Eilen Jewell – Get Behind The Wheel – CD-Review

Review: Michael Segets

Manchmal läuft es im Leben nicht so rund. Für Eilen Jewell kamen einige private und berufliche Veränderungen zusammen: So trennte sie sich von Ehemann und Band. Kunst kann für die Bewältigung von Krisen ja bekanntlich ein Ventil schaffen und sogar von ihnen profitieren. Im Innencover bedankt sich Jewell bei all denjenigen, die sie in dieser Zeit unterstützten und zum Weitermachen ihrer Musik ermutigten. Sie geht musikalisch gestärkt aus den Erfahrungen hervor. „Get Behind The Wheel“ steuert selbstsicher durch Americana-Gefilde. Dabei bricht Jewell nicht mit der Richtung ihrer früheren Veröffentlichungen, nutzt aber vermehrt expressive Ausdrucksmittel in ihren Songs.

Das Album endet passend zu dem persönlichen Hintergrund seiner Entstehung mit „The Bitter End“. Das Stück zelebriert Traurigkeit pur. Der klagend wimmernden Gitarre räumt Jewell hier viel Raum ein. Gepaart mit dem getragenen Gesang und dem deprimierenden Text entwickelt der Song eine ziemlich dunkle Atmosphäre. Auch der Opener „Alive“ beginnt ähnlich, versprüht dann aber eine trotzige Aufbruchsstimmung, wenn das scheppernde Schlagzeug und schrammelnde Gitarren einsetzen. Die beiden Tracks rahmen den Longplayer. Dazwischen finden sich überwiegend langsame Stücke, bei denen sich Jewell unterschiedlicher Stile bedient.

Mit „Crooked River“ liefert Jewell eine richtig gute Country-Ballade ab. Obwohl Fats Kaplin an der Pedal Steel den Song mit einigem Slide unterlegt, versinkt dieser nicht in Süßlichkeit. Die Instrumentalpassagen, bei denen auch eine Mundharmonika zum Einsatz kommt, sind relativ ausgeprägt, unterbrechen aber nicht den Flow. Die Single „Winnemucca“ ist einen Deut schneller und wird mit mehr Twang versehen. In einzelnen Songs erinnern manche Stellen an die frühe Sarah Shook. „Lethal Love“ könnte sich mit seinem Tejano-Einschlag auch auf einer Scheibe von Patricia Vonne finden.

Jewell legt bei „You Were A Friend Of Mine“ und vor allem bei „Silver Wheels And Wings“ mächtig Soul in ihre Stimme. Das Cover „Breakaway“ kann sogar als reine Soulnummer gelten. Bei ihr schwingt genauso wie bei „Could You Would You“ von Van Morrison etwas Nostalgie mit. Die beiden Interpretationen hören sich wie alte Bekannte an, was durchaus positiv gemeint ist. Am Blues orientiert sich Jewell bei „Outsiders“ und „Come Home Soon“. Auch in diesem Metier bewegt sich die Musikerin souverän. Unterstützt wird sie dabei von Jerry Miller (Gitarre), Matt Murphy (Bass), Jason Beek (Schlagzeug) sowie dem Multiinstrumentalisten Will Kimbrough, der sich unter anderem die Keys mit Steve Fulton teilt.

Im Vergleich zu dem vorangegangenen Longplayer „Gypsy“ (2019) erscheint der aktuelle homogener, obwohl er eine stilistisch breitere Ausrichtung aufweist. Zwar kommt kein Track an den früheren „Working Hard For You Love” heran, dafür gibt es aber auch keine schwachen Titel.

Eilen Jewell zeigt sich auf „Get Behind The Wheel“ einmal mehr als exquisite Songwriterin. Expressive Zwischentöne bereichern die traditionsverbundenen Kompositionen. Bei den mit wenigen Ausnahmen im unteren Tempobereich angesiedelten Tracks bedient sich Jewell verschiedener Genres und arrangiert die Stücke so, dass sie spannend bleiben. Dabei hält sie das Steuer sicher auf Kurs und vermeidet unnötige Umwege.

Signature Sounds Recordings (2023)
Stil: Americana

Tracks:
01. Alive
02. Crooked River
03. Lethal Love
04. Come Home Soon
05. Winnemucca
06. Could You Would You
07. Breakaway
08. You Were A Friend Of Mine
09. Outsiders
10. Silver Wheels And Wings
11. The Bitter End

Eilen Jewell
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Signature Sounds Recordings
Redeye Worldwide

Dave Hause – Drive It Like It’s Stolen – CD-Review

Review: Michael Segets

Dave Hauses musikalische Anfänge in diversen Punkbands liegen nun schon einige Jahre zurück. In seiner Solokarriere, die 2011 mit „Resolutions“ begann, schlägt er gemäßigtere Töne an, wobei seine Songs weiterhin vor Energie strotzen. Stilistisch weisen Hauses Songs eine Nähe zu denen von Brian Fallon auf. Mit dem ehemaligen Frontmann von The Gaslight Anthem war er am Anfang seiner Solounternehmungen auf Tour. Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden ähnlich alten Musiker liegt darin, dass sich die besungenen Themen im Laufe der Zeit änderten. Mit dem Überschreiten der Vierzig und der Familiengründung, gehören die wilden Jahren der Vergangenheit an. In den Texten klingt nun oftmals die neue Rolle als Vater an. So stehen auch auf „Drive It Like It’s Stolen“ die Sorgen um die Kinder und deren Zukunft im Zentrum.

Kontinuität beweist Hause bei der Wahl seiner Mitstreiter. Wie bei „Blood Harmony“ (2021) fungiert Will Hoge als Produzent und auch Hauses Bruder Tim ist erneut mit von der Partie. Auffällig ist, dass den Songs im Schnitt lediglich drei Minuten gegeben wird. Die Kürze der Kompositionen, die noch ein Überbleibsel der Punk-Vergangenheit sein kann, kennzeichnet Hauses Songwriting. Dennoch entbehrt dieses nicht einer gewissen Komplexität. Die beiden Stücke zu Beginn des Albums „Cheap Seats (New Years Day, NYC, 2042)“ und „Pedal Down“ dienen dafür als Beleg. Sie starten langsam, entwickeln dabei Spannung und nehmen schließlich Fahrt auf. Bereits hier zeigt sich, dass Hause weiterhin das Herz eines Rockers hat.

Bei dem folgenden „Damn Personal” steigt Hause mit Tempo ein und behält dies durchgängig bei. Danach liefert er mit „Low“ und dem gradlinigen „Hazard Lights” Heartland Rock der Güteklasse ab. Auch zum Abschluss gibt es noch eine Uptempo-Nummer („The Vulture“), die allerdings relativ abrupt endet. Die Songs sind insgesamt druckvoll, bleiben dabei aber stets melodisch.

Cello- und Streicherklänge begleiten „Chainsaweyes“ und geben dem Stück eine dunkle Atmosphäre. Hause kategorisiert sein Werk als Post-apocalyptic Americana. Die Bezeichnung mag auf manche Balladen, die sich überwiegend in der zweiten Hälfte des Albums finden, durchaus zutreffen. So ist das ruhige „Lashingout“ ebenfalls interessant instrumentalisiert. Gegen Ende sind überraschende Passagen eingebaut, bei denen ein Klavier hervortritt und Bläser im Hintergrund wimmern.

Das Piano bekommt auch auf dem akustisch gehaltenen „Tarnish“ seinen Part. An dem persönlichen Hintergrund zur Entstehungsgeschichte des Songs lässt uns Hause in einem Interview teilhaben. Das vorab ausgekoppelte Stück wirkt wie der etwas langsamere Titeltrack etwas zahmer als der Rest des Longplayers. Die beiden klassisch gehaltenen Americana-Beiträge bilden so einen gelungenen Gegenpol zu den anderen.

Dave Hause verbindet Aggressivität und Sensibilität in seinen Songs wie kaum ein anderer. Ausdrucksstarker Gesang und authentisch wirkende Texte lassen den Funken überspringen. Dabei gelingt ihm auf „Drive It Like It’s Stolen“ die Gradwanderung zwischen dem Festhalten an Konventionen und dem kreativen Ausbrechen aus ihnen.

Blood Harmony Records – Soundly Music/Lime Tree Music (2023)
Stil: Rock, Americana

Tracks:
01. Cheap Seats (New Years Day, NYC, 2042)
02. Pedal Down
03. Damn Personal
04. Low
05. Chainsaweyes
06. Hazard Lights
07. Drive It Like It’s Stolen
08. Lashingout
09. Tarnish
10. The Vulture

Dave Hause
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Soundly Music
Lime Tree Music

Dudley Taft – Guitar Kingdom – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

In einem Interview berichtete der US-Blues Rocker Dudley Taft von seinen musikalischen Highschool-Zeiten, als er mit seinem Freund Trey Anastasio (heute Gitarrist der Gruppe “Pish”) eine Band gründete. Seitdem ist die Gitarre sein Lieblingsinstrument. Nach 35 Jahren im Musikbusiness hat Taft sein neues Album daher “Guitar Kingdom” genannt und verbindet damit mehr als einen musikalischen Lebensinhalt.

Für den Songschreiber, Sänger und Gitarristen aus Cincinnati, Ohio, stand bei den aktuellen Aufnahmen diesmal ein eher traditioneller Hard Rock-Sound im Vordergrund, ein Rock’n’Roll-Gebräu aus Zutaten von Alice Cooper bis ZZ Top. Eine Kombination dieser Klangfarben ist gleich zu Beginn bei “Black And Blues” ein standesgemäßer Auftakt für die Scheibe, die mit dem nachfolgenden Titel “Old School Rocking” einen ebenso eingängigen Riff, wie amüsanten Rückblick auf Tafts Jugendzeit serviert. “Oil And Water” schließt sich danach lautstark-krachend unmissverständlich und nahtlos an, ein Blues Rock-Highlight des Longplayers.

Ein kurzer Wechsel in das Balladen-Tempo mit “Still Burning” reicht für Erinnerungsmomente an intensive Impressionen eines Gary Moore, die durch massive Gitarrenpräsenz beim anschließenden Titel-Track wieder in die Hard Rock- Strukturen Taftscher Gangart zurückgeholt werden. So auch “Get Stoned”: von leichten, akustischen Flamenco-Harmonien eingeleitet, entwickelt sich der Song über eine Heavy-Riff Passage zum meisterhaften Pure Rock Track.

Dudley Taft beschreibt seinen Sound als Rock, der aus dem Blues entstanden ist und über eine Seattle (-Grunge) Erfahrung zum Blues zurückkehrte. Ursprüngliche Einflüsse von Freddie King, Albert Collins, Johnny Winter u. a. bilden das Fundament seines Guitar-Based Songwriting. Unüberhörbar bleibt auch auf “Guitar Kingdom” diese bluesige Grundorientierung, die in den zehn Eigenkompositionen tief verwurzelt reflektiert wird.

Dass in einem solchen Kontext natürlich temporeiche Songs im satten Blues Rock Rhythmus ihr Hit-Potenzial entfalten können, zeigen “Favorite Things” – im Stil eines George Thorogood-Klassikers – und “I Want More” in Form eines kompromisslosen, modern-heavy Guitar-Tracks. Eine Hommage erweist Dudley Taft zum Ausklang seinem Blues-Kollegen Tinsley Ellis mit dem Cover “A Quitter Never Wins”, und schafft mit dem Roots Blues Beispiel einen würdigen Abschluss für das ansonsten rockbetonte neue Studiowerk. Wieder mit allen Texten und Infos gut ausgestattet, ist das Booklet ein weiterer Pluspunkt die CD-Version.

“Guitar Kingdom” ist eine autobiographische Produktion, die den Gitarrenindividualisten Dudley Taft in vorwiegend klassischen Rock-Gefilden präsentiert und dabei seine Liebe zu unverkennbaren Blues-Akzenten dokumentiert. “Guitar Kingdom” ist ein Longplayer, der den Albumtitel durchgängig überzeugend und schwergewichtig auf facettenreiche musikalische “Blues-Rock-Leinwände” projiziert.

Eigenproduktion (2023)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. Black And Blues
02. Old School Rocking
03. Oil And Water
04. Still Burning
05. Guitar Kingdom
06. Get Stoned
07. Favorite Things
08. Darkest Night
09. I Want More (Wild Young Days)
10. The Great Beyond
11. A Quitter Never Wins

Dudley Taft
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m2-music

Josh Ritter – Spectral Lines – CD-Review

Review: Michael Segets

Im Jahr 2019 brachte Josh Ritter mit „Fever Breaks“ ein herausragendes Album heraus, von dem mich einige Stücke längere Zeit begleiteten. Die Ankündigung des Nachfolgers „Spectral Lines“ weckte daher einige Vorfreude. Vielleicht hätte mich Titel und Covergestaltung bereits stutzig machen können. Auf der neuen Scheibe bleiben rootsrockigen Töne aus und weder im Americana noch im Country sind die Songs wirklich zu verorten. Ritter vollzieht einen deutlichen Schnitt und verfolgt einen Sound, der auf verspielte Arrangements setzt. So lässt er beispielsweise Wind-, Vogel- und synthetische Geräusche einfließen. Die enttäuschten Erwartungen, die beim ersten Durchlauf auftraten, führten dazu, dass ich das Album und die Rezension für die nächsten Tage ruhen ließ.

Blendet man den vorangegangene Longplayer aus und betrachtet „Spectral Lines“ für sich, dann lassen sich auch einige positive Feststellungen treffen. Es ist es Konzeptalbum, das in sich geschlossen und stimmig ist. Ritter stellt die Frage nach anderen oder alternativen Welten, seien diese in den Weiten des Weltraums zu suchen oder hier auf Erden. Das Sehen und Aufnehmen von Verbindungen mag so als philosophisch angehauchtes Programm des Werkes gelten. Inspiriert wurde Ritter von seiner verstorbenen Mutter, die mit einem wachen, ästhetischen Blick die Welt wahrnahm und auch nebensächlich erscheinenden Phänomenen oder Gegenständen Bedeutung zuschrieb. Das Werk ist ihr gewidmet.

Den inhaltlichen Anspruch präsentiert Ritter in einem musikalisch schweren Gewand. Der einzige lockerere Song „For Your Soul“ wurde vorab veröffentlicht. Aber auch dieser ist in persönlich schwierigen Zeiten entstanden, wie Ritter berichtet. Anscheinend hat er depressive Phasen durchlebt, die auch in seinen Stücken („Black Crown“) durchscheinen. Ich habe nichts gegen ernste Themen und leide in Songs auch gerne mit, aber den Kompositionen gelingt es nicht, mich auf einer emotionalen Ebene anzusprechen. Die sphärischen Töne und synthetischen Klänge schaffen eine Distanz, die für mich und meine musikalischen Vorlieben nicht überbrückbar ist. Lediglich die letzten beiden Titel „In Fields” und „Someday“ fallen in meinen Toleranzbereich. Bei diesen zeigt sich, dass Ritter immer noch gute Songs schreiben kann.

Auch andere Stücke wie („Horse No Rider“, „Strong Swimmer“) weisen gelungene Ansätze auf, die sich aber unter dem überbordenden Arrangements verlieren. „Whatever Burns Will Burn“ erinnert entfernt an Paul Simon. Im Hintergrund passiert oft viel, zahlreiche Intermezzi unterbrechen die Tracks und verhindern einen Flow. An manchen Stellen gehen die Songs nahtlos ineinander über, sodass die Orientierung schwerfällt, ob eine Passage in einen Titel integriert ist, oder bereits ein neuer begonnen hat. Vielleicht ist das künstlerisch wertvoll, ich höre halt einfachere und klarer strukturierte Musik lieber.

Nach „Fever Breacks“ macht Josh Ritter mit „Spectral Lines“ eine musikalische Kehrtwende. Opulent arrangierte Klangschichten fließen nun in- und auseinander, wobei sich die Atmosphäre letztlich unter den sphärischen Tönen weitgehend auflöst. Wer das vorangegangene Album mochte, sollte das aktuelle zunächst probehören.

Phytheas Recordings-Thirty Tigers/Membran (2023)
Stil: Singer/Songwriter

Tracks:
01. Sawgrass
02. Honey I Do
03. Horse No Rider
04. For Your Soul
05. Black Crown
06. Strong Swimmer
07. Whatever Burns Will Burn
08. Any Way They Come
09. In Fields
10. Someday

Josh Ritter
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Luke Combs – Gettin‘ Old – CD-Review

Es gibt eigentlich nur zwei Künstler, die in Nashville in den letzten Jahren die Country-Alben-Charts nach Belieben beherrschen. Einer davon ist der aus Charlotte, North Carolina stammende Luke Combs, der knapp neun Monate nach „Growin‘ Up“ mit „Gettin‘ Old“ quasi Teil 2 eines ursprünglich zusammen geplanten Doppel-Albums am Start hat.

Combs ist mit all seinen bis vier dato erschienen Werken (das erste „This One’s for You“ stammt aus 2017!) aktuell immer noch unter den Top-15 platziert, das momentane „Gettin‘ Old“ kratzt nach drei Nr.1-Longplayern in Folge mit Platz 2 ganz kräftig an der Pole-Position. Der Bursche trifft einfach den (New) Country-Nerv der Zeit.

Die Erfolgsrezeptur ist dabei seit Beginn eigentlich recht ähnlich. Eine unbändige Kreativität beim Songwriting (er schreibt fast so gut wie alle Lieder mit), die dann halt in immens viele Stücke mit leicht merkbaren und mitsingbaren (Alltags-) Texten mündet. Dazu eine Top-Einspielung und Produktion durch die bekannten Musiker-Größen in diesem Metier, wohlfühlig veredelt mit seiner warm-rauchigen Raspelstimme, die zu den Songs einfach hervorragend passt.

Der Opener „Growin‘ Up And Gettin‘ Old„, (eine melancholische Midtempoballade mit emotionalem Refrain und tollen E-Gitarren) stellt quasi das Verbindungsglied zwischen beiden Werken dar und bildet wie so oft die Richtschnur für die folgenden siebzehn Tracks.

Als nicht ganz so glücklich empfinde ich bisherige Single-Auswahl, auch wenn das Fiddle-dominierte (Paul Franklin) „Love You Anyway“ sicherlich ein schönes Lied ist, gibt es aus meiner Sicht hier mit „See Me Now“, „Take You With Me“ oder „Tattoo On A Sunburn“ deutlich vielversprechendere Tracks. Auch beim zweiten Versuch mit dem Cover von Tracy Chapmans „Megastück „Fast Car“ gelingt Luke zwar eine absolut starke Nummer, die die Ausstrahlung des 80er-Hits der US-Singer/Songwriterin aber dennoch nicht erreichen kann.

Die Southern Rock-Freunde in unserem Magazin werden mit dem coolen swampig-shuffligen „A Song Was Born“ und dem zünftigen, Charlie Daniels-umwehten „Fox In The Henhouse“ (tolle Orgel-/E-Gitarren-Kombination als Solo) belohnt. Ansonsten geben sich in der Regel balladeske Midtempotracks und etwas temporeichere Nummern bis zum abschließenden Piano-untermalten „the Part“, meist im Wechsel, die Klinke in die Hand.

„Gettin‘ Old“ ist alles andere als ein Synonym für Altersmüdigkeit zu sehen, der gerade mal 33-jährige Luke Combs wird  zweifellos auch die nächsten Jahre im New Country-Geschäft ordentlich aufmischen. Er bleibt sich treu: Pures New Country-Vergnügen ohne jeden Anflug von etwaigen Pop-Attitüden. Einen weiteren großen Clou kann er auch bei uns landen: Am 6. Oktober wird er nämlich im Rahmen seiner World Tour 2023 in der Barclays Arena in Hamburg auftreten. Wenn er die voll kriegt, wäre das der Hammer!

River House / Columbia (Sony) (2023)
Stil: New Country

01. Growin‘ Up And Gettin‘ Old
02. Hannah Ford Road
03. Back 40 Back
04. You Found Yours
05. The Beer, The Band, And The Barstool
06. Still
07. See Me Now
08. Joe
09. A Song Was Born
10. My Song Will Never Die
11. Where The Wild Things Are
12. Love You Anyway
13. Take You With Me
14. Fast Car
15. Tattoo On A Sunburn
16. 5 Leaf Clover
17. Fox In The Henhouse
18. The Part

Luke Combs
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Sony Music

Ana Popovic – 21.04.2023, Musiktheater Piano, Dortmund – Konzertbericht

Ana Popovic sorgt mit ihrer Band für ein ausverkauftes Musiktheater Piano in Dortmund. Wie gewohnt starten ihre Begleitmusiker mit „Ana`s Shuffle“ und rollen ihr qasi den roten Teppich aus, auf dem sich Ana Popovic unter dem Applaus zur Band gesellt und von Beginn an ein Konzert startet, das die Fans von Beginn an mitnimmt.

Popovic zeigt sich wie gewohnt spielfreudig und begeistert mit auf den Punkt gespielten Soli, die sie zum Teil auch slidend hinlegt. Stark sind dabei einige „Duelle“ mit den anderen Musikern, wo ein gelungenes Zusammenspiel insbesondere mit Michele Papadia an den Keyboards, Claudio Giovagnoli am Saxophon und Davide Ghidoni an der Trompete, zu vermerken ist.

Cory Burns am Bass und Jerry Kelley an den Drums legen nicht nur eine krachende Rhythmusarbeit hin, sondern haben auch eine besondere Rolle mit starken Backgroundgesang und einigen kurzen Leadvocals, wie z. B. bei „Lasting Kind Of Love“ wo Kelley eine eingeschachtelte Passage vom Michael Jacksons „Thriller“ singt.

So ist es nicht verwunderlich, dass Ana bei der Bandvorstellung darauf hinweist, wie lange die einzelnen Musiker schon mit ihr zusammen arbeiten und dabei auf die starke Bindung zueinander hinweist, was sich im Konzert jederzeit einmal durch die Spielfreude zeigt, aber auch dadurch deutlich wird, dass alle ihre Soloparts haben und sich die Fronterin oft auf der Bühne zurücknimmt und so den anderen diesen Spielraum gewährt.

Auf eine abwechslungsreiche Mischung von Songs, bei denen das aktuelle Album „Power“ im Mittelpunkt steht, setzt Popovic nach lautstarken Zugabeforderungen mit „Rise Up!“ von eben dieser Scheibe und dem jammenden „Tribe/Change The World“, bei dem alle Musiker nochmals Soloparts haben weitere Highlights. Danach beendet das Kollektiv unter Ovationen ein mitreißendes Konzert.

Ausklingen lässt sie den Abend im Vorraum des Konzertsaals am Merchendising-Stand, wo sie sich Fan-nah zeigt und sich Zeit lässt, zahlreiche Autogramm- und Selfiewünsche zu erfüllen.

Line-up:
Ana Popovic (lead vocals, electric guitar)
Cory Burns (bass, vocals)
Jerry Kelley (drums)
Michele Papadia (keys, vocals)
Claudio Giovagnoli (saxophone)
Davide Ghidoni (trumpet)

Text und Bilder: Gernot Mangold

Ana Popovic
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Musiktheater Piano, Lütgendortmund

Steve Leon & The Accusations – Louche – EP-Review

Review: Michael Segets

Der aus Antwerpen stammende Steve Leon tummelte sich in Punk- und Indie-Bands. Durch den pandemiebedingten Einschnitt fand er Zeit, seinem Hang zur Folkmusik nachzugehen. Unterstützt durch seine Frau Mila Francis wurde aus dem zunächst nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Songentwürfen dann ein konkretes Bandprojekt: Steve Leon & The Accusations. Herausgekommen ist schließlich die EP „Louche“ mit fünf Tracks, die in Richtung Indie-Folk gehen.

Neben Francis, die Violine, Mandoline und Gitarre beisteuert, fanden sich Yannick Hermans (Gitarre), Bouke Cools (Pedal Steel, Banjo), Kristof Van de Vliet (Bass) und Tim Marens (Schlagzeug) ein, um die Stücke in Leons Studio analog aufzunehmen. Die Sound wirkt unverstellt und wird von Leons voller Stimme geprägt. Francis bildet mit den hellen Background Vocals einen gelungenen Gegenpart.

Die Band hält ihre Stücke überwiegend im Midtempo. Die Single „Don’t Let Anyone In“ thematisiert die Schwierigkeiten in einer Beziehung, wenn sich ein Partner dem anderen nicht öffnet oder nicht öffnen kann. Lockerer wirkt „The Restless Kind“. Rockige Töne schlagen Steve Leon & The Accusations bei „Too Little Too Late“ an. Die letzten beiden Songs „Winter Garden“ und „All I Can Give“ greifen die getragene Atmosphäre des Openers wieder auf und sind durchaus stimmungsvoll.

Die EP „Louche“ von Steve Leon & The Accusations knüpft musikalisch eher an den Indie-Folk britischer Machart der 1980er an als an den Alternative Country, dem die Band teilweise zugeordnet wird. Nichtdestotrotz ist sie ein weiterer Beweis dafür, dass in Belgien – wie auch in den Niederlanden – zurzeit eine lebendige Szene rund um handgemachte Musik existiert, die ein Reinhören lohnt.

Off Label Records (2023)
Stil: Indie-Folk

Tracks:
01. Don’t Let Anyone In
02. The Restless Kind
03. Too Little Too Late
04. Winter Garden
05. All I Can Give

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Off Label Records
JohThema Promotions

Mike And The Moonpies – 19.04.2023 – Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

Die Texaner Mike And The Moonpies, die dieses Jahr ihr 15-jähriges Bandjubiläum feiern, hab ich bis dato nur mit einem CD-Review ihrer starken „Mockingbird„-Scheibe auf dem Radar gehabt. Das ist schon eine ordentliche Weile her, danach habe ich sie dann zu meiner eigenen Schande tatsächlich bis zu ihrem aktuellen Gig in unserer geliebten Kulturrampe aus den Augen (und den Ohren) verloren.

Das Schöne und Spannende bei solch vermeintlich hier unbekannten Bands bei einem Auftritt mitten in der Woche ist ja immer, was einen an einem solchen Abend von der Zuschauerresonanz, als auch natürlich vom musikalischen Aspekt her beschert wird. Um es vorwegzunehmen, es wurde ein herrlicher Gig in einer überaus gut gefüllten Rampe, in der sich offensichtlich viele Insiderfans des texanischen Quintetts aus Austin eingefunden hatten.

Bandleader Mike Harmeier hätte sich bei einem plötzlichen Stimmausfall jedenfalls keine Sorgen zu machen brauchen, einer der vielen begeisternd mitgehenden Fans direkt am Bühnenrand kannte so gut wie jeden Songtext auswendig und hätte vermutlich sofort das Mikro übernehmen können.

Die flotte Uptemponummer „Paycheck To Paycheck“ eröffnete den bunten Reigen der Songs, die sich von klassischem Country, Outlaw Country, New Country, Red Dirt, bis hin zum Southern Rock erstreckten. Mike (neben dem Gesang mit der Stratocaster im Rhythmusbereich und einigen Twinparts unterwegs) konnte sich dabei blind auf seine ‚Mondkuchen‘-Kumpels (Moon Pie ist übrigens ein Konfekt, das 1917 in Chattanooga erfunden wurde) verlassen.

Zum einen auf den wuchtigen Pedal Steel Player Zach Moulton (mit dem ‚Texas As Fuck‘-Schriftzug auf dem Rücken seines T-Shirts) mit vielen fiependen Einlagen, den quirligen Telecaster-Leadgitarristen Catlin Rutherford mit vielen filigran gespielten E-Soli, sowie die markante Rhythmusfraktion mit dem Angus Young-ähnlich aussehenden Drummer Taylor Englert, der an seinem Arbeitsgerät genau so wirbelte wie sein australisches Pendant und der wild-mähnige Bassist Omar Oyoque, der mit seinem Faible für Türkis-bestückte Ringe an den Fingern, ebenfalls durch seine mitnehmende und fröhliche Ausstrahlung, zu den Aktivposten auf der Bühne zählte.

Und so zogen die fünf Texaner ihr launiges Programm („Rainy Day“ mit ein wenig Marshall Tucker-Flair, der melodische Schwofer „Steak Night At The Prairie Rose“, das southern-rockige „Danger“ und der Red Dirt-Schunkler „You Look Good In Neon“ zählten dabei zu meinen Top-Favoriten) in einem durchgehenden Set bis zum abschließenden „Dance With Barbara“ gnadenlos durch. Fronter Mike Harmeier brauchte aus den genannten Gründen so gut wie gar keine Kommunikation zwischen den Stücken zu betreiben.

Am Ende ließ er sich eine Vorstellung der Band nach der ersten Zugabe „Cheap Silver“ natürlich nicht nehmen, die dann beim Rausschmeißer „We’ve Gone“ beim Outro (ohne Mike) nochmal instrumentell richtig Speed gab.  Insgesamt ein stimmungsvoller Outlaw-Country-Gig mitten in der Woche, bei dem Mike And The Moonpies die Kulturrampe in eine echte Honkytonk-Hölle verwandelten.

Ein toller Abend, den man als Liebhaber solcher Musik nicht so schnell vergisst! Ich denke, auch die schönen und authentischen Bilder des Kollegen Mangold spiegeln die Stimmung und die Dynamik des Konzerts hervorragend wider.

Line-up:
Mike Harmeier – lead vocals, electric guitar
Catlin Rutherford – electric guitar, vocals
Omar Oyoque – bass
Taylor Englert – drums
Zach Moulton – pedal steel, vocals

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

Mike And The Moonpies
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Kuturrampe Krefeld

The Vandoliers – Same – CD-Review

Review: Michael Segets

Bei der Sichtung der Konzertprogramme der einschlägigen Clubs entdeckte ich eine interessante, mir bis dato unbekannte Band: The Vandoliers. Das vierte, selbtbetitelte Album des Sextetts aus Dallas, Texas, erschien im vergangenen Jahr. Die derzeitige Europatour sowie die Qualität des Werks rechtfertigen ein paar verspätete Worte zu dem Longplayer.

The Vandoliers mischen Rock und Country variantenreich und im richtigen Maß. Zudem lassen sie bei einzelnen Songs Punk- und Tejano-Elemente einfließen. „Bless Your Drunken Heart“ ist eine fetzige Cowpunk-Nummer, die Spaß macht. Am anderen Ende der Fahnenstange liegt „Too Drunk To Drink“. Mit Trompete und lateinamerikanischem Rhythmus schrammen The Vandoliers knapp am Schmalz vorbei. Das Stück dürfte wohl eher mit einem Augenzwinkern gespielt sein, zumal wenn man den Text verfolgt.

Mit seiner Trompete kommt Cory Graves nochmal bei „Before The Fall“ zum Einsatz. Die Akzente setzt jedoch meist die Geigenbegleitung von Travis Curry. Bei „Down And Out“ steht sie im Vordergrund. Auch bei „Steer Me Wrong“ nimmt sie einen zentralen Part ein. Auf „Howlin‘Every Saturday Night“ kann man in eine Traditionslinie mit John Mellencamp stellen, der die Folk-Instrumentierung im Rock salonfähig machte. Etwas rauer wirkt das kantige „Better Run“, das sich direkt in die Gehörgänge einbrennt und mein Favorit auf dem Album ist. „I Hope Your Heartache’s A Hit“ findet sicher in jedem Roadhouse oder jeder Dancehall mit dem flotten Bar-Piano seine Anhänger und auch für die Freunde des Country ist mit dem abschließenden „Wise County Friday Night“ gesorgt.

Insgesamt bietet die selbstbetitelte Scheibe der Vandolines eine bunte musikalische Mischung, bei der Frontmann Joshua Flemming mit seiner Truppe nie die Linie verliert. Die in Texas ansässige Band lässt verschiedene Richtungen der Roots Musik in ihre Songs einfließen, sodass ein abwechslungsreicher Longplayer zwischen Alternative Country und Rock herauskommt.

Die seit 2015 existierende Band war schon mit Old 97’s und Lucero auf Tour. Mit dem Material ihres noch aktuellen Albums empfehlen sie sich für einen Konzertbesuch. The Vandoliers sind derzeit auf Europareise, die sie durch die Niederlande, Deutschland, Italien und Spanien führt. Am kommenden Mittwoch, den 26.04.2023, gastieren die Amerikaner dann in der Krefelder Kulturrampe – ein Termin, der vorgemerkt ist.

Eigenproduktion (2022)
Stil: Alternative Country/Roots Rock

Tracks:
01. The Lighthouse
02. Every Saturday Night
03. Howlin’
04. Bless Your Drunken Heart
05. Down And Out
06. Better Run
07. Steer Me Wrong
08. Before The Fall
09. I Hope Your Heartache’s A Hit
10. Too Drunk To Drink
11. Wise County Friday Night

The Vandoliers
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Vanja Sky – 15.04.2023, Yard Club, Köln – Konzertbericht

Vanja Sky schafft es mit Ihrer Band die Zuschauerzahl im Vergleich zum ersten Auftritt 2019 zu verdoppeln und füllt damit den Yard Club knapp zur Hälfte. Wie hier gewohnt, betritt die Band sehr pünktlich gegen 20:00 Uhr die Bühne und nach einer kurzen Begrüßung startet die neu formierte Band mit „Rock´n´Roll Train“ den Konzertabend.

Dabei ist Das Stück gut gewählt, da es fast als Motto des Abends zu sehen ist. Vanja Sky nimmt die Fans mit auf eine Reise von Songs ihrer beiden Alben und einige Klassiker insbesondere der Bluesgeschichte. Mit „Bad Penny“, „I Take What I Want“ und „Shadow Play“ stehen dabei natürlich drei Cover ihres Vorbilds Rory Gallagher im Mittelpunkt, bei denen ihre gereifte Stimme gut zur Geltung kommt. Stark bei diesen Tracks sind  auch die Gitarrensoli von Guenther Haas, der als Studio- und Tourmusiker über Jahrzehnte bei verschiedensten Musikgrößen mitmischt.

Gekonnt waren auch die beiden Coverversionen „To Love Somebody“, bei der sich Sky ins Publikum begab und einige kleine Präsente verteilte und der Ten Years After-Blues „I´d Love To Change The World“.

Neben schon bekannten eigenen Songs wie „Hit Me With The Blues“, „Trouble Maker“ und „Crossroads Of Life“, bei denen Sky schon auf den ersten beiden Werkenn ihr Händchen fürs Songwriting beweisen konnte, präsentiert die junge Kroatin schon einige Sachen, die auf dem nächsten Album, das im Sommer erscheinen wird, veröffentlicht werden.

Herausragend war dabei „Run Away“, ein zunächst ruhig und mit Akustik-Gitarren vorgetragener Song, bei dem Sie später auf die E-Gitarre umstieg und sich mit Haas zum Ende hin in Richtung des Twingitarrensounds a à Wishbone Ash zu begeben.

Mit einer ruhig beginnenden, sich aber schnell in eine krachende Version des Klassikers „Louie Louie“ beendet Vanja Sky das Konzert, bei der es ihr, neben der musikmalischen Leistung der Band, auch durch ihre natürliche erfrischende Art gelungen ist, für eine tolle Stimmung zu sorgen und die Blues Rock-Fans absolut zu überzeugen.

In der Form ist von Vanja Sky noch einiges zu erwarten, die sich mit ihrem neuen Kollektiv auch nach dem Gig am Merchandisingstand sehr publikumsnah gibt und mit dem Auftritt die Latte für das kommende Album hoch aufgelegt hat.

Line-up:
Vanja Sky – lead vocals, guitars
Guenther Haas – guitars, backing vocals
Björn Kröger – bass
Sebastian Harder – drums

Text und Bilder: Gernot Mangold

Vanja Sky
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Ruf Records
Yard Club Köln