Mike Zito – Resurrection – CD-Review

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Der ursprünglich aus St. Louis, Missouri, stammende Mike Zito ist ein Dauerbrenner in unserem Magazin. Sowohl in den vielen CD-Reviews als auch bei Live-Auftritten konnte der ehemalige Royal Southern Brotherhood-, aber vornehmliche Solo-Musiker, immer vollends überzeugen.

Besonders seit der Gründung seines Gulf Coast Labels (zusammen mit Guy Hale) 2018 scheint der heutige Wahl-Texaner vor musikalischer Umtriebigkeit nur so zu brennen. So stehen seitdem auch hier so einige Künstler und deren Werke, bei denen Mike als Produzent und/oder Gitarrist (u. a. The Proven Ones, Kat Riggins, Albert Castiglia) involviert war, bei uns zu Buche.

Nach der schwierigen Corona-Zeit, sieht Zito sein jetziges Treiben als eine Art Wiedererwachen, passend dazu der Titel seines neuen Werkes auch „Resurrection“, übrigens seine siebte Zusammenarbeit mit Producer David Z. (u. a. Prince, Etta James, Billy Idol, BoDeans, Buddy Guy, John Mayall). Acht Eigenkompositionen und mit „I’ll Make Love To You Anytime“ (J.J. Cale), „Presence Of The Lord“ (Eric Clapton/Blind Faith) und „Evil“ (Willie Dixon) drei hervorragend interpretierte Covernummern, sind dabei herausgekommen.

Für mich persönlich erscheint das Werk (auch in den Eigenkompositionen Zitos)  ebenfalls wie eine Art Rückbesinnung an die großen moderneren Blues Rock-Musiker, die mich so Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre begeistert und bis heute ihren Stempel hinterlassen haben.

Schon beim Einstieg mit dem auch von Eric Clapton 1978 gecoverten „I’ll Make Love To You Anytime“ (hier mit einem starken Saxofon-Solo am Ende als besondere Note) huldigt er mit J. J. Cale einen meiner Lieblingskünstler. Dessen Spirit reicht auch ganz tief in den herrlichen Schleicher „In My Blood“ (Marke „Boilin‘ Pot“), zugleich mein Lieblingsstück des Albums, hinein. Tolle leicht angejazzte E-Gitarre, herrliche Harmoniegesänge im dezent countryesken Refrain von Lisa Andersen, ein grandioser atmosphärischer Song! Auch das später folgende „You Don t Have Me“ erinnert unterschwellig an den kauzigen Songwriter aus Oklahoma (Richtung „River Runs Deep“).

Das aggressiv groovende „Don’t Bring Me Down“ mit furiosen E-Gitarren-Parts könnte auch aus dem Warren ‚Haynes-Dunstkreis“ entsprungen sein. „Dreaming Of You“ wirkt ein wenig von Ronnie Milsaps „Stranger In My House“ inspiriert. Eric Clapton kommt dann mit seinem „Presence Of The Lord“ endgültig in Zitos Werk an, hier steht der Protagonist, rein stimmlich übrigens auch in Bestform, im berühmten E-Solo-Gitarrenbridge Mr. Slowhand in Nichts nach und untermauert sein fulminantes Saitenkönnen (natürlich auch im Slide-Bereich). Ganz stark!

Das schwermütige „When It Rains“ verbreitet Totengräberstimmung und könnte somit auch einen Trauermarsch begleiten, deshalb hier wohl auch eine unverkennbare Peter Green-Note im Lied. Wer nicht genug von unserem kürzlich besprochenen posthumen Gary Moore-Album „How Blue Can You Get“ bekommen kann, erhält hier eine hymnische Blues-Ballade à la „Still Got The Blues“ & Co. als Nachschlag.

Dass Zito den Süden tief in seinem Blut hat, offenbart der launige Southern Rock-Boogie „Running Man“. ‚Skynyrd to the core‘ würde ich hier sagen. Stücke wie „Gimme Three Steps“, „Whiskey Rock-A-Roller“ „Smokestack Lightning“, „Good Lovin’s Hard to Find“ etc. lassen grüßen. Hier gefällt auch das Billy Powell-Gedächtnis-Klimper-Piano.

Seine einstigen Dämonen (Zito hatte ja lange mit Drogenproblemen zu kämpfen) scheinen Geschichte zu sein, hier bekämpft der das von Willie Dixon kreierte ‚Böse‘ mit fürchterlichen Orgel- (klasse Lewis Stephens) und E-Gitarren-Attacken. Ein Fest für Freunde des psychedelischen Blues Rocks.

Und der für mich als Erinnerungsstütze immer wichtige letzte Track des Albums, hier das Titelstück „Resurrection“, ist nochmals ein absolutes Highlight mit viel Southern Soul-Flair. Klingt für mich fast wie ein neues „Soulshine“. Typisches Warren Haynes-, aber auch Dickey Betts-Feeling („Atlanta‘ Burning Dow“, „Mr. Blues Man“) verleihen diesem grandiosen Abschluss ordentlich Klassiker-Potential.

Zito selbst dazu: „Resurrection is an album of feelings, emotions, and is very personal. The title track is how I once almost lost my love, but it came back stronger than ever. I have had this song in me for years, but it only makes sense now to share it with the world. After the year we have had on planet Earth, I believe we all need a rebirth. This rebirth has given me an opportunity to be who I want to be musically and artistically.”

Gelegenheit eindrucksvoll genutzt, Mike Zito! Eine absolute Blues Rock-Sternstunde im Jahr 2021!

Gulf Coast Records (2021)
Stil: Blues Rock

01. I’ll Make Love To You Anytime
02. Don t Bring Me Down
03. Dreaming Of You
04. In My Blood
05. Presence Of The Lord
06. When It Rains
07. You Don t Have Me
08. Damned If I Do
09. Running Man
10. Evil
11. Resurrection

Mike Zito
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Gulf Coast Records
V2 Records

Tedeschi Trucks Band featuring Trey Anastasio – Layla Revisited (Live At Lockn‘) – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Das arrivierte US-Lockn‘ Festival in Arrington, Virginia, war am 24. August 2019 Schauplatz einer einmaligen Blues Rock-Performance. Angekündigt war der Auftritt der Tedeschi Trucks Band (TTB) und nur wenige waren eingeweiht, dass dieser spezielle Gig einem Meisterwerk der Musikgeschichte gewidmet war.

Für die Live-Inszenierung des Blues-Rock-Studiowerks „Layla And Other Assorted Love Songs“ von Derek And The Dominos aus dem Jahre 1970 hatten sich Susan Tedeschi und Derek Trucks zu ihrer ‚Big Band‘ Verstärkung durch Phish-Gitarrist Trey Anastasio und „Allrounder“ Doyle Bramhall II geholt. Letzterer hatte schon an verschiedenen Clapton-Produktionen und auch bei der TTB „Made Up Mind“ LP (2013) mitgewirkt.

Der exklusive Festival-Mitschnitt wird nun als „Layla Revisited“ veröffentlicht und zeigt die Band auf einem leidenschaftlichen Höhepunkt ihrer Karriere. Die Songs bewegen sich stilistisch nah an den berühmten Vorbildern, besitzen aber durch die unterschiedlichen Vocals, den breiten Bühnensound und die zum Teil erheblich längeren Spielzeiten eine bemerkenswerte Eigendynamik. Bereits mit dem Opener „I Looked Away“ und dem intensiven „Bell Bottom Blues“ wird eine energiegeladene Konzertstimmung vermittelt.

Danach entwickelt die 12-Minuten-Version von „Keep On Growing“ (Original 6 Minuten) ehrgeizige Blues- und Southern-Rock Vitalität, eine in Richtung Allman Brothers ausschweifende Performance. Der ehemalige Leadgitarrist der Allman Brothers Band, Duane Allmann, war an 11 Stücken der „Assorted Love Songs“ Produktion beteiligt; und so lässt Derek Trucks, seinesgleichen einer der weltbesten Slide-Gitarristen, seine Vorliebe für die prägende Spielweise von Duane immer wieder zum Vorschein kommen

Ihre individuelle Beziehung zum „Layla-Album“ haben Susan Tedeschi, die am Tag der Erstveröffentlichung 1970 geboren wurde, und Derek Trucks, dessen Vorname an Claptons Synonym erinnert als Band-Projekt über die Zeit bewahrt. So entstand eine persönlich inspirierte Live-Aufnahme der berühmten Einzeltitel, welche durch die vier erstklassigen Lead-Gitarristen zeitgemäß aufbereitet wurden – Susans Vocal-Power z.B. bei „Nobody Nows You When You’re Down And Out“ nicht zu vergessen.

Immer wieder sind es durchweg die ausgiebigen Song-Fassungen, wie „Anyday“ (13 Minuten lang) und die vier folgenden 8 Minuten-Tracks („Key To The Highway“, „Tell The Truth“, „Why Does Love Got To Be So Sad“ und „Have You Ever Loved A Woman?“), die Ausstrahlung und Energie einer hochkonzentrierten Band großartig einfangen. Die extravaganten Zuckerstücke „Little Wing“ von Jimi Hendrix und natürlich das Clapton/Gordon Meisterstück „Layla“ werden in brillanten Versionen zelebriert.

Der von Susan Tedeschi gesungene, populäre Titelsong mit dem legendären Gitarrenriff ist die finale Glanzperformance eines Abends, der vielen noch lange in Erinnerung bleiben wird. “Layla Revisited“ endet mit einer Studioversion von „Thorn Tree In The Garden“, die Tedeschi und Trucks zu zweit aufgenommen haben, da der Live-Track als gekürztes Outro verwendet wurde.

Insgesamt hat die Tedeschi Trucks Band featuring Trey Anastasio mit „Layla Revisited (Live at Lockn‘)“ eine moderne Konzertedition des zeitlosen Rockalbums geschaffen. Eine geniale und komplexe Alternative, nachträglich zur 50. Anniversary-Ausgabe des insoweit etwas in die Jahre gekommenen Originals, aber mit einer ebenso erfrischenden und begeisternden Performance, die den musikalisch ansteckenden Vibe der damaligen Zeit in jeder Hinsicht fortsetzt.

Fantasy Records (2021)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. I Looked Away
02. Bell Bottom Blues
03. Keep On Growing
04. Nobody Knows You When You’re Down and Out
05. I Am Yours
06. Anyday
07. Key To The Highway
08. Tell The Truth
09. Why Does Love Got To Be So Sad?
10. Have You Ever Loved A Woman?
11. Little Wing
12. It’s Too Late
13. Layla
14. Thorn Tree In The Garden (studio)

Tedeschi Trucks Band
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Oktober Promotion

Jordan Davis – Buy Dirt – EP-Review

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Der erst Gedanke, der mir beim neuen Werk „Buy Dirt“ von Jordan Davis (produziert mit Paul DiGiovanni) durch den Kopf ging, hatte erstmal nichts mit der Musik an sich zu tun, sondern, ist es mit acht Tracks eher als LP oder EP einzuordnen? Da die Gesamtspielzeit aber gerade mal 22 Minuten beträgt, der Opener „Blow Up Your TV“ eher einen Intro-Charakter besitzt und auch noch mit „Almost Maybes“ ein Stück von seiner letzten gleichnamigen EP von 2020 enthält (hier in so einer Art ‚Beach‘-Variante) habe ich mich dann eindeutig für die EP-Etikettierung entschieden.

Da Jordan, der uns ja auch schon mal live als Support von Old Dominion in der Kölner Live Music Hall sehr angenehm überzeugt hat, im Prinzip seinem poppigen, hochmelodischen und extrem radiotauglichen New Country treu geblieben ist, kann man sich hier ebenfalls relativ kurz fassen.

Erwähnen muss man allerdings den Titeltrack „Buy Dirt“, denn der bedeutet für den aufstrebenden Künstler sicherlich so etwas wie einen musikalischen Ritterschlag. Davis hatte keinen geringeren als Superstar Luke Bryan zwecks Mitwirkung angesprochen und der hat dann auch sofort zugesagt. Ein wirklich schöner Song, bei dem beide stimmlich differieren und gerade deswegen auch ein gutes Team bilden. Enthält im Refrain das allegorisch anmutende Statement „You can’t buy happiness, but you can buy dirt“.

Ansonsten gibt es auf „Buy Dirt“ keine wirklichen Experimente, die Texte erscheinen vielleicht ein wenig tiefgründiger und nachdenklicher. Fast jedes Stück enthält ein kurzes E-Gitarren-Solo, ab und zu fiept mal eine Steel (u. a. bei „Almost Maybes“, „Trying“) dazwischen. Einfach angenehm zu konsumierende Musik, bis auf den Opener komplett single-tauglich, mit frischen Melodien, die schön ins Ohr geht und gute Laune macht. Davis‘ unbekümmertes Lächeln auf dem Cover kommt nicht von ungefähr.

Und, wo wir schon mal beim Sinnbildlichen sind, in etwa zu vergleichen (auch zeitlich) mit dem relaxten Genuss einer wohlschmeckenden eiskalten Maß Bier in einem schönen sommerlichen Biergarten…

MCA Nashville (2021)
Stil: New Country Pop

01. Blow Up Your TV
02. Buy Dirt (feat. Luke Bryan)
03. Need To Not
04. Drink Had Me
05. Lose You
06. Almost Maybes
07. I Still Smoked
08. Trying

Jordan Davis
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Universal Music

Sean Chambers – That’s What I’m Talkin About – CD-Review

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Review: Gernot Mangold

In den letzten Jahren neigen viele Musiker dazu, alte Blues oder Rock-Klassiker, die zum Teil ihren Musikstil beeinflusst haben, auf einem Album einzuspielen. Auf den ersten Blick oder beim ersten Hören könnte man dies beim Werk von Sean Chambers auch vermuten.

Hier ist die Sache aber anders. Es ist ein Tributalbum für seinen Mentor Hubert Sumlin, der lange als Gitarrist für Howlin‘ Wolf arbeitete, bevor er eine Solokarriere startete. Nachdem Chambers sein erstes Album herausbrachte, wurde Sumlin auf seine Band aufmerksam und machte sie ab 1998 für etwa vier Jahre zu seiner Begleitband. Dass diese Phase prägend für Chambers war, zeigt auch der Titel des Albums, der einen Satz abgibt, der von Sumlin oft benutzt wurde.

Die auf „That’s What I’m Talkin About“ vertretenen Songs spielte Chambers in dieser Phase als Gitarrist für Hubert Sumlin ein, sodass es mehr als ein normales Coveralbum ist. Chambers gelingt es mit seiner Begleitband, Bluesklassiker, die schon Howlin‘ Wolf oder Hubert Sumlin zu Größen der Bluesmusik machten, neues Leben einzuhauchen.

Die Songs wirken dabei energiegeladener als die Originale, was auch daran liegt, dass Chambers stark vom Stil eines Stevie Ray Vaughan geprägt ist. Seine spielerische Vielfalt zeigt er auch bei „Do The Do“, wo er beweist, dass er das Sliden grandios versteht. Die Grundlage, auf der sich Chambers mit gekonnten virtuosen aber auch teils brachialen Soli austoben kann, legt seine starke Rhythmusfraktion mit Todd Cook am Bass und Andrei Koribanics an den Drums.

Ein besonderes Highlight ist das rockige, furiose „Hubert Song“, eine Homage an seinen Mentor, in dem stilistisch Anlehnungen an Bluesgrößen von Rory Gallagher bis zu Jimmy Hendrix wie im Zeitraffer vorbeirauschen.

Mit „Louise“ einem der bekanntesten Songs von Howlin‘ Wolf findet das Album einen würdigen Abschluss, bei dem neben Chambers, auch Rick Curran am Piano starke Akzente setzt.

Sean Chambers ist ein starkes Tributalbum gelungen, in dem jeder Song seine Berechtigung hat und das durch die Nähe zu Hubert Sumlin fast den Charakter eines ‚Greatest Hits‘-Albums hat und in der Form auch jedem Bluesfan empfohlen werden kann.

Eine weitere, allerdings eher traurige Besonderheit ist, dass das Werk das letzte war, welches Ben Elliott, bei dem sich viele Größen des Blues Rocks die Klinke in die Hand gaben und der mit Sicherheit auch seinen Anteil an dem stark produzierten Album hat, kurz vor seinem Tod begleitete.

Sean Chambers – guitar/vocals
Todd Cook – bass
Andrei Koribanics – drums
Rick Curran – Hammond B3/keyboards

Quarto Valley Records
Stil: Blues

Tracklist:
01. Chunky
02. Do The Do
03. Rockin Daddy
04. Goin Down Slow
05. Hidden Charms
06. Fourty Four
07. Tail Dragger
08. Hubert Song
09. Sittin On The Top Of The World
10. Howlin For My Darlin
11. Louise

Sean Chambers
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V2 Records

The Wallflowers – Exit Wounds – CD-Review

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Review: Michael Segets

Es gibt wahrscheinlich kaum Berichte über The Wallflowers, in denen nicht zumindest in einem Nebensatz erwähnt wird, dass Bandleader Jakob Dylan, der Sohn von Bob ist. Dieser Review des neuen Albums „Exit Wounds“ der Wallflowers macht dahingehend keine Ausnahme. Dabei hat Jakob Dylan selbst schon die magische 50 überschritten und ist auch musikalisch längst den Kinderschuhen entwachsen.

Wenn schon nicht auf den Nobelpreis, so kann er doch auf zwei Grammys zurückblicken und hat seinen eigenen Weg im gleichen Metier wie sein Vater erfolgreich eingeschlagen. Nach Goethe soll man Kindern Wurzeln und Flügel geben. Dies scheint Bob Dylan bei seinem Sohn gelungen zu sein. Jakob selbst greift dieses sprachliche Bild bei seiner Single „Roots And Wings“ auf, allerdings aus der Perspektive der älteren Generation.

The Wallflowers wurden 1990 von Jakob Dylan offiziell ins Leben gerufen und brachten 1992 das erste Album raus. Bis 2012 folgten fünf weitere Longplayer. Danach war in Sachen Wallflowers erst einmal Pause. Dylan veröffentlichte in der Zwischenzeit zwei Alben unter eigenem Namen. Nun belebt er seine Band erneut, wobei Wiederbelebung eigentlich der falsche Ausdruck ist: Bis auf den Frontmann gibt es keine Konstanten in der Besetzung. Multiinstrumentalist Butch Walker, Gitarrist Val McCallum, Keyboarder Aaron Embry sowie Bassist Whynot Jensveld und Schlagzeuger Mark Stepro bilden das derzeitige Line-up der Wallflowers.

„Exit Wounds“ ist ein homogenes Album geworden, dessen Tracks sich überwiegend im Midtempo oder etwas darunter bewegen. Die ersten beiden Songs „Maybe Your Heart’s Not In It No More” – ebenfalls vorab ausgekoppelt – sowie „Roots And Wings” haben einen erdigen Grundton. Nach dem lockeren und leicht poppigen „I Hear The Ocean (When I Wanna Hear Trains)” schlägt „The Dive Bar In My Heart” rockigere Töne an. „Move The River”, bei dem Brian Griffin an den Drums sitzt, rockt zumindest im Refrain und zählt zu den songtechnisch auffälligsten Tracks des Albums.

„Who’s That Man Walking ‘Round My Garden” kann als ein Highlight des Longplayers gelten. Die gradlinige Nummer im Garage-Sound – mit treibenden Keys gewürzt – scheppert kräftig. Auf der anderen Seite des Spektrum finden sich gelungene Balladen – allen voran „Darlin’ Hold On“, auf dem Shelby Lynne als Duett-Partnerin von Dylan glänzt. Bei einigen anderen Titeln, so auch bei „I’ll Let You Down (But Will Not Give You Up)”, steuert sie Harmonien bei. Hier und auch bei „Wrong End Of The Spear” ist Dylans Gesang besonders eindringlich.

„The Daylight Between Us” bildet den Abschluss eines Albums, das sich thematisch um Verluste und Veränderungen dreht. Die Kerben, die das Leben oder die Mitmenschen schlagen und die wohl jeder mit sich herumträgt, boten den Anstoß für den Titel „Exit Wounds“ und durchziehen als konzeptioneller Gedanke die Songsammlung.

Mit „Exit Wounds“ meldet sich Jakob Dylan mit seinen Wallflowers ohne Qualitätsverluste im Vergleich zu den vorangegangenen Alben zurück. Durch die Band im Rücken wirkt Dylans Sound voll und rockig. Dabei liefern The Wallflowers vor allem mit ihren ruhigeren Songs feine Kost ab. Vielleicht sollte man den Midtempo-Stücken ein paar Durchläufe gönnen, denn unter ihnen fehlt der ganz große Ohrwurm, der sich sofort festsetzt. In Gänze stellt „Exit Wounds“ ein willkommenes Lebenszeichen von Dylans Bandprojekt dar.

Um nochmal Goethe zu bemühen: Man sollte jeden Tag ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, darüber hinaus ein treffliches Gemälde betrachten sowie ein vernünftiges Wort sprechen. Wenn man „Exit Wounds“ von The Wallflowers auflegt, erfüllt man die beiden ersten Empfehlungen des Literaten. Für die anderen beiden Aufgaben bleiben dann die restlichen Stunden des Tages.

New West Records (2021)
Stil: Rock

Tracks:
01. Maybe Your Heart’s Not In It No More
02. Roots And Wings
03. I Hear The Ocean (When I Wanna Hear Trains)
04. The Dive Bar In My Heart
05. Darlin’ Hold On
06. Move The River
07. I’ll Let You Down (But Will Not Give You Up)
08. Wrong End Of The Spear
09. Who’s That Man Walking ‘Round My Garden
10. The Daylight Between Us

The Wallflowers
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New West Records
Oktober Promotion

Lucinda Williams – Southern Soul: From Memphis To Muscle Shoals & More – CD-Review

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Review: Michael Segets

Nach ihrem Tribute für Tom Petty lässt Lucinda Williams nun den zweiten Schlag ihres Cover-Projekts Lu’s Jukebox folgen. Auf „Southern Soul: From Memphis To Muscle Shoals & More” wendet sie sich keinem einzelnen Künstler zu, sondern covert querbeet soulige Titel, die im amerikanischen Süden, unter anderem in der für sein Studio bekannten Kleinstadt Muscle Shoals in Alabama, verwurzelt sind.

Die ausgewählten Songs entstanden in den 1960ern und frühen 1970ern. Zu den heute noch bekanntesten zählen sicherlich „I Can’t Stand The Rain“ von Ann Pleebles und Al Greens „Take Me To The River“. Dem schrillen Cover des ersten Titels durch Tina Turner setzt Williams eine wunderbar geerdete Version entgegen. Auch die Interpretation des zweitgenannten Stücks hebt sich von anderen Covern, wie denen von den Talking Heads oder den Commitments, ab. Williams gibt ihm eine rootsige Note und führt ihn mit breitem Gitarrensound zu einem fulminanten Ende.

Die CD beginnt mit dem Ohrwurm „Games People Play“. Meine Lieblingsversion des von Joe South geschriebenen Songs stammt von den Georgia Satellites. Williams spielt ihn anders, aber vergleichbar gut. Sehr klar und straight, einschließlich elegantem Gitarrensolo, startet sie mit ihm auf ihre Reise durch den Soul mit Zwischenstopp beim Blues. Die Genregrenzen verschwimmen bei Williams Interpretationen, die ebenso wie auf ihrem ersten Coveralbum die Songs zu ihren eigenen macht.

Während dort jedoch die ursprünglichen Tracks von Tom Petty noch überwiegend in meine Gehörgängen präsent waren, sind die Songs von Percy Sledges „It Tears Me Up“ oder „You’ll Lose A Good Thing” von Barbara Lynn – ebenfalls von Aretha Franklin aufgenommen – quasi Neuentdeckungen. Sie dürften beim breiten Publikum weitgehend in Vergessenheit geraten sein, auch wenn sie zu ihrer Zeit Hits darstellten.

„You Dont’t Miss Your Water” stammt aus der Feder von William Bell und repräsentiert die Memphis-Seite des Albums. Dem Song und vor allem „Misty Blue“ hört man ihr Alter an. Stärker modernisiert wirkt „Rainy Night In Georgia” oder auch „Main Street Mission“, das zu den ganz starken Stücken auf der CD gehört. Zum Abschluss der Scheibe spielt Williams einen eigenen Song, der sich nahtlos in die Cover einpasst. „Still I Long For Your Kiss“ findet sich auf ihrem Erfolgsalbum „Car Wheels On A Gravel Road” und wurde von Duane Jarvis mitkomponiert.

Die ursprünglichen Titel von „Southern Soul: From Memphis To Muscle Shoals & More” tauchen vermutlich selten in den Playlists der SoS-Leser auf. Mit ihrem Gesang und der erdigen Begleitung verändert Williams die Atmosphäre der meisten Songs so, dass sie auch bei denjenigen Gehör finden können, die sich sonst weniger mit dem Sound der sechziger Jahre identifizieren. Letztlich transformiert Williams die Originale in Americana-Versionen, die sie mit einer gehörigen Portion Soul in ihrer Stimme vorträgt.

Williams Cover-Reihe ist auf sechs CDs angelegt. Neben Country-Nummern der 1960ern nimmt sie sich noch Weihnachtsliedern an. Darüber hinaus stehen Tribute-Alben für Bob Dylan und die Rolling Stones aus. Die Eigenständigkeit der Interpretationen auf den ersten beiden Veröffentlichungen verspricht für die weiteren Streifzüge durch Lu’s Jukebox einiges.

Highway 20 – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Americana

Tracks:
01. Games People Play
02. You’ll Lose A Good Thing
03. Ode To Billie Joe
04. I Can’t Stand The Rain
05. Misty Blue
06. Main Street Mission
07. You Don’t Miss Your Water
08. It Tears Me Up
09. Rainy Night In Georgia
10. Take Me To The River
11. Still I Long For Your Kiss

Lucinda Williams
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Gary Allan – Ruthless – CD-Review

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Ups, habe ich irgendetwas in Sachen Gary Allan in der Zwischenzeit verpasst, dachte ich spontan, als ich vom Erscheinen seiner neuen CD „Ruthless“ Kenntnis genommen hatte. Es ist eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich seine letzte Scheibe reviewt hatte. Und tatsächlich ist seit seinem Nr. 1-Album „Set You Free“ nichts Großartiges passiert, zu dieser Zeit vor acht Jahren existierte dieses Magazin noch gar nicht.

Der einst von einer kalifornischen Ranch aus nach Nashville aufgebrochene Musiker hält sich seit 1996 fortwährend mit seinen Werken, die es alle in die oberen Regionen schafften (seit 1999 dann immer unter den Top-10), in Major-Status-Gefilden, hat es aber trotz der konstanten und guten Leistungen irgendwo nie in die ganz großen Star-Gefilde der Marke Tim McGrawBlake Shelton & Co. geschafft.

Als ‚a maverick in the mainstream‘ hat ihn ein US-Magazin, wie ich finde, ganz treffend charakterisiert. Allan hat sich ja zunächst aus der traditionelleren Bakersfield-Schule à la Buck Owens und Merle Haggard, peu à peu zu einem moderneren New Country-Interpreten entwickelt, aber seine ‚Roots‘ eigentlich dabei nicht ganz aus den Augen verloren. Vielleicht hat auch der Selbstmord seiner dritten Ehefrau 2004 eine Rolle gespielt, dass er immer eine gewisse Ernsthaftigkeit behalten hat.

Sei neuer Longplayer „Ruthless“, der zehnte insgesamt, nach einer Pause also von acht Jahren, zeigt Gary wieder in Bestform. Zusammen mit einer ganzen Riege von Produzenten an seiner Seite , die ihn während seiner Karriere begleitet hatten, (Gary Allan – Tracks 3, 5-7, 12, 13; Tony Brown – Tracks 1, 2, 4, 8-10; Greg Droman Tracks 3, 5-7, 12, 13; Jay Joyce – Track 11; Mark Wright – Tracks 1, 2, 4, 8-10), tollen Musikern und Songwritern (er selbst hat nur das wunderbar emotionale „Pretty Damn Close“ mit geschrieben) ist es ihm wieder gelungen, genau das passende Liedgut für sich auszuwählen.

Vieles erinnert an den Stoff, der dem New Country in den Neunziger Jahren zu seiner Popularität verholfen hat, aber in diesem Fall mit der typischen Allan-Euphoriebremse. Nach den beiden fluffigen eingängigen, aber etwas beliebigen Openern „Temptation“ und „Waste Of A Whiskey Drink“, reicht sich eigentlich ein toller Song dem nächsten die Klinke in die Hand.

Herrlich die beiden stark gespielte E-Gitarren-Soli in „Till It Felt Like You“, das obligatorische surrende Slidespiel zu „Slide“, die immer wieder zu den Titeln stimmungsvollen Instrumentierungen, die im bluesigen Titelschwofer „Ruthless“ (mit dezent souligen Bläsersätzen) ihren Höhepunkt finden. Auch das an Erich Church erinnernde „Unfiltered“ (wenn wundert es, dass hier Jay Joyce mit an den Strippen gezogen hat…) ist ein Ohrwurm par exellence.

Richtig klasse, allerdings ein wenig auch wie ein Fremdkörper im Gesamtkontext wirkend, ist das von Jesse Winchester geschriebene „Little Glass Of Wine“. Das mit Violine, Piano, Jazz-Gitarre, weinender Steel und dezentem Harmoniegesang sowohl kammermusikartig als auch Chanson-artig in Szene gesetzte Kleinod, hätte meiner Ansicht nach besser zu Musikern der Ära Frank Sinatra, Dean Martin und Konsorten gepasst.

Bevor man jedoch schlummernd mit dem schweren Roten im Sessel ins Reich der Träume einkehrt, holt einen der zünftige Heartland-Rocker „The Hard Way“ im Stile von John Mellencamp, Will Hoge & Co. wieder auf den harten Boden der Tatsachen zurück. Ein klasse Abschluss.

Mit „Ruthless“ bleibt sich Gary Allan schonungslos seinem gefundenen Stil treu. Klasse Musik, die ihren Erfolg mit sich bringt, ihn aber wie gewohnt aus dem ganz großen Glitzerlicht raushalten wird. Ganz sicher eines der besten New Country-Alben des Jahres, tolles Comeback des Eigenbrötlers!

MCA Nashville (2021)
Stil:  New Country

01. Temptation
02. Waste Of A Whiskey Drink
03. Till It Felt Like You
04. Slide
05. Pretty Damn Close
06. High As I’ve Ever Been
07. What I Can’t Talk About
08. SEX
09. Trouble Knows Trouble
10. Ruthless
11. Unfiltered
12. Little Glass Of Wine
13. The Hard Way

Gary Allan
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Universal Music

The Flatlanders – Treasure Of Love – CD-Review

cover The Flatlanders - Treasure Of Love 300

Review: Michael Segets

The Flatlanders spielten ihr erstes Album 1972 ein, die Plattenfirma veröffentlichte es aber nicht. Nach diesem Fehlstart löste sich die Band erst einmal auf. In den folgenden Jahren kursierten einige Liveaufnahmen und Bootlegs, durch die das Trio, bestehend aus Joe Ely, Jimmie Dale Gilmore und Butch Hancock, einen legendären Ruf erwarb.

Erst 1990 kam das gemeinsame Debüt in leicht abgewandelter Form heraus und wurde ein kommerzieller Erfolg, an dem die Urheber allerdings keine Beteiligung erfuhren. Mittlerweile hatten die Musiker Solokarrieren eingeschlagen. Den Kontakt verloren die drei Freunde allerdings nie. Sporadisch ergaben sich Kollaborationen und für den Soundtrack zum Film „Der Pferdeflüsterer“ steuerten sie als The Flatlanders einen Track bei.

In der ersten Dekade der 2000er entstanden noch drei gemeinsame Alben. Ein weiteres Werk wurde begonnen, jedoch nicht vollendet, bis die Pandemie die Termin- und Tourkalender leerte. Die Zwangspause nutzten Ely, Gilmore und Hancock, um das Projekt fertigzustellen. Dafür engagierten Sie Lloyd Maines (The Chicks, Wilco, Kris Kristofferson, Loretta Lynn), der „Treasure Of Love“ zusammen mit Ely und dessen Frau Sharon produzierte.

Unter den fünfzehn Songs des Longplayers sind ältere und neuere Eigenkompositionen sowie einige Cover vertreten. The Flatlanders interpretieren „She Belongs To Me” von Bob Dylan, „Snowin‘ on Raton” von Townes Van Zandt, „Give My Love To Rose” von Johnny Cash und „Treasure of Love” von George Jones. Der Klassiker „Sittin‘ On Top Of The World“, mit dem die Band gerne ihre Konzerte beendet, beschließt auch das Album. Das Video zur ersten Single besticht durch die historischen Aufnahmen aus der frühen Bandgeschichte.

„Treasure Of Love“ umweht der Hauch der Siebziger, der bei „Ramblin‘ Man“ besonders deutlich spürbar ist. Das Album ist gradlinig produziert und verzichtet auf Modernisierungen oder Schnörkel. Die Texaner gelten als Mitinitiatoren des Alternative Country und bleiben dessen Ursprüngen in jedem Song verbunden. Die Instrumentierung bewegt sich daher auch in genretypischen Bahnen und setzt bei mehreren Stücken auf ausgiebigen Slide. Beim Opener „Moanin’ Of The Midnight Train” treffen The Flatlanders dabei genau das richtige Maß, zumal das kräftige Schlagzeug eine gelungen Gegenpol liefert.

Das Wimmern der Saiten ist auf manchen Tracks etwas viel, wie bei „The Ballad Of Honest Sam“. „I Don’t Blame You” geht in eine ähnliche Richtung, wenn es auch nicht ganz so süßlich wirkt. Besser gelungen ist die Country-Ballade „Love Oh Love Please Come Home”. Neben den getragenen Stücken präsentieren The Flatlanders einige flotte Nummern wie „Mobile Blue“ oder auch „She Smiles Like A River“. Ordentlichen Swing gibt die Band „Mama Does The Kangaroo” mit. Schließlich finden sich Bluegrass-Elemente („Satin Shoes“) und mehrstimmige Gesangseinlagen („Long Time Gone“) auf dem Album, sodass dessen Linie zwar erhalten bleibt, Variationen im Sound aber einfließen.

Wenn Charley Crockett, Colter Wall oder auch Vincent Neil Emerson als Vertreter des New Traditional Country gehandelt werden, dann vertreten The Flatlanders einen Old Alternative Country. Was vor fünfzig Jahren einen innovativen Schub in die Country-Musik brachte, klingt heute eher altbekannt. Dass die Neuauflage des Alten aber nicht schlecht sein muss, sondern durchaus einen eigenen Charme entwickeln kann, beweisen Ely, Gilmore und Hanock auf „Treasure Of Love“. Schätze liegen ja manchmal längere Zeit verborgen, bis sie wieder ans Tageslicht gehoben werden.

Rack’Em Records – Thirty Tigers/Membran (2021)
Stil: Alternative Country

Tracks:
01. Moanin’ Of The Midnight Train
02. Long Time Gone
03. Snowin’ On Raton
04. She Smiles Like A River
05. Love Oh Love Please Come Home
06. Give My Love To Rose
07. Treasure Of Love
08. Satin Shoes
09. The Ballad Of Honest Sam
10. Mama Does The Kangaroo
11. She Belongs To Me
12. I Don’t Blame You
13. Mobile Blue
14. Ramblin’ Man
15. Sittin’ On Top Of The World

The Flatlanders
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

MojoThunder – Hyms From The Electric Church – CD-Review

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MojoThunder sind mal wieder ein guter Beweis, dass der Southern Rock sich keine Sorge um seinen Nachwuchs zu machen braucht. Das kreative Potential im Süden der Staaten erscheint schier unerschöpflich, hier haben wir es mit einem hochtalentierten Quartett aus Lexington und Louisville in Kentucky zu tun, das jetzt mit „Hyms From The Electric Church“ sein Debüt in den Ring wirft.

Den Wink bekam ich vor einigen Wochen von meinem Musikkollegen Harald Birkner, der in einem früheren Magazin, das ich einst mitbegründete, mittlerweile eine schöne Radiosendung mit Geheimtipps aus dem Genre moderiert. Ich schrieb die Band an und man sendete mir das Album mit ein paar Infos kurze Zeit später.

MojoThunder wurden 2018 von Leadgitarrist Bryson Willoughby und Drummer Zac Shoopman gegründet. Hinzu kamen Bassist Andrew Brockman und Sean Sullivan aus Louisville als Sänger, der allerdings auch das Keyboard und Gitarren vorzüglich bedienen kann.

Letztgenannter entpuppt sich als ein echtes Juwel, vor allem seine unverbraucht frisch und ehrgeizig klingende Stimme bewegt sich irgendwo in variablen Sphären zwischen Paul Rodgers, Robert Plant und Chris Robinson und verleiht dem Sound eine ungemeine Dynamik, die allerdings bei der musikalischen Gangart des Quartetts auch unabdingbar erscheint.

Die auf den ersten Blick nur recht wenig erscheinenden neun Songs haben aber eine Gesamtspielzeit von knapp 42 Minuten, sodass die Gefahr, Songs ‚von der Stange‘ zu erhalten, von vorne herein ausgeräumt werden kann.

Ganz im Gegenteil, auch wenn natürlich viele etabliere Bands wie die Black Crowes, AC/DC, Lynyrd Skynyrd, Led Zeppelin, Free, Georgia Satellites, die Stones oder die Allman Brothers, klar ihre Spuren hinterlassen, sind es gerade die spürbar unverbrauchte Spielfreude, die unbekümmerte Kreativität, der grandiose Gesang von Sullivan und die teils unkonventionellen Bridges und Soli in den Tracks, die der eigenen Etikettierung ihres Stils als Alternative Southern Rock eine hohe Beweiskraft verleihen.

Allein der Opener „Jack’s Axe“ mit seinem treibenden AC/DC-Grundrhythmus, dem Black Crowes-typischen Gesang und untergelegtem HT-Piano von Sullivan, legt die Latte für den weiteren Verlauf des Albums hoch. Spätestens mit dem folgenden Southern Rock-Kracher „Blackbird“ (ähnlich den Georgia Thunderbolts) weiß man, dass man es hier mit Riesentalenten zu tun hat.

Bis auf „Soul„, das zumeist in ruhigeren Gefilden schwelgt (mit klasse Harmoniegesängen – das können sie auch noch!), allerdings auch im E-Gitarren-Soloteil wieder mit einem überraschenden Stimmungswechsel aufwartet, geht eigentlich durchgehend fulminant die Post ab, wobei immer wieder wohl dosierte progressive als auch psychedelische Mittel, Spannung erzeugen.

Das famose „Bulleit“ (was für ein Gesang von Sullivan!), eine Art furiose Session von den Black Crowes mit Lynyrd Skynyrd, hätte ich mit seinem „Freebird“-angelehnten Instrumentalfinish (aber etwas kürzer) eigentlich als krönenden Schlusspunkt gewählt, da die Burschen aber scheinbar ihren eigenen Kopf haben, gibt es in einem fließenden Übergang zu „A New Dawn“, psychedelische introvertierte Kost a la Free, allerdings auch mit einem fulminant krawalligen E-Gitarrenabschluss.

Es passiert eigentlich selten, dass ich bei härterer Musik ins Schwärmen gerate. Der Vierer aus Kentucky hat aber eine superbe Formel gefunden, wie Southern Rock melodisch, impulsiv und spannend zugleich gestaltet werden kann. Dazu gibt es eine,  für eine Eigenproduktion von Newcomern, richtig gute transparente Produktion.

Es donnert ordentlich, aber klar aus den Boxen und man verspürt unweigerlich den Drang, diese Band live auf der Bühne zu sehen. Auch wenn es mit „Hyms From The Electric Church“ bisher nur ein Album ist: Willkommen MojoThunder in der Spitzengarde des neuzeitlichen Southern Rocks!

Label: Eigenproduktion
Stil: Alternative Southern Rock

Tracks:
01. Jack’s Axe
02. Blackbird
03. Rising Sun
04. Soul
05. Fill Me Up
06. Babylon
07. Untitled #69
08. Bulleit
09. A New Dawn

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Dede Priest & Johnny Clark’s Outlaws – 26.06.2021, Schwarzer Adler, Rheinberg – Konzertbericht

priesthaupt

Gute acht Monate ist es jetzt her, dass ich ein Live-Konzert besucht habe, für den Inhaber eines Rock-Musikmagazins eigentlich eine regelrechte  Horrorvorstellung. Dabei muss ich zugeben, dass es mir nach der langen Pause sogar ein wenig schwer fiel, wieder in Gang zu kommen. Trotzdem überwog natürlich die Freude, dass die Kulturszene, dank der momentan überschaubaren Inzidenzzahlen, endlich aufatmen darf und wieder erste Steps im Hinblick auf eine zukünftige Normalisierung tätigen kann. Trotzdem schwebt ein Bangen vor weiteren Rückschlägen immer noch irgendwie mit.

Der Schwarze Adler war jedenfalls optimal gerüstet. Unkomplizierte Corona-Schnelltests im nebenstehenden kleinen Anbau, eine abstandskonforme, sehr gemütlich, mit kleinen Lampen inszenierte Tischanordnung (gefiel mir sehr gut) mit den entsprechenden Formularen darauf zur Nachverfolgung. Ideal natürlich auch zum Verfassen meiner Konzertnotizen. Ist es da als Adler-Genosse schon legitim, hier von einem Home-Office-Arbeitsplatz zu reden…?

Was für eine Welt?! Ehrlich gesagt, würde ich alles lieber, wie früher, eng stehend, kaum was sehend im Dunklen, mit dem einen oder anderen Ellbogen von vorne, der Seite oder im Rücken, in kaum lesbarer Schrift festhalten. Sicherheitstechnisch gesehen, passte aber alles somit auf den Punkt! Kompliment an das Adler-Team für die perfekte Organisation!

Zu Gast war mit Dede Priest & Johnny Clark’s Outlaws ein mit unserem Magazin eng verbundenes und geschätztes Quartett, dessen Debüt-Auftritt in der hiesigen Blues-Kultstätte nach zwei Verschiebungen, jetzt im dritten Anlauf endlich realisiert werden konnte. Und auch hier stieg die charismatische Texanerin Dede Priest mit ihrem niederländischen Begleittrio in Form von Johnny Clark (alias Hans Klerken), Leon Toonen und Ray Oostenrijk, absolut pünktlich um 20:00 Uhr nach kurzer Begrüßung durch Ernst Barten auf die Bühne und fügte mit ihrem stürmischen „Texas Hurricane“, dem ausgeklügelten Adler-Lüftungssystem zum Auftakt mit einer wahren Stoßlüftung eine weitere vorbeugende Komponente hinzu.

Klasse direkt hier Dedes Hendrix-angelehntes Wah-Wah-E-Gitarrenspiel mit Hilfe ihres Cry Baby Pedal-Effektgerätes, das sich als eines ihrer fortlaufenden Trademarks (für Nichtkenner der Band) herauskristallisierte, ebenso wie die mimisch-gesangliche Begleitung eines jeden ihrer Soli. Ein weiteres unabdingbares Musik-Utensil ist natürlich ihre Violine, passend zu ihrem gypsy-mäßigem Kleidungsstil an diesem Abend (dazu die gewohnten schwarzen fingerlosen Handschuhe), die dann beim folgenden Stomper „Vermillion Allure“ ihren ersten Einsatz fand.

Ihr Counterpart, Johnny Clark, der schon beim aktuellen Album „When Birds Were Snakes“ gefühlt etwas präsenter erscheint, durfte seine knochige Stimme zum ersten Mal am Ende von „Mudslide“ einbringen. Neben Leadgesangseinsätzen bei „Superlovely“, „Make That Double A Double“, „Alaska“ und der Merle Travis Country-Folk-Klassiker-Adaption von 1947 „16 Tons“ (im Wechselgesang mit Dede zum Abschluss des Hauptteils), beschränkte er sich überwiegend auf das Zuspiel mit seinen beiden Les Paul- und Stratocaster-E-Gitarren, wobei sein Faible für Creedence Clearwater Revival-typische Klänge öfter zum Ausdruck kamen. Aber auch das eine oder andere Solo (konventionell oder geslidet) ließ er sich natürlich nicht nehmen. Guter Mann!

Drummer Leon Toonen war die Freude, sein Hand-Fuß-Koordinierungsvermögen am Schlagzeug endlich wieder vor Publikum präsentieren zu können, am deutlichsten anzumerken, sein Gesicht strahlte über den gesamten Verlauf des Gigs, während sich sein immer sehr introvertiert wirkender Rhythmuskollege Ray Oostenrijk, lieber der hochkonzentrierten Tieftönerarbeit widmete.

Am Ende standen zwei tolle Parts (samt kurzer Zwischenpause) mit über 20 Songs zu Buche, wobei sich neben dem oben erwähnten Opener „Texas Hurricane“, noch die beiden balladesken Ohrwürmer „Hyssop Blossoms (I Could Lie But I Won’t)“, „It’s Getting Late“ sowie der Titeltrack ihres ersten Albums „Flowers Under The Bridge“, der gegen Ende in eine wahre Wah-Wah-E-Gitarren-Orgie mündete und dem folkigen „Whisper & Whistle“ (Johnny mit Akustikgitarre und Dede an der Violine nur im Duett als erste von drei Zugaben), als meine persönlichen Favoriten eines hochwertigen Abends herauskristallisierten.

Schade, dass durch die Pandemie-bedingten Vorgaben samt der anfangs erwähnten Gemütlichkeit dem typischen Adler-Hexenkessel, der sich bei solch starken Gigs üblicherweise entwickelt, quasi ein imaginärer Riegel vorgeschoben wurde. Unter normalen Voraussetzungen hätte das texanisch-niederländische Quartett die Vierbaumer Kultstätte sicherlich im Sturm erobert.

So blieb es zunächst bei viel anerkennendem Applaus der zufriedenen Anwesenden und der Hoffnung, dass Dede Priest & Johnny Clark’s Outlaws demnächst mal vor voller Hütte samt brodelnder Atmosphäre, in unbeschwerten Zeiten, ihre Klasse offerieren können. Die Visitenkarte, die von der Band hinterlassen wurde, war jedenfalls auf ganzer Linie überzeugend.

Line-up:
Dede Priest (lead vocals, electric guitar, fiddle, voclas, percussion)
Johnny Clark (electric guitar, acoustic guitar, vocals, lead vocals)
Ray Oostenrijk (bass)
Leon Toonen (drums)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

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