerpen ansässige Joost de Lange Band bringt mit „Hypnotized“ das mittlerweile sechste Studioalbum heraus. Dabei ist dem Powertrio um Mastermind Joost de Lange ein beachtliches Werk gelungen, das die Bandbreite vom Blues aus der Richtung Rory Gallagher oder Jimmy Hendrix über Rock bis hin zum Hard- und zuweilen Southern Rock umspannt.

Tricky ist der Einstieg in die CD, wo das rockige „I Won’t Follow“ mit einigen Riffs eingeläutet wird, die an das Intro des Golden Earing-Klassikers „Radar Love“ erinnern, um dann in eine schnörkellose Bluesnummer einzumünden, die einen Refrain mit hohen Wiedererkennungswert hat. Schon im ersten Song zeigt sich die Klasse seiner Begleitmusiker Ramses Donvil an den Drums und Mitchell Goor am Bass, die eine groovende Grundlage legen, in die Joost immer wieder feine Gitarrensoli einstreut.

Herausragend ist der Titeltrack „Hypnotized“, mit einem slidenden Intro und Ende des Tracks auf dem Dobro. Prägnant sind dabei neben dem emotionalen, fast melancholischen Gesang der pulsierende Tieftöner.

Neben den meist eher härteren Nummern zeigt er beim balladesken „Love, Fear and Uncertainty“, dass er mit seiner Band auch die eher ruhige Gangart beherrscht, wobei er in den Song ein furioses Solo integriert. Mit dem gradlinigen krachenden „Shout It All Out“ nähert sich Joost de Lange denn dem Hard Rock mit grungigen Einflüssen. Schön ist hier auch das Songwriting mit einem einprägsamen Refrain.

Abgeschlossen wird der durchgängig starke Longplayer mit dem rockigen „Rush“, mit stampfenden Bass, und energievollen, dynamischen Drums, zu denen Joost de Lange gekonnt Akzente mit seiner Gitarre setzt.

Spätestens mit ihrer neuen Scheibe „Hypnotized“ hat sich die Joost de Lange Band  im Bereich des eher harten Blues Rocks etabliert und man darf gespannt sein, wie das Trio die neuen Sachen, die live einige Möglichkeiten zur Improvisation geben, präsentieren wird.

Band:
Joost de Lange – Vocals & Guitars
Mitchell Goor – Bass
Ramses Donvil – Drums

Eigenproduktion (2022)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. I Won`t Follow
02. Mixed Emotions
03. Hypnotized
04. Love, Fear and Uncertainty
05. The Unknown
06. Shout It All Out
07. Take Me Higher
08. Beyond The Horizon
09. Walk The Line
10. Rush

Joost de Lange Band
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Jeremiah Johnson – Hi-Fi Drive By – CD-Review

Review: Jörg Schneider

In 2010 erschien Jeremiah Johnsons Debutalbum „9th & Russell“. Und nun, 12 Jahre später, veröffentlich er sein 7. Album „Hi-Fi Drive By“. Er ist also nicht unbedingt ein musikalischer Workaholic, was der Qualität seiner neuen Scheibe allerdings durchaus zu Gute kommt, nicht zuletzt auch weil Jeremiah Johnson bei der Instrumentierung des Albums in die Vollen greift. Zu den vier Backgroundsängerinnen bzw. -sängern gesellen sich noch – neben den üblichen musikalischen Gerätschaften (Gitarre, Bass, Schlagzeug) – Piano, Trompete, Tenorsaxophon, Baritonsaxophon, Posaune, Streichinstrumente, Mundharmonika und ein Wurlitzer-Keyboard. Entsprechend satt ist also der Sound der gesamten CD.

Alle zehn Tracks der Scheibe kommen sehr schön arrangiert rüber, auch wenn die Songs nicht das äußerst flotte Tempo des Openers „´68 Coupé DeVille“ (mit Victor Wainwright, der sein Piano hemmungslos malträtiert) halten können, eine fetzige Rock‘n‘Roll-Nummer die so richtig in die Beine geht. Andere Stücke grooven etwas ruhiger („Ball And Chain“, „Young And Blind“ mit schmissigen Harpeinlagen von Brandon Santini, „Skippin’ School“ mit beschwingtem Bläserintro, „The Squeeze“ ebenfalls mit reichlich Gebläse und quäkender Gitarre), sind aber immer noch gut tanzbar.

Bei „Hot Blooded Love“ handelt es sich um einen typischen, mitunter leicht düsteren Chicagoblues. Und das gemächlich dahin rollende „Quicksand“ (der Song startet bemerkenswerterweise mit einem Schlagzeugintro, welches einer Marschmusik entnommen worden sein könnte sowie einem zum Mitsingen einladenden Backgroundchor) leitet passend zum letzten Stück des Albums über, der ruhigen Bluesnummer „The Band“.

Jeremiah Johnson präsentiert sich auf seiner neuesten Scheibe „Hi-Fi Drive By“ nicht nur als genau beobachtender Songwriter und kraftvoller Sänger, sondern auch als meisterhafter Gitarrist, der stilistisch zu den Wurzeln des Blues und Rock‘n‘Roll zurückgekehrt ist. Es macht Spaß sich den Longplayer anzuhören und es wird nicht langweilig dabei. Ein gelungenes Werk also, das man immer wieder gern in den CD-Player schieben wird. Es steht seit dem 21. Oktober in den Regalen der Plattenläden.

Ruf Records (2022)
Stil: Blues

Tracks:
01. ´68 Coupe DeVille
02. Ball And Chain
03. Young And Blind
04. Skippin‘ School
05. Hot Diggity Dog
06. The Squeeze
07. Hot Blooded Love
08. Sweet Misery
09. Quicksand
10. The Band

Jeremiah Johnson
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Ruf Records

Trampled By Turtles – Alpenglow – CD-Review

Review: Michael Segets

Als begeisterter Skifahrer ist mir das Alpenglühen nicht fremd. Das rötliche Leuchten der Bergspitzen beim Sonnenuntergang ist schon sehr stimmungsvoll. Das Lichtphänomen gibt es auch beim Sonnenaufgang. Da habe ich es aber seltener beobachtet. Nicht bewusst war mir, dass „alpenglow“ im Englischen ein Begriff ist. Diese Bildungslücke konnte ich jetzt anhand des zehnten Albums von Trampled By Turtles schließen.

Das Sextett aus Minnesota setzt ausschließlich auf Saiteninstrumente. Songwriter und Sänger Dave Simonett spielt Gitarre, Erik Berry Mandoline, Ryan Young Geige, Dave Carroll Banjo, Tim Saxhaug Bass und Eamonn McLain Cello. Die Instrumentierung ohne Schlagzeug entspricht der des Bluegrass‘. Dieser wird ja meist mit dem Country assoziiert, „Alpenglow“ hört sich aber nicht nach Country an, sondern ist eine Folk- oder Americana-CD.

In den Vereinigten Staaten stürmten vorangegangene Alben von Trampled By Turtles die entsprechenden Genre-Charts. Obwohl sie bereits 2004 ihren ersten Longplayer herausbrachten, dürfte die Band in Europa lediglich einem Nischenpublikum bekannt sein. Geläufiger ist sicherlich der Name Jeff Tweedy von Wilco. Tweedy produzierte das Album und schrieb „A Lifetime To Find“ für es. Alle anderen Stücke stammen von Simonett.

Simonett betont zwar, dass Trampled By Turtles kein Konzeptalbum vorlegen, aber „Alpenglow“ wirkt musikalisch und thematisch homogen. Es versammelt insgesamt ruhige Songs, die sich um Reflexionen über Leben und Tod oder Fernweh und Geborgenheit drehen. Die ernsten Inhalte werden in harmonische Melodien verpackt, die angenehm zu hören sind und das fehlende Schlagzeug auch nicht vermissen lassen. Die Tracks zeugen von einer hohen Songwriting-Qualität und zeigen zudem in den Arrangements eine gewisse Variabilität. Allerdings setzen sie sich nicht unbedingt beim ersten Hören fest. Gegen Ende des Albums nehmen mich einzelne Titel nicht mehr so mit, aber das kann sich nach weiteren Durchläufen noch ändern.

Neben dem langsamen und reduzierten „Central Hillside Blues“ finden sich auch Stücke, die eine Nuance flotter gehalten sind („Starting Over“, „Burlesque Desert Window“). Bei einzelnen Songs bekommt mal das Banjo („All The Good Times Are Gone“) oder das Cello („We’re Alright“) mehr Raum. Auch der mehrstimmige Gesang, wie er beim Bluegrass häufig anzutreffen ist, wird von Trampled By Turtles genutzt („Nothing But Blue Skies“, „Quitting Is Rough“).

Eine nette Idee sei noch am Rande erwähnt: Die Band hatte bei ihren Konzerten um die Einsendung von Fotos gebeten. Eine Auswahl von diesen wurde in das Video zu „It’s So Hard To Hold On“ eingearbeitet. Und wenn wir schon beim Visuellen sind: Die CD ist ausdrucksstärker, als ihr graphisches Cover, das wohl eine abstrahierte Bergwelt darstellt, vermuten lässt.

Jenseits eines Square-Dance-Gefiedels legt Trampled By Turtles mit typischer Bluegrass-Instrumentierung ein ruhiges, stimmiges Americana-Album vor. „Alpenglow“ fängt die etwas wehmütige Abendatmosphäre beim Sonnenuntergang ein, bei der man seinen Gedanken nachhängen kann – unabhängig davon, ob man im Hochgebirge oder am Niederrhein lebt.

Banjodad – Thirty Tigers (2022)
Stil: Americana

Tracks:
01. It’s So Hard To Hold On
02. Starting Over
03. Central Hillside Blues
04. On The Highway
05. A Lifetime To Find
06. Nothing But Blue Skies
07. Burlesque Desert Window
08. All The Good Times Are Gone
09. We’re Alright
10. Quitting Is Rough
11. The Party’s Over

Trampled By Turtles
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Sam Morrison Band – Unfinished Business – CD-Review

Die Sam Morrison Band fristet bei uns hier im Southern Rock-Bereich eher ein Dasein in der riesigen Masse der Acts, die mal kurzzeitig beachtet werden, aber auch nie annähernd das Standing der großen Vertreter des Genres erreicht haben.

Dabei können die Kalifornier im Laufe der 20 Jahre ihres Bestehens (eine große Zeit davon haben sie auch als Bob Seger-Cover Band gewirkt), darauf verweisen, schon mit all den Branchenführern wie Lynyrd Skynyrd, den Allman Brothers, der Marshall Tucker Band und speziell der Charlie Daniels Band zusammen auf der Bühne gestanden zu haben.

Ob der richtige Durchbruch an fehlendem ‚Vitamin B‘ oder zu wenig Flexibilität liegt (die heutigen jungen nachkommenden Vertreter sind da ja meist deutlich vielschichtiger aufgestellt), ist schwer zu beurteilen, jedenfalls hat ihr Bandleader da eine klare Meinung: 

“Musical genres today have all seemed to mesh together into a quasi country/pop/rnb/hiphop mess that many people can’t and won’t relate to. These people have all but given up on new music and resign themselves to the music they grew up on. That leaves a huge population of people whose musical needs are not being met…..We plan to fill that need!”

Nun gut, er hält mit dem 4. Album auf jeden Fall sein Wort. Sämtliche Songs sind klare Bekenntnisse zum klassischen 70’er Southern Rock von Skynyrd („Straight Outta Jacksonville“), der Marshall Tucker Band („My Reason“) mit typischer Querflöte), Wet Willie, Sea Level, Grinderswitch, Henry Paul Band/Doc Holliday („Unfinished Business“), den Allman Brothers („Pick’em Up and Put’em Down“) oder der Charlie Daniels Band & Co.

Apropos Charlie Daniels: für seine damalige Hommage „Reflections“ hat man das Lied sogar umgetextet und nur den Refrain übernommen, dem verstorbenen Altbarden hat man natürlich auch eine Strophe gewidmet.

Zwei Dinge, die ich persönlich anders gemacht hätte sind: Die beiden letzten Stücke , das piano-getränkte „Live Again“ (da schimmert deutlich Morrisons Bob Seger-Faible durch) und „Turn Up the Music“ (das einzige Lied, das von Morrison nicht gesungen wird und sich wie ein, mit weicher Stimme gesungener Jackson Browne- oder Poco-Westcoast-Song anhört), bewirken einen klaren Bruch zum  vorherigen Southern Rock-Charakter. Die hätte ich entweder anders verteilt oder für den letzten Track auch den Chef ans Mikro beordert.

Der tolle Titelsong „Unfinished Business“, hätte noch mit einem typischen E-Gitarrenfinish bedacht werden können und hätte durchaus echten Klassiker-Charakter gehabt. Dann hätte er natürlich auch an das Ende der Trackliste platziert werden müssen.

Aber Nichtsdestotrotz, wer auf Southern Rock der alten Schule steht und mit neuen, moderneren Trends eher weniger was anfangen kann, wird mit „Unfinished Business“ der Sam Morrison Band bestens und überwiegend hochwertig bedient.

Band Line-up:
Sam Morrison – guitar/vocals
Bart Robley – drums
Greg Kasparian – bass
Karl Sanger – sax/flute/vocals
David Kurtz – guitar/vocals
Walt Thompson – piano/Hammond organ/vocals

Label: Bad Reputation (2022)
Stil: Southern Rock

Tracks:
01. Straight Outta Jacksonville
02. Hell Yeh
03. My Reason
04. Who Shot John
05. Man Like Me
06. Unfinished Business
07. Pick’em Up and Put’em Down
08. Reflections
09. Say Can We See
10. Live Again
11. Turn Up the Music

Sam Morrison Band
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Two Side Moon Promotions

Rich Hopkins And Luminarios – Exiled On Mabel St – LP-Review

Review: Michael Segets

Rich Hopkins, der im kommenden Januar seinen 65-zigsten Geburtstag feiert, gilt als ein Urgestein des Desert Rock. Der frühere Frontmann der Sidewinders, die sich später in Sand Rubies umbenannten, veröffentlichte in den vergangenen dreißig Jahren rund zwanzig Alben mit den Luminarios, wobei die Besetzung der Band ständig wechselte. Einzige Konstante bei den Luminarios ist Lisa Novak, die Ehefrau von Hopkins. Mit „Exiled On Mabel St“ zeigt sich Hopkins wieder in Hochform, wobei der Longplayer durchaus als gemeinsames Projekt des Ehepaars bezeichnet werden könnte.

Die zehn Titel schrieben Hopkins und Novak zusammen. Novak steuert bei einigen Stücken wunderbare Harmonien bei und übernimmt bei zweien die Lead Vocals. Dabei spielt sie mit unterschiedlichen Facetten ihrer Stimme und erzeugt damit verschiedene Stimmungen. Ist schon die eingängige, erdige Ballade „Nuthin‘ At All” ein sehr gelungener Beitrag, entwickelt das hypnotische „Break Through“ eine ungeheure Intensität. Im Vordergrund steht Novaks mal gehauchter, mal kräftigerer Gesang, der mit knistern-knarzige Gitarren, einschließlich Rückkopplungen, unterlegt ist. In einer Passage akzentuiert Hopkins ein paar klare Töne auf seinem Saiteninstrument, die oberhalb des Soundteppichs zu schweben scheinen und innerhalb des Songs sehr effektvoll wirken. Teilweise wird Neil Young als Referenzpunkt für Hopkins Musik angeführt, was an dieser Stelle völlig nachzuvollziehen ist.

Das Album startet mit drei gradlinigen Rockern im mittleren Tempo, wie sie für Hopkins typisch sind: „A Message Of Love“, „Count On Me“ sowie „Everybody Knows“. Durch den Gesang und die klirrende, teilweise staubig klingende Gitarrenbegleitung lassen sich die Tracks dem Texaner unverkennbar zuordnen. Obwohl die Titel qualitativ nahe beieinander liegen, rangiert der letztgenannte in meinem Ranking eine Nuance über den anderen beiden. Höhepunkt des Albums – neben dem schon erwähnten „Break Through“ – stellt allerdings „Josephine“ dar. Er hat mit seinem deutlichen Refrain und der schönen Bridge alles, was einen richtig guten Roots Rock-Song ausmacht.

Sein variables Gitarrenspiel beweist Hopkins bei „I Wouldn’t Listen To Me”, bei dem er auf einen vollen, satten Klang setzt und bei dem sanfteren „I Don’t Care“. Im Vergleich zu den anderen Stücken fällt „Prodigal Son“ etwas ab, was an dem Sprechgesang liegt, von dem ich kein Fan bin. Die Gitarrenarbeit ist aber auch bei diesem Track nicht zu kritisieren und das kräftige Schlagzeug gefällt ebenso. Zudem verdient der mitfühlende, sozialkritische Text, der sich um die Situation von Obdachlosen dreht, Beachtung.

Zum Abschluss schlägt Hopkins mit „Bataan Death March“ soundtechnisch experimentellere Töne an. Man kann ihn eigentlich als Instrumentalstück bezeichnen, obwohl Hopkins in klanglicher Ferne das „Vater unser“ rezitiert. Interessant ist die Inspirationsquelle: Der Todesmarsch von Bataan ging als Kriegsverbrechen der Japaner während des Zweiten Weltkriegs in die Geschichte ein. Auf dem Weg starben etwa 10.000 von 70.000 amerikanischen und philippinischen Gefangenen.

Blue Rose Records bringt „Exiled On Mabel St“ auf Vinyl und als CD heraus. Auf der digitalen Version sind noch vier Hidden Tracks sowie zwei Kommentare von Hopkins zugefügt. Das Label veröffentlicht seit 1995 die Alben hochklassige Bands aus dem Americana- und Roots Rock-Universum – exemplarisch seien hier nur The Brandos und die Bottle Rockets genannt. Im angeschlossenen Mailorder-Shop finden sich zahlreiche Werke, die auch bei SoS besprochen werden, sodass sich ein Besuch der Website auf alle Fälle lohnt. Dabei kann das neue Album von Hopkins direkt in den Warenkorb gelegt werden.

Rich Hopkins And Luminarios laden mit „Exiled On Mabel St“ zu einer musikalischen Spritztour durch den Südwesten der USA ein. Mit seinem unverwechselbaren Gesang und den variationsreichen Gitarren zeigt sich Hopkins erneut als sicherer Reiseführer durch die Gefilde des Desert Rocks. Seine Begleiterin Lisa Novak hinterlässt bei der Routenplanung ihre Handschrift und sorgt für hörenswerte Zwischenstopps. Bei dem Angebot sollte man einsteigen und genießen.

Blue Rose Records (2022)
Stil: Desert Rock

Tracks:
01. A Message Of Love
02. Count On Me
03. Everybody Knows
04. Prodigal Son
05. I Don’t Care
06. Break Through
07. Josephine
08. Nuthin‘ At All
09. I Wouldn’t Listen To Me
10. Bataan Death March

Rich Hopkins & The Luminarios
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Blue Rose Records