Kiefer Sutherland – Bloor Street – CD-Review

Review: Michael Segets

Künstlerische Begabungen sind häufig nicht auf einen Bereich beschränkt. John Mellencamp malt, Bryan Adams fotografiert, Little Steven schauspielert. Auch einige Schauspieler und Schauspielerinnen wagen sich an die Musik. Häufig schwingt dabei das Vorurteil mit, dass die in einem Feld erworbene Popularität ausgenutzt wird, um ein Hobby zu vermarkten. Dieser Verdacht bestätigt sich aber nicht immer. Beispielsweise Kevin Costner, Billy Bob Thornton mit The Boxmasters oder Kiefer Sutherland zeigen, dass sie auch musikalisch etwas zu bieten haben und dort professionell unterwegs sind.

Kiefer Sutherlands zweiter Longplayer „Reckless & Me” überzeugte auf ganzer Linie und verzeichnete vor allen Dingen in Großbritannien mit Top-Ten-Plazierung in den Album-Charts und dem Spitzenplatz auf der Country-Liste Erfolge. Drei Jahre nach dieser Scheibe legt der Kanadier nun mit „Bloor Street“ nach, wobei ihm wieder ein lohnendes Werk gelungen ist.

Sutherland widmet sich nun eher dem Heartland Rock als dem Country. Lediglich der letzte Track „Down The Line“, der an Scott Miller erinnert, trägt deutliche Country-Züge. „Two Stepping In Time“ weckt hingegen Reminiszenzen an Bruce Springsteen und sein Album „Tunnel Of Love“ in den ausgehenden 1980ern. Fast alle Titel bewegen sich im mittleren Tempobereich und folgen in ihren Strukturen dem klassischen Songaufbau, sodass sie in drei bis vier Minuten durchgespielt sind. Sutherland kennt die Ingredienzien guter Songs und verzichtet auf Experimente. Dabei erzeugen Keys manchmal einen volleren Klang („Lean Into Me“), manchmal konzentriert sich Sutherland auf einen erdigen, rootsrockigen Sound („Set Me Free“). Durch einen R&B-Groove sticht „Goodbye“ unter den Titeln hervor.

Beim nostalgischen Titeltrack, der zugleich als erste Single fungiert, geht es um die Rückkehr zu den Stätten der Kindheit und Jugend. Meist beschäftigen sich die Songs aber mit unterschiedlichen Stationen von Beziehungen („Chasing The Rain“, „Nothing Left To Say“). Besonders gelungen fängt „So Full Of Love“ die Schmetterlinge im Bauch ein, die eine frische Liebe mit sich bringen. Der lockere Song geht direkt ins Ohr. Vom Storytelling her gesehen, ist „County Jail Gate“ der anspruchsvollste Song. Mit dem Reinrutschen in eine Verbrecherkarriere und dessen Konsequenzen greift Sutherland einen Themenkreis auf, der im Rootsrock gängig ist. Er setzt ihn mit Klavier und Slide atmosphärisch um.

Kiefer Sutherland beweist mit „Bloor Street“ Konstanz. Ihm gelingt erneut ein hörenswertes Album, auf dem er seinen Midtempo-Stücken rockige Töne mitgibt. Die Titel sind zwar dem konventionellen Songwriting verhaftet, dabei variiert er jedoch deren Atmosphäre, sodass keine Langeweile aufkommt. Sutherland unterhält also nicht nur auf der Leinwand sehr gut, sondern auch aus den Lautsprechern.

Mit „Violence Of Action“ und der Serie „The First Lady“ stehen zwei Projekte vor der Veröffentlichung, die Sutherland wieder vor der Kamera zeigen. Zudem soll Ende Januar seine Europatour in England starten und ihn auch nach Deutschland führen.

Cooking Vinyl/Indigo (2022)
Stil: Heartland Rock

Tracks:
01. Bloor Street
02. Going Down
03. Two Stepping In Time
04. So Full Of Love
05. County Jail Gate
06. Goodbye
07. Lean Into Me
08. Chasing The Rain
09. Nothing Left To Say
10. Set Me Free
11. Down The Line

Kiefer Sutherland
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Oktober Promotion

Jacob Bryant – Bar Stool Preacher – CD-Review

Review: Gernot Mangold

Jacob Bryant bringt nach einigen EPs und einem Album von 2019 „Practice What I Preach“ mit „Bar Stool Preacher“ ein durchaus beachtliches neues Album auf den Markt.

Schon früh nach seinem Schulabschluss entschloss er sich den Weg als Musiker einzuschlagen. Dieser wurde durch Schicksalsschläge, wie den frühen Tod seiner Mutter und einer danach folgenden Lebenskrise und einen Herzinfarkt mit gerade einmal 19 Jahren jäh unterbrochen. Wie er selbst beschrieb, war dann Musik machen für ihn, so etwas wie eine Therapie, um wieder auf die Beine zu kommen.

So ist es nicht verwunderlich, dass der Titel des Albums sich in vielen seiner Songs thematisch wie stilistisch wiederfindet. In den Staaten machte er schon auf sich aufmerksam und trat unter anderen auch schon im Ryman Auditorium, dem Countrytempel in Nashville, auf.

Das Album des aus Georgia stammenden Bryant allerdings auf Countrymusik zu reduzieren, kommt zu kurz. Viele Songs sind stilistisch zwar der Sparte zuzuordnen, wie z.B. der Opener „Well Whiskey (Discount Cigarettes)“ mit slidender Gitarre und Steel Guitar, wo man sich gedanklich auch auf einen Barhocker in einem Saloon wiederfinden kann. Ausdrucksvoll ist dabei die klare tiefe Stimme Bryants.

Im weiteren Verlauf begibt sich Bryant, musikalisch gesehen, dann vielfach auf Reisen in den Süden und mischt diversen Songs eine gehörige Portion Southern Rock bei. Ganz stark dabei insbesondere das balladeske „Devil & An Old Six String“ mit klarer Pianountermalung und krachenden Southern-E-Gitarrensolo und das abschließende „Amen“, die aus einem hervorragenden und abwechslungsreichen Longplayer, ohne gefühlte Lückenbüßer, herausragen.

„Bar Stool Preacher“ ist somit ein Werk, was sowohl bei Fans von New Country-Musik, als auch des Southern Rocks Gefallen finden wird und der Schritt sein kann, auch in Deutschland seine Fans zu finden. Wer auf die genannten Musikrichtungen steht, wird mit dem Kauf der Scheibe mit Sicherheit nichts verkehrt machen, wenn er den ‚Barhockergebeten‘ von Bryant lauscht. Ihm ist ein absolut authentisches Album voller Gefühl gelungen.

A1 Records (2022)
Stil: New Country, Southern Rock

Tracklist:
01. Well Whiskey (Discount Cigarettes)
02. The Bottom (Raise ‚Em Up)
03. Can’t Say No To You
04. Baptized By The River
05. Things That Hurt
06. Can’t Take An Angel To Hell
07. Good Ol‘ Boy
08. Devil & An Old Six String
09. Buzzards
10. Ain’t Gonna Happen Today
11. Heartbeat
12. Wash It Down
13. Amen

Jacob Bryant
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Oktober Promotion

Big Llou Johnson – Bigman – CD-Review

Review: Jörg Schneider

„Bigman“ ist das lang erwartete zweite Album von Big Llou Johnson, einem Multitalent des Showbiz. In den Staaten ist Mr. Johnson nicht nur als Singer/Songwriter, sondern auch als Schauspieler, Sprecher, Produzent und Event-Gastgeber erfolgreich. Sein Markenzeichen ist sicherlich seine warme und sonore, an Barry White erinnernde Stimme, zu der Frauenherzen wahrscheinlich reihenweise dahinschmelzen dürften.

Bereits sein erstes Album „They Call Me Big Llou“ wurde mit einem Blues Music Award belohnt und auch sein neuestes Werk „Bigman“ dürfte wohl ähnlich erfolgreich werden. Obwohl es, genau betrachtet gar kein reines Bluesalbum ist. Es enthält zwar viele Blueselemente, insbesondere aus dem Chicagoblues (Chicago ist Big Clou Johnsons’ Heimatstadt), ist aber im Wesentlichen eher eine Mischung aus Soul und Swing. Zudem wecken einige der Songs aufgrund ihrer Instrumentierung und Musikalität Erinnerungen an den großen Frank Sinatra.

Es ist viel ‚brass‘ dabei, in fast allen Songs bilden treibende oder auch ruhige, malende Bläsersätze die Grundlage, oftmals kombiniert mit stimmigen Piano- und Keyboardklängen sowie harmonischen Chorsängerinnen, mal im Hintergrund und auch mal gleichberechtigt.

Der Opener „Lightnin’ Strike“ kommt sofort mit druckvollen Bläsern, Gitarren im Chicagostyle und einem schönen Chorrefrain zur Sache, gefolgt von dem zum Tanzen einladenden und an den MoTown-Sound erinnernden „Big Man“. Gute Laune pur! Bluesig wird es sodann, wenn „Chill On Cold“ ertönt. Der Song beginnt mit einem starken Harp-Intro, zu dem sich noch ein schöner Old-School Keyboard-Soundteppich gesellt. Mit „Let’s Misbehave“ geht es ziemlich moody weiter. Die Piano- und Saxophoneinlagen verleihen dem Stück einen typischen Barsound im Stil von Frank Sinatra. Auch „Chucky Ducky“ stößt in die gleiche Richtung, allerdings mit einigen Gitarrenriffs etwas flotter arrangiert.

Ganz anders der leicht countrymäßig angehauchte Blues „Sunshine On Yo Face“. Hier spielt Big LLou Akustikgitarre im Fingerpickingstil, unterstützt von der Violinistin Anne Harris. Bei „Stuff To Do“ möchte man sich dann nicht mehr ausruhen, der Track geht als beschwingter Boogie, in dem sich Mr. Johnson einen gesanglichen Dialog mit seinem Chor liefert, wieder voll in die Beine. So strapaziert kehrt alsdann mit dem melodischen Slowblues „I Got The Fever“ mit vorherrschendem Piano und Bläsern wieder mehr Ruhe ein, die sich in „Never Got Over Me“, einem verzweifelt klingenden Blues mit Violinenklängen fortsetzt. Schließlich endet die Scheibe, mit viel Bläsern angereichert in dem Midtempo-Chicagoblues „Beezthatwaysometimes“.

Das Album ist also sehr abwechslungsreich und vereint viele Musikstile, weshalb es, wie bereits gesagt, nicht als reines Bluesalbum durchgehen kann. Aber es übt eine starke Faszination aus, nicht zuletzt wegen Big Llou Johnsons’ sonorer Basstimme, die sehr schön mit den Stimmlagen der weiblichen Chorsängerinnen kontrastiert. Für Soul- und Swingfans ist das Album sicherlich ein „Must-Have“, und für Anhänger der reinen Bluesmusik ist es wahrscheinlich zumindest sehr interessant.

Label: GoldenVoice Audio Recordings / Musicale LTD
Stil: Blues, Soul

Tracks:
01. Lightnin’ Strike
02. Big Man
03. Chill On Cold
04. Let’s Misbehave
05. Chucky Ducky
06. Sunshine On Yo Face (feat. Anne Harris)
07. Stuff To Do
08. I Got The Fever
09. Never Get Over Me
10. Beezthatwaysometimes

Big Llou Johnson
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Jamestown Revival – Young Man – CD-Review

Jamestown Revival mit ihrem vierten Album! Die aus Texas stammende Band um das Anführer-Duo Zach Chance und Jonathan Clay führen den Weg, den sie auf dem Vorgängerwerk „San Isabel“ eingeschlagen haben, konsequent fort, allerdings in noch reduzierterer Form. So wurde die E-Gitarre zum Beispiel diesmal völlig ausgeklammert.

Ihre bisherigen, in Eigenregie produzierten, überwiegend hochgelobten Alben, waren aber wegen des unausgewogenen Sounds zum Teil kritisiert worden (stimmt, wie ich meine). Deshalb hat man mit Robert Ellis und Joshua Block erstmals zwei echte Profis an die Reglerknöpfe gelassen und das merkt man in der Tat sofort.

Die dominierenden Instrumente wie Akustik- und Steel-Gitarre, sowie Fiddle (kommt erstmalig bei den Jungs zum Einsatz), die für einen sehr starken Country-Einschlag sorgen, sind hervorragend auf die von Chance und Clay meist im Doppelgesang performten Songs abgestimmt. Dazu gesellen sich, je nach Stimmung der Tracks, Mandoline, Dobro, ein hauchzartes E-Piano, Bass und überwiegend perkussive Klänge als Rhythmusgeber.

„Ich denke wirklich, dass dies ein Album über das Erwachsenwerden und das Einleben in eine Identität ist.“  Es geht darum, seine Identität zu verlieren und danach sie wieder zu suchen. Es ist das Gefühl, als hättest du sie gefunden und dann erkannt, dass es nicht so ist. Und es geht um unsere Erfahrungen aus den letzten 15 Jahren des Musikmachens – die Erfolge und Misserfolge und all diese Dinge miteinander vermischt,“ so Clay zur Intention des neuen Longplayers.

Der herrlich desertmäßig mit hallender, als auch fiepender Steel und mexikanisch anmutender Akustikgitarre in Szene gesetzte Opener „Coyote“ gibt direkt die oft melancholisch und im countryesken Veranda-Stil gehaltene Grundstimmung des nachfolgenden Songmaterials vor.

Viele Lieder wie u. a. das überragende Titellied „Young Man“ erinnern mich aufgrund der tollen, typisch texanischen Vokalharmonien an den Stil der Band Of Heathens, allerdings hier natürlich ohne deren rockigen Charakter (man muss sich aber im Prinzip nur klassische Drums und deren E-Gitarren ‚dazudenken‘). Mein Lieblingstrack ist das zum Entschleunigen animierende „Slow It Down“, das dank der Pedal Steel-Töne sogar mit einen leichten Marshall Tucker Band-Touch daherkommt.

Am Ende erhält man mit „Young Man“ von Jamestown Revival ein tolles atmosphärisches Gesamtwerk, fein eingespielt und mit klasse Texten, das man sehr schön als perfekte Hintergrundmusik zum sommerlichen Barbecue-Abend laufen lassen kann.

Eigenproduktion (2022)
Stil: Country / Americana

Tracks:
01. Coyote
02. Young Man
03. Moving Man
04. Northbound
05. These Days
06. One Step Forward
07. Slow It Down
08. Way It Was
09. Old Man Looking Back
10. Working On Love

Jamestown Revival
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Oktober Promotion

Vanesa Harbek – Visiones – CD-Review

Review: Gernot Mangold

Bisher ist die Argentinierin Vanesa Harbek in der Bluesszene noch als Geheimtipp zu sehen. Vor etwa 5 Jahren entschloss sie sich, ihren Wohnsitz aus Südamerika nach Berlin zu verlegen. Einer der Gründe war nach eigener Aussage, dass es Frauen in ihrer Heimat sehr schwer haben, sich in der dort von Männern dominierten Musik-Szene durchzusetzen.

Ihre Musik auf den Blues zu reduzieren, wird der Protagonistin allerdings nicht gerecht. Vielmehr gelingt es ihr, Elemente von Tango, Samba und Blues miteinander verschmelzen zu lassen. So ist ihr mit dem dritten Studioalbum „Visiones“ ein authentisches Album gelungen, auf dem Harbek sich entschieden hat, sowohl Songs in Englisch wie auch ihrer Muttersprache Spanisch zu singen.

Gefühlvoll, zuweilen melancholisch, öffnet Harbek dem Zuhörer ihr Seelenleben und verarbeitet so auch in „Te Extrano Buenos Aires“ die Sehnsucht nach ihrer weit entfernten Heimat und ihrer Familie, dass man sich beim Zuhören auch in eine südamerikanische Bar versetzt fühlt oder beschreibt das Grauen einer Beziehung in „Hell In Paradise“.

Neben ihrem filigranen Gitarrenspiel mit kurzen Soloparts, setzt die Argentinierin auch gekonnt Akzente, wenn sie die Trompete einbringt. Vermutlich bewusst verzichtet Harbek auf dem Studioalbum auf lange furiose Soli, um die Stimmung des Albums nicht zu zerstören.

Das „Visiones“ für Harbek ein Schritt ins Rampenlicht sein kann, liegt mit Sicherheit auch an der perfekten Produktion und den Begleitmusikern des Albums. Der umtriebige Martin Engelien, erkannte schon vor einiger Zeit ihre musikalische Qualität und begleitete sie auch live auf einer Clubtour.

So lag es nahe, dass Engelien, der das Album produzierte, auch seine Qualität am Bass einbrachte und hochkarätige Begleitmusiker gewinnen konnte. Bernie Bovens zeigt einmal mehr, warum er ein gefragter Studiodrummer ist, Pitti Hecht bringt mit den Percussions einen besonderen Flair und Thomas Hufschmidt sorgt an den Keyboards für eine immense Soundfülle.

Mit „Visiones“ ist Vanesa Harbek ihr bisheriges Meisterstück gelungen, in dem sie, unterstützt von einer starken Begleitband, all ihre musikalischen Fertigkeiten ausspielen kann. So verwundert es nicht, dass auch das Fernsehen auf sie aufmerksam geworden ist und sie mit „Te Extrano Buenos Aires“ einen Song des neuen Werks im Morgenmagazin präsentieren konnte. Damit hat Vanesa Harbek einen wichtigen Schritt gemacht, sich in die Reihe populärer Bluesmusikerinnen einzureihen, sodass es diesbezüglich nicht nur bei einer Vision bleiben soll.

Line up:
Vanesa Harbek (vocals, guitars, tromp)
Martin Engelien (bass)
Thomas Hufschmidt (keys)
Berni Bovens (drums)
Pitti Hecht (percussion)

A1 Records (2022)
Stil: Blues Rock

Tracklist:
01. Positive Day
02. Te Extrano Buenos Aires
03. It’s Crazy
04. Muriendo Un Poco Cada Dia
05. Feeling So Bad
06. Hell In Paradise
07. Tal Vez Manana
08. Trying
09. Vuelvo Al Sur
10. Many Years
11. Nonches De Soledad
12. Boring Says

Vanesa Harbek
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Broken Silence
A1 Records

Der Sounds Of South-Rückblick 2021

Im Prinzip könnte man den Text, den ich im Rückblick zu 2020 geschrieben hatte, mit der Copy- und Paste-Taste fast 1:1 übernehmen. Trotz in Gang kommender Impferei, G-Regeln und Boostern sowie besser werdender Erkenntnisse zur Pandemie, ergab sich im Kulturbereich ein fast identisches Bild.

Clubs und Veranstalter zeigten sich mit den zunehmenden Temperaturen und sinkenden Coronazahlen konzeptionell gut gerüstet und zumindest im Openair-Bereich fing das Konzertleben ein wenig an aufzublühen, auch wenn sich doch nur wenige Acts aus den Staaten über den großen Teich trauten und die Zuschauerzahlen im überschaubaren Bereich blieben.

Für mich der emotionalste Moment war, als sich die Betreiber von Kulturrampe und Schlachtgarten, Pille Peerlings und Kolja Amend, beim letzten zusammen veranstalteten Outdoorkonzert angesichts der zu verkraftenden psychischen Ängste und finanziellen Entbehrungen, herzzerreißend in die Arme fielen (siehe unten auch Bilder von Gernot Mangold), so als wenn, zumindest für diesen Moment, der imaginäre Lastenberg, gerade von den gemeinsamen Schultern gefallen wäre.

Indoor hatten manche Betreiber die Zeit genutzt, um die Clubs aufzuhübschen und hygienemäßig, unter Anpassung an die Impfregeln, den Pandemiebegebenheiten zu trotzen. So gab es auch im Herbst innen wieder einige schöne Gigs ohne erkennbare Coronafälle zu bestaunen.

Doch leider hatte die wie gewohnt mit sich selbst beschäftigte Politik mit ihren hoch dotierten Jobs und gesicherten Pensionen, erneut keine andere Antwort auf die neuen Virus-Varianten und wieder zunehmenden Inzidenzzahlen, als eine Ansammlung von größeren Personenzahlen geimpft, getestet ober beides, wie auch immer, zu verbieten und dem kulturellen Leben einen erneuten Riegel vorzuschieben.

Und so nimmt die Ungewissheit  und Existenzangst für alle Beteiligten einen weiteren Anlauf ins neue Jahr. Man kann nur hoffen, dass endlich mal Antworten darauf gefunden werden, wie ein normales und kalkulierbares  Leben mit dem Virus wieder in Gang gebracht werden kann.

Es gab allerdings auch etwas Positives aus unserer Sicht zu vermelden. Wenn ein absoluter Superstar in den Staaten wie Jason Aldean (hier vielleicht eher durch das Maschinengewehr-Attentat in Las Vegas bei einem Countryfestival auf die Besucher bekannt), sich die Zeit nimmt, für das Geleistete in unserem Magazin, was seine Person betrifft, persönlich in einer Video-Botschaft zu bedanken, ist das schon was Besonderes. Das sind halt dann u. a. die Dinge, die einen motivieren, dieses Nonprofit-Medium abseits der existenziellen und familiären Verpflichtungen weiterzuführen.

Bedanken möchte ich mich auch bei unserem kleinen Team, das wie gewohnt, die anfallende Arbeit zuverlässig geschultert hat und unseren Lesern sicherlich zu dem einen oder anderen Musiktipp verholfen hat.

Hier aber nun, wie gewohnt, nochmal eine kleine Auswahl meiner ganz persönlichen Highlights des Jahres 2021:

CD des Jahres:

Morgan Wallen – Dangerous
Eric Church – Heart & Soul
Robert Jon & The Wreck – Shine A Light On Me Brother

Überraschungs-CD des Jahres:

Ericson Holt – 99 Degrees

Newcomer-CD des Jahres:

Buckskin Whiskey – Roll On

DVD des Jahres:

Toto – With A Little Help From My Friends

Interpret des Jahres:

Robert Jon & The Wreck

Unsere Southern Rock-Lieblinge aus Kalifornien trotzten der Pandemie, glänzten mit einer saustarken neuen CD und zwei furiosen Auftritten in Köln und Krefeld

Song des Jahres:

Open Line – Travis Tritt

Diese Songs machten beim Reviewen ebenfalls Spaß:

Give It My Best – Red Beard
99 Degrees – Ericson Holt
Stubborn Pride – Zac Brown Band (feat. Marcus King)
Roll On – Buckskin Whiskey
Heart On Fire – Eric Church
Only Thing That’s Gone – Morgan Wallen (feat. Chris Stapleton)
Can’t Deal – The Vegabonds
Story For Another Glass – Jason Aldean
Ain’t The Same – Blackberry Smoke
Liquid Courage – Alligator Jackson
Liability – Carly Pearce
Savior’s Face – Jonathon Long
I Was On A Boat That Day – Old Dominion
In Waves – Lady A
You Ain’t A Cowboy – Lauren Alaina
Midnight Oil – Heigh Chief.

April-Scherz:

AC/DC – Deep South – Highway To Nashville

Enttäuschung des Jahres:

Erneut die Bundesregierung (alt und neu) und ihr kulturelles Corona-Management

Konzerte:

Konzert des Jahres:

Samantha Martin & Delta Sugar, 05.11.2021, Kulturrampe, Krefeld

Robert Jon & The Wreck, 29.09.2021, Schlachtgarten, Krefeld

Thorbjørn Risager & The Black Tornado – 17.09.2021, Schwarzer Adler, Rheinberg

Bilder Gernot Mangold:


Bilder Michael Segets:

Irgendwann 2017 kam die Idee auf, unser Logo mal als Schild herstellen zu lassen und eine Galerie von Künstlern/Leuten ins Leben zu rufen, die von unserer Arbeit angetan sind und sich, im Sinne einer Identifikation mit unserem Magazin, ablichten ließen. Hier ein Auszug von 2021 –  die ganze Galerie findet man unter diesem Link.

Bilder Sounds Of South VIP-Galerie 2021:

To be continued…

Wir wünschen unseren Lesern, allen Musikfreunden, Künstlern und Mediapartnern ein gesundes und besseres neues Jahr 2022! Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass gute Musik auch weiterhin am Leben bleibt.

Sounds Of South is gonna do it again!

Euer

Daniel Daus

Mick Clarke – Relentless Boogie – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Mick Clarke (*1950) ist bereits seit seinen Teenagerzeiten als Gitarrist unterwegs, gründete erfolgreich zwei eigene Bands (Killing Floor und Salt), hat aber erst seit 1984 eigene Solo-Alben veröffentlicht. Sein neues Werk „Relentless Boogie“ ist nun seine 23. Scheibe in dieser Reihe.

In seiner langjährigen Musikerlaufbahn kann er außerdem auf Kooperationen mit zahlreichen Größen des Musik-Biz zurückblicken, darunter u. a. Captain Beefheart, Howlin‘ Wolf, The Nice, Rory Gallagher, Johnny Winter und Joe Bonamassa. Und so benennt als musikalische Einflüsse auch Musiker und Bands wie Peter Green, Cream, Jeff Beck, Freddie King und Muddy Waters.

„Relentless Boogie“ bietet 13 Tracks, wovon sechs Songs Eigenkompositionen sind („Settle On It“, „Break It Down“, „Cruise Control“, „Blues Fit Me“, „Black Crow Fly“ und „Rollin‘ On“). Bei den übrigen Titeln handelt es sich um Interpretationen verschiedener Bluesklassiker. Und nebenbei bemerkt spielt Mick Clarke sämtliche Instrumente auf seiner neuen Scheibe ausnahmslos selbst.

Die Scheibe startet mit dem Elmore James-Klassiker „Cry For Me“, ein Kracher, der mächtig in die Beine geht. Auch die beiden folgenden Stücke stehen dem Opener in nichts nach. „Settle On It“ ist zwar etwas gemächlicher, besticht aber durch einen gewaltigen, den Rhythmus vorgebenden Bass und „Break It Down“ kommt wieder als flotter Boogie daher.

Mit „Hi-Heel Sneakers“ und „Nothin‘ In Ramblin‘“ liefert Mick Clarke zwei weitere Interpretationen klassischer Bluesnummern ab. Bei dem ersten Song (ursprünglich von Tommy Tucker aus dem Jahre 1963), seinerzeit ein gemütlicher Blues im typischen 12-Takt-Schema, fällt es bei Clarkes Coverversion richtig schwer, die Füße Stil zu halten.
Etwas beschaulicher ist dafür „Nothin‘ In Ramblin‘“, im Gegensatz zu Memphis Minnies Original, von Clarke aber im Chicagostil arrangiert.

Ein leichtes Country-Feeling stellt sich bei dem anschließenden, melodiösen Instrumental „Cruise Control“ ein. Mit „Little By Little“ (Junior Wells, 1960) gibt‘s dann wieder einen ruhig stampfenden Bluescover mit typischem Pianogeklimper im Hintergrund auf die Ohren, gefolgt von „Blues Fit Me“, ein schwerer Bluesrock Shuffle mit dröhnender Basslinie.

Die Älteren unter uns werden sicherlich auch noch die Bluesrocker Ten Years „After kennen und dürften deshalb bei „Diamond Ring“ so richtig ins Schwelgen geraten, nicht nur weil das Intro frappierend an deren Hit „Good Morning Little School Girl“ erinnert.

Auch der Bo Diddley-Klassiker aus dem Jahre 1956 „Who Do You Love“, der schon von George Thorogood, den Doors, Quicksilver Messenger Service, Juicy Lucy, UFO und anderen gecovert wurde, wird die Herzen eingefleischter Bluesrocker bestimmt höher schlagen lassen. Zur Abwechslung liefert dann das schöne Oldschool-Stück „Down The Road Apiece“ (bereits 1940 von Don Ray geschrieben) wieder astreinen Boogie-Woogie-Sound.


Schließlich endet die CD mit zwei weiteren Eigenkompositionen. „Black Crow Fly“ klingt recht laid back und das schnelle „Rollin’ On“ weckt mit seinen hier und da eingestreuten melodiösen Sequenzen, Erinnerungen Rory Gallaghers Gitarrenstil.

Mit „Relentless Boogie“ (eine Hommage an John Lee Hookers „Endless Boogie“) ist Mick Clarke eine verdammt gute Blues Rock-Scheibe gelungen, die höchst wahrscheinlich auch dem größten Tanzmuffel kräftig Feuer unter dem Hintern machen dürfte. Wenn das Sprichwort „nomen est omen“ zutrifft, dann auf diese Scheibe, schonungsloser Boogie eben.

Leider habe ich Mick Clarke trotz seiner erfolgreichen Karriere bislang nicht auf dem Radar gehabt. Das hat sich nun geändert und ich empfehle die Scheibe wirklich jedem Blues Rock-Fan aufs Dringlichste.

Label: BGO Records (CD) & Rockfold Records (online)
Stil: Boogie, Blues Rock

Tracks:
01. Cry For Me
02. Settle On It
03. Break It Down
04. Hi-Heel Sneakers
05. Nothin‘ in Ramblin‘
06. Cruise Control
07. Little by Little
08. Blues Fit Me
09. Diamond Ring
10. Who Do You Love
11. Down The Road Apiece
12. Black Crow Fly
13. Rollin‘ On

Mick Clarke
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Sean Webster Band – Three Nights Live – CD-Review

Im Anschreiben der betreuenden Agentur zu Sean Websters zu besprechendem Live-Album heißt es: Ich bin mir sicher, auch du kennst das: Da steht eine Band auf der Bühne, von der du zuvor nie etwas gehört hast, dich aber schon mit den ersten Tönen abholt und direkt mitnimmt. Ein magischer Moment mit Gänsehaut-Feeling.

Und in der Tat verhielt es sich bei mir in Sachen Sean Webster zwar ähnlich, aber etwas anders: Nach einem der Gigs  im Leverkusener topos (ich weiß nicht mehr welcher)  lief seine CD „Leave Your Heart At The Door“ und ich hatte mich sofort in seinen Song „Wait Another Day“ (hier leider nicht vertreten) verliebt. Auf Nachfrage bei topos-Macher Klemens Kübber, wer denn da gerade lief, folgte die Auflösung und die sofortige Einladung zur 39. Riverboat-Shuffle auf der MS Eureka, wo die Sean Webster Band auftreten würde.

Das ließen wir uns natürlich nicht nehmen und erlebten im Prinzip auf dieser Schifffahrt schon das hautnah, was auch diese schöne CD, die an drei seiner Lieblingsspielorte in England aufgenommen wurde, exzellent wiedergibt. Zudem erwiesen sich der Protagonist und seine Bandkollegen dort bei einem Gespräch als äußerst sympathische und umgängliche Personen.

„Three Nights Live“ bietet gut Eineinviertelstunde bärenstarken Blues Rock britischer Herkunft. Webster punktet sowohl mit seiner unglaublichen Reibeisenstimme, die eine starke Portion an Soul aufweist, als auch mit melodischem Songwriting und seinem gefühlvollen Les Paul-E-Gitarrenspiel. Es gelingt ihm und seiner Band, die meist ruhigen Stücke sehr atmosphärisch in Szene zu setzen und tolle Soli zu integrieren, die trotz einer gewissen Länge nie überladen wirken. Orgeleinlagen und kräftiger werdendes Drumming sind dann weitere probate Mittel, die  Intensität des Ganzen phasenweise zu verstärken.

Rocken und Grooven kann er aber auch, wie er es dann u. a. bei Tracks wie „Hands Of Time“, „Highway Man“ oder dem abschließenden „You Got To Know“ offenbart.

Dazu hat er ein klasse ‚Händchen‘, was die Neuinterpretation von Coversongs betrifft. Hier liefert er mit John Mayers „Slow Dancing In A Burning Room“ und Keith Urbans „‚Til The Summer Comes Around“, zwei Killersongs, die den eh schon starken Originalen auf absoluter Augenhöhe begegnen.

Wer die Sean Webster Band noch nicht kennen sollte, dem sei angeraten, sich zeitnah mit ihr zu beschäftigen. „Three Nights Live“ bietet hier eine gute Zusammenfassung, aber auch seine Studiowerke sollten dabei auf keinen Fall außer Acht gelassen werden. Webster zählt jedenfalls in meinem persönlichen Ranking mit Danny Bryant, Ben Poole, King King und Lawrence Jones zu den Top-5 der britischen Blues Rocker, die man noch für faires Geld in den hiesigen Clubs antreffen kann.

Band:
Sean Webster – lead vocals, electric guitar
Ruud Gielen – drums, bgv
Hilbrand Bos – keys, bgv
Floris Poesse – bass, bgv

Inakustik (2020)
Stil: Blues Rock

Tracklist:
01. Give Me The Truth
02. Hands Of Time
03. Slow Dancing In A Burning Room
04. Heart Still Bleeds
05. Hear Me Now
06. Don’t Feel The Same
07. The Mayor
08. ‚Til The Summer Comes Around
09. Highway Man
10. You Got To Know

Sean Webster Band
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Beyond The Badlands – The Black Hills Album – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Die Motivation der US-Band „Beyond The Badlands“ ihr LP-Debut „The Black Hills Album“ aufzulegen, wird in der Info Description in zwei kurzen Sätzen adressiert: Die Musik sei ausgerichtet auf Motorradfahren und die Unterstützung des Militärs, wer davon eine Sache befürwortet, sei an der richtigen Stelle!

Diese Ambitionen der Southern-Rock Newcomer als willkommene Einladung zu verstehen, erfordert einen ungewöhnlich großen Toleranzrahmen oder eine konservativ-traditionelle, gesellschaftliche Wertevorstellung, um sich nicht durch den Info-Hinweis sofort abschrecken zu lassen.

Die im Jahr 2019 gegründete Formation stützt ihre musikalischen Ausrichtung auf große Namen (u. a. ZZ Top, Lynyrd Skynyrd, Shinedown) und bietet mit 9 Eigenkompositionen und einem Coversong das „Black Hills Album“ auf, welches von den einzelnen Bandmitgliedern an jeweils unterschiedlichen Orten und in getrennten Studio-Sessions eingespielt wurde.

Musikalisch passen die Recordings alle in die weit gefasste Southern, Classic-Rock und Blues Kategorie, wobei die Eröffnungsnummer „Rock Hard“ bereits als Southern-Hymne glänzt und dem Longplayer von Anfang an das notwendige Rock-Profil verschafft. Der folgende Track „Black Hills“ beschreibt den ausgiebigen Motorcycle-Trip durch die heiligen Hügel der Lakota-Sioux wie eine Art Gitarren-rockendes Road-Movie, obwohl das symbolträchtige Skull-Warbonnet-Abbild auf dem Album-Cover wenig Überschneidungen mit den Wertevorstellungen der musikalischen Protagonisten haben dürfte.

Mit Südstaaten-mäßigen Guitar-Riffs folgt anschließend das Blues-Rock-Stück „Soldier“. Ein zwiespältiges Kriegsheldenepos, das im YouTube-Video durch Ausschnitte von Kampfszenen realitätsnah verstärkt wird und mit patriotischen Trauerbildern versehen ist – ein intensiver Veteranen-Support-Track mit extended Slide-Work aber einseitigem Beigeschmack.

Die vom Keyboard-Intro getriebene Classic-Rock Version des Stones-Covers „Gimme Shelter“ ragt demgegenüber aus den weiteren Aufnahmen heraus. Stark im Texas-Blues beheimatet ist „Make You Move“, mit einer gewissen Orientierung an den Rhythmus Elementen einschlägiger ZZ Top-Erfolge. Das straighte „Unbroken“ bildet mit dem akustischem Abschlusstitel „Good Times And Friends“ immerhin einen versöhnlichen Ausklang des Debuts.

Das Erstlingswerk „The Black Hill Album“ von Beyond The Badlands hinterlässt im stark besetzten US-Southern-Rock-Blues-Genre ein Ausrufezeichen, das mit gemischten Gefühlen und erheblichen Vorbehalten aufgenommen werden muss. Als weiteres Release stellt die Gruppe eine Blues-EP in Aussicht.

Independent (2021)
Stil: Southern Classic Rock Blues

Tracks:
01. Rock Hard
02. Black Hills
03. Soldier
04. Switching Gears
05. Gimme Shelter
06. Gypsy
07. Secrets
08. Make Your Move
09. Unbroken
10. Good Times & Friends

Beyond The Badlands
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Neil Young & Crazy Horse – Barn – CD-Review

Review: Gernot Mangold

Für das neue Album „Barn“ hat Neil Young seine langjährigen Weggefährten von Crazy Horse eingefangen. Wenn man bedenkt, dass Young 1969, also vor 52 Jahren erstmals mit der Band auftrat, wird einem vor Augen geführt, wie lange die Karriere des kanadischen Amerikaners mittlerweile andauert.

Wie schon das Debütalbum erscheint das aktuelle Werk bei Reprise Records und auch seine Begleitband Crazy Horse umweht noch das Flair der Anfangszeiten. Dass Nils Lofgren dabei den langjährigen Gitarristen Frank „Poncho“ Sampedro, der gesundheitlich bedingt nicht mehr dabei ist, ersetzt, passt ins Bild, da dieser zu Anfangszeiten auch bei Crazy Horse aktiv war.

Passend zur rohen lyrischen Schönheit der Songs wurde das Album in einer restaurierten Scheune in den Rocky Mountains aufgenommen. Genau an einen solchen Ort fühlt man sich auch versetzt, wenn die ersten Töne von „Song Of The Season“ erklingen. Mundharmonika, akustische Gitarren und ein Akkordeon untermalen den Song passend zu Neil Youngs Stimme, zuweilen mit schönen Harmoniegesängen seiner Mitstreiter, wie zu Zeiten, als Neil Young den „Sugar Mountain“ besang.

Was danach folgt, ist wie eine Zeitreise durch die Karriere von Neil Young zusammen mit Crazy Horse. Im rauen „Heading West“ zeigt Young sein rockiges Gesicht, welches sein Schaffen in vielen Phasen seit des legendären „Zuma“- Albums, insbesondere mit Crazy Horse prägte. Schön hier das Piano, das dem Song eine gewisse Milde verleiht.

Stilistisch ähnlich, das fast klagend vorgetragene „Canerican“ mit schönen Harmoniegesängen, wo er Veränderungen in seiner Heimat besingt. In diesem Stück wird einem im kurzen abschließenden Gitarrensolo auch klar, warum Neil Young von manchen als Vorreiter des Grunge gesehen wurde.

Songs wie „Change Ain`t“ und „Shape Of You“ führen den Zuhörer noch einmal in die folkige bluesangehauchte Frühphase Youngs, mit seinem charakteristischen Mundharmonikaspiel, wie auch das verträumt melancholische „They Might Be Lost“, das auch nahtlos auf „Harvest Moon“ gepasst hätte.

Richtig losgelassen wird Crazy Horse dann bei „Human Race“ mit harten verzerrten Gitarren und einem für Young typischen Gitarrensolo, in dem Young kritisch den Umgang der Menschen mit der Welt reflektiert. Im ruhigen, prägend vom Piano begleiteten „Thumblin` Trough The Years“ scheint Young zu beschreiben, wie er zuweilen durch die Jahre getaumelt ist, um mit „Welcome Back“ seine psychedelische Seite, besonders in der zweiten Songhälfte, zu zeigen.

Dabei ist die Struktur des Stückes, wie auch das Gitarrenspiel eher ruhig, aber dennoch unverkennbar im typischen Crazy Horse-Stil. Durchaus geschickt, legt Young zum Abschluss des Albums noch eine wichtige Botschaft nach. Im ruhigen folkigen „Don`t Forget Love“ weist er noch einmal darauf hin, was gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit nicht vergessen werden sollte.

Mit „Barn“ ist es Neil Young, zusammen mit seiner großen musikalischen Liebe Crazy Horse gelungen, noch einmal ein Ausrufezeichen zu setzen und zu beweisen, dass weder bei ihm noch bei seinen Mitstreitern der Rost angesetzt hat. Interessant an dem Album ist auch, dass es der Protagonist mit der Songauswahl schafft, viele seiner Stile der letzten über 50 Jahre miteinander zu verknüpfen und so sowohl die Fans aus der Hippiezeit, wie auch aus der rauen Zeit mit dem Wilden Pferd, bestens zu bedienen.

Band:
Neil Young: guitar, piano, harmonica, vocals
Billy Talbot: bass, vocals
Ralph Molina: drums, vocals
Nils Lofgren: guitar, piano, accordion, vocals

Reprise Records/Warner Music (2021)
Stil: Rock

Tracks:
01. Song Of The Season
02. Heading West
03. Change Ain`t Never Gonna
04. Camerican
05. Shape Of You
06. They Might Be Lost
07. Human Race
08. Thumblin` Trough The Years
09. Welcome Back
10. Don`t Forget Love

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