Shovelin Stone – Summer Honey – CD-Review

Review: Michael Segets

2019 debütierten die beiden Freunde Makenzie Willox und Zak Thrall als Indie-Folk-Duo Shovelin Stone. Mittlerweile ist Shovelin Stone zum Quartett angewachsen. Russick Smith am Bass und Brett Throgmorton am Schlagzeug erweitern als Rhythmusfraktion den Sound, der durch akustische Gitarre und Banjo geprägt ist. „Summer Honey“ stellt ein mehrschichtiges Americana-Album dar, das seine Wurzeln im Bluegrass-orientierten Folk nicht verleugnet. Die Band aus Colorado hat die Tracks in West Virginia mit dem Produzenten Chance McCoy (Old Crow Medicine Show) aufgenommen, der für einen unmittelbaren und erdigen Klang gesorgt hat.

Der Titelsong „Summer Honey“, zugleich Single und Opener des Albums, besticht durch die starke Rhythmusarbeit, das feine Banjo von Thrall und den coolen Gesang von Willox. Sommerlich-luftig schließt sich „Won’t You Tell Me“ an, der im positiven Sinne unaufgeregt daherkommt. Im Gegensatz zur musikalischen Gestaltung steht der Inhalt, der sich um eine Beziehungskrise dreht.

Den Texten kann eine poetische Qualität nicht abgesprochen werden. Sie sind meist ernsthaft und wirken aufrichtig, wie es sich für Songwriter gehört. Ein atmosphärisch dichter Song ist „Ain’t No Shooting Star“, der die Reue über begangene Taten thematisiert. Inhaltlich in eine ähnliche Richtung bewegt sich „Here’s To Jesus“, bei dem sich das lyrische Ich eingesteht, dass ihm die Größe zur Verzeihung oder Vergebung von erlittenen Schandtaten fehlt. Ausgefeiltes Storytelling bietet „Wash Over You“, das auch musikalisch eine runde Nummer geworden ist.

Ein weiteres Highlight stellt „Note To Self“ dar: Ein toller Track mit kraftvollem Refrain, der Anleihen beim Irish-Folk aufweist. Willox bläst hier in die Mundharmonika, wodurch der Sound der Band nochmal eine neue Facette erhält. Mit dem Banjo-Picking drückt Thrall den meisten Songs seinen Stempel auf. Bei dem lockeren „No Good At Waiting“ wird es durch die Mandoline von Smith ergänzt. Hier scheint die Nähe zum Bluegrass ebenso durch wie bei dem leicht countryfizierten „Drunk When I Get There“. Das Stück könnte von The Dead South stammen. Eine Parallele der Bands besteht auch im Einsatz des Cellos. Multiinstrumentalist Smith untermalt mit ihm das stimmungsvolle „Love Me Too“ und gibt dem Abschlussstück „Black + White“ eine zusätzliche dramatische Note.

Da das Debüt von Shovelin Stone hierzulande wohl kaum wahrgenommen wurde, kann die Band mit ihrem Nachfolgealbum „Summer Honey“ als die bislang interessanteste Neuentdeckung des Jahres gefeiert werden. Das Quartett glänzt mit einer Reihe hervorragender Americana-Songs, bei denen das Banjo zwar stets präsent ist, der Soundvielfalt aber nicht im Wege steht. Es bleibt also zu hoffen, dass man von der jungen Band bald mehr hört – gerne auch live.

Eigenproduktion (2022)
Stil: Americana/

Tracks:
01. Summer Honey
02. Won’t You Tell Me
03. Ain’t No Shooting Star
04. Note To Self
05. Drunk When I Get There
06. WingSong
07. Love Me Too
08. Here’s to Jesus
09. Wash Over You
10. No Good At Waiting
11. Black + White

Shovelin Stone
Shovelin Stone bei Facebook
JohThema Promotions

Walter Trout – Ride – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Walter Trout, der inzwischen samt Familie seinen Wohnsitz vom sonnigen Kalifornien ins sandige Dänemark verlegt hat, bringt Mitte August sein mittlerweile 30. Soloalbum (!) heraus. Es erscheint bei Provogue Records, nachdem er dort seinen Vertrag verlängert hatte. Den Plattenvertrag dazu bekam der US-Blues-Rock-Gitarrist von seiner Frau und Managerin Marie anlässlich seines 70‘sten Geburtstages geschenkt.

Das Album heißt „Ride“ und ist eine musikalische und auch emotionale Zusammenfassung seines bisherigen, mitunter turbulenten Lebens, nach eigenem Bekunden eine Art von Vergangenheitsbewältigung. Wie viele andere Musiker auch, nutzte Trout die coronabedingte Zwangspause, um neues Material zu sammeln und legte damit den Grundstein für „Ride“, nachdem er zuletzt für sein Vorgängeralbum „Ordinary Madness“ 2020 auf der Bühne gestanden hatte.

Eingespielt wurde das Album in den kalifornischen Kingsize Studios, in denen Trout bereits mehrere Alben aufgenommen hatte. Begleitet wird Trout von seinem langjährigen Schlagzeuger Michael Leasure, dem Keyboarder Teddy „Zig Zag“ Andreadis und dem neuen Bassisten Jamie Hunting, sowie seinem Tourmanager Anthony Grisham, der allerdings nur auf Leave It All Behind“ zu hören ist.

Gleich zu Beginn pustet Trout mit dem gewaltigen Sound von „Ghosts“ die Boxen der HiFi-Anlage frei und stimmt die Zuhörer auf die kommenden 60 Minuten ein. Mit tosenden Gitarrenriffs erzählt er von Erinnerungen und Geistern, die ihn verfolgen, während der Titelsong „Ride“ im stampfenden Rhythmus eines Güterzuges ein Gefühl des amerikanischen Traumes der Freiheit erzeugt, so wie Trout es als kleiner Junge in seinem Elternhaus durch die vorbei rasenden Züge empfand.

Ganz anders hingegen das emotionale, melodiöse „Follow You Back Home“, in dem Trout die schwere Zeit einer zeitweiligen Trennung von seiner Frau verarbeitet. Das Besondere an diesem Song ist, dass er hier zum allerersten Mal überhaupt eine Streichergruppe zur Untermalung einsetzt.

Angesichts 400.000 Covid-Toter in den USA groovt „So Many Sad Goodbyes“ leicht düster vor sich hin und in dem wunderschön-traurigen Slowblues „Waiting For The Dawn“ mit teils sphärischen kristallklaren Gitarrenklängen kann Trout mit schwerem Herzen kaum die Morgendämmerung erwarten. Danach geht er im verzweifelt klingenden „Better Days Ahead“ mit harten Riffs der Frage nach dem Sinn des Lebens auf den Grund und in „High Is Low“ krächzt sich der Kalifornier, unterstützt von einer rauen Bluesharp, die Stimme aus dem Leib. Die Lyrics zu diesem Song hat übrigens Walters Ehefrau Marie beigesteuert.

Gemessen an Trouts bekanntem Gitarrenstil nimmt das leichtfüßige „Fertile Soil“ dann schon fast eine Sonderstellung ein. Es kommt ungemein countrymäßig mit Americana-Elementen daher und erinnert an den fruchtbaren Boden seiner Jugendzeit, als er in einer Schülerband mitspielte.

Das folgende Stück „I Worry Too Much“ wartet dann wieder mit einem typischen Trout-Sound mit treibenden Gitarrenriffs auf, während „Leave It All Behind“ eine flotte Rock‘n‘Roll-Tanz-Nummer mit Bläserunterstützung im Stile von Chuck Berry ist, auf der Anthony Grisham die Rhythmusgitarre spielt, da Trout wegen seines gebrochenen kleinen Fingers, nicht den richtigen Chuck Berry-Klang hinbekommen kann.

Ruhiger geht‘s dann mit dem etwas elegischen „Hey Mama“ weiter. Hier verarbeitet er sein nicht ganz ungetrübtes Verhältnis zu seiner Mutter, die ihn nicht hinreichend vor seinem Stiefvater schützen konnte. Allerdings ist Walter Trouts Gedankenwelt nicht nur negativ eingestellt. Es gab auch gute Momente in seinem Leben, z. B. als er seine Frau Marie auf einem Bluesfestival kennenlernte. Davon erzählt schließlich der wunderschöne Hendrix-artige Blues „Destiny“.

Mit „Ride“ ist Walter Trout nach seinem 2015‘er Album „Battle Scars“ sicherlich sein persönlichstes Werk geglückt. Es ist äußerst dynamisch und abwechslungsreich und bietet mit neuen Facetten seiner Musikalität absoluten Hörgenuss. Man spürt seine ungebrochene Spielfreude und den Willen, das Leben zu genießen. Für seine Fans ist die Scheibe, nicht zuletzt auch wegen der sehr persönliche Texte, daher ein unbedingtes ‚Must Have‘. Ich jedenfalls habe die Scheibe in Dauerschleife rauf und runter gehört und bin sie immer noch nicht leid.

Label: Provogue Records
Stil: Blues, Blues Rock

Tracks:
01. Ghosts
02. Ride
03. Follow You Back Home
04. So Many Sad Goodbyes
05. High Is Low
06. Waiting For The Dawn
07. Better Days Ahead
08. The Fertile Soil
09. I Worry Too Much
10. Leave It All Behind
11. Hey Mama
12. Destiny

Walter Trout
Walter Trout bei Facebook
Netinfect Promotion

Loudon Wainwright III – Lifetime Archievement – CD-Review

Review: Michael Segets

Der Wunsch etwas zu hinterlassen, das überdauert, trieb Loudon Wainwright III schon in jungen Jahren um. Aus einem heute wohl nicht mehr nachzuvollziehenden Grund dachte er, dass er mit 25 Jahren versterben würde. Es ist zum Glück anders gekommen, aber das Bedürfnis, sich zu verewigen, treibt den nun 76jährigen immer noch an. In dem Bewusstsein, dass „Lifetime Archievement“ sein letztes Album sein könnte, feilte Wainwright III solange an den Songs, bis er dachte, dass er nichts mehr an ihnen verbessern kann. „Lifetime Archievement“ ist eine Reflexion auf den Prozess des Alterns und zugleich eine Momentaufnahme seines derzeitigen musikalischen Stands.

Loudon Wainwright III schaut auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurück. Neben seinen musikalischen Ambitionen widmete er sich auch der Schauspielerei und trat in Filmen („28 Tage“, „Aviator“) und im Fernsehen („M.A.S.H.“, „Ally McBeal“) auf. Als Musiker veröffentlichte er fast dreißig Alben, wobei er immer noch denkt, dass er seine Zeit hätte besser nutzen können, um mehr Song zu schreiben. Dafür, dass ihm einige gelungen sind, zeugen ein Grammy für das Album „High Wide & Handsome“ sowie die Tatsache, dass sie von Größen wie Johnny Cash und Bonnie Riatt interpretiert wurden.

Wainwright III wollte ein Album traditioneller Machart vorlegen und so kann „Lifetime Archievment“ als Folkalbum durchgehen, obwohl einige Songs zum Teil mit großer Bandbesetzung eingespielt wurden. Er präsentiert sich – nur mit Gitarre und Mundharmonika bewaffnet – auf dem wortgewaltige „I Been“ als klassischer Singer/Songwriter. Tolstoi und Sartre zitiert er bei „Fam Vac“. Der dort besungene Familienurlaub wird nicht als Urlaub mit, sondern als Urlaub von der Familie ersehnt. Die Texte von Wainwright III sind also nicht durchgängig schwere Kost, sondern tragen durchaus amüsante Züge.

Bei den Folksongs variiert Wainwright III die Begleitung, indem er mal ein Akkordeon hinzufügt („It Takes 2“) oder die Gitarre durch die Ukulele ersetzt („Fun & Free“). Besonders gelungen ist „Hell“, das trotz des Titels durch die Mandolinenbegleitung entspannt wirkt. Mit Banjo und Streichern wurde das getragene „How Old Is 75?” eingespielt. Bei „One Wish“ und „It“ verzichtet Wainwright III gänzlich auf die Instrumente und sing a cappella, bei letztgenanntem unterstützt durch Chaim Tannenbaum.

Ein Highlight stellt der flotte Bluegrass „Little Piece Of Me“ dar. Das sanfte „Back In Your Town” und das rauere „Town & Country” sind weitere. Bei meinem Favoriten „Town & Country” zahlt sich die Ergänzung durch Schlagzeug und Bläsersektion aus. Einzelne Songs, wie das Titelstück, tragen leicht sentimentale Züge, aber diese halten sich im Rahmen und sind für ein Alterswerk ja auch nicht untypisch. Insgesamt hat Wainwright III das Album gemeistert und der Pokal auf dem Cover mag dafür sprechen, dass er dies auch so sieht.

Loudon Wainwright III muss sich nichts mehr beweisen, will es aber immer noch wissen. Er blickt – zum Teil mit einem Augenzwinkern – auf sein bisheriges Leben mit erfüllten und unerfüllten Wünschen sowie mit begründeten und unbegründeten Ängsten zurück. Dies tut er vor allem mithilfe von Folksongs. „Lifetime Archievement“ ist dabei nicht puristisch, sondern unternimmt Ausflüge in Americana und Bluegrass.

Proper Records – H’Art/Bertus (2022)
Stil: Folk/Americana

Tracks:
01. I Been
02. One Wish
03. It Takes 2
04. Fam Vac
05. Hell
06. Little Piece Of Me
07. No Man’s Land
08. Back In Your Town
09. Town & Country
10. Island
11. It
12. Hat
13. Lifetime Archievement
14. How Old Is 75?
15. Fun & Free

Loudon Wainwright III
Loudon Wainwright III bei Facebook
Bertus
V2 Records

Emanuel Casablanca – Blood On My Hands – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Emanuel Casablanca, ein in Brooklyn lebender Gitarrist, der bisher immer „nur“ als Begleitmusiker zahlreicher bekannter Künstler in Erscheinung getreten ist, veröffentlicht nunmehr sein erstes eigenes Album „Blood On My Hands“, allerdings mit Unterstützung anderer namhafter Gitarristen (Eric Gales, Albert Castaglia, Paul Gilbert), der Sängerin Kat Riggins und des Saxophonisten Jimmy Carpenter.

Man hätte also durchaus ein abwechslungsreiches, interessantes Album erwarten können. Typisch für den Sound auf Casablancas Erstlingswerk sind allerdings das überwiegend in schwarz gehaltene Cover sowie die Titel vieler Songs, in denen immer wieder Blut auftaucht („Afraid Of Blood“, In Blood“, „Blood On My Hands“, „Bloodshot Eyes“, „Thicker Than Blood“, „Devils Blood“ und „Blood Money“).

Eine kurze, knappe Beschreibung des Albums könnte also lauten: „Heavy und düster, so wie es Cover und Songtitel vermuten lassen“. Lediglich der wirklich melodiöse Slowblues „Like A Pulse“ mit Casablancas und Kat Riggins einfühlsamen Gesängen, „Bloodshot Eyes“ (sehr schön mit Albert Castaglia an der Gitarre), das Slidestück „Nashville“ und der von Jimmy Carpenter am Saxophon untermalte Blues „Anna Lee“ stechen aus den 16 Tracks des Albums wohltuend hervor. Allenfalls auch noch der sehr harte Boogie „Testify“.

Die restlichen Songs hören sich für mich ziemlich morbide an, wie unter dem Einfluss schlechter Drogen eingespielt. Man muss diesen Sound schon mögen und sicherlich wird es auch eine Hardcore-Fraktion geben, der es gefällt. Letztendlich alles eine Frage des persönlichen Geschmacks und der Vorlieben jedes Einzelnen.

Emanuel Casablanca selbst sagt über seine Musik, dass es ihm um Emotionen gehe und seine Gefühle die Führung übernähmen und dass er Ihnen dann musikalisch folge. Wenn dem so ist, lebt er in einer ziemlich schwarzen und bedrückenden Welt.

Label: Kings County Blues (2022)
Stil: Blues

Tracks:
01. Afraid Of Blood
02. In Blood (feat. Paul Gilbert)
03. Blood On My Hands (feat. Eric Gales)
04. Like A Pulse (feat. Kat Riggins & Sanca Of The Valley)
05. Bloodshot Eyes (feat. Albert Castiglia)
06. Nashville (Feat. Felix Slim)
07. Sunday Talks
08. Thicker Than Blood
09. Anna Lee (feat. Jimmy Carpenter)
10. Testify (feat. Brother Dave)
11. Devil‘s Blood (feat. Felix Slim)
12. Blood Money
13. Fantasies
14. My Nerves
15. Shaky Tables
16. Rottenpockets

Emanuel Casablanca
Emanuel Casablanca bei Facebook

Gretchen Peters – The Show. Live From The UK – CD-Review

Review: Michael Segets

Vor fünfundzwanzig Jahren trat Gretchen Peters das erste Mal im Vereinigten Königreich auf und legte damit den Grundstein für ihren Erfolg auf der Insel. Anlässlich dieses Jubiläums entstand die Doppel-CD „The Show. Live From The UK“, mit der die Songwriterin ihren treuen Fans in Großbritannien eine besondere Freude machen will. Das Werk enthält einen Zusammenschnitt von drei Konzerten, die Ende April 2019 aufgenommen wurden.

Die Hälfte der Songs stammt von einem Auftritt in Bristol, die anderen von welchen in Bexhill-On-Sea und Bury St. Edmunds. Auf dem erste Tonträger begleitet ein schottisches Streicher-Quartett die Band. Neben Peters besteht diese aus Barry Walsh (Klavier), Colm McClean (elektrische Gitarre) und Conor McCreanor (Bass). Ein Schlagzeug kommt also nicht zum Einsatz und so bietet „The Show“ einen insgesamt ruhigen Hörgenuss.

Peters, die 2014 in die Nashville Songwriter Hall Of Fame aufgenommen wurde, schreibt eingängige Songs mit teilweise bissigen Texten. So steigt die erste Scheibe stimmungsvoll mit „Arguing With Ghosts“ und „Hello Cruel World“ ein. Es folgen ruhige Balladen im gleichen Stil, unter denen „Revival“ besonders gut gesungen ist. „Blackbirds“ sticht durch seine dramatische Atmosphäre heraus. Das Stück heimste seinerzeit die Auszeichnung als bester Americana-Song des Jahres in Großbritannien ein.

Im Anschluss stellt Peters die Musiker vor und gibt eine Anekdote zu „When You Love Someone“, das als Soundtrack zusammen mit Bryan Adams geschrieben wurde, zum Besten. Das Track-Splitting ist hier unverständlich, da sich die Einleitung des Songs am Ende des vorherigen findet. Allerdings sind Live-Alben ja so konzipiert, dass man sie sich durchgehend anhört und so stört dieser Umstand nicht weiter. Während die einzelnen Beiträge durchweg gelungen sind, bleibt in der Gesamtsicht auf die erste CD doch festzuhalten, dass sie keinen großen Spannungsbogen entfaltet. Die Stücke ähneln sich in Tempo und Arrangement. Die zweite Scheibe zeigt sich deutlich variabler.

Der Opener des zweiten Durchgangs „When All You Got Is A Hammer” ist ein inhaltlich und musikalisch starker Song, bei dem Colm McClean zum Zuge kommt. Auch bei dem reduzierteren „Disappearing Act” setzt er erneut mit seiner E-Gitarre Akzente. Peters singt dort wunderbar mit trotziger Energie. Der leichte Country-Einschlag bei „Wichita“ passt zu der gewalttätigen Story, die der Text erzählt.

Nach launigen Bemerkungen über sonnenverbrannte Engländer performt Peters nochmal eine gefühlvolle Ballade („Say Grace“). Bei „Everything Falls Away” dominiert Barry Walsh am Klavier die Begleitung und legt ein längeres Solo hin. Für „The Matador“ holt Peters nochmal Seonaid Aitken mit ihrer Geige und für „Five Minutes“ die Cellistin Alice Allen auf die Bühne, bevor mit „Idlewild“ das Werk ausklingt.

Auf dem zweigeteilten „The Show. Live From The UK“ zeigt Gretchen Peters ihre Qualität als Songwriterin und Sängerin mit einem Querschnitt aus ihrer mehr als fünfundzwanzigjährigen Solokarriere. Die erste CD verläuft – durchgängig von einem Streicher-Quartett begleitet – in ruhigen Bahnen. Atmosphärisch abwechslungsreicher stellt sich die zweite CD dar, auf der das Können ihrer Begleitband deutlich wird.

Mit der neuen Scheibe im Gepäck gibt die gebürtige New Yorkerin im August erneut Konzerte in England und Schottland, wobei sie wieder einen Auftritt in Bristol hat. Dieser dürfte also ein Heimspiel in der Fremde sein.

Proper Records – Bertus (2022)
Stil: Americana

Tracks:
CD 1
01. Arguing With Ghosts
02. Hello Cruel World
03. The Secret Of Life
04. Revival
05. Love That Makes A Cup Of Tea
06. Blackbirds
07. When You Love Someone
08. On A Bus to St. Cloud
09. To Say Goodbye
10. When You Are Old

CD 2
01. When All You Got Is A Hammer
02. Disappearing Act
03. Whichita
04. Say Grace
05. Everything Falls Away
06. The Matador
07. Five Minutes
08. Idlewild

Gretchen Peters
Gretchen Peters bei Facebook
Bertus
V2 Records

Kelsey Waldon – No Regular Dog – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Neues Album der Country-Singer/Songwriterin Kelsey Waldon! Die inzwischen 32-jährige Waldon war Kritikern bereits 2014 mit ihrem Debut “The Goldmine” aufgefallen und konnte 2019 den bei uns besprochenen Longplayer “White Noise/White Lives” auf verschiedenen Best of-Listen (z.B.  Rolling Stone) platzieren. Ihre EP “They’ll Never Keep Us Down” (2020) mit Cover-Songs zur US-Bürgerrechtsbewegung war eine kämpferische Ansage und brachte ihre Intention, wieder ein selbstbewusstes und authentisches Album aufzunehmen, weiter voran.

Die neue Scheibe “No Regular Dog” ist Waldons viertes Studiowerk, das ihr kreatives Songwriting sorgfältig in den Mittelpunkt stellt; Kelseys Stimme verbreitet das typische Country-Flair einer traditionsreichen Stilrichtung ihrer Heimat Kentucky. Der Titeltrack eröffnet die Scheibe in harmonisch fließender und entspannter Coolness, mit überzeugenden Lyrics, die auch in der ersten Single des Albums (“Sweet Little Girl”) keine Randnotiz beschreiben, sondern die intensive Sehnsucht sich selbst zu finden und den richtigen Weg zu beschreiten.

Dieses ehrliche Story-Telling folgt in “Tall And Mighty”, im 70er Jahre Country-Rock-Sound, vielen legendären Vorbildern. Deutlich in der Tradition einer ganzen Reihe von Country-Ladies, die wie Kelsey Waldon ihre bewundernswerte Ausstrahlung einer tiefen musikalischen Verbundenheit verdanken, wirkt das Stück nicht zuletzt durch seine zeitlose Komposition.

Das Verdienst der maßgeblichen Mitgestaltung gebührt ohne Zweifel Shooter Jennings, der u.a. auch als Produzent von Brandi Carlile und Tanya Tucker, die 11 Aufnahmen von ”No Regular Dog” als erfahrener  -Rocker wesentlich begleitet hat. Seine Erfahrungen zeigen sich in Songs, wie “You Can’t Ever Tell”, einer liebevollen Old-Time Country-Ballade, oder den wunderbaren “Season’s Ending”, einem John Prine Tribute-Song, der in seinem soulful Harmonies dem Mentor von Kesley Waldon gewidmet ist und einer Ehren-Hymne gleichkommt.

Mit bestechender Vocal-Eleganz und immer wieder auffallend feinen Text-Passagen, z.B. im “Backwater Blues” oder dem Liebeslied “Simple As Love”, findet Waldon einfühlsam Geschichten des ländlichen Amerika, die musikalisch ebendort angesiedelt sind – hauptsächlich interpretiert von Fiddle, Banjo, Pedalsteel und Guitar. Ein akustisches Country-Folk-Traditional-Album, das mit “Progress Again” (dem letzten Song) Waldons persönliche Story aufarbeitet.

Eine kleine Krönung der gesamten Produktion kommt von Country-Ikone Jim Lauderdale mit seiner Introduction zu “Sweet Little Girl”: “All the way from Monkeys Eyebrow, Kentucky, here’s Kelsey Waldon”, und “adelt” damit in höchst anerkennender Weise die junge Country Lady. Mit “No Regular Dog” wird ein auf Anhieb erfrischend herzlich wirkendes Country-Roots-Album einer sehr begabten und couragierten Interpretin veröffentlicht.

Oh Boy Records (2022)
Stil: Country

Tracks:
01. No Regular Dog
02. Sweet Little Girl
03. Tall And Mighty
04. You Can’t Ever Tell
05. Season’s Ending
06. History Repeats Itself
07. Backwater Blues
08. Simple As Love
09. Peace Alone (Reap What You Sow)
10. Progress Again
11. The Dog (Outro)

Kelsey Waldon
Kelsey Waldon bei Facebook
Oktober Promotion

Miraculous Mule – Old Bones, New Fire – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Miraculuos Mule ein schon ein eigenartiger Name für eine Band. Und das halloweenartige oder dem mexikanischen „Día de Muertos“ entsprungene Cover ihrer neuesten CD „Old Bones, New Fire“ passt auch ganz gut dazu. Beides lässt somit eine besondere Mucke erwarten. Und die Erwartung wird nicht enttäuscht.

Die vier Briten (Ian Burns, Vocals und Drums; Patrick McCarthy, Bass, Banjo, Vocals; Alex Louise Petty, Drums, Vocals; Michael J. Sheehy, Gitarren, Gesang), die afroamerikanischen Gospel, Gefängnis- und Arbeitslieder sowie Hilly-Billy-Tunes als Einflüsse auf ihren Musikstil benennen, liefern tatsächlich eine musikalisch interessante, wenn auch sehr ruhige, Scheibe ab, die sich nicht einfach in eine bestimmte Schublade stecken lässt. Countryfied-Hilly-Billy-Gospel-Blues wäre eventuell eine treffende Beschreibung.

Obwohl sie sich selbst als Agnostiker, abtrünnige Katholiken und Ungläubige beschreiben, besitzt „Old Bones, New Fire“ teilweise eine nahezu religiöse Note. Jedenfalls vermitteln die gospeligen Melodien („I Know I’ve Been Changed“, nur mit Percussionunterstützung langsam vorgetragen; „O Death“ mit wunderschönem Gesang von Alex Louise Petty, „John The Revelator“, das hoffnungsvolle „You Got To Take Sick And Die“, weniger gospelig, aber balladesk mit religiösem Bezug) diesen Eindruck.

Bei anderen Songs kommen dann wiederum eher dezente Countryeinflüsse zur Geltung. Zu nennen wäre hier das aus der Singer-Songwriter Ecke stammende, leichte „We Got What We Deserve“, die ein wenig düstere Ballade „Butcher Boy“ mit Banjo gegen Ende des Songs und die Banjo-Honky-Tonk Nummer „Nobody/Nothing“, die mit einem beschwingten Rhythmus wie aus dem Off ertönt. Auch das harmonische „Fire In My Bones“ wirkt durch das Banjo als tragendes Instrument. Bei „City Of Refuge“ und „Sinnerman“ hingegen handelt es sich um ruhige, schöne und eingängige Balladen.

Alle Songs auf dem Album strahlen eine gewisse Wärme und Ruhe aus, welche durch die klangvollen Chorgesänge, teils im Background, teils im Vordergrund, betont werden. Das neue Album des wunderbaren Maultieres lädt definitiv nicht zu wilden Feierlichkeiten ein, ist aber für besinnliche Stunden oder ganz einfach zum Herunterkommen nach einem stressigen Tag bestens geeignet.

Label: Juke Joint 500
Stil: Countryfied-Hilly-Billy-Gospel-Blues

Tracks:
01. I Know I’ve Been Changed
02. Nobody/Nothing
03. City Of Refuge
04. We Get What We Deserve
05. Fire In My Bones
06. O Death
07. John The Revelator
08. Butcher Boy
09. You Got To Take Sick And Die
10. Sinnerman

Miraculous Mule bei Facebook
Juke Joint 500

Wade Bowen – Somewhere Between The Secret And The Truth – CD-Review

Wade Bowen zählte schon immer zu meinen großen Lieblingskünstlern,auch über die Red Dirt-/Country Rock-Sparte hinaus. Der Texaner besticht durch seine tolle Stimme, die melodischen Songs, seine kreative Ader und eine gewisse Zuverlässigkeit beim Abliefern seiner niveauvollen Werke.

2019 hatte ich die große Ehre, ihn persönlich vor seinem Konzert im Blue Shell in Köln bei einem Interview, wo ich ihn auch erstmalig live sah, gegenüberzusitzen., wo sich der sympathische Charakter, den man schon automatisch aus seinen Songs ableitet, eindrucksvoll bestätigte.

Mit „Somewhere Between The Secret Aand The Truth“ legt er jetzt sein siebtes Studioalbum vor, das er erstmalig selbst produziert hat. An der Seite hatte er beim Songwriting viele Kollegen wie u. a. Eric Paslay, Heather Morgan, Randy Montana, Drew Kennedy oder Lori McKenna, die schon bei unzähligen CDs in meiner Sammlung, Garanten für tolle Lieder waren.

Die zierliche Lori McKenna, die ich vor sehr vielen Jahren in Utrecht im Rahmen der damaligen Blue Highway Festivals auch schon mal live erlebt habe, assistiert ihm beim Lead- und Harmoniegesang bei „A Beautiful World“ im Stile der typisch gemischten texanischen Duette der Marke Josh Abbott/Kacey Musgraves. Toller Song!

Dabei hatte Wade laut eigener Aussage zunächst eine längere Phase der kreativen Leere zu bewältigen. „Ich hatte länger eine große Antriebslosigkeit und wusste überhaupt nicht, wie ich damit umgehen sollte, bis mich auf einmal die große Lust des Schreibens wieder motivierte. Es war wie ein Neustart, der mir die Leidenschaft wieder zurückgab.

Ich wollte auch herausfinden, wo ich musikalisch stehe und hineinpasse. Das habe ich oft gemacht, bis ich manchmal den Faden verloren habe. Ironischerweise hatte ich durch die COVID-Pandemie die Chance meine Gedanken etwas ruhen zu lassen, um mich mehr auf das zu konzentrieren was ich wirklich möchte. Ich habe erneut rausgefunden wer ich als Songwriter, Sänger und Musiker sein möchte“.

Das Album zeigt Bowen dann auch wieder in Bestform. Zehn unwiderstehliche Ohrwürmer, mal in fluffig-eingängiger Red Dirt-Manier (man höre sich diese melodischen Songs wie den Opener „Everything Has Your Memory“, „The Secret To This Town“ oder „Say Goodbye“, bei dem ich mich schon mehrere Male selbst ertappt habe, wie ich den Refrain beim Fahren zur Arbeit im Auto nachsinge) oder im melancholischen Country-Storytelling (u. a. „Burnin’ Both Ends Of the Bar“) und mit „Honky Tonk Roll“ (mit herrlichem Billy Powell-Gedächtnis-HT-Pianogeklimper und starken Wah-Wah-Slide-Soli) und „She’s Driving Me Crazy“ zwei flotte launige Saloonfeger, die auch seine rockigen Seiten offerieren.

Herrlich wie er am Ende von „Honky Tonk Roll“ die Anziehungskraft der Honkytonk-Bars auf ihn zum Besten gibt: „… You can cuss me, you can judge me, you can hate me, you can love me, you can say I’m out of control, yeah, but I don’t give a damn, I’m on a hell of a honky tonk roll.“

Gegen Ende erhält er im Duett mit Vince Gill quasi dann noch einen musikalischen Ritterschlag, Letztgenannter gibt sich meist nur bei absoluten Klassekünstlern als Gast die Ehre. Ein wunderschöner, einfühlsam von beiden gesungener, Steel-getränkter Countryheuler dieses „A Guitar, A Singer And A Song“. 

Mit dem wunderbar eingängigen Titelsong „Somewhere Between The Secret And The Truth“, aus der Feder von ihm und Lori McKenna, schließt ein erneutes Meisterwerk des aus Waco stammenden Texaners. Für manchen hier in unseren Landen mag er noch ein unentdecktes Geheimnis sein, die Wahrheit ist, dass man sich mit diesem Wade Bowen schleunigst beschäftigen sollte. Ein weiteres Klassealbum von ihm!

Bowen Sounds/Thirty Tigers/Membran (2022)
Stil: Red Dirt / Country

Tracklist:
01. Everything Has Your Memory
02. Burnin’ Both Ends Of The Bar
03. Honky Tonk Rollt
04. The Secret To This Town
05. If You Don’t Miss Me
06. A Beautiful World feat. Lori McKenna
07. She’s Driving Me Crazy
08. Knowing Me Like I Do
09. It’s Gonna Hurt
10. Say Goodbye
11. A Guitar, A Singer And A Song feat. Vince Gill
12. Somewhere Between The Secret And The Truth

Wade Bowen
Wade Bowen bei Facebook
Oktober Promotion

ZZ Top – Raw (‚That Little Ol‘ Band From Texas‘ Original Soundtrack)- CD-Review

ZZ Top kamen in mein musikalisches Leben in der Nacht vom 19. auf den 20. April 1980 um 4:00 Uhr morgens. In den Staaten längst eine gefeierte Band, traten Sie damals zum ersten Mal in Europa und im Fernsehen überhaupt auf. Es war die 6. Rockpalastnacht, in den Stunden vorher hatten Joan Amatrading, The Blues Band und Ian Hunter ihre Visite abgegeben. Damals hatte man bei diesem legendären Event noch regelrecht mitgefiebert.

Gut 1 1/2 Jahre später sah ich sie dann im Rahmen ihrer „El-Loco“-Tour erstmalig leibhaftig in der Düsseldorfer Philipshalle. Vorband waren die Hard Rocker Rose Tattoo. Weitere 5 Jahre danach in der Kölner Sporthalle zu ihrem Album „Afterburner“ mit dem unvergessenen Moment am Anfang, als eine Sphinx ein großes schwarzes Tuch in ihren Mund aufsaugte und ein für damalige Zeiten futuristisches Bühnenambiente offenlegte.

Und es ist tatsächlich schon wieder 20 Jahre her, dass ich sie zum letzten Mal 2002 mit Gary Moore als Support in der Essener Grugahalle live im Beisein meiner Ehefrau erlebt habe. Der kreative und kommerzielle Höhepunkt des texanischen Trios war da mittlerweile schon überschritten.

Seitdem ist viel Wasser den Rhein heruntergelaufen. Es gab noch zwei Alben „Mescalero“ und „La Futura„, die sicherlich gar nicht mal so schlecht waren, aber keineswegs nochmal so einen Hype wie zu „Eliminator“-Zeiten entfachen konnten.

Heute, wo ich diese Zeilen zum Album schreibe, das einen Soundtrack zu einem Film über ZZ Top darstellt, hat es ein einschneidendes Moment im Leben des Trios gegeben. Ihr charismatischer Bassist Dusty Hill, der sich in diesem scheinbar noch bester Gesundheit erfreute, weilt nicht mehr unter den Lebenden.

Der Film zur CD, der vor geraumer Zeit hierzulande in 3sat gezeigt wurde, war in der berühmten Gruene Hall in New Braunsfeld aufgenommen worden, in der die drei ganz alleine ohne Publikum nochmal frei weg von der Seele spielten und jammtenn, wobei sie einen Teil ihrer großen Stücke plus einiger Überraschungen nochmals nach eigenem Dünken ziemlich rau, wie es der Albumtitel schon suggeriert, zum Besten gaben.

Für mich waren dabei der Opener „Brown Sugar“ (mit tollem Intro), „Thunderbird“ und der „Certified Blues“, die Stücke, die ich nicht mehr so bewusst auf dem Schirm hatte, der Rest ist ein Auszug ihrer weltbekannten Hits, allerdings sehr schön, mit Herz und Freude sowie jeden technischen Firlefanz gespielt. Es macht spaß sich das Teil so zwischendurch mal reinzuschmeißen.

Die Frage, die sich allerdings für mich am Ende stellt, ist, ob es nach dieser Zäsur, wirklich Sinn macht, ohne Dusty Hill weiterzuspielen. Ich finde man hätte hier einen würdigen Cut machen, und erhobenen Hauptes die Bühnen und Studios dieser Welt verlassen können. Gelegenheit zu Musizieren hätten Billy F. Gibbons und Frank Beard  sicherlich noch genug (auch separat) für den Rest ihres Lebens.

Eine Antwort darauf haben die beiden allerdings längst gegeben. Angeblich auf Wunsch Hills, geht es mit seinem ehemaligen Gitarrentechniker Elwood Francis am Tieftöner weiter. The show must go on…

Shelter Records/BMG (2022)
Stil: Texas Blues Rock

01. Brown Sugar
02. Just Got Paid
03. Heard It On The X
04. La Grange
05. Tush
06. Thunderbird
07. I’m Bad, I’m Nationwide
08. Legs
09. Gimme All Your Lovin‘
10. Blue Jean Blues
11. Certified Blues
12. Tube Snake Boogie

ZZ Top
ZZ Top bei Facebook
Netinfect Promotion

George Thorogood & The Destroyers – Support: Eamonn McCormack – 21.07.2022 – Zeche, Bochum

Das einzige NRW Konzert, das coronabedingt mehrfach verschoben werden musste, fand nicht wie ursprünglich geplant in der Westfalenhalle 1, sondern in der Zeche in Bochum statt. Der Grund war einmal mehr, dass die geplanten Ticketverkäufe nicht wie erhofft verliefen und deshalb der Gang in die kleinere Zeche allein aus Kostengründen für den Veranstalter alternativlos war. So war die Zeche zumindest halbwegs gefüllt, wobei die Empore auch aus Produktionsgründen für die aufwendige zusätzliche Beleuchtung für Besucher gesperrt war.

Als Support hatte der irische Bluesmusiker Eamonn McCormack die Möglichkeit, bei einem 30-minütigen Auftritt auf sich aufmerksam zu machen. In diesen 30 Minuten zeigte der Ire mit seinen beiden jungen langjährigen Begleitmusikern, dass es sein letztes Album „Storyteller“ nicht umsonst in mehreren europäischen Bluescharts, bis zur Nr. 1 schaffte. Emotional war dabei seine Ansage zu „Falsely Accused“, einem Song, an dem damals kein geringerer als Rory Gallagher bei den Studioaufnahmen mitwirkte.

Einem bestens aufgelegten McCormack gelang es, dass bei den Thorogood-Fans schon früh eine sehr gute Stimmung aufkam. Seine beiden Mitstreiter Max Jung Poppe an den Drums und Eddy Karg am Bass erhielten bei „That`s Rock`n`Roll“ sogar verdienten Szenenapplaus, als sie die Zeit mit jammenden Improvisationen überbrückten, während McCormack das Gitarrenkabel wechseln musste. Mit „Lady Lindy“, das bei den Fans gut ankam, testete McCormack schon einmal einen unveröffentlichten Songan, der Teil des im Herbst erscheinenden Albums sein wird. Dann wird es auch zu einigen Konzerten zur Promotion kommen, wo er seine gesamte Show präsentieren kann.

Nach einer kurzen Umbaupause betrat dann gegen 21 Uhr ein frenetisch begrüßter George Thorogood mit seinen Destroyers die Bühne. Was dann folgte, war das, was der Titel des ersten Songs „Rock Party“ aussagt. Knapp 100 Minuten Vollgasrock folgten, der die Fans regelrecht mitriss.

Trotz des für Thorogood eigentlich geringen Besuchs war er bestens gelaunt, was sich auch an der Kommunikation zwischen den Songs bemerkbar machte, wo er zuweilen schelmische Ansagen machte und immer ein Lächeln im Gesicht hatte. Daran hatten mit Sicherheit auch die Fans ihren Anteil, die von der ersten Minute an mitgingen, mitsangen und an Applaus nicht sparten. Zuweilen stimmten die Fans zwischen den Stücken Fangesänge an, die man eigentlich nur aus Fußballstadien kennt.

Die Setlist war eine bunte Mischung aus Coversongs, wobei das Bo Diddley Cover „Who Do You Love“, die hart vorgetragene Rock`n`Roll-Nummer „Johnny B. Goode“, inklusive einiger Hüftschwünge Thorogoods und „Tequila“ herausragten. Beim letztgenannten Track ließ er seine Destroyers den Song zunächst einmal allein jammend performen, um irgendwann das ‚Tequila‘ beizusteuern, wobei er natürlich eine stimmgewaltige Unterstützung der Besucher hatte.

Die Höhepunkte waren aber natürlich seine eigenen Klassiker „I Dring Alone“, „Bad To The Bone“, „One Bourbon One Scotch One Beer“ und „Born To Be Bad“, mit welchem er einen begeisternden Konzertabend abschloss, der mit Sicherheit auch eine größere Location verdient gehabt hätte. Thorogood bewies, dass er mit seinen mittlerweile 72 Jahren noch lange nicht zum alten Eisen gehört und konnte sowohl stimmlich wie auch spielerisch an der Gitarre überzeugen, über deren Saiten er zeitweise nur so hinwegflog.

Unterstützt wurde er von seinen Alltime-Begleitern, den Destroyers, die einen gewaltigen Anteil hatten, dass er sprichwörtlich die Bude einriss. Jeff Simon mit seinem zuweilen treibenden Drums und Bassist Jeff Simon und Rhythmusgitarrist Jim Suhler (auch mit einigen starken Soli) legten eine voluminöse Soundgrundlage, auf der sich Thorogood regelrecht austoben konnte und dazu auch Saxophonist Buddy Leach noch einige feine Soloparts draufpacken konnte.

Der einzige Wermutstropfen, den die Besucher aber nicht direkt mitbekamen war, dass das Konzert für den Veranstalter nicht kostendeckend war, da die erwarteten Besucherzahlen nicht erreicht werden konnten. Wenn die Konzertkultur der kleinen und mittelgroßen Locations so weitergehen soll, kann dies nur geschehen, wenn die Besucherzahlen zumindest annähernd denen der Vor-Corona Zeit gleichen. Die Frage ist, woran die zuweilen schlechten Besuche liegen.

Ist es die Angst vor Infektionen, sind die Preise zu teuer oder ist es einfach gemütlicher auf der Coach? Wenn ich überlege, dass die Rolling Stones ein paar Tage später vor etwa 50.000 Menschen in Gelsenkirchen spielten und die Eintrittspreise um ein Vielfaches höher lagen, scheinen die beiden ersten Gründe eher abwegig zu sein. Musikfans bekommt einfach den Hintern hoch, sonst gibt es irgendwann nur noch Events, bei denen die Musiker mit dem Fernglas gesucht werden müssen und das, was die publikumsnahen Konzerte ausmacht, wo man mit den Musikern fast vis-a-vis steht, wird Geschichte sein…

Line-up: Eamonn McCormack:
Eamonn McCormack – Guitars, vocals
Eddy Karg – Bass
Max Jung Poppe – Drums

Line-up George Thorogood And The Destroyers:
George Thorogood – Guitars, vocals
Jeff Simon – Drums
Bill Blough – Bass
Jim Suhler – Guitars
Buddy Leach – Saxophone

Text und Bilder: Gernot Mangold

George Thorogood
George Thorogood & The Destoyers bei Facebook
Eamonn McCormack
Eamonn McCormack bei Facebook

3dog Entertainment