Billy F. Gibbons – The Big Bad Blues – CD-Review

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ZZ Top haben wie auch Lynyrd Skynyrd mittlerweile viel von ihrem einstigen Glanz eingebüßt. Kreativ kommt eventuell mal alle Jubeljahre was, live wird sich in der Regel auf den Lorbeeren von einst ausgeruht und weitestgehend immer das Gleiche runtergespult.

Zumindest bei Billy F. Gibbons scheint in letzter Zeit wieder ein gewisser Ehrgeiz zu verspüren zu sein. Neulich in Essen, wo ja einst die Popularität des Texas-Trios bei uns in Deutschland im Rahmen der legendären Rockpalast-Nächte ihren Ursprung fand, konnte man ihn als Gaststar beim Konzert von Supersonic Blues Machine hautnah wie nie, ja fast zum Anfassen, erleben.

Jetzt hat es das Mitglied der Rock And Roll Hall Of Fame auch noch mal in eigener Sache gepackt. Mit „The Big Bad Blues“ bringt er nach dem dezent Latin-behafteten „Perfectamundo“ sein zweites Solo-Album heraus.

Herausgekommen ist ein, wie der Titel es schon andeutet, deutlich mehr traditionell blues-orientiertes Konglomerat aus Eigenkompositionen und einigen Adaptionen von Tracks altbewährter Genre-Recken wie Muddy Waters (“Standing Around Crying” und “Rollin’ and Tumblin’”) und Bo Diddley („Bring It to Jerome“ und „Crackin’ Up“).

Der Opener “‘Missin’ Yo’ Kissin’” wurde von Billies Frau Gilly Stillwater kreiiert. Der Song wimmelt in modifizierter Form nur so vor Reminiszenzen an große ZZ Top-Stücke wie „La Grange“, „I Thank You“ & Co., von daher ein gelungener Einstieg.

Wenn ein Billy Gibbons singt und seine knarzige E-Gitarre beackert, wird man, egal, was da zum Besten gegeben wird, unweigerlich zu Vergleichen mit ZZ Top animiert. Auf diesem Werk ist die Aura des Texas-Trios aufgrund Gibbons‘ fast ebenbürtiger Stellung dort natürlich auch omnipräsent. Wo sind aber diesmal Unterschiede?

Zum einen durch die anderen Mitspieler: Hier sind mit Mike ‘The Drifter’ Flanigin, Joe Hardy, Greg Morrow, Matt Sorum, Austin Hanks und James Harum, wie nicht anders zu erwarten, exzellente Leute eingebunden.

Gerade James Harum und Mike Flanigin sind dann auch die auffälligen Akteure, die vielleicht den marginalen Unterschied ausmachen. Erstgenannter ist mit seinem nöhligen Harpspiel fast in alle Stücke eingebunden (für meine Begriffe fast zu viel, da Billy an diesem Instrument auch noch mitmischt) und auch an die durch Flanigin eingebrachten Pianotupfer kann ich mich bei ZZ Top nicht in dieser Form erinnern.

Austin Hanks trägt mit seinem E-Gitarrenspiel zu noch größerer Varianz in diesem Bereich bei. Das launige, fast schon strandtauglich im Sinne einer Sixties-Retro-Beach-Party in Szene gesetzte Schlussstück „Crackin‘ Up“ überrascht ebenfalls in seiner Form.

Ingesamt ist Billy F. Gibbons mit „The Big Bad Blues“ ein kurzweiliges, schön kauziges Blues (Rock)-Album gelungen, bei dem nichts dem Zufall überlassen worden ist. Wer der texanischen Interpretation des Genres zugetan ist und natürlich auch der überwiegende Teil der ZZ Top-Anhänger werden ohne jeden Zweifel ihre helle Freude haben.

Concord Records (2018)
Stil: Texas Blues (Rock)

01. Missin’ Yo’ Kissin’
02. My Baby She Rocks
03. Second Line
04. Standing Around Crying
05. Let The Left Hand Know
06. Bring It To Jerome
07. That’s What She Said
08. Mo’ Slower Blues
09. Hollywood 151
10. Rollin’ And Tumblin’
11. Crackin’ Up

Billy F. Gibbons
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Sue Foley – The Ice Queen – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die produktive Blues-Musikerin Sue Foley brachte in 20 Jahren 15 Alben heraus. Ungewöhnlich lange – nämlich sechs Jahre – ließ sie sich für ihr neues Werk „The Ice Queen“ Zeit. Dies mag damit zusammen hängen, dass sie an einem schriftstellerischen Großprojekt über berühmte Gitarristinnen arbeitet. In ihrer Karriere stand die Kanadierin mit so unterschiedlichen Musikern wie Solomon Burke, BB King, Van Morrison, Tom Petty, George Thorogood, Lucinda Williams und Johnny Winter auf der Bühne oder im Studio. Für ihren aktuellen Longplayer konnte Foley ebenfalls illustre Gäste gewinnen: Charlie Sexton, Jimmie Vaughan und Billy F. Gibbons.

Charlie Sexton, der Bob Dylan als Bandmitglied begleitet und die Arc Angels mitbegründete, unterstützt Sue Foley auf zwei Titeln. Bei dem Opener „Come To Me“ steuert Sexton leichte Slide-Passagen ein und wertet mit seinem Gesang den Chorus des Midtempo-Tracks auf. Die Stimmen von Sexton und Foley erzeugen einen prima Flow. Auch bei „81“ ist Sexton beteiligt. Sein Harmoniegesang fällt hier allerdings dezent aus. Der Titel glänzt durch die Gitarrenarbeit in Kombination mit der Orgel von Mike Flanigin. Foleys Gesang transportiert zudem ein kraftvolles Blues-Feeling, sodass der Song zu meine Favoriten unter den langsameren Stücken avanciert.

Die herausragende Nummer der Scheibe ist jedoch „The Lucky Ones“, die zu Recht als Single vorab ausgekoppelt wurde. Der Rhythmus erinnert an „The Wanderer“ von Dion. Sue Foley und Jimmy Vaughan singen entspannt einen dialogisch angelegten Text. Die gemeinsamen Textpassagen sind angenehm harmonisch und versetzen in die Blütezeit des Rock ’n Roll der 50er oder frühen 60er zurück. Im gleichen Stil und Tempo ist der einzige nicht von Foley geschriebene Titel „Send Me To The ‚Lectric Chair“ gehalten.

Staubtrocken und gelassen klingt die unverkennbare Stimme von Billy Gibbons auf „Fools Gold“. Sie steht in einem schönen Kontrast zu Foleys klarem Gesang. Ein Orgel- und ein längeres Gitarrensolo setzen sich vor den gleichmäßigen Midtempo-Rhythmus, sodass keine Monotonie aufkommt.

Foley ist nicht auf die Prominenz angewiesen. Die Zusammenarbeit mit den Gästen zahlt sich allerdings bei den Songs aus und bereichert die äußerst abwechslungsreiche CD. Foley gibt Einblicke in unterschiedliche Facetten ihres künstlerischen Schaffens als Gitarristin und Sängerin. Diese reichen von der knackigen Uptempo-Nummer „Run“ über verschiedene Interpretationen des Blues bis zum Folk.

Auf den Stücken „The Ice Queen“ und „Death Of A Dream“ wird Foley lediglich von Upright Bass und Schlagzeug begleitet. Bei dem Titelstück zelebriert sie mit ausgedehnten Gitarrensoli den Blues. Auf dem anderen Song zupft sie die Saiten sanft und der Besen wischt dezent über die Drums. Vor dem inneren Auge erscheint eine kleine Bar, in dem die Musik den abendlichen Drink untermalt. Eher für die größeren Clubs sind „Gaslight“ und „If I Have Forsaken You“ aufgrund der umfangreichen Band geeignet.

Der Soul des ersten Titels mit Orgeltupfern und Saxophon-Einlage erinnert an The Commitments. Die zweite Nummer hat einen breiten Soundteppich, der vor allem durch die Orgel und die fünf Mitglieder der Texas Horns erzeugt wird. Foley gibt ihrer Stimme hier einen weichen Klang, der sehr gut zu der getragenen Grundstimmung passt. Am Ende des Longplayers finden sich zwei Solobeiträge von Foley. Bei „The Dance“ experimentiert sie mit Flamenco-Klängen. „Cannonball Blues“ überrascht als eingängiger Folksong.

„The Ice Queen“ bietet einen sorgfältig arrangierten Querschnitt durch die Spielarten des Blues. Vielleicht schwebte Foley eine Hommage an die Klassiker dieser Musikrichtung vor, denn viele Elemente klingen vertraut, ohne dass die Vorbilder lediglich kopiert werden. Eingefleischte Blues-Fans werden vermutlich ihre Freude am Entdecken der vielfältigen Bezüge haben. Für mich fällt das Album im letzten Viertel bei den reduziert instrumentalisierten Stücken etwas ab. Die anderen Songs und besonders die Duette mit den männlichen Gesangspartnern lohnen aber auf alle Fälle.

Dixiefrog Records/H’art (2018)
Stil: Blues (Rock)

01. Come To Me (feat. Charlie Sexton)
02. 81
03. Run
04. The Ice Queen
05. The Lucky Ones (feat. Jimmie Vaughan)
06. Gaslight
07. Fool’s Gold (feat. Billy F. Gibbons)
08. If I Have Forsaken You
09. Send Me To The ‚Lectric Chair
10. Death Of A Dream
11. The Dance
12. Cannonball Blues

Sue Foley
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H’ART Musik-Vertrieb GmbH