John Hiatt With The Jerry Douglas Band – Leftover Feelings – CD-Review

cover John Hiatt with The Jerry Douglas Band - Leftover Feelings 300

Review: Michael Segets

Als ich las, dass „Leftover Feelings“ von John Hiatt with The Jerry Douglas Band ohne Schlagzeug eingespielt wurde, war mir zum einen klar, keine Rockplatte erwarten zu dürfen, zum anderen stand zu befürchteten, dass Hiatt nun einen Ausflug in Bluegrass-Gefilde unternimmt wie seinerzeit Steve Earle mit der Del McCoury Band. Schon nach dem ersten Reinhören folgte die Entwarnung. John Hiatt legt mit seiner neuen Begleitband ein hörenswertes und abwechslungsreiches Americana-Album vor, bei dem das Fehlen des Schlagzeugs kaum auffällt.

Tatsächlich rockt der Opener „Long Black Electric Cadillac” entgegen den Erwartungen in klassischer Manier und kann als Verneigung vor Elvis Presley gedeutet werden. Ebenfalls traditionell gehalten ist die sanfte Ballade „The Music Is Hot”. Durch Lap Steel und Streicher bekommt sie einen leicht süßlichen Country-Einschlag, den auch „I‘m In Asheville” aufweist. Bei „Mississippi Phone Booth” und „Buddy Boy“ schlägt die Nadel eher in Richtung Blues aus. Mit „All The Lilacs In Ohio” schleicht sich dann doch Bluegrass, die Domäne von Jerry Douglas, auf die Scheibe. Wenn ich mich anfangs despektierlich über diese Musikrichtung geäußert habe, muss ich in diesem Fall das Urteil revidieren. Der flotte Track zählt zu meinen Favoriten auf dem Album und wurde vorab mit Video veröffentlicht. Versteht man Americana als Verschmelzung unterschiedlicher musikalischer Richtungen der Roots-Musik, dann liefert Hiatt dafür ein prototypisches Album, das Blues, Rock und Bluegrass zu einer Einheit verbindet.

Das ruhige, semiakustische „Light Of The Burning Sun” verdeutlicht Hiatts Fähigkeiten als Songwriter, die er seit seinem ersten Album aus dem Jahr 1974 immer wieder unter Beweis stellte. Im Text greift er den Selbstmord seines Bruders auf. Auch sonst sind die Lyrics retroperspektiv angelegt. Ein gewisses Maß an Nostalgie schwingt bei einigen Songs mit, wobei Hiatt überbordende Sentimentalitäten umschifft. Neben weiteren Balladen wie „Sweet Dream“ und „Changes In My Mind”, die die abendliche Atmosphäre südlicher Gefilde einfangen, finden sich durchaus Songs mit einem akzentuierten, groovenden Rhythmus. „Little Goodnight“ und das schnelle „Keen Rambler“ zählen zu dieser Kategorie.

Während Hiatt mit seiner markanten Stimme Akzente setzt, konzentriert sich Douglas, der bislang auf 1.500 Alben – so bei Ray Charles und James Taylor – zu hören ist, auf das Zupfen von Dobro und Lap Steel. Die beiden Nachbarn wohnen außerhalb von Nashville und holten sich Daniel Kimbro (Bass), Mike Seal (Gitarre), Christian Sedelmyer (Geige) und Carmella Ramsey (Background Vocals) mit ins RCA Studio B, um den Longplayer einzuspielen.

Hiatt feiert im nächsten Jahr seinen siebzigsten Geburtstag. Da verwundert es nicht, dass er auf „Leftover Feelings“ selbstreflexive Reminiszenzen versammelt. Insgesamt ist die Scheibe eine runde Sache, die trotz seiner thematischen Rückwärtsgewandtheit Lust auf die zukünftigen Werke von John Hiatt – gerne auch mit Unterstützung von der Jerry Douglas Band – macht.

New West Recordings/PIAS-Rough Trade (2021)
Stil: Americana

Tracks:
01. Long Black Electric Cadillac
02. Mississippi Phone Booth
03. The Music Is Hot
04. All The Lilacs In Ohio
05. I’m In Asheville
06. Light Of The Burning Sun
07. Little Goodnight
08. Buddy Boy
09. Changes In My Mind
10. Keen Rambler
11. Sweet Dream

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New West Records
Oktober Promotion

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