Lainey Wilson – Sayin‘ What I’m Thinkin‘ – CD-Review

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Am Ende meines Reviews zu Lainey Wilsons 12 Minuten-EP „Redneck Hollywood“ schrieb ich, dass man sich nach dem Quickie mit ihr nach einer längeren (musikalischen) Beziehung sehnen würde.

Mittlerweile macht die aus Louisiana nach Nashville übergesiedelte Singer/Songwriterin auf dem BMG Unterlabel Broken Bow Records den nächsten Schritt und legt mit „Sayin‘ What I’m Thinkin'“, aufgenommen in den Neon Cross Studios, Nashville, TN, ihren ersten Longplayer vor.

Nun ja, wenn ich sagen würde, was ich in dieser katastrophalen Zeit denke, würde ich mich in erster Linie über über unsere, auf sich selbst bedachten und unfähigen Politiker samt ihrer unterstehenden Beamte- und vermeintlichen Expertenschaft auslassen, die mit ihrer Planlosigkeit und Willkür, Millionen von Menschen ihrer Jobs und Renten berauben werden.

Aber das steht auf einem anderen Blatt Papier, hören wir dann doch lieber Lainey Wilson auf ihrem Album bei ihren musikalischen Ausführungen zu. Die haben wenigstens Hand und Fuß. Kein Wunder, denn kein geringere als Star-Produzent Jay Joyce (John Hiatt, Little Big Town, Eric Church, Brothers Osborne) zieht hier die Fäden und der weiß exzellent, wie man den entsprechenden Künstler mit dem vorliegenden Songmaterial samt instrumenteller Umsetzung, perfekt in Einklang bringen kann.

Die vier Tracks „Things A Man Oughta Know“, „LA“, „Dirty Looks“ und „Straight Up Sideways“ von oben angeführter EP wurden mit übernommen und um acht weitere Stücke ergänzt, die ebenfalls alle von Lainey mit diversen namhaften Co-Autoren wie u. a. Matt Rogers, Brice Long, Shane Minor, Jonathon Singleton, Jason Nix, Casey Beathard) komponiert wurden.

Auch auf der Musikerseite wurde nicht mit großen Namen gespart. Leute wie Fred Eltringham, Rob McNelley, Joel King (herrlich knochiges Bass-Spiel), Tom Bukovac, Mickey Raphael, Jedd Hughes und natürlich Jay Joyce selbst, der wieder an allen Tasten, Knöpfen und Saiten involviert ist, kennt man von unzähligen Nashville-Parade-Scheiben.

Ich möchte mich hier natürlich auf die acht neuen Lieder fokussieren. Mit den beiden Openern „Neon Diamonds“ und „Sunday Best“ gibt es direkt zwei pfiffige Drinking-Songs, der erste aus reiner Laune, der andere eher aus einer Portion Frust heraus. Beide erinnern von der Art, wie auch von der Stimme an Trick Pony, bzw. deren Fronterin Heidi Newfield.

„Small Town, Girl“ begeistert mit swampiger Southern-Note und dementsprechenden E-Gitarrenspiel (Marke Skynyrd, klasse!). Das schunkelnde „Pipe“ mit Steel-artigem Slide fordert auf zu politisch unkorrekter Lebensweise, samt der damit oft verbundenen bitter zu schluckenden Pillen, und nicht alles so ernst zu nehmen, wie es erscheint.

Egal, ob du was zu feiern oder an persönlichen Schicksalsschlägen verarbeiten hast, es gibt immer eine Bar, in der man drüber sprechen kannst. Toller atmosphärischer Song, mit gelungener Botschaft! Klasse finde ich im Übrigen, wie auch in diesem Track, ihre bildhafte Sprache und die immer mal wieder eingeflochtene Selbstironie in den Texten.

In „WWDD“ fragt sich die Protagonistin, was ihr großes Vorbild Dolly Parton in einer bestimmten anstehenden Situation tun würde. Das ein wenig an Joni Mitchell erinnernde „Rolling Stone“ beschäftigt sich damit, Dinge, ggfs. auch Personen, hinter sich zu lassen, um ein Ziel zu verfolgen, egal, wie schmerzhaft es manchmal erscheinen möge.

Den Abschluss eines durchgehend abwechslungsreichen Albums bildet das melancholische Titellied, dass den Gedanken vom Vorgängerstück in seinen Konsequenzen weiterverfolgt.

Lainey Wilson beweist mit „Sayin‘ What I’m Thinkin'“ eindrucksvoll, warum sie von Music Row oder Strings & Spurs zu den kommenden großen Künstlern in 2021 proklamiert wird. Ein überaus gelungenes Debüt, dessen Ausführungen man sofort gerne zuhört. Am 19.02. wird die digitale Variante zu erwerben sein, das passende Vinyl dazu folgt am 16.04.2021.

Ach, und apropos des Eingangssatzes: Von mir aus kann diese Beziehung gerne noch lange so fortgeführt werden, ich schwöre unter diesen Umständen weiterhin bedingungslose Treue…!

Broken Bow Records (2021)
Stil: New Country

Tracks:
01. Neon Diamonds
02. Sunday Best
03. Things A Man Oughta Know
04. Small Town, Girl
05. LA
06. Dirty Looks
07. Pipe
08. Keeping Bars In Business
09. Straight Up Sideways
10. WWDD
11. Rolling Stone
12. Sayin‘ What I’m Thinkin‘

Lainey Wilson
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Jack McBannon – True Stories – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Ein Künstlername ist nicht selten ein neuer Anfang und kann für einen Musiker eine gelungene Wendung seiner bisherigen Karriere bedeuten. Diesen Schritt hat Country-Singer/Songwriter Thorsten Willer aus Wuppertal gewagt. Vor zwei Jahren noch auf Einladung des Goethe-Instituts auf russischen Festivals unterwegs, hat er nun als Jack McBannon mit dem Album „True Stories“ aufrichtige Songs über das Leben veröffentlicht.

Auch ein längerer US-Aufenthalt liegt zwar schon einige Zeit zurück, aber die Nachwirkungen der Staaten-Reise sind in den Songs des englischsprachigen Longplayers durchweg unüberhörbar: Acoustic Country-Rock, Blues und Americana in schönen Variationen, verbunden mit Texten, die neben ganz privaten Erlebnissen, natürlich von seinen amerikanischen Vorbildern beeinflusst sind.

Der gefühlvolle Einstieg in die „wahren Erzählungen“ gelingt mit „Right Here“ über eine Melodie der leisen Töne mit zugänglichen Lyrics. Fortgesetzt wird die CD durch den starken Country-Song „Set Me Free“ und weckt in manchen Gesangsparts bisweilen Bon Jovi-Vergleiche, wobei McBannons Stimmlage diese rauen Interpretationen ebenso meisterlich beherrscht, wie feinfühlige Poesie, in „The Snowflake“ oder in „Dancing In The Rain“.

Seine Tournee-Erfahrungen im Vorprogramm von u.a. Richie Sambora, Ray Wilson oder Revolverheld reflektieren nur einen Teil seiner musikalischen Projekte, die seine künstlerische Laufbahn begleiten und auch diesmal ihre Spuren in den Tracks der neuen Scheibe hinterlassen. Alle Songs sind Eigenkompositionen, eingespielt in einer rundum „Do it yourself“ Recording-Produktion, die – außer Drums und Cello – alle Instrumente und Backgrounds, sowie das Cover beinhaltet.

Besonders auffallende Titel, wie „Together“ und „An Outlaw’s Inner Fight“ charakterisieren McBannons Songwriting-Ambitionen gleichermaßen, wie die schnelle Country-Rock-Nummer „Motel 81“ oder der eingängige Blues-Rhythmus von „Walking In The Dark“. Die solide Guitar-Work des bald 40-jährigen kennzeichnet den bodenständigen Country-Artist, der seine Tracks nach 3-jähriger Arbeit als liebevolles Gesamtwerk präsentiert: 11 ausgereifte Songs, die ihre emotive Dynamik nicht verstecken.

Mit „True Stories“ hat Jack McBannon ein überzeugendes und persönliches Album konzipiert, das seine Geschichte als Singer/Songwriter mit leidenschaftlicher Inspiration verbreitet: eine zukunftsweisende Scheibe in seiner Karriere, ein Schritt in Richtung eigene Country-Roots.

Rodeostar Records (2020)
Stil: Country

Tracks:
01. Right There
02. Set Me Free
03. The Snowflake
04. Together
05. Here’s A Winner
06. Dancing In The Rain
07. An Outlaw’s Inner Fight
08. Motel 81
09. Walking In The Dark
10. The Long Road Ahead
11. Runaway Me

Jack McBannon
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Oktober Promotion

Lindsay Ell – #LiveRedesigned Concert Experience – Studio-Charity-Konzertbericht

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Als Lindsay Ell uns nach ihrem Solo-Konzert 2017 im Blue Shell versprach, beim nächsten Mal in Deutschland mit kompletter Band zurück zu kehren, war die musikalische Welt noch in Ordnung. Die New Country-Welle schwappte aus den Staaten zu uns rüber und immer mehr tolle und angesagte Nashville-Interpreten/innen schienen ‚Goold Ole Germany‘ als attraktive Live-Auftrittsmöglichkeiten für sich zu entdecken.

Ganz Wort gehalten hatte sie nicht, aber immerhin konnten wir sie dann 2019 nochmals im Rahmen der SOUND Of NASHVILLE-Reihe wieder an gleicher Stelle als allein unterhaltende Headlinerin begrüßen.

Heute, knapp zwei Jahre später ist auf der Welt nichts mehr, so wie es mal war. Die Corona-Pandemie hat die gesamte Kulturbranche in den Ruin getrieben und den meisten Beteiligten der Zunft und vielen darüber hinaus, die einstige Existenzgrundlage unter den Füßen weggezogen.

Eine politische Lobby in Deutschland scheint es nicht zu geben, was soll man aber auch bei Leuten wie Merkel, Spahn, von der Leyen, Grütters, Altmaier, Heil, Laschet & Co. erwarten, da von hat vermutlich niemand, jemals eine Rockmusik-Location von innen her gesehen. Auch in Amerika dürfte sich das Ausmaß an Dilettantismus in der politischen Realität in ähnlichen, wenn nicht noch schlimmeren Bereichen bewegen.

Jetzt hat sich die zierliche Kanadierin für ein Charity-Event namens #LiveRedesigned Concert Experience zur Verfügung gestellt, eine Art Studiokonzert, das man dieses Wochenende käuflich, sowohl live als auch noch bis zu 48 Stunden später, als Stream verfolgen konnte. Die Erlöse kommen ihrer Band und den rund 200, an der Produktion beteiligten Menschen zu Gute und gewährt ihnen somit zumindest übergangsweise etwas Arbeit und Salär.

Für die Organisation und Umsetzung des Events zeichnen sich Firmen wie Fireplay, PRG und VYE verantwortlich. Überwiegend im Fokus des etwas über eine Stunde währenden Konzerts stand dabei die Performance ihres aktuellen Werkes „Heart Theory„.

Die Songs wurden im Groben und Ganzen in der gleichen Reihenfolge wie auf dem Album gespielt, es macht Spaß die lebenslustige und kommunikative langmähnige Blondine (in schöner schwarzer Lackmontur) mit ihren versierten Mitmusikern/innen (klasse vor allem der in Phil Collins-Manier trommelnde Harry Miree) am Bildschirm bei toller Bild- und Tonqualität zu verfolgen. Eine riesige Videoleinwand im Hintergrund sorgt für weitere visuelle Atmosphäre.

Zwischenzeitlich gibt es eine Interaktion von Ell und den in Kacheln (als Waben und Kreise) gerahmten, live auf der Videowall zugeschalteten Konzertverfolgern. Auch Kollegen wie u. a. Brad Paisley, Charles Kelley (Lady Antebellum) und Lee Brice geben kurze Zwischenstatements ab.

Als Überraschungsgäste sorgen Lauren Alaina („wrong girl“) und Carly Pearce bei ihrem eigenen, schön countryesk performten „Next Girl“ für weitere Duett-Farbtupfer. „Criminal“ (von Ells Album „The Project„) und „body language of a breakup“ werden in rein akustischer Form präsentiert (Ell, Austin Goodloe und Eric Fortaleza). Sehr schön auch das kammermusikartige „make you“ (Lindsay am Piano), bei dem es sanfte Streicherquartettunterstützung gibt.

Wie auf dem Longplayer, richtet die sehr quirlig auf ihren Saitengeräten agierende und auch engagiert singende Fronterin mit „ReadY to love“ den Blick wieder positiv nach vorne. Toll hier ihr emotional gespieltes Abschluss-E-Gitarrensolo auf Knien und Rücken liegend.

Insgesamt gesehen ist Lindsay Ells #LiveRedesigned Concert Experience eine noble und schöne Sache, bei der ich allerdings befürchte, dass sie für die Leidtragenden nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein abgibt, aber immerhin, allein schon die Geste zählt! Nichtsdestotrotz kann man nur hoffen, dass es irgendwann mal wieder ein Leben in früherer Normalität geben wird und dann auch Lindsay Ell mit Band ‚live in echt‘ in unseren Regionen präsent ist. Wie gesagt, schön wär’s…

Line-up:
Lindsay Ell (lead vocals, electric and acoustic guitar, piano)
Eric Fortaleza (bass, acoustic guitar, vocals)
Austin Goodloe (electric and acoustic guitar, vocals)
Harry Miree (drums)
David Crutcher (keys)
Kristin Weber (1st violin)
Laura Epling (violin)
Emily Nelson (cello)
Nicole Neely (viola)

Lindsay Ell
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Oktober Promotion

 

Bones Owens – Same – CD-Review

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Review: Michael Segets

Was scheppert da aus den Boxen? Es ist das Debütalbum von Bones Owens! Da gibt es keine Schnörkel, sondern Rhythmus, Gitarre und Gesang. Owens spielt seinen Rock, der an den Garage der sechziger Jahre erinnert, gerade heraus. Sound und Songs sind auf das Wesentliche reduziert und meist in rund drei Minuten verpackt. Von den ersten fünf Tracks knackt nur „White Lines“ um ein paar Sekunden diese Marke und das auch nur wegen der Rückkopplungen am Ende.

Sänger und Gitarrist Bones Owens, der mit bürgerlichem Namen Caleb Owens heißt, wird von dem Schlagzeuger Julian Dorio und dem Bassisten Jonathan Draper begleitet. Live im Studio eingespielt – weil Owens davon überzeugt ist, dass dies eine gewisse Anspannung mit sich bringt, die das Beste von sich und den Mitstreitern zum Vorschein treten lässt – klingt der Longplayer auch entsprechend rau und ungeschliffen. Paul Moak (Marc Broussard) produzierte das Album und stellte sein Studio in Nashville für die Aufnahmen zur Verfügung.

Nur das Duo The Sideshow Tragedy ist mir aktuell bekannt, das noch in minimalistischer Besetzung in vergleichbaren Rockgefilden unterwegs ist. Owens Songs sind allerdings deutlich eingängiger. Unterstützung holt er sich bei Regina McCrary (Bob Dylan, Buddy Guy), die im Background singt, und vereinzelt füllen Keys den Sound („Blind Eyes”).

Mit dem akzentuierten Rhythmus, den scharfen Gitarrenriffs und der manchmal technisch verzerrten Stimme vereint die Scheibe von der ersten Minute an vieles von dem, was Rock ausmacht. Mit „Good Day“, „Lightning Strike“ und „Keep It Close” sind bereits drei Videos im Netz. Mit dieser Songauswahl hat Owens die stärksten Stücke von dem Album herausgepickt. Allerdings stehen „Country Man“, der eher ein mittleres Tempo vorlegt, sowie das sehr schön melodische „When I Think About Love” den bereits ausgekoppelten Tracks in nichts nach.

„Ain’t Nobody“ rockt vergleichsweise gemäßigt, wohingegen die Gitarrenriffs und das treibenden Schlagzeug bei „Wave“ eher eine härtere Gangart einschlagen. Selbst das gleichförmige „Come My Way“ entwickelt seinen Reiz. Die Licks der dunklen Gitarre prägen die Atmosphäre von „Tell Me“. Mit den Texten verarbeitet Owens eine Übergangsphase, das von Trennungen geprägt war, nicht nur bezogen auf Beziehungen, sondern auch von seinem Leben am Rande der Selbstzerstörung. Die zahlreichen Tätowierungen des Mannes aus Missouri mögen davon Zeugnis ablegen.

Das im Vergleich mit den anderen Tracks verhaltene, aber immer noch von der kräftigen Gitarre geprägte Abschlussstück „Keep On Running“ knüpft an die vorangegangene EP „Make Me No King“ (2017) an, auf der Owens Musik eine Mischung aus Americana und Blues bot. Der Richtungswechsel auf seinem aktuellen Werk wurde nicht zuletzt durch seine Live-Erfahrungen bei Yelawolf und Mikky Ekko sowie seine Touren mit Whiskey Myers und Reignwolf beeinflusst.

Owens angekündigte Auftritte im April sind bereits ausgebucht. Angesichts der Corona-Lage mag dies optimistisch sein, aber mit seinem selbstbetitelten Debütalbum empfiehlt er sich für einen Besuch seiner Konzerte. Bones Owens gradlinige Songs sind bestens geeignet, um laut gehört zu werden. Kompositionen und Arrangements sind vielleicht nicht ultra-komplex, aber mit Herz gespielt. Manchmal braucht es halt lediglich eine gute Song-Idee, einen treibenden Rhythmus und kräftige Gitarren.

Black Ranch Records/Thirty Tigers-Membran (2021)
Stil: Rock

Tracks:
01. Lightning Strike
02. Good Day
03. White Lines
04. When I Think About Love
05. Wave
06. Blind Eyes
07. Keep It Close
08. Ain’t Nobody
09. Come My Way
10. Country Man
11. Tell Me
12. Keep On Running

Bones Owens
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Thirty Tigers
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Ghalia Volt – One Woman Band – CD-Review

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Die belgische Musikerin besinnt sich zurück auf ihre Wurzeln als Straßenmusikerin und präsentiert ihre dritte Ruf-Produktion im vornehmlich auf sich selbst fixierten Ambiente, sprich, wie es der Titel des Albums „One Woman Band“ schon suggeriert, quasi als Alleinunterhalterin, die vom Songwriting, Gesang, über die Gitarren und Drums, so gut wie alles übernommen hat.

Lediglich Weggefährte Dean Zuchero am Bass („Espiritu Papágo“, „Just On More Time“) und Mike Welch an der E-Gitarre („Evil Thoughts“, „Just One More Time“) durften der Protagonistin bei jeweils zwei Stücken assistieren.

Im Prinzip bleibt die mich rein äußerlich ein wenig an Erja Lyytinen erinnernde Musikerin ihrer auf den Vorgänger-Alben eingeschlagene Linie treu, nur alles etwas roher und mit mehr Live-Esprit rüber kommend. Und tatsächlich hat Volt auch größtenteils auf technische Spielereien verzichtet und versucht vieles simultan zu performen, was allerdings auch zu etwas Eintönigkeit, besonders was zum Beispiel den Drum-Part betrifft, zur Folge hat.

Viele Songs werden im treibenden und stampfenden (Texas) Blues Rock- und Rythym Blues-Schema abgeliefert, mal klingen ZZ Top („Espiritu Papago“, das an „Dust My Broom“ erinnernde „Reep What You Saw“, sowie das Elmore James-Cover „It Hurts Me Too“) oder auch psychedelische Tupfer der Marke Led Zeppelin („Can’t Escape“, „Bad Apple“) unterschwellig mit.

Zwischenzeitlich ertönen immer mal wieder wilde Slide-Schwurbeleien, wobei, wie auch auf dem Coverbild erkennbar, eine Cigarbox-Gitarre zum Einsatz kommt.

Ich, als eher filigrane Nashville-Produktionen präferierender Mensch, höre solche Musik, ehrlich gesagt, nicht so gerne im heimischen Wohnzimmer, für mich ist die Musikerin eine klassische Live-Performerin. Mir persönlich fehlt es hier vor allem an etwas Eingängigkeit, Melodik und dem gewissen Wohlfühlfaktor beim Hören.

Wer auf rauen weiblichen Blues Rock der Marke Stacie Collins, Jane Lee Hooker & Co. steht, dürfte allerdings an Ghalia Volts „One Woman Band“ seine Freude haben.

Ruf Records (2021)
Stil: Blues Rock

01. Last Minute Packer
02. Espiritu Papago
03. Can’t Escape
04. Evil Thoughts
05. Meet Me In My Dreams
06. Reep What You Saw
07. Loving Me Is A Full Time Job
08. It Hurts Me Too
09. It Ain’t Bad
10. Bad Apple
11. Just One More Time

Ghalia Volt
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Ruf Records

Black Pistol Fire – Look Alive – CD-Review

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Review: Gernot Mangold

Die Band Black Pistol Fire ist in Europa noch eher als Geheimtipp zu sehen, könnte aber auch hier in der Sparte ‚Grunge trifft Blues und Southern Powerrock‘ seine Fans gewinnen. In Kanada, wo die beiden Bandmitglieder Kevin McKeown und Eric Owen, die sich seit dem Kindergarten kennen, ihre Heimat haben, schafften sie es immerhin 2018 schon mit dem Song „Lost Cause“ für 14 Wochen in den Charts präsent zu sein.

Nun bringen die mittlerweile in Austin/Texas lebenden Musiker mit „Look Alive“ das nächste Album auf den Markt, welches vor Dynamik und Kraft nur so strotzt. Dies ist besonders erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Stücke zum großen Teil zu zweit eingespielt sind und somit von einem Powerduo gesprochen werden kann.

Harte Gitarrenriffs und einprägende Melodien begleiten durch das gesamte Album und Gitarrist McKeown überzeugt auch durch einen kraftvollen Gesang, der mich stimmlich an Ben Ringel von den Delta Saints erinnert. Eric Owen, die Einmann-Rhythmusfraktion bearbeitet die Drums mal wild, als gäbe es kein Morgen, aber auch gefühlvoll zurückhaltend, falls es der Song erfordert.

Zudem erzeugt er durch den Basssynt. zuweilen mystisch psychedelische Klangwelten, die den Stücken einen großen Volumenumfang geben. Als Anspieltipp sei „Always On My Mind“ empfohlen, in dem das Duo seine gesamte Bandbreite an stilistischen Elementen einfließen lässt, und der auch live ein Kracher sein könnte.

Es kann auf jedem Fall gesagt werden, dass den beiden Kanadiern mit „Look Alive“ ein starkes Album gelungen ist, welches auch die Grundlage zu einer hoffentlich bald folgenden Tour sein können. Skeptiker können – glaube ich – beruhigt werden, die zwei können ihre Songs auch ohne Begleitmusiker auf der Bühnen rocken, was sie in der Vergangenheit auch bei Festivals wie Lollapaooza oder Bannaroo schon nachhaltig bewiesen haben.

Band:
Kevin McKeown: Vocals, Guitars
Eric Owen: Drums & Bass Synt.
Gastmusiker:
Emily Wolfe: Guitars auf “Beyond The Blue
Tameca Jones: Vocals auf “Never Enough“
Matt Melli: Hammond Organ auf “Beyond The Blue“
Nick Joswick: Synth Keys auf “Look Alive“

Black Hill Records (2021)
Stil: Blues, Rock

Tracks:
01. Look Alive
02. Pick Your Poison
03. Holdin Up
04. Never Enough
05. Wildfire
06. Hope In Hell
07. Black Halo
08. Temper Temper
09. Level
10. Always On My Mind
11. Beyond The Blue

Black Pistol Fire
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Black Hill Records

The WildRoots – WildRoots Sessions Volume 1 – CD-Review

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The WildRoots sind ein Projekt von Patricia Ann (saxophone, vocals, flute, Bass) und Stephen Dees (guitars, bass, percussion, vocals, production) mit Victor Wainwright (piano, organ, vocals). Zum erweiterten Kreis des Trios gehören Billy Dean – drums, Charlie DeChant – saxophone, Greg Gumpel – guitar, Stephen Kampa – harmonica, Nick Black – guitar, vocals, Ray Guiser – saxophone und Alberto Cruz – drums.

Dazu gönnte man sich eine illustre Gästeliste an Leadsängern und Instrumentalisten mit einigen hier mehr oder weniger bekannten Größen wie u. a. John Oates (starke Performance bei „Our Last Goodbye“), Bryan Basset (Foghat), Nick Black, Anthony “Packrat” Thompson, Robert “Top” Thomas (Smoke House), Beth Mckee, Billy Livesay (Clarence Clemmons, The Livesays), Mark Hodgson (Midnight Creepers), Chris Merrell (Dickey Betts), Todd Sharp, David Kent und Eddie Zyne, die allesamt dem hier überwiegend traditionell gehuldigten Blues, ihren Dienst erweisen.

Den Einstieg gibt es mit dem viel gecoverten „634-5789“ (Otis Redding, Ry Cooder, Tina Turner & Robert Cray), das man bei unserer Klientel auch in Versionen von der Johnny Van Zant Band (auf „Round Two“) oder auch Trace Adkins (auf seinem Debütalbum „Dreamin‘ Out Loud“) kennt.

Nach starkem erstem Viertel zieht mit dem hier, in diesem Rahmen und zu dieser Zeit, etwas deplatziert wirkenden Weihnachtslied „Santa Claus Is Back In Town“ (wenn auch in einer guten Variante), auch ein wenig Füllmaterial ein – man muss teilweise schon mit einem sehr bläserlastigen, recht urwüchsig klingendem Blues verwurzelt sein – sodass ich meine, dass auch Jazz-Fans hier durchaus mal ein Ohr riskieren könnten.

Nichtsdestotrotz erhalten dann immer wieder eingeflochtene starke Tracks wie „Cradled In The Bosom Of Jerusalem“ (feat. Victor Wainwright  und Beth McKee), „Misty Morning In New Orleans“ (feat. Mark Hodgson) oder dem einzig modernen Blues Rocker „In A Sad Room“ (feat. Chris Merrell) bis zum grandiosen Rausschmeißer „I’m Yours“, bei dem Wainwright in Sachen inbrünstigem Gesang und Charlie DeChant mit famosem Saxofon-Spiel wirklich alle emotionalen Register ziehen, den Spannungsbogen bis zur letzten Sekunde des Albums.

Insgesamt ist „WildRoots Sessions Volume 1“ von The WildRoots als ein gelungenes Großprojekt zu etikettieren, bei dem allerdings überwiegend die Traditionalisten des Blues-Genres (mit hoher Bläser-Affinität) angesprochen werden.

So richtig wild geht es hier bei den WildRoots also nicht zu, allerdings wird der Blues von versierten Musikern, die den Stil aus dem Effeff beherrschen, gekonnt an seinen Wurzeln gepackt. Für das gewisse Etwas sorgen dabei auch die vielen unterschiedlichen, allesamt guten Lead-Sänger.

Die CD kommt im in einem einfachen, in schwarz-weiß gehaltenen Klapp-Pappschuber und enthält die relevanten Infos zum Projekt.

WildRoots Records (2021)
Stil: Blues

Tracks:
01. 634-5789
02. Something In The Water
03. Move Along Part 1
04. Our Last Goodbye
05. Santa Claus Is Back In Town
06. Easy Chair
07. Memphis Queen
08. Square
09. Cradled In The Bosom Of Jerusalem
10. King Snake Crawl Revisited
11. Move Along Part 2
12. Misty Morning In New Orleans
13. Where I Am
14. In A Sad Room
15. Bend In The Road
16. I’m Yours

The WildRoots
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Tennessee Champagne – Same – CD-Review

Tennessee Champagne 300

Review: Michael Segets

Das neue Label Juke Joint 500 spezialisiert sich auf hörenswerte Musik, die in den letzten Dekaden nie auf Vinyl herausgekommen ist. Die wieder anwachsende Zahl von Liebhabern der nicht-digitalen Präsentationsform wird ein solches Vorhaben begeistert aufnehmen. Sicher produziert das Label einige – bald heiß begehrte – Sammlerstücke, da die LPs farbig, handnummeriert und auf fünfhundert Pressungen limitiert sind. „… And Other Crimes“ der Go To Blazes aus dem Jahr 1995 setzte den Startschuss für das Programm.

Zeitgleich mit dem Sampler „Mo‘ Peaches“ folgt nun die selbstbetitelte Scheibe von Tennessee Champagne. Direkt zu Beginn von Juke Joint 500 weicht Gründer Reinhard Holstein von seinem Konzept ab und veröffentlicht eine CD, die gerade erst in den USA erschienen ist, auf Vinyl und digital. Die Qualität der Band aus Elizabethon, Tennessee, ließ ihm quasi keine andere Wahl. Und tatsächlich legt das Quintett ein feines Southern Rock-Album vor, das die Wegbereiter dieses Genres nicht verleugnen und mit den aktuellen Größen wie Blackberry Smoke mithalten kann.

Temporeich steigt das Album mit „Wicked“ und dem folgenden „Thunder In The Mountains“ ein. Während der Opener in der Tradition von Lynyrd Skynyrd steht, geht der zweite Track in Richtung Blues Rock. Schon am Anfang der Scheibe stechen die kräftigen Gitarren hervor, die den Sound der Band prägen. Vor allem die eingestreuten Soli haben die richtige Würze, sind dabei nicht zu lang und bleiben stets melodiös.

Der Frontmann Chris Kelley singt hier mit angerauter Stimme, die bei der Ballade „Can’t Get Over You“ sanftere Facetten zeigt. So oder so kann er viel Soul und Gefühl in seinen Gesang legen. Die Balladen sind von einer Orgel unterlegt, welche vor allem bei „Stompin‘ Grounds“ sehr stimmungsvoll in den Song einleitet. Zusammen mit dem etwas dunkleren „Selfish Ways“ ist der Track – nicht zuletzt durch den unaufdringlichen Slide – mein Favorit unter den langsamen Stücken. Diese sind aber durchweg gelungen. So kommt mir am Anfang von „Singing To My Broken Heart“ Neil Young aus seiner “Harvest”-Zeit in den Sinn, was ja nicht der schlechteste Referenzpunkt ist.

The Allman Brothers Band scheint bei „Mountains In My Bones“ durch, das nochmal das Tempo anzieht. Mit dem hymnischen „Silver Tongue” setzen sich Tennessee Champagne – neben Chris Kelley gehören Dan Britt, Tim Hall, Jonathan Grindstaff und Bill Cowden zu der Truppe – selbst ein Denkmal. Über sechs Minuten zelebrieren die Jungs den Southern Rock mit allem was dazu gehört. Zum Southern mischen sich gelegentlich auch Blues-Elemente, beispielsweise beim swampigen Midtempo-Song „Corn From A Jar“, auf dem die Stimme des Leadsängers streckenweise verzerrt wird, oder beim rockigen Abschluss „Shake It“.

Am Anfang des Debüts von Tennessee Champagne, der A-Seite der LP, sind kräftige, temporeiche Nummern in der Überzahl, die zweite Hälfte wird von eindringlichen Balladen geprägt. Gemeinsam ist den Songs, dass sie die Erwartungen, die an Southern Rock gestellt werden, voll erfüllen. Das Quintett legt ein ausgewogenes Album vor, mit dem sie sich in dieser Musikrichtung einen Platz unter den Newcomern des Jahres, auch wenn dieses noch jung ist, sichern.

Juke Joint 500 (2021)
Stil: Southern Rock

Tracks:
01. Wicked
02. Thunder In The Mountains
03. Can’t Get Over You
04. Mountains In My Bones
05. Silver Tongue
06. Stompin Grounds
07. Selfish Ways
08. Corn From A Jar
09. Singing To My Broken Heart
10. Shake It

Tennessee Champagne
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Juke Joint 500

Logan Mize – Still That Kid – CD-Review

Still That Kid - Album Art

Logan Mize möchte auch nach fast einer Dekade recht erfolgreichen Treibens im New Country Business sich das Kind im Manne bewahren. Das proklamiert er jetzt auf seiner dritten Big Yellow Dog Music-Produktion nicht nur mit dem Titel des Albums „Still That Kid“, sondern auch ganz klar mit einem der Center-Tracks „I Ain’t Gotta Grow Up“, der gleich in zwei Versionen (einmal mit Unterstützung von Willie Jones) enthalten ist.

Der aus Clearwater, Kansas, stammende Musiker bewegt sich immer noch so ein wenig in der Warteschleife zum ganz großen Durchbruch. Immerhin hat er es zum schon zum Tour-Support von vielen Stars der Szene wie Lady Antebellum, The Band Perry, LeAnn Rimes, Eric Church, Dierks Bentley, der Charlie Daniels Band, Blake Shelton (auf der Blake Shelton Country Cruise), Stoney LaRue, Hank Williams, etc. geschafft.

2016 sorgte er für viel Aufsehen, als er in Eigenregie über seine sozialen Netzwerke eine Solo-Akustik-Tournee buchte und dabei in weniger als zwei Monaten mehr als 20.000 Meilen in einem 1989er Chevy-Kombi namens “Glenn” zurücklegte. Logan war auf dieser Tour sein eigener Sound- und Lichttechniker und spielte Akustikshows, die Fans im ganzen Land begeisterten.

Er ist übrigens verwandt mit Billy Mize. Dieser prägte früher ganz stark den Bakersfield-Sound mit, den man unter anderem von Country-Ikonen wie Merle Haggard und Buck Owens kennt. Und das spürt man auch meines Erachtens ein wenig unterschwellig an der Rhythmusgebung seiner Songs, auch wenn diese natürlich eindeutig im ganz modernen New Country verankert sind.

Das Werk besteht insgesamt aus dreizehn angenehm zu hörenden Stücken, wobei, wie anfangs erwähnt „I Ain’t Gotta Grow Up“ und „Grew Apart“ jeweils in unterschiedlichen Darreichungsformen eingespielt wurden.

Letztgenannter Song, einmal mit Donovan Woods und mit Alexandra Kay performt, wobei die aus Illinois stammende Sängerin, mit ihrer zauberhaften, zwischen Kate Bush und Dolly Parton pendelnden Engelsstimme, hier einen herrlichen Counterpart zu Logans mannsstarkem Gesangsorgan bildet, hat für mich, gerade in der zweiten Version, das größte Hitpotential.

Dass er auch kompositorische Qualitäten verinnerlicht hat, beweisen seine beiden jeweils mit Blake Chaffin kreierten Tracks „American Livin’“ (hymnische, slide-bestückte Hommage an das amerikanische Kleinstadtleben) und „Prettiest Girl In The World“ (melancholische Ballade mit weinender Steel und klirrender Mandoline).

Ein nicht unerheblicher Anteil der Lieder wie „Who Didn’t“, „Gone Goes On And On“, „Get ‘Em Together“ (klasse Duett mit der ebenfalls toll singenden Clare Dunn) und „Practice Swing“ folgt in ihrer Struktur ein wenig dem Erfolgsrezept (Midtempo-Strophe, markanter euphorischer Powerrefrain) dem vom Superstar-Duo Florida Georgia Line.

Insgesamt überzeugt Logan Mize auf dem von Daniel Agee produzierten „Still That Kid“ mit einem durchgehend melodischen und abwechslungsreich anzuhörenden Silberling. Es könnte der Durchbruch werden, zumindest aber der Initialschritt, um aus dem Schatten der heutig Etablierten herauszutreten. Möge er dabei trotzdem seinen jugendlichen Elan und Charme, den er dabei an den Tag legt, auch in Zukunft weiterhin bewahren.

Big Yellow Dog Music (2021)
Stil: New Country

01. American Livin’
02. I Ain’t Gotta Grow Up
03. Who Didn’t
04. Grew Apart feat. Donovan Woods
05. Gone Goes On And On
06. Prettiest Girl In The World
07. Hometown
08. Get ‘Em Together feat. Clare Dunn
09. Practice Swing
10. Slow
11. Something Just Like This
12. Grew Apart feat. Alexandra Kay
13. I Ain’t Gotta Grow Up feat. Willie Jones

Logan Mize
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Lime Tree Music

Various Artists – Mo’ Peaches Volume 1 – Southern Rock That Time Forgot – CD-Review

Mo Peaches 1 300

Review: Michael Segets

Reinhard Holstein erweist sich einmal mehr als Schatzsucher des Southern Rock, indem er sich mit seinem neuen Label und Mailorder Juke Joint 500 auf den Weg macht, vergessene Southern-Rock-Bands auszugraben und auf Vinyl zu veröffentlichen. Früher federführend bei Glitterhouse Records und Stag-O-Lee Records stieg Holstein letztes Jahr bei Whiskey Preachin‘ Records ein. Dem Label verdanken wir bereits eine Compilation mit unverbrauchten Acts sowie die Neuentdeckung von The Rhyolite Sound und Ole Whiskey Revival. Nun startet er ein weiteres ambitioniertes Projekt, das die Fans handgemachter Rockmusik im Auge behalten sollten.

Anfang der 1970er Jahre gab das Capricon Label Peaches-Sampler heraus, auf denen Southern Rock zelebriert wurde. Als Reminiszenz an diese glorreichen Zeiten des Genres betitelt Holstein seine Compilation als „Mo‘ Peaches“. Auf ihr stellen sich zehn amerikanische Bands beziehungsweise Musiker vor, die über eine lokale Bekanntheit nicht hinausgekommen sind. Ihre größtenteils in Eigenproduktion veröffentlichten CDs beabsichtigt Juke Joint 500 auf Vinyl und gegebenenfalls als digitale Reissue herauszugeben. Als handnummerierte, auf 500 (multicolored) Exemplare limitierte LPs richtet sich die Label-Strategie auf eingefleischte Sammler. Die musikalische Qualität, die sich auf den ersten Hörproben zeigt, macht aber deutlich, dass die Bands ein großes Publikum verdient hätten.

Der Opener „Due South“ von John Mohead ist zugleich der älteste Track. Er stammt aus dem Jahr 1995. Das swampige, von Jimi Hendrix komponierte „Red House“ der Chase Walker Band wurde 2016 veröffentlicht. Die anderen Stücke entstanden in den zwanzig dazwischenliegenden Jahren. Daher erscheint der Untertitel der Zusammenstellung „Southern Rock That Time Forgot” durchaus passend, zumal alle Songs die Erwartungen einlösen, die an solche Genrebeiträge gestellt werden. Dabei nehmen sie mal indirekt Bezug zu den Klassikern, wie Bishop Black („Long Road To Bama“) bei Lynyrd Skynyrd, oder direkt, wenn Eat A Peach „Ain’t Wastin‘ Time No More“ von der Allman Brothers Band covert.

Alligator Stew steuert das treibende „Louisiana Man“ mit leichten Country-Anleihen bei. „Black Chrome Horse“ von den Railbenders rockt in einem mittleren Tempo. Die beiden Songs überzeugen in ihrer ehrlichen und gradlinigen Art. In dieser steht Alligator Jacksons „Enjoy The Ride“ in nichts nach. Die elektrischen Gitarren erzeugen dort sogar noch einen volleren Sound. Ein Best-Of-Album von Alligator Jackson ist bereits bei Juke Joint 500 für Februar angekündigt, das nun gespannt erwartet werden kann.

Mit Ausnahme des bereits erwähnten Beitrags der Chase Walker Band legen die Songs ein ordentliches Tempo vor. Hervorzuheben ist allerdings das explosive „Slow Down Irene“. Bei dem Titel von Judge Parker geben Klavier, Mundharmonika und natürlich Gitarren mächtig Gas. Noch einen Deut aggressiver rockt „Little Miss Whiskey“, wobei die Nummer immer melodiös bleibt. Ein kurzes, auf den Punkt gespieltes Gitarrensolo setzt dem Song der Morrison Brothers Band die Krone auf. Zusammen mit dem Track von The Remus Tucker Band zählt er zu meinen Favoriten auf dem Sampler. Mit dem akzentuierte Rhythmus gepaart mit einem kraftvollen Backgroundchor und Gitarren der Extraklasse, die am Ende „Swing Low, Sweet Chariot“ interpretieren, bildet „Bury Me On The Banks Of Mississippi“ den fulminanten Abschluss des Albums.

So bleibt am Ende fast etwas Wehmut, dass Holstein nicht noch mehr Southern-Rock-Nuggets aufgespürt und auf die Scheibe gepackt hat. Weiterhin bleibt unverständlich, warum die auf ihr vertretenen Bands bislang kaum Erfolg hatten – aber das Musikbusiness ist halt schwer zu durchschauen.

Fans des Southern Rock kommen bei der Compilation voll auf ihre Kosten. Da gute Musik zeitlos ist, macht es keinen Unterschied, dass manche Tracks älter als zwanzig Jahre sind. Reinhard Holstein hat auf seiner akribischen Suche wieder Genre-Perlen zutage gefördert, die auf den Plattenteller gehören.

Diese bietet er über seinen Mailordershop Juke Joint 500 zu äußerst fairen Preisen an, auf dem man auch die Veröffentlichungen des Whiskey Preachin‘ Labels erwerben kann.

Juke Joint 500 (2021)
Stil: Southern Rock

Tracks:
01. Due South – John Mohead
02. Louisiana Man – Alligator Stew
03. Slow Down Irene – Judge Parker
04. Long Road To Bama – Bishop Black
05. Little Miss Whiskey – Morrison Brothers Band
06. Red House – Chase Walker Band
07. Black Crome Horse – Railbenders
08. Enjoy The Ride – Alligator Jackson
09. Ain’t Wastin’ Time No More – Eat A Peach
10. Bury Me On The Banks Of Mississippi – The Remus Tucker Band

Juke Joint 500