UFO – 12./13.07.2022, NRW – Doppelkonzertnachlese

Die „Last Orders“ Tour, die 2019 zum 50. Bandjubiläum gestartet wurde, konnte nach mehreren Verlegungen endlich auch in NRW an den Spielorten Zeche in Bochum und in der Kantine in Köln fortgesetzt werden. Wenn man den Mutmaßungen Glauben schenkt, wurde an den Abenden mit einer Glocke die vermutlich letzte Bestellung von UFO geliefert.

Leider waren an beiden Abenden in den Locations wie sooft in den letzten Monaten wieder größere Lücken im Zuschauerraum zu vermerken. Dass UFO aber immer noch eine treue Fangemeinde hat, konnte man daran erkennen, dass man einige Zuschauer an beiden Tagen anwesend sah.

Im Schatten der Hard Rock-Dinos hatte die griechische Band Cellar Stone die Chance, Werbung in eigener Sache zu machen, was den Fünfen auch mit eingängigen klassischen Songs der Zunft gelang. Interessant war dabei, wie die Band ihren, von den Fans positiv aufgenommen, knapp 40 minütigen Auftritt, abschloss. Nachdem die letzte Note ihres letzten Tracks verklungen war, setzten sie noch einmal mit einem Gitarrenriff des UFO-Klassikers „Rock Bottom“ ein, was zum Abschluss noch einmal für Szenenapplaus sorgte.

Nach einer kurzen Umbaupause war es dann soweit. Auf der spärlich ausgeleuchteten Bühne waren nur einige Spots auf eine Glocke gerichtet, die um 21 Uhr die vermutlich letzten Konzerte einläutete. Zu den Klängen des Alex Harvey-Klassikers „Faith Healer“ betraten UFO dann die Bühne und bedienten die Fans mit knapp über 90 Minuten klassischem Hard Rock.

Im Setup gab es keine großen Überraschungen und die Band verließ sich zum Großteil auf die altbewährten Hits, die aber auch mit einer großen Spielfreude präsentiert wurden. Dabei war der mittlerweile 74-jährige Phil Mogg gesanglich noch auf der Höhe und bewies auch seine Qualitäten als Entertainer zwischen den Songs. Dass bei UFO nicht nur der Fronter im Vordergrund steht, konnte man daran erkennen, dass Mogg sich immer wieder in den hinteren Bereich der Bühne zurückzog und den anderen Musikern das Zentrum überließ.

Vinnie Moore begeisterte mit gewohnt starken Gitarrensoli, aber auch Neil Carter ist ein exzellenter Leadgitarrist, der auch die Keyboards bestens beherrscht. Beim Kölner Konzert spielte er mit einer solchen Energie, dass er sich vermutlich beim Keyboardspiel den Kopf stieß. Den kleinen Cut, den er an der Stirn hatte, wurde gar nicht weiter beachtet.

Erstaunlich oft befand sich Bassist Rob De Luca im Zentrum des Geschehens und steuerte neben einer starken Rhythmusarbeit auch bei einigen Songs den Backgroundgesang bei. Eine Freude war es, den mittlerweile 70-jährigen Andy Parker zu beobachten, wie er seine Drums von sanft streichelnd, bis zu brachial eindreschend bearbeitete. Welche wichtige Rolle er in der Band spielt, konnte auch ganz am Ende des Konzertes gesehen war, wo es ihm vorbehalten war, sich noch einmal von den Fans, mit einem zufriedenen Lächeln zu verabschieden, als der Rest der Band die Bühne bereits verlassen hatte.

Highlights waren das verspielte, zuweilen träumerische „Love To Love“ und das fast epische, leicht psychedelisch und jazzig angehauchte „Rock Bottom“ sowie der Kracher „Doctor Doctor“. UFO waren bei ihrem  vermutlich letzten Mal in der Region in Bestform.

An der Stelle sei aber auch noch einmal die Problematik für Veranstalter, Clubs und Promotionagenturen und Bands erwähnt, die sich nicht in den zum Teil auch preislich abgehobenen Sphären befinden, wo eine Karte der billigsten Kategorie schon mal im dreistelligen Bereich liegt.

Wenn Locations nur zur Hälfte oder sogar weniger frequentiert sind, bedeutet es nicht nur, dass die Einnahmen über die Eintrittspreise wegbrechen, sondern auch im Bereich Catering weitaus geringer ausfallen und am Ende alle Beteiligten finanziell im Regen stehen. Wenn die Rockkultur in ihrer ureigentlichen Form weiterbestehen soll, geht das nur, wenn die kleinen und mittelgroßen Club, die ja auch für die meisten großen Bands einst die Grundlage waren, mit einer soliden Verdienstbasis kalkulieren können.

Dies gelingt aber nur mit Hilfe der Musikfans, die wieder regelmäßig Konzerte besuchen, ansonsten droht, dass in naher Zukunft, der eine oder andere feine Club die Tore schließen muss. Wenn dies dann einmal geschehen ist, ist dies meist unumkehrbar. Deshalb an dieser Stelle die Bitte, doch mal auf den Seiten der lokalen Veranstalter oder Magazine zu schauen, was so in nächster Zeit geboten wird, und wieder den Weg auch zu den kleineren Gigs zu finden. In diesem Sinne „kein Rock`n`Roll ist auch keine Lösung“.

Line-up:
Phil Mogg (lead vocals)
Vinnie Moore (electric and acoustic guitars)
Rob de Luca (bass, vocals)
Andy Parker (drums)
Neil Carter (keys, guitar, vocals)

Line-up:
Aris Pirris – (lead vocals, guitar)
George Maroulees (guitar)
Akis Rooster (bass)
George Karlis (drums)

Text und Bilder: Gernot Mangold

UFO
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Kantine Köln
Zeche Bochum

Whiskey Myers – Tornillo – CD-Review

Ich muss zu meiner eigenen Schande gestehen, dass ich Whiskey Myers bis dato im Southern Rock-Genre nicht so gebührend auf dem Schirm hatte, wie es hätte sein sollte. Klar, wir haben hier über ihre CD „Mud“ berichtet und auch schon ein kurzes Interview gemacht und die meisten ihrer Werke besitze ich auch, aber so ist zum Beispiel ihr letztes Album in 2019, das immerhin Platz1 der Country Billboard Charts und Platz 6 der allgemeinen Charts erreicht hat, ein echter Durchbruch gewesen.

Fairerweise muss ich sagen, dass dieses auf den üblichen Kanälen, soweit ich mich erinnere, hier auch nicht angeboten worden war. Jetzt ist aber ihr neues Werk „Tornillo“ wieder in der Hand von unseren Freunden von Oktober Promotion gelandet und ich bin auch echt froh, dass es so gekommen ist. Eine Wahnsinnsscheibe!

Benannt ist sie nach der Stadt an der Grenze von Texas zu Mexico, die für ihr Auffanglager für minderjährige Mexikaner unrühmliche Schlagzeilen produziert hat. Whiskey Myers hatten den Longplayer, nur wenige Kilometer von  dort entfernt, 21 Tage isoliert im 2.300 Hektar großen Sonic Ranch Studio,  eingespielt.

Das Titelstück und der Opener zugleich, nur mit Trompeten gespielt, erinnert an Beerdigungsbegleitung und erscheint mir als Synonym für die dortigen bedrückenden Verhältnisse, mit kritischem Unterton behaftet zu sein. Apropos Bläser, die haben Whiskey Myers zum ersten Mal deutlich spürbar integriert. Allerdings ohne, dass es auf den Wecker geht, eher um sehr geschickt, ähnlich wie Lynyrd Skynyrd auch zum Teil sporadisch, den treibenden Groove der meisten Songs zu verstärken. Paradebespiel dafür ist das herrlich folgende „John Wayne“.

Gerade Skynyrd-Fans werden bei rassigen Songs wie „Feet’s“ (eine Art Mischung aus „MCA“, „T For Texas“ und „Smokestack Lightnin'“), „Mission To Mars“ (unterstützt vom Backgroundgesang der McCrary Sisters) und dem blues-rockigen „Bad Medicine“ (großartige E-Soli, starke BGVs wieder von den Schwestern) eine Träne im Auge verdrücken und sich fragen, ob ihre alten Helden, sich nochmals für ein letztes Album auf diesem Niveau aufraffen können.

Gegen Ende wird es besonders großartig. Bei „Heavy On Me“ klingt es wie eine Session zwischen den Stones und den Allman Brothers, „Other Side“ wirkt wie eine Southern Rock-Variante von „All Along The Watchtower“ und das schwermütige „Heart Of Stone“ setzt im Stile der ebenfalls für Furore sorgenden Kollegen von The Steel Woods, mit melancholischer Akustikgitarre, Mollpianotönen und grummelnden Streichern, ein weiteres eindrucksvolles Ausrufezeichen zum Abschluss der CD.

Mit „Tornillo“ ist Whiskey Myers ein echter Geniestreich gelungen. Man findet die Scheibe (ohne jeden kleinsten Durchhänger) mit jedem Hördurchgang immer noch ein Stückchen besser. Die Texaner um Sänger Cody Cannon setzen sich damit in diesem Jahr eindeutig an die Spitze des Southern Rock-Genres und sind bei mir persönlich ein ganz heißer Kandidat für das beste Album in 2022. Absoluter Kauftipp!

Label Wiggy Thump Records (2022)) 
Stil: Southern Rock

01. Tornillo
02. John Wayne
03. Antioch
04. Feet’s
05. Whole World Gone Crazy
06. For The Kid
07. The Wolf
08. Mission To Mars
09. Bad Medicine
10. Heavy On Me
11. Other Side
12. Heart Of Stone

Whiskey Myers
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Oktober Promotion

Tedeschi Trucks Band – III., The Fall – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Als Fortsetzung ihrer beiden Longplayer “I., Crescent” und “II., Ascension” veröffentlicht die Tedeschi Trucks Band das Album “III., The Fall”, den 3. Teil ihres monumentalen Studio-Projektes “I Am The Moon”. Den gemeinsamen Rahmen der musikalischen Tetralogie bildet die märchenhafte, orientalische Liebeserzählung Layla & Majnun (12. Jhrd.), deren Einfluss auf die Songs von “The Fall” nicht nur lyrisch zu spüren ist, sondern bei verschiedenen Bandmitgliedern wieder leidenschaftliches Songwriting ausgelöst hat.

Entsprechend wirkt der erste Titel “Somehow” als starker Blues Rock-Song, der das Herzensthema (“written in the heart”) fast dahinschwindend, jedoch gefühlvoll durch Trucks Saitenspiel interpretiert, von Tedeschis souligen Lead-Vocals immer dynamisch begleitet. Bei “None Above” wird dieser warme Sound in Form eines 2-minütigen “Zwischentracks” hautnah an “Yes We Will” (einer Tedeschi Eigenkomposition) weitergegeben: der Gospel-beeinflusste Shuffle brilliert mit Vocal-Parts, die zwischen Aretha Franklin und Janis Joplin Eindrücken angesiedelt sind, sowie einem E-Solo, das den Song als bühnenreifen “Showstopper” abheben läßt.

Die grenzüberschreitende Schaffenskraft der Blues-Rock-Soul und Jam Big-Band findet ihre konzeptionelle Vielseitigkeit und individuelle Klasse ebenfalls in den Kompositionen einzelner Musiker; z.B. im Song von Keyboarder Gabe Dixon, der seine Lead-Vocals auf “Gravity” gegen Little Feat-infusede Guitar und Brass- Rhythmen eindrucksvoll aufbietet. Background-Sänger Mike Mattison (Co-Writer der Piano-getriebenen Melodie von “Emmaline“) vermittelt seine ebenso starken Gesangsparts, ganz ohne Solo-Guitar-Work, in einem 60er Jahre Retro-Track. Eine abschließende Southern-Soul Ballade (“Take Me As I Am”), gesungen im Duett von Susan Tedeschi und Mark Rivers, kennzeichnet das gesamte Bandkollektiv als Gemeinschaft, die das Thema des Longplayers zum Schluß wiederum variiert und musikalisch ausbreitet.

Auch mit der dritten Episode “III., The Fall” erfüllt die Tedeschi Trucks Band die hohen Erwartungen der Fans an das inzwischen bereits hochgelobte 4-teilige Projekt “I Am The Moon” und liefert erneut eine besonders empfehlenswerte Scheibe ab. Die Grammy-prämierte Band wird die gespannt erwartete letzte Album-Folge “IV., Farewell” Ende August in die Läden bringen und Anfang September vier individuelle Vinyl-LPs auflegen.

Fantasy Records (2022)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. Somehow
02. None Above
03. Yes We Will
04. Gravity
05. Emmaline
06. Take Me As I Am

Tedeschi Trucks Band
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Oktober Promotion

Amanda Shires – Take It Like A Man – CD-Review

Review: Michael Segets

Wenn man Amanda Shires lediglich auf ihre Rolle als Ehefrau von Jason Isbell und Mitglied seiner Band The 500 Unit reduziert, dann geschieht ihr sicherlich Unrecht. Als Violinistin, die unter anderem Aufnahmen mit John Prine, Neal Casal, Todd Snider , Justin Townes Earle und Blackberry Smoke vorzuweisen hat, erarbeitete sie sich einen hervorragenden Ruf. Mit The Highwomen, eine Kollaboration zwischen ihr, Brandi Carlile, Natalie Hemby und Maren Morris, startete Shires 2019 ein viel beachtetes Bandprojekt. Die mehrfach ausgezeichnete Texanerin veröffentlicht nun ihr siebtes Soloalbum „Take It Like A Man“.

Die Zwangspause der Pandemie nutzte Sie, um sich auf das Schreiben neuer Songs zu konzentrieren, bei denen sie vor allem ihre familiären Beziehungen bearbeitet. In einem kreativen Schub entstanden innerhalb eines Monats 26 Stücke. Zehn davon schafften es schließlich auf den Longplayer, wobei sie sich für die musikalische Umsetzung hauptsächlich bei Lawrence Rothman Unterstützung holte.

Der Opener „Hawk For The Dove“ stellt zugleich das Highlight des Albums dar. Die erste Single – im Pressetext als Southern Gothic bezeichnet – beeindruckt durch ihre dunkle Atmosphäre und geht direkt in die Gehörgänge. Der düstere Hall von Isbells Gitarre erinnert an Gunner & Smith. Shries glänzt bei einem kurzen, kratzigen Geigensolo. Zudem wirkt ihr Sopran hier eher lasziv als süßlich, wie bei einigen anderen Stücken. Weniger expressiv und deutlich reduzierter, aber gleichfalls stimmungs- und spannungsvoll sind „Don’t Be Alarmed“ und „Fault Lines“.

Shires liefert perfekt produzierte Songs ab, die überwiegen opulent arrangiert sind. Dass Streicher durchgängig präsent sind, versteht sich fast von selbst. Daneben übernimmt manchmal ein Klavier die Führungsrolle („Empty Cup“, „Everything Has Its Time“), mal fallen die Bläser („Stupid Love“) besonders auf. Wie die zweite Single „Take It Like A Man“ bewegen sich die meisten Stücke insbesondere in der ersten Hälfte des Albums im unteren Tempobereich.

Das einzige Stück mit einem Upbeat ist das lockere „Here He Comes“. Der Titel wurde als letzter aufgenommen, wurde aber in der Mitte des Albums geschickt platziert. In der zweiten Hälfte des Longplayer zieht Shires das Tempo gemäßigt an und gibt ihren Kompositionen „Bad Behavior“ und „Lonely At Night“ leicht jazzige Züge mit. Die Klangfarbe ihrer Stimme würde man wahrscheinlich eher im Country verorten, aber Shires setzt ihre Stimme durchaus variabel ein und steht gesanglich bei sämtlichen Songs ihren Mann.

In den dunklen Momenten fesselt Amanda Shires Album „Take It Like A Man“. Vor allem mit dem expressiven „Hawk For The Dove“ setzt sie ein Ausrufezeichen als Songwriterin und Musikerin. Darüber hinaus finden sich auf dem Album gelungene Balladen, sauber arrangiert mit vollem Begleitprogramm durch Streicher, Bläser und Keys. Diese werden bei einem eher auf Harmonien bedachtem Publikum in Nashville und Umgebung sicherlich Anklang finden.

ATO Records/PIAS-Rough Trade (2022)
Stil: Americana

Tracks:
01. Hawk For The Dove
02. Take It Like A Man
03. Empty Cup
04. Don’t Be Alarmed
05. Fault Lines
06. Here He Comes
07. Bad Behavior
08. Stupid Love
09. Lonely At Night
10. Everything Has Its Time

Amanda Shires
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Pias/Rough Trade
Oktober Promotion

Lola Kirke – Lady For Sale – CD-Review

Just in dem Moment, wo sich die üblichen gesellschaftlichen Teile unseres Landes, mal wieder über ein harmloses Ballermann-Feier-Liedchen namens „Layla“ echauffieren (was am Ende nur wieder dazu führt, dass sich die Komponisten, dank der medialen Aufmerksamkeit, maximal ins Fäustchen lachen), hat auch Sounds Of South seinen ersten Riesenskandal!

Das ‚Corpus Delicti‘ heißt diesmal Lola, beziehungsweise Lola Kirke (der Name klingt ja schon fast Pornostarmäßig), in Wirklichkeit ist sie aber die Tochter von Bad Company-Drummer Simon Kirke), die auf dem Cover ihres Albums, um das es geht, mit sehr luftigem Oberteil, an das Dollarzeichen geheftet sind, ziemlich freizügig posiert, und das provokanter Weise auch noch mit „Lady For Sale“ betituliert ist. Und es kommt noch schlimmer, im Innenteil präsentiert die langmähnige Protagonistin ihre Rückansicht nur mit ein paar Cowboystiefel an den überkreuzten Beinen bekleidet, ansonsten aber so, wie sie von ihren Erzeugern erschaffen wurde. Ich bin total erschüttert!

Wenn es sich bei Lola Kirke nicht um eine britische Amerikanerin handeln würde, hätte ich jetzt spontan die Tagesthemen, das heute-journal, Anne Will, Maischberger, und wie sie alle heißen, gebeten, sofort zu übernehmen. Darf man solch ein offensichtlich sexistisches Werk in diesem Magazin überhaupt besprechen, bzw. promoten?

Ich meine ja, zumal man merkt, wenn man sich mit den Texten der Lieder etwas intensiver befasst (alle im Einsteckbooklet der CD enthalten), dass es sich bei diesem Werk nicht um niedere Motive handelt, sondern eher um Provokation als Mittel zum aufrichtigen Diskurs.

Über die von Lola Kirke überwiegend mit Austin Jenkins (der hat auch die Instrumente eingespielt und produziert) kreierten Songs ist musikalisch schnell geschrieben. Im Prinzip ist das eingängiger Pop im Stile der Achtziger/Neunziger Jahre (sie hat dafür die typische Stimme), zum Teil in Discofox-Manier tanzbar (u. a. „If I Win“, „Lady For Sale“), mit polternden Drums und gluckernden Synthies, aber auch mit Bariton-E-Gitarren-Hooks, Dobro  und leiernden Steelgitarren und sogar einmal mit etwas unterschwelligem TexMex-Flair („The Crime“). Das gibt dem Gesamtkontext eine dezente ironische Note.

Im Prinzip kommt die gesamte Scheibe so, als wenn sich die Sternchen der damaligen Zeit wie Cyndie Lauper, Pat Benatar oder Madonna, aus einer Sektlaune heraus, mal  eine Countrypopplatte gewagt hätten. Als Blaupause dafür steht für mich der Song „Better Than Any Drug“ den man sich unter dem verlinkten Video anhören, bzw. ansehen kann. Wenn man einen gewissen Humor und eine Portion Gelassenheit sein Eigen nennen kann, wird man dieser fast skurril anmutenden CD am Ende auf jeden Fall etwas abgewinnen. Lola Kirke – ein echtes Countrypop-Luder oder tatsächlich doch eine ernsthafte Frauenaktivistin?

Label: Third Man Records
Stil: (Country) Pop

Tracklist:
01. Broken Families
02. If I Win
03. Better Than Any Drug
04. Lady For Sale
05. Pink Sky
06. Stay Drunk
07. The Crime
08. Fall In Love Again
09. No Secrets
10. By Your Side

Lola Kirke
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V2 Records

Dennis Johnson – Revelation – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Nach „Slide Avenue“, „Slide Show“ und „Rhythmland“ bringt der autodidaktische Gitarrist Dennis Johnson dieser Tage wieder ein musikalisch fettes Album mit zehn Klassesongs heraus, die seinen Ruf als Weltklasse-Slide-Gitarrist eindringlich untermauern. Unterstützt wird er dabei u. a. von dem bekannten Jazz- und Rock-Schlagzeuger Anton Fig (Joe Bonamassa) und dem unglaublich guten Pianisten Bob Fridzema (Walter Trout, Joanna Shaw Taylor, Robert Jon & The Wreck). Außerdem ist noch der Bassist Jonathan Stoyanoff (u. a. Robert Cray, B.B. King, Marceo Parker) mit von der Partie.

Herausgekommen ist eine großartige Scheibe mit lauter Blues-Rockern und Roots-Rhythmen, beides oft angereicht Gospel- und Countryelementen. Alles natürlich mit Slidegiuitar-Klängen ohne Ende.

Das Album startet mit einer sehr hörenswerten Coverversion des Freddie King-Blues-Klassikers „Going Down“, von dem es auch wohlbekannte Interpretationen von Joe Bonamassa und Jeff Beck gibt, gefolgt von dem furios treibenden Slidestück „Talk To You“. Mit „Revelation“ schließt sich ein Americana beeinflusster Slow-Blues als Instrumentalstück an und Gospeleinflüsse wiederum finden sich nach einem kurzen Countryintro in dem lebensfrohen „Salvation Bound“, sowie in der äußerst schwungvollen Nummer „Two Lights“. Auch „Please Don‘t Go“ wartet mit leichter Countrystimmung auf.

Bei den übrigen Stücken „32-20 Blues“, „Don‘t Owe You A Thing“ und „Ramblin“ handelt es sich um zum Abtanzen einladende, flotte Shuffle. Wobei letztgenannter Song durch seine markante Hookline durchaus Ohrwurmqualitäten besitzt.

„Revelation“ ist insgesamt ein durchweg gute Laune verbreitendes Album, das so richtig gut zum derzeitigen Sommerwetter passt. Es hat tolle Grooves, wunderbare Slidegitarrenklänge und ist wohl arrangiert. Ein tipptopp Album also, das in keiner gut sortierten Plattensammlung fehlen sollte.

Label: Booda Lee Records
Stil: Blues

Tracks:
01. Going Down
02. Talk To You
03. Revelation
04. Salvation Bound
05. 32-20 Blues
06. Please Don‘t Go
07. Lonesome Valley
08. Ramblin
09. Two Lights
10. Don‘t Owe You A Thing

Dennis Johnson
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The Local Honeys – The Local Honeys – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Neben bekannten Namen, wie u.a. Ricky Skaggs und Loretta Lynn, hat der Radio-Sender WSKV-FM aus Stanton, Kentucky, in seiner aktuellen Liste überregional erfolgreicher, einheimischer Musiker inzwischen auch “The Local Honeys” aufgenommen. Montana Hobbs (Vocals, Banjo) und Linda Jean Stickley (Vocals, Guitar) konnten bereits mit den Alben “Little Girls Acting Little Men” (2017) und “The Gospel” (2020) auf sich aufmerksam machen. Auch mit ihrem selbstbetitelten neuen Longplayer “The Local Honeys” und professioneller Unterstützung von Produzent Jesse Wells sowie Tyler Childers Begleitband, “The Food Stamps “, ist ein selbstbewusstes Werk entstanden.

Neun Eigenkompositionen und als erstes Stück das Jean Ritchie-Cover “The L&N Don’t Stop Here Anymore”, eine Ballade über das Zechensterben in der Gegend – bekannt durch Johnny Cashs Version – bilden einen bemerkenswerten Querschnitt von Bluegrass, Folk, Roots, Newgrass und Country. Mit “Last Mule In The Holler” folgt der nächste Song ebenfalls dem typischen Storytelling-Schema und wird in hervorragender Geschichten-erzählender Stilrichtung noch von “Dead Horses” und der modernen Murder-Ballade “The Ballad Of Frank & Billy Buck” – die jeweils als Anspieltipp zu empfehlen sind – übertroffen.

Die akustische Produktion legt großen Wert auf die klaren Stimmen der beiden Sängerinnen und auf dominierende Banjo und Fiddle Begleitung, die in der ländlichen Heimat der “Local Honeys” traditionell das wahre Country-Lebensgefühl reflektieren. True-old time Country-Music mit zeitgenössischen Lyric-Perspektiven kommen bei “Dear Woodrow” (einem Country-Swing) und dem Rockabilly Titel “If I Could Quit” voll zur Geltung.

Einfach schöne, hörenswerte Stücke, deren Melodien im Ohr bleiben und gelegentlich an die musikalische Verwandtschaft irischer Folk-Vorfahren erinnern, können außerdem bei der herrlichen Lebensmotto-Geschichte “Better Than I Deserve” und dem abschließenden Song “Throw Me In The Thicker (When I Die) “ – auch wiederholt mit wachsender Begeisterung – als gute Unterhaltung empfunden werden.

Montana Hobbs und Linda Jean Stickley haben ihr bodenständiges Songwriting, wie sie es nennen, “in an Album about finding themselves” eingebracht, stolz auf ihre Herkunft und liebevoll im Detail. Wer traditionsreiche Country, Folk und Bluegrass-Melodien mit emotionalen Texten mag, sowie harmonische Gesangsstimmen mit US-Mountain-Music verbindet, wird bei dem Album “The Local Honeys” voll auf seine Kosten kommen.

La Honda Records (2022)
Stil: Country

Tracks:
01. The L&N Don’t Stop Here Anymore
02. Last Mule in the Holler
03. Dead Horses
04. Dear Woodrow
05. The Ballad of Frank & Billy Buck
06. Toadstool
07. Better Than I Deserve
08. Dumbass, Nebraska
09. If I Could Quit
10. Throw Me in the Ticket (When I Die)

The Local Honeys
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Oktober Promotion

Carrie Underwood – Denim & Rhinestones -CD-Review

Es gibt Personen in der Geschichte der weiblichen Evolution, mit denen diese es echt gut gemeint hat. Carrie Underwood ist zweifellos eine von ihnen: Blendendes Aussehen mit langer blonder Mähne, eine tolle Charakterstimme, überaus großes musikalisches Talent und dazu noch das Selbstbewusstsein und die Intelligenz, daraus Kapital zu schlagen. Stehvermögen und etwas Glück kommen sicherlich auch noch dazu.

Das aus Oklahoma stammende Mädel nahm 2005 bei American Idol teil, siegte und mauserte sich bis heute mit neun Alben, so kann man es fast sagen (vielleicht abgesehen noch von Kelly Clarkson), zum einzig verbliebenen Superstar des Kontests.

„Denim & Rhinestones“ ist nun der aktuelle Silberling. Wie nicht anders zu erwarten, heißt es in einem solchen Stadium, den Status-Quo in der Riege der großen Künstler des Business zu wahren. Trotzdem leicht gemacht, wie viele Ihrer Kollegen auf ihrem Niveau, hat es sich Carrie nicht.  Statt sich die passenden Songs bei den Hitschreibern der Szene auszusuchen, hat sie bei elf der insgesamt zwölf Stücke selbst Hand angelegt.

Und da gibt es dann natürlich das typische Konglomerat an Stücken, um den größtmöglichen Interessentenkreis anzusprechen. Der Start mit den beiden knackigen New Countrytracks „Denim & Rhinestones“ und „Velvet Heartbreak“ (mit dezentem Heartland-Flair) ist richtig stark (damit könnte auch die ab Mitte Oktober geplante Tour mit Jimmie Allen als Support, perfekt eröffnet werden). Single ist dann allerdings das poppige, mit einem effektvollem Video in Szene gesetzte  „Ghost Story„. Im Pop-/R&B-Bereich gefallen dann auch  das mit 90er-Synthies umwehte „Faster“ und das soulige „Wanted Woman“.

„Hate My Heart“, „Burn“, Crazy Angels“, „Pink Champagne“ und „Poor Everybody Else“,  entpuppen sich allesamt als moderne kraftvolle Countryrocker mit etwas Southern- oder reinem Rock-Flair bei den E-Gitarren. Wunderbar ist dann das vom umtriebigen Nashville-Studiomusiker Ilya Toshinsky mit einer Mandoline verzierte „She Don’t Know“, das dem Song einen Touch seiner alten Band Bering Strait vermittelt. Am Ende lässt es Carrie dann bei „Garden“ mit schönen Dobro-Fills von Bryan Sutton melancholisch ruhig ausklingen.

Insgesamt ist das von Carrie mit David Gracia zusammen produzierte Werk aber wieder ein eindrucksvolles ‚Dokument‘ der Stärke. Dass Carrie Underwood für ihren Beruf brennt wie kaum eine andere, erkennt man nicht nur am enthaltenen Powersong „Burn“ (mit starker Vocal-Performance). Vielleicht ist dieser Umstand auch ein weiterer Grund für diese atemberaubende und kontinuierliche Entwicklung…

 

Capitol Records Nashville (2022)
Stil: New Country (Pop)

01. Denim & Rhinestones
02. Velvet Heartbreak
03. Ghost Story
04. Hate My Heart
05. Burn
06. Crazy Angels
07. Faster
08. Pink Champagne
09. Wanted Woman
10. Poor Everybody Else
11. She Don’t Know
12. Garden

Carrie Underwood
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Universal Music Deutschland

Robert Jon & The Wreck – Wreckage Vol. 2 – CD-Review

Review: Michael Segets

Robert Jon & The Wreck touren regelmäßig durch Europa und haben stets neues Material im Gepäck. Wenn sie kein aktuelles Album am Start haben, dann gibt es halt eine Kompilation von Sidetracks. Für die Songperlen, die nicht den Weg auf einen regulären Longplayer gefunden haben, riefen sie 2017 die „Wreckage“-Reihe ins Leben. Dieses Jahr lag die Fortsetzung „Wreckage Vol. 2“ am Merchandise-Stand.

Die zehn Songs stammen von vier Studiosessions in Kalifornien, Tennessee und New York. Während die ersten beiden Tracks nachträglich mit zusätzlichen Background-Vocals versehen wurden, spielte die Band die anderen Aufnahmen direkt live ein. Die Scheibe klingt daher streckenweise etwas rauher als die letzten. Robert Jon & The Wreck vergrößerten in den zurückliegenden Jahren ihre musikalische Bandbreite und entfernten sich stückchenweise von dem erdig-rockenden Sound, der „Glory Bound“ (2015) prägte. Dadurch erschloss sich die Band neue Hörerschichten, was sich auch bei dem gemischten Publikum der Konzerte zeigt.

„Wreckage Vol. 2“ spiegelt die Facetten der Truppe wider und bedient so die Fans jedweder Glaubensrichtung. Für die Rocker sind die straighten „She’s A Fighter“, „Waiting For Your Man“, das auch in der Kulturrampe performt wurde, und „On The Run“ die herausragenden Stücke. Bei „On The Run“ ist der Titel Programm. Herrlich ist hier das fingerfertige Klimpern von Steve Maggiora. Wer eher die soulige Seite von Robert Jon mag, der wird mit „Rescue Train“ und dem leichten „The Weight“ glücklich. Die Instrumental-Fetischisten kommen mit den beiden rund zehnminütigen Beiträgen „Cannonball“ und „Witchcraft“ auf ihre Kosten.

Auf dem Longplayer finden sich darüber hinaus mit „Old Hotel Room“ und „Dark Roses“ zwei langsamere Southern-Tracks. Beide sind stimmungsvoll und entwickeln dennoch dynamische Spannungskurven, wobei „Dark Roses“ noch mehr Energie versprüht. Bei dem vielleicht stärksten Stück des Longplayers legt Robert Jon Burrison viel Gefühl in seinen Gesang. Andrew Espantman bearbeitet kräftig Felle und Becken und gibt zusammen mit dem Bassisten Warren Murrel den Rhythmus vor. Henry James Schneekluth und Steve Maggiora sorgen dann an Gitarre beziehungsweise Keys für die melodischen Feinheiten. Schließlich geben Robert Jon & The Wreck „Something To Remember Me By“ eine funkige Ausrichtung, die ich so noch nicht bei ihnen gehört habe.

Nach dem Ende der Europatour lässt sich mit „Wreckage Vol. 2“ die Wartezeit auf das nächste Album von Robert Jon & The Wreck gut überbrücken. Die Zusammenstellung von Sidetracks bietet eine bunte Mischung aus gradlinigen Rockstücken, spannungsvolle Balladen bis hin zu verspielten Instrumentalepen. Hinzu treten etwas Soul und Funk. So dürfte für jeden Fan der Band etwas dabei sein, was den Kauf lohnt.

Eigenproduktion (2022)
Stil: Southern Rock and more

Tracks:
01. She’s A Fighter
02. Waiting For Your Man
03. Rescue Train
04. The Weight
05. Old Hotel Room
06. Dark Roses
07. On The Run
08. Cannonball
09. Something To Remember Me By
10. Witchcraft

Robert Jon And The Wreck
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Kulturrampe

StratCat Willie & The Strays – On A Hot Tin Roof – CD-Review

Review: Jörg Schneider

StratCat Willie Hayes hat in seiner mehr als einem halben Jahrhundert andauernden und u. a. von B. B. King, T-Bone Walker und Johnny Winter beeinflussten Blueserkarriere mit zahlreichen Größen des Bluesbiz, vornehmlich in den Staaten, gemeinsam auf der Bühne gestanden. In 2020 nahm er sein erstes Album „On The Prowl“ auf, eingespielt mit seiner Band The Strays. Und nun, zwei Jahre später, folgt sein zweiter Longplayer „On A Hot Tin Roof“, ebenfalls aufgenommen mit den Strays.

Allein das Betrachten des witzig gestalteten Covers bringt schon jede Menge Vorfreude und macht äußerst neugierig auf die Tunes des Albums. Irgendwie kommen einem da sofort die Straycats in den Sinn, mit denen die Mucke stilistisch sogar einige Gemeinsamkeiten hat. Die zwölf flotten Lieder der CD sind allesamt Eigenkompositionen und absolut vielfältig. Sie pendeln zwischen Rockabilly und Blues und bringen viel Spaß.

Der fröhlich swingende Opener „Have A Blues Party“, sozusagen ein „After-Pandemie-Song“ mit Gebläseunterstutzung, macht richtig gute Laune und animiert zum Tanzen, ein echter Partykracher. Nicht minder schmissig kommt der fetzige Titelsong „Hot Tin Roof“ daher, eine Mischung aus Rockabilly und Blues.

Bluesrockig mit viel Brass wird‘s dann mit der Aufforderung zum Tanz „Let‘s Dance“ und auch die wilde Rockabilly-Nummer „Way Too Fast“ juckt kräftig in Beinen und Füßen. „Redneck Woman“ und „In The End“ sind mit ihren jaulenden Gitarrenriffs wiederum mehr durch Blueselemente geprägt. Ausruhen kann sich der geneigte Zuhören schließlich mit den nachfolgenden Stücken „Guilty“ und „Cryin‘“, letzterer ein Slowblues im Stil von Gary Moore.

Mit „My One True Love“ und „Together“ geht es dann wieder rockabillymässig zurück auf die Tanzfläche, wobei das sich anschließende Instrumentalstück „Mezcal“ frappierend an den Texmexrocker „Tequila“ erinnert. Mit dem Fetzer „Runnin‘ With The Strays“ geht die Scheibe dann nach zwölf überaus lebenslustigen Tracks viel zu früh zu Ende.

„On A Hot Tin Roof“ ist definitiv nichts für Tanzmuffel, alle Anderen werden an der Scheibe ihre helle Freude haben. Sie bietet flotte, optimistische Mucke und gute Laune im Überfluss. Für mich ist sie eine der besten Scheiben, die ich dieses Jahr besprechen konnte, glatte fünf ***** für dieses Teil! Kaufen könnt ihr sie übrigens seit Mitte Juni.

Label: Independent
Stil: Blues, Rockabilly

Tracks:
01. Have A Blues Party
02. Hot Tin Roof
03. Let‘s Dance
04. Way Too Fast
05. Redneck Woman
06. In The End
07. Guilty
08. Cryin‘
09. My One True Love
10. Together
11. Mezcal
12. Runnin‘ With The Strays

StratCat Willie
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