Guitar Heroes Festival – 21.-23.09 2018 – Festivalnachlese

(14) HK - Gerds Ansage mit der Laura Cox Band

Die Entschleunigung rasanter Saitenläufe … oder auch Guitar-Heroes irgendwo im Nirgendwo

Es gibt Leute, die pimpen ihr Auto, fliegen in der Weltgeschichte rum, cruisen durch die Weltmeere oder züchten Büffel.

Der Biobäcker Gerhard Lorenzen, seines Zeichen passionierter ‚Musikverrückter‘, kann über solche Anwandlungen vermutlich nur schmunzeln – und veranstaltet seit 2007 Rock- und Blueskonzerte bei sich Zuhause in Joldelund, einer 715-Seelen Gemeinde im Kreis Nordfriesland in Schleswig Holstein. Drei Bundesstraßen und eine Bahnlinie sind jeweils etwa 10km entfernt … wahrlich eine (rock- und bluesmusikalische) Metropole.

Nein, falsche Fährte, was sich zunächst wie beißender Spott liest, entpuppt sich schnell als der (Noch?)Geheimtipp für alle Anhänger rockiger Bluesmusik oder bluesiger Rockmusik und Artverwandtes.

Genau dies wollten diesen Frühherbst ein Genre-Veteranenquartett aus Oldenburg/Bremen genauer unter die Lupe nehmen und starteten an einem Freitag-Vormittag bei viel Wind und aufgewirbeltem Staub – mit einem kleinen Caravan inklusive Vorzelt im Gepäck – zeitig gen Norden eine Fahrt ins vorfreudige Ungewisse.

Nach 3 ½ Stunden problemloser Fahrt (vom Navi – oder Fahrer mal abgesehen) erreichte der Vierer das Ziel irgendwo im Nirgendwo. Das Headquartier von Gerd – auch liebevoll und augenzwinkernd ’Gerds Juke Joint’ genannt – kam zunächst wenig spektakulär rüber (mit Ausnahme eines durch die Wand geknallten Autos), was sich im Laufe des Wochenendes aber noch gehörig ändern sollte.

Also … wohin mit dem Caravan? Ganz einfach … quasi in Gerds „Garten“ … bloß keine Obstbäume beim rangieren beschädigen! Erste Bullies, Wohnmobile und Caravans waren auch bereits vor Ort. Nun noch schnell vor dem drohenden Regen das rollende Schlafklo vernünftig ausgerichtet, Vorzelt enttüdelt und unfallfrei aufgebaut, die Mistral-Sturmverspannung ob der drohenden Nordwinde angebracht, Stühle und Tische aufgeklappt, den Bluetooth-Krawallmacher in Stellung gebracht und schlussendlich die Kühlbox geöffnet … das Joldelunder Festival der etwas anderen Art konnte beginnen!

Warum der etwas anderen Art?

Weil hier ein funkensprühender, glühender, für die Sache brennender Enthusiast mit Familie, Freunden und Gleichgesinnten – ohne jegliche kommerzielle Auswüchse(!) – etwas in atemberaubend privater Atmosphäre auf die Beine stellt, was sich grundlegend vom Zeitgeist unterscheidet … und zwar sehr wohltuend. Hier wird noch das Kredo Entschleunigung bei gleichzeitig beschleunigter Saitenarbeit großgeschrieben. Eine wahrhaft nicht alltägliche Konstellation!

Und so begab sich pünktlich um 19.45 Uhr das erwartungsfrohe Quartett auf den ausgebauten Scheunen-Dachboden des Biobäckers Gerd. Nicht ohne auf dem Weg dorthin einem Getränkewagen, einem Frühstücks- und Imbissbereich und einem Festzelt zu begegnen. Oben angekommen war erst recht Staunen angesagt. Sehr viel Holz, tolle Balkenkonstruktionen (fast wie ein Kirchenschiff!), ganz hinten im Raum ein kleiner Tribünen-Loungebereich, in der Mitte ein großzügiges Theken-Sit-in-Konzept, ein vergleichsweise kleines Mischpult, eine kleine Bühne für einen Kameramann, der sich als Bassist von Lake herausstellen sollte und schließlich der recht schmale Raum vor der eigentlichen Konzertbühne auf der Frontseite der Scheune.

Von dieser Bühne aus begrüßte Punkt 20.00 Uhr das Herz dieser Veranstaltung seine Gäste, gab einen kleinen Ausblick auf kommende Veranstaltungen und kündigte den ersten Act an – ein YouTube-Phänomen aus der Region von Paris … die Laura Cox Band, die letztes Jahr ihr Debütalbum veröffentlicht hatten.

Im Kontext des angekündigten Line-Ups hatte sie es nicht leicht, zumal auch der Sound noch nicht der beste war. Aber sie brachte zusammen mit ihren Mitstreitern am Schlagwerk, Bass und zweiter Gitarre als Opener ordentlich Feuer und Stimmung in die Bude. Insgesamt ließ das Line-Up an diesem Wochenende auf recht rockigen Blues schließen, natürlich gemäß des Veranstaltungstitels explizit Guitar-Solo-lastig.

In diesem Zusammenhang geriet der Vortrag der Laura Cox Band eher zu einer Rock-Party, die auch vor Schlachtrössern wie „Foxy Lady“ (weniger gelungen) und „Jumpin’ Jack Flash“ (deutlich mehr gelungen) nicht halt machte. Es war an diesem Wochenende die einzige Band mit zwei Gitarristen und den am wenigsten ausgeprägten Saitensoli, entsprechend zählte die Kompaktheit und das rockige „Los-Geh“- Potential der meisten Songs.

Eine technisch nicht besonders anspruchsvolle Band, die eher das Herz als das Hirn ansprach und folgerichtig als Anheizer gut Dampf auf den Kessel geben konnte. Die sehr lockere, offene, kommunikative Art von Laura Cox kam überdies sehr gut an. Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich der weitere Weg der Dame gestalten wird.

Nach der Umbaupause enterte dann der Niederländer Julian Sas mit seiner derzeit wahrhaftig formidablen Band die kleine Bühne und … räumte auf ganzer Linie ab! Das Publikum und die Musiker befeuerten sich zunehmend in einen Rausch, Gitarre und Orgel (Roland Bakker) wurde nebeneinander, miteinander und gegeneinander viel Raum gelassen, Rob Heijne (Schlagzeug) und Fotis Anagnostou (Bass) hielten nicht nur den Laden zusammen, sondern setzten virtuos und mit enormem Druck auch eigene Akzente, während ihr Chef traumhaft die Saiten nicht nur glühen, sondern vor allem auch „singen“ ließ. Bluesrock, Classic-Rock, Jam-Rock, Boogie-Rock, Rock’n’Roll … es blieben keine Wünsche offen und entsprechend euphorisiert brachte das Publikum die ebenfalls euphorisierte Band noch zu offensichtlich nicht geplanten Zugaben!

Da hatte es dann das erst weit nach Mitternacht auftretende einstige Gitarren-„Wunderkind“ Eric Steckel doch sehr schwer, das Publikum bei der Stange zu halten, zumal er leider keine Taste an Bord hatte und somit nicht ansatzweise das umsetzen konnte, was insbesondere sein derzeit aktuelles Album „Polyphonic Prayer“ verspricht. Immerhin ist Herr Steckel nicht nur ein Saitenartist, sondern auch außerordentlich versiert auf den Tasten unterwegs.

In Joldelund spielte er allerdings als Power-Trio und zerschredderte konsequent jeglichen Song-Ansatz. Schade, denn er hat selbige eigentlich sehr wohl im Repertoire. Für alle selbst aktiven Gitarristen unter uns gab es sicherlich interessante Erkenntnisse, für alle anderen war es zu fortgeschrittener Stunde eher anstrengend und so leerte sich auch unübersehbar das Auditorium.

Am nächsten Vormittag wurde dann zum Frühstück den Bio-Backwaren (gefühlt 15 verschiedene Sorten!) gehuldigt, die in großen Kisten für einen (sehr!) fairen Betrag zur Verfügung gestellt wurden, einschließlich Bio-Kaffee und Bio-Milch. Derart gestärkt ließ das Genre-Veteranenquartett im trotz teilweise unwirtlichen Wetters gemütlichen Vorzelt den Bluetooth-Speaker qualmen, so dass zumindest das ganze Umfeld auf den aktuellsten Stand der (Blues-)Rock/Classic-Rock/Country-Rock/Americana-Neuveröffentlichungen gebracht wurde.

Zusätzlich musizierten ab 14.00 Uhr insgesamt vier regionale Bands im Festzelt um die Gunst der Aufmerksamkeit, was auch sehr achtbar gelang!

Punkt 20.00 Uhr eröffnete dann die Sean Webster Band (UK/NL) den zweiten Abend … und räumte – von vielen unerwartet – gleich zu Beginn ultimativ ab!
Sean Webster, der „erst“ mit 14 Jahren die Gitarre für sich entdeckte und sich dabei von den drei ’Kings’ (Albert, Freddie, B.B.), Mark Knopfler, Robert Cray, Stevie Ray Vaughan, Gary Moore und vor allem Eric Clapton beeinflussen und inspirieren ließ, bestach umgehend mit einem außerordentlich gefühlvollen, gleichwohl energetischen Saitenspiel wie Gesang und präsentierte hochmelodische Songs bis hin zur fantastisch und geradezu beängstigend intensiv vorgetragenen Cover-Version von „I’d Rather Go Blind“ (Etta James).

Das Genre-Veteranenquartett erkannte hier messerscharf den Saitenartisten alter britischer Schule und erfreute sich zusammen mit dem völlig aus den Häuschen geratenen Publikum über eine singende, seufzende, leidende, jubilierende Saitenarbeit und feierte einen Protagonisten, der zu tollen Songs gesanglich sein Innerstes nach außen kehrte.

Unterstützt wurde er dabei von einer niederländischen Band, wobei Ruud Gielen am Schlagwerk und Floris Poesse am Bass ein wunderbar agiles wie federndes Rückgrat bildeten und Hilbrand Bos an der Taste willkommene Akzente setzte.

Insgesamt ein fulminanter Auftritt voller Leidenschaft, Spielfreude, hinreißender Soli und genauso hinreißendem Gesang. Das anfangs noch zurückhaltende Publikum warf zunehmend jegliche Zurückhaltung über Bord und stachelte den sichtlich freudig überraschten Sean Webster und seine Mannen zu absoluten Höchstleistungen an, die in offensichtlich drei gar nicht geplanten Zugaben gipfelten. Im Anschluss wurde der Merchandise-Stand geradezu gestürmt … und das völlig zu Recht!

Da hatte es der Haupt-Act des Festivals, Ryan McGarvey aus Albuquerque, New Mexico, tatsächlich schwer, trotz seiner unbestreitbar exorbitanten Fähigkeiten an den Saiten, das Publikum für sich zu gewinnen. Zu introvertiert und mit deutlich zu vielen elektronischen Spielereien ließ McGarvey seine musikalischen Inhalte zerfasern – sie rieselten quasi wie Sand durch die Finger. Er beeindruckte zwar insgesamt am Spielgerät, schredderte auch keinesfalls in der Manier eines Steckel, hatte ein solides neues Rhythmus-Fundament im Rücken, verlor sich aber leider im Effekte-Nirvana der unendlichen Möglichkeiten eines Ausnahmetalents.

Da brauchte es dann im Anschluss zur Beruhigung diverser Synapsen Nervennahrung. Auch diesbezüglich hatte Gerd außergewöhnliches zu bieten: Die weltbesten (Bio-)Pommes, Bio-Bratwurst, würziger Nacken im Brötchen und an der Theke mit einer keine Wünsche offen lassender Getränkeauswahl schließlich verboten leckere selbstgebackene Teigtaschen in verschiedenen Ausführungen … jegliche Selbstdisziplinierung zwecklos!

Da konnte dann der letzte Act des Abends kommen … wieder nach Mitternacht und diesmal eine gemeinhin selbst in Genre- und Nerdkreisen völlig unbekannte Band namens Snakewater aus Manchester.Einzige Konstante ist hier Sänger und Gitarrist Bobby Grant, der unverhohlen zugibt, dass sein großes Idol Gary Moore ist.

Vom Bandnamen her könnte ja eher die weiße Schlange als Bezugsgröße vermutet werden, stattdessen ertönte zur vorgerückten Stunde bluesgrundierter Classic-Rock, neben erwähntem Herrn Moore eher an Bad Company und Free gemahnend, wobei Bobby Grant explizit Paul Kossoff als seinen weiteren Helden pries. Aus Sicht des Verfassers dieser Zeilen gab es hier bei allem Rock-Getöse die eine oder andere Songperle (Eigenbau) des gesamten Festivals zu entdecken!

Das „Guitar Heroes Festival“ in Joldelund wäre nicht komplett, gäbe es da nicht das inzwischen wohl legendäre Akustik-Set zum sonntäglichen Frühschoppen. Diesmal hatte Ryan McGarvey solo und ohne doppelten Boden die Ehre und sammelte dann auch prompt mit seiner Akustischen und fulminantem Spiel die Scherben des Vorabends auf, setzte sie wieder zusammen und fand zu seinen Songs zurück. Das anfangs noch ziemlich müde Publikum – diesmal wie in einem kleinen Theater brav sitzend – wachte zunehmend auf, um schließlich aus dem Gestühl zu schießen. Ryan McGarvey sollte zwingend mal eine Unplugged-Platte machen … dieser vormittägliche Auftritt war Dynamit, Weltklasse und bescherte dem Protagonisten dann doch noch verdiente CD-Verkäufe …

… und ließ insgesamt nur einen Schluss zu: Gerd weiß genau, was „seine“ Zielgruppe gerne hören möchte, denn er selbst verkörpert höchstpersönlich selbige geradezu exemplarisch. Ein durch und durch sympathischer Freak, der im Gegensatz zu vielen anderen mit ganz viel Enthusiasmus, Liebe und Engagement etwas aktiv auf die Beine stellt, um den Gegenstand seiner Begeisterung am Leben halten zu können. Nicht verschwiegen sei hierbei, dass dies ohne die Unterstützung seiner Familie und Freunden sicherlich nicht möglich wäre.

Deshalb sei an dieser Stelle auch darauf hingewiesen, dass es von „Guitar Heroes in Joldelund“ sogar ein Independent-Movie in Kinolänge gibt, welches als eine Art Dokumentation wunderbar den Spirit dieser Veranstaltung veranschaulicht. Gerd sucht latent und fortwährend nach Möglichkeiten, diesen Film präsentieren zu können.

Das Genre-Veteranenquartett jedenfalls ruft uneingeschränkt zu jeder möglichen Unterstützung auf!

(Unser Dank gilt besonders auch Gerhard Harder für das zur Verfügung stellen seiner Fotos!)

Text: Olaf Oetken
Fotos: GH (Gerhard Harder) und HK (Henry Klompmaker)

Gerd’s Juke Joint
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The Brandos – 05.10.2018, Blue Notez, Dortmund – Konzertbericht

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Aus dem Blue Notez Club in Dortmund berichtete SoS ja schön öfter. Da die Location aber am anderen Ende des Ruhrgebiets liegt, hatte es mich noch nie dorthin verschlagen. Für The Brandos – und um den Blue Notez Club mal persönlich kennenzulernen – kämpfte ich mich durch den freitäglichen Feierabendverkehr. Belohnt wurde ich mit einem tollen Konzert in einem ebensolchen Ambiente.

Der Veranstaltungsort liegt im Keller eines Gesamtschulgebäudes. Der Eingang wirkt daher etwas steril, aber sobald man das Gewölbe betritt, findet man sich in einem schön schummrigen Konzertraum wieder. Die niedrige Decke sowie die drapierten Stehtische und Barhocker sorgen dafür, dass man sich direkt heimisch fühlt. Obwohl das Blue Notez sehr gut besucht war, erlebte ich den Abend als sehr entspannt.

Vielleicht lag das auch an dem Publikum, das zusammen mit der Band gealtert ist. Dabei muss Dave Kincaid – dem Bandleader und einzig verbliebenem Gründungsmitglied der Brandos – neidlos zugestanden werden, dass man ihm die 61 Jahre nicht ansieht und auf der Bühne schon gar nicht anmerkt.

Dave Kincaid und seine Weggefährten lieferten ein gewohnt temporeiches Konzert, das einen Querschnitt aus der gut dreißigjährigen Bandgeschichte bot. Kincaid überlegte kurz, wann er das letzte Mal in Dortmund auftrat. Das war wohl anlässlich seiner ersten Tour in Europa 1987. Von ihrem Debüt „Honor Among Thieves“ spielten sie „Gettysburg“ und „Nothing To Fear“, die sich schon damals auf der Setlist fanden.

Seit 1992 nimmt das Album „Gunfire At Midnight“ einen oberen Top-Ten-Platz in meiner persönlichen Liste ein. Neben dem Titelstück, wurden „The Solution“, „The Keeper“, „Anna Lee“ sowie „Ridin‘ The Red-Eye“ geboten. Beim letzten Stück stellte der Frontmann seine Begleiter vor. Wie bei der Tour im vergangenen Jahr standen Gitarrist Frank Giordano und Bassist Sal Maida neben ihm auf der Bühne. Am Schlagzeug arbeitete diesmal Phil DiMarco.

Von dem dritten Album „Light Of Day“ streute die Band neben dem titelgebenden Song noch „Fight For Love“ und das wunderbar sanfte „Love Of My Life“, das Kincaid und Girodano lediglich mit ihren Gitarren begleiteten, ein.

Der Longplayer „Over The Border“ (2007) war mit „The Only Love I Can Get”, „Let It Go”, „She’s The One” und „Over The Border” selbst vertreten. Den Abschluss des Hauptsets und die erste Zugabe bestritten „The Siege“, „Pass The Hat“ und „Can’t Go Home“ vom 1996er-Album.

Nachvollziehbar ist, dass überproportional viele Titel von der aktuellen Veröffentlichung „Los Brandos“ stammten. Die drei Auskopplungen „Suffer In Silence“, „Señor Coyote“ und „What Kind Of A World“, das Kincaid solo performte, standen ebenso auf dem Programm wie „Woodstock Guitar“ und die beiden spanisch gesungenen Stücke „Querer A Los Niños“ und „Maligna Presencia“. In Vergleich zur Tour im Vorjahr sind allerdings „Bella Encantadora“ und „These Troubled Times“ weggefallen.

The Brandos haben es krachen lassen. Nicht nur die Lautstärke war ordentlich, sondern auch das, was die Band spielte, erzeugte gehörig Druck. Die Qualität der einzelnen Songs steht für mich sowieso außer Frage. Auf alle Fälle machten The Brandos mit ihrem Konzert Werbung für ihren Backkatalog, der durch Blue Rose Records aktuell komplett als Silberlinge und größtenteils ebenfalls auf Vinyl wiederveröffentlicht wurde.

Der Blue Notez Club hat ein abwechslungsreiches Programm, bei dem der Rock und auch der Southern Rock nicht zu kurz kommen. Ein Besuch, selbst wenn die Anreise etwas länger dauern sollte, lohnt sich. Ein schöner Nebeneffekt war, dass ich den Hausfotografen Peter Schepers kennenlernen durfte. Gedankt sei an dieser Stelle Lothar von Blue Notez für die unkomplizierte Akkreditierung.

Line-up:
Dave Kincaid (lead vocals, guitars)
Frank Giordano (guitars, hamonica, vocals)
Sal Maida (bass, vocals)
Phil DiMarco (drums, vocals)

Bilder: Peter Schepers
Bericht: Michael Segets

Deutsche The Brandos-Fanpage
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Blue Notez Dortmund

Sari Schorr – Never Say Never – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Für die US-Amerikanerin Sari Schorr war die Entstehung ihres zweiten Longplayers nicht nur ein produktiver Prozess, sondern auch eine rastlose Reise mit vielen neuen Erfahrungen. Seit ihrem Debütalbum „A Force of Nature“ (2016) hat die New Yorkerin in fünf verschiedenen Ländern gelebt und ihre Erlebnisse auf „Never Say Never“ verarbeitet. USA, Spanien, Bath (UK), Deutschland, Wales, Skegness (UK), Frankreich und Norfolk (UK) waren ihre Stationen, während sie neue Songs geschrieben hat.

Nachdem für das Debüt noch der britische Star-Produzent Mike Vernon (u.a. David Bowie, Eric Clapton, Savoy Brown) verantwortlich war, hat Sari Schorr diesmal ihren Co-Songwriter Henning Gehrke als Produzenten verpflichtet, wobei sie darauf bestand, alle Songs live im Studio in Norfolk einzuspielen. Herausgekommen ist eine schnörkellose Blues-Rock-Scheibe, der man anmerkt, dass viele Tracks autobiographische Inhalte und Erfahrungen widerspiegeln.

Der Opener „King Of Rock And Roll“ ist eine Huldigung an den Mythos des legendären King of the Delta-Blues Robert Johnson. Auf dem temperamentvollen, rauen „Valentina“ und dem rockig lärmenden „The New Revolution“ ist sie gesangstechnisch auf einer Wellenlänge mit Beth Hart. Mit der gelungenen Cover-Version der alten Mick Ralphs-Nummer „Ready For Love“, bekennt Sari sich als ausgesprochene Verehrerin von Bad Company und Paul Rodgers.

Die ausgebildete Opernsängerin hat auf „Never Say Never“ den Blues-Weg des Vorgängers ein wenig verlassen, zugunsten eines melodischen Mainstream-Blues-Rock-Sounds, wie auf dem keyboardlastigen „Turn The Radio On“, dem persönlichen „Back To L.A.“ oder dem gesellschaftskritischen Protest-Song „Freedom“, in dem sie mit bluesigem Hard-Rock zur Regulierung von Schusswaffen aufruft. Sari beendet das Album mit Ex-Small Faces – Ian McLagans traurig-tiefgreifender Song-Perle „Never Say Never“, die als Denkanstoß-Titel die CD nochmals prägt.

„Das Leben ist eine Reise“, sagt Sari Schorr – so wie auch ihr neuer Longplayer „Never Say Never“. Eine Reise durch den melodischen Blues Rock. Sari Schorr legt ein leidenschaftliches und mitreißendes Album vor, dass sie zurecht als neue Stimme des Blues etabliert. Ihre Singer/Songwriter-Qualitäten und ihr inzwischen gewachsener Status als Front-Frau der hochklassigen Begleitband offenbaren das Selbstbewusstsein dieser großartigen Künstlerin und verleihen dem Album die Note „unbedingt empfehlenswert“. Gleiches gilt für die in Kürze stattfindende Konzert-Tournee!

Manhattan Records (2018)
Stil: Blues Rock

01. King Of Rock And Roll
02. Thank You
03. Ready For Love
04. Valentina
05. The New Revolution
06. Beautiful
07. Turn The Radio On
08. Maybe I’m Fooling
09. Back To LA
10. Freedom
11. Never Say Never

Sari Schorr
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Brooke Lynn Promotion

Will Hoge – My American Dream – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

In Zeiten weitgehender sozialer Umwälzungen in den USA hat die Auseinandersetzung mit der politischen Ausrichtung des Landes auch in der Musikszene Einzug gehalten. Protestsongs gegen Donald Trump von Eminem („Campaign Speech“), Bruce Springsteen & Joe Grushecky („That’s What Makes Us Great“) oder Ryan Adams („Doomsday“) sind auch in den Charts erfolgreich.

Die zum Teil konservativ geprägte Country-Szene hielt sich bislang aus dem Politikfeld eher zurück. Will Hoge hingegen, ist einer der wenigen Stars des Country-Business, die immer wieder ihre politische Meinung auf Platten und im Social Media-Bereich zum Ausdruck bringen. Grund genug für Hoge in turbulenten Zeiten jetzt eine neue Scheibe zu veröffentlichen.

Auslöser für die Produktion dieses Longplayers war das Schulmassaker von Parkland, Florida. Als Vater von zwei Kindern war Hoge besonders von diesem Amoklauf betroffen und wollte seine Kritik gegenüber den bestehenden Waffengesetzen auch öffentlich äußern. Die Angst und die Sorge um seine Söhne (11 und 7 Jahre alt) und seine Ehefrau, die als Lehrerin arbeitet, trieb Hoge zum Schreiben.

Die Themen dieses Protest-Albums, mit denen Hoge sich auf „My American Dream“ auseinandersetzt, sind aber vielschichtiger und betreffen nicht nur die unzureichenden Waffengesetzte, sondern auch die Arbeit der Grenzpolizei, die Korruption in der Politik, die Armut breiter Bevölkerungsteile und das vernachlässigte Bildungssystem. Themen, die regelmäßig in den USA u.a. von Neil Young, Rich Hopkins oder Billy Bragg in England aufgegriffen werden.

Die schöne Akustik-Ballade „Thoughts and Prayers“ war der erste Song, den er fertiggestellt hatte und der als Vorab-Single erfolgreich war. Der Opener-Track „Gilded Walls“ ist mit klaren Vorwürfen und Aufforderungen an die Politik gespickt: “It’s clear you don’t care about the folks down here. Indside your Gilded Walls.“ Auf „Stupid Kids“ unterstützt er die Parkland Schüler-Bewegung, die sich gegen die laschen Waffengesetze richtet („Keep your feet marching. Raise up your voice don’t quit. Keep doin‘ what you’re doin‘. Keep being stupid kids“).

„Still A Southern Man“ ist ein nachdenklicher Song über seine Kindheit, als er in der Schule regelmäßig mit Rassismus konfrontiert wurde. In den Stücken „My American Dream“ und „The Illegal Line“ befasst sich Will Hoge mit der Einwanderungsproblematik und den Arbeitsverhältnissen in den USA und versetzt sich in die Charaktere von Betroffenen, ähnlich wie es Bruce Springsteen 1995 auf „Ghost Of Tom Joad“ getan hatte.

Der „Wut-Track“ auf der Platte ist der letzte Song „Nikki’s A Republican Now“, der durch seinen aufwühlenden Sound nachwirkt und von der Machart an den Musik-Aktivisten Tom Morello erinnert.

Das Album verkörpert Hoges Trauer und Wut über die bestehenden sozialen und politischen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten. Immer wieder singt er sich den Frust und seine Unzufriedenheit von der Seele und adressiert seine Lieder an Politik und Regierung. „My American Dream“ ist daher nicht nur ein musikalisches Ausrufezeichen, sondern vielmehr auch ein politisches Statement eines besorgten und engagierten Künstlers.

EDLO Records (2018)
Stil: Alternative Country / Southern Rock

01. Gilded Walls
02. Stupid Kids
03. Still A Southern Man
04. Oh Mr. Barnum
05. Thoughts & Prayers
06. My American Dream
07. The Illegal Line
08. Nikki’s A Republican Now

Will Hoge
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Oktober Promotion

John Campbelljohn – 01.10.2018, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

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Pünktlich um 20:30 betrat der Kanadier John Campbelljohn nach der Anmoderation vom Kulturrampenchef „Pille“ Peerlings zusammen mit seinem langjährigen Schlagzeuger Neil Robertson die dreieckige Bühne der Kulturrampe. Zuletzt war er dort vor ca. vier Jahren zu Gast und muß wohl beim Publikum einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, die Kulturrampe war jedenfalls für einen Montagabend erstaunlich gut gefüllt.

Das Duo benötigte kaum Zeit zum Warmlaufen, die Funken sprangen direkt auf die anwesenden Zuhörer über. Geboten wurde ein kurzweiliger und Dank der Kommunikationsfreudigkeit von John Campbelljohn unterhaltsamer Abend, bestehend aus zwei einstündigen Sets mit kurzer Pause und natürlich einigen Zugaben.

Musikalisch bestachen die beiden durch ihre immense Spielfreude, mit der sie ihre Setlist, gefüllt mit Songs aus den Bereichen Blues, Rock’n’Roll und Blues Rock, zu Gehör brachten. Selbst Klassiker wie „Whole Lotta Love“, „You Can’t Always Get What You Want“, „Hey Joe“ und „Shake Your Moneymaker“ wirkten, im neuen Blues-Gewand und mit Slidegitarre gespielt, erfrischend neu. Dabei produzierten die beiden klanglich erstaunlich viel Druck, und das ganze ohne Verstärkung durch einen Bassisten.

Alles in allem ein tolles Konzert in der Kulturrampe mit vernünftiger Lautstärke, das lange in Erinnerung bleiben wird.

Line-up:
John Cambelljohn (lead vocals, electric guitar, lap steel)
Neil Robertson (drums,vocals)

Text und Bilder: Jörg Schneider

John Campbelljohn
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Kulturrampe Krefeld
Jörg Schneider Webseite

J.P. Harris – Sometimes Dogs Bark At Nothing – CD-Review

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Review. Michael Segets

J.P. Harris sagte einmal, er mache Countrymusik – nicht mehr und nicht weniger. Mit diesem Statement grenzt sich Harris gegen diejenigen ab, die im Country mehr sehen wollen als Musik. Selbstbewusst wendet er sich aber auch gegen diejenigen, die versuchen, dem Country – da er unter dem Generalverdacht steht, wenig originell zu sein – eine besondere künstlerische Note zu geben.

Festzuhalten bleibt: Per se ist Country weder moralisch noch musikalisch minderwertig. J.P. Harris spielt Country und das macht er auf „Sometimes Dogs Bark At Nothing“ wieder konsequent und gut.

Mit dem Titelstück zelebriert J.P. Harris – der hier streckenweise eine gehörige Portion Vibration in seine Stimme legt – eine akustische Country-Ballade, die im wesentlichen vom Slide einer Pedal-Steel getragen wird. Auf „Miss Jeanne-Marie“ geben kräftige Klavier-Akkorde den Rhythmus vor. Der Track ist ziemlich stark, aber das akzentuierte Schlagzeug, die kurzen Gitarrenpassagen und die harmonische weibliche Begleitstimme machen das rootsige „Runaway“ zu meinem Favoriten unter den langsameren Songs.

Hier lässt Harris, der als Jugendlicher von zuhause fortgelaufen ist, autobiographische Erfahrungen einfließen. Diese scheinen auch bei „When I Quit Drinking” und „I Only Drink Alone” durch. Der zweitgenannte Titel versetzt atmosphärisch ebenso wie „Long Ways Back“ in einen Nachtclub, in dem die letzten Gäste in den frühen Morgenstunden über den Lauf der Dinge sinnieren.

Westcoast-Feeling versprüht „Lady In The Spotlight“. Dabei rechnet Harris im Text mit den Teilen der Musikindustrie ab, die vor allem bei Frauen mehr Wert auf Äußerlichkeiten legen als auf musikalisches Talent.

Harris_VIPNeben den unterschiedlich angelegten Balladen finden sich drei Country Rock-Songs auf dem Longplayer, die zusätzlich für Abwechslung sorgen. So startet das Album mit „JP’s Florida Blues #1“. Das Video zeigt, dass eine gute Idee und kein großer Aufwand oder High-Tech benötigt wird, damit es unterhaltsam ist. In der Mitte der CD nimmt „Hard Road“ Fahrt auf. Den Schlusspunkt des Werks setzt das rumpelnde „Jimmy’s Dead And Gone“. Alle drei Stücke stellen sehr gelungene Genrebeiträge dar.

Musikalisch bleibt sich J.P. Harris treu. Allerdings ging er bei der Produktion von „Sometimes Dogs Bark At Nothing“ neue Wege. Er spielte das Album nicht mit seiner Begleitband The Tough Choices ein, sondern schickte ausgewählten Musikern Demo-Tapes mit der Bitte, ihre Ideen bis zum Studiobesuch für sich zu behalten.

Erst im Studio trafen die Musiker aufeinander und dort entstanden dann die vorliegenden Versionen ohne große Probenzeit. Obwohl manche Songs schon etwas älter sind – der letzte Longplayer von J.P. Harris wurde vor vier Jahre veröffentlicht – entwickelten sie sich bei der Aufnahme spontan.

J.P. Harris steht in der Tradition des Country und sein aktueller Tonträger beweist, dass es lohnt, diese fortzuführen. Nicht auf Hochglanz poliert, sondern ehrlich und ungeschliffen wirkt auch sein Auftreten.

Er geht mit „Sometimes Dogs Bark At Nothing” auf Tour und kommt für drei Konzerte nach Deutschland. Nach den umjubelten Auftritten in der Kulturrampe in den beiden vergangenen Jahren besucht Harris die Krefelder Kultstätte erneut am 05.11. In Hamburg und Altlandsberg steht er am 23. und 24. November auf der Bühne.

Free Dirt Records/Galileo Music (2018)
Stil: Country

Tracks:
01. JP’s Florida Blues #1
02. Lady in the Spotlight
03. When I Quit Drinking
04. Long Ways Back
05. Sometimes Dogs Bark at Nothing
06. Hard Road
07. I Only Drink Alone
08. Runaway
09. Miss Jeanne-Marie
10. Jimmy’s Dead and Gone

J. P. Harris
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Free Dirt Records

Doyle Bramhall II – Shades – CD-Review

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Review: Gernot Mangold

Für den hiesigen musikalischen Mainstream ist der mittlerweile fast 50-jähhrige Doyle Bramhall ll eher einer Randerscheinung. Wer sich aber mit der Vita des amerikanischen Musikers genauer befasst, wird erkennen, dass Doyle durchaus als eine absolute Größe zu sehen ist.

Schon mit Anfang 20 begann seine musikalische Karriere mit den Arc Angels, wo seine Mitstreiter Chris Layton und Tommy Shannon alias Double Trouble keine geringeren als die damalige Rhythmussektion  von Stevie Ray Vaughan waren. Danach brachte Bramhall II zwei Soloalben auf den Markt und etliche namhafte Musikkoryphäen erkannten seine Qualitäten als Gitarrist, Songwriter, aber auch als Produzent.

So arbeitete er in verschiedenen Funktionen unter anderem für Sheryl Crow, Roger Waters, der Dereck Trucks Band, der Tedeschi Trucks Band, Gregg Allman und nicht zuletzt lange Zeit bei Eric Clapton mit. 2016 brachte er mit „Rich Man“ sein viertes Soloalbum heraus, welches von den Kritikern schon hochgelobt war.

Nun erscheint mit „Shades“ der Nachfolger, in dem Bramhall II wieder seine Klasse als Songwriter, Gitarrist und auch Sänger beweist. Die 12 Songs sind so vielfältig, wie die Stile der Musiker, mit denen er zusammen gearbeitet hat.

Als Einstieg in die Platte wählte der Texaner mit „Love And Pain“ einen psychedelisch angehauchten Rocksong, der in machen Phasen auch an David Bowie erinnert, und in dem er die Waffengewalt in den USA thematisiert, was ihn für mich, unabhängig von seiner Musik, in ein sehr positives Licht stellt. „Hammer Ring“ setzt die Art des Opener fort, wird aber in ein Gewand von härteren Gitarren gelegt.

Danach wird es etwas ruhiger und bei „Everything You Need“ kann sehr schön herausgehört werden, dass der Protagonist nicht umsonst jahrelang als die musikalisch rechte Hand Claptons galt, was nicht nur daran liegt, dass Mr. Slowhand selbst bei dieser sehr melodischen R&B-Nummer als Unterstützer mitwirkt.

„London To Tokyo“ fährt ähnlich fort, wobei dieser Track fast schon episch daherkommt. Ein Lied zum Träumen. Das bluesige Duett „Searching For Love“ mit Norah Jones als Gastmusikerin lässt Reminiszenzen an langsame Songs von Derek and the Dominos aufkommen.

Seine Kollegen von The Greyhounds aus Austin unterstützen ihn bei „Live Forever“, um den Zuhörer jäh aus seinen Phantasien zu reißen. Es wird schneller und rockiger. Die Gitarren werden „dreckiger“ gespielt, leichte psychedelische Züge sind wieder zu erkennen.

Mit „Break Apart To Mend“ wird es wieder ruhiger und DB2 reduziert die Begleitung auf das notwendigste, wobei ein Piano im Vordergrund steht und Gitarren nur vereinzelt im Hintergrund bemerkbar sind. Eine fast schon melancholische, aber wunderschöne Ballade, die dann mit einem virtuosen Gitarrensolo beendet wird.

Das folgende „She’ll Come Around“ eine bluesrockiges Midtempo-Stück, ähnelt in machen Passagen der Musik, als Jeff Lynne Größen wie George Harrisson produzierte, was sich auch bei „The Night“ fortsetzt.

„Parvanah“ unterbricht die vorherige Ruhe und musikalische Harmonie erneut. Es wird psychedelisch, zum Teil orientalische Einklänge und fast jazzige Züge zum Ende sind ein Alleinstellungsmerkmal auf diesem Album, ohne dass man den Eindruck hat, es wäre einfach dazugeschustert. In „Consciousness“ gelingt es Bramhall II verschiedenste Stile, vom Blues, über Americana, Folk, Pop oder Polka zu verschmelzen. Man ist überrascht, dass bei diesem Mix eine Harmonie gelingen kann.

Den Abschluss dieses großen Albums bildet eine bluesige Country-Southern-Nummer mit epischen Ausprägungen. „Going Going Gone“, eingespielt mit einer der zur Zeit größten amerikanischen Acts, der Tedeschi Trucks Band, kann fast schon als Hymne des Albums gesehen werden. Besonders beeindruckend die verschiedenen Soli, die zum Teil auch bei Pink Floyd gefallen würden. Diesen Song stelle ich mir in einer ‚Extended Version‘ als Hammerabschluss eines Livekonzertes vor.

Diese CD ist eine absolute Kaufempfehlung für Fans der Musik, an der Doyle Bramhall II mitgewirkt hat. Gespannt darf man sein, wie er diese Sachen live präsentieren wird. Er hat auf jedem Fall angekündigt, sich sehr zu freuen, sie für seine Fans auf der Bühne zu performen. Wenn dies der Fall ist, ist ein Besuch mit Sicherheit ein musikalischer Hochgenuss, was er schon bei seinem Dortmunder Konzert vor gut anderthalb Jahren bewiesen hatte.

Mascot Label Group (2018)
Stil: Rock & More

01. Love And Pain
02. Hammer Ring
03. Everything You Need
04. London To Tokyo
05. Searching For Love
06. Live Forever
07. Break Apart To Mend
08. She’ll Come Around
09. The Night
10. Parvanah
11. Consciousness
12. Going Going Gone

Doyle Bramhall II
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Colin James – Miles To Go – CD-Review

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Von Colin James besaß ich bis dato genau eine Scheibe und zwar „Fuse“ aus dem Jahr 2000. Ein heute immer noch zeitloses, durchgehend starkes Rock-Album, mit u. a. den zwei Killerballaden „Hated When I See You Cry“ und „Of All The Things To Throw Away“, das ich auch heute noch jedem Hörer guter Musik nur wärmstens empfehlen kann.

Warum ich mich mit dem aus Regina, Sasketchawan, stammenden Kanadier danach nicht weiter beschäftigt habe, ist mir teilweise selbst ein Rätsel, aber wohl größtenteils meinem schnelllebigen Rezensenten-Leben geschuldet. Wenn man aus irgendwelchen Gründen mit so manchen Künstler nicht wieder direkt konfrontiert wird, fällt er im Wust der ganzen heutigen Veröffentlichungen manchmal einfach durchs Raster, sollte er auch noch so einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben.

Mittlerweile sind jetzt fast 20 Jahre vergangen und da liegt vor kurzem tatsächlich ein neues Werk, des umtriebigen und vielseitigen Musikers in meinem Briefkasten. Der Beipackzettel offeriert mir, dass Colin sich in letzter Zeit altbekannter Blues-Recken verschrieben hat und dies schon auf seinem letzten Silberling „Blue Highways“, als auch jetzt, mit „Miles To Go“ ‚dokumentiert‘ hat.

Und so stammen „One More Mile“, das quasi als Center-Stück, den Longplayer in einer elektrischen und akustischen Version zu Anfang und Ende einrahmt, sowie „Still A Fool“  von einem gewissen McKinley Morganfield, Blues-Anhängern natürlich als Muddy Waters in Haut und Haare übergegangen.

Für die Instrumentierung auf seinem 19. Longplayer hat sich James, der natürlich singt und die elektrischen Gitarrenparts vornehmlich auf einer Gibson ES-335 eingespielt hat, Leute wie Geoff Hicks, Steve Pelletier, Jesse O’Brien, Chris Cadell, Steve Mariner (mit markanter Harmonica-Präsens), Jerry Cook, Rod Murray, The Sojourners (BGV), Colleen Rennison und Colin Nairne ins Studio geholt. Aus alten „Fuse“-Zeiten halten ihm auch heute noch Simon Kendall (Hammond Organ) und Steve Hiliam (Tenor Saxophone) die Treue.

Die neu arrangierten Tracks von damaligen Größen wie u. a. Howlin‘ Wolf, Blind Willie Johnson, John Mertis und Little Willie John (mit dem Southern Rock-Fans auch durch die Allman Brothers bestens bekannten „Need Your Love So Bad“)  oder Robert Johnson, haben ihren besonderen Reiz durch die wesentlich modernere und kräftigere Umsetzung  (teilweise mit zünftig plusternder Bläserfraktion) und Wirkung, auch natürlich dank heutiger technischer Aufnahmestandards.

Highlights für mich persönlich sind allerdings die beiden Stücke aus James‘ eigener Feder. Das slow-bluesige „I Will Remain“ eröffnet sofort Assoziationen an Peter Greens „In The Sky“-Comeback-Zeiten und „40 Light Years“ groovt leicht und lässig in bester J.J. Cale-Manier zu Stratocaster-Klängen vor sich hin.

Auch wenn mir persönlich, ehrlich gesagt, ein Colin James im „Fuse“-Stil etwas mehr zusagt, ist „Miles To Go“ doch ein Album, das im Blues-Kontext für sich gesehen, natürlich ein Klasse-Teil geworden ist und der geneigten Klientel bestens gefallen sollte. Bleibt zu hoffen, dass der Weg des Kanadiers noch viele musikalische Meilen beinhalten wird, und, sofern man mich hoffentlich mit der Nase drauf stößt, gerne dann auch wieder mit der einen oder anderen zukünftigen Rezension…

True North Records (2018)
Stil: Blues Rock

01. Miles To Go
02. Still A Fool
03. Dig Myself A Hole
04. I Will Remain
05. 40 Light Yeras
06. Ooh Baby Hold Me
07. Black Night
08. Soul Of A Man
09. See That My Grave Is Kept Clean
10. I Need Your Love So Bad
11. Miles To Go (Acoustic version)

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Rich Webb – Le Rayon Vert – CD-Review

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Review: Michael Segets

Das Video zur ersten Single „Let It Rain” des Albums „Le Rayon Vert” von Rich Webb zeigt ein Konzert der besonderen Art. Auf alle Fälle machte es mich neugierig und Netinfect Promotion sendete mir ein Bemusterungsexemplar der CD.

Der genannte Rocksong eröffnet dann auch scheppernd mit einer Prise Garage, trockener Gitarre und coolem Gesang die Scheibe. Er ist das Highlight des Albums. Das Tempo der meisten Tracks ist langsam oder im mittleren Bereich angesiedelt und hält nicht die Power des Openers. Dafür überrascht Rich Webb mit schönen Melodien sowie mit Varianten im Songwriting und in der Instrumentalisierung.

„Stray Horse Canyon” ist so ein Song, der zunächst einfach anfängt, dann aber durch ein unerwartetes Saxophon mit Hörgewohnheiten bricht. Jon Webb spielt das Instrument und auch sonst bindet Rich Webb seine Familie beispielsweise im Background gelegentlich ein. Sein älterer Bruder David Eugene Webb ist der ständige Drummer der Band.

Die gelungenen Balladen „Our Love, It Don’t Live Here Anymore“ und „Letter To My Replacement (Whoever That My Be)” verzichten auf große Experimente. Sehr schön sind dabei die Akzente, die die E-Gitarren, die Percussion oder die Orgel setzen. Die Arbeit an den Tasteninstrumenten und Gitarren teilen sich Rich Webb und Phil Wakeman. Fest zur Band gehört zudem Bassist George-Savva Georgiou.

Beinah sphärische Klänge, Disharmonien und Brüche in der Melodie rückt „Stoner“ in Independent-Regionen. Mit dem sechs Minuten dauernden Stück kann ich mich nicht so recht anfreunden. Ähnlich geht es mir mit dem Ende von „Me And My Horse Trigger“. Der Track gipfelt in ein seltsamen Miteinander von Klavier, Bläsern und Percussion. Nahtlos geht der anfänglich gut hörbare Song in „The Good Life“ über. Auf diesem Titel, bei dem Webb einen Weg in Richtung Jazz einschlägt, dominiert das Piano und ein auffälliger Backgroundgesang.

Das kurze „The So Called Earl ( ) Palmer” kommt instrumental im dynamischen Big-Band-Sound daher. „Come Home Baby, Get A Job” ist über weite Teile ein sehr schönes Stück, dann baut Webb aber ein Akkordeon ein, das einen Dreivierteltackt aufnimmt und etwas von Zirkus- oder Karussell-Musik hat.

Mehrmals entziehen sich die Kompositionen der eindeutigen Klassifizierung. Von der Grundanlage sind die meisten Songs dem Americana zuzuordnen. Rich Webb greift darüber hinaus auf Elemente anderer Musikrichtungen zurück. Vielleicht gewinnen die musikalischen Innovationen nach mehrmaligen Hören, aber jemand wie ich, der sich für eher gradlinige Musik begeistert, wird wohl die Tracks lediglich in Auswahl hören.

Zu den Songs, die für mich und die meisten SoS-Leser wahrscheinlich passen, zählen die Coverversion von „Shaggy Dad“, die mit einer gehörigen Portion Twang und Slide-Guitar-Begleitung überzeugt, und „Shenandoah“. Der Song mit Violine, Banjo, Mandoline und Trommelwirbeln trifft sicherlich ins Herz der Americana-Fangemeinde.

Leuten, denen reine Americana-Musik musikalisch zu langweilig ist, sollten in das fünfte Album von Rich Webb herein hören. Es bietet für sie vielleicht interessante Varianten und Ausflüge in andere Genres. Aber auch diejenigen, die sie lieber traditionell mögen, werden auf „Le Rayon Vert“ fündig.

Rich Webb nahm „Le Rayon Vert“ in Frankreich und Deutschland auf. Der Australier holte ich als Mitproduzenten Howard Bargroff (Frankie Goes To Hollywood, Grace Jones) ins Boot. Das Mastering wurde von Pete Lyman (Tom Waits, Ben Harper, Chris Stapleton) übernommen.

Zu vermuten ist, dass die experimentellen Klänge bei Konzerten stärker in den Hintergrund treten. Da Rich Webb im Oktober durch Deutschland und die Schweiz tourt, kann man sich vor Ort ein Bild davon machen, ob meine Spekulation zutrifft.

All Killer Music (2018)
Stil: Americana and more

Tracks:
01. Let It Rain
02. Stray Horse Canyon
03. Our Love, It Don’t Live Here Anymore
04. Letter To My Replacement (Whoever That My Be)
05. Stoner
06. The So Called Earl ( ) Palmer
07. Shaggy Dad
08. Come Home Baby, Get A Job
09. Shenandoah
10. Me And My Horse Trigger
11. The Good Life

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All Killer Music

Layla Zoe – Gemini – CD Review

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Review: Jörg Schneider

Wer Layla Zoe schon mal live auf der Bühne erlebt hat, weiß mit welcher Power und Hingabe sie ihre Songs zusammen mit ihrem langjährigen Gitarristen Jan Laacks performt. Dort fühlt sie sich zu Hause und genießt den direkten Kontakt zum Publikum. Da wundert es auch nicht, dass die Studioarbeit nach eigenem Bekunden nicht zu ihren Präferenzen zählt. Für sie war es daher naheliegend, wieder an ihre frühere Zeit als Independent-Künstlerin anzuknüpfen, um der Enge eines von Plattenfirmen vorgegeben Aufnahme-Locations zu entkommen.

Daher war ihr Entschluss, eine Platte ganz ohne künstlerische Zwänge zusammen mit Jan Laacks in Eigenverantwortung einzuspielen und von ihrem Gitarristen produzieren zu lassen, nur eine Frage der Zeit. Die so gewonnene Freiheit gab ihr jetzt die Möglichkeit ihre Kreativität ohne Einschränkungen auszuleben. So ist nun ihr 13. Album entstanden, welches am 5. Oktober in die Läden kommt.

Zwillingen sagt man ja nach, dass sie zwei Seelen in ihrer Brust beherbergen, was ich als geborener Zwilling voll und ganz bestätigen kann 🙂 … Und natürlich trifft dies auch auch auf Layla Zoe zu, schließlich hat sie am 26. Mai das Licht der Welt unter dem Sternkreiszeichen des Zwillings erblickt.

Wohl deshalb zeigt „Gemini“, so ist ihr neues Werk betitelt, zwei völlig unterschiedliche musikalische Seiten ihrer Persönlichkeit, insgesamt 20 Tracks auf zwei Discs. Sogar das schicke, in rot gehaltene Albumcover orientiert sich grafisch am Zwillingsdasein und baut eine weitere Brücke zur rothaarigen Layla Zoe, dem Firegirl.

Auf der ersten CD des Doppelalbums kehrt Layla Zoe zu ihren Wurzeln zurück, um die zarte und zerbrechliche Seite ihrer Stimme zu zeigen. Treffender Weise heißt die CD dann auch „Fragility“. Es ist in weiten Teilen eine Hommage an den Delta-Blues mit Jan Laacks an der Akustikgitarre der diesen mit schönen Slide-Einlagen („I’ll Be Reborn Blues“, „Turn This Into Gold“, „The Deeper They Bury Me“ „The Good Life“ und „Freedom Flowers“) verfeinert.

Ebenfalls hörenswert sind das ruhige, dahinplätschernde und folkmäßig angehauchte „I Can’t Imagine My Life Without You“, sowie das tranceartige „Mumbai“ mit Weltmusik-Anleihen. Auf dem letzten Stück der ersten Scheibe „Rainbow Pacman And Unicorns“, einem Song mit Schmetterlinge-im-Bauch-Feeling, wird Layla von Jan Laacks nur an der Ukulele begleitet, einfach toll.

Im krassen Gegensatz dazu steht die zweite CD „Courage“. Hier gibt sich Layla Zoe der elektrischen Seite Ihrer Seele hin. Die überwiegend hammerharten Stücke bieten straighte Gitarrenriffs und kommen für Laylas Verhältnisse äußerst rockig, heavy und basslastig daher, immer getragen von ihrer kraftvollen, teils rauen, Stimme.

Eine wohltuende Abwechslung bieten auf der zweiten CD die sehr schöne, melodiöse Ballade „Roses And Lavender und der Slowblues „Are You Still Alive Inside“. Mit „Little Sister“, einem sehr persönlichen Song, setzt die Protagonisten dann zum Abschluss noch mal einen hoffnungsvollen, ja geradezu glücklichen Akzent.

Ursprünglich hatte ich eigentlich in musikalischer Hinsicht nicht allzuviel Neues von Layla Zoe’s 13. Album erwartet. Umso überraschter war ich dann, nachdem ich „Fagility“ gehört hatte. Zeigt diese Scheibe doch eine Seite von Layla Zoe, die in dieser eindringlichen Form von ihr bisher nicht wirklich oft zu hören war.

Von beiden Gemini-CD’s ist „Fragility“ nach meinem Empfinden eindeutig die bessere Hälfte des Doubleplayers. Allein wegen dieser Scheibe lohnt der Kauf, die ‚elektrische‘ Layla Zoe gibt’s dann als zweite CD gratis dazu.

Und last, but not least, darf auch das Zutun von Jan Laacks nicht vergessen werden. Er ist ein Ausnahmegitarrist, der hier wie so oft seine Talente an der Akustik- und Stromgitarre, ebenso wie an der Ukulele, unter Beweis stellt. Ohne ihn wäre das Album nicht das, was es ist. Laacks und Zoe sind halt ein seit Jahren perfekt eingespieltes Team.

Line up:
Layla Zoe – lead vocals, harmonica, back up vocals
Claus Schulte – drums on tracks 1-3 und 2-10
Dirk Sengotta – drums on all other tracks
Jan Laacks – all other instruments and back up vocals

Eigenproduktion (2018)
Stil: Blues/Rock

Tracks CD 1: „Fragility“
01. She Didn’t Believe
02. I’ll Be Reborn Blues
03. Turn This Into Gold
04. The Deeper They Bury Me
05. Mumbai
06. The Good Live
07. I Can’t Imagine My Life Without You
08. Freedom Flowers
09. Let Go
10. Rainbow Pacman And Unicorns

Tracks CD 2: „Courage“
01. Wellness
02. Dark World
03. Ghost Train
04. Bitch With The Head Of Red
05. Gemini
06. Roses And Lavender
07. White Dog
08. Automatik Gun
09. Are You Still Alive Inside
10. Little Sister

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